Die Schulkinder von Rötenberg hatten heute einen wichtigen Tag. Zuerst war am Morgen keine Schule gewesen, weil der alte Herr Schullehrer schon gestern abgereist war, um seine neue Stelle an der Stadtschule anzutreten. Und nun, am Nachmittag, gab es ungeheuer viel zu sehen, da konnte man das Schulhaus keinen Augenblick aus den Augen lassen.
Denn da sollte der neue Lehrer einziehen, der nun jede Minute ankommen konnte, und damit hing vielerlei Merkwürdiges zusammen. Vor einer Stunde war der hochbepackte Frachtwagen angekommen und mit ihm, vorn auf dem Kutschbock beim Fuhrmann sitzend, ein junges Mädchen, das flink abgestiegen war und nun schon tüchtig unter den Möbeln und Betten hantierte. Der Fuhrmann half beim Abladen und der Kirchendiener mit seinem Weib war gleichfalls zur Hilfe angestellt und die Schuljugend hatte es wichtig mit dem Zusehen. Das junge Mädchen war die Schwester des neuen Lehrers und sie wollte bei ihm bleiben und ihm den Haushalt führen, denn er hatte keine Frau. Da mußte man sie schon aufmerksam betrachten. Sie trug ein einfaches blaues Kleid und hatte einen dicken braunen Zopf hinten aufgesteckt und ihr Gesicht sah ernsthaft, aber gar nicht unfreundlich aus. Zur Arbeit hatte sie eine große gestreifte Schürze angezogen und jetzt wendete sie sich an die müßigen Buben und Mädchen: »Höret, wenn ihr so gut Zeit habet, so könnet ihr mir ein bißchen helfen. Da, die vielen Blumentöpfe stellt man hinten in den Garten, alle auf das niedrige Mäuerchen. Und die Besen und Kochtöpfe könnet ihr in die Küche tragen, ihr habt junge Füße. Halt, nicht alle auf einmal. Zwei Buben und zwei Mädchen, das ist genug. Wer will?«
Es gab eine Verlegenheitspause. Die Mädchen zupften an ihren Schürzen und kicherten und die Buben stießen und pufften einander, aber helfen wollten sie doch gern, sie mochten es nur nicht sagen. Fräulein Margret kannte das aber schon. Sie suchte sich ein paar feste Buben aus und unter den Mädchen zwei, die schon ein wenig verständig und besonnen aussahen; die andern tröstete sie: »An euch kommt's schon auch noch. Wenn es dann Holz zu tragen gibt, dann kann man viele Helfer brauchen.«
Die Auserwählten gingen mit Eifer ans Werk und die Arbeit schritt rüstig voran.
Das Schulhaus war groß, aber alt und ein wenig verwahrlost. Es sah nicht besonders freundlich aus mit seinen trüben Fenstern und dem wackeligen Lattenzaun am Vorgärtchen. Jetzt war noch Frühjahr, und der Garten, der dieses Jahr noch gar nicht angepflanzt war, machte auch einen unordentlichen Eindruck. Wer wollte, konnte hier viel zu tun finden. Fräulein Margret sah sich um und machte nicht gerade ein erfreutes Gesicht. Es werde schon eine Weile dauern, bis man sich hier heimisch fühlen könne, dachte sie. Da sah sie, ein wenig entfernt von den andern Kindern stehend, einen barfüßigen Buben, der am Zaun lehnte. Er stand ganz allein und sein Gesicht sah mindestens so aus, als ob er sich nicht heimisch fühlen könne. Als das junge Mädchen sich die Hilfstruppen ausgewählt hatte, war er ein bißchen näher hergekommen. Er hätte sich auch gern anstellen lassen. Aber man hatte ihn nicht bemerkt und so war er wieder an den Zaun zurückgekehrt. Fräulein Margret mußte noch ein paarmal zu ihm hinübersehen. Er hatte rotes Haar und ein sommersprossiges Gesicht und mit den Zähnen biß er fest auf die Unterlippe. »Wer ist der Bub? Warum steht er ganz allein und abseits von den andern?« fragte Fräulein Margret einmal das Mädchen, das ihr einen Korb tragen half. Das Mädchen machte ein geringschätziges Gesicht. »O, das ist der Geißlipp,« sagte sie. »Der weiß, warum er so allein ist. Es will keiner etwas von ihm wissen, er ist unartig für zwei und faul für drei. So hat immer der Herr Lehrer gesagt.« Fräulein Margret sagte nichts auf den Bericht. Es gab jetzt gerade so viel zu tun und dann mißfiel ihr auch das Urteil.
Jetzt entstand eine Bewegung auf dem freien Platz vor dem Hause. Denn um die Ecke am Rathaus war eben ein offenes Fuhrwerk gefahren und darin saß der Herr Lehrer und noch der Schultheiß und der Stiftungspfleger, die ihn an der Bahn abgeholt hatten. Fräulein Margret winkte grüßend zum Fenster heraus und die Schuljugend ballte sich auf einen Knäuel zusammen, denn jetzt wollte keines gern ganz vornen stehen. Das war der ganze Empfang. Er war nicht besonders festlich, aber man war es eben in Rötenberg nicht anders gewöhnt. Der Herr Lehrer stieg aus, schüttelte den Männern noch die Hand und dann schritt er auf das Haus zu.
Zum Fürchten sah er nicht gerade aus. Er war ein bißchen klein und hatte ein freundliches, rundes Gesicht und blondes Haar. Der alte Lehrer hatte einen langen schwarzen Bart gehabt. Die kecksten Buben sagten schon untereinander: »Der tut einem nichts,« da wandte sich der Lehrer noch einmal um und sah sich sein Häuflein prüfend an. »Grüß Gott, ihr Kinder,« sagte er. »Morgen kommen wir dann schon zusammen, da wollen wir einander dann kennen lernen.« Ein paar von den Buben rissen jetzt noch die Kappen herunter und dann zerstreute sich die Schar nach und nach. Denn für heute gab es da nichts Besonderes mehr zu erfahren.
Es war am späten Abend dieses Tages. Vom Kirchturm her hallte die Betglocke. Da und dort trieb noch ein Knecht seine Kühe vom Brunnen in den Stall und knallte so ein wenig dazu mit der Peitsche. Die Hauptstraße herauf kam langsam der Botenfuhrmann mit seinem hochbepackten Wagen und den festen Gäulen davor gefahren und unter den Haustüren saßen die Leute und hatten Feierabend. Vor dem Schulhaus sah man nichts mehr, was an den Einzug hätte erinnern können. Die Schulkinder hatten ihre Hilfeleistung damit beschlossen, daß sie den Platz schön reingekehrt hatten. Und dann waren sie mit vergnügten Gesichtern abgezogen, denn sie hatten ja nicht umsonst geschafft. »Der Lehrer ist brav, da ist mir's nicht angst,« sagte des Polizeidieners Andres zu seinem Kameraden. »Aber seine Schwester ist eine Stolze,« meinte der, »ich bin schon froh, daß man nicht zu ihr in die Schule muß.« Das war auf dem Heimweg gewesen. Eben kamen sie an dem kleinen Häuschen vorbei, in dem der Geißlipp wohnte. Eigentlich hieß er Philipp Berner und sein Vater hieß auch so. Aber er hieß im ganzen Dorfe nur der Geißlipp, weil er hinten in dem Bretterverschlag am Häuschen zwei Geißen stehen hatte, die sein ganzer Reichtum waren. Der Vater arbeitete im Taglohn bei der Gemeinde und der Sohn versorgte neben der Schule her die zwei Geißen. Und beide waren sie nicht beliebt im Dorf. Der Geißlipp saß, als die Buben herankamen, auf dem Bänkchen an der niedrigen Haustür. Er hatte einen Tafelscherben auf den Knien und kritzelte darauf. Als er die Kameraden sah, fuhr er schnell mit der Hand darüber, denn sie sollten nicht sehen, was er tat. Die andern aber blieben nicht bei ihm stehen. »Du kannst dich dann in acht nehmen morgen,« rief des Bachbauern Jakob herüber. »Der Lehrer wird's bald wissen, was du für einer bist.« »Ja und an deinem Namen steht im Buch ein rotes Kreuz, der Büttel hat's gesagt, der hat's gesehen,« fügte Andreas hinzu. »Dich möcht' ich nicht sein.«
Der Geißlipp fuhr mit der Hand in die Tasche und brachte einen Stein heraus. Das mußte aber den andern nichts Neues sein, denn sie merkten gleich, was er wollte, und verschwanden schnell hinter der Hecke. Da war der Geißlipp wieder allein. Er ließ den Stein fallen und biß die Zähne wieder übereinander. »Ich krieg euch doch noch,« murmelte er dann. »Ich finde dann schon noch etwas aus, daß ihr eine Weile genug habt.« Aus dem Häuschen rief eine tiefe Stimme: »Marsch herein jetzt ins Bett.« Das war der Vater, der sich schon zur Ruhe begeben hatte. Da verbarg der Bub seinen Tafelscherben in einem sicheren Versteck und ging ins Haus.
Die beiden sprachen nicht viel miteinander. Der Vater war ein finsterer, wortkarger Mann. Er war einmal, als sein Sohn noch ganz klein war, ein paar Jahre im Zuchthaus gewesen, weil er im Zorn einen verwundet hatte. In der Zeit war sein Weib gestorben und den Kleinen hob man so lang im Armenhaus auf. Seit der Vater wieder da war, lebten die zwei miteinander in dem Häuschen und waren fast mit niemand gut Freund. Der Sohn wußte es gar nicht anders, als daß er ein böser Bube sei, vor dem man sich in acht nehmen müsse. Das hatten die Leute schon zu ihm gesagt, seit er sich denken konnte. »Der wird gerade wie sein Vater,« sagten sie. Und Philipp gab sich gar keine Mühe, anders zu sein, als so, wie er war. Wenn ihn die andern Buben neckten und höhnten, so fuhr er unter sie mit geballten Fäusten oder warf mit Steinen und es gab fast keinen in der Schule, dem er nicht schon einen Schabernack angetan hatte. So kam es denn, daß auch der Lehrer kein Freund des Geißlipp gewesen war, und er zweifelte gar nicht, daß das mit dem neuen ebenso werden würde. Nämlich so, daß er fast jeden Tag irgend eine Strafe bekommen und im übrigen der schlechteste Schüler sein werde. Er ging jetzt drei Jahre in die Schule und seither war es immer so gewesen. Manchmal blieb er dann auch ein paar Tage ganz weg, bis der Vater dahinterkam und ihn hineintrieb.
Jetzt kroch der Sohn in sein Bett. Er hatte ein gutes, eigenes, denn es war das seiner Mutter. Aber es sagte ihm niemand freundlich und liebevoll gute Nacht und so war sein Gesicht auch im Schlaf noch finster.
Es war eine Woche später. Fräulein Margret hantierte emsig im Garten. Dort waren am Tag vorher die Beete umgegraben worden und nun mußte sie sich tüchtig umtun, daß da etwas hineinkomme. Sie sah überhaupt so viel Arbeit vor sich für die nächste Zeit, daß sie kaum wußte, wo anfangen. Aber es machte ihr Freude, so fleißig zu sein. Denn sie hatte seither fremden Leuten gedient und nun hatte sie ein eigenes Reich und konnte mit ihrem Bruder darin wohnen. Es wurde ihr immer heimlicher in dem alten Schulhaus. Sie war jetzt mit ihrem Samensäckchen ganz nahe an den Lattenzaun hergekommen, da sah sie zwischen den Stäben, fest an den Zaun gedrückt, den gleichen Bubenkopf in den Garten hereinstarren, der ihr beim Einzug schon aufgefallen war. »Faul für zwei und unartig für drei,« hatte das Mädchen damals gesagt. Das fiel dem Fräulein nun ein. Von der Schule her tönte Gesang, sie war noch lange nicht aus. Also hatte der Junge den Unterricht geschwänzt.
Als er sah, daß Fräulein Margret den Kopf nach ihm hinwandte, drehte der Geißlipp sich langsam um und wollte davonschleichen.
Aber Fräulein Margret hatte nicht im Sinn, ihn nur so laufen zu lassen. »Halt einmal,« rief sie. »Warum läufst du mir davon? Ich tue dir ja sicher nichts.« Der Bube blieb stehen und sah sich zweifelnd um, was er nun tun solle. »Komm hierher,« fuhr Fräulein Margret fort, »hast du mir zusehen wollen? Oder hättest du gern etwas gehabt?« Der Geißlipp schüttelte nur stumm den Kopf und sah scheu auf. Merkwürdig, Fräulein Margret dachte nun gar nicht, daß das unartig von dem Buben sei, ihr keine Antwort zu geben; sie streckte die Hand durch den Lattenzaun und bot sie dem Geißlipp. »Du kannst durch das Türchen hereinkommen,« sagte sie. »Ich könnte gerade einen Helfer brauchen, der den Korb voll Steine und Unkraut mit mir wegträgt. Willst du?« Der Geißlipp drehte den Kopf nach der Richtung hin, aus der die Töne des Gesangs herkamen, und sah unsicher aus. Er wäre gern hereingekommen, aber er konnte ja nicht, er hätte vom Lehrer entdeckt werden können. »Jetzt will ich dir etwas sagen,« sagte Fräulein Margret. »Du hast die Schule geschwänzt, gelt? Und jetzt mußt du Angst haben, gesehen zu werden und Strafe zu bekommen. Ist's nicht so?« Der Bube nickte nur und hob schon den Fuß zum Davonlaufen, aber Fräulein Margret machte gar kein drohendes Gesicht. Und sie fuhr auch gleich fort: »Du mußt mir sagen warum du das tust. Denn es freut dich selber nicht, das sieht man deutlich an deinem Gesicht. Gelt, es wäre dir selber auch lieber, wenn du wie die andern ordentlich in der Schule sitzen würdest und man dann auch eine Freude an dir haben könnte?« Diesen letzteren Fall konnte sich nun der Geißlipp nicht recht vorstellen, es hatte noch nie jemand eine Freude an ihm gehabt. Er wollte aber nun doch Antwort geben und sagte: »Der Lehrer haut mich, wenn ich hineingehe. Der Schulzenfritz findet seine Kappe nimmer und sie sagen alle, ich habe sie genommen. Sie haben's schon dem Lehrer gesagt.«
»Und es ist nicht wahr?« fragte Fräulein Margret.
Der Geißlipp schüttelte den Kopf und biß sich auf die Unterlippe.
»Dann sag's doch dem Lehrer, daß es nicht wahr ist,« ermunterte sie. »Siehst du, ich glaub dir's, daß du die Kappe nicht hast, und er glaubt dir's auch, sicher.«
Der Geißlipp sah erstaunt auf. So etwas sagte sonst niemand zu ihm. Ganz einfach: »ich glaub dir's, daß du es nicht getan hast.« Er hätte es laut hinausschreien mögen. Aber es kam nicht heraus.
»Und jetzt kommst du da herein und hilfst mir den Korb tragen,« sagte Fräulein Margret. »Wenn dich der Lehrer sieht, sagen wir ihm, wie es ist. Und heute nachmittag gehst du in die Schule. Er glaubt dir, wenn du sagst, was wahr ist, ich verspreche dir's.«
Dem Geißlipp war zumute, als ob es sich auf einmal wieder verlohne, zu leben. Er kam in den Garten herein und half den Korb tragen, und als er die vielen Brennesseln hinten an der Mauer sah, sagte er: »Die Geißen fressen's erst noch gern und« — er wurde rot. Er hatte noch sagen wollen: »Ich will sie alle herausreißen, daß da der Platz sauber wird.« Aber es fiel ihm ein wenig schwer, so viel zu sagen. Fräulein Margret hatte aber eine merkwürdige Gabe, auch das nicht Ausgesprochene zu verstehen. Sie sagte freundlich: »Ja, so komm dann morgen nachmittag. Da hast du frei. Es ist uns beiden geholfen, wenn du die Nesseln holst.«
Jetzt mußte sie ins Haus, denn da erschien eine Bäuerin unter der Tür. Diese trug eine Schüssel mit Mehl und hatte Eier in der Schürze und ein Anliegen wegen ihrer drei Buben auf dem Herzen. Sie warf einen erstaunten Blick auf den Geißlipp, der da im Garten stand und sagte zu Fräulein Margret: »Das ist ein Heimtückischer, vor dem muß man sich in acht nehmen. Das ganze Dorf kann davon sagen.« Fräulein Margret sah gar nicht so aus, als ob sie sich nun auch vor dem Heimtücker in acht nehmen wolle. Sie hatte ganz andere Gedanken. Aber sie sagte nur ruhig: »So viel ich weiß, hat der Bub keine Mutter. Da wird ein Kind leicht anders, als man es gern hätte. Man kann Gott danken, wenn man es in seiner Kindheit besser gehabt hat.« »Ist auch wahr,« gab das Weib zu, »wiewohl, bei dem Geißlipp liegt's im Blut, der Vater ist ein ganz Schlimmer.«
Der Geißlipp lag lang ausgestreckt an einem grasigen Rain. Das Grastuch mit dem Geißenfutter, das er jetzt gerade gesammelt hatte, lag daneben und die Sichel steckte im Boden. Es war ein schöner, sonniger Abend. In der blauen Luft flogen die Schwalben und haschten sich Mücklein und im Gras zirpten die Grillen, und der Geißlipp sah den weißen, ziehenden Wolken nach. Vom Spielplatz her tönten laute, lustige Stimmen bis hier heraus. Die Dorfkinder belustigten sich da, die großen und die kleinen, es war ein fröhliches Durcheinander von Tönen. Der Geißlipp hatte auch schon probiert, mitanzukommen, aber das Vergnügen war meist kurz gewesen. Denn wenn ihn die andern Buben zu stark geneckt hatten, so hatte er sie dann geschlagen oder mit Steinen geworfen und dann waren alle auf ihn eingedrungen. Sie hielten eben zusammen gegen ihn. Jetzt war er schon lange nicht mehr hingegangen. Es war auch so eine Art von Vergnügen, hier außen zu liegen und sich auszudenken, was für seltsame Gebilde die Wolken gaben. Da war eine große Anzahl kleiner Lämmerwölkchen, hinter denen eine einzige, große Wolke herkam. Nun stieß sie daran und nun überzog sie die kleinen. »Das könnten die Buben sein,« dachte der Geißlipp beifällig, »und das große der Lehrer mit dem Stock. Oder ein Bär, wenn's das gäbe bei uns. Ich möchte dann schon, daß sie einmal alle« — Der Geißlipp konnte seine schlimmen Gedanken nicht mehr ganz ausdenken, denn es wurden auf einmal Stimmen laut und als er aufsah, standen der Lehrer und Fräulein Margret vor ihm. Aufspringen und davonlaufen, das wäre sonst das erste gewesen bei dem Geißlipp. Heute machte er keinen Versuch dazu. Er erhob sich langsam und zupfte sich ein wenig am Haar. Das mußte als Gruß gelten, weil er keine Kappe auf hatte. Und über sein Gesicht kam ein Freudenschein, der rührte von Fräulein Margret her. Denn diese konnte gar nicht glauben, daß der Geißlipp ein so ganz verdorbener Bube sein sollte, und so oft sie ihn sah, sagte sie freundlich: »Grüß Gott, Philipp« und wußte ihn nach allem Möglichen zu fragen, was sonst niemand von ihm wissen wollte.
Sie war auch schuld, daß der Geißlipp schon seit ein paar Wochen keinen Tag mehr die Schule versäumt hatte. Denn sie hatte ihn einmal zu sich in die Laube genommen und gesagt: »So, nun merk wohl auf. Kein Mensch muß faul und ungehorsam sein, wenn er nicht will. Du auch nicht. Du mußt nicht meinen, weil du schon lang so seiest, müssest du nun immer so sein. Und fürchten mußt du dich auch nicht und vor niemand. Siehst du, etwas steckt in dir, etwas Gutes, ich kann's schon deutlich merken. Jetzt gehst du immer in die Schule und tust nur ganz ruhig, wie du sollst und denkst nicht immer daran, wo etwa Streit anzufangen wäre. Paß auf, dann wird's nach und nach besser. Und auf einmal merken es die andern auch, daß das nicht mehr der alte Philipp ist, sondern ein anderer.«
Der Geißlipp hatte der Unterweisung aufmerksam zugehört und obgleich er noch lang nicht glauben konnte, daß das so gut kommen werde, wie seine Beschützerin sagte, so wollte er es doch probieren. Sie hatte ja gesagt: »Ich kann es jetzt schon merken,« da war es vielleicht doch wahr. Und wenn der Geißlipp am Garten vorbeiging, so nickte ihm Fräulein Margret jedesmal so aufmunternd zu, daß es ihn den ganzen Tag freute. Der Lehrer wußte bis jetzt noch nichts von seiner heimlichen Helferin, aber so ganz schlimm kam ihm der Bube auch nicht mehr vor. Nur waren es so viele Kinder, daß er bis jetzt unmöglich die einzelnen so genau hatte kennen lernen können. Aber er hatte ein freundliches und mildes Wesen und brauchte den Stock nur, wenn er mußte. Der Geißlipp fürchtete ihn nicht, wenigstens lange nicht so sehr wie die Leute im Dorf und vor allem die Buben, und das Leben kam ihm jetzt schöner vor als früher.
»So, das ist ganz geschickt, daß wir dich gerade da treffen,« fing Fräulein Margret sogleich an, als sich der Geißlipp aus dem Gras erhob. »Siehst du, wir haben so große Sträuße im Wald geholt und nun möchten wir noch einen Besuch machen und können sie da natürlich nicht brauchen. Du könntest sie uns vielleicht heimtragen.« Der Geißlipp sah etwas besorgt auf sein Grasbündel und die Sichel. Er wußte sich nicht recht zu helfen damit. »Wenn du das Futter zuerst heimtragen mußt,« sagte der Lehrer, »das schadet nichts. Bis an dein Haus haben wir doch den gleichen Weg, dann gehen wir so weit mit dir.«
Der Geißlipp hätte nur gewünscht, daß die Dorfbuben zusehen könnten, wie er so dahinschritt, das Grasbündel auf dem Kopf und die Sichel in der Hand, zwischen dem Lehrer und dem Fräulein. Er, der allezeit verachtete und ausgestoßene Geißlipp, zu dem nur allein Fräulein Margret immer seinen ganzen Taufnamen sagte. Der Vater sagte meistens nur »Bub«, aber er sagte überhaupt nicht viel.
Er schien eben vom Taglohn heimgekommen zu sein, denn die Haustür stand offen und ein qualmender Rauch kam da heraus.
Als er Schritte hörte, streckte er den Kopf einen Augenblick zu dem kleinen Schiebfensterchen neben der Haustüre heraus, zog ihn aber schnell wieder zurück.
»So,« sagte Fräulein Margret unbefangen, als sie an dem Häuschen waren, »jetzt kannst du geschwind dein Futter hineintragen und so lang setzen wir uns auf das Bänklein, denn wir haben einen weiten Weg gemacht. Das darf man doch?«
Der Geißlipp sah so maßlos verwundert aus, daß die beiden lachen mußten. Das sah man deutlich, daß er nicht gewohnt war, Gäste zu haben. »Es raucht so,« brachte er nur heraus. »Schadet nichts,« sagte Fräulein Margret gleichmütig, »das Holz wird naß sein. Kocht dein Vater?«
Der Geißlipp nickte nur und dann verschwand er im Stall.
Unterdessen war der Vater in keiner kleinen Aufregung in seiner halbdunkeln Küche. Er hatte seit Jahren niemand mehr in seinem Haus gesehen und hatte sich allmählich daran gewöhnt, am Tag allein bei seiner Arbeit an der Landstraße oder im Gemeindewald oder auf seinem Äckerlein zu sein und abends allein mit dem Buben in seinem Häuschen. »Ich will von niemand etwas und die Leut sollen mich in Ruh lassen,« war so seine Rede. Und doch sehnte er sich so manchmal heimlich, auch wie ein anderer Mensch unter Menschen zu leben. Die neuen Lehrersleute hatten ihn auf der Straße schon ein paarmal freundlich gegrüßt und jetzt besann er sich, ob er herauskommen solle und sie auch grüßen oder nicht. Aber Fräulein Margret besann sich gewöhnlich nicht lang, bis sie mit jemand ein Gespräch anfing. Ihr Bruder mußte sich immer ein wenig über seine junge Schwester wundern, denn ihm fiel das nicht so leicht. »Ach, mir kommt ein guter Gedanke,« rief sie lebhaft. »Da sind wir nun ganz geschickt hergekommen. Das Annele muß Geißmilch trinken, wenn es hierher kommt. Natürlich, das ist höchst nötig.«
Das Annele war ein schwächliches Stadtkind, das einer Schwester gehörte und das sich Fräulein Margret kommen lassen wollte, um es herauszupflegen.
»Darf ich ein wenig hereinkommen?« rief sie zur Tür hinein. Es drang ein Brummen heraus, das man so oder so verstehen konnte, aber weil Fräulein Margret gern wollte, so drang sie ganz kecklich ein und grüßte den Vater Geißlipp freundlich. »Ich habe einen großen Wunsch,« sagte sie sogleich nach der Begrüßung. »Und niemand im ganzen Dorf kann mir den erfüllen als Sie.« Und dann setzte sie dem finster aussehenden Manne die Angelegenheit mit dem Milchtrinken auseinander.
»Die Geißen geben nicht viel Milch,« sagte der Mann, als er sich eine Weile besonnen hatte. »Es ist keine rechte Pfleg für sie da. Ich hab schon lang eine verkaufen wollen und am Viehmarkt tu ich's auch und das ist bald jetzt. Aber für das Kind reicht's doch noch.« Fräulein Margret schien gar nicht zu merken, daß es den Vater Geißlipp eine große Anstrengung kostete, so viel zu reden. Er machte sich drunterhinein am Herd zu schaffen und zog die Stirn noch mehr zusammen als sonst. Manche Leute hätten vielleicht gedacht, der Mann sehe zum Fürchten aus, wie er so dastand mit seinem wilden, schwarzen Bart und Haar und den sehnigen, braunen Armen, an denen er die Hemdärmel hinaufgeschlagen hatte. Aber Fräulein Margret fühlte nur ein großes Mitleid in sich und obgleich sie nicht viel sagte, drückte sie doch dem einsamen Mann beim Abschied so kräftig die Hand und sah ihn so warm und freundlich an, daß er noch lange daran denken mußte.
»Es gibt noch gute Leut' auf der Welt, Bub,« sagte der Vater, als er nachher mit Philipp bei dem einfachen Nachtmahl, Geißmilch und Kartoffeln saß. »Aber rar sind sie.« Der Philipp nickte einverstanden. Es kam ihm allmählich auch so vor.
Solang Fräulein Margret mit dem Vater in der Küche verhandelt hatte, war der Lehrer um das Häuschen herumgegangen. Dieses stieß hinten ein Stück weit an eine alte Mauer an, die mit allerlei Schutt und Geröll bedeckt war. Oben auf der Mauer blühten rote und weiße Taubnesseln und da und dort ein Stechapfel und unter allerlei Gras und Unkraut auch hie und da ein Ringelblümchen. Und über den Rand herunter hingen die rosafarbigen Blüten des Mauerpfeffers, die man zu Lande Sonnenblitze nennt. Der Lehrer betrachtete das Ganze aufmerksam und machte sich so seine Gedanken darüber. Er dachte, daß dieser Garten auf der Mauer vielleicht ganz passend für den Vater und Sohn sei, denen er gehöre. Und daß der liebe Gott manchmal da, wo man es gar nicht suche, unter Schutt und Unkraut und aus dürrem Erdreich ein freundliches Blümlein wachsen lasse, an dem man sich erfreuen könne. Der Lehrer nahm sich vor, sich so gut als möglich des scheuen und störrischen Buben anzunehmen. »Vielleicht kommt doch etwas Gutes dabei heraus,« dachte er und wußte nicht, daß in des Geißlipps verschlossenem Gemüt schon allerlei trieb und keimte, von dem er nichts wußte.
Das Annele war angekommen. Es war »ein kleines, bleiches Dinglein«, so sagten die Leute im Dorf von ihm. Kurz vorher hatte es das Scharlachfieber überstanden und davon war es noch etwas zart und blaß. Aber es machte sich nichts daraus. Am Morgen nach seiner Ankunft lief es schon so lustig, als wäre es von jeher in Rötenberg daheim gewesen, vors Haus hinaus und von da in den Garten, machte einen Besuch bei den Himbeeren und Stachelbeeren und setzte sich dann still auf das niedrige Mäuerchen im Garten, um dem Gesang der Schulkinder zuzuhören.
Das Annele war auch ein Schulkind. Es ging schon seit einem Jahr in der Stadt in die Schule und jetzt war keine Ferienzeit. Dieser Landaufenthalt war nur vom Doktor vorgeschrieben, Annele ließ ihn sich aber gern gefallen. Es war so schön hier, wie sonst nirgends. In der Stadt konnte man nur auf der Straße spielen, wo immer Wagen fuhren und viele Leute gingen, und die Mutter erlaubte das nur selten. Hier aber kam immer wieder ein Garten und eine Wiese und den Wald sah man vom Fenster aus und im Schulhausgarten selbst konnte man sich so ungestörte Spielplätze einrichten. Annele hätte überall zugleich sein mögen. Ab und zu erschien auch die Tante am Fenster und rief dem Nichtchen etwas zu. Und in den Bäumen sangen die Vögel. Es war wunderschön.
Jetzt ging die Schultür auf und alle Buben und Mädchen kamen heraus. Die Türe war nicht gerade eng und doch kam es Annele vor, als ob sie noch einmal so weit sein müßte. Denn alle Kinder strebten ins Freie nach dem langen Stillsitzen und so drängten sie sich auf einen dichten Knäuel zusammen, bis der Lehrer rief: »Halt, so macht man's nicht. Jetzt sollen zuerst alle Kleinen hinausgehen und nicht mehr als zwei auf einmal, dann kommen die Großen.«
Das Annele wurde ein wenig rot, als es so von allen Seiten angesehen wurde, als wäre etwas besonders Merkwürdiges an ihm. Es hatte sich nämlich an dem Schuleingang aufgestellt, um sogleich zu dem Onkel gelangen zu können. Und es war nun froh und erleichtert, als dieser herankam und seine Hand faßte. So konnte man sich wohl ein bißchen anstaunen lassen. Eben kam auch die Tante die Treppe herunter. »Philipp Berner,« rief sie, »halt ein wenig. Ich muß noch etwas mit dir sprechen,« Der Geißlipp blieb stehen und die Buben machten große Augen, daß man mit dem etwas sprechen wollte. Es war so wie so seit einiger Zeit anders geworden. Man konnte nicht mehr so bequem wie früher alle dummen und unartigen Streiche auf ihn schieben, der Lehrer duldete keinen Sündenbock. Und einmal war es dem Andres übel bekommen, als er das große Lineal des Lehrers bei einer Prügelei zerbrochen hatte und dann gesagt: »Der Geißlipp hat's getan.« Merkwürdig, der neue Lehrer sah gar nicht furchtbar aus, im Gegenteil, und doch konnte man sich fürchten, wenn er einen so ernst und fest ansah.
»Es ist wegen der Milch für das Annele,« sagte die Tante jetzt. »Am Morgen und am Abend soll es trinken, ganz frischgemolken. Morgens bringst du sie vor der Schule herauf, denn da darf das Annele noch nicht heraus. Abends kann es dann bei schönem Wetter zu euch hinauskommen.« Der Philipp nickte zu allem. Das kam ihm Antwort genug vor, denn er war immer noch gar kein Redner. Dem Annele schien es aber etwas zu wenig zu sein. Es hatte aufmerksam zugehört und sagte nun: »Warum sagst du gar nichts? Man muß doch auch ja sagen, wenn man so tun will.«
Die Tante mußte im stillen ein wenig lachen. Das sah sie schon, bei dem Annele konnte der Geißlipp nicht so stumm bleiben, das würde ihn schon gesprächig machen.
Jetzt war es nicht mehr leer und öd in den großen Zimmern oben im Schulhaus. Je kräftiger und gesünder das Nichtchen wurde, desto vergnügter sang und sprang es umher und ganz still war es eigentlich nur, wenn es in seinem Bett lag und schlief. Der Onkel dachte schon daran, das Annele nun mit in die Schule hinunterzunehmen, damit es nicht ganz aus der Übung komme, aber jetzt hatte es noch Ferien.
Die Tage waren herrlich ausgefüllt. Ganz früh am Morgen, wenn das Stadtkind kaum aufgestanden war, kam der Geißlipp (das Annele sagte aber immer wie die Tante Philipp zu ihm) und brachte die frische Milch. Das war immer ein Hauptvergnügen. Die Tante hatte jetzt schon Recht behalten. Es war ein ganz anderer Bub als vor einem halben Jahr, wenn man es auch noch lange nicht überall merkte. Bei den Dorfleuten stand das Urteil über den Geißlipp viel zu fest, als daß man darauf geachtet hätte, ob er sich nach und nach ein wenig bessere. Aber im Schulhaus war das anders. Annele hatte noch nie gehört, daß der Philipp anders sei als andere Buben.
»Laß sie nur,« hatte Fräulein Margret zu dem Lehrer gesagt. »Sie lernt nichts Böses von ihm, darauf will ich schon achten. Und man weiß nicht, was es für den Buben wert ist, wenn er auch einmal harmlos mit einem andern Kinde verkehren kann.« So konnten die beiden ungestört Bekanntschaft schließen.
Annele hatte zwar bald Freundinnen gefunden, Schultheißens Sophie und des Krämers Karoline, die alles mitspielten, was sie angab, und die sie gern ein wenig hin und her kommandierte. Aber es war noch viel genußreicher, am Morgen an das hintere Gartentürchen hinunterzuhuschen und dort auf den Philipp zu warten, bis er in schnellem Schritt, daß ja die Milch noch warm sei, um die Ecke kam. Sie brachte dann schon ihren Becher mit und trank im Garten, und dann hatte sie dem Philipp hundert Dinge zu zeigen und noch viel mehr zu fragen. — Warum die Kirschen zuerst grün sind und dann rot werden? Warum die kleinen Entchen gleich von selber ins Wasser gehen? Ob die kleinen Vögelein in dem Nestchen hinten in der Haselnußhecke jetzt bald fliegen können?
Und dann mußte er helfen zählen, wieviel Tag- und Nachtblümlein über Nacht aufgegangen seien, und mit Annele das Wespennest in der Kirchhofsmauer besichtigen, natürlich nur aus sicherer Entfernung. So etwas konnte man mit den Freundinnen nicht besprechen. Sophie riß nur die Augen weit auf und Karoline sagte auf die schwierigen Fragen: »Ha, das ist von selber so. Komm, wir tun lieber Fangerles.« Und dem Stadtkind war doch alles neu und wichtig. Der Geißlipp aber konnte über vieles Bescheid geben. Er war so viel allein, da waren ihm schon allerlei Gedanken gekommen, die anderen Kindern nicht einfallen, und wenn er gewiß wußte, daß niemand sonst zuhörte, so konnte er dem Annele ganz verständigen Bescheid geben.
Schöner war's aber doch noch, am Abend mit der Tante an das kleine Häuschen des Geißlipp hinauszuwandern. Die Milch schmeckte so ganz frischgemolken auf dem Bänklein vor der Haustür am allerbesten. Annele fürchtete sich gar kein bißchen vor Philipps Vater.
»Du, der ist bös, er hat einmal etwas Arges getan,« hatte einmal eines der Mädchen zu Annele gesagt, als diese im höchsten Vergnügen erzählt hatte, wie nett es sei, wenn »der große Geißlipp' ihr die Milch in den Becher melke, und wenn er sie auf den Arm nehme, daß sie das Schwalbennest an der Dachrinne genau sehen könne. »Ist das wahr, Tante? Tut er einem nichts?« hatte Annele darauf ein wenig erschrocken gefragt. Und die Tante hatte das Kind zu sich herangezogen. »Siehst du, Annele,« hatte sie gesagt, »wenn du einmal ungehorsam und unartig gewesen bist und du willst dann wieder lieb sein, gelt, dann verzeiht dir's die Mutter? Und dann mußt du nur den lieben Gott bitten, dann verzeiht er's dir auch, und dann ist alles wieder gut und niemand darf mehr sagen, du seiest ein böses Kind.« Annele war sehr einverstanden. »Und so ist das auch bei dem armen Mann, den gar niemand lieb hat, weil er einmal bös gewesen ist. Er will jetzt wieder gut sein und vielleicht hat es ihm der liebe Gott schon lang verziehen, da dürfen wir nicht mehr sagen, er sei bös. Und fürchten müssen wir ihn auch nicht, gar nicht.«
Annele war mit dieser Erklärung sehr zufrieden und teilte sie auch den Kamerädinnen mit. Es war nur schade, daß diese sie nicht so recht verstanden. Aber die neue Freundschaft machte desto bessere Fortschritte, und Fräulein Margret ließ es sich gar nicht anfechten, daß sich die Leute im Dorf so sehr darüber verwunderten.
Wenn das Annele seine Milch hatte, so ging die Tante dann meistens ein Weilchen in die rauchige Küche. Denn wenn der Vater des Philipp auch immer noch ein wenig knurrig und brummig war, und auch nicht viel sagte, so tat es ihm doch wohl, daß ein Mensch nach ihm sah und mit ihm redete wie mit seinesgleichen. Und das, merkte die Tante wohl und machte sich nichts daraus, daß er nicht so besonders freundlich tat.
Es war an einem schönen, klaren Abend. Die Tante war zum erstenmal von dem Mann in die Stube geführt worden. Er war nie recht so keck gewesen, es vorzuschlagen. Aber sie hatte ihn heute nach seinem Weib gefragt, und jetzt wollte er der Tante ihr Bild zeigen, das in der Stube hing. Sie saßen einander gegenüber am Tisch. Der Mann hatte den Kopf in die Hand gestützt und sah finster vor sich hin, und Fräulein Margret betrachtete ihn mitleidig. Sie hätte ihm so gern etwas Liebes gesagt und doch wollte ihr nichts Rechtes einfallen. Draußen hörte man die lustige Stimme des Annele und dazwischenhinein allemal wieder ein paar bedächtige Worte des Buben. Und von Zeit zu Zeit streckte Annele den Kopf durch die Fensteröffnung herein und wollte wissen, ob die Geißen gern Vergißmeinnicht fressen und ob die Schwalben die Mücklein lebendig verschlucken?
»So eines hätt ich jetzt auch,« fing der Mann auf einmal an und drückte gewaltsam die Fäuste an die Augen, daß da nichts heraustropfen konnte. »So groß wie das Annele wär mein Dorle auch, wenn es noch am Leben wär! Ist ihm aber gut gegangen, daß es bald gestorben ist. Dann kann man wenigstens nicht von klein auf prophezeien, daß nichts aus ihm werde, wie meinem Buben. Mein Weib ist ihm bald nachgegangen, es hat's auch nicht aushalten können.« Er wollte noch mehr sagen, er wollte noch sagen: »Ich halt's auch nicht mehr aus so, das Leben ist ein Elend, wenn man immerfort denken muß: Du bist an allem schuldig.« Aber er konnte nichts mehr herausbringen. Er legte den Kopf auf den Tisch und weinte wie ein Kind. Fräulein Margret ließ ihn eine ganze Weile in Ruhe, sie wußte, daß da manches heraus- und vom Herzen hinunterkomme, und das wollte sie nicht stören. Endlich aber sagte sie freundlich: »So jetzt wollen wir einmal nicht mehr immer an dem hängen bleiben, was vergangen ist. Und nicht nur denken, es müsse alles so bleiben, wie es jetzt ist. Was die Leute im Dorf sagen, darauf wollen wir einmal eine Weile gar nicht hören. Und daß etwas aus dem Philipp wird und das etwas Rechtes, dazu wollen wir zusammenhelfen. Dann kommt alles nach und nach besser.« Sie bot dem Taglöhner die Hand und sah ihn so aufmunternd und entschlossen an, daß es ihm selber auch ein wenig hoffnungsvoll ums Herz wurde.
Er strich sich mit der Hand über die Stirn, als ob er da etwas wegwischen wollte, und sagte: »Ihnen könnt man's fast gar glauben.« In diesem Augenblick ertönte ein lauter Jubelruf von Annele. Und gleich darauf kam das Kind ans Fenster, eifrig etwas in die Höhe streckend, das ihm Philipp entreißen wollte. Philipp hatte ein rotes Gesicht und war aufgeregter, als ihn Fräulein Margret je gesehen hatte. »Gib's her,« sagte er heftig. Aber Annele rief lustig: »Nein, nein, keine Rede, die Tante muß es auch sehen und vielleicht auch noch der Onkel.«
Die beiden großen Leute waren ans Fenster getreten. Der Vater erschrak, denn auf des Buben Gesicht malte sich deutlich ein großer Zorn, und den Ausdruck kannte er wohl und mußte ihn ja fürchten, weil der Zorn ihn selber auch so unglücklich gemacht hatte. Die Tante sah den Zorn auch. »Wenn das, was du in der Hand hast, dem Philipp gehört,« sagte sie ruhig zu Annele, »dann gib es ihm. Ich will es nur sehen, wenn er mir's selber zeigt.« Annele gehorchte nur ungern, aber es mußte wohl sein.
Es war das Stück von einer Schiefertafel, das der Geißlipp immer so sorgfältig verbarg. Annele hatte es entdeckt und jetzt sagte sie: »Ich sag aber doch, was drauf ist. So etwas Nettes, Tante, es ist nur dumm, daß er es nicht sehen läßt.«
Philipp wurde noch röter als vorher und dann ein wenig blaß, und er biß sich fest mit den Zähnen auf die Unterlippe. Und dem Annele warf er einen Blick zu, daß man denken konnte, er wolle ihm etwas antun, und das nichts Gutes. Aber er sagte nichts.
»Nein, lassen Sie den Philipp,« sagte Fräulein Margret, als der Vater auffahren wollte über den störrischen Buben. »Komm, Annele, für heut müssen wir heim. Gib dem Philipp die Hand, du darfst ihn nicht zwingen, daß er zeigt, was er nicht gern will. Willst du mir's nicht morgen selber zeigen, Philipp? Gelt, es ist doch nichts Böses? Und daß ich dich nicht auslache, weißt du.«
Dann ging sie, und das Annele ging ganz zahm an ihrer Hand, denn es war ein wenig erschrocken.
Der Philipp stand noch lang am gleichen Fleck und starrte den beiden nach. Auf einmal fuhr er zusammen, denn da geschah etwas, das noch nie gewesen war. Der Vater strich ihm traurig mit der Hand über das Haar und sagte: »Du armes Tröpflein! Wenn du auch eine Mutter hättest!« Und dann ging er ins Haus, ohne zu schelten.
Am andern Morgen kam der Geißlipp viel früher als sonst mit seiner Milch an. Das Annele war noch nicht aufgestanden und der Herr Lehrer hatte erst vor einer kleinen Weile das Haus verlassen, um einen kleinen Morgenspaziergang zu machen. Aber das war beides dem Geißlipp ganz recht. So hatte er es gerade gewollt. Man konnte seinem Gesicht wohl ansehen, daß er etwas Besonderes vorhatte, und das Haar hatte er sich ganz naß gemacht, daß es fest und dunkel am Kopf anlag. Das schien dem Geißlipp besonders geordnet vorzukommen.
Fräulein Margret war in der Küche. Sie hatte die Ärmel hinaufgeschlagen und knetete einen Teig. Als der Geißlipp eintrat, wandte sie sich um und begrüßte ihn so freundlich, als ob gar nichts Besonderes gewesen wäre. Sie nahm ihm die Milch ab und trug sie dem Annele hinein, und als sie wieder herauskam und den Buben noch auf derselben Stelle fand sagte sie: »Hast du noch etwas sagen wollen, Philipp? Nur kecklich heraus damit.« Es schien dem Philipp nicht leicht zu gehen, denn er mußte tief aufatmen. Und dann griff er nur in seinen blauen Kittel und zog den Tafelscherben hervor. »Da,« sagte er. »Aber« — er sah Fräulein Margret zaghaft an. Er hatte noch sagen wollen: »Aber niemand zeigen,« und dann kam es ihm so in den Sinn, daß er ihr gewiß gut vertrauen könne und sich gar nicht zu fürchten brauche.
Auf Fräulein Margrets Gesicht prägte sich eine große Verwunderung aus. Sie sah den Geißlipp erstaunt an, so, als ob sie etwas nicht recht begreifen könne. »Hast du das gemacht?« fragte sie. Der Philipp nickte nur. »Ja aber, lieber Bub', das muß man so zufällig finden, und du sperrst dich noch dagegen, daß man's ansieht? Du kannst ja zeichnen! Das sind junge Spatzen, die sperren ihre Schnäbel auf und wollen gefüttert sein! Und das auf der andern Seite ist unsere Laube, und auf dem Dach sitzt die Mieze und putzt sich. Und das davor wird wohl das Annele sein, das kennt man nicht so recht!«
Fräulein Margret wurde ganz lebhaft, und ihr Gesicht war so freudig, daß es der Geißlipp nur immer ansehen mußte. Er hatte sich die Sache ganz anders vorgestellt. Er hatte schon immer, seit er sich denken konnte, mit Rötelstückchen und Griffel- oder Bleistiftrestchen, oder was nur irgend einen Strich gab, überall herumgekritzelt. An Haustüren und Fensterläden und, als er in die Schule kam, an den Bänken und an der Wandtafel. Und das hatte ihm schon viele Schläge eingetragen. Der Lehrer hatte einmal den Vater Geißlipp auf der Straße getroffen und zu ihm gesagt: »Wenn das Gesudel überall herum jetzt nicht aufhört und alle meine Prügel nichts nützen, so lasse ich Euch dann einmal Strafe zahlen, Berner. Das ganze Dorf beklagt sich darüber.« Darauf hatte der Vater den Philipp am Abend tüchtig durchgeprügelt und ihm gesagt: »So, das ist einmal. Wenn ich wieder etwas von deinen dummen Sudeleien sehe, so gibt's wieder.«
Seither hatte der Philipp nur noch auf seinen alten Tafelscherben gekritzelt, und je mehr und öfter er allein war, desto lieber wurde ihm diese Beschäftigung. Als nun das Annele den kostbaren Scherben entdeckte, stand es dem Philipp schrecklich vor Augen, daß er am Ende nun auch den hergeben müsse und dann gar nicht mehr zeichnen könne, und daß dann vielleicht auch noch Fräulein Margret böse auf ihn sei und nichts mehr von ihm wissen wolle. Darum war er so zornig geworden, daß er das Annele am liebsten gekratzt hätte. Aber als er gestern abend noch eine Weile wach in seinem Bett lag und über das Erlebnis nachdachte, stand immer Fräulein Margret vor ihm. Er konnte sie deutlich sehen, wenn er auch die Augen zumachte, und sie sagte: »Gelt, es ist ja doch nichts Böses? Und daß ich dich nicht auslache, das weißt du!«
Und Philipp beschloß, ihr seinen Schatz zu zeigen. Sie sollte nicht denken, es sei etwa doch etwas Böses und er habe kein Vertrauen zu ihr.
Aber daß es so gehe, das hätte er sich nicht träumen lassen. Es wäre dem armen Buben schon ganz genug gewesen, wenn sie ruhig gesagt hätte: »Nein, das ist nicht schlimm, das darfst du wohl tun, wenn doch niemand mit dir spielt.« Daß ihm aber Fräulein Margret auf die Schulter klopfte und sagte: »Du kannst nicht wissen, wie mich das freut, Philipp. Das ist eine gute Gabe, die du da hast. Da müssen wir den Herrn Lehrer bitten, daß er sich um dich annimmt,« das alles überwältigte den Geißlipp so, daß er zur Küche hinausrannte, die Treppe hinunter und dann wieder herauf. Denn zu sagen wußte er für den Augenblick nichts, und doch mußte er seinem Herzen Luft machen.
Den Tafelscherben bekam der Philipp heute noch nicht zurück. Aber das tat nichts, er war in guten Händen. Und wenn heute ein Fremder in die Schule gekommen wäre und hätte den Philipp gesehen mit seinen aufmerksamen Augen und dem glänzenden Gesicht, so hätte er gewiß nicht gedacht, daß das der allgemein bekannte Nichtsnutz des Dorfes sei, der »faul für zwei und unartig für drei« sei. Denn dem Philipp war ein neuer Lebensmut ins Herz gekommen, und für heute einmal fürchtete er sich vor niemand und nichts. Vielleicht war jetzt schon etwas von dem wahr, was Fräulein Margret einst gesagt hatte: »Auf einmal müssen es auch die andern merken, daß das nicht mehr der alte Philipp ist, sondern ein ganz anderer.«
Das Annele konnte seit einiger Zeit nicht mehr so recht zufrieden sein mit seinem Kameraden. Er war zwar munterer als je, und sein Gesicht sah jetzt immer aus, als ob er ein besonderes Vergnügen wisse. Aber wenn ihn das kleine Mädchen im ganzen Garten herumschleppen wollte und bald bei den frühen Pflaumen, bald bei der Haselnußhecke einen Aufenthalt machte, so sagte der Philipp jetzt meistens bald: »Jetzt muß ich gehen und lernen« oder: »Heut kann ich nicht, ich muß noch an meiner Zeichnung schaffen.« Das hatte er früher nie getan, und dem Annele kam es langweilig vor, denn es hatte sich ganz daran gewöhnt, den Philipp alles Mögliche zu fragen und ihn oft um sich zu haben. Am liebsten wäre es nun auch in die Schule gegangen, es hörte sich von außen so lustig an, wenn die vielen Stimmen zusammen sangen: »Kuckuck, Kuckuck ruft's aus dem Wald« oder: »Alle Vögel sind schon da«. Und wenn in der Freizeit die ganze Schar herauskam und sich im Schulhof tummelte, so war das Annele zwar mitten drunter, aber es wäre dann auch gern mit ihnen hineingegangen, wenn die Freistunde aus war, und sah dann manchmal noch sehnsüchtig nach der verschlossenen Tür. Aber die Mutter hatte geschrieben, daß sie nun bald kommen wolle, um das Töchterlein nach Hause zu holen, und daß es bis dahin noch so viel als möglich in der freien Luft sein solle, denn die Mutter wolle rote Backen sehen, wenn sie komme. So kam es, daß sich das Stadtkind je länger, je mehr aufs Heimkommen freute, und auch das rot und weiße Strickzeug samt den schönen Geschichten, die die Tante zu erzählen wußte, konnte die Langeweile nicht mehr bannen.
Das kam jetzt nie mehr vor, daß der Geißlipp ganz allein und entfernt von allen fröhlichen Menschen stand und finster zusah, wie andere vergnügt waren. Wenn man sein freudloses Kinderleben mit dem wilden Mauergärtlein hinten an dem Häuschen des Geißlipp vergleichen wollte, so konnte man jetzt deutlich merken, daß der liebe Gott da einen Gärtner angestellt habe, der den Schutt wegräumen und das Unkraut ausreißen und freundliche Blümlein da anpflanzen mußte, wo vorher Stechäpfel und Nesseln standen. Es war jetzt so mancherlei Erfreuliches, man konnte es kaum aufzählen, und daher kam es, daß dem Philipp die Freude zum Gesicht heraussah.
Zuerst war ein Tag gekommen, da saß der Lehrer bei Philipps Vater auf dem Bänklein vor der Haustür, und wer vorüberging, der konnte deutlich sehen, daß die beiden ein wichtiges Gespräch miteinander hatten. Ein paar Tage nachher wußte man es im ganzen Dorf, daß der Lehrer dem Geißlipp Privatstunden im Zeichnen geben wolle, und daß er gesagt habe, als er von dem Vater wegging: »Aus dem Buben wird noch etwas, das könnt Ihr glauben, Berner.« Man wußte jetzt nächstens nicht mehr recht, was man von dem Vater und dem Sohn halten sollte. Am Ende wurde der Bub' doch noch wie andere, und es war ja auch wahr, daß er keine Mutter gehabt hatte. »Am End' kommt's nur drauf an, daß man sich ein bißle nach ihm umsieht,« sagten die Weiber zueinander, und die Bachbäuerin, die drei Buben in der Schule hatte, sagte zu diesen: »Lasset doch den Geißlipp auch manchmal mittun. Ich meine, der Bub' sei nicht so bös, wie man immer tut.«
Es war merkwürdig: vorher hatte in ganz Rötenberg niemand daran gedacht, daß man dem Philipp ein wenig zurechthelfen sollte, und jetzt hatten es auf einmal alle bemerkt, daß er kein solcher Nichtsnutz werden müsse, wie die andern geglaubt hatten. Fräulein Margret mußte manchmal ein wenig lachen, wenn sie die Leute reden hörte, aber sie war froh genug, daß der Philipp jetzt öfters fröhlich mit den andern spielte, und daß sein Gesicht einen ganz andern Ausdruck bekam, und sie dachte, es sei ja gleich, wer zuerst angefangen habe, sich um ihn anzunehmen.
Es geschah noch mehr Gutes. Der Vater Berner ging lange nicht mehr so finster und drohend einher wie früher. Er hatte einen ganz neuen Lebensmut bekommen, seit er nicht mehr so ganz allein stand und seit er neue Hoffnungen auf seinen Sohn setzen konnte. Und es fiel ihm vieles ein, was ihm der Herr Pfarrer aus dem Nachbarort (denn Rötenberg hatte keinen eigenen) früher oft umsonst gesagt hatte: nämlich daß der liebe Gott keinen Menschen ganz verlasse, der ihn nicht verlasse, und daß er auch die Herzen der Mitmenschen lenken könne, daß sie sich einem wieder auftun, wenn man selber auch friedfertig sei und nicht mehr hochmütig und feindselig. »Ich verlang' nichts, als daß man mich in Ruh' läßt,« hatte Berner damals immer gesagt, und so hatte ihn endlich auch der Pfarrer in Ruhe gelassen.
Jetzt war das nicht mehr so. »Es ist halt ein Elend, wenn man so allein hausen soll, man ist in seiner eigenen Stub' nicht daheim,« sagte er ein paarmal zu Fräulein Margret. Und eines Tages sah ihn zu ihrem höchsten Erstaunen die alte Kätter, die in einem Hinterstübchen beim Metzger wohnte, bei sich eintreten. Kätter war ein verwachsenes Weiblein, das sich mit Flicken ehrlich und spärlich durchbrachte, und sie war ganz weitläufig mit dem Geißlipp verwandt.
Der Vetter drehte seine Kappe verlegen in den Händen hin und her, und endlich sagte er: »Kätter, du könntest wohl zu mir ziehen. Platz gäb's da noch, und das Essen langt auch für uns drei, und an dem Buben könntest du dir einen Gotteslohn verdienen. So allein mit mir, das ist nichts für so ein Junges.«
Die Kätter mußte nicht lang fragen, ob der Vetter auch ordentlich mit ihr sein werde, und ob sie sich nicht vor seinem zornigen Wesen zu fürchten habe. Sie sah wohl, daß da allerlei anders geworden sei, und so zog sie denn mit ihrem Bett und der bemalten Holzkiste, in der ihre Kleider waren, mit dem großen Nähkissen und der Hornbrille in das Häuschen des Geißlipp ein.
Und nun konnten sie beide, der große und der kleine Geißlipp, erfahren, was eine Heimat ist. Der Vater freute sich, wenn er den Schornstein rauchen sah, wenn er heimkam, denn nun wußte er, daß da jemand für ihn sorge und zu ihm gehöre. Und der Philipp konnte mit seinen Löchern im Kittel und in den Hosen immer zur Base kommen und brauchte sich nicht mehr von den Buben nachrufen zu lassen: »Geißlipp, deine Geiß hat dir die Hosen zerrissen.«
Es war noch viel Gutes an der neuen Einrichtung. Denn die Kätter hatte zwar einen ganz krummen Rücken, aber ein freundliches Gesicht und ein liebevolles Herz, und das war mehr wert.
