Als das Mädchen zur Bäuerin kam, erhielt sie für die Scheltworte, die sie sonst zu erwarten hatte, einen freundlichen Glückwunsch.
Eine halbe Stunde später trat unser Paar in die Stube der Hubel, die natürlich augenblicklich wußte, woran sie war. Christine rief: »Ihr habt nicht Wort gehalten — Ihr habt mich verrathen!« — »Sei still, du dummes Ding,« entgegnete die Base. »Wo wärt Ihr jetzt, wenn ich das Maul nicht aufgethan hätt'?« — »Ihr habt Recht gehabt,« erwiederte die Glückliche und drückte ihr die Hand. Hans sah die Base heiter an und sagte dankbar: »Mir habt Ihr Wort gehalten.« — Die Hubel versetzte würdig: »Wo ich reden muß, da red' ich, und wo das Schweigen nothwendig ist, da kann ich auch schweigen.«
Man giebt mir zu, daß ich im Verlauf dieser Erzählung den Leser nicht mit der bekannten Versicherung behelligt habe, dieses oder jenes könne nicht geschildert werden, der Autor müsse die Ohnmacht der Darstellung bekennen, müsse es der Einbildungskraft der Leser überlassen, sich die Dinge auszumalen u. s. w. Eigentlich ist ja doch alles zu schildern, was lebt und sich offenbart und angeschaut werden kann, und jene Versicherung bedeutet darum auch in der Regel nur so viel als: ich bin nicht im Stande meine Schuldigkeit zu thun. — Zuweilen dürfte der Autor aber doch befugt sein, an die Phantasie des Lesers zu appelliren — der Kürze halber. Ich möchte darum jetzt die Freunde unseres Paares ersuchen, sich vorzustellen, mit welchen Gefühlen sie, nachdem sie im Wirthshaus die von Hans bestellte Mahlzeit eingenommen hatten, auf dem Wägelchen der Heimath zufuhren. — Es giebt Momente, wo sich eine solche Fülle von Glück zusammendrängt, daß wir ein ganzes Leben voll Schmerzen dadurch aufgewogen sehen, Momente, wo in überschwänglicher Liebe zu Gott und zu der Welt der letzte Hauch von Leid, der letzte Hauch von Schuld hinweggetilgt, in Seligkeit verschlungen ist.
Im Schwunge der Freude geberdet sich der natürliche Mensch frisch und lustig. In's Dorf einlenkend knallte unser zum Hochzeiter gediehene Freund, daß es eine Art hatte, und ließ das wohlgefütterte Roß traben, daß die Leute ihnen nur nachsehen und ein paar am Wege stehende Freunde nur die einfachsten Laute des Staunens ausrufen konnten. — Der Gute eilte der Mutter zu, die trotz alledem und alledem nun auch wieder einmal eine Freude haben sollte.
Als er am Fenster des Hauses vorbei fuhr, erkannte die Glauning nur ihn, der Kopf der Christine war verdeckt. Der Wagen rollte in den Hof. »Da haben wir's!« rief die Wittwe, in's Herz getroffen; »nun bringt er sie mir gar in's Haus.« Allein es galt ihre Ehre, sie drückte die Betrübniß in's Innerste ihres Herzens zurück und hatte eine würdig freundliche Miene zu Stande gebracht, als sie zur Begrüßung heraustrat. »Da ist nun die Hochzeiterin,« rief Hans, »das heißt, wenn Ihr nichts dagegen habt!« Die Mutter, Christine erkennend, stieß einen Schrei aus und fing das vom Wagen steigende Kind in ihren Armen auf. »Gott sei Dank!« rief sie, und Thränen der Freude stürzten aus ihren Augen.
Bei dem besten Kaffee, den man jemals in diesem Hause trank, wurde die Mutter in das Geheimniß der letzten Vorgänge eingeweiht. Wenn ein moralisch ästhetischer Knauser vielleicht denken sollte, die Wittwe hätte das Glück, solche Kinder zu besitzen, eigentlich nicht verdient, so beschämen wir ihn mit der Thatsache, daß sie bei Erwähnung der abschlägigen Antwort, die Christine dem reichen Bauernsohn gegeben, nur ein Augenblickchen eine curiose Empfindung hatte, sich aber durchaus nichts ansehen ließ und aufrichtigst ihren Dank gegen Gott wiederholte für den glücklichen Ausgang, und den Kindern gerührt ihren Segen gab.
Im Dorfe freilich wurde über Hans zunächst gar manches Näschen und manches Mäulchen gerümpft, wovon eigentlich nicht jedes die zierliche Benennung verdiente. In Kurzem war aber auch hier von dem wahren Sachverhalt Einiges durchgesickert, wir wollen ununtersucht lassen, durch wessen Vermittlung. Ein Name zwar wurde nicht genannt, bald aber sagte eines dem andern: die Christine hätte gar einen Reichen und Großen haben können, wenn sie gewollt hätte, aber sie hat ihn ausgeschlagen, weil ihr der Hans lieber ist als Alle. Man begriff endlich das Paar, und an die Stelle der Kritik, die nicht mehr sachgemäß war, trat allgemein freundliche und achtungsvolle Theilnahme.
Hans hatte die Braut an jenem Sonntag wieder zum Holzbauern zurückgeführt. Hier, wo sie nun mit auffallender Rücksicht behandelt wurde, schrieb sie an die gute Base Kahl und meldete ihr Glück und den wunderbaren Weg dazu, und ließ an alle ihre Bekannten in der Stadt, an den Herrn Vetter, an Mamsell Adelheid und Susanne die schönsten Grüße ausrichten. Nach einer Woche lief die Antwort ein. Die Schreiberin freute sich unendlich, daß ihre Prophezeihung so schnell eingetroffen sei, und konnte die Theilnahme der Bekannten nicht warm und lebhaft genug schildern; ihr sei's gewesen, als ob eine Tochter, der Adelheid und Susanne, als ob eine Schwester das Glück gehabt hätte. Jetzt könne sie übrigens ihrem lieben Bäschen auch melden, was sie bisher sich nicht zu schreiben getraut, daß Herr Forstner schon seit drei Wochen mit der Wilhelmine verheirathet sei. Diesen könne sie aber, nach Allem was sie höre, keinen glücklichen Ehestand prophezeihen. Die Wilhelmine habe ihren jetzigen Mann schon ganz unter dem Pantoffel; außerdem sei sie eifersüchtig und hüte ihn wie ein Drache. Wenn das schon in der ersten Zeit geschehe, was würde der Mann erst später zu erdulden haben! Im Uebrigen müsse sie sagen, was wahr sei: vorgestern habe in der »Erheiterung« ein Concert stattgefunden und Herr Forstner habe auf der Violine gespielt, daß Alles Bravo gerufen und Beifall geklatscht habe.
Bei dem letzten Satz lächelte Christine; es schien, als ob sie sich nicht unglücklich fühle, daß ihr künftiger Mann dieser Qualität entbehrte. Die Vorhersagung eines unglücklichen Ehestandes anlangend, dachte sie: die Base wird wohl übertrieben haben und meint mir vielleicht einen Gefallen damit zu thun; aber da kennt sie mich schlecht. Ich habe nicht das Geringste gegen diese Leute und gönne ihnen von Herzen alles Glück, das sie sich verschaffen können.
Aus der Zeit ihres Dienstes beim Holzbauer haben wir nur noch weniges zu berichten. Eines Abends, als sie eben vom Felde heimging, begegnete ihr vor dem Dorf jener Alte, der ihr die ehrenvolle Stelle einer Söhnerin zugedacht hatte. Dem Mädchen klopfte das Herz in Dank und Achtung, und als sie ihm nahe kam, grüßte sie ihn mit einem Blick der liebevollsten Erkenntlichkeit und — Abbitte. Der Bauer lächelte und sagte, indem er ihr freundlich wie einem Kinde zunickte: »Ich gratulire, Christine!« Das vollendet heitere Aussehen des Alten hatte, wie wir gestehen wollen, noch einen andern Grund als seine Gutmüthigkeit. Christine war ersetzt. Der Hubel, der ihre Niederlage gegenüber den guten Leuten keine Ruhe gelassen, war eine große That gelungen; sie hatte für den Sohn eine ausgemittelt, ihm an Stand und Vermögen völlig gleich und in jeder Hinsicht wundersam passend für ihn, und die Unterhandlungen waren bereits dahin gediehen, daß der Heirathstag in naher Aussicht stand. Christine erfuhr es etliche Tage später, und diese Ausgleichung trug dazu bei, ihr die letzte Zeit bei dem Holzbauern zu der angenehmsten zu machen.
Im Oktober lud Hans mit seinem Bruder, dem Schmied, und mit dem jetzigen Dorflehrer Freunde und Bekannte im Ries herum zu seiner Hochzeit ein. Er lernte den letzteren, den die Vereinigung der Seminarbildung mit einem wackern, schlichten, zufriedenen Sinn für eine Schulstelle auf dem Lande ganz besonders qualificirte, bei dieser Gelegenheit näher kennen und freute sich, an ihm künftig einen guten Freund zu haben und an der braven, muntern Frau desselben eine richtige, nützliche Bekanntschaft für Christine.
