7. Zweierlei Reichtum.

Der Bandweber Hartmann wohnte in einem niedrigen Häuschen, das zwischen zwei hohen Gebäuden so eingeklemmt stand, als ob es jetzt gleich erdrückt werden sollte. Gerade gegenüber stand ebenfalls ein hohes Haus, das mit seinen hellen blanken Fenstern, an denen luftige Vorhänge befestigt waren, vornehm auf das kleine Häuschen heruntersah. Zwar blanke Fenster hatte das auch, nur waren sie niedrig, wie alles an dem Häuschen, und statt der eleganten Vorhänge waren nur ganz kleine, kurze Vorhängchen dran, solche, die man Neidhämmel heißt. Sie waren nur zum Schutz da, daß nicht alle Leute, die vorbeigingen, durch die Fenster in die Stube sehen konnten.

Es war Abend und die Familie saß um den Tisch, auf dem schon das dampfende Essen stand. Die Mutter hatte den kleinsten Buben auf dem Schoß und hatte nur immerfort den Breilöffel aus dem Teller ins Mäulchen des Kleinen und von da wieder in den Teller zu führen, so hungrig war der Dicke. Die größeren Kinder warteten noch, denn die Mahlzeit sollte, erst beginnen, wann der Vater kam. Man hörte immer noch den Webstuhl rasseln, an dem er arbeitete, und die Mutter schüttelte ein wenig den Kopf: »Er macht heute wieder lang keinen Feierabend.« Dann sagte sie zu Mariele, dem größten Töchterlein: »Geh einmal hinein und frag den Vater, ob er noch nicht komme!« »Ja und ich sag auch, daß man gebrannte Suppe hat und Kartoffeln und Butter,« sagte Mariele noch im Hineingehen, »das ist sein Leibessen!«

Es war eine ziemlich lebhafte Unterhaltung am Tisch. Paul, der neunjährige Schüler, hatte ein glänzendes Zwanzigpfennigstück in der Hand und beriet schon seit einer halben Stunde mit dem jüngeren Eugen, was man damit anfangen könne. Es war ein ziemlich schwieriger Fall, denn es kam fast nie vor, daß eins der Kinder Geld in der Hand hatte zur freien Verfügung. Heute aber war Pauls Patin dagewesen und hatte ihm das Geldstück ausdrücklich mit dem Bemerken gegeben: »Du mußt dir etwas dafür kaufen, was dir Freude macht.«

Eugen hatte vorgeschlagen, sieben Laugenbretzeln dafür zu kaufen oder dann eine große Wurst. Denn das dünkte ihm die beste Verwendung für das Geld zu sein. »Aber wenn man's gegessen hat, ist's vorbei,« sagte Paul verständig, und das mußte auch zugegeben werden. »Einen Gummiball möchte ich auch schon lang und ein rotes Federnbüchschen. Oder einen Bleistift zum Einschieben mit einem Radiergummi dran. Oder eine Farbenschachtel, aber zu dem langt das Geld nicht.« Paul mußte tief aufseufzen. Denn man konnte das Geld nur einmal ausgeben, und solang man es in der Hand hatte, war noch die Wahl zwischen all den begehrten Dingen offen. »O wenn ich nur eine große Kiste voll Zwanzigpfennigstücke hätte,« brach er auf einmal los. »Dann könnte ich alles kaufen, was ich möchte, und noch vieles andere. Auch für dich, Mutter, und für den Vater und die Kleinen.«

Die kleinen Geschwister horchten mit glänzenden Augen. Es war sehr genußreich, sich auszudenken, was man alles um eine Kiste voll Zwanziger kaufen könnte.

»Gelt, Mutter, das wär' recht, wenn wir das hätten?« wandte sich nun Paul an die Mutter, die eben anfing, den Kleinen auszuziehen, der seine Äuglein kaum noch offen halten konnte. Die Mutter sah ein wenig müde aus. Sie hatte den ganzen Nachmittag gebügelt und dazwischen den kleinen Laden besorgt. Jetzt sagte sie nur: »Es gäbe noch vieles, was einem recht wäre, man kann aber auch so vergnügt und zufrieden sein!« Paul war nicht so ganz zufrieden mit der Antwort. Die Mutter sagte immer so etwas Ähnliches, wenn man sich manchmal gern gewünscht hätte, ein wenig reicher zu sein.

»Und wenn wir alles hätten, was wir jetzt gern möchten,« sagte sie oft, »dann fiele uns auf einmal noch etwas ein, was wir auch noch wollten und dann noch etwas und dann wären wir erst nicht glücklich, weil wir ja doch nicht alles haben können.«

»Aber Mutter,« hob Paul noch einmal an, »viel Geld haben ist auch schön. Die Hofrats drüben haben viel. Der Alfred hat zu seinem Geburtstag eine Uhr bekommen, die ganz richtig geht, und eine Kette dazu. Und einen Schlitten haben sie mit einer Eisbärendecke und mit silbernen Glöckchen.« »Ja,« fiel Eugen ein, »und heute hat der Konditor eine Schokoladentorte ins Haus hineingetragen. Der Erich ist unter der Haustüre gestanden und hat noch das Gesicht verzogen und gesagt: ›Das mag ich erst nicht besonders.‹«

Die Kleinen staunten. Denn das dünkte ihnen der Gipfel des Guthabens zu sein, wenn man nicht einmal mehr Schokoladentorte möge.

Die Mutter hatte nichts mehr erwidert, sie hatte genug mit dem Kleinen zu tun, und jetzt kam der Vater herein. Er sah fröhlich aus, denn er war froh, daß er sein Tagewerk vollendet hatte, und freute sich nun, die Kinder alle so gesund und rotbackig um den Tisch her sitzen zu sehen. »Jetzt soll mir's aber schmecken,« sagte er. Dann sprach er das Tischgebet und die Mahlzeit konnte beginnen.

Eine Weile hörte man nur die Löffel hin- und hergehen. Aber lang dauerte die Stille nie in dem lebhaften Kinderkreis. »Vater, morgen ist Examen in der Schule,« fing Mariele an, »die Eltern sollen auch kommen. Kommst du?«

»Das werde ich wohl lassen müssen,« sagte der Vater, »die Arbeit eilt gerade und dann, da sind andere Leute genug. Vornehmere und klügere, die würden schön aufsehen, wenn ich käme.« Mariele war ein fleißiges und begabtes Kind und die Eltern schickten sie in eine gute Schule, damit sie etwas Tüchtiges lernen solle. Sie kam auch gut voran, das Lernen machte ihr Freude, aber da gab es daneben noch etwas zu lernen, das manchmal sehr bitter war. Denn in der Schule waren so viele Kinder wohlhabender Eltern, die schönere Kleider und Bücher hatten und in schöneren Häusern wohnten. Und da kam sich das Mariele manchmal ein wenig beklagenswert vor, wenn es nicht auch Geburtstagsvisiten halten und hübsche Geschenke machen und von schönen Ausflügen erzählen konnte, wie die andern Mädchen.

