Es war einmal ein Büblein, das saß auf einem Mäuerchen ganz nahe bei dem großen Spielplatz, wo die Kinder des Dorfes Ringelreihe spielten und »Fuchs, du hast die Gans gestohlen« und noch vieles andere. Es sah immerfort zu den lustigen Kameraden hinüber, denn es hätte gar zu gern auch mitgetan. Aber das durfte es nicht. Denn die andern Kinder sagten es ihm alle Tage und seine eigenen Brüder sagten es auch, daß es zu dumm dazu sei. Ja, sie hießen das Büblein nur den dummen Frieder. Die Brüder und die Nachbarsbuben und alle Kinder, die der Frieder kannte, gingen in die Schule, lernten lesen und schreiben und auch singen. Und das hätte der Frieder auch sehr gern getan, aber dazu war er auch zu dumm. Er konnte die Buchstaben nicht verstehen und konnte nicht behalten, daß zweimal zwei vier ist. Der Herr Lehrer wollte den Frieder nicht in der Schule haben, und so blieb er denn zu Hause. Oder vielmehr, er zog alle Tage, an denen es nicht regnete, mit dem Kinderwägelchen hinaus an das Mäuerchen unter der großen Linde. In dem Wägelchen saßen die beiden kleinen Geschwister, die der Frieder zu hüten hatte. Denn das konnte er am besten, und die Base, die für ihn und die Geschwister sorgte, sagte immer, das sei das einzige, wozu er zu gebrauchen sei. Der Vater ging immer schon am frühen Morgen auf Arbeit aus und eine Mutter hatten die Kinder nicht mehr. Sie war gestorben, als das allerkleinste noch im Tragkissen lag, und seither gab es keinen Menschen mehr, der den dummen Frieder lieb gehabt hätte. Er konnte nichts recht behalten, er vergaß sehr oft, was man zu ihm sagte; aber daran dachte er doch noch oft, wie ihm die Mutter allemal mit der Hand über den Kopf gefahren war und gesagt hatte: »Sei du nur brav und folgsam, Friederle, dann habe ich dich gerade so lieb wie die andern! Und der liebe Gott auch!«
So sagte jetzt niemand mehr. Der Vater sagte nur manchmal: »Wenn ich nur wüßte, was man aus dem Buben machen soll, er ist zu allem zu dumm!« Und die Brüder schoben ihn dahin und dorthin und ließen ihn nicht mitspielen und nicht mitarbeiten, wenn sie Futter schnitten für die Kuh oder Gras holten an den Rainen für die Geiß und für ihre braunen Hasen.
Nur der ganz kleine Hannes, der noch nicht recht allein gehen konnte, hing sich immer an ihn und wollte getragen sein. Und das allerkleinste Annele, das noch nichts sagen konnte als »adda«, zappelte aus Leibeskräften, wenn es den Frieder sah, und rief so lange sein einziges Wort, bis er seine Kappe nahm und mit ihm hinausfuhr, immer an das gleiche Plätzchen. Dort saß er dann und trug den Kleinen Steinchen zusammen zum Spielen und grüne Blätter. Sie konnten sich allein vergnügen, denn der Frieder sprach nicht viel mit ihnen. Er sah nur immerfort auf das Wägelchen, und wenn der Hannes nicht mehr darin sitzen wollte, nahm er ihn heraus und auf den Arm.
Man konnte von hier aus hören, wenn die Kinder in der Schule sangen. Das war dem dummen Frieder die größte Freude. Dann machte er den Kleinen mit dem Finger ein Zeichen, daß sie still sein sollten, und alle drei horchten mäuschenstill, bis der Gesang zu Ende war.
Weil aber nun die andern Dorfkinder wußten, daß der Frieder das Kinderhüten verstehe und sonst nichts, so dachten sie, es sei dann gleich, ob er noch ein paar mehr zu hüten habe oder nicht. Und weil sie selber gern spielen wollten, so stellten sie nur eins ums andere von ihren Kinderwägelchen samt den Kleinen darin unter die Linde: »Da, Frieder, paß auf mein Rösle auf, aber laß es nicht 'rausfallen!« »Frieder, guck auch nach meinem Georg, daß ihm niemand nichts tut.«
Und der Frieder lachte noch ganz vergnügt dazu. Dazu war er doch nicht zu dumm! Und dann trug er seine glatten Kieselsteinchen der Reihe nach zu allen Kleinen, und wenn eins aufstehen wollte oder auf dem Boden nach den Brennesseln zurutschte, dann hob er den Zeigfinger auf und sagte: »Bscht! Mußt auch brav sein und folgsam! Dann mag ich dich auch so wie die andern und der liebe Gott auch!« Ich weiß nicht, ob das die Kleinen recht verstanden haben, aber gefolgt haben sie dem Frieder besser, als ihren klugen Brüdern und Schwestern.
