12. Die Botenflori.

Die Botenflori saß vor ihrem Häuslein auf einem dreibeinigen Stühlchen und ließ sich von der Sonne anscheinen. Sonst tat sie anscheinend nichts; die Hände hatte sie in den Schoß gelegt und den Kopf an die Wand des Häusleins gelehnt. Das war man sonst an der Flori nicht gewöhnt. Sie war ein altes Weiblein, und so lang sich die Leute im Dorf denken konnten, war sie jeden Tag mit ihrem Tragkorb auf dem Rücken in die Stadt gewandert und hatte dort alles eingekauft, was die Leute etwa brauchten, und außerdem noch die Postsachen mit heraufgebracht. Die Flori hieß eigentlich Floriane, man hatte ihren Namen nur so abgekürzt, weil das bequemer zu sagen war. Sie war in allen Häusern des Dorfes gut bekannt, und wer sie so mit ihrem schweren Korb daherkommen sah, sagte dann allemal freundlich zu ihr: »Ei, grüß Gott, Flori! So munter, wie Ihr, ist kein Junges! Und wenn Ihr einmal Feierabend macht, dann habt Ihr ihn auch verdient!«

Aber die Flori wollte noch keinen Feierabend machen. Sie wollte gern noch arbeiten und meinte, niemand könne so gut wie sie alles in den Läden besorgen und so gut die Postsachen austeilen. Und doch atmete sie so schwer, wenn es den Berg heraufging, und da und dort sagte eine Bäuerin: »Bei der Flori nimmt das Gedächtnis auch ab, das merkt man wohl! Sie hat mir heute schwarzes Garn gebracht anstatt braunem, und die Düte mit dem Griesmehl ist ihr unterwegs aufgegangen! Es tut's nicht mehr lang so!«

So hatten die Leute nichts dagegen, als in dem Frühjahr, von dem jetzt gesagt ist, die Nachricht vom Städtlein heraufkam, daß von jetzt an ein wohlbestellter Postbote jeden Tag heraufkommen solle, ein fester, starker Mann, der einen verschlossenen Karren mit sich zu führen hatte, in dem dann alles, was zu besorgen war, bequem Platz finden konnte.

Aber der Flori war die Nachricht ein harter Schlag. Es kam ihr vor, als ob ihr ein großes Unrecht widerfahren und als ob die ganze Welt undankbar und schlecht sei. »Jetzt hab' ich mich geplagt und geschunden meiner Lebtag,« sagte sie zum Herrn Pfarrer, der sie in ihrem Häuslein besucht hatte, »und zum Dank dafür wird man einfach abgedankt. Bei Lebzeiten noch abgedankt.« Und die Flori fing an zu weinen, und es half nicht viel, daß der Herr Pfarrer tröstend sagte: »Ei, Flori, der liebe Gott meint's gut mit Euch, daß er Euch noch einen ruhigen Feierabend gönnen will! Und Mangel leiden müsset Ihr sicher nicht! Dafür sorgt das ganze Dorf miteinander.«

Denn es war dem fleißigen Weiblein nicht nur ums tägliche Brot zu tun, es hätte gern noch etwas nützen wollen auf der Welt, und sein Beruf lag ihm am Herzen.

Heute war nun zum erstenmal der neue Bote ins Dorf gekommen. Er hatte einen blauen Rock an mit blanken Knöpfen und eine Mütze auf mit einer Silberborte, und sein Schiebkarren war schön grün angestrichen. Jetzt kam es der Flori erst recht in den Sinn, daß sie gar kein Amt mehr habe, und das drückte sie schwer. So kam es, daß sie am hellen Werktag vor ihrem Häuslein saß und die Hände in den Schoß legte. Es kam ihr vor, als ob sie nun gar nichts mehr zu tun habe im Leben, und sie dachte, daß sie dann am liebsten gleich sterben möchte. Weil sie so starr auf ihre Hände sah und nicht rechts und nicht links, hatte die Flori gar nicht bemerkt, daß ein kleines Fuhrwerk des Wegs dahergekommen war und ganz in ihrer Nähe hielt. Es war ein kleines, höchst einfaches Pritschenwägelchen, darin zwei dicke, kleine Buben von ein und zwei Jahren saßen. An der Deichsel zog ein barfüßiges Mädchen, das ungefähr acht Jahre alt war und dem noch ein dreijähriger Bube am Kleid hing. Das Mädchen sah bleich und mager aus und hatte ein finsteres Gesicht, und als es jetzt stehen blieb, um ein wenig auszuruhen, sah man, daß es hart atmete, so, als ob es sehr müde sei.