»Das tut nichts,« sagte die Mutter zwar. »Wir haben so viel Vergnügen daheim, daß wir sonst gar nichts brauchen. Martha Heinrichs wäre glücklich, wenn sie ein nettes, kleines Brüderlein zu hüten hätte wie unser Fritz ist. Und Hofrats Ella, was meinst du, wie die sich freuen würde, wenn ihre Eltern mit ihr und den Brüdern am Sonntag spazieren gehen und abends Gesellschaftsspiele machen würden? Du hast soviel Gutes, daß man gar nicht alles aufzählen kann, wenn man anfängt.«

Mariele gab das aber nicht immer zu. Es ging ihr wie Paul. Viel Geld haben ist aber auch schön! Und sie dachte sich gern aus, wie herrlich das wäre, wenn sie des reichen Hofrats Töchterlein wäre und all die schönen Sachen besitzen könnte, die der Ella gar nicht so viel Freude zu machen schienen. Natürlich die Eltern müßten mit dabei sein und die Geschwister.

Daß man nicht alles Gute auf einmal haben kann, sah Mariele noch nicht recht ein, und was das beste von allem ist, was alle Menschen haben können, das verstand sie auch noch nicht so recht. Die Mutter verstand es, aber sie dachte, sie wolle es den Kindern nur immer an sich selber zeigen, wie man vergnügt und zufrieden sein könne, dann würde ihnen das so gefallen, daß sie dann von selber auch anfangen würden, darnach zu streben.

Dem Vater ging es auch so. Er war den ganzen Tag an der Arbeit am Webstuhl, und wenn dieser recht rasselte, so sang er gern mit seiner schönen vollen Stimme ein Lied dazu und das machte ihn immer wieder fröhlich, wenn er auch manchmal ein wenig sorgenvoll war.

Die Mutter besorgte den Hausstand, und so oft das Glöckchen an der Ladentür bimmelte, ging sie da hinaus und bediente die Kunden. Man konnte neben den selbstgewobenen Bändern auch noch Knöpfe und Faden und Nadeln in dem Laden haben. Die Leute kamen gern zu der freundlichen Frau, und so war immer alles Nötige in dem kleinen Häuschen. Die Schüsseln waren immer zur rechten Zeit auf dem Tisch und auch genug darin für die hungrige Kinderschar.

»Ich kann's nicht begreifen, daß der Erich so etwas Gutes nicht gern ißt,« sagte jetzt Eugen, der völlig satt war und dem nun wieder die Torte vorschwebte. »Aber ich kann,« sagte der Vater. »Wenn du einmal ein paar Tage in eine Kammer voll süßer Sachen eingesperrt würdest und sonst nichts bekämest, als nur Torte und dergleichen, dann hättest du für lange Zeit genug davon, und ein Stück schwarzes Brot käme dir dann als der größte Leckerbissen vor.« Die Kinder lachten und hätten gern einmal die Probe gemacht. Dann wurden die Schulaufgaben vollendet, die Mutter brachte inzwischen die kleinen Buben und das dreijährige Lieschen zur Ruhe und dann kam die Reihe des Zubettgehens an die Großen.

»Mutter, singst du uns noch etwas? gelt, ja?« bettelten die Brüder. Das war der größte Genuß, den es geben konnte, behaglich zugedeckt im Bett zu liegen und den schönen Liedern der Mutter zu lauschen, bis man daran einschlief.

Die Mutter wollte gern. Sie machte den Kindern gern eine Freude, und ein schönes Lied machte sie selbst immer wieder frisch und munter. So setzte sie sich zwischen die Betten und fing an:

»Wie herrlich ist's, ein Schäflein Christi werden
Und in der Hut des treusten Hirten stehn!
Kein schönrer Stand ist auf der ganzen Erden,
Als unverrückt dem Lamme nachzugehn.
Was alle Welt nicht geben kann,
Das trifft ein solches Schaf bei seinem Hirten an.«

Bei den ersten Tönen des Liedes hatte der Vater seine Zeitung weggelegt und andächtig zugehört. Dann griff er nach der Flöte, die an der Wand hing, und als die Mutter den zweiten Vers anfing, begleitete er sie mit weichen, lieblichen Tönen. Das Lied hieß weiter:

»Hier findet es die angenehmsten Auen,
Hier wird ihm stets ein frischer Quell entdeckt,
Kein Auge kann die Gnade überschauen,
Die es allhier in reicher Fülle schmeckt,
Hier wird ein Leben mitgeteilt,
Das unaufhörlich ist und nie vorüber eilt!«

Die Mutter horchte nach den Betten hin. Aus denen der Buben drangen tiefe regelmäßige Atemzüge. Das Lied hatte sie in den Schlaf gewiegt. Mariele rief halblaut aus ihrem Kämmerlein: »Das war schön! Gute Nacht, Mutter!« Dann wurde alles still. Der Vater drückte der Mutter die Hand.

»Ich wollte, die Kinder wüßten, wie gut sie es haben,« sagte er. »Sie werden's schon noch einsehen lernen,« sagte die Mutter freundlich. »Wir haben's ja auch nur nach und nach gemerkt!«


Aus dem stattlichen Nachbarhause drang auch Musik in die stille Nacht hinaus. Rauschende, volle Klänge von Geigen und einem prachtvollen Flügel waren es. Die hohen Fenster warfen trotz der Verhüllung einen hellen Schein auf die Straße und hinter den Vorhängen schwebten tanzende Gestalten vorüber. Es war der Geburtstag des Herrn Hofrat und eine vornehme Gesellschaft war zu der Feier desselben eingeladen. Als die Nachbarskinder in ihren Bettchen dem Gesang ihrer Mutter lauschten, wurden die drei Kinder dieses Hauses eben von Fräulein Weiß, Ellas Erzieherin, in den Empfangssalon geführt, um sich der Gesellschaft vorzustellen. Sie waren im schönsten Staat und durften sich, als sie allen Bekannten höfliche Knixe und Diener gemacht hatten, im Speisezimmer an ein zierlich gedecktes Tischchen mit allerlei guten Sachen setzen. »So, ihr dürft euch selbst vorlegen,« sagte Fräulein Weiß. »In einer Viertelstunde hole ich euch zu Bett. Seid artig und manierlich und laßt's euch schmecken! Ella, mache dir keine Flecken in das Kleid!« Damit ging sie und die kleine Tafelrunde war sich selbst überlassen.

Das wäre nun an sich ein seltener Genuß gewesen. Denn die Kinder speisten sonst nie allein, sondern immer mit Fräulein Weiß oder auch manchmal mit den Eltern.

Ella hätte nun das Hausmütterchen machen und die Brüder versorgen können. Aber sie hatte ein wenig Zahnweh und dann war sie auch böse auf Erich, der gesagt hatte: »Du benimmst dich wie ein Affe.« Sie hatte zwar darauf gesagt: »Und du dich wie ein Bär,« aber sie glaubte doch noch mit Recht zu zürnen, denn Erich war wirklich ein wenig zu plump und Ella hatte doch schon Tanzstunde und wußte, wie man auftreten mußte.