An einem schönen Abend saß der Frieder auch an seinem Plätzchen und hatte eine ganze Reihe von Wägelchen um sich her, und auf dem Boden und an dem Mäuerchen umher spielten und krabbelten lauter kleine Buben und Mädchen. Die großen spielten: »Als ich einst reiste aus dem Savoyerland,« und Frieder konnte sich nicht satt hören und sehen. Auf einmal hörte er ein lautes Wagengerassel und als er hinsah, kam den Berg herunter ein Fuhrwerk ohne Fuhrmann. Die Pferde rasten, wie wenn sie wild geworden wären, und der Fuhrmann kam erst weit hintendrein. Und als der Frieder noch näher hinsah, merkte er erst, daß ein kleines Büblein mitten im Weg saß und mit Steinen spielte. Sein Kindsmägdlein aber sang mit den andern und hörte und sah nichts davon. Was sollte der dumme Frieder machen? Er fürchtete sich vor Pferden und doch wußte er wohl, daß der kleine Adam überfahren werde, wenn er ihn nicht weghole.
Und es fiel ihm auch noch ein, daß die Mutter immer gesagt hatte: »Wenn der Frieder dabei ist, passiert den Kleinen nichts. Der läßt keinem etwas geschehen.«
Jetzt lachte er vergnügt in der Erinnerung. Nein, er ließ keinem etwas geschehen. Viel schneller, als schon jemand den dummen Frieder hatte laufen sehen, war er auf der Straße, gerade vor den wilden Pferden, und riß den kleinen Adam in die Höhe und auf die Seite. Aber so schnell konnte er's doch nicht tun, daß nicht der eine Schimmel noch Zeit gehabt hätte, ihn mit dem Fuß zu schlagen! Das tat einen Augenblick sehr weh, aber dann spürte er gar nichts mehr. — Als der Frieder wieder aufwachte, lag er in seinem Bett. Dahin hatte man ihn getragen, weil er gar nichts mehr von sich gewußt hatte und wie tot dagelegen war, als ihn das Pferd gestoßen hatte. Es fiel ihm nicht gleich wieder ein, warum er im Bett sei, und überhaupt nichts von dem, was geschehen war, da hörte er den Vater sagen: »Das ist noch gut gegangen! Der dumme Bub' hätte ja zu tot gefahren werden können. Läuft gar noch den Gäulen vor die Füße und unter die Wagenräder.«
Da fiel es dem Frieder wieder ein, was ihm begegnet war, und er wollte gerade sagen: »Man darf den Kleinen nichts passieren lassen, die Mutter hat's gesagt!« Da kam eine junge Frau in die Stube. »Wo ist der Frieder?« fragte sie. Und dann kam sie an sein Bett und küßte ihn und streichelte sein Haar, gerade wie die Mutter, und sagte: »Kein Mensch soll dich mehr dummer Frieder heißen! Du hast mir mein Büblein vor den wilden Gäulen errettet, und wenn du das nicht getan hättest, dann hätte ich jetzt kein Kind mehr.« Der Frieder machte die Augen zu und lachte still vor sich hin. Es war ihm, wie wenn seine Mutter wieder da wäre. Aber die Bäuerin ging noch nicht. Sie sagte zum Vater: »Wenn der Frieder wieder aufstehen kann, dann gebet ihn doch mir. Ich will ihn ganz versorgen und er soll es gut haben bei mir. Mein Mann ist auch damit einig. Euch ist er ja doch eine Last!«
Das wollte der Vater zuerst nicht, und auch die Base und die Brüder nicht. Denn dann hatte man niemand mehr, der die Kleinen hüten konnte, und das hatte der dumme Frieder am besten verstanden.
Aber die Bäuerin ließ nicht nach. Und als der Frieder wieder gesund war, holte sie ihn auf ihren Hof. Da durfte er allerlei lernen, und der Bauer sagte oft: »Der Frieder ist gar nicht so dumm, wie er aussieht.« Er durfte im Stall und auf dem Feld und in den Obstgärten helfen und konnte ganz tun, als ob er zu Hause wäre.
Aber am glücklichsten war er doch, wenn die Bäuerin nach der Stadt oder aufs Feld wollte und dem Frieder vorher mit der Hand über das Haar strich, wie seine Mutter getan hatte, und dann zu dem Bauern sagte: »Da kann man ruhig sein. Dem Adam passiert nichts, wenn der Frieder dabei ist. Der läßt keinem Kleinen etwas geschehen!«