Den ganzen Tag von Morgen bis zum Abend lief Wera Nikolajewna herum, um zu massieren, die Abende verbrachte sie über ihren Lehrbüchern: sie bereitete sich zum Abiturientenexamen vor, weil sie um jeden Preis in das medizinische Institut eintreten wollte. Wera Nikolajewna wurde von Anna Stepanowna unterrichtet, deren Angelegenheiten im Lednjowschen Mustergymnasium übrigens nicht zum besten standen.
Die Vorsteherin Lednjowa zahlte ihr vorläufig mit Aussicht auf die geheimnisvollen Equipierungsgelder den Gehalt aus eigener Tasche, und sie begleitete diesen üppigen Vorschuß jedesmal mit ihren beliebten Erörterungen über gute Taten, über den Verfall der Moral überhaupt und über ihre eigene Opferwilligkeit – man denke: in ihrem eignen Gymnasium gab sie den Unterricht umsonst! –
Nach Anna Stepanownas Erzählungen war in diesem Gymnasium die Hölle los. Es herrschte ein musterhafter Wirrwarr in dem musterhaften Gymnasium. Nicht weil da etwa lauter ungezogene Kinder beisammen gewesen wären, nicht an ihrer Ausgelassenheit lag es, sondern weil man die Schülerinnen als Einnahmequellen warm halten mußte, und diese Behandlung von den Kindern ganz richtig eingeschätzt wurde. Natürlich wurden nie Verweise erteilt, und die Noten mußten so ausfallen, daß die Eltern nicht auf den Gedanken kommen sollten, ihre Töchter in eine andre Schule zu geben. Die Lednjowa gab selbst Unterricht und liebte es auch, den Stunden andrer beizuwohnen und durch allerlei Fragen ihre unbezahlten Lehrer zu kontrollieren. Es wurde überhaupt nach keinem Programm unterrichtet, auch nicht nach den Lehrbüchern, die das Unterrichtsministerium begutachtet und bestimmt. So zum Beispiel waren in der großen französischen Revolution nicht etwa Robespierre und Marat die Führer, wie man gewöhnlich lehrt – was bedeutet auch so ein Robespierre oder Marat! – der Hauptführer war Hugo Capet, der für sein Verbrechen gegen König Louis zugrunde ging.
Der musterhafte Wirrwarr im musterhaften Gymnasium wurde durch eine musterhafte Enge und Kälte vervollständigt. Es herrschte darin eine echte Januarkälte. Die Oefen wurden niemals geheizt, und zwar nicht nur nicht in den Klassenzimmern – denn so verlangt es das letzte Wort der Hygiene –, sondern auch nicht im Lehrerzimmer. Es ist wahr, daß die Kinder nicht sehr darunter litten: sie tanzten, sprangen, tobten herum, und das Gymnasium war ein wahres Sodom an Lärm. Für die Lehrer war es weniger bequem, daran teilzunehmen: leise kann man nicht Lärm machen und laut schickt es sich nicht. Auf alle Vorstellungen hatte die Lednjowa nur eine Antwort:
– Was fällt Ihnen ein? Sie sollten sich erst das Karrassewsche Gymnasium, oder das Spaßesche ansehen, dort ist es wirklich kalt!
Diese Antwort der Lednjowa versetzte Anna Stepanowna aus Petersburg in ihr Purchowez zurück und erinnerte sie an den Inspektor der Volksschulen, an den berühmten Obraßzow.
Dieser berühmte Mann aber war nicht mehr und nicht minder als der leibliche Bruder der Vorsteherin Lednjowa.
Rakow, der Historiker, sprach mit großem Respekt von ihm. Nach Rakow, wäre Obraßzows Name, hätte dieser in der „antiken Geschichte“ gelebt, unbedingt unter den berühmten Aussprüchen im Tempel zu Delphi eingegraben worden, und sein Kopf hätte den Giebel des athenischen Parthenon geschmückt. Und Rakow, der Historiker, irrte sich nie.
Als einmal ein Lehrer sich bei Obraßzow beklagte, daß es in der Schule naß und kalt sei, nur sechs Grad, da lautete Obraßzows, einer Lednjowa würdige Antwort folgendermaßen:
– Ich bitte Sie, sechs Grad, das ist ja doch ein wahrer Segen. Im Pokidoschenschen Gouvernement aber, da kam ich einmal, als ich noch Inspektor dort war, in eine Schule: die Kinder saßen in Schafpelzen, der Lehrer im Pelz und in Gummischuhen. Ich sitze ein Weilchen da, bin ganz durchfroren. Ich will eine Notiz über meinen Besuch machen, doch die Tinte ist eingefroren. Der Lehrer blies in das Tintenfaß, blies und wärmte es, es nützte aber nichts, und ich mußte ohne Notiz abreisen. Eine solche Kälte war da! Bei Ihnen aber ist ein wahrer Segen! – Und als ein andrer Lehrer sich einmal über die Enge in der Schule beklagte, da blieb ihm Obraßzow auch die Antwort nicht schuldig:
– Ich bitte Sie – rief er, – Sie haben keine Ahnung von wirklicher Enge. Im Pokidoschenschen Gouvernement, da kam ich einmal, als ich dort noch Inspektor war, in eine Pfarrschule: es war auch zugleich das Armenhaus. Im selben Zimmer die Betten der Armenhäuslerinnen, eine Gans schnattert in einem Korb auf den Eiern, ein Kalb blökt, und gleich daneben die Kinderchen auf fünf Bänken, – kein Platz, um auch nur einen Schritt zu machen, und die Luft so, daß mir der Atem verging. So eng ist es manchmal, hier aber ist ein wahrer Segen! – Dem Lehrer aber, der von einer Masse Frösche meldete, die sogar unter die Bettdecke krochen, gab Obraßzow einen wahrhaft delphischen Verweis, der es gebieterisch verlangt, Purchowez oder Pokidosch in Rakows Geschichte des Altertums aufzunehmen.
– Es kann hier von einer Masse gar nicht die Rede sein – rief Obraßzow – ein Dutzend höchstens hüpft da herum, gleich kommen Sie und nennen das eine Masse! Sie haben eben nie eine Masse gesehen! Im Pokidoschenschen Gouvernement, da kam ich einmal, als ich noch Inspektor dort war, in eine Schule, da wimmelte es an der Decke buchstäblich von Schwaben. Wenn man die Tür zuschlug, da regneten sie nur so herunter! Das nenne ich eine Masse. Als ich nach Hause kam und mich auszukleiden begann, da wimmelten die Schwaben nur so auf mir herum. Meine Frau bekam Angst und stieß mich sofort in den Frost hinaus, und ich mußte mich draußen ausziehen. Aber bei Ihnen hier ist ja ein wahrer Segen!
Ja, Rakow der Historiker hatte recht, wie immer.
Doch wenn man den Namen des berühmten Purchowezschen Inspektors unter den berühmten Aussprüchen im Tempel von Delphi hätte eingraben müssen, so müßte man die Vorsteherin Lednjowa, welche die große Kunst besaß, keinen Heller aus ihrer eigenen Tasche auszugeben und die nicht nur ihre ausgehungerten Lehrer, sondern sogar das Ministerium naszuführen verstand, – noch großartiger ehren!
Der Winter ging zur Neige. Zugleich mit dem Schnee schmolz der große schwarze Berg auf dem belgischen Hof zusammen. Der Frühling kam, Ostern kam.
Freudlos wurde das Osterfest empfangen, so wie das Weihnachtsfest freudlos vergangen war. Wassilij Alexandrowitsch der Clown hatte das Krankenhaus verlassen. Seine Ferse war geheilt, dennoch war seine Kunst unwiderruflich verloren. An der Ferse war etwas nicht richtig, er hatte gleichsam keine Ferse mehr: er konnte nur bis zur Ecke der Gorochowaja gehen, bis zum Zeitungsausträger und zurück, nicht weiter. Wera Nikolajewna riet der Arzt, statt das Abiturientenexamen zu machen, keine Zeit zu verlieren und nach Abas-Tuman[12] zu reisen: an ihrer Lunge war etwas sehr nicht in Ordnung – es war etwas wie ein Geräusch oder ein Zischen. Anna Stepanowna fiel bei der musterhaften Lednjowschen Ordnung einfach um vor Müdigkeit – und lächelte. Sie lächelte stets ihr krankes, erschreckendes Lächeln.
Zu Ostern ereignete sich auf dem Burkowschen Hof alles, was jahraus, jahrein an den hohen Feiertagen sich zu ereignen pflegte, seitdem das Haus an der Fontanka stand: Unfälle, Begebenheiten, Skandale, Schlägereien, Prügeleien, Hilferufe, Polizeiwache – doch alles in sehr gesteigertem Maße und viel lauter als gewöhnlich.