Alfred allein horchte auf die Musik und saß ganz ruhig da, denn er liebte Musik über alles. Er sagte zu den beiden Streitenden nur: »Seid doch endlich still, daß man auch zuhören kann,« und davon wurden sie zwar still, aber nicht vergnügt.

Alfred war der Älteste von den drei Kindern. Er war schon zwölf Jahre alt und ein sehr strebsamer Schüler, den man nie zum Lernen zwingen mußte, wie Ella und Erich, die alle beide nicht viel Geschmack daran fanden. Erich mochte sich am allerliebsten im Stall bei den Pferden aufhalten oder auch mit andern Kindern seines Alters auf der Straße spielen. Daß er beides nicht sollte, ärgerte ihn fortwährend und so war er selten vergnügt zu sehen. Ella war immer ein wenig bleich und mager und erkältete sich sehr leicht, so daß sie dann öfters die Schule versäumen mußte. Deshalb hatte sie nun seit einiger Zeit eine eigene Erzieherin, die ihr im Haus Stunden gab, mit ihr im Wagen oder Schlitten ausfuhr und auch die Brüder beaufsichtigte.

Denn die Mama hatte nur sehr selten Zeit, nach den Kindern zu sehen. Sie mußte immer sehr viele Besuche machen und es kamen auch so oft Gäste ins Haus und blieben noch da, wenn die Kinder längst schliefen. Da war dann die Mama morgens meist sehr müde und mußte Ruhe haben und so kam es, daß die Kinder fast immer mit Fräulein Weiß zusammen waren. Das heißt, die Brüder gingen ja in die Schule, aber wenn sie dann nach Hause kamen, so saßen alle drei zusammen im Lernzimmer und machten ihre Aufgaben und nachher konnten sie sich mit den vielen schönen Büchern und Spielsachen vergnügen, die in den hohen Schränken hinter grünen Vorhängen bereit waren. Es war auch ein hübscher Garten hinten am Haus, mit schön gepflegten Blumenbeeten und einem Springbrunnen. Er zog aber die Kinder nicht so sehr an, weil da nicht viel Gelegenheit zum Spielen und Lustigsein war. Nur Alfred setzte sich manchmal mit seinen Büchern in die Rosenlaube, da konnte er ganz ungestört lernen. Jetzt, im Winter, konnte man das freilich nicht tun und Alfred hatte an diesem Abend schon mehrmals Fräulein Weiß zu Hilfe holen müssen, weil es ihn störte, wenn Erich und Ella neben ihm laut sprachen und sich auf ihre Weise vergnügten. So war die Gesellschaft an dem kleinen Tischchen im Speisezimmer nicht so vergnügt, als man hätte denken können. Und als Fräulein Weiß wieder kam, um mitzuteilen, daß es nun Schlafenszeit sei, dachte sie bei sich selbst, sie möchte wohl wissen, was man noch anfangen müsse, um diese verdrossenen Gesichter hell und fröhlich zu machen.

Fräulein Weiß liebte die Kinder so auf ihre Art, sie wußte es nur nicht recht zu zeigen und dachte, wenn man, wie diese Kinder, alles um sich her habe, was man sich nur Erfreuliches denken könne, so müsse man auch vergnügt und befriedigt sein, oder es sei dann nicht zu helfen.

Sie zündete jetzt den Brüdern das Licht in ihrem Schlafzimmer an, gab Ella ein schmerzstillendes Mittel gegen das Zahnweh und zog sich dann auch zurück.

»Du, Alfred,« fing Erich an, als er mit einem großen Sprung sein Bett eingenommen hatte, »ich gehe nicht mehr hinunter, wenn so was ist wie heute. Es ist schauderhaft langweilig!«

»Bei dir ist alles schauderhaft langweilig, was ein wenig fein ist,« sagte Alfred weise. Er mochte sehr gern belehrend mit den jungen Geschwistern sprechen.

»O, dir war's auch langweilig, du sagst's nur nicht,« beharrte Erich. »Der Ella auch. Es ist zwar fast alles langweilig; ich möchte am liebsten Pferdebahnkutscher sein oder dann Seemann. Eins von beiden.«

»Das sieht dir ähnlich,« sagte Alfred etwas verächtlich. »Natürlich, wenn man zweitletzt ist in der Klasse und außerdem der reinste Gassenbub. Will der Paul Hartmann auch Kutscher werden? Mit dem hast du ja so eine große Freundschaft.«

Erich war zuerst ein wenig zornig aufgefahren, als Alfred so von oben herunter sprach. Aber als dieser dann den Nachbarsohn nannte, wurde er auf einmal wieder ruhig und lachte wohlgefällig. »Ja der,« sagte er, »der und Kutscher! Der ist anders gescheit! So viel kann fast keiner in der ganzen Klasse, wie der Hartmann. Schon zweimal hat er ein Prämium gekriegt. Und erst noch ein ganz netter Kerl ist's, gar kein Tugendbold!«

Das letzte sollte auf Alfred gemünzt sein, der sich immer sehr vollkommen vorkam.

Dieser tat aber gar nicht, als ob er es merke, sondern zog sich ruhig vollends aus und suchte ebenfalls sein Lager auf.

Erich war aber noch nicht gesonnen, sich zum Schlafen hinzulegen. »Du, Alfred,« begann er nochmals, »bei Hartmanns ist's erst noch nett! Du kannst's glauben! Die Buben haben in ihrem Hof so eine nette Mühle, die man von der Wasserleitung treiben lassen kann. Ihr Vater hat ihnen daran geholfen. Und abends und Sonntags machen sie alle zusammen Spiele. Es ist ihnen nie langweilig.« »Mir auch nicht,« bemerkte Alfred. »Ja, aber weißt du,« fuhr Erich unbeirrt fort, »Papa kann ja natürlich nicht ›Schwarzer Peter‹ spielen und so Sachen, Mama auch nicht, das könnte ich mir nicht denken. Aber nett ist das doch, ich wollte, es wäre bei uns auch so.«

»Sag's zu Fräulein Weiß, sie soll mit dir spielen,« schlug Alfred vor. »Die muß, wenn wir wollen, ich glaube schon, daß sie Domino kann und so etwas.«

Erich sah groß auf. »Sie habe ich nicht gemeint,« sagte er dann und drehte sich gegen die Wand. Er hätte gern noch etwas anderes erzählt. Die Buben drüben konnten jederzeit zu ihrer Mutter gelangen und ihr alle Schulgeschichten und alles, was sie wollten, erzählen. Und sie nahm an allem Anteil, so wichtig, als ob sie selbst noch mit Steinnüssen spielen und in der Schule hinauf- oder hinunterkommen könnte. Aber Erich wollte es nun doch nicht sagen. Er schloß nur die Augen und fing an, sich auszudenken — was, wußte er am andern Morgen selbst nicht mehr.


