Ende gut, Alles gut.
Der Michel und die Gret.

Wenn der Rieser nicht gerade zu der größten und stärksten Menschenart im deutschen Vaterlande gehört, so wird man ihm das Prädikat »wohlgewachsen« nicht versagen können. Begreiflicherweise gibt es in dem volkreichen Gau allerhand, kleine und große, »wie's der Hirt zum Thor naustreibt«; in der Regel begegnen wir aber doch schlanken Personen von guter Mittelgröße und darüber. Enakssöhne — Bursche, die eine Verbindung von Größe, Schulterbreite und Gliederstärke zeigen, die wir mit Staunen betrachten — sind selten und kommen in andern deutschen Gauen häufiger vor; zuweilen gelingt aber auch im Ries ein solches Erzeugniß, und es wächst, sofern der Geist mit dem Körper nicht geradezu in Widerspruch steht, eine Person heran, die sich in ihrer Umgebung eines besondern Respekts zu erfreuen hat. Wenn so einer freilich keinen Verstand, keine Würde und am Ende gar auch keine »Schneid« hat, dann hilft ihm sein Körperbau nichts; man belegt ihn mit den despectirlichen Namen eines »Drieschlags,« eines »unklamperen Kerls,« verspottet und hänselt ihn. Sind ihm aber jene Eigenschaften, namentlich die letzte, in merklichem Grade verliehen, dann ist er in seiner Art eine Macht; man fürchtet ihn und schmeichelt ihm.

Zu den leiblich außerordentlichen Erscheinungen im Ries gehörte auch der Held der Erzählung, womit wir dießmal die Leser zu unterhalten gedenken. Wir sagen mit Bedacht: der Held. Denn obwohl unsre Geschichte keineswegs eine Reihe von Thaten vorführen wird, bei welchen die Stärke des Armes die Hauptrolle spielt, so hoffen wir jene, für einen Bauernburschen sonst nicht wohl passende Bezeichnung doch zu rechtfertigen.

Michel Schwab wurde im ersten Zehntel unsres Jahrhunderts geboren. Der Vater, ein wohlhabender Söldner und auch schon ein ungewöhnlich großer und gliederstarker Mann, erlag einer hitzigen Krankheit in seinen besten Jahren. Die Wittwe, die gut mit ihm gehaust hatte und den zehnjährigen Sohn über alles liebte, beschloß nicht mehr zu heirathen, damit ihr Einziger das ganze »Sach« bekäme, wie es der Vater gehabt hatte. Sie war selbst eine stattliche Frau, froher Gemüthsart und regