Der Heini stand ganz oben auf der Bühne, sah zu einem kleinen Guckfenster hinaus und seufzte. Man hätte sich ein wenig wundern können, daß er seufzte, denn er sah gar nicht aus, als ob ihm etwas fehle. Er hatte dicke rote Backen und war stark und gesund. Und dazu steckte er in einem nagelneuen, blau und weiß gestreiften Anzug und neben ihm auf einer Kiste lag ein mächtig großes Butterbrot. Der kleine Eseltreiber, der unten am Haus vorbeizog, wäre glücklich gewesen, wenn er es gehabt hätte. Aber der Heini war noch eher geneigt, den Eseltreiber zu beneiden, als daß er sich selbst beneidenswert vorgekommen wäre. Denn der Hansjörg konnte doch mit seinem Esel nach Herzenslust die schönen Wälder durchstreifen und kam auf all die hohen Berge, die der Heini nur von unten ansehen durfte, und keine ängstliche Tante rief den ganzen Tag hinter ihm drein: »Heini, geh mir ja nicht zu weit! Heini, iß nur ja keine Beeren im Wald! Falle mir nur ja nicht an der Ruine hinunter!«
So arg, wie sich das der Heini nun ausdachte, war es in Wirklichkeit auch nicht. Er steigerte sich nur jetzt unmutig in den Gedanken hinein, daß er zu bedauern sei, und wenn man das tut, so vergißt man dann ganz, wie viel Gutes und Schönes man hat.
Heini war seit vierzehn Tagen hier in einem wunderschön gelegenen Luftkurort im Schwarzwald. Seine Tante hatte ihn mitgenommen und er sollte die ganze lange Sommervakanz hier zubringen dürfen. Sein Name stand gedruckt in der Fremdenliste: Heinrich Speidel aus Stuttgart. Und Heini hatte die Liste mit Stolz an seinen besten Kameraden nach Hause geschickt und fühlte sich sehr als Badegast. Dazu bewohnte er ein kleines Stübchen ganz allein und konnte darin treiben, was er nur wollte. Zu Hause teilte er das Zimmer mit den beiden jüngeren Brüdern, und ein eigenes Kämmerchen war schon lang seine Sehnsucht. Daheim hatte man vom Fenster aus nur den Metzgerladen gegenüber gesehen, hier brauchte Heini nur im Bett die Augen zu öffnen, um dann schon die prächtigen, bewaldeten Vorberge des Blauen zu sehen, auf denen zum Teil noch Ruinen alter Ritterburgen waren. Diese Aussicht war wirklich etwas sehr Erfreuliches; wäre sie nur nicht gar so verlockend gewesen! Den Heini trieb Tag und Nacht das Verlangen, einmal selbst auf diesen Gipfeln zu sein, in dem alten Gemäuer umherzustreichen und dann vielleicht wunderbare Entdeckungen zu machen. Aber die Tante hatte ihn bis jetzt immer auf später vertröstet. Sie war ein wenig leidend und sollte in den ersten Wochen ihres Aufenthalts nicht so große Wege machen. Und sie wollte den achtjährigen Buben durchaus nicht, wie er sich so stürmisch wünschte, allein oder auch nur mit ein paar Kameraden ausziehen lassen, die nicht viel älter waren als er selbst.
Heute waren drei der hier gewonnenen Freunde zusammen nach dem Neuenfels gewandert, einer bewaldeten Bergkuppe, auf der sich eine besonders weitläufige, guterhaltene Ruine befand. Und sie waren für den ganzen Tag ausgezogen, mit kaltem Mittagessen in den Tornistern! Heini hatte flehentlich gebeten, mitzudürfen, umsonst. »Die hiesige Ruine ist noch viel schöner,« hatte die Tante gesagt. »Und du hast dir noch nicht die Hälfte von all den wunderschönen Wegen, Sitz- und Spielplätzen angesehen, die es rings um den Ort her gibt!« Dabei war sie geblieben, trotz allen Aufwands an Bitten und Tränen und zornigem Fußstampfen, den der Heini veranstaltet hatte.
Das war der Schmerz, der den Heini so tief aufseufzen ließ an seinem Guckloch auf der Bühne. Er hatte, soweit man von hier aus konnte, den Weg seiner Freunde mit den Augen verfolgt und dabei düstere Gedanken ausgebrütet. Er wollte doch noch auf den Neuenfels kommen! Auch ohne die Tante! Er war kein solches Wickelkindchen mehr, das man immer an der Hand führen mußte!
Dabei war er gerade, als Fräulein Jettchen auf die Bühne kam, eine der drei alten Schwestern, denen die Fremdenpension gehörte. Fräulein Jettchen war sonst eine sehr gute Freundin von Heini. Sie besorgte die Küche und es verging nicht leicht ein Tag, wo sie das Büblein nicht heranrief: »Komm, komm, Kleiner, da hast du ein warmes Flädchen! Guck einmal, Heini, da habe ich nun gerade noch so ein kleines Lebküchlein gefunden, das mußt du haben!« Sie hatte eine humoristische Art und alle drei Schwestern hatten die Kinder lieb und der Heini konnte es bei ihnen so gut haben, wie er sich nur denken konnte.
Jetzt war Fräulein Jettchen hoch erstaunt, den Wildfang Heini einsam da oben zu finden. Er war sonst fast nur bei den Mahlzeiten im Hause und hatte so viele Kameraden, daß er sie kaum aufzählen konnte.
»Ja, was in aller Welt hat denn das Büblein da oben zu schaffen? Und gar kein vergnügtes Gesicht? Und das Vesperbrot noch unberührt?« Fräulein Jettchen setzte ihren Korb mit Dörrbohnen ab und trat zu Heini heran. Der biß sich fest auf die Unterlippe und sah angelegentlich vor sich hin. Er konnte nicht gut sagen, was er soeben gedacht hatte.
»Unzufrieden? Ei, ei, ei!« Nun mußte das alte Fräulein sehr bedenklich den Kopf schütteln.
»Wenn man's so gut hat, wie du! So eine schöne Vakanzzeit und eine so liebe Tante, die einem so viel Freude macht!«
»Ja, aber auf den Neuenfels hat sie mich nicht mitgelassen,« murrte Heini, »die andern Buben lachen mich aus! Ich hätte gut so weit laufen können! Und ich gehe doch auch noch hin, ich bin auch nicht mehr so klein!«
Fräulein Jettchen hatte sich auf einen Koffer gesetzt und sah sehr feierlich aus. Manche Leute sagten, sie habe manchmal eine Stimme wie ein Pfarrer, und das hatte sie jetzt auch, als sie warnend den Finger aufhob und sagte:
»Kind, Kind, paß wohl auf, daß du dich nicht verläufst! Wenn die Schäflein gar nicht mehr wissen, wie gut sie es auf der Weide haben und wollen's immer noch besser finden, dann verirren sie sich und der Schäfer muß den Hund hinter ihnen drein jagen. Und manchmal sind sie dann so weit von der Herde weg, daß man sie gar nimmer findet, und dann möchten sie wohl wieder gehorsam und zufrieden auf der Weide sein, wenn sie nur wieder könnten.«
»Ich bin kein Schaf,« sagte Heini trutzig, »und verirren tue ich mich auch nicht, ich finde den Weg schon!«
»Du hast dich schon ein bißchen verirrt, Büblein,« sagte Fräulein Jettchen liebreich, »du bist trutzig und eigensinnig und weißt schon gar nicht mehr recht, wie gut du es hast. Komm jetzt mit mir, Heini, komm! Wir wollen es der Tante gar nicht sagen, daß du unartig gewesen bist, es würde sie betrüben, sie ist schon so gar nicht wohl! Wer weiß, wenn du jetzt fröhlich und dankbar bist, dann freut sie sich so, daß sie ganz bald mit dir auf die hohen Berge kann, und dann kannst du dich ganz anders freuen!«
Damit faßte das alte Fräulein den Trotzkopf Heini bei der Hand und stieg mit ihm die Treppe hinunter.
»Was denken Sie, Herr Doktor, könnte ich nicht morgen eine Fahrt nach dem Blauen machen? Es ist mir nicht um mich, ich könnte schon noch warten mit solchen Ausflügen. Aber mein kleiner Neffe brennt so sehr darauf, ein bißchen in die Umgegend zu kommen! Es ist noch ein kleiner Kerl, aber ein fester, stämmiger Bursch, und ich möchte gern, daß er mit recht viel Freude an diese Zeit hier zurückdenkt!«
Tante Julie saß in einem Korbstuhl an der sonnigsten Stelle des Gartens und sah erwartungsvoll den alten Doktor an, der im Vorübergehen ein kleines Gespräch mit ihr angefangen hatte. Doktor Stieler schüttelte ein klein wenig den Kopf. »Es wäre mir lieber gewesen, wenn Sie noch eine Woche gewartet hätten,« sagte er dann. »Die Ruhe scheint Ihnen so gut zu bekommen.«
»Meines Bruders Geburtstag ist morgen,« fuhr die Tante fort, »der wird zu Hause auch festlich begangen. Aber freilich, wir wollen ja nicht unvernünftig sein!« — Der Doktor sah zuerst prüfend den Himmel und dann seine Patientin an. »Wenn sehr schönes Wetter ist und Sie eine gute Nacht haben, so will ich denn auf morgen nichts dagegen einwenden,« war seine Antwort. Und freundlich grüßend schritt der Doktor weiter.
Tante Julie saß noch ein Weilchen ruhig in dem warmen Sonnenschein und überlegte sich ihren Plan auf morgen.
Sie wollte noch eine Bekannte zu der Fahrt einladen, die mit ihrem eigenen kleinen Jungen, einem schmächtigen, zarten Kind in Heinis Alter, ebenfalls zur Kur hier war. Und dann wollte sie einen Esel dazu bestellen, den Liebling aller jugendlichen Gäste, »Lips«, samt seinem sonnverbrannten Führer, Hansjörg. Da konnten dann die kleinen Buben abwechselnd daneben herreiten, und Tante Julie lächelte vergnügt vor sich hin, wenn sie sich Heinis Jubel vorstellte. Eselreiten! das war auch einer der sehnsüchtig erstrebten Genüsse!
Wo der Junge nur steckte? Er hatte sich seit dem abgeschlagenen »Sturm auf den Neuenfels« nicht mehr sehen lassen! Es tat der Tante aber keinen Augenblick leid, daß sie nicht nachgegeben hatte. Im Gegenteil! Heute wollte sie den Heini ganz ruhig seinem Trotzkopf überlassen und dann morgen, ehe sie ihm die große Freude verkündete, ein paar ernsthafte Worte mit ihm reden. Tante Julie verstand sehr gut mit Kindern umzugehen und Heinis Neigung zum Eigensinn war ihr gar nichts Neues. »Es wird schon noch eine Weile dauern, bis er einsieht, daß man nicht mit dem Kopf durch die Wand kann,« dachte sie. Dann stand sie auf und ging ins Haus.
Inzwischen hatte sich der Heini langweilig vor dem Haus umhergetrieben. Er hätte Erlaubnis gehabt, auf den Spielplatz im Kurpark zu gehen, wo es immer viele Unterhaltung gab. Oder er hätte die Tante gut um Erlaubnis fragen können, ob er mit dem Kutscher Ernst ins Heu fahren dürfe. Das hätte sie gern gestattet. Aber es gefiel ihm besser, sich auszudenken, wie hart die Tante sei und wie schlecht er es habe. Und dann dachte er sich noch etwas anderes aus. Der Hansjörg war dem Heini einmal vor kurzem begegnet, als er gleich nach dem Frühstück mit der Tante in den Wald ging. »Woher kommst du schon so bald?« hatte damals die Tante gefragt, die mit allen Leuten gern ein freundliches Wort sprach. Der Hansjörg hatte staubige Füße gehabt und gesagt: »Vom Neuenfels.« »Ist's möglich?« hatte sich Tante Julie gewundert, »da mußt du ja vor Tag aufgestanden sein?« »Vor Tag nicht. Um drei Uhr ist's schon fast hell und ich bin erst um vier Uhr fortgegangen,« sagte der Hansjörg. »Es ist ein Fräulein auf dem Esel hinaufgeritten, das will nachher zu Fuß heimgehen. Und ich muß jetzt gleich mit dem ›Lips‹ auf den ›alten Mann‹!« Damit war der Eseltreiber wichtig weitergeschritten, denn das Geschäft blühte jetzt.
Daran dachte der Heini, als er sich jetzt so allein herumtrieb. Er konnte so gut wie der Eseltreiber, der noch den störrigen »Lips« zu besorgen hatte, in aller Morgenfrühe die Wanderung unternehmen und wieder da sein, ehe man ihn vermißte. Die Tante stand manchmal sehr spät auf, und das tat sie vielleicht morgen auch. Die Richtung, die man einzuschlagen hatte, kannte der Heini gut, und dann sah man ja auch die Ruine immer vor Augen und konnte sich gewiß nicht verirren. Er kam immer mehr in seinen Plan hinein und saß, gegen seine Gewohnheit, eine ganze Weile still auf der Hausstaffel, um sich alles genau auszudenken.
Zwar dem Vater hatte er versprochen, der Tante in allen Stücken zu gehorchen. »Aber ich glaube sicher, der Vater hätte mich mitgelassen,« beschwichtigte der Heini sein mahnendes Gewissen; »und dann, ich bin ja schon wieder da, wenn die Tante aufwacht! Warum ist sie auch so ängstlich und erlaubt einem gar nichts!« Und Heini beschloß, nicht mehr auf die unangenehmen Stimmen zu hören und sich »wie andere Buben auch« auf die Wanderung zu freuen. »Und der Papa kann's erst noch leiden, wenn man kein so Hasenfuß ist! Und ich will auch keiner sein!« — Damit schloß der Heini seine Selbstbetrachtung. Fräulein Jettchen rief eben zum Abendessen.
Es war ein strahlend sonniger Morgen. Heini glaubte, als er erwachte, noch ganz unerhört früh daran zu sein und staunte höchlich, daß andere Leute auch schon wach waren. Auf der Wiese, die sich hinter dem Haus hinaufzog, saß der Taglöhner Friedrich und dengelte seine Sense; er hatte schon ein großes Stück gemäht. Und im Hof hörte der Heini das Küchenmädchen am Pumpbrunnen. Leise, um die Tante nicht zu wecken, schlüpfte Heini in seine Kleider und schlich sich zur Tür hinaus, die er nur anlehnte. Tante Julie schlief nämlich im Zimmer daneben und sagte oft, daß sie einen sehr leichten Schlaf habe und gut höre, was um sie her vorgehe.
Merkwürdig, es zog den Heini jetzt am Morgen nicht mehr halb so sehr, wie am Tag zuvor, nach dem ersehnten Neuenfels. Und einen Augenblick besann er sich, ob er nicht lieber dableiben wolle. Es war doch auch sehr hübsch in der Nähe. Und das Frühstück im Garten und die Trompetermusik im Kurpark, das war doch auch beides ein Genuß! Aber dann regte sich der böse Trotz wieder. »Ich will aber,« sagte Heini halblaut und schlüpfte zu der angelehnten Haustüre hinaus.
Da lag die Straße vor ihm im hellen Morgensonnenschein. An allen Gräslein und Büschen und Bäumen hingen noch die schimmernden, glitzernden Tautropfen und an den Bergen wogten noch die Morgennebel hin und her, wie weiße Schleier. Und gerade vor dem Heini, hell beschienen, weiß glänzend, stand der Neuenfels, dessen Steinmassen und Mauerstücke aus dem grünen Wald förmlich herausleuchteten. Es sah aus, als ob er ganz nah da wäre. »O, ich kann noch zum Frühstück wieder da sein,« dachte Heini und fing an zu rennen. Er wollte sich die Sache absolut nicht gereuen lassen.
Die weiße, staubige Landstraße, mit frisch gemähten Wiesen zu beiden Seiten, lag hinter dem kleinen Wandersmann. Er trat jetzt in den dämmerigen, kühlen Wald ein, den er auf dieser Seite noch nie betreten hatte. »Fehlen kann man da nicht,« dachte Heini, »die Straße geht ja ganz gleich weiter und der nette kleine Fußweg läuft gerade daneben her, und der ist ganz weich und moosig.« Er schlug jetzt diesen ein, man konnte so schnell gehen auf dem weichen Teppich.
Es war ganz still im Wald, nur hie und da huschte ein Eichhörnchen an den hohen Stämmen hinauf. Deren gab es viele in der Gegend. Heini hätte schon so lange gern eins besessen. Eben jetzt kam ein ganz reizendes Tierchen mit langem buschigem Schwanz ganz nahe heran. Es machte einen possierlichen Satz um den andern, flüchtete sich dann wieder in die Höhe und schwang sich von einem Baum zum andern. Der Heini war ganz hingerissen. »O, o, wenn ich nur so ein Tierchen hätte,« sagte er laut. »O, wenn ich nur eins mit heimnehmen könnte!«
Man kam sehr schnell vorwärts auf diese Art. Nur hatte der Heini gar nicht bemerkt, daß der Fußweg schon lange von der weißen Straße abgebogen war. Er sah es erst, als das Eichhörnchen ganz in der hohen Krone einer riesigen Eiche verschwand. Zuerst erschrak er ein wenig, denn er hatte ja immer der Straße nach gehen wollen. Aber dann sah er wieder etwas Weißes durch die Stämme leuchten und ging gleich darauf zu. Es war auch eine Straße, aber es war nicht die richtige, das wußte aber der Heini nicht. Er ging nun lange auf dieser weiter und wunderte sich nur immer im stillen, daß es so lange eben fortging. Der Berg hätte seiner Meinung nach schon längst beginnen sollen.
Heini fing auch schon an, etwas müde zu werden. »Ich könnte ein ganz klein wenig hinsitzen,« dachte er. »Nicht lange, sonst komme ich am Ende doch zu spät.«
Es gab schöne Brombeeren am Wege. Sie waren erst halbreif, aber dem Heini schmeckten sie doch. Es war sonderbar, er hatte Hunger, und es konnte doch noch lange nicht Frühstückszeit sein. »Das kommt vom Frühaufstehen,« dachte Heini. »Ich bin es nicht gewöhnt.«
Dann zog er wieder weiter. Er hatte jetzt einen schmalen Fußweg gefunden, der richtig ziemlich steil in die Höhe ging. »Auf der langweiligen Straße hätte ich noch lang weiterlaufen können,« sagte sich Heini. Er war ganz froh, daß es wenigstens jetzt in die Höhe ging. »Ein bißchen weit ist's doch,« gab er jetzt zu. »Hätte mich Tante Julie mit den andern Buben gelassen, so müßte ich jetzt nicht allein auf diesen Neuenfels!« Merkwürdig, nächstens mußte die Tante noch schuldig sein, daß der Heini davonlief! Der Fußweg machte wieder allerlei Windungen; manchmal war er fast ganz überhangen von Brombeergesträuch und endlich hörte er ganz auf. Da stand nun der Heini mitten im Wald und nichts rührte sich weit und breit um ihn her. Doch, oben über den Tannen flogen ein paar Raben und krächzten laut. Und er wußte nicht weiter. Den Neuenfels sah man ja schon lange nicht mehr, und Heini hatte nur immer gehofft, der Wald werde sich jetzt dann auf einmal lichten und dann werde er gerade an der Ruine herauskommen. Jetzt getraute er sich gar nicht mehr vorwärts. Es war überall hoher, dichter Tannenwald. Und durch die hohen Stämme drang das Sonnenlicht in einzelnen Strahlen. Da fiel dem Heini ein, daß es wohl schon jetzt Frühstückszeit sei, und daß die Tante ihn nun suchen würde. Und Fräulein Jettchen und Luischen und Lina würden ebenfalls nach ihm suchen und ihn überall rufen: »Heini, Büblein, so komm doch, komm!«
Und er stand im Wald und hatte sich verirrt! Das hatte er, es war so! Was hatte Fräulein Jettchen gestern gesagt?
O, es fiel dem Heini wieder alles ein, sie hatte es so feierlich gesagt wie ein Herr Pfarrer. Er hatte es nicht ausstehen können, aber es war doch wahr. Und jetzt hatte er sich richtig verirrt und mußte noch froh sein, wenn er sich schnell wieder auf dem gleichen Weg heimfand. Den andern Buben wollte es der Heini lieber gar nicht sagen, daß er den Weg nicht gefunden habe. Und die Tante würde ja wohl zanken! Oder am Ende machte sie auch so ein betrübtes Gesicht, wie die Mama zu Hause allemal tat, wenn der Heini eigensinnig und trotzig war. »Da möcht' ich dann schon noch lieber gezankt werden,« dachte der kleine Ausreißer.