Fräulein Weiß ging rastlos durch das ganze Haus. Treppauf, treppab, so oft, daß man es gar nicht zählen konnte. Sie trug ganze Lasten von Kleidern und Wäsche zusammen, alle in ein Zimmer zu ebener Erde, wo große Koffer standen, die gepackt werden sollten. Minna, das Stubenmädchen, saß am Fenster und stichelte eifrig drauf los, und die Frau Hofrätin saß in einem blauen Morgenrock auf einem niedrigen Stühlchen und überwachte alle Arbeiten, die in diesem Zimmer vor sich gingen. Heinrich, der Diener, schloß soeben einen gepackten Koffer und Fräulein Weiß sagte aufatmend: »So, ich denke, nun ist hier alles beisammen, Minna und Sie können ebenfalls anfangen zu packen.«

Es war nicht das Amt von Fräulein Weiß, all die vielen Sachen, die man zu einer Reise braucht, aus Kisten und Kasten zusammenzutragen. Aber die Sache hatte Eile, da mußte sich jedes beteiligen. Denn der Herr Hofrat hatte eine Reise nach Italien zu machen, zum Teil in Geschäften. Und nun hatte er sich auf einmal entschlossen, diese Reise nicht, wie er anfangs wollte, in wenigen Tagen auszuführen und dann wieder heimzukehren, sondern er wollte nun etwa fünf bis sechs Wochen fortbleiben und seine Frau sollte ihn begleiten. Für diese lange Zeit war nun vieles erforderlich, und der Frau Hofrätin fiel immer noch anderes ein, was man mitnehmen mußte. Dazwischen hatte sie noch viele Vorschriften zu geben für die Zeit ihrer Abwesenheit, und Fräulein Weiß, die das ganze Haus überwachen sollte, hatte gewiß schon fünfzigmal gesagt: »Jawohl, Frau Hofrat, das soll genau so geschehen, wie Sie wünschen!« Sie wußte nächstens selber nicht mehr, was sie alles versprochen hatte.

Oben im Lernzimmer war großer Aufruhr. Der Papa hatte die wichtige Neuigkeit erst vorhin verkündigt und heute Nacht schon wollten die Eltern abreisen. Jetzt waren die drei Geschwister allein. »Und gerade noch über Weihnachten bleiben sie fort,« sagte Ella kläglich, und Erich fügte hinzu: »Ja und dann wird man sehen, wie langweilig es bei uns ist. Ich wollte nur —« Das übrige verschluckte er, denn die Mama trat ein.

»O, o Mama,« rief ihr Ella entgegen, »warum sollen wir ganz allein mit Fräulein Weiß bleiben? Das ist schrecklich!«

Und Alfred sah von seiner Zeichnung auf und sagte: »Weshalb soll ich nicht mitkommen? Papa hat mir schon lang eine Reise versprochen. Sag doch, daß ich mitdarf!«

»Du bist nicht klug, mein Junge,« sagte die Mama. »Wir reisen soviel hin und her, da können wir dich gewiß nicht gebrauchen.«

»Wir werden selbst sehr froh sein, wenn wir glücklich zurück sind. Und auf Weihnachten kommt eine große Kiste an mit schönen Sachen. Ihr werdet sehen, was das für eine Lust sein wird, sie auszupacken.«

Diese Aussicht beschwichtigte die aufgeregten Gemüter wieder etwas. Man konnte sich so herrliche Dinge wünschen, die in der Kiste ankommen sollten, und die Mama versprach, sich alles zu merken.


Es war noch drei Tage bis Weihnachten. Draußen wirbelten die Schneeflocken so lustig in der Luft herum, als ob eine zur andern sagen wollte: »Freust du dich?« und die zweite zur dritten: »Wie magst du nur fragen?«

Wenn es aber auch selbstverständlich ist, daß man sich freut, so ist es einem doch manchmal eine Erleichterung, wenn man so fragen kann. Denn die freudige Erwartung läßt sich eher aushalten, wenn man sich immer wieder versichert, daß es anderen Leuten ganz gleich geht, wie einem selbst.

Es war also nicht zu verwundern, daß die Hartmannschen Kinder in diesen Tagen immer wieder die gleiche Frage aneinander stellten. Jetzt eben ging es sehr festlich her im Hause. Der Laden war eben geschlossen worden und der Webstuhl rasselte auch nicht mehr, aber der Vater war doch noch in der Werkstatt, und die Mutter hatte ihm soeben mit ganz geheimnisvollem Lächeln heißen Leim in einem Pfännchen hineingetragen. Natürlich durfte ihr keines der Kinder dorthin folgen, denn der Vater hatte mit dem Christkindchen Geheimnisvolles zu schaffen. Es war aber auch ohnehin jedes emsig beschäftigt. Denn heute wurden Springerlein gebacken und das konnte nur geschehen, wenn alle Kinder mithalfen, die Teigschüssel beim Rühren hielten, den Anis auslasen und zuletzt, aber das war nur den drei Großen gestattet, mit kleinen Teigstückchen wunderbare Gebilde aus den tiefen Mödeln hervorbrachten.

Dieses Werk ging in der Küche vor sich, und Tante Luise führte hier den Vorsitz. Tante Luise war die Schwester des Vaters und war heute angekommen, um über die ganzen Feiertage, bis nach dem Neujahrsfest dazubleiben. Ihr Dasein erhöhte die Festfreude sehr, denn man konnte sich keine heiterere Gefährtin bei allen Spielen denken, als sie war, und mit niemand, als natürlich mit der Mutter, konnte man so eingehend beraten, wie es dieses Jahr werden würde.

Tante Luise war Lehrerin an einer Dorfschule, und nicht mehr jung. Sie hatte schon zu beiden Seiten der Stirne ein wenig graues Haar und mußte eine Brille tragen. Aber es fiel keinem Menschen ein, zu denken, sie passe nicht mehr recht zum Spielen und Geschichtenerzählen; behüte, sie war die allervergnügteste von allen, und sie wußte auch verdrießliche Leute damit anzustecken.

Heute war außer ihren eigenen Neffen und Nichten noch ein Festteilnehmer bei dem wichtigen Werk anwesend. Erich, der Nachbarssohn, hatte sich's flehentlich von Fräulein Weiß erbeten, bis zum Abendessen hier bleiben zu dürfen.

Man hatte in dem reichen Hause schon große Massen von feinem Konfekt gebacken, Erich wußte es. Aber das ging in der Küche vor sich, die im Erdgeschoß lag, und dorthin zog es die Kinder nie, denn da waren sie nur im Wege.

Hier aber, bei Hartmanns, gestaltete sich alles zu einem Fest, und Erich fühlte sich nie wohler als in den niedrigen Räumen unter der vergnügten Schar.

»Gelt, Tante, man muß noch dreimal schlafen, bis es Christtag ist?« fragte der vierjährige Ludwig zum soundsovieltenmal. »Wenn ich nur gewiß wüßte, ob ich eine Farbenschachtel bekomme,« seufzte Eugen und hüpfte vor Ungeduld von einem Fuß auf den andern. »O Tantele,« rief Mariele und schlang von hinten her den Arm um die Tante, »ist das nicht herrlich? ich bin mit allen Arbeiten fertig und,« flüsterte sie ihr ins Ohr, »ich habe für alle etwas, sogar für der Huberin ihr krankes Kind und für die Knorpsbuben!« Das Flüstern war etwas deutlich gewesen, Paul kam von der andern Seite heran und konnte desgleichen versichern, daß er das ganze Haus und noch darüber hinaus zu bedenken habe.

»Ei seht, was wir für reiche Leute sind,« sagte die Tante wohlgefällig, und alle Kinder lachten. Denn das war ihnen ein ganz neuer Gedanke, daß sie reich sein sollten.

»Es ist mir ernst damit,« fuhr die Tante fort und sah ganz ernsthaft aus. »Wenn man hat, was man braucht, und sogar noch etwas zu verschenken, so ist man reich.«

»Ja, aber es sind nur angemalte Papiersoldaten und gestrickte Pulswärmer und so Sachen,« sagten die Kinder ein wenig zaghaft, »reiche Leute schenken Geld her und ganze Körbe voll guter Sachen, es ist erst so eine Geschichte im ›Jugendfreund‹ gestanden.«

Aber die Tante wußte herrlich zu trösten und nach und nach alle zu überzeugen, daß es eigentlich gar nicht so sehr darauf ankomme, ob man viel oder wenig herzugeben habe.

»Wenn man nur spürt, daß es aus Liebe geschieht,« sagte sie, »das ist die Hauptsache.« Und damit mußte für heute die Sache erledigt sein, denn jetzt war das letzte Springerlein aufs Brett gesetzt, und es war hohe Zeit, daß die kleine Schar ihr Abendessen bekam und ins Bett geschafft wurde.

Erich mußte nun auch nach Hause. Er konnte sich fast nicht trennen und zögerte immer noch ein wenig. Das fiel der Tante auf; es war ihr schon den ganzen Abend aufgefallen, daß er so still unter der lebhaften Schar gewesen war.

»Wenn du willst, kannst du morgen wiederkommen,« sagte sie freundlich. »Du kannst uns helfen, silberne und farbige Sterne und Körbchen an unser Verschenkbäumchen zu machen.«

Erich nickte glücklich und reichte der Tante die Hand, da bog sich diese plötzlich zu dem kleinen Buben herunter und küßte ihn auf die Stirne. »Grüße Fräulein Weiß, ich kenne sie gut,« sagte sie zum Abschied. »Und nun geh und freue dich auf das Christfest, ich komme dann einmal hinüber und sehe mir an, was dir das Christkind gebracht hat.«


Das Christfest war gekommen und alles war so schön gewesen, wie nur einmal. Es war ans Tageslicht, oder vielmehr ans Christbaumlicht gekommen, was der Vater so geheimnisvoll in der Werkstatt geschafft hatte. Eine solch schöne Krippe mit einer ganzen Landschaft drum herum hatte noch keines der Kinder gesehen. Da war der Stall, ganz aus Rinde erbaut, mit einer Futterraufe für die Ochsen und Esel, und unter der Tür saß Maria und sah mit Joseph dem Jesuskindlein in dem heiligen Kripplein zu. Dann führte ein Weg über steinerne Felsen zu einem Moos- und Rasenplatz, wo die Schäflein weideten und Schäfer die Schalmei bliesen, und über einen kleinen See führte ein zierliches Brücklein, dem schritten von weitem her die Weisen aus dem Morgenlande zu. Und über dem Ganzen schwebte von der Decke herunter ein golden glänzender Stern, der funkelte im Christbaumlicht so hell wie die Augen der Kinder. Heute dachte niemand mehr daran, daß es vielleicht anderswo reichere Gaben und größere Pracht gebe. O nein, es konnte nirgends, nirgends schöner sein als hier. Und nichts war erfreulicher, als die neuen Mützen und Hosenträger der Buben und die rosafarbigen Schürzchen der Mädchen. Nur einmal, als man sich zum Gesang um den Vater mit der Flöte sammelte, zupfte Paul seinen Bruder Eugen am Ärmel. »Du, jetzt ist der Erich doch nicht gekommen. Er hat's doch versprochen.« Und Eugen gab zurück: »Vielleicht ist jetzt gerade die italienische Kiste angekommen, da wird er den ganzen Abend auszupacken haben.« Denn in den Gedanken der Kinder war die Kiste immer größer geworden, und stellten sie sich dieselbe ungefähr so groß wie ein Schilderhaus vor.


Es war aber nicht die Kiste, die den Erich abgehalten hatte, zur Bescherung zu kommen. Als im Hartmannschen Hause der Christbaum brannte und alle in Liebe und Freude vereinigt waren, lag er im matt erhellten Zimmer zu Bett, und Minna, das Stubenmädchen, machte ihm Umschläge um die fieberheiße Stirne. Eben war der Arzt dagewesen, hatte den Kranken untersucht und gesagt: »Es wird wohl Scharlachfieber geben oder so etwas. Natürlich darf keines von den andern Kindern ins Zimmer.« Das war nun ein trauriger Heiligabend! Man hatte die Kiste, die richtig angekommen war, in den Saal getragen und den Kronleuchter angezündet. Der Christbaum stand schön geputzt auf dem Boden und reichte bis zur Decke. Aber es mochte ihn niemand anzünden. Alfred und Ella saßen am Boden vor der geöffneten Kiste, die allerdings sehr viel Schönes enthielt. Aber es war keine rechte Freude, das alles auszupacken, wenn Erich krank zu Bette lag, Fräulein Weiß sorgenvoll und bekümmert umherging und die Eltern in weiter Ferne waren. Für Ella war ein prachtvoller Anzug eines italienischen Bauernmädchens angekommen, alles in Samt und Seide und mit goldenen Behängen. Alfred bekam eine wertvolle Muschelsammlung, ein schönes Buch mit vielen Bildern und noch allerlei. Und dazwischen duftete es in allen Ecken nach Veilchen und Rosen, die zwischen den Gaben lagen, und der Boden der Kiste war ganz mit Orangen und Datteln ausgelegt. Mit fröhlichen Gefährten und in glücklicher Stimmung hätte es ein Genuß sein müssen, die Kiste auszupacken, und ich wüßte manchen, der da gern mitgetan hätte. Aber es fehlte den reichen Kindern beides. Fräulein Weiß hatte Erichs Anteil an den Geschenken auf die Seite getan und zu Alfred und Ella gesagt: »So, nun freut euch an den schönen Sachen; es gibt nicht viele Kinder, die so reich beschenkt werden.« Aber damit hatte sie den Kindern noch nicht gezeigt, wie sie es machen sollten, sich zu freuen. Und von selbst wußten sie es nicht recht.

Man konnte es nicht anders verlangen von Fräulein Weiß. Sie war wirklich in schwerer Sorge wegen des kranken Erich und wußte nicht, ob sie den Eltern von der Sache schreiben sollte oder nicht. Dazu kam noch die Frage, wer den Kranken pflegen solle. Denn sich selbst ganz abzusondern vom Haus und den größeren Kindern, das erschien ihr unausführbar. Und dann hatte sie selbst auch noch nie Scharlachfieber gehabt und fürchtete sich ein wenig vor der Ansteckung.

Da konnte sie denn nicht auch noch eine aufheiternde Gefährtin sein. Den Dienstboten bescherte sie die für sie bestimmten Geschenke ohne rechte Festfeier im Saal; dann sah sie ab und zu in das Zimmer hinein, wo der kranke Erich lag, zog sich aber jedesmal wieder rasch zurück, denn da besorgte für jetzt noch Minna das Nötige. Morgen mußte eine Pflegerin her, das hatte sich Fräulein Weiß schon ausgedacht.

Alfred und Ella standen ein wenig verdrossen vor ihren prächtigen Sachen und hatten auch nicht recht Lust, all die Süßigkeiten zu versuchen, die in silbernen Körbchen auf dem Tisch standen. Sie hatten beide Heimweh, ohne daß sie es recht wußten.

Da wurde auf dem Vorplatz eine freundliche Stimme hörbar. »Wo habt ihr denn das arme Büblein?« fragte Tante Luise, die vom Nachbarhaus herübergekommen war, als sie durch eins der Dienstmädchen von Erichs Krankheit gehört hatte. Tante Luise war von früher her gut bekannt mit Fräulein Weiß. Nun wollte sie ihr ein wenig beistehen in dieser Sorgenzeit.

Ella öffnete neugierig die Türe und sah etwas erstaunt auf das fremde Fräulein. Aber Tante Luise war nicht so verlegen, wie ihre kleinen Neffen und Nichten den reichen Kindern gegenüber waren. Sie sah sogleich, um wieviel reicher und glücklicher die Kinder des kleinen Häuschens drüben waren, als die Kinder des reichen Hauses, die heute am Heiligabend allein und freudlos unter dem funkelnden Kronleuchter standen trotz der schönen Geschenke. Und in Tante Luisens Herzen wallte ein großes Mitleid auf.

»Darf ich zuerst ein bißchen zu euch hereinkommen?« sagte sie freundlich und trat in den Saal. »Habt ihr die Christbaumlichter schon wieder ausgelöscht?« fragte sie erstaunt. »Ach nein, was seh' ich, die haben ja noch gar nicht gebrannt!« fuhr sie lebhaft fort. »Das müssen wir noch nachholen. Ich glaub's wohl, daß niemand dazu Zeit hatte, und auch keine Lust. Aber so traurig wollen wir doch nicht sein am Heiligabend. Christtag ist's doch, wenn auch der arme Erich krank ist. Der liebe Gott macht ihn hoffentlich bald wieder gesund. Ich will ihn helfen pflegen. Und jetzt singen wir zuerst ein Weihnachtslied, das könnt ihr doch?« Während sie das sagte, hatte Tante Luise schon angefangen, an dem hohen Baum die Lichter anzustecken. Nun brannten sie hell und licht, wie das ja alle Christbaumlichter tun, und Tante Luise sah sich fragend um: »Wollt ihr nicht auch den Diener heraufrufen und den Kutscher und vielleicht die Köchin? Die würden gewiß auch gern mitsingen.« »O ja, das würden wir gern,« sagte hier auf einmal Franz, der Diener, der sich gerade am Ofen zu schaffen gemacht hatte. Und er ging schnell, die anderen zu holen. Das war jetzt doch auch noch ein fröhlicher Kreis, der sich um das Klavier sammelte, und es klang feierlich in die Nacht hinaus: »Halleluja, denn uns ist heut ein göttlich Kind geboren.« Fräulein Weiß hatte sich auch eingefunden. Und wenn sie auch einen Augenblick dachte, daß das eigentlich ihre Sache gewesen wäre, so fühlte sie sich doch ein wenig erleichtert. Alfred und Ella wußten nicht recht, wie ihnen geschah. Zuerst hatten sie gedacht, Tante Luise sehe etwas einfach aus, lange nicht so elegant wie Fräulein Weiß oder gar die Mama. Aber es tat ihnen doch wohl, daß sie so frisch und lebendig da hereinkam und für eine richtige Christfeier sorgte, so, als ob sie schon lange im Hause sei. Jetzt kamen ihnen auch die Gaben der Eltern wieder begehrenswert vor, da Tante Luise sie so aufrichtig bewunderte. Zwar wunderte es Ella ein wenig, daß diese so viel Aufhebens von einem goldgerahmten Bildchen, Maria mit dem Jesuskind auf dem Schoß darstellend, machte. Der Anzug war doch gewiß viel kostbarer. Aber das schien Tante Luise gar nicht zu bedenken. »Das Bildchen hängen wir nachher über deinem Bett auf, Ella,« sagte sie. »Dann kannst du dich immer daran freuen. Und auf einmal ist dann die Zeit da, wo deine Mutter wiederkommt, und dann kannst du es gerade so machen wie das Jesuskindlein auf dem Bilde. Wenn du auch ein bißchen groß bist für ein Schoßkindchen,« fügte sie lächelnd hinzu.

Ella schüttelte leise den Kopf. Das war doch wieder ein bißchen anders bei ihnen. Was wohl Mama gesagt hätte, wenn sie begehrt hätte, auf ihren Schoß zu sitzen? Aber das wußte ja Tante Luise nicht so genau. Sie kannte wohl nur das trauliche Familienleben in dem kleinen Häuschen drüben, wo die Mutter immer für alle zu haben war und sonst gar keine Pflichten hatte, als nur für ihre Lieben zu sorgen.

Alfred hatte den Gesang mit seiner Violine begleitet. Jetzt sagte er: »Wenn Sie mich begleiten würden, würde ich gern noch ein Weihnachtslied spielen. Ich kann schon manches.«

Es war ihm kaum schon einmal so erfreulich gewesen wie heute, daß er ein wenig Musik machen konnte. Denn in Gesellschaft durfte er ja noch nicht spielen, dazu hatte er noch nicht genug gelernt. Und im Lernzimmer oben waren nur die Geschwister und etwa Fräulein Weiß, und keins von ihnen hatte eine rechte Freude an seinem Spiel. Heute aber, wo er etwas zur Erhöhung der Festfreude beitragen konnte, machte ihn das stolz und glücklich. »So,« sagte Tante Luise, als der letzte Ton des Liedes »Stille Nacht, heilige Nacht« verklungen war, »nun will ich zu Erich gehen. Ich denke, ich bleibe die Nacht bei ihm. Seine Bescherung können wir erst später halten. Das könnt ihr beiden nun euch recht hübsch ausdenken.«

Das war nun alles völlig neu, sowohl für die Kinder als für Fräulein Weiß. Denn es war keines von ihnen daran gewöhnt, so einfach fröhlich zu sein, so ohne besondere Veranstaltungen sich zu freuen und festlich zu fühlen. Und auch das nicht, was Tante Luise zuletzt noch gesagt hatte, nämlich sich darauf zu besinnen, womit man einander erfreuen könne. Aber es war ihnen allen angenehm und wohltuend gewesen, so zu sein wie heute abend. Fräulein Weiß gab Ella sogar einen Kuß, als diese warm zugedeckt im Bett lag, und sagte zu ihr: »Was meinst du, wenn wir morgen nachmittag den großen Kochherd herunterholten und einmal tüchtig kochten?« Und Ella wollte gern und besann sich noch im Einschlafen auf das Fest.

Alfred hatte ein wunderliches Gefühl, als er allein in der Eltern Schlafzimmer trat, das er während Erichs Krankheit benützen sollte. Er war sich gar nicht mehr recht als Kind vorgekommen in letzter Zeit. Er wurde im Haus schon so viel als junger Herr behandelt, und alles, was kindlich war, hatte ihm langweilig geschienen. Aber er wußte nichts Rechtes, was ihn denn dafür hätte erfreuen können. Erich, ja der hatte Gefallen an Knabenspielen und allerlei lustigem Zeitvertreib, sei's auch nur mit dem Kutscher oder sogar mit Ella, dem empfindlichen Mädchen. Das kam Alfred immer ein wenig verächtlich vor. Und doch fiel es ihm noch hie und da ein, wie er einmal bei Hartmanns durch die zurückgeschobene Gardine gesehen hatte, wie die ganze Familie, sein Bruder Erich mitten darunter, sich um den Tisch geschart und das »Fuchs- und Hühnerspiel« um Nüsse eifrig betrieben hatte. Und wie ihn damals auch nach so etwas verlangt hatte, wenn er's auch nicht gestand. Als Erich damals nach Hause kam, hatte er ihn verhöhnt: »Willst du nicht lieber ganz da hinüberziehen, wenn dir das vornehm genug ist? Nüsse könntest du auch daheim haben und dann gleich mehr.«

Und Erich hatte nur erwidert: »Du weißt etwas Rechtes vom Vergnügtsein! Da sei nur ganz still davon.«

Das kam dem Alfred heute abend wieder in den Sinn. Es war wahr, er wußte etwas Rechtes vom Vergnügtsein! Und es stieg eine Sehnsucht in ihm auf, nach was, das wußte er selbst noch nicht so recht. Es ist nur gut, daß der liebe Gott besser weiß als die Menschenkinder, was ihnen fehlt. Er hatte jetzt auch Tante Luise herübergeschickt, damit man in dem reichen Hause erfahre, daß man ohne rechte Liebe und ohne die Zufriedenheit, die tief im Herzen wohnen muß, arm ist bei aller Pracht und Herrlichkeit.


Es war an einem stillen, dämmerigen Nachmittag. Draußen wirbelte der Schnee in der Luft umher und legte sich dann leise und sachte auf die Erde, wo schon eine dicke, weiche Decke davon lag. Drinnen im Krankenzimmer saß Tante Luise an Erichs Bett, hatte den Arm um den kleinen Buben geschlungen und plauderte mit ihm von allerlei, was ihm schon lang am Herzen lag. So schön hätte sich Erich das Kranksein gewiß nicht träumen lassen. Die schlimmsten Fiebertage waren glücklich überstanden, davon wußte er nicht mehr viel, wußte kaum noch, daß ein paar Nächte lang eine Diakonissin an seinem Bett gewaltet und ihn gepflegt hatte. Das konnte er sich eher noch denken, daß am Tag Fräulein Weiß und Tante Luise miteinander abgewechselt hatten, und daß letztere ihn allemal wieder wie ein kleines Kind in den Schlaf gesungen hatte. Aber jetzt, jetzt konnte es der Erich gar nicht schöner begehren, als er's schon hatte. Denn er mußte zwar noch ganz ruhig im Bett liegen, aber das wollte er ja gern tun, wenn er dazu die allerbeste, liebste Gesellschaft hatte, die man sich denken konnte. Denn Tante Luise hatte wirklich ihre schönen Vakanztage dazu hergegeben, den kleinen Burschen zu verpflegen, der sie doch eigentlich gar nichts anging, nur weil er sonst nicht viel Liebe um sich her hatte.

Jetzt saß sie an seinem Bett, und Erich hielt ihre Hand fest, so, als wäre sie im Begriff, ihm gleich wieder zu entschlüpfen, und er müßte es mit seiner schwachen Kraft verhindern. Tante Luise dachte aber nicht ans Entschlüpfen. Sie hatte frische, rote Backen, denn sie war eben erst von einem Ausgang heimgekommen. Da sie der Ansteckung wegen nicht mehr zu ihren Angehörigen in das kleine Häuschen hinüber durfte, so hatten sie alle zusammen sich im Freien getroffen, am Saum eines kleinen Wäldchens in der Nähe der Stadt, wo die Kinder sich mit Schneeballwerfen belustigten und die die Großen in einer Schutzhütte miteinander plaudern konnten. »Und denk einmal, was wir für ein Genesungsfest ausgemacht haben!« erzählte Tante Luise, nachdem sie das alles berichtet hatte. »Weißt du, Alfred ist mein ganz guter Freund geworden und mit Ella ist das auch auf dem besten Wege. Da haben wir nun ein Fest geplant, zu dem wir alle Hartmannschen Kinder laden wollen. Das halten wir im Saal. Alfred will seine Laterna magica vorführen, so etwas haben die kleinen Buben noch nie gesehen. Und dann singe ich den Struwelpeter und Alfred geigt dazu. Natürlich gibt es dann auch etwas Gutes zu schnabulieren, und wir machen zusammen die hübschesten Spiele, die uns nur einfallen. Und zum Schluß zünden wir den Christbaum an. Denn das Christkind kommt dann erst noch zu dir. Es hat ja nicht herein dürfen,« setzte sie lachend hinzu.

»Aber du, Tante Luise, gelt?« sagte Erich vergnügt. Es war jetzt alles und jedes ein Fest, und er wunderte sich kaum noch, daß Alfred es nicht zu langweilig und zu gewöhnlich fand, den kleinen Buben vom Nachbarhaus seine Herrlichkeiten vorzuführen.

Alfred hatte es ja nur nicht gewußt, wie man recht vergnügt sein könne. Und Erich war froh, daß nun jemand da war, um es ihm zu zeigen.

Er hatte aber noch viel auf dem Herzen, was heute besprochen werden mußte. So fing er sogleich wieder an:

»Wenn du nur immer dabliebest. Wenn du nur gar nie mehr in deine Schule müßtest. Du glaubst nicht, wie es bei uns ist. Dann sitzt Alfred mit seinem Buch am Tisch, und Ella gähnt hinter der Hand, weil sie Französisch lernen soll, und ich soll immer still sein und manierlich. Und Fräulein Weiß sagt dann jedesmal, wenn wir mit den Aufgaben fertig sind: ›So verdrießliche Kinder sind mir noch nie vorgekommen, wie ihr seid.‹« Tante Luise dachte einen Augenblick an die fröhliche Tafelrunde bei ihren Verwandten. Sie wußte wohl, wo es fehlte, daß es in dem reichen Hause niemals heiter zuging wie dort. Und sie konnte es nicht gut ertragen, wenn Kinder nicht so vergnügt waren, wie sie eigentlich sein konnten.