Bei der Hebamme Lebedjowa ereignete sich wieder ein Diebstahl, diesmal aber wurde ihr kein Pelzmantel gestohlen, sondern zweiunddreißig Rubel, die sie sich für einen neuen Pelz zusammengespart hatte. Das Geld lag in einem Strumpf in einer geschlossenen Kommode; der Strumpf fand sich, doch das Geld war spurlos verschwunden, als wäre es im Ofen verbrannt worden. Man beschuldigte wieder den Portier Nikanor, er hätte nicht genügend aufgepaßt, doch wie sollte er aufpassen: den ganzen Tag ist er auf den Beinen und bei Nacht das Geklingel, und so das ganze Jahr hindurch! Natürlich war es ein schlauer Dieb, einer von den Hausgenossen – aber es war nichts zu machen. Der Bäcker Jarigin aus der Burkowschen Bäckerei legte sich, nachdem er den ganzen ersten Feiertag gesoffen hatte, abends auf ein Brett schlafen, das über dem Backtrog lag. In der Nacht hatte er sich wohl ungeschickt umgedreht und fiel in den Teig. Im Laufe der Nacht hat es ihn eingesaugt, und als man es am Morgen gewahr wurde, da war es zu spät, nur die Beine ragten noch aus dem Teig. Ein guter Bäcker war der Jarigin! Stanislaus der Kontorist und Kasimir der Monteur wollten sich amüsieren und machten zum Spaß Jerkin den Paßaufseher betrunken. Jerkin aber, der sein Neujahrsgelübde, nicht zu trinken, das er dem Bruder im Hafen abgelegt, bis nun streng befolgt hatte, wurde infolge der strengen Enthaltsamkeit nach einem Glas Pfefferbranntwein toll und begann zu raufen. Das geschah am hellichten Tage im Hof, während in den „Winkeln“ die Mädchen in den schwarzen Kopftüchern und die Nonnen, die Almosensammlerinnen in Schaftstiefeln, für Gorbatschow „Christ ist auferstanden“ sangen. Kasimir entkam, Stanislaus aber fiel herein: Jerkin nahm ihn auf die Arme, warf ihn zu Boden, preßte ihn, drückte ihn mit dem Knie und biß ihm die Nase ab. Der rote Hund des Gouverneurs, der gerade auf dem Hofe war, fraß Stanislaus’ Nase auf. Burkow selbst, der ehemalige Gouverneur, der Selbstvertilger, vergaß am ersten Ostertag, als er aus einer vornehmen Gesellschaft nach Hause fuhr, ein Osterei im Wagen, und als er am anderen Morgen den Verlust bemerkte, meldete er es der Polizei und forderte die Feststellung des Kutschers, der sich dies offenbar außergewöhnliche Ei angeeignet hatte; – was man in allen Petersburger Zeitungen am dritten Tag lesen konnte. Ebenfalls am dritten Tag verurteilten die Kinder im Hof, Kriegsrecht spielend, Wanjuschka, den Sohn des Portiers Nikanor zur Todesstrafe durch den Strang und vollzogen das Urteil: sie schleppten den Knaben in die Wagenremise und hingen ihn vermittelst einer Pferdeleine auf. Kaum, daß man ihn wieder ins Leben rufen konnte: es war ein schwächlicher Bub. Er war schon ganz blau und wäre beinahe erstickt. Schließlich beging das Ehepaar Oschurkow ganz unerwartet Selbstmord. Niemand im Hof konnte begreifen, weshalb sie es getan hatten. Sie hatten ja eine Wohnung von zehn Zimmern, alle zehn Zimmer voll von Nippes, und ein Aquarium mit Goldfischchen. „Es war eine feine Gesellschaft!“ wiederholten die Dienstmädchen einstimmig, jene Köchinnen und Hausmädchen, die wegen eben dieser Nippes nie lange bei Oschurkows aushalten konnten.
Kurz nach Ostern, in der Thomaswoche, kam einmal Sergej Alexandrowitsch, der mit dem Theater einen Vertrag über eine Gastspielreise ins Ausland geschlossen hatte, zu Marakulin zum Tee. Es kamen auch Wera Nikolajewna und Anna Stepanowna, und auch Wassilij Alexandrowitsch der Clown, auf ein Stöckchen gestützt. Es war die Rede von der Damaskinschen Gastspielreise ins Ausland; Sergej Alexandrowitsch sah in ihr fast so etwas wie Rußlands Rettung. Er meinte: Rußland, das unter all den Rakows, Lestschows, Obraßzows, Lednjowas, Burkows, Gorbatschows und Kabakows erstickte, dieses Rußland werde sich zum erstenmal mit seiner Kunst der Stadt der großen Männer, dem Herzen Europas – Paris, zeigen und es besiegen.
– In der Tat, – rief Sergej Alexandrowitsch, indem er sich wie auf dem Theater reckte, – laßt uns doch alle hinfahren! Alle müssen wir ins Ausland, wenn auch nur für einen Monat, für eine Woche, gleichviel, nur um einen Blick zu tun, und um uns von dieser ganzen Burkowerei zu erholen. Auch du, Wassilij, auch dich schleppen wir mit! Und auch Sie, Wera Nikolajewna, denken Sie nicht mehr an Ihr Abas-Tuman!
– Wo nehmen wir das Geld zur Reise? fragte Anna Stepanowna und lächelte.
– Wie? wieso Geld?
– Wie kommen wir ins Ausland? – bemerkte Wera Nikolajewna.
– Du hast dich verstiegen, Bruder, mit deinem Paris, meine ich!
– Ich werde das Geld schaffen – rief Marakulin, der sich plötzlich an Plotnikow erinnerte, – ich werde uns tausend Rubel verschaffen! – Marakulin sagte es so fest und überzeugt, daß es alle mit Glauben erfüllte, und man sprach nicht mehr vom Gelde.
So wurde der Beschluß gefaßt: Alle reisen ins Ausland, nach der Stadt der großen Männer, ins Herz Europas – nach Paris. Sie bekamen ganz heiße Köpfe und schmiedeten allerlei Pläne. Die Einzelheiten dieser Pläne wurden mit solcher Begeisterung und mit solchem Glauben ausgemalt, als wäre in der Tat Rußlands Rettung, – ihre Rettung mit dieser Reise verbunden, und sie brauchten bloß die Grenze zu überschreiten, damit die Rettung sich vollziehe.
Dort, in Paris wird Anna Stepanowna ihren Platz auf Erden finden, ihre Seele wird sich aufrichten, und sie wird anders lächeln können. Dort, in Paris wird Wera Nikolajewna sich erholen und ihr Abiturientenexamen machen. Dort, in Paris wird Wassilij Alexandrowitsch wieder das Trapez besteigen und seine Künste zeigen können. Dort, in Paris wird, während Sergej Alexandrowitsch tanzend das Herz Europas besiegt, auch Marakulin seine verlorene Freude wiederfinden.
Man müßte Werotschka finden – dachte Marakulin plötzlich, und er sagte: wir müssen auch Werotschka mitnehmen, damit sie dort in Paris zu sich kommt. Entweder sie wird dort eine große Schauspielerin und rächt sich so an Anissim Wakujew, oder noch besser: mag dort Ruhe über sie kommen und der Friede Gottes, daß die Rache in ihr still wird, und sie verzeiht ihm.
Als er dies sagte, waren alle einverstanden, daß man auch Werotschka mitnehmen müsse. – Ich bin Werotschka begegnet – erzählte Wera Nikolajewna, – Sie waren damals in Moskau. Ich gehe einmal abends durch die Gorochowaja nach Hause, da kommt sie mir entgegengelaufen. Es war kalt, der Sturm pfiff, und sie lief in einem Sommerjäckchen herum, ein weißes Tuch um den Kopf. „Werotschka!“ rufe ich. Sie blieb stehen, sah mich an, aber so sonderbar. Sie zitterte am ganzen Leibe. „Werotschka,“ sage ich, „kommen Sie Tee trinken, kommen Sie zu uns Tee trinken!“ Sie aber richtet ihr Kopftuch, zittert am ganzen Leibe und schüttelt den Kopf. Es war auf der Ssemjonowschen Brücke, – eine furchtbare Kälte, der Sturm pfiff ...
Noch am selben Abend wurde der Brief an Plotnikow geschrieben, und am nächsten Morgen eingeschrieben nach Moskau abgeschickt. Marakulin glaubte so fest, daß das Geld kommen würde, er glaubte so fest an die tausend Rubel von Plotnikow, wie Plotnikow selbst an Marakulin glaubte.
Inzwischen begab sich Adonja Iwoilowna auf ihre Pilgerfahrt. Sie zog nach Jerusalem, wo der Weihrauch nie verduftet und wo die Kerzen brennen, die nie verlöschen. Dort wird sie im Jordanfluß baden und sich mit Wermut abtrocknen, damit all ihr Gram wie Tannenrinde von ihr abfalle, all ihr Kummer und ihre Tränen. Dann wird sie Paraschas Schiffe verstehen, und die Erde am Grabe ihres Mannes auf dem Smolenskischen Kirchhof wird nicht mehr abbröckeln.
An den Abenden war Akumowna frei und legte Karten. Sie zeigten für jeden eine große Veränderung an und einen Weg, und für Marakulin außerdem noch Gras und Tannen, wie damals vor seiner Reise nach Moskau, nur daß die Tannen jetzt nicht mehr am Rande, sondern ganz nahe bei ihm lagen. Bei Wera Nikolajewna lagen sie am Rande.
– Ein fröhlicher Weg! – flüsterte Akumowna.
– Wir fahren nach Paris, Akumowna, ins Herz Europas!
– Wollen wir nicht auch Akumowna mitnehmen? Ist Akumowna einverstanden, mit uns nach Paris zu gehen? – fragte Sergej Alexandrowitsch zwinkernd.
– Gewiß. Ich komme mit. Neun Jahre habe ich keine Luft geatmet. Da werde ich aufatmen.
Akumowna ließ sich nicht lange bitten, denn sie wäre bereit gewesen, Sergej Alexandrowitsch nicht nur nach Paris, sondern sogar bis ans Ende der Welt zu Fuß zu folgen.
– Ausgezeichnet! Wir lassen also die Sklavin Kusjmowna hier, um die Wohnung zu hüten, und adieu Rußland! Man muß alles von sich abschütteln! – Und vor Ueberschwang der Gefühle und Hoffnungen auf den Erfolg Rußlands, oder auf seinen eigenen Sieg im Herzen Europas, begann Sergej Alexandrowitsch mit den Füßen zu flattern, wie ein Hahn mit den Flügeln.
– Man soll dann schon auch Weruschka mitnehmen. Die wird hier zugrunde gehen, die Unverschämte! – sprach Akumowna, an ihre Wera denkend, die auf dem Burkowschen Hof längst zugrunde gegangen war.
