15. In die Sonne.

Der Tag fing erst an zu grauen. Der Mond stand noch blaß und übernächtig am Himmel und in den Bäumen rauschte der Morgenwind. Aber in dem niederen Häuslein der Frau Judith, das ganz allein draußen im Felde stand, brannte schon ein lustiges Feuer auf dem Herd und das Lämpchen warf seinen Lichtschein durch die Fensterscheiben. Frau Judith kochte die Morgensuppe für sich und ihr Büblein und daneben noch einen Brei, der zum Mittagessen für den Jockele bestimmt war. Denn sie mußte heut ihr Büblein den ganzen Tag allein lassen und da sorgte sie denn, derweil es noch schlief, daß ihm nichts Nötiges fehle. Judith war eine geschickte Näherin und verdiente das Brot für sich und das Kind mit ihrer Hände Arbeit. Manchmal nähte sie in den Bauernhäusern der Nachbardörfer, und das war ihr am liebsten, obgleich es weniger eintrug, denn da konnte sie den Jockele mitnehmen und auf ihn acht haben. Aber sehr oft führte sie ihr Tagewerk auch in die Stadt und da durfte sie ihr Büblein nicht mitbringen und es war ihr nicht zu verdenken, daß sie heute morgen ein wenig seufzte, wenn sie daran denken mußte, daß das Kind nun wieder den ganzen Tag ohne Schutz und Aufsicht ganz allein in dem Häuschen sei. Sie reinigte nun noch die Stube mit dem Besen und brachte alles in gehörige Ordnung, dann setzte sie sich an den Tisch und fing an, ein Paar zerrissene Höschen zu flicken, die auch dem Jockele gehörten. Und dabei seufzte sie so tief und schwer, daß es der Jockele in der Kammer hörte und schnell aus seinem Bettchen stieg, um zu sehen, was etwa der Mutter zugestoßen sein könnte. Da saß sie am Tisch und hatte den Kopf in die eine Hand gestützt und schaute so kummervoll vor sich hin, wie es der Jockele noch gar nie gesehen hatte. »Mutter, was hast du denn?« sagte er verwundert, »tust du vielleicht so wegen den Hosen? Sicher, ich habe sie nicht zerreißen wollen, sie sind von selber so aufgeplatzt.« Und dabei drängte er sich ganz nah an die Mutter her und streckte sich an ihr in die Höhe, um ihr Gesicht zu streicheln.

»Ach du arm's Büblein,« sagte die Mutter und fuhr dem Jockele durch sein dichtes, blondes Lockenhaar, »die Höschen, die kann ich wieder flicken, da wollte ich nicht seufzen; wenn ich nur alles, was auseinander ist, so zusammennähen könnte!« »Was ist denn sonst noch auseinander?« wollte der Jockele wissen, »und warum sagst du immer ›arm's Büblein‹ zu mir?« »Weil du noch so klein bist und hast schon deinen Vater verloren, und er ist erst nicht beim lieben Gott, sondern in der weiten Welt — und ich kann auch nicht bei dir bleiben, weil ich Geld verdienen muß zu Brot und Kleidern und kann dich nicht beschützen und zum Guten erziehen — und es könnte dir etwas passieren, so lang ich fort bin.« Judith sah so niedergeschlagen und unglücklich aus, daß das Büblein gewaltsam nach einem Trostgrund suchte. »Mutter,« sagte es nach einer Weile, »sei du nur wieder ganz fröhlich, ich will fortgehen und den Vater suchen und dann sage ich ihm, daß er wieder zu uns kommen muß, und dann kannst du wieder bei mir bleiben, alle Tage, und alles wird wieder, wie es vorher war.« Der Jockele war noch klein, erst fünf Jahr alt, aber er war ein sinniges, nachdenkliches Kind und er mochte am liebsten bei der Mutter sitzen und sich mit ihr unterhalten. Da hatte er dann, solang der Vater da war, es schön gehabt. Da hatte die Mutter immer Zeit für ihn gehabt, er war ihr, wenn sie im Hause herumhantierte, den ganzen Tag nachgelaufen, aus der Küche in die Stube und aus der Stube ins Gärtchen und umgekehrt. Und wenn die Hausarbeit getan war und die Mutter setzte sich nieder mit einer Näharbeit, dann zog der Jockele sein Bänkchen herbei und die Mutter mußte Geschichten erzählen, alte und neue, davon hatte er nie genug bekommen. Vom Vater hatte er wenig gewußt, er schlief immer schon, wenn dieser abends von der Arbeit nach Hause kam. Das schwebte ihm noch dunkel vor, daß er manchmal nachts an einem lauten Gepolter und Geschrei erwacht war und des Vaters Stimme war ihm dann unheimlich und furchterregend gewesen. Aber weil das schon lange her war, und weil, seit der Vater eines Tages nicht nach Hause gekommen und dann ganz ausgeblieben war, die Mutter fast gar keine Zeit mehr für den Jockele hatte, sondern nur immer Geld verdienen mußte, so wob sich in seinem Kopf die Zeit, da er noch einen Vater hatte, zu einem Bild voll Behagen zusammen und es kam ihm ganz ausführbar vor, daß er den Vater wieder holen und damit die alten Zustände wieder einsetzen könne. — Die Mutter schüttelte den Kopf und zog den Jockele an sich. »Ach damit ist's nichts, Kind,« sagte sie. »Wir wissen ja gar nicht, wo wir den Vater suchen müßten, die Welt ist groß und weit und kein Mensch weiß, wo er hingewandert ist. Und er will ja gar nicht mehr heim zu uns; das ist ja grad' das Elend, daß er nur für sich allein leben will und hätte doch daheim ein Häuslein und ein Weib und so ein herziges Büblein. Nein, nein, holen kannst du den Vater nicht, auch wenn du größer wärest und könntest so in die weite Welt gehen. Bleib' du nur bei mir und sei mein Trost und meine Freude und werde recht brav und fromm, dann können wir zusammen auch wieder fröhlich werden.« Jetzt waren unterdessen die Löcher gestopft und der Jockele konnte mit den Höslein bekleidet werden. Sonst brauchte er nichts anzuziehen, als ein leichtes Kittelchen, denn es war trotz des Herbstes noch warmes, sonniges Wetter und er lief leichter davon mit seinen nackten Füßchen, als wenn er Schuhe und Strümpfe angehabt hätte. Dann wurde noch die Morgensuppe miteinander gegessen und zum Schluß betete die Mutter noch einen andächtigen Morgensegen mit dem Kinde und befahl es in die Hut des Vaters im Himmel, daß der ihm seine Engelein zu Wächtern bestelle, und darüber wurde es ihr selbst auch leichter ums Herz.

Sie mußte sich jetzt auf den Weg machen, denn sie hatte fast eine Stunde zu gehen und es war inzwischen heller, sonniger Morgen geworden. So befahl sie dem Jockele noch einmal an, sich ja nicht zu verlaufen und auf alles gut acht zu geben, und trat dann ihre Wanderung an. Sie hatte gar vieles zu bedenken bei sich selbst, wie sie da so ganz allein auf der Landstraße dahinschritt. Das Gespräch mit dem Kinde hatte wieder alle vergangenen Zeiten in ihr wachgerufen. Wie sie einst als junges, fröhliches Mädchen im Dienst in der Stadt ihren Daniel kennen gelernt und sich gegen den Willen seiner Eltern, die dem einzigen Sohn eine reiche Partie gewünscht hatten, mit ihm verheiratet hatte; wie sie dann zuerst in allem Glück mit ihm in dem kleinen Häuschen gewohnt und sich nicht viel darum gekümmert hatte, daß die Eltern ihres Mannes jeden Verkehr mit ihnen abgebrochen hatten. Dann kamen trübe Bilder vor ihre Augen, Zeiten, in denen der Daniel, der sonst ein fleißiger, geschickter Zimmerarbeiter war, sich, von bösen Kameraden verführt, ans Wirtshausleben gewöhnt und ihr und dem kleinen Büblein, das inzwischen geboren war, das Leben gar sehr verbittert hatte. Es war noch viel schlimmer gekommen; Daniel, bei der fetten Küche und dem stets offenen Keller eines Wirtshauses aufgewachsen, bereute jetzt nachträglich, daß er ein armes Mädchen geheiratet und sich damit ein einfaches Los bereitet hatte; die Eltern hatten ihn verstoßen, das Weib daheim bat und weinte, die Kameraden hetzten —, da faßte er eines Tages den Entschluß, allem Elend zu entlaufen und sich in der Neuen Welt ein neues Leben voll Freiheit und Genuß zu verschaffen. —

Seither lebte Frau Judith mit ihrem Büblein allein in dem Häuschen, mühte sich redlich, das tägliche Brot für sich und das Kind zu erwerben und den Zins für das Häuschen aufzubringen — es war ein arbeitsvolles Leben, und ihre einzige Freude und ihr Trost war der fröhlich gedeihende Bub' mit den lachenden blauen Augen und dem blonden Krauskopf. Frau Judiths Augen wurden feucht, wenn sie an ihr Büblein dachte, und sie faltete fast unbewußt die Hände; sie wollte so gern etwas Rechtes, Tüchtiges aus ihm machen und ihn fromm und gottesfürchtig heranziehen, daß er ihr nicht auch einmal Kummer und Herzweh machte, wie der Daniel seinen Eltern. Denn das hatte sie in all' der Trübsal längst eingesehen, daß der Elternsegen ihrem Haus gefehlt hatte, und es zog sie mächtig, mit den alten Eltern ihres Daniel ins Einvernehmen zu kommen, aber deren Haus war ja für sie verschlossen. —

Inzwischen hatte der Jockele zu Haus genußreiche Stunden verlebt. Allein gewesen war er schon oft, es war ihm gar nicht bänglich. Zuerst fütterte er die drei Hühner, das einzige lebende Besitztum des Hauses, dann lief er hinunter an den Bach und warf Kiesel in das klare Wasser, vergnüglich die Ringe und Blasen betrachtend, die sich darin bildeten. Das nahm ihn solang in Anspruch, bis er Hunger verspürte. Dann ging er ins Häuschen zurück und aß seinen Brei, unbekümmert, ob es schon Mittag war oder nicht. Er hatte keine andere Uhr als seinen Magen, wenn der sich bemerkbar machte, dann aß er. Nach der Mahlzeit grub er in seinem kleinen Gärtchen und setzte abgebrochene Blumen hinein, dann fiel ihm wieder das Gespräch mit der Mutter und ihr trauriges Gesicht ein, und er mußte stark nachdenken, wie es wäre, wenn's anders wäre. Das wollte dem Jockele nicht recht einleuchten, daß es gar nicht möglich sein sollte, den Vater wieder zu holen. Man mußte nur suchen, bis man ihn fand, und ihm dann sagen, daß die Mutter seinetwegen so seufze, dann würde er schon mitkommen. Wenn er nur gewußt hätte, wo hinaus man gehen müßte! Rechts ging der Weg in die Stadt, dort war er nicht, denn die Mutter ging ja so oft dorthin und hatte ihn noch nie gesehen, links kam man in einen großen Wald und vor ihm und hinter ihm dehnte sich weithin das Ackerland aus. Jockele nahm sich vor, alle Leute, die des Wegs daher kämen, zu fragen, vielleicht hatte doch einer den Vater gesehen. Es kam aber lang niemand. Erst gegen Abend kam die Kräuterliese mit einem Korb voll Hagebutten aus dem Wald. Die lachte nur auf Jockeles Frage: »O Kind,« sagte sie, »das weiß nur der liebe Herrgott, wo dein Vater hin ist! Guck, dahinten am Wald kommt gerade der Mond herauf, wenn man da hinaufsteigen und heruntersehen könnte, da könnte man ihn vielleicht finden. Sei du nur froh, Büblein, daß du allein mit deiner Mutter bist, so ein Gutedel, wie dein Vater war!« Damit trottete sie weiter. Jockele wußte nicht, was ein Gutedel sei, es war ihm auch eins, er hatte nur verstanden, daß man vom Mond aus vielleicht sehen könnte, wo der Vater sei, und da gerade jetzt die leuchtende Kugel ganz hinten am Berg heraufkam, so dachte er, wenn man nur schnell auf den Berg liefe, so könnte man ganz leicht hineinsteigen. Das war ja nicht sehr weit, bis die Mutter heimkäme, konnte man wieder zurück sein.

Jockele besann sich nicht lang, er lief nur noch schnell ins Haus und holte sich seine Kappe, dann zog er aus, gerade auf den Mond zu, in den dichten Wald hinein. Er war schon ein gutes Stück fortmarschiert, der Weg ging längst zwischen hohen Tannen dahin, nun machte er eine scharfe Biegung; von dort aus kam man nicht zum Mond, merkte Jockele, so verließ er die Straße und schlüpfte zwischen den Bäumen durch, immer das silberne Licht im Auge, das da durchschimmerte. Es stieg höher und höher, nun schwebte die silberne Kugel hoch über den Tannen, sonst war es ganz dunkel geworden. Das erschreckte den Jockele, so hoch hinauf konnte er nicht klettern, das sah er wohl und er mußte nun wohl wieder umkehren. Aber woher war er denn gekommen und wo war denn die Straße geblieben? Jockele fing an zu laufen, immer — immerfort, nur wußte er nicht, daß es gerade die verkehrte Richtung war, die er eingeschlagen hatte. Der Wald wollte gar kein Ende nehmen, die Füße taten ihm weh und er hatte auch Hunger. Da lichtete sich plötzlich das Dickicht, er stand an einem Kreuzweg, den er noch nie gesehen hatte und daran war ein Wegzeiger mit einem Ruhebänklein drunter. Es war auch ganz hell, denn der Mond stand jetzt ganz hoch am Himmel und lachte dem Jockele freundlich zu. Das tröstete das verlassene Büblein wieder ein wenig; nun wollte er immer auf dem Weg fortlaufen, bis der Wald ein Ende hatte, und am Ende des Waldes sah man ja schon das Häuslein, wo die Mutter war. Nur vorher ein wenig ausruhen mußte der Jockele, er war sehr müde geworden; so setzte er sich auf das Bänkchen, lehnte den Lockenkopf an den Wegzeiger — und schlief ein, süß und fest.

»Hü, Schimmel, vorwärts,« schallte es durch den Wald, eine Peitsche knallte und ein schwerer Wagen knarrte auf der stillen Straße. Ein weißer Spitzerhund sprang bellend voran, plötzlich blieb er stehen, umschnüffelte das Ruhebänklein von allen Seiten und schlug ein solch lebhaftes Gekläff an, daß der Fuhrmann verwundert seine Pfeife aus dem Mund nahm: »Was hast du nur, Spitz?« fragte er, aber da sah er auch schon das schlafende Büblein, das sich durch keinen Lärm in seiner Ruhe hatte stören lassen. »Potz tausend,« sagte der Sonnenwirt von Kaltenbach, das war der Fuhrmann, und kratzte sich hinter den Ohren, »was macht man jetzt da? Ich schätz', das Büble kann man nicht so allein liegen lassen, es muß ja doch einem gehören!« Er war abgestiegen und zupfte den Jockele an seinem Lockenhaar. »Wem g'hörst, Kleiner?« »Meiner Mutter,« sagte der Kleine und blinzelte schlaftrunken in das Licht der Wagenlaterne, mit der ihn der Sonnenwirt beleuchtete. »Wie heißt denn?« ging das Examen weiter. »Jockele,« war die Antwort. »Wie weiter, du mußt doch auch sonst noch einen Namen haben? Ruhig, Spitz, kusch dich,« sagte der Sonnenwirt, als er sah, daß Jockele mit ängstlichen Augen auf den Hund sah. »Nein, sonst heiße ich nichts mehr,« sagte der Jockele nun bestimmt. Er war völlig wach geworden und sah groß um sich. »Ja, wo willst denn hin heut nacht noch und wo wohnst du?« Jetzt fiel dem Jockele wieder alles ein. »Drum hab' ich wollen geschwind in den Mond hineinsteigen, ob ich mein' Vater nicht sehe, aber er ist so hoch hinaufgestiegen, da hab' ich nimmer weiter können. Und jetzt muß ich ganz schnell heim zur Mutter, sie ist jetzt daheim. Zeig' mir den Weg, ich weiß ihn nimmer,« sagte er ganz unerschrocken. Der Sonnenwirt war ein bißchen ängstlich geworden, er betrachtete den Buben forschend, ob er im Fieber spreche oder am Ende einen »Mondstich« habe. Der stand aber schon auf den Füßen und faßte nach seiner Hand und sah so hell um sich, krank oder verwirrt war der nicht, das sah man wohl.

»Jetzt will ich dir etwas sagen, Büble,« sagte der Sonnenwirt nach kurzem Bedenken, »heim kannst du heut nacht nimmer, du weißt den Weg nicht und ich auch nicht und 's ist schon nach Mitternacht. Jetzt sitzst du da hinauf auf mein' Wagen und kommst mit mir heim in mein Haus, da kannst bei mir schlafen.« Der Kleine ließ sich willig in den Wagen heben, wo ihm der Sonnenwirt ein Lager von Säcken machte, und schlief bald wieder weiter, fest und tief. Er erwachte auch nicht, als ihn sein Beschützer aus dem Wagen nahm und ins Haus hineintrug, auch nicht, als er entkleidet und in das mächtig große Himmelbett gelegt wurde. Er schlief noch lang in den hellen Morgen hinein. Als er erwachte, saß in dem Großvaterstuhl an seinem Bett eine alte Frau, die hatte die Hände und Füße dick mit Tüchern umwickelt und betrachtete ihn aufmerksam. Der Sonnenwirt ging auch schon mit schwerem Tritt in der Stube auf und ab.

»Und ich sage dir, das ist dem Daniel sein Bub' und kein anderer,« sagte die Sonnenwirtin, denn sie war es, die in dem Großvaterstuhl saß, »so sieh doch nur einmal die Augen an und das Kraushaar und das ganze Gesicht, der ausgeschnittene Daniel.« »Was weiß man denn, was man sich da bei der Nacht ins Haus führt,« sagte der Sonnenwirt mürrisch, »so ist's, wenn man so ein mitleidiges Herz hat! Und jetzt wie machen, daß man den kleinen Racker wieder los wird?« »Sag' jetzt einmal, Büble,« sagte die Sonnenwirtin, als sie sah, daß der Jockele erwacht war und mit großen Augen um sich sah, »sag' jetzt einmal, wie deine Mutter heißt und wer dein Vater ist und warum du ihn hast suchen wollen.« Sofort richtete sich der Jockele auf und berichtete haarklein das Gespräch mit der Mutter, und wie er am Abend ausgezogen sei, den Vater zu suchen, und verschwieg auch nicht, daß er eben gar keinen anderen Wunsch habe, als daß die Mutter wieder immer bei ihm sei.

Das Ehepaar sah einander an, da war ja gar kein Zweifel mehr, das war ihr Enkelein; ganz genau das verjüngte Abbild des Sohnes, der einst ihres Herzens Freude und nun der Kummer ihrer alten Tage war. »Warum hast du deine Händ' so eingewickelt und deine Füß?« unterbrach Jockele, der nicht lang still sein konnte, das verlegene Schweigen der beiden Alten. »Weil ich die Gicht drin habe und so arge Schmerzen,« seufzte die Sonnenwirtin. »Meine Mutter kann einem immer wieder wohl machen, wenn's einem weh tut,« sagte Jockele mitleidig, »ich will's ihr nur sagen, so kommt sie zu dir; soll sie?«

Die Alten sahen einander wieder an, es hatte jedes so seine Gedanken für sich und mochte doch nicht anfangen, sie auszusprechen. »Meine Mutter kann gut laufen, der tun die Füße nicht weh und die Hände auch nicht, sie kann den ganzen Tag schaffen; kannst du gar nicht?« Jockele wurde plötzlich von einem großen Mitleid erfaßt, daß die Sonnenwirtin nun so den ganzen Tag dasitzen müsse und sich nicht rühren könne, und er hätte ihr am liebsten sogleich die Mutter hergebracht, die nach seiner Meinung für alle Schäden Rat und Hilfe wußte. »Nein, du gut's Büblein, ich kann nicht laufen und nicht schaffen, alles tut mir weh,« sagte die Sonnenwirtin; »aber da wollt' ich noch gar nicht klagen, das könnt' ich schon aushalten, aber der ärgste Schmerz, der sitzt mir da drinnen, da hab' ich einen Kummer, und da kann mir niemand helfen,« und dabei machte sie gerade so ein trostloses Gesicht, wie die Mutter gestern früh. »Ach laß doch, das versteht so ein Kleines nicht,« sagte der Mann ein bißchen brummig, aber Jockele wußte gut, wie es war, wenn man einen Kummer hatte, die Mutter hatte ja auch einen; so sagte er ganz verständnisvoll: »Die Mutter hat gesagt, ich soll nur brav sein und immer folgen, dann werde sie auch wieder fröhlich. Hast du kein Büble?« »Das ist ja gerad' mein Kummer, daß ich einmal eins gehabt habe und als es groß war, ist's von mir fortgegangen, weit, weit in die Welt hinaus, kein Mensch weiß, wohin.« »Der liebe Gott weiß es aber doch, die Mutter hat's gesagt, der wisse alles. Die Kräuterliese hat gesagt, man könne es auch sehen, wenn man in den Mond steigt und heruntersieht, aber ich komme nicht hinauf. Vielleicht könntest du mit einer Leiter hinauf,« wandte sich Jockele an den Sonnenwirt.

Die Alten mußten ein wenig lachen bei dem Vorschlag, die Frau aber zupfte ihren Ehegatten verstohlen am Ärmel: »Mein', was das für ein gescheiter Kerl ist und so weichherzig. Ich hätte so meine Gedanken; den hast du nicht umsonst heut nacht finden müssen. Das Weib muß sich plagen und schinden, die wäre am Ende froh, wenn wir für den Buben sorgten. Jockele, willst du nicht bei uns bleiben und unser Büble sein, da hättest du's gut und dürftest mit den Gäulen fahren und kriegtest zu essen, was du magst?« Sie zog bei diesen Worten den Kleinen näher an sich und sah ihn erwartungsvoll an. Auch der Sonnenwirt machte ein gespanntes Gesicht und stellte sich vor die beiden hin. Jockele war gleich fertig mit seinem Entschluß. »Ja, das will ich ganz gern,« sagte er bereitwillig, »so komm, so wollen wir gleich fortfahren und die Mutter holen. Kann sie dann auch immer mit den Gäulen fahren und alles so gut haben?« So war's nicht gemeint gewesen, die Alten hatten nur das Büblein gewollt, die Mutter aber nicht; sie sahen sich ein wenig verblüfft an, der Jockele fuhr aber fort: »und dann macht sie auch gleich, daß deine Hände und Füße nicht mehr so arg weh tun müssen und — sie kann dann auch deine Stube ein wenig sauber machen, die Mutter macht immer alles ganz sauber.« »Der weiß, wie eine Sache sein muß,« sagte beifällig der Sonnenwirt, »der hat nicht umsonst so helle Augen im Kopf!« Es war wahr, es sah nicht am schönsten aus in der Schlafstube; seit die Frau immer von Gicht geplagt war und selber nichts tun konnte, ging es mit der Haushaltung ein wenig zurück. Die Mägde hatten mit dem Feld und dem Vieh und der Wirtschaft zu tun, es war da auch nicht, wie es sein sollte. Da hätten ein paar junge Hände und Füße und ein guter Wille vieles zu bessern und zu helfen gefunden. Die Gedanken gingen in aller Eile durch die Köpfe der beiden Gatten, sie wußten aber nicht recht, was sie dazu sagen sollten, so schwiegen sie wieder still.

Das war nicht nach Jockeles Geschmack, der immer auf alle seine Fragen von der Mutter Antwort bekam. Er sprang eifrig aus dem Bett, fing an, sich anzuziehen und ermahnte den Sonnenwirt noch einmal: »So komm doch und mach' dich auch fertig, ich muß jetzt gleich zur Mutter, sie hat sonst Angst, wenn ich so lang nicht heimkomme.« Jetzt fing der Mann endlich an zu reden, er hatte einen großen Anlauf dazu nehmen müssen: »Weißt, Büblein,« sagte er, »deine Mutter will gar nicht zu uns, zu so alten Leuten, die will lieber immer in die Stadt gehen und nähen, du könntest ganz gut allein bei uns bleiben, dann wäre ich dein Großvater und das deine Großmutter. Paß auf, wieviel Schönes du da findest, ich kaufe dir eine Trommel und eine Peitsche und was du sonst noch willst.« »Nein, nein, das will meine Mutter gar nicht, sie will nur bei mir bleiben,« sagte Jockele entrüstet. »Und ich habe auch selber einen Großvater und eine Großmutter, ich muß alle Abend beten: Und mach' auch, lieber Gott, daß meine Großeltern nicht mehr bös sind auf die Mutter und mich.« »So, so, das betest du? Ja warum sind denn die Großeltern bös auf euch?« fragte die Frau, es war ein eigentümlicher Ausdruck in ihr Gesicht gekommen, man wußte nicht, ob sie lachen oder weinen wollte. »Weil sie so reich sind und so viel Geld haben, und meine Mutter hat keins und ich auch nicht, deswegen wollen sie uns gar nicht sehen. Aber der liebe Gott kann schon noch machen, daß sie uns noch lieb haben, hat die Mutter gesagt. Und ich muß sie auch lieb haben, denn sie sind so arm, weil sie keinen Menschen mehr haben, der ihnen gehört,« berichtete Jockele ernsthaft. Der Sonnenwirtin waren Tränen in die Augen getreten, und ihr Gatte ging mit starken Schritten auf und ab und räusperte sich stark.

Der Sonnenwirt blieb vor dem Jockele stehen, strich ihm mit der Hand über das Lockenhaar und sagte: »Geh du jetzt nur einmal hinaus und sag der Küchenmagd, daß sie dir ein großes Butterbrot und eine Schüssel Milch geben soll. Und dann gehst du zu dem Johann in den Stall und siehst, ob die Gäule schon gefressen haben. Ich rufe dir dann, wann ich fertig bin.« Das war eine neue Aussicht! Jockele ging eifrig auf den Vorschlag ein, und nun waren die Alten allein. »Was sagst du jetzt dazu, Mann? so red' doch auch ein Wort,« fing endlich die Frau an, als der Sonnenwirt immer am Fenster stand und so angelegentlich hinaussah, als ob da draußen etwas ganz Neues, Interessantes zu sehen wäre. Der Angeredete drehte sich um: »Das sag' ich dazu, daß wir alle beide uns selber den größten Schaden täten, wenn wir das Büblein nicht zu uns nähmen. Ist's doch unser leibhaftiges Enkelein, und ich meine, wir haben nicht viel übriges an eigenen Leuten. Der Bub hat mir ganz wohl gemacht, so etwas haben wir schon lang nicht mehr um uns gehabt.« »Aber die Mutter, die Judith?« warf die Frau zweifelnd ein; »du siehst's ja, der Bub will nicht bei uns sein ohne sie und sie selber — ich sag' dir, die gibt das Kind nicht her und wenn man ihr die Stube mit Talern pflastern wollte.«

»Ja, siehst du,« der Sonnenwirt stockte ein wenig, es fiel ihm gerade nicht leicht, das zu sagen, was er jetzt wollte — »siehst du, mit der Judith — ich hab' schon oft gedacht, ob wir nicht doch einen Fehler gemacht haben mit ihr. Sie soll so brav sein und fleißig, hab' ich schon oft sagen hören, und wenn ich sehe, wie sie den Buben aufzieht und lehrt ihn gegen uns auch gar keinen Groll und Zorn hegen, es ist ein Prachtskerl! Und dann hab' ich gedacht, sie hat junge Füße und Hände und könnte bei uns nach dem Rechten sehen, wenn du doch nicht fort kannst!« Die Sonnenwirtin ließ den Mann nicht ausreden. »Komm her zu mir, Alter,« sagte sie, »und gib mir eine Hand! Wenn die Judith will — und wegen dem Kind wird sie wohl wollen, so soll sie uns Gottwillkommen sein im Haus. Und jetzt spanne nur gleich ein, ich denke nicht, es könnte uns gereuen, aber denk, in was für einer Angst das Weib sein muß um den kleinen Buben. Das muß ihr ja fast das Herz abdrücken!«

Es dauerte kaum fünf Minuten, so standen die stattlichen Braunen im Geschirr vor dem Bernerwägele, und Jockele saß stolz auf dem Kutscherbock und hatte die Zügel in den Händen. »Da sieh, was das für einen Fuhrwerker gibt,« sagte der Sonnenwirt wohlgefällig zu seiner Frau, die sich nicht satt sehen konnte an dem Buben. »Bring ihn auch gewiß wieder mit, komm mir nicht heim ohne ihn,« sagte sie immer wieder, sie wäre am liebsten selbst mitgefahren. »Ich sag's ihm erst unterwegs, daß wir die Großeltern sind, ich muß ihn vorher noch zutraulicher machen,« sagte der Sonnenwirt beim Abschied. Er nahm sich vor, beim Krämer des großen Marktfleckens, durch den sie zu fahren hatten, allerlei einzukaufen, was ein Kinderherz erfreuen konnte. Der alte Mann hatte plötzlich in seinem Herzen einen ganzen Schatz von Liebe für den helläugigen Burschen entdeckt, es war ihm ganz warm geworden davon. Jockele sah aber nicht aus, als ob er zutraulich gemacht werden müßte. Er lachte mit dem ganzen Gesicht, als die Braunen anzogen! »Adieu, wir kommen ganz bald wieder und bringen die Mutter mit,« rief er der nachschauenden Sonnenwirtin fröhlich zu bei der Abfahrt. Dann entschwand das Fuhrwerk ihren Blicken.

Frau Judith war in großem Jammer gewesen, als sie bei ihrer Heimkunft das Häuschen leer fand und auch ihr Büblein nicht an seinem gewohnten Spielplatz am Bächlein entdecken konnte. Sie hatte überall gesucht, wo sie nur denken konnte, daß er möglicherweise zu finden sein könnte. Bis in die tiefe Nacht hinein war sie gelaufen und gelaufen, an den Erdbeerplatz im Wald, wo sie mit Jockele einmal gewesen war, ins nächste Dorf, wo er schon mit ihr in einige Kundenhäuser gegangen war — umsonst. Niemand hatte den Kleinen gesehen, keine Spur fand sich von ihm. Sie kehrte immer wieder ins Häuschen zurück, jedes Winkelchen aussuchend, wohl hundertmal seinen Namen rufend. Dann machte sie der Jammer ganz starr. Auf dem Bänklein vor dem Haus saß sie vollends die ganze Nacht, zusammenfahrend, so oft ein Vögelein schlaftrunken in seinem Nest zwitscherte oder ein fernes Wagengerassel sich hören ließ. »Das ist eine Strafe von Gott, der dir jetzt auch noch dein einziges Kind wegnimmt, wie du den Eltern deines Mannes das einzige Kind genommen hast,« kam es über sie und wieder ging sie ruhelos auf und ab und rief lauthin durch die Nacht: »Jockele, mein Büble, wo bist du?« — bis sie, übermüdet, auf dem Bänklein einschlief, noch im Halbschlaf betend, als säße sie am Bettchen ihres Kindes: »Breit aus die Flügel beide, o Jesu meine Freude, und nimm dein Küchlein ein. Will es der Feind verschlingen, so laß die Englein singen: Dies Kind soll unverletzet sein!«

Die Sonne stand hoch am Himmel. Frau Judith hatte sich eben zum Fortgehen gerüstet. Sie wollte in alle Nachbardörfer gehen und Anzeige machen; spurlos konnte ja doch so ein Kind nicht verschwinden. Da fuhr mit lautem Peitschenknall ein Wagen vor dem Häuschen vor und — Frau Judith mußte sich am Tisch halten, so zitterte ihr das Herz vor Freude — schon von weitem hallte laut die fröhliche Stimme ihres Bübleins: »Mutterle, Mutterle! da bin ich und das ist der Großvater und bös ist er gar nicht mehr!« Das war ein fröhliches Wiedersehen! Frau Judith verstand's zwar nicht gleich, was es heißen sollte, als Jockele anfing zu erzählen: »Weißt, Mutterle, zuerst habe ich wollen in den Mond hineinsteigen und den Vater suchen, aber ich habe dann doch nicht können — und dann ist der Großvater gekommen, aber ich habe nicht gewußt, daß er's ist, und dann habe ich in der Sonne geschlafen, die gehört dem Großvater. Und du mußt jetzt gleich mitkommen und machen, daß der Großmutter ihre Hände und Füße nicht mehr so wehe tun« — aber der Großvater wird's ihr ja wohl erklärt haben. Wenigstens fuhren auf dem Bernerwägelein drei fröhliche Menschen der Sonne zu und haben nachher einander die Heimat darinnen lieb und wert gemacht.