Die Flori sah erst auf, als der dreijährige Bube weinerlich sagte: »Trag mich, Christine, ich sag's der Mutter sonst!«

»Ich kann nicht, Peterle, du mußt laufen,« sagte das Mädchen, »guck, dort kommt bald ein Rain, da sitzen wir hin.«

Aber der Dicke wollte jetzt getragen sein und fing aus Leibeskräften an zu schreien. Das mußte er schon öfters probiert haben, denn das Schreien half, und Christine bückte sich mit einem ganz verzagten Gesicht herunter, um den schweren Buben auf den Arm zu nehmen.

Flori hatte sich eigentlich nicht um die Kinder bekümmern wollen, sie hatte sich fest vorgenommen, daß sie jetzt von niemand mehr etwas wissen wolle, wenn doch die Leute so undankbar seien. Aber daß das schwächliche Mägdelein den dicken Schreier auf den Arm nahm, das konnte sie doch nicht sehen, da mußte sie schon eine Ausnahme machen. »Bist du im Augenblick still und stehst fest auf deine dicken Füße?« rief sie mit grimmiger Stimme zu dem Dicken hinüber. Der strampelte immer noch, die kleine Kindsmagd konnte ihn kaum regieren. Da mußte sich die Flori schon erheben. Im Augenblick war sie an dem Wägelchen, nahm den Peterle auf den Arm und stellte ihn so nachdrücklich auf den Boden, daß er wohl einsah, daß er da fürs erste zu bleiben habe. Christine sah ein wenig erleichtert aus, aber sie war zu verlegen, um etwas zu sagen, so zog sie nur wieder an ihrer Deichsel, um weiter zu kommen.

Aber nun war die Flori schon in Tätigkeit. Sie kannte die Kinder wohl. Sie kamen aus einem der ärmlichsten Häuschen am andern Ende des Dorfes. Hier wenigstens hatte sie keine Kundschaft verloren, denn die Frau des Wegknechts Häberle brauchte selten etwas aus der Stadt, und wenn es dann sein mußte, so trug sie etliche Büschel Kienholz oder Wacholderbeeren auf den Markt und brachte dafür das Nötigste mit. Das Mägdlein war ein Bruderkind des Wegknechts, das verwaist war und gegen ein billiges Kostgeld, das die Gemeinde bezahlte, von ihm aufgenommen war.

Es machte nicht umsonst ein so finsteres Gesicht und es war auch kein Wunder, daß es mager und bleich aussah. Denn in dem Häuslein des Wegknechts ging es nicht sehr freudenreich zu. Die Frau war nicht gerade böse, aber sie hatte von Natur ein etwas unfreundliches Wesen und dann konnte sie auch die Arbeit mit den drei kleinen Buben und der Haushaltung und dem Äckerlein nicht gut bewältigen. Da hatte sie sich denn angewöhnt, fast den ganzen Tag zu brummen und zu zanken, und besonders Christine hatte noch nicht viel gute Worte von ihr gehört. Diese ging jetzt in die Schule, aber da war fast immer ein Grund vorhanden, daß sie zum Lehrer gehen und um Urlaub anhalten solle. Das war dem Lehrer auch nicht lieb und so war er denn auch nicht besonders freundlich gegen das Kind. War sie dann im Haus, so hatte die Christine fast den ganzen Tag eines der Kleinen auf dem Arm. Herumspielen mit anderen Kindern, das gab es nicht für sie. »Möcht dann auch wissen, zu was ich die viele Last und Mühe mit dem Mädchen haben soll, wenn sie mir nicht ein bißchen hilft,« sagte die Base oft und dachte nicht daran, daß Christine selber noch ein zartes, schwächliches Kind sei, das so nicht kräftig und groß werden konnte. Es gab ja auch nicht viel anderes zu essen für sie als Kartoffeln. Denn die Milch brauchte man für die Kleinen und das Stückchen Speck oder Fleisch, das man hie und da kaufen konnte, mußten nötig die Hauseltern haben, die hart arbeiten mußten. Christine hatte sich nach und nach daran gewöhnt, daß ein Tag um den andern gleich dahinging und nichts Erfreuliches geschah. Aber sie hatte dabei einen so freudlosen Ausdruck in ihr Gesicht bekommen, daß die Leute, die sie sahen, öfters zueinander sagten: »Wie nur ein so junges Kind schon so verdrießlich und unfreundlich aussehen kann!« Und sie sagten dann zu ihren Kindern, die fröhlich herumsprangen: »Merket's euch nur, daß man so nicht sein darf, sondern daß man vergnügt und dankbar sein muß.«