– Auch deine Weruschka nehmen wir mit, Alle werden wir im Auslande sein!
Akumowna legte liebevoll Karten für Sergej Alexandrowitsch.
– Unser Priester in Turij-Rog – erinnerte sich Akumowna plötzlich, – er war ein guter Mann, ein großer Büßer, der Vater Arsenij! Vor seinem Tode erhob er sich und fragte: „Sind die Pferde bereit?“ – „Was für Pferde, ehrwürdiger Vater?“ – „Ich habe ja eben ein Paar getraut, man ladet mich zur Hochzeit ins Ausland!“ sagte er und starb.
– Ein Pope stirbt wie ein Pope! – sagte Sergej Alexandrowitsch lächelnd und verfolgte weiter die Karten.
Marakulin aber fühlte plötzlich, wie es in seinem Innern zuckte, als würde etwas in ihm brechen, doch die Hoffnung rüttelte und richtete ihn wieder auf. Alle seine Hoffnungen waren jetzt auf Plotnikow gerichtet, und er konnte an nichts andres denken. Die Hoffnungen waren Mächte.
Der Mai kam. Auf dem belgischen Hof erhoben sich die weißen Zelte, Ziegelsteine und Sand wurden angefahren, und die Instandsetzung des Hauses begann. Abends erklang schluchzend die Balalaika, – von dieser armseligen nichtrussischen Habe gab es viel auf dem Burkowschen Hof – und aus den Fenstern reckten sich die während des Winters zerzausten, ausgehungerten Köpfe, in der Hoffnung, sich in der Maisonne etwas zu erwärmen.
Von Plotnikow aber kam noch immer keine Antwort. In Marakulins Herz schlich sich eine unheimliche Unruhe; er fürchtete, es sich selbst zu gestehen und sprach zu niemand davon. Die Antwort wird kommen, sie muß kommen! Sie müssen und sie werden im Ausland sein, in der Stadt der großen Männer, im Herzen Europas, in Paris!
Dort, in Paris wird Anna Stepanowna ihren Platz auf Erden finden, ihre Seele wird sich aufrichten, und sie wird anders lächeln können; dort, in Paris wird Wera Nikolajewna sich erholen und ihr Abiturientenexamen machen; dort in Paris wird Wassilij Alexandrowitsch wieder das Trapez besteigen und seine Künste zeigen, und dort in Paris wird auch Marakulin, während Sergej Alexandrowitsch im Tanz das Herz Europas besiegen wird, seine verlorene Freude wiederfinden. Er wird Werotschka finden, und in Paris wird Werotschka eine große Schauspielerin werden, Gottes Friede wird über sie kommen. Dort, in Paris wird von Akumowna, die als rollender Stein bis nach Paris gelangt sein wird, der väterliche Fluch weichen, sie wird Luft atmen, die sie neun Jahre nicht geatmet hat, und sie wird es nicht mehr nötig haben, bis zum Kaiser vorzudringen, oder Aufguß von Pferdemist zu trinken. Dort, in Paris wird ihre Wera nicht zugrunde gehen, die auf dem Burkowschen Hof schon längst zugrunde gegangen war.
Der Glaube besiegte jeden Zweifel, zerstreute durch seine Kraft und Festigkeit jedwede Unruhe. Marakulin glaubte an die Plotnikowschen Tausend, wie Plotnikow an ihn selbst. Eine Woche nur blieb noch bis zu Sergej Alexandrowitschs Abreise ins Ausland. Es wurde beschlossen, daß er mit seinem Theater vorausfahren und von dort, aus Paris, schreiben sollte. Inzwischen wird das Geld angekommen sein, und dann wird fast der ganze Burkowsche Hof von der Fontanka geradeaus nach Paris aufbrechen.
Doch diese Woche, voll von Unruhe, Erwartung und Schwanken zwischen Glaube und Zweifel, zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, bestimmte von selbst alles auf ihre Weise.
Im Gymnasium bei Anna Stepanowna waren die Prüfungen vorüber, und offenbar waren jetzt endlich die geheimnisvollen Equipierungs-, Wohnungs- oder Reisegelder – jeder nannte sie anders – angekommen. Und da diese Gelder dort nur einmal ausgezahlt wurden, wurde Anna Stepanowna natürlich von der Lednjowa gekündigt. Für Anna Stepanowna, meinte die Vorsteherin, sei es zu schwer am Gymnasium, sie sei auch nicht ganz ohne Tadel, sie trage zum Beispiel eine halsfreie Bluse, das schicke sich nicht; auch lächle sie so eigentümlich, – dieses Lächeln mache Seine Ehrwürden, den Religionslehrer Aristowulow verwirrt, das schicke sich auch nicht; man könnte ja sagen: im Lednjowschen Mustergymnasium werde Seine Hochwürden durch eine Lehrerin verdorben, und das wäre schon ganz fatal! – Mit einem Wort: wenn der Mensch die Absicht hat, zu irgendeinem ihm notwendig erscheinenden Zwecke einen anderen zu beschmutzen, so gibt er sich Mühe, – dazu ist er ja ein Mensch. Selbstverständlich ertranken die halsfreie Bluse und der Priester Aristowulow, der von Anna Stepanowna verdorben wurde, in den beliebten Betrachtungen der Lednjowa über gute Taten überhaupt, über den Verfall der Moral und über die Sittenverderbnis, über die junge Sache, die man fördern und über die Opfer, die man ihr bringen müsse: sie, die Lednjowa selbst, gebe in ihrem eigenen Gymnasium Unterricht umsonst, außerdem ernähre sie zwanzig Lehrer! Ganz Petersburg kenne sie sehr gut, sie, die Vorsteherin Lednjowa, und die Generalin Cholmogorowa selbst sei ihre Freundin.
So einfach war das Ende bei Anna Stepanowna, sehr einfach. Und sie ging lächelnd – mit jenem Lächeln, das in der Seele weh tat – ihren Weg, der sie von Leschtschow zu der Lednjowa führte, und von der Lednjowa zur Petrowa, zu irgendeiner Seelenschwester der Lednjowa führen wird, bis sie endlich aufhören wird zu lächeln.
Endlich kam die so lange, so ungeduldig, so viel erwartete Antwort von Plotnikow: Plotnikow ließ Marakulin durch die Bank fünfundzwanzig Rubel anweisen. So reiste denn Sergej Alexandrowitsch allein mit dem Theater ins Ausland, nach Paris, um mit der russischen Kunst das Herz Europas zu besiegen. Vor der Abreise mietete er eine Sommerwohnung in Finnland und überredete Wera Nikolajewna und Anna Stepanowna zusammen mit Wassilij Alexandrowitsch, der noch immer sorgsamer Pflege bedurfte, und damit er sich ohne Ferse und mit seinem Stöckchen nicht zu sehr langweilte, hinauszuziehen. Mit der Sklavin Kusjmowna an der Spitze zogen sie also statt nach Paris nach Tur-Kilja: Wera Nikolajewna, Anna Stepanowna und Wassilij Alexandrowitsch, der Clown. Nur Marakulin und Akumowna blieben zurück, um auf dem Burkowschen Hof zu übersommern.
– Ich werde zum Kaiser gehen: die Hände so, wie im Sterben, und werde alles sagen. Ich werde zum Kaiser gehen, nackt, splitternackt; die Hände so, wie im Sterben, und werde ihm alles erzählen.
Aber Marakulin erwiderte Akumowna nichts mehr, nicht einmal mit ihren eigenen Worten, die ihr Wahlspruch, ihr Sterbegebet – die Sühne und der Lohn für alle Taten waren: Man darf niemand beschuldigen! – Alles war in ihm still und taub geworden.
* * *
Der eine muß verraten, um durch den Verrat seine Seele aufzuschließen und in der Welt er selbst zu sein, der andere muß töten, um durch den Mord seine Seele zu finden und wenigstens als er selbst zu sterben. Marakulin aber mußte offenbar eine Quittung ausfertigen – aber nicht an die Person, der sie zukam –, um seine Seele zu erschließen und in der Welt nicht ein beliebiger Marakulin zu sein, sondern als dieser Peter Alexejewitsch Marakulin, der er war, sehen, hören und fühlen.
Aber er ertrug es nicht, dieses Leben für nichts: nur sehen, nur hören, nur fühlen, und flehte um Ruhe. Da erfand er die Generalin – die unsterbliche, sünden- und schmerzenlose Laus, erdachte er ihr königliches Recht, in der Hoffnung, dadurch seine verlorene große Freude wiederzugewinnen. Schon begannen auf seinem glatten, geraden, hoffnungslosen Weg, wo der letzte Schatten, die letzte Spur der Hoffnung sich verlor, jene leisen und wie die Raupen haftenden, bösen, dunklen Mächte der herannahenden Verzweiflung zu arbeiten, das feste Mark und die Wurzel seines Lebens anzunagen und ihn vom Leben abzulösen.
Vom Morgen bis zum Abend lief Marakulin in Petersburg herum, jagte von einem Ende zum anderen, von Schlagbaum zu Schlagbaum, von Viertel zu Viertel, – er lief herum wie eine Maus in der Falle. In seiner Tasche lag der neue Plotnikowsche Schein, die fünfundzwanzig Rubel, wie einst Dunjas neues seidenes Taschentuch mit den in Kreuzstich eingestickten Anfangsbuchstaben seines Namens, und er vergaß den Schein wie er einst Dunjas seidenes parfümiertes Tuch vergessen hatte.
Und dennoch, welch zähes Leben steckt doch im Menschen! Hin- und hergeworfen, geschlagen läuft er wie ein geschlachteter Hahn auch ohne Kopf herum, als wollte er auch ohne Kopf nach Körnern suchen, und bläht sich noch auf! Marakulin fand nämlich eine Beschäftigung, er fand etwas, um sich Luft zu machen; er machte eine Entdeckung, die in ihrer Tragweite dem betrunkenen Plotnikowschen Projekt, die Fliege als Motor auszubeuten, wahrlich in nichts nachstand:
Man braucht bloß auf die Straße hinauszugehen, um ganz unabhängig vom eigenen Willen unter die Herrschaft eines besonderen Gesetzes der Straße zu geraten, und deine Art aufzutreten und deine Haltung hängt nicht mehr von dir ab, sondern von der Welle oder vom Strom, in den du geraten bist. Gerätst du in die eine Welle, dann ist dir so, als machten sich alle über dich lustig, als schnitten dir alle Grimassen, die Frauen kichern, die Männer schieben ihre Lippen vor und spitzen sie wie zum Pfeifen. Da kommt eine andre Welle herangerollt, und das Bild ist plötzlich verändert: die Männer haben bestialische, düstre, drohende Gesichter, man begegnet selten einer Frau, und wenn eine vorübergeht, so ist sie ganz allein; sie geht und lacht, sieht niemand, als wäre sie blind, und lacht zu sich selbst. Wieder eine neue breite Welle: – lauter Frauen – und es ist einem, als gäbe es keine böseren Augen, kein böseres Lächeln; sie betrachten einander, sie stechen mit den Augen und lächeln, als wollten sie mit ihrem Lächeln einander verbrühen, die bösen Weiber. Da rollt noch eine Welle heran: Menschen, gewöhnliche Menschen, – sie gehen dicht zusammen gedrängt und sind munter. Aber man sieht keine Kinder unter ihnen, nur ausgemergelte, verkrüppelte Zwerge mit schlaff wie Peitschen herabhängenden Armen und riesengroßen, nach vorn gebeugten Köpfen. Und so noch viele verschiedene Wellen. Es gibt auch zurückflutende Wellen. Gerätst du da hinein, so treibt es dich vom großen Strom ab, und alles jagt an einem vorbei: alte Männer, Kinder, alte Frauen, Straßenbahnwagen und Automobile.
Als Marakulin diese Entdeckung gemacht hatte, stürzte er sich auf sie mit der gleichen Hartnäckigkeit, wie einst über den Bericht an den Direktor. Er war ja jetzt eigentlich wie tot, man hatte ihn ja bereits begraben. Er erinnerte sich an die Worte, die der Kassierer Alexander Iwanowitsch Glotow damals im Theater zu ihm gesprochen hatte: „Und wir haben dich schon längst begraben, weißt du, Petruscha!“ Ja, seit langem hatte man ihn begraben, und er konnte wie ein Toter, wie eine Leiche, wie einer aus dem Jenseits leicht, unauffällig und unparteiisch die Diesseitigen, die Lebenden beobachten. Und jetzt wollte er seine Entdeckung überprüfen.
Doch wozu sie prüfen, was für einen Sinn das haben sollte, wer diese Entdeckung brauchte, welchem Toten, welcher Leiche, welchem Gespenst aus dem Jenseits, oder welchem Lebenden zum Spaß oder zu Nutzen sie dienen sollte? – das fragte er sich nicht, das ging ihn nichts an; – in ihm war alles stumm und taub geworden – es war eben zwecklos und nichts mehr als das Sichaufblähen des geköpften Hahns.
Doch auch darin irrte er sich. Er hatte keine Zeit mehr zum Prüfen.
Eines Nachts, als er auf dem Newsky ging, traf Marakulin Werotschka. Es war so: an dem Wartturm des Magistrates wurde Razzia gemacht, und wie immer in solchen Fällen, liefen auf dem Newsky etwa hundert sinnlos herausgeputzte Weiber herum, die sich auf die Passanten stürzten und sie anflehten, sie ein kleines Stückchen zu begleiten. Unter diesen Weibern fiel ihm eine auf, die ebenso besinnungslos wie die anderen, vom Bürgersteig auf den Damm und vom Damm auf den Bürgersteig sprang. Sie war ganz schwarz gekleidet. Als sie am Schutzmann glücklich vorüber war, lief sie zur Anitschkowschen Brücke. In dieser einsamen Dunklen – alles war schwarz an ihr: das Kleid, der Hut, die Handschuhe – erkannte er Werotschka. Da erinnerte er sich an den neuen Plotnikowschen Fünfundzwanzigrubelschein, befühlte ihn in der Tasche – er war jetzt kein Bettler mehr – und stürzte ihr nach. Aber an der Anitschkowschen Brücke mischte sich Werotschka unter die Menge und verschwand ihm aus den Augen.
– Werotschka! – rief er, indem er sich bald nach der Fontanka und bald nach dem Newsky umsah, – Werotschka! – und etwas Schwarzes, Kaltes wand sich wie eine Schlange um sein Herz.
Am nächsten Morgen war das erste, was in ihm als Gedanke und Entschluß erwachte, der feste Vorsatz, schon am frühen Abend auf den Newsky zu gehen und Werotschka aufzulauern. Den ganzen Tag blieb er zu Hause. Es war Donnerstag vor Pfingsten, und Akumowna hatte heute vor, besonders ausgiebig Karten zu legen: nach ihr war das ein günstiger Tag zum Wahrsagen, auch Träume in dieser Nacht geträumt, sollten die Wahrheit künden.
Auf den Burkowschen Hof kamen wandernde Musikanten: eine Harmonika und ein Tamburin.
Die Harmonika spielte ein Handwerker, wohl irgendein Schlosser oder Wasserleitungsarbeiter, ein großgewachsener dunkler Mann, das Tamburin schlug ein kleines Mädchen in einer Matrosenbluse und Matrosenmütze; sie war etwa zwölf Jahre alt, man konnte es genau nicht feststellen. Das kleine Mädchen hatte nur ein Bein. Sie stützte sich auf einen Stock und hielt das Tamburin auf dem gebogenen Knie.
Das kleine Mädchen sang zur Harmonika.
Sie sang ein Lied, wie es in Fabriken gesungen wird, mit fremden Versen durcheinandergemengt, wie: „Ich werde auf den Grund des Meeres tauchen, ich werde fliehen zu den Wolken hinan,“ sie sang aus Zigeunerliedern von Troikas und von feurigen Augen und gefühlvollen Tränlein. Plötzlich brach auch eine uralte Weise durch. Sie sprach rein und deutlich aus, so daß man jedes Wort verstehen konnte. Aber nicht am Wort lag es. Mit einem vollen tiefen Alt sang das kleine Mädchen und schlug das Tamburin dazu. Von der Weite der Steppe und der Unermeßlichkeit des Meeres war das Lied getränkt. Und das Tamburin schlug, wie das Herz schlägt.
Die Musikanten wurden von den Kindern umringt; sie ließen ihre wilden Spiele und ihre wilden Arbeiten, sie standen still herum und wandten kein Auge ab von dem einbeinigen kleinen Mädchen, wie einst von der Katze Murka, die sich vor Schmerz auf den Steinen gewälzt hatte. Und das Mädchen sang. Der Perser, der Masseur aus der Badeanstalt – er hielt sich stets in der Nähe der Kinder auf – der schwarze Perser hockte sich ebenfalls hin und rollte seine Augäpfel. Und das Mädchen sang. Mit einem vollen tiefen Alt sang das kleine Mädchen und schlug das Tamburin im Takt zu. Von der Weite der Steppe und der Unermeßlichkeit des Meeres war das Lied getränkt. Und das Tamburin schlug, wie das Herz schlägt.
Die Kinder rückten immer näher zu dem einbeinigen Mädchen, als wollten sie es nicht von sich lassen. Nun verdeckten sie es ganz, so daß man es nicht mehr sehen konnte, und es schien, es singe die Erde und die Steppe, das Meer – die Weite und Unermeßlichkeit, das Herz der Erde. Und man fürchtete, daß das Lied bald zu Ende sein und das Mädchen zu singen aufhören und fortgehen würde. Man wollte nicht, daß sie fortgehe.
Aber der Gesang war zu Ende. Es spielte nur noch die Harmonika allein. Das kleine Mädchen humpelte, auf den Stock gestützt, über den Kies und schien sich mit dem hingehaltenen Tamburin im Hof zu drehen und sah ohne Lächeln mit ihrem offenen, reinen Gesicht nach oben zu den Fenstern hinauf, wie die Katze Murka zu den Fenstern hinaufgesehen hatte, als sie sich vor Schmerz auf den Steinen wälzte.
Akumowna begann so seltsam kindlich und bitter zu weinen, sicher weil sie an ihren Fluch: „Wie ein rollender Stein um die weite Welt“ dachte.
Marakulin stürzte auf die Straße und holte die Musikanten, die schon vor dem Tor waren, ein.
– Wie heißt du, kleines Mädchen? – fragte er, ihre Hand berührend.
– Marja – antwortete das Mädchen, indem sie, ohne zu lächeln, ihm ihr offenes, reines Gesicht zuwandte.
Auch der Harmonikaspieler blieb stehen, zog seine Mütze. Es war wohl der Vater. Er war von dunkler Farbe und rauh.
Marakulin nahm Plotnikows neuen zerknüllten Schein, steckte ihn dem kleinen Mädchen in die Hand und ging fort, ohne sich umzusehen. Und als wollte es ihn einholen, so strömte das breite Lied. Von der Weite der Steppe und von der Unermeßlichkeit des Meeres war das Lied getränkt. Und das Tamburin schlug, wie das Herz schlägt.
Er ging seinen glatten, geraden Weg nach dem Newsky. Schon sank die Nacht herab. Dort auf dem Newsky wollte er auf Werotschka warten. Die ganze Nacht wird er auf sie lauern. Und er wird sich nicht irren. Es war ja eine weiße Nacht – die weiße Nacht trügt nicht.
Die weiße Nacht trügt nicht: ein Mädchen ganz in Schwarz stieß ihn an und lief, das Kleid raffend, in der Richtung der Anitschkowbrücke. Alles an ihr war dunkel, das Kleid, der Hut, die Handschuhe – er erkannte Werotschka und stürzte ihr nach. Aber an der Anitschkowbrücke mischte sich Werotschka unter andere Frauen – sie war nicht allein in Schwarz.
– Werotschka, Werotschka! – rief er, jeder Dunklen in die Augen schauend. Es waren aber ihrer nicht zwei, nicht drei, es waren ihrer eine ganze Menge. Und alle wichen ihm aus, sammelten sich und schlichen wieder an ihn heran, leise und unmerklich, dunkel und still. Und etwas Dunkles und Kaltes umwand wie eine Schlange sein Herz.
Und nachts, in der Donnerstagnacht vor Pfingsten, träumte Marakulin, als säße er am Tisch beim Samowar in einem großen vollgestellten Zimmer, und alles war hingeworfen und zerstreut, wie nach einer Vorbereitung zur Reise, und lauter unbekannte Menschen waren im Zimmer, alle so müde und niedergeschlagen. Und neben ihm saß – er wurde es mit Ekel gewahr – eine stülpnasige Frau mit großen Zähnen und nackt, und mit ihr noch jemand in dunklen Kleidern. Sie beugten sich über dem Gerümpel und ordneten die Lumpen. Verdrossen nahm er ein Glas und zielte nach dem leeren, nackten Schädel.
Sie aber, die stülpnasige Nackte mit den großen Zähnen, erhob sich und wandte sich zur Tür.
– Am Sabbat – sie klapperte mit den Zähnen und lachte – vergiß nicht, Akumowna ein Pfund zu geben – sie klapperte mit den Zähnen und lachte, – und die Mutter wird in Weiß sein – sie lachte und zeigte ihre großen Zähne.
– Was für ein Pfund? Graupen etwa? – begann er erbittert zu streiten, als stritte er um sein letztes Recht, sich keinem Termin, keinem Sabbat zu fügen – ach was, red’ keine Dummheiten! oder ein Pfund Sterling, ja?
– Am Sabbat – lachte die stülpnasige Nackte mit den großen Zähnen, und schon klapperte sie, ohne sich umzusehen, die Steintreppe hinunter auf den Hof.
Im Hof aber – es war ja Burkows Hof – strömten alle Einwohner aus allen Wohnungen, aus dem Seitenflügel und aus den Gorbatschowschen Winkeln zusammen: alle sieben Hausmeister – der erste Hausmeister Michail Pawlowitsch und Antonina Ignatjewna, seine Gemahlin, der Paßaufseher Jerkin, Stanislaus der Kontorist mit der abgebissenen Nase, und Kasimir der Monteur, der Portier Nikanor und Wanjuschka, Nikanors Bub, den die kleinen Kinder zum Tode durch den Strang verurteilt hatten, und die kleinen Kinder, die ihn verurteilt hatten, und der Perser, der Masseur aus der Badeanstalt, und das kleine Mädchen, das einst Murka Milch gebracht hatte, und die Schuster, Bäcker, Bademeister, Friseure, Schneiderinnen, Weißnäherinnen, eine Schwester aus dem Obuchowschen Krankenhaus, Kondukteure, Maschinisten, Kürschner, Schirmmacher, Bürstenmacher, Wasserleitungsschlosser, Setzer und allerlei Mechaniker und elektrische Arbeiter mir ihren Familien, allerlei „Fräulein“ von der Gorochowaja und vom Sagorodny-Prospekt, Nähmädchen, Mädchen aus der Teestube, und elegante junge Leute aus den Badeanstalten, die die Petersburger Damen auf Wunsch bedienen, und die Alte, die an der Badeanstalt Sonnenblumensamen und allerlei Kram feilbietet, stellungslose Köchinnen, Maler, Tischler, fliegende Händler – mit einem Wort: der ganze Burkowsche Hof – ganz Petersburg.
Und alle sehen nach oben zum Fenster hinauf, wie Murka hinaufgesehen hatte, als sie vor Schmerz sich auf den Steinen wälzte, wie die wandernde Sängerin hinaufgesehen, als sie sich im Hof auf ihrem einen Bein herumdrehte, mit dem Tamburin in der Hand.
– Was hat sie gesagt? – fragt jemand Marakulin.
Und Marakulin steht am Fenster, wie der Starez Kabakow, der durch Gebete die Stimme des Himmels befragt, – so steht er vor dem Volk.
– Einer von uns wird sterben! – sagt Marakulin.
Und zur Antwort flüstert der ganze Burkowsche Hof in Todesbangen:
– Bin ich’s, Herr? – Bin ich’s, Herr?
Und hoch oben, viel höher als die vier belgischen Ziegelschlote mit den Blitzableitern, schweben wie grüne Vögel grüne Aeroplane und verdecken mit ihren riesengroßen grünen Flügeln den Himmel.
– Bin ich’s, Herr? – Bin ich’s Herr? – flüstert der Burkowsche Hof in Todesbangen.
Und schon geht Marakulin nach Hause, nach der Fontanka, und seltsam! er hört, wie man in der Auferstehungskirche auf der Taganka[13] zur Abendmesse läutet. Er geht nicht den herrschaftlichen Eingang hinauf, sondern durch die Küche. Er macht die Tür auf, und in der Küche sitzt am Herd eine Frau, Akumowna ähnlich, und doch nicht Akumowna, ganz in Weiß. Er erinnert sich an die Worte der Stülpnasigen, Nackten, mit den großen Zähnen: „Die Mutter wird ganz in Weiß sein“, und stürzt ins Zimmer.
Auch dieses Zimmer ist vollgestellt, und Sachen sind da verstreut und hingeworfen, wie nach einer Vorbereitung zur Reise, nur sind die Unbekannten nicht mehr da, keine Seele ist im Zimmer, nur seine Mutter sitzt, seine Mutter allein, mit dem Kreuz auf der Stirn.
– Sie ist schon gekommen, sie sitzt hier – sagt die Mutter. Sie spricht von jener, die in der Küche vor dem Herd ganz in Weiß sitzt, und beginnt zu weinen.
Voll Verzweiflung und Todesbangen erwachte Marakulin. Es war Freitag. Und von dem düsteren Gedanken getroffen, daß seine Frist der Samstag sei, daß nur ein Tag ihm geblieben sei, wurde er eisstarr. Er wollte es nicht glauben und glaubte es doch, und weil er glaubte, verurteilte er sich selbst zum Tode.
Der Mensch wird geboren und ist bereits verurteilt; Alle sind von Geburt an verurteilt, und dennoch lebt man, verurteilt und das Todesurteil vergessend, weil man die Stunde nicht kennt. Aber wenn einem der Tag gesagt wird, wenn die Zeit abgemessen, die Frist bestimmt und der Sabbat verkündigt ist – das geht über die Kraft, die Gott dem Menschen verliehen, dem Menschen, den er mit dem Leben beschenkt, zum Tode verurteilt und dem er die Todesstunde verheimlicht hat.
Als Marakulin an die Wahrheit seines Traumes glauben mußte, da fühlte er, daß er es nicht aushalten würde, den Sabbat abzuwarten, und seit dem Morgen in Verzweiflung, in Todesbangen durch die Straßen schweifend, harrte er der Nacht. Er wollte nur eins noch: Werotschka sehen, ihr alles erzählen und von ihr Abschied nehmen.
Und auf seinem glatten, geraden, hoffnungslosen Weg, wo der letzte Schatten und die letzte Spur der Hoffnung sich verlor, zernagten jene leisen, wie Raupen haftenden, bösen, dunklen Mächte der herangenahten Verzweiflung die letzten Fasern seiner einst so festen Lebenswurzel.
Es ward ihm schwer, sich vom Leben loszureißen.
Vielleicht aber war der Traum nur ein Traum, und in Wirklichkeit würde etwas anderes kommen? Warum mußte er dem Traum glauben? War das nicht töricht? Wer weiß, wohin das führt! Es pflegt ja auch sonst so zu sein! Vor dem Tode träumt man nicht nur etwas Belangloses: daß man einen Stiefel verliert, oder sonst einen Gegenstand, oder daß man im Begriff ist, ins Ausland zu reisen ...
Da erinnerte sich Marakulin an die geplante Auslandsreise, an seinen paradiesischen Traum von Paris, und fuhr auf.
Er stand an einem Bretterzaun, der ganz mit Anzeigen bedeckt war, und konnte nicht erkennen, in welcher Straße er sich befand. Ueber den Bäumen ragte die Turmspitze des Ingenieurschlosses, als er aber längs des Zaunes und, wie ihm schien, geradeaus in der Richtung der Turmspitze sich in Bewegung setzte, verschwand sie plötzlich. Er wagte nicht weiterzugeben, als harrte eben dort seiner sein Sabbat, seine letzte Frist, seine Stunde. Er kehrte um und hatte die Spitze wieder vor sich. Er schritt also tapfer längs des Zaunes in die entgegengesetzte Richtung, die Spitze blieb lange vor seinen Augen, verschwand aber dann ebenso wie das erstemal ganz plötzlich. Und er wagte nicht weiterzugehen, als harrte eben dort seiner sein Sabbat, seine letzte Frist, seine Stunde. Und so ging er am Zaun entlang, hin und zurück, die Spitze des Ingenieurschlosses immer im Auge, bis zu einer Grenze, die er sich selbst bestimmte, voll Verzweiflung und Todesbangen.
Es war das Ungemach, das ihn so führte, das Unglück jagte ihn von Straße zu Straße, von Gäßchen zu Gäßchen, blendete ihm die Augen und verwirrte ihn; es war sein Schicksal, dem man sich nicht widersetzen und nicht entrinnen kann.
Das tödliche Bangen und die Last der Verzweiflung erschöpften ihn endlich. Die letzte Frist, die Stunde waren vergessen, sein Kopf sank herab, und die noch gehorchenden Beine brachten ihn auf den Weg. Er ging durch die Ingeniernaja und wollte gerade die Straße zum Michailowschen Palast überschreiten.
Da klammerte sich ein altes, zerlumptes, zusammengeschrumpftes, triefäugiges Weiblein fest an seine Hand, damit er ihm über die Straße helfe. Und obwohl es so klein war – nichts als ein Häuflein Knochen – so erschien es ihm, wie es mit seinen knöchernen Fingern so fest an ihm hing, als hätte es überhaupt keine Beine, so schwer, daß er mit Mühe die Schienen erreichte. Und während er die Schienen überschritt, wurde die Alte noch schwerer, und es war ein Wunder, daß er nicht unter den Wagen geriet: der sausende, ununterbrochen klingelnde Wagen flog so hart an ihm vorbei, daß ihm ganz heiß wurde.
Marakulin ließ die Alte stehen und begann zu laufen. Abwechselnd flammendheiß und eiskalt lief er in der Richtung des Narva-Tores. Er floh vor der knöchernen Alten, er floh vor seiner letzten Frist, und gerade auf das Narva-Tor zu, unter den Bogen: dort war keine knöcherne Alte und wird nie eine sein, dort wird er seine letzte Frist, seine Stunde, seinen Sabbat vergessen.
Aber als er die Gorochowaja erreichte, ging er nicht die Ssadowaja entlang, sondern bog in die Fontanka ein.
Auf der Fontanka, im Seitengäßchen, in der Nähe des Burkowschen Hauses, wurde ein junges Mädchen – offenbar eine Revolutionärin – von der Polizei verfolgt. Die Schutzleute hatten das Gäßchen umzingelt und man konnte nicht passieren. Marakulin blieb stehen.
Die Jagd dauerte ziemlich lange, endlich wurde das Mädchen von einigen Männern in Zivil, Spitzeln offenbar, dicht umringt und zu einer Droschke geführt. Die Revolutionärin erinnerte ihn durch etwas an die Wandersängerin von gestern, an das kleine Mädchen. Vielleicht erinnerte ihn an Maria ihr offenes, reines Gesicht, das aber frisch und rosig war. Sie war schlank. Die Haarnadeln waren ihr herausgefallen, der Strohhut saß schief und das volle blonde Haar war aufgelöst. Der Reviervorsteher setzte sich zu ihr in den Wagen und man führte sie ab.
„Maria Alexandrowna,“ – dachte Marakulin, „so ist Maria Alexandrowna, die sich selbst zum Opfer auserkor, und bereit ist, noch einmal für die Menschheit zu sterben!“ Er ging weiter, am Burkowschen Hof vorbei, die Fontanka entlang.
An der Ismailowschen Brücke, drei Schritte von der Bierwirtschaft, holte er eine Dame ein. Sie war nicht mehr jung und schon ganz grau, aber kräftig und gesund, ging sie im gleichmäßigen Schritt, als spazierte sie nur der Motion wegen. Als aber Marakulin sie überholen wollte, beugte sie sich etwas vor und begann ganz unsinnig zu laufen. In diesem Augenblick knallte aus dem Wirtshaus ein Schuß und ein zweiter, Hilferufe ertönten – und auf dem Bürgersteig lag mit durchschossenem Rücken, das Gesicht an die Steine gepreßt, die Dame – die gesunde, kräftige, alte Frau, und neben ihr, noch rauchend, der versengte Klappstuhl.
„Da hast du die Unsterbliche!“ dachte Marakulin, als er in der Ermordeten seine unglückselige Generalin erkannte, dieses auserwählte Gefäß, die Laus, die er mit dem königlichen Recht beschenkt hatte, in jener grausamen Burkowschen Nacht.
Nun war ihr das königliche Recht vom blinden Zufall geraubt, und auch der Klappstuhl hatte ihr nicht geholfen.
Von der Fontanka und den Seitengäßchen strömte eine Menschenmenge herbei. Alle starrten mit Neugierde, mit Schrecken und mit jener besonderen Schadenfreude, mit der lebendige Augen in tote blicken, in das Gesicht der Toten. Sie aber, die Unsterbliche, Sündenlose, Kummerlose, lag da unbeweglich, mit ihrem durchbohrten Rücken, hilflos, leblos, unselig.
– Das ist eine von unseren Burkowschen, die Generalin Cholmogorowa! – erklärte Marakulin dem herbeigeeilten Schutzmann.
Man trug die Generalin fort. Der weiße Schleier auf ihrem Hut war aufgegangen und schleifte flatternd nach wie Spinnweb. Marakulin schritt der Menge voraus, hinter dem Klappstuhl.
Und wieder ging er an seiner Wohnung vorbei in die Gorochowaja, und von da weiter bis zum Admiralitätspalast und wiederholte immer wieder vor sich ganz stumpf: „Da hast du die Unsterbliche! Da hast du Unsterblichkeit!“
Im Alexandergarten setzte er sich erst auf eine Bank, plötzlich aber sprang er wie gestochen auf und ging weiter. Vor dem Denkmal Peters des Großen blieb er stehen.
– Peter Alexejewitsch – sagte er, zum Denkmal gewandt, – Eure kaiserliche Majestät! Das russische Volk trinkt Aufguß von Pferdemist und gewinnt das Herz Europas für anderthalb Rubel mit Gurken. Mehr habe ich nicht zu sagen! – Er zog den Hut, grüßte und ging weiter, den Englischen Kai entlang, über die Nikolaibrücke auf die Wassiljewskiinsel.
Auf dem kleinen Boulevard zwischen der Siebenten und der Sechsten Linie, hinter dem Ssredny-Prospekt versperrte ihm eine Menschenansammlung den Weg. Die Menge stand schweigsam, ohne ein Wort zu sprechen, und es war ungewöhnlich still. Unter einem Baum saß eine alte Frau, ihr von schweren weißen Flechten umwickelter Kopf zitterte. Sie sah starr vor sich hin. Nicht Tränen, sondern Blut floß ihr die Wangen herab, in stillen Bächlein aus den demütig stillen Augen.
„Sie hat umsonst gewartet“, dachte Marakulin, „sie hat es nicht erlebt. Sie hat das gottgefällige Werk nicht vollbracht, sie hat ihr Glück niemand überliefert, die Unglückselige!“ – Und er verspürte plötzlich einen schrecklichen Durst, als hätten ihn diese stillen, blutigen Tränen versengt.
Nicht weit vom Kleinen Prospekt auf der Siebenten Linie befand sich neben einem großen Gebäude in einem kleinen einstöckigen Häuschen eine Schankwirtschaft. Marakulin fand noch ein letztes vergessenes Zehnkopekenstück in der Tasche und ging hinein: der Durst quälte ihn unerträglich.
Er setzte sich an ein schmutziges, nasses Tischchen, mit dem Gesicht zum Fenster und nahm ganz mechanisch eine Zeitung zur Hand, nicht um zu lesen.
– Einen Hungrigen kann man satt machen, einen Armen kann man reich machen – er vernahm eine bekannte Stimme und bekannte Worte, – aber sobald du verliebt bist und dein Gegenstand erweist dir keine Gegenseitigkeit, da kannst du meinetwegen platzen, es gibt keine Hilfe!
„An Murkas Tage war es, der unruhige alte Gwosdjow, der sagte es!“ erinnerte sich Marakulin, legte die Zeitung weg und trank das lauwarme Bier.
– Sie scherzen immer, Alexander Iwanowitsch, – – ich habe neulich eine Maus aufgegessen, Alexander Iwanowitsch, – auf dem Hof des Athosklosters – für fünf Rubel. Ich habe mit der heiligen Brüderschaft gewettet. „Ißt du die Maus auf, Gwosdjow,“ sagten sie, „dann ist der Fünfer dein, wenn nicht, mußt du uns bezahlen!“ Schön. Sie fingen gleich ein Mäuslein, im Klosterhof gibt es viele. Es war eine graue, junge. Ich zog dem Mäuslein die Haut ab, röstete es an den Seiten ein wenig an, wegen des Wohlgeschmacks, zerschnitt es in Scheibchen, salzte es, sprach den Segen und aß es auf. Und aß das Mäuslein auf. Ich nahm die fünf Rubel und wollte mich vor Lachen ausschütten. Ich sagte: „Und ihr seid mir noch Athonische, hehe ... fünf Rubel für ein junges Mäuslein; ich hab’ ja bei Prokopij dem Gerechten so eine Ratte und dazu ohne Salz für einen Rubel gegessen!“ Wenn man sich nur durchfrettet, Alexander Iwanowitsch!
Und als Antwort auf Gwosdjows Worte erklang eine gerührte Stimme:
– Euretwegen geh’ ich zugrunde, ihr lieben Aeuglein!
– Ich selbst bin auch auf Weiber lecker, Alexander Iwanowitsch!
Gleich darauf fiel etwas schwer auf den klebrigen Boden, begann zu strampeln und bitter zu weinen, so bitter, wie nur Kinder weinen, so bitter, wie Akumowna weinte, als sie durch Marjas Gesang an alle ihre Erlebnisse erinnert wurde.
Nachdem er das laue Bier, das seinen Durst noch gesteigert, ausgetrunken hatte, ging Marakulin hinaus.
Er ging seinen glatten geraden Weg auf den Newsky. Die Nacht sank bereits herab. Dort auf dem Newsky wollte er auf Werotschka warten. Dort wollte er ihr die ganze Nacht auflauern. Er wird sie sehen, ihr alles erzählen, von ihr Abschied nehmen. Und er wird sich nicht irren. Es ist ja eine weiße Nacht – die weiße Nacht trügt nicht.
Die weiße Nacht trügt nicht: Werotschka erschien auch bald. Er erkannte sie an ihrem schwarzen Kleide. Aber er erstarrte vor Entsetzen: alle Frauen waren ausnahmslos in Schwarz – alles an ihnen war schwarz, die Kleider, die Hüte, die Handschuhe. Sie wichen nicht mehr aus, sie gingen sicher und stolz am Polizisten in der weißen Sommeruniform vorbei, sie umsegelten den Polizisten in Weiß wie in einem altertümlichen feierlichen Tanz, von der Snamenje-Kirche zur Admiralität und von der Admiralität zur Snamenje-Kirche.
– Werotschka – rief er, – Werotschka! – Er sah einer jeden in die Augen, ohne eine auszulassen, und etwas Kaltes und Dunkles ringelte sich wie eine Schlange um sein Herz. Es war die Verzweiflung, die sich um sein Herz ringelte.
Schon schritt der Tod auf verschlungenen Seitenpfaden seiner Schwelle zu.
Die ganze Nacht streifte er herum, voll Verzweiflung und Todesbangen, sah jeder Frau in die Augen, ohne auch nur eine zu übersehen, blieb zuweilen auf der Anitschkowbrücke stehen und ließ sie Alle an sich vorbeipassieren. Sie umsegelten ihn, wie den Schutzmann in Weiß, sie schritten sicher und stolz, wie in einem altertümlichen feierlichen Tanz von der Snamenje-Kirche bis zur Admiralität, und von der Admiralität bis zur Snamenje-Kirche.
Und als die Sonne aufging und all die schwarzen Gestalten irgendwo verschwanden und keine einzige mehr blieb – niemand war mehr auf dem Newsky außer den Schutzleuten in Weiß – da wandte sich Marakulin durch die Litejnaja zum finnländischen Bahnhof.
Er beschloß ganz plötzlich, – vielmehr es beschloß in ihm von selbst – nach Tur-Kila in die Sommerfrische zu Wassilij Iwanowitsch zu fahren, zu Wera Nikolajewna und Anna Stepanowna. Sie haben ihm ja schon oft geholfen, sie werden ihm auch jetzt helfen, sie werden ihm Milch geben, – er hat Hunger – er ist ja nur zwölf Jahre alt! – sie werden ihm Milch geben ...
Es war der Sonnabend vor Pfingsten und auf der Litejnaja wurden die Pfingstbäumchen angefahren: lockige grüne Wagen zogen durch die Straße, voll von grünen jungen Birken.
Auf dem finnländischen Bahnhof verkehrten noch keine Züge. Er mußte warten, aber er wollte nicht auf dem Bahnhof warten. Marakulin ging erst über die Schwellen der Schienen, aber nachdem er ein Weilchen gegangen war, verließ er die Schienen, setzte sich an den Rand eines Grabens und schlief ein. Er schlief so fest, wie Plotnikow die zwei Tage nach jenem schlimmen Delirium-Anfall geschlafen hatte.
Als er erwachte, war es Abend, der Sonnabend ging zur Neige. Und wieder jäh von dem düsteren Gedanken getroffen, daß sein Ende der Sabbat sei, wurde er eiskalt. Er wollte an seinen Traum nicht glauben und glaubte doch, und indem er glaubte, verurteilte er sich selbst zum Tode.
Der Mensch kommt zur Welt und ist bereits verurteilt; Alle sind von Geburt an verurteilt, und dennoch lebt man, verurteilt und das Todesurteil vergessend, weil man die Stunde nicht kennt. Aber wenn der Tag einem gesagt wird, wenn die Zeit abgemessen, die letzte Frist bestimmt und der Sabbat verkündigt ist, – das geht über die Kraft, die Gott dem Menschen verliehen, dem Menschen, den er mit dem Leben beschenkt, zum Tode verurteilt, dem er aber die Todesstunde verheimlicht hat.
Der Sabbat war gekommen, der Sabbat ging zur Neige, seine letzte Frist, seine letzte Stunde nahte.
Und auf seinem glatten, geraden, hoffnungslosen Weg, wo der letzte Schatten und die letzte Spur der Hoffnung sich verlor, zernagten jene leisen, wie Raupen haftenden, bösen, dunklen Mächte der herangenahten Verzweiflung die letzten Fasern seiner einst so festen Lebenswurzel.
Es war ihm schwer, sich vom Leben loszureißen.
Oder vielleicht war der Traum nur ein Traum und in Wirklichkeit würde etwas anderes kommen? Warum mußte er dem Traum glauben? War das nicht töricht? Wer weiß, wohin das führte?
Warum hatte er bloß Akumowna diesen düsteren Traum nicht erzählt, Akumowna konnte ihn vielleicht deuten, sie, die Göttliche wüßte zu sagen, ob er wahr sei oder nicht.
Marakulin stürzte erregt zur Trambahn und stieg in einen Wagen. Da erinnerte er sich, daß er sein letztes Zehnkopekenstück in der Wirtschaft ausgegeben und sprang ab und lief zu Fuß nach der Fontanka, die Elektrische fast überholend.
Er erreichte die Fontanka und das Burkowsche Haus, aber es wurde ihm nicht leicht, in die Wohnung zu gelangen. Es schien ihm, als hätte er mindestens eine halbe Stunde geklingelt, aber niemand öffnete und keine Stimme ließ sich vernehmen. Er hörte zu klingeln auf und begann an die Tür zu klopfen, aber auch auf das Klopfen erwiderte niemand. Es blieb still in der Wohnung, nur der Wind pfiff durch die Türspalte, – offenbar standen die Ofenklappen auf – der Wind pfiff unheimlich.
Noch einmal klingelte Marakulin, klopfte noch einmal, wartete und ging dann in die Portierloge. Aber auch Nikanor war nicht da. Er war in irgendeinen Kramladen gegangen; Wanjuschka aber, Nikanors Sohn, wußte nur zu sagen: er habe Akumowna am Morgen gesehen, seitdem sei er nicht mehr bei ihr oben gewesen; Akumowna sei zu Hause. Dabei lachte er über irgend etwas.
Wenn sie aber zu Hause war, warum hörte sie nicht das Klopfen und öffnete die Tür nicht? Er hatte ja mindestens eine halbe Stunde geklingelt und nicht weniger lange geklopft. – War die Alte etwa tot?
Er ging in das Seitengäßchen, trat ins Haustor und stieg die Hintertreppe hinauf. Aber seltsam: – während er hinaufstieg, glaubte er plötzlich in der Auferstehungskirche auf der Taganka[14] zur Abendmesse läuten zu hören, und sein Herz begann voll Unruhe rasch zu pochen.
Die Tür in die Küche war nicht verschlossen. Akumowna saß am Herd, ihr Kopf war mit einem weißen Tuch umwickelt – mit einem weißen Tuch. Er erinnerte sich an die nächtlichen Worte aus seinem Traum in der Donnerstagnacht: „Die Mutter wird in Weiß sein.“ Vor Akumowna lagen auf einem Tellerchen zwei Eier, das dritte aß sie grade. „Das Pfund!“ flog es Marakulin durch den Sinn, „– das ist das Pfund!“
Akumowna lächelte nicht, und ihre Augen waren fremd und hervorquellend. Nicht Akumowna saß am Herd, nein, nur eine, die Akumowna ähnlich sah. Und Entsetzen übermannte Marakulin.
– Guter, gnädiger Herr! – Akumowna erhob sich plötzlich von ihrem Platz und sprach die Worte mit einer heiseren, betrunkenen Stimme, die der Stimme Akumownas nur von ferne glich.
Marakulins Kräfte waren zu Ende, er klammerte sich an den Türpfosten und begann zu stöhnen.
– Lieber gnädiger Herr, Gott behüte Sie, gnädiger Herr, Peter Alexejewitsch! Gleich bereite ich den Samowar, im Augenblick! – Jetzt wurde sie auf ihre gewöhnliche Art geschäftig, legte das Ei fort, ergriff den blanken Samowar und begann mit dem Blechrohr zu klappern.
Marakulin ließ sich auf Akumownas Bank nieder, konnte aber nichts sagen; die Kehle war ihm zugeschnürt und seine Lippen bebten.
– Lieber gnädiger Herr, – Akumowna machte sich mit dem Samowar zu schaffen, – mit mir ist was passiert, ich wäre fast gestorben, aber Gott hat sich meiner erbarmt!
In der Tat, mit Akumowna hatte sich etwas ereignet, und wie sie dabei heil geblieben, war das reinste Wunder – Gott hatte sich ihrer erbarmt. Darum hatte sie weder das Klingeln noch das Klopfen gehört. Ja, es sei noch ein Glück, daß sie Marakulin überhaupt erkennen konnte und noch so viel Stimme hatte, um ein Wort hervorzubringen. Die Eier aber esse sie, um wieder zu Stimme zu kommen, und wenn auch heiser, so doch sprechen zu können und nicht wie eine Kuh zu muhen; – man könne auch das noch erleben.
Akumowna war nämlich am Morgen auf den Boden hinaufgestiegen. Sie wollte die Wäsche, die dort hing, abnehmen, um sie noch vor der Abendmesse zu Pfingsten fertig zu plätten. Aber irgend jemand hatte sich wohl den Spaß gemacht, sie dort einzuschließen. Sie hatte zu schreien begonnen und schrie wohl ziemlich lange, aber niemand hörte sie. Es war ja kein Mensch in den Wohnungen, da sich alle in der Sommerfrische befanden, und keine Köchin, kein Hausmädchen hatte etwas auf dem Boden zu tun. Akumowna wußte, daß es nutzlos war, rief aber doch. Was sollte sie wohl anderes tun? Und wie sollte sie nicht schreien? Sollte sie auf dem Boden bleiben – wie lange? bis zum Herbst? bis die Leute aus der Sommerfrische zurückkehren würden? oder bis sich jener ihrer erbarmt, der sie eingeschlossen hatte? konnte man sich darauf verlassen? Man konnte sie ja inzwischen vergessen haben! Konnte man es wissen? Und auf dem Boden bleiben konnte sie doch auf keinen Fall! Sie war schon ganz heiser vom Schreien. Und so kroch sie im Dunkeln herum, um das vernagelte Fenster zu finden: sie hatte sich erinnert, daß da ganz unten am Dach ein Fenster war. Sie tappte um sich herum und fand schließlich eine Spalte, fand das mit Brettern vernagelte Fenster. Sie krallte sich in ein Brett, um es abzureißen, aber es saß zu fest, und wie sehr sie sich anstrengte, gelang es ihr nicht, die Oeffnung zu erweitern. Die Spalte aber war so klein, daß kaum eine Maus hätte durchschlüpfen können. Sie hing sich daran mit aller Kraft, riß mit beiden Händen – endlich gab es nach. Gott sei Dank, freies Licht! Sie bekreuzigte sich und stieg auf das Dach hinaus. In der Verwirrung aber wandte sie sich nach der herrschaftlichen Seite, nach den Kasernen zu. Sie kroch auf allen Vieren, aus Angst, auszurutschen, und schrie. So kam sie bis zum Schornstein, richtete sich am Schornstein auf, zog die Stiefel aus und warf sie auf die Straße. Die Kinder aber fingen die Stiefel auf und trugen sie davon. Sie stand barfuß, hielt sich am Schornstein fest und schrie. Und da sie dachte, daß niemand ihr bloßes Geschrei beachten würde, so schrie sie: der gnädige Herr sei nach Hause gekommen, klingle und sie könne nicht öffnen. Auf der Fontanka aber ist es so laut, die Dampfpfeifen, die Automobilhupen übertönen jedes Geschrei. Da sie barfuß nicht mehr auszugleiten fürchtete, entfernte sie sich vom Schornstein, ging auf dem Dach hin und her und schrie immer wieder: der gnädige Herr sei nach Hause gekommen, klingle und sie könne nicht öffnen. Auf dem Nachbardach arbeiteten Maler, die hörten es. „Was schreist du, Frauchen,“ riefen sie, „spring zu uns herüber,“ und lachten. Wie aber sollte sie hinübergelangen, wenn sie ihr keine Leiter reichten – sie hatten alle ihre Leitern selbst nötig – sie war doch keine Katze! Aber der erste Schreck war nun vorüber, und nachdem sie erst eine menschliche Stimme vernommen, erholte sie sich etwas und kam auf den Gedanken, auf die andre Seite hinüberzugehen, auf die Rückseite des Hauses, um dort an der Regenrinne entlang in den Hof hinunterzugleiten. Denn sich an der Rinne hinaufzuziehen, meinte Akumowna, sei schwer, die Hände könnten ohnmächtig werden, aber hinabzugleiten sei leicht: wenn das Rohr nur nicht aus den Händen entweicht, glitt man bequem hinab. In dieser Erwägung begab sie sich auf die Rückseite des Hauses und geradeaus zur Wasserrinne; – sie war nicht schwindlig. Schon hatte sie mit beiden Händen die Bekrönung erfaßt und die Füße herabgelassen, um die Rinne zu umklammern, da schrie Nikanor von unten: „Halt, Frauchen, kriech nicht, ich werde dir aufmachen!“ und lachte. Sie mußte nun über das ganze Dach zurück und sich durch das Fenster auf den Boden hinunterlassen.
– Sechs Stunden habe ich mich so gequält, lieber gnädiger Herr, bin beinahe gestorben, aber Gott hat mich gerettet, hat sich meiner erbarmt! – schloß Akumowna.
Inzwischen begann das Wasser im Samowar zu sieden, der rote Jurawljowsche Sänger schnaubte und schickte sich zu seinem Abendgesang an. Marakulin, der sich während der Erzählung Akumownas etwas erholt hatte, ging in sein Zimmer.
Vielleicht war es möglich, daß sein düsterer Traum sich gar nicht auf ihn, sondern auf Akumowna bezog? – Oder sollte es doch nicht möglich sein, da man nicht für andre träumt? – Warum sollte man aber nicht auch für andre träumen können!
Aber der Tag war noch nicht zu Ende, die Nacht kam, es kamen die letzten Stunden; es nahte die Stunde, da es galt, Rede und Antwort zu stehen, Rechenschaft zu geben und zu fordern.
Akumowna brachte den Samowar, aß in der Küche ihre Eier, um ihre Stimme zu heilen, und kam wieder zu Marakulin herein, nach ihrer Gewohnheit mit den Karten in der Hand. Marakulin aber lehnte ab: er wolle keine Karten gelegt haben, er wolle ihr lieber seinen Traum erzählen, nur möge sie ihm die reine Wahrheit darüber sagen.
Und er erzählte ihr ausführlich seinen düsteren Traum, alles genau hintereinander – er erinnerte sich ganz deutlich an jede Einzelheit. Er erzählte von der Stülpnasigen, Nackten, mit den großen Zähnen, und wie sie ihm eine Frist gesetzt hatte: den Sabbat, und von der Mutter mit dem Kreuz auf der Stirn, und wie die Mutter geweint hatte.
– Was bedeutet dieser Traum, Akumowna?
Akumowna schwieg, lächelte und sah eigentümlich idiotisch zur Seite.
Und plötzlich wieder von dem schwarzen Gedanken getroffen, daß seine Frist der Sabbat sei, wurde Marakulin eiskalt.
– Also ist alles wahr – dachte er, – denn warum schweigt Akumowna? – Also ist alles wahr, und in einigen Minuten würde seine Frist vollendet sein, seine Stunde schlagen, sein Ende?
Der Mensch kommt zur Welt und ist bereits verurteilt; Alle sind von Geburt an verurteilt, und dennoch lebt man, verurteilt und das Todesurteil vergessend, weil man die Stunde nicht kennt. Aber wenn der Tag einem gesagt wird, wenn die Zeit abgemessen, die letzte Frist bestimmt und der Sabbat verkündigt ist, – das geht über die Kraft, die Gott dem Menschen verliehen, dem Menschen, den er mit dem Leben beschenkt, zum Tode verurteilt, dem er aber die Todesstunde verheimlicht hat.
– Akumowna, ist es wahr, oder nicht wahr?
– Ich bin ein unwissender Mensch, ich weiß nichts – erwiderte Akumowna, lächelte und sah eigentümlich idiotisch zur Seite.
Da schnarrte die Uhr in der Küche und begann langsam zu schlagen, einen Schlag nach dem andern. Es schlug Zwölf. Der Sabbat war zu Ende, und der Sonntag begann.
– Akumowna, hat es Zwölf geschlagen? – fragte Marakulin unsicher.
– Zwölf, gnädiger Herr, Schlag Zwölf!
– Es ist also schon Sonntag?
– Ja, Sonntag, der heilige Sonntag, gnädiger Herr. Schlafen Sie wohl, Gott sei mit Ihnen! – Akumowna ließ den singenden Jurawljowschen Samowar stehen und ging in die Küche schlafen.
Doch Marakulin konnte nicht schlafen. Er wartete ab, bis Akumowna ruhig wurde, deckte den Samowar zu, dann nahm er ein Kissen, legte es aufs Fensterbrett, wie es die Burkowschen Mieter, die in Petersburg übersommern, machen, und lehnte sich hinaus. Nein, er wollte nicht schlafen, die ganze Nacht nicht: der Sabbat war zu Ende, der Sonntag hatte begonnen!
Es war leer ringsum, kein Mensch im Hof, kein Mensch in den Fenstern, nur er allein. Und plötzlich erblickte er auf dem Kehricht- und Ziegelhaufen, längs der Kästen und Stände, von der Müllgrube bis zum Abgußloch und weiter bis zu den Remisen, überall junge grüne Birken stehen. Der ganze Burkowsche Hof war mit Birken bedeckt, und die jungen Blättchen leuchteten so grün. Er fühlte, wie seine verlorene große Freude in ihm emporstieg und ihn überströmte: wie ein Quell schoß ihm unter dem Herzen diese große heiße Freude hervor – und wuchs, füllte das Herz und überflutete heiß die ganze Brust. Er sah nichts anderes mehr als diese Birken, und unter den Birken wandelte, selbst wie eine junge Birke schlank, seine Weruschka – Werotschka – Wera. Ihre Hände schienen mit den Blättern verwoben, und sie wandelte von Blättchen zu Blättchen nach der Remise zu, so leicht, als schwebte sie in der Luft, und es war, als wenn die Erde unter ihr verschwände. Da schwang sein Herz sich auf, überwallend, es riß ihn in die Höhe, er streckte die Arme aus – und das Gleichgewicht verlierend, stürzte Marakulin mitsamt dem Kissen in die Tiefe.
Und im Sturze hörte er, wie durch ein Rohr aus einem tiefen Brunnenschacht, eine Stimme rufen:
– Die Zeiten sind reif, die Sündenschale ist voll, die Strafe naht! – Ah, so steht es mit uns! Lieg du nun da. – Wieder einer weniger. – Du stehst nicht mehr auf – Dreckkopf!
Marakulin lag mit zerschmettertem Schädel in einer Blutlache auf den Steinen des Burkowschen Hofes.
Druck von Mänicke und Jahn in Rudolstadt.