Es wurde Herbst. Das Annele reiste ab und nahm sehr warmen Abschied von seinem guten Kameraden. Und es war bereits beschlossen, daß es in der nächsten Sommervakanz wiederkomme, und daß dann viel Schönes auszuführen sei. Der Geißlipp winkte lange dem Wagen nach, in dem das Annele mit seiner Mutter saß. Er hatte seiner kleinen Freundin zum Abschied ein Blättchen gezeichnet, darauf waren in der Mitte die beiden Geißen zu sehen, die ein Büschel sehr große und deutliche Vergißmeinnicht vor sich hatten und lustig fraßen. Und außen herum stand mit großen Buchstaben: »So schön es diesen Sommer war, so schön wird's wieder übers Jahr.« Den Reim hatten die Kinder miteinander ausgedacht, und er gefiel ihnen sehr gut, und Fräulein Margret hatte ihn ebenfalls belobt.
Als der Wagen verschwunden war, kehrte der Philipp ins Haus zurück und ging geradeswegs auf das Zimmer des Herrn Lehrers zu. Er mußte sich nicht verlassen vorkommen, wenn auch das Annele fort war, das konnte man ihm wohl ansehen. Und er hatte auch gar nicht Zeit, sich darüber zu besinnen, denn es galt, tüchtig zu arbeiten. In der Schule durfte nichts versäumt werden, das hatte der Lehrer festgesetzt, und nur dann sollte das Zeichnen vorwärtsgehen.
Das war ein guter Sporn für den Philipp, denn das Zeichnen war ihm das Liebste von allem, was es zu tun gab, und es war ihm gar nicht zu langweilig, ganz vorne anzufangen mit geraden und schrägen Strichen. »Wer groß werden will, muß klein anfangen,« sagte der Lehrer. Und Philipp wollte gern klein anfangen, es war ihm Freude genug, daß er überhaupt durfte.
Wenn er jetzt Fräulein Margret sah, so winkten die beiden einander so verständnisvoll zu, als ob das eine sagen wollte: »Hab' ich dir's nicht gesagt, daß du probieren sollst, recht zu tun, und daß dann alles besser werde?« Und das andere: »Du kannst mir sagen, was du willst, ich glaub' dir alles.«
Es ging ein Jahr ums andere dahin. Man konnte denken, es sei in Rötenberg alles ganz gleich geblieben, denn es ging alles so seinen gewohnten Gang. An jedem Morgen kamen von allen Seiten her die Schulkinder mit ihren Tafeln und Büchern unter dem Arm, und dann kam der Lehrer die Treppe herunter und begann den Unterricht mit einem schönen Lied. Und Fräulein Margret stand dann am offenen Fenster oder arbeitete im Garten und horchte auf den Gesang. Aber wer genau hinsah, der konnte wohl merken, daß es immer wieder andere Kinder waren, die sich zusammenfanden. Von denen, die einst neugierig dem Einzug des Lehrers zugesehen hatten, saßen nun schon manche nicht mehr in den Schulbänken, sondern fuhren geißelknallend mit den Kühen aufs Feld oder schafften in Haus und Hof, und einige waren auch nach der Stadt gegangen, um da ein Handwerk zu lernen oder sonst Geld zu verdienen.
In den oberen Räumen des Schulhauses war es recht still geworden. Das Annele kam je länger, je seltener mehr. Denn es hatte solche Freude am Schulleben gewonnen, daß es nun selber gern eine Lehrerin werden wollte, und dazu mußte man tüchtig lernen. Und der Geißlipp stieg auch nicht mehr täglich mit seiner Mappe und seinem stillvergnügten Gesicht die Treppe empor. Es verlangte Fräulein Margret oft nach den alten Zeiten, und wenn es auch immer wieder Kinder gab, denen man etwas Gutes tun konnte, so fehlten ihr doch die ersten Schützlinge. Dann ging sie manchmal nach dem Häuschen des Geißlipp hinaus, wo immer noch die alte Kätter am Fenster saß und flickte oder in der räucherigen Küche hantierte. Oft kam dann auch der Vater Berner heim, und dann schüttelten die drei einander die Hände wie alte Freunde. Sie hatten immer etwas Wichtiges miteinander zu verhandeln. Denn Philipps Vater hielt es immer noch für eine wunderbare Sache, daß sein Bub' kein Nichtsnutz, sondern ein tüchtiger Mensch werde, und obgleich er ja sonst nicht viel sprach, sagte er doch immer wieder zu Fräulein Margret: »Das hat Sie unser Herrgott angewiesen, daß Sie an dem Buben tun sollen wie eine Mutter, das kann Ihnen kein Mensch vergelten.« Und die Kätter nickte eifrig dazu, und ihr Faden ging dann noch einmal so schnell auf und nieder, denn sie wollte auch ihren Teil an der Sache haben und konnte doch nichts anderes mehr für den Philipp tun, als ihn immer wieder tüchtig herausflicken. Der Philipp war nämlich nicht mehr zu Hause.
Er war zwar nicht gerade drauf und dran, ein großer, berühmter Künstler zu werden, aber man konnte doch jetzt schon sehen, daß einmal ein tüchtiger Mann aus ihm werde, an dem man sich wohl freuen konnte. Jetzt war er in einer großen Tapetenfabrik und zeichnete schöne Muster mit Blumen und Vögeln, auch hie und da freundliche Häuschen mit Blumengärtlein davor oder weidende Kühe auf einer grünen Matte für Fenstervorhänge, und man konnte allem, was er machte, wohl ansehen, daß es mit Lust und Liebe getan war.
Es war einmal an einem schönen, sonnigen Abend im Herbst. Die Kinder spielten wie sonst auch unter dem großen Kastanienbaum beim Röhrenbrunnen, und die Erwachsenen kamen vom Feld heim, und der Vater Geißlipp nahm seine Hacke, mit der er an der Straße gearbeitet hatte, auf die Achsel und ging ebenfalls heimzu. Er ging jetzt nicht mehr stumm und mürrisch an den Leuten vorbei und die Leute nicht an ihm. Denn was schwer und dunkel in seinem Leben gewesen war, das lag jetzt dahinten.
Um diese Zeit schritt ein junger Wanderer dem Dorf zu. Er mußte da bekannt sein, denn als er an den kleinen Feldweg kam, der ein tüchtiges Stück vom Weg abschneidet, ging er sogleich dahinein. Es sah aus, als ob ihn etwas vorwärts treibe, so große Schritte nahm er. Und doch blieb er hie und da stehen und sah den ziehenden Wolken nach oder horchte einen Augenblick still auf den fröhlichen Kinderlärm, den man bis hier heraus hörte. Der Wanderer hatte nur eine leichte Tasche umhängen, und aus dieser nahm er ein Büchlein und blätterte während des Weitergehens ein wenig darin. »Es stimmt alles,« sagte er heiter. »Ich hab's doch noch gut im Gedächtnis gehabt.« Mancher hätte vielleicht gedacht, das sei ein sonderbares Bilderbuch. Denn da waren mit flüchtigen Bleistiftstrichen allerlei unscheinbare Dinge aufgezeichnet: ein Stück zerbrochenen Lattenzauns, davor ein barfüßiger Bube stand, ein Stück Grasrain, in dem eine Sichel steckte, ein verwittertes Mauerstück, auf dem allerlei Unkraut blühte, und noch mehr derartiges. »Es freut sie doch,« sagte er lächelnd vor sich hin und steckte das Büchlein wieder ein.
Und dann sah er einige Schritte vor sich einen Mann gehen, der trug eine Hacke auf der Schulter und legte die Hand vor die Augen, um besser die Landstraße entlang sehen zu können, hinter der die Sonne unterging.
»Vater!« rief der Philipp laut, denn der war der Wanderer. Er war mit wenigen großen Sprüngen bei dem Mann, und dann gab es ein Wiedersehen, wie sich weder der alte noch der junge Geißlipp vor Jahren hätten eins träumen lassen.
Ob Fräulein Margret das Bilderbuch gefreut hat, das ihr der Philipp am andern Morgen brachte?
Es wird wohl so sein. Wenn ein Gärtner auch weiß, daß er nicht selber seiner Pflanzung fröhliches Gedeihen geben kann, freuen darf er sich doch ihrer, wenn sie wohl gerät.