Mit der Erwähnung der feierlichen Einladung haben wir schon gesagt, daß die Hochzeit im Wirthshause gehalten wurde. So hatte es Hans gewollt. Alle Welt sollte die Christine sehen im bräutlichen »Horbet,« dem jungfräulichen Kopfputz: alle Welt sollte ihn an ihrer Seite erblicken, stolz und glücklich. — Es war eine große Hochzeit für ein solches Brautpaar, die meisten Geladenen, die zugesagt hatten, waren auch gekommen, und richtig befand sich unter ihnen auch der Holzbauer. Derselbe trank sich nach und nach in eine ausnehmend gute Laune hinein, die sich übrigens, bei gelegentlich an ihn gerichteten Fragen, mehr in ergötzlichen als höflichen Antworten kundgab. Nachdem er einige wirksame Trümpfe ausgespielt und namentlich auch seine Güte und Verträglichkeit in so kräftigen Ausdrücken vertheidigt hatte, daß ihm niemand zu widersprechen wagte, schöpfte die glückliche Christine aus seinem vergnügten Aussehen den Muth, einem neckischen Verlangen nachzugeben und den Wunsch laut werden zu lassen, er möchte doch auch ein paar Reihen mit ihr tanzen. Der Hochzeiterin dies abzuschlagen, ging nicht wohl an, und außerdem konnte er durch Erfüllung des Wunsches am besten beweisen, wie gut man es bei ihm habe und wie vortrefflich sie mit einander ausgekommen seien. Deshalb unterdrückte er die bereits auf seiner Zunge befindliche Frage: ob sie toll geworden sei? führte sie unter allgemeiner Aufmerksamkeit auf den Tanzboden und drehte sich so stattlich herum, als es seine Leibesbeschaffenheit irgend zuließ. Nach den schicklichen drei Reihen wollte er aufhören; Christine, der es Vergnügen machte, den »Wilden« so zahm an der Hand zu haben, bat ihn noch um einen. Aber nun war seine Geduld zu Ende. »Geh zum — es geht nicht, Mädle! — Jungfer Braut, wollt' ich sagen!« — Hans, der heiter zugeschaut hatte, nahm ihm die Tänzerin ab, und statt ihrer trat die Mutter zu ihm und rühmte ihn, wie »feindle« (feindlich) schön er's noch könne und was für eine »grausame Ehr'« er ihnen angethan habe, daß er auf die Hochzeit gekommen sei. Zufrieden setzte er sich zur Kanne, und während er auf den Tanzlorbeeren ruhte, sammelte er sich neue als Zecher und Redner.
Das Fest ging seinen fröhlichen Gang, der Abend kam heran. Die Ehrentänze, die bei solchen Gelegenheiten für das Brautpaar eine Pflicht der Höflichkeit werden können, waren getanzt, der Hochzeiter und die Hochzeiterin setzten sich an den »Bräuteltisch,« an welchem sich dermalen nur die Mutter befand. Die Gäste waren zum größten Theil auf dem Tanzboden, wo der junge, lustige Hochzeitknecht berufsmäßig eine nach der andern in den Reihen geführt hatte und sich eben nach geheim erhaltenem Auftrag mit der Base Hubel herumdrehte, zum Lohn für ihre Verdienste. In der Stube waren nur zwei entferntere Tische mit Zechenden besetzt, die in lebhaften Diskurs gerathen waren und nur Aug' und Ohr für sich selber hatten. Gewissermaßen allein gelassen und von der Festesfreude schon etwas ermüdet, saßen unsere drei Personen stille da und gaben sich ihren Gedanken hin. Die Musik draußen störte sie nicht, die bekannten Töne klangen freundlich in ihre Vorstellungen ein. Das Vergnügen, das Nachmittags hell auf ihren Gesichtern geleuchtet hatte, nahm nach und nach einen ernsteren Charakter an und ihre Mienen wurden feierlich, fast so wie sie in der Kirche gewesen. — Die Mutter sah zuerst aus ihren Träumen empor; sie ließ ihren Blick liebevoll auf den Beiden ruhen, die so ganz und gar zusammengehörig ihr gegenüber saßen, und sagte dann bedeutsam: »Wie lang hat's dazu gebraucht! Es ist doch wahrlich gerade, als ob's früher nicht hätte sein sollen!« — Hans erwiederte auf diesen unwillkürlichen Ausruf in dem milden Tone, wie er tieferen Menschen in ernster Empfindung eigen ist: »Es hat auch wirklich nicht sein sollen, Schwieger! In der Welt ist's nicht jedesmal gut, wenn man ohne weiteres bekommt, was man gern möchte: man muß zum rechten Glück erst fertig gemacht werden. Ich hab' die Christine besser bekommen, als es früher möglich gewesen ist, und sie mich. Glücklich wären wir auch früher mit einander geworden, aber wir hätten nicht gewußt, was wir aneinander haben, und jetzt wissen wir's.« Christine sah ihn bei diesen Worten mit feucht glänzenden Augen an und drückte ihm zärtlich die Hand.