»Vielleicht, wenn ich ganz schnell auf dem gleichen Weg zurücklaufe, immerfort, ohne Aufhören, dann komme ich doch noch bald genug. Und dann kann Tante Julie nichts sagen, nein, dann kann sie nicht! Denn dann bin ich gar nicht auf dem Neuenfels gewesen, nur im Wald!« Unter solchen Gedanken war der Heini umgekehrt, hatte auch endlich die ebene Straße wieder erreicht und rannte darauf fort, so müde er auch war. »Lieber Gott, laß mich auch noch bald genug heimkommen,« betete er drunter hinein. Aber dann kam man an so sonderbaren Felsstücken vorbei und an einer kleinen Schutzhütte, die der Heini noch nie gesehen hatte, und auf einmal merkte er, daß er wieder die falsche Richtung eingeschlagen hatte. Und da war es ganz zu Ende mit allem kecken Mut und allem Trotz des kleinen Buben. Er setzte sich ganz hilflos auf einen Rain und fing an zu weinen.
»Manche verlaufen sich auch so weit, daß man sie gar nimmer finden kann,« hatte Fräulein Jettchen gesagt. »Und dann möchten sie gerne zufrieden und dankbar auf der Weide sein, wenn sie nur könnten.« Und dann hatte sie auch noch gesagt: »Du bist auch jetzt schon ein bißchen verirrt, Büblein. Denn du bist unzufrieden und trutzig und siehst nicht recht, wie gut du es hast.«
Als das dem Heini alles nacheinander einfiel, weinte er immer noch stärker. Jetzt war es so, jetzt konnte man ihn vielleicht gar nicht mehr finden! Und die Tante mußte nach Hause schreiben: »Der Heini ist im Wald verloren gegangen. Er war unfolgsam.« Und dann würde die Mutter immer zu den Kleinen sagen: »Machet es nur niemals wie der Heini!«
Und dann fiel ihm auch noch ein, wie gut und lieb die Tante immer gegen ihn gewesen war. Ja, gestern abend noch, beim Gutenachtsagen, da hatte sie zu ihm gesagt: Du wirst schon noch sehen, was wir noch Schönes zusammen erleben. Er hatte sich aber gegen die Wand gekehrt und nur ganz schnell sein Vaterunser hergesagt. Und dann war er trutzig eingeschlafen. Ja, das Vaterunser! Das hatte der Heini natürlich heute morgen auch vergessen! Wenn man etwas vorhat, das nicht recht ist, denkt man nicht an den lieben Gott. Und der liebe Gott will auch nicht hören, daß man sagt: Dein Wille geschehe, wenn man jetzt gerade so ernstlich denkt: Ich will aber tun, was ich will!
Heini war gar nicht recht so keck, jetzt noch das Vaterunser zu beten. Und doch wollte er so gern, daß der liebe Gott ihm wieder helfe, und er wollte auch ganz gewiß nicht mehr unzufrieden sein und trotzig und unfolgsam. Da fiel ihm ein Verslein ein, er sagte es laut mit gefalteten Händen unter sein Schluchzen hinein:
Und dann fügte er noch hinzu: »Und mach auch, daß die Tante keine so arge Angst hat und daß sie mir's gewiß glaubt, daß ich jetzt brav sein will.«
Als der Heini so gebetet hatte, war er schon ein wenig getroster geworden. Das Verslein hatte er immer als kleines Büblein gebetet. Seit er in der Schule das Vaterunser gelernt hatte, überließ er das »Kleinkinderverslein«, wie er sagte, den Kleinen. Er durfte nun immer am Morgen und Abend das Vaterunser laut beten. Nur dachte er oft gar nicht an seinen schönen Inhalt. Die Gedanken flogen oft schon voraus auf den Spielplatz oder zu einem Geschichtenbuch. So kam es, daß der Heini im Vaterunser gar nicht so recht daheim war. Aber solang er mit der Mutter »alle Schritt und alle Tritt« gebetet hatte, da hatte diese ihm jedesmal dann nachher einen Kuß gegeben und gesagt: »So wird dir dann auch nichts geschehen! Und jetzt geh und sei vergnügt und brav!« Und der Heini setzte in Gedanken nun auch hinzu: So wird mir dann auch nichts geschehen! Es war ihm jetzt viel leichter als vorher, es kam ihm gar nicht mehr vor, als ob er den Heimweg nicht finden könnte. Er hatte ja auch schon den Rückweg von seinem bösen Eigensinn gefunden, da konnte es ihm freilich wohler sein als zuvor.
Als er sich gerade daran machen wollte, auf dem seitherigen Weg zurückzugehen, und immer noch ein wenig vor sich hinschluchzte, da hörte er hinter sich ein lautes: »Hüoh!« Ein schwerer Wagen rumpelte daher und der Fuhrmann im langen blauen Leinenkittel ging daneben her und rauchte seine kurze Pfeife dazu. Heini atmete tief auf. Jetzt war doch ein Mensch da, mit dem man sprechen konnte! Bescheidentlich ging er auf den Bauern zu: »Möchten Sie mir vielleicht sagen, wo der Weg nach Badenweiler geht? Ich — ich habe auf den Neuenfels gewollt und jetzt —« Heini konnte seine Tränen nicht mehr hinunterschlucken, sie stürzten jetzt wieder ganz unaufhaltsam hervor.
»Auf den Neuenfels? Du meine Güte, Büblein! Der liegt ja ganz da drüben!« Der Fuhrmann beschrieb einen großen Bogen mit seinem Peitschenstiel. »Und ganz allein bist du? Und kommst von Badenweiler? Am Ende durchgegangen, was?«
Heini konnte nur immer nicken, es drückte ihn doch noch sehr, daß er so weit weg war von daheim. Der Fuhrmann nahm den Heini aber jetzt ganz väterlich bei der Hand. Er hatte selber einen kleinen Buben daheim und Heini sah so zerknirscht aus, daß er ihm keine Strafrede halten konnte. »Da sitz auf, Kleiner,« sagte er. »Du wirst wohl müde sein. In fünf Minuten ist auf dieser Seite der Wald aus und dann sieht man Badenweiler liegen. Nur kommst du jetzt gerade von der andern Seite hinein, als du herausgegangen bist. Wenn du schnell gehst, langt's noch zum Mittagessen.«
Heini hätte lachen und weinen mögen auf einmal. Lachen, weil er richtig nach kurzer Frist die bekannte Schloßruine und alle die bekannten Häuser vor sich liegen sah und er gar kein großes Stück mehr zu gehen hatte, um heimzukommen. Und weinen, weil es schon nächstens Mittagszeit war und die Tante gewiß schon nach allen Richtungen hin nach ihm geschickt hatte und nun in großen Ängsten war.
Es war aber anders gegangen daheim, als der Heini befürchtete. Tante Julie hatte eine schlechte Nacht gehabt und war erst am frühen Morgen eingeschlafen. Als sie erwachte, war schon ein gutes Stück vom Vormittag vorbei. »Der Heini ist so still heute,« hatte sie zu Anna, dem Stubenmädchen, gesagt, das ihr den Kaffee brachte. »Ist er denn schon fort? Das ist mir ganz merkwürdig!«
Anna war ein wenig verlegen. Es war ihr streng anbefohlen, nichts von dem Fehlen des Buben zu sagen; Fräulein Jettchen hatte schon da und dorthin geschickt, wo man ihn vermutete, und wartete nun erst auf die Boten. So sagte Anna nur: »Ich denke, er wird auf dem Spielplatz sein,« und die Tante nickte müde. Eigentlich war sie froh, daß der kleine Plagegeist gerade heute so ruhig war. Sie hatte immer noch Kopfweh und konnte notwendig etwas Ruhe brauchen. »Es tut mir leid, aber es kann nichts aus der Blauenfahrt werden für heute,« dachte sie noch. »Ich bin doch froh, daß ich's ihm noch nicht gesagt habe.« Dann schloß sie die Augen wieder und ließ die Zeit ganz still an sich vorbeigehen. Auf einmal fuhr sie erschreckt auf.
Auf der Straße wurden allerlei Stimmen laut, die tiefe, starke von Fräulein Jettchen und dann die hohe von Fräulein Lina und noch die liebevolle von Fräulein Luischen. »Ach Gott, das Büblein? Aber Heini, was ist das mit dir? Halb tot ist man vor lauter Angst um dich!« So tönte es durcheinander. Den Heini hörte man gar nicht gleich. Endlich vernahm die Tante seine Stimme, aber sie tat so leise, man verstand kein Wort oben. Was konnte nur mit dem Jungen sein? Ehe sich die Tante aber recht besinnen konnte, flog die Tür auf und der Heini herein. »Ach Tantele, sei doch nur wieder gut, ich will ganz gewiß nicht mehr fortlaufen! Und auch nicht mehr so sein, so, du weißt schon wie! Und schreib's auch nicht heim, gelt?« Die Tante wußte sich fast nicht zu retten vor den stürmischen Umarmungen des stämmigen Heini. »So sag mir nur zuerst, was du hast und wo du gewesen bist?« sagte sie. Und der Heini mußte nun seine ganze Geschichte von Anfang an erzählen. Er stockte manchmal ein wenig, denn er mußte sich doch noch schämen, daß er so böse Gedanken gehabt und sie dann auch ausgeführt hatte. Die Tante half ihm aber ganz liebreich wieder zurecht. »So wirst du's ja jetzt selber wissen, was ich dir heute noch sagen wollte,« sagte sie. »Du hast jetzt selber gesehen, wie's einem geht, wenn man im Trotz erzwingen will, was man nicht soll. Dann läuft man sich ab und wird müde und macht einen weiten Umweg und kommt erst nicht dahin, wo man gerne hinwollte. Am Ende muß man dann noch recht froh sein, wenn man den Heimweg wieder findet.« Der Heini verstand das jetzt sehr gut. Er wollte sich die Lehre auch sein Leben lang merken.
Es kam dann später noch einmal ein wunderschöner Tag, an dem die Blauenfahrt richtig zur Ausführung kam.
Heini ritt stramm neben dem Wagen her auf seinem Esel, denn der kleine Kamerad, der miteingeladen war, saß lieber auf den weichen Polstern und begehrte nicht zu reiten.
Den Heini dünkte aber Reiten und durch die Wälder streifen das Allerschönste, und weil er es heute mit gutem Gewissen konnte, so war er auch so fröhlich, daß er laut hinausjodeln mußte. Und das Echo gab jeden Ton getreulich wieder.
Heini hätte fast wieder angefangen, den Hansjörg zu beneiden, der barfuß neben ihm herschritt. Der mußte ja nicht wieder nach Hause, in die Stadt und in die Schule, sondern konnte immer hier bleiben und alle Tage in den Wäldern umherschweifen.
Das sagte er auch zu ihm. Aber der Hansjörg schüttelte den Kopf. »Und ich gäbe gleich den Lips her und noch mein Schnitzmesser dazu, wenn ich's hätte wie du,« sagte er. »Immer genug zu essen und lernen dürfen, soviel man will, und deine Tante ist immer brav und schlägt dich nie!« »Nein,« gab Heini zu, »das tut sie nie, und meine Mama schlägt mich auch nie und der Papa nur selten, wenn es sein muß. Es muß aber natürlich fast nie sein. Ich bin ja nicht mehr so klein.«
»Du hast's lang gut,« seufzte der Hansjörg. »Ich habe niemand als nur die Base und den Vetter. Ich kriege oft Schläge und — —«
In diesem Augenblick machte Lips einen gewaltigen Satz und das Gespräch wurde abgebrochen.
Dem Heini ging es aber noch lang durch den Kopf. Als er am Abend seine Freundin, Fräulein Jettchen, in der Küche besuchte, um ihr von dem schönen Tag zu berichten, konnte er fast kein Ende finden. »Es war einfach alles schön,« sagte Heini, »nicht einmal der Hansjörg möchte ich mehr sein, und keiner von den andern Buben, ich möchte am liebsten ich selbst sein, denn ich hab's doch am allerbesten!«
Fräulein Jettchen warf gerade Küchlein in heißes Schmalz und ließ sie goldbraun backen. So konnte sie jetzt nicht viel sagen. Sie nickte nur ganz zustimmend: »Das ist auch wahr.« Und es war auch so, denn der Heini hatte jetzt ein zufriedenes und dankbares Herz. Und besser als ein zufriedener und dankbarer Mensch kann's überhaupt niemand haben, er sei groß oder klein.