Die Botenflori hatte sich noch nie besonders für Christine umgesehen, so lang sie ihre täglichen Gänge machte. Da hatte sie viel wichtigeres zu bedenken als so ein armes Waisenkind.

Heute, wo sie selber so traurig war und auch gut Zeit zum Aufmerken hatte, fiel es ihr plötzlich auf, wie elend das Mädchen aussah. Sie konnte die Christine nicht nur so vorbeigehen lassen. So sagte sie freundlich zu ihr: »Wo willst du denn hin mit deinem Wagen voll Leut? Komm, da sitz ein bißchen auf mein Bänklein ab. Den Dicken darfst du nicht tragen, es könnte dir ja einen Schaden antun.« Christine sah verwundert auf. Es war schon lang her, seit jemand so freundlich mit ihr gesprochen hatte. Es tat ihr aber wohl und sie nickte bereitwillig und zog ihr Wägelchen dicht an das Häuslein her. Peterle bekam eine Hand voll Waschklammern zum spielen und Christine durfte zur Flori auf das Bänklein sitzen. Es kam dieser nun selbst verwunderlich vor, daß sie sich diesen Besuch herbeigeholt hatte, sie hatte doch allein sein wollen. Aber jetzt wollte sie sich nicht mehr lang besinnen, es gab außer ihr noch mehr betrübte Leute auf der Welt, das merkte sie wohl. »Also jetzt, wohin hast du gewollt mit deinem Buben?« fragte sie nochmals. »Weiß selber nicht,« gab Christine zurück. »Wir sollen den ganzen Nachmittag fortbleiben, bis es dunkel wird. Die Base liegt im Bett, man hat wieder einen kleinen Buben.«

»Ei, was du sagst!« Flori nahm diese Nachricht sehr lebhaft auf. »Und da freust du dich gar kein bißchen und machst so ein Gesicht dazu?« Daß man sich da freuen könne, hatte Christine nicht gewußt. Der Wegknecht hatte mürrisch gesagt: »Jetzt wird mir's nächstens zu viel mit dem Geschrei,« und die Base hatte auch gebrummelt: »Wenn's noch ein Mädchen wär, daß man auch eine Hilfe bekäme!«

Und sie selber, die Christine, wußte nur, daß es noch einen kleinen Schreihals herumzutragen gebe. Nein, erfreulich war ihr das nicht vorgekommen. So sah sie die Flori erstaunt an und schüttelte den Kopf. »Es ist mir ganz entleidet,« sagte sie statt aller Antwort.

Der Flori war es erst vorhin auch noch ganz entleidet gewesen, sie wußte gut, wie das ist. Aber daran dachte sie jetzt nicht mehr. »So darf man nicht sagen, das ist eine Sünde,« sagte sie strafend. »Das Büblein hat euch der liebe Gott geschickt und was der einem schickt, darf einem nicht entleidet sein. Und es ist gewiß ein nettes Kindlein, du hast's nur noch nicht recht angesehen. Gib acht, wenn es die Äuglein auf und zu macht und mit den Füßen zappelt, wenn man's badet.«

Christine mußte sich immer mehr wundern, so hatte sie freilich das Kindlein noch nicht angesehen.

»Und die größeren darfst du jetzt ganz allein versorgen wie ein rechtes Mütterlein,« fuhr die Flori fort. »Das ist gewiß ein nettes Geschäft, das freut dich sicher.« Christine schüttelte wieder den Kopf. »Sie schreien so,« sagte sie, »und der Peterle kratzt mich und die Base zankt mich immer.«

»Ei, du wirst's noch nicht recht können,« sagte Flori. »Wart einmal, morgen früh will ich einmal zu euch kommen, dann tun wir's miteinander. Das gibt ein Vergnügen!«

In Christines Gesicht war ein ganz anderer Ausdruck gekommen, sie kam sich jetzt schon nicht mehr so allein und hilflos vor. Und zu der Flori konnte sie ein rechtes Vertrauen fassen, denn sie war der erste Mensch, der liebreich mit ihr gesprochen hatte, seit sie aus ihrer Heimat fort war.

So tat sie der Flori recht ihr Herz auf und erzählte ihr noch vieles von ihrem Leben und auch, wie sie's daheim, als ihre Eltern noch lebten, so gut und schön gehabt habe. Und in der Flori stieg ein fester Entschluß auf, dem armen Kind ein wenig aufzuhelfen, so gut als möglich.

Es war ihr am andern Tag lang nicht so schmerzlich wie gestern, als sie dem Postboten mit seinem Karren begegnete. Sie war auf dem Weg nach dem Häuslein des Wegknechts und ging gar nicht so daher wie jemand, der nichts mehr zu schaffen hat, sondern mit recht gewichtigen Schritten. Wer sie sah, konnte denken, die Flori habe etwas Wichtiges vor. Und das konnte sie wohl auch haben, denn in dem Raum, in den sie nun eintrat, sah es ganz so aus, als ob man eine rechte Hilfe brauchen könne. Peterle saß am Boden und schrie aus Leibeskräften und der zweijährige Georg schrie in seinem Bett zur Gesellschaft mit. Den einjährigen Michel hatte Christine auf dem Arm und mühte sich zugleich mit dem Feuer im Ofen ab, das nicht brennen wollte. Es rauchte und roch nach Ruß in der Stube und die Frau rief mit scharfer Stimme aus dem Bett: »So ein ungeschicktes Ding, wie du bist, ist mir noch nicht vorgekommen. Gar keine Hilfe hat man an dir!«

»Guten Morgen, beieinander,« sagte in diesem Augenblick die Flori, die bei dem Lärm ungehört hereingekommen war. Sie trat an das Bett der Frau und sagte freundlich: »Am Ende könnte ich ein bißchen nach der Sache sehen, die Christine ist noch wohl klein zur Haushälterin.« Das war der Frau noch nie vorgekommen, daß sich jemand um ihre Haushaltung angenommen hatte. Es konnte ihr schon recht sein, sie sagte aber brummig: »Wir könnten schon allein fertig werden. Arme Leute haben keine Zeit zum Kranksein, ich stehe dann schon wieder auf.« Aber die Flori ließ sich nicht draus bringen. Zuerst half sie dem Feuer auf, daß dieses lustig flammte, und kochte die Morgensuppe; dann ging es an die Reinigung der kleinen Schreihälse. Christine wußte nicht, wie ihr geschah, so hatte ihr noch niemand gezeigt, wie man alles angreifen mußte. Heute ging es noch einmal so leicht. »Jetzt lassen wir aber auch den schönen Sonnenschein herein,« sagte Flori und öffnete das Fenster, denn draußen schien jetzt die Sonne warm und hell, gerade auf den Tisch, auf dem jetzt die Suppe stand. Christine meinte, so gut sei noch keine Suppe gewesen und die Stube noch nie so freundlich wie heute, und die Kinder noch nie so folgsam. Sie mußte einmal ums andere tief aufatmen, und das sah die Flori mit Wohlgefallen. Auch die Frau legte sich behaglich in die Kissen zurück und ließ sich versorgen, denn sie wußte nun, daß für heute einmal alles Nötige geschehe. Sie wollte ja nicht böse sein, sie hatte nur immer so viele Sorgen und viele Arbeit, und dann hatte sie schon lang nicht mehr gesehen, wie gut es tut, wenn man freundlich und liebreich ist. Das sah sie nun an der Flori, die gar nicht viel zu sagen brauchte, so folgten ihr die Kinder, und die die ungeschickte Christine so nett und verständig anwies, daß die Arbeit ging wie am Schnürchen. Jetzt war die Stube gefegt und das kleinste Kindlein gebadet. Es war wirklich so, wie die Flori gestern gesagt hatte, es gefiel der Christine sehr, wie das Kleine mit den Gliedern zappelte in dem warmen Wasser und mit den blauen Äuglein die Flori groß ansah. Überhaupt kam ihr heute das Leben viel erfreulicher vor als seither, sogar die größeren Buben sahen so nett und frisch aus. Christine mußte dem kleinen Michele einen Kuß geben. Da sah er sie groß an und verzog das Mäulchen zum Lachen.

»So, den Peterle und den Georg nehme ich mit mir,« sagte die Flori, als alles sauber und in Ordnung war. »Ich koche dann einen Milchbrei zum Mittagessen für die ganze Haushaltung. Den Michele läßt man im Wägelein schlafen draußen vor dem Hans, der ist schon wieder müde. Und die Christine bleibt bei der Hand, daß die Base jemand hat, der ihr etwas bringen kann.«

Damit zog sie ab.

Christine setzte sich mit ihrer Schreibtafel auf die Staffel vor der Haustüre. Sie lernte gern und hätte nie die Schule versäumt, wenn sie nicht gemußt hätte. So war sie bald sehr im Eifer an ihrer Arbeit; sie schrieb schöne lange Zahlenreihen untereinander und rechnete sie dann zusammen.

Auf einmal stand der Herr Schullehrer vor ihr, der mit Verwunderung gesehen hatte, wie wichtig dieser Schülerin, die so oft fehlte, das Lernen war. Christine erschrak ein wenig, aber der Lehrer sagte freundlich: »So ist's recht! Gib dir nur recht Mühe, dann kommst du schon noch nach. Ich will dann bald einmal mit dem Wegknecht sprechen, daß du nicht so oft die Schule versäumen mußt.« Darauf reichte er dem Kinde ganz väterlich die Hand, und Christine blieb so glücklich zurück, wie sie schon lange nicht mehr gewesen war.

Diesem schönen Morgen folgten noch viele solche. Denn was die Flori einmal unternahm, das führte sie gern auch aus. So erschien sie jeden Morgen, solang die Frau noch nicht so gesund war, in dem Häuslein des Wegknechts, versorgte die Frau und die Kinder, zeigte Christine liebreich, wie sie alles, was zu tun war, machen müsse. »Siehst du, mit Klötzchen und Steinen spielen sie ganz nett allein,« sagte sie, »und dann kannst du ein wenig stricken oder rechnen.« Christine war eine ganz neue Welt aufgegangen, seit sie so eine treue Hilfe hatte. Sie sah gar nicht mehr finster und verzagt aus und manchmal konnte sie sogar mit den Kleinen lustig lachen.

Es war auch wunderbar; die Base zankte gar nicht mehr oft, sie war viel freundlicher geworden, und seither hätte ihr die Christine alles zuliebe getan, was sie nur gewußt hätte.

Denn die Botenflori hatte einmal, als sie recht geruhig allein mit der Frau zusammen in der Stube saß, recht eindringlich mit dieser gesprochen und ihr gesagt, daß sie mit Freundlichkeit noch einmal so viel erreiche, als mit Zorn. Und die Frau konnte sich das wohl sagen lassen, denn die Flori hatte es ihr zuerst vorgemacht. So sagte sie nur ganz bewegt: »Euch hat mir der liebe Gott geschickt, Flori! Vergelt's Gott, tausendmal.«

Als an diesem Abend die Flori heimwärts wanderte, war sie so froh und glücklich, wie sie nie mehr gewesen war, seit sie die Sache mit dem Postboten gedrückt hatte, und auch vorher lange nicht. Denn Flori hatte es selber gut gespürt, daß es nicht mehr gehe, und hatte sich immerfort dagegen gewehrt, ihr Amt abzutreten. So war sie oft recht elend gewesen, trotzdem sie sich in den vielen Jahren etwas Ordentliches erspart hatte und keine Not zu fürchten brauchte. Jetzt hatte ihr der liebe Gott die Last abgenommen und hatte ihr gezeigt, daß er doch noch da und dort etwas für sie zu tun habe. Und weil die Flori das nun einsah, war sie so getrost und fröhlich und ließ ruhig den neuen Postboten seinen Schiebkarren den Berg heraufschieben, es tat ihr nicht mehr weh.

Die Kinder hingen an ihr wie die Kletten, und als das die andern Kinder im Dorf sahen, machten sie es auch so. Aber die Christine blieb doch ihre beste Freundin, denn die beiden, Flori und Christine, hatten einander dazu verholfen, daß sie wieder fröhlich sein konnten.

Man kann die Flori jetzt auch noch Botenflori heißen, denn sie ist ja des lieben Gottes Botin bei den armen Leuten geworden.