»Ja, da möchte ich freilich manchmal dabei sein,« sagte sie liebevoll. »Da möchte ich schon hie und da nachsehen, wo das fehlt. Aber weißt du, ich kann dir doch ein Mittelchen sagen, daß es nicht so unlustig bleibt bei euch, wie seither. Fang du selbst einmal an, dir immer etwas Schönes auszudenken, das nun anzufangen ist. Zum Beispiel, bis die Eltern heimkommen; da kann man sich schon wieder besinnen, womit man sie erfreuen will, daß sie merken, ihr habt an sie gedacht, solang sie so herumreisen mußten mitten im Winter.«

Erich horchte auf. Denn der Gedanke war ihm neu, daß es die Eltern am Ende freuen könne, wenn sie sähen, daß man an sie gedacht habe. Sie kamen ihm beide gar nicht recht eigen vor, so wie den Hartmannskindern Vater und Mutter. Und es dünkte ihn plötzlich ein Reichtum zu sein, daß er das auch habe.

»Und,« fuhr Tante Luise fort, »Fräulein Weiß kann man auch zeigen, daß es denn schon noch verdrießlichere Kinder gibt, als ihr seid. Übernächste Woche ist ihr Geburtstag. Da soll ihr Alfred ein hübsches Gedicht machen, und du kannst ihr ein auswendiggelerntes hersagen, und ein bekränzter Kuchen müßte mir her an deiner Stelle und allerlei kleine Geschenke. Das kann man alles so vergnüglich gestalten, daß immer wieder ein Fest kommt, ehe man sich's versieht. Merk dir's nur, man muß nur alle Leute lieb haben, die um einen herum sind, dann kann es gar nie langweilig sein, weil einem dann immer etwas einfällt, das man ihnen zu Gefallen tun kann.«


Es ist merkwürdig, aber es ist wahr: Ein liebevolles und fröhliches Gemüt ist wie ein Zauberstäbchen. Wen man damit berührt, der wird angesteckt. Und da Tante Luise allen Hausgenossen mit ihrem heiteren Wesen nahegekommen war, so fingen auch alle an, ihr ein wenig nachzustreben. Fräulein Weiß dachte immer: »Wenn ich auch so wäre, so wären gewiß alle vergnügter und ich mit.« Und sie bat den lieben Gott, sie auch so frisch und liebevoll zu machen. Und solche Bitten erhört er gern.

Wenn aber alle zusammenhelfen, so muß man sich nur wundern, wie schnell es anders wird im Haus.

Das Genesungsfest war gekommen. Die Frau Hofrat hatte gern erlaubt, daß die Kinder des Nachbarhauses eingeladen wurden. Denn sie war sehr froh, daß sie hörte, Erich habe die Krankheit so gut überstanden und Tante Luise habe ihn so gut gepflegt. Sie hatte nun allmählich auch Heimweh nach ihren Kindern. Fräulein Weiß hatte den sehr liebevollen Brief vorgelesen und gesagt: »So, nun können wir uns jeden Tag freuen, bis die Eltern kommen. Ich habe schon einen schönen Plan zum Empfang.« Denn Fräulein Weiß wollte jetzt nicht mehr warten, ob sich die Kinder von selbst freuten, sondern sie wollte ihnen den Weg dazu zeigen.

Nun war die Familie Hartmann da. Erich hatte schon lang mit verlangendem Blick nach der Tür gesehen. Nicht nur wegen seines Freundes Paul. Der hatte ihn schon einmal besucht und Alfred hatte nachher gesagt: »Der Hartmann ist erst noch ganz nett. Man kann schon etwas mit ihm anfangen.« Das war ein großes Zugeständnis. Aber heute wartete Erich noch auf jemand anderes, der erst ganz zuletzt kam. Das war die Mutter, die den Kleinen trug. Sie kam auch sogleich zu dem bleichen Erich her und sagte liebreich: »Gottlob, daß du wieder so weit bist. Und jetzt wollen wir uns recht freuen.« Auf diesen Augenblick hatte Erich gewartet, denn er trug den Brief von seiner Mutter in der Tasche und nun zeigte er ihn mit großem Stolz. Er hatte das Gefühl, als ob ihn diese glücklichen Leute ein wenig bemitleideten. Und das war ja nun nicht nötig, wenn doch seine Mutter auch Heimweh nach ihm hatte!

Jetzt war er erst recht imstand, das fröhliche Fest mitzugenießen. Vergnügtere Menschen hatte der elegante Saal wohl noch nie gesehen, soviele Gesellschaften schon darin gewesen waren. Heute kam die Fröhlichkeit recht von Herzen. Ella schloß große Freundschaft mit Mariele und sagte nur dazwischenhinein immer wieder: »O wenn ich nur auch so ein herziges Brüderlein hätte, wie dein Fritz ist. Das wäre mir dann schon noch lieber, als alle Puppen.« Und Mariele sagte ganz verständig darauf: »Ja, alles kann man auch nicht haben, sagte meine Mutter immer. Sonst fällt einem immer noch etwas ein und dann noch etwas. Und dann ist man erst nicht zufrieden.« Die Mutter mußte vor sich hin lachen, als sie dieses Zwiegespräch mit anhörte. Denn sie wußte gut, daß ihr Töchterlein manchmal gern getauscht hätte. Und sie wußte auch, daß alle großen und kleinen Leute von ihrem Vater im Himmel das bekommen, was gut für sie ist, und daß alle erst nach und nach lernen müssen, das allerbeste davon herauszufinden. Nämlich das, daß sie ganz getrost und zufrieden sein können, weil er für sie sorgt und sie lieb hat. Und die Leute, die das wissen, sind dann am reichsten von allen.


Nun möchte man gern noch erzählen, daß Mariele von nun an ganz zufrieden und fröhlich gewesen sei, trotz ihrer einfachen Kleider und trotz den engen niedrigen Stuben und den vielen kleinen Geschwistern.

Und daß die reichen Kinder von jetzt an ihre rechte Freude und Zufriedenheit darin gesucht hätten, einander Liebes und Gutes zu erweisen. Daß das Familienleben des großen Hauses nun so warm und innig geworden sei, wie das des kleinen.

Aber das geht nicht nur so.

Wenn ein Samenkörnlein anfängt zu treiben, so kommt zuerst ein zartes, hellgrünes Keimlein aus dem Boden. Und wer Augen dafür hat, der kann sich wohl daran freuen. Aber bis dann ein Halm hervorwächst und eine Ähre treibt, und die Ähre reif wird, das dauert noch lange.

Und bei den Menschenkindern muß man auch warten, bis die Samenkörnlein aufgehen und Liebe und Freude daraus hervorwachsen. Wer weiß, was aus Erichs Krankheitszeit für fröhliche Saat aufwächst in den jungen und alten Herzen? Das muß man jetzt erst abwarten.

Und wer weiß, was aus den schönen Liedern der Mutter und dem liebevollen Wesen der beiden Eltern und dem fröhlichen Gesicht der Tante Luise für ein Blumengärtlein treibt in dem kleinen Hause? Vielleicht erfahren wir's noch.

Und einstweilen wollen wir unser eigenes Gärtlein pflegen. Denn wir sind alle reicher, als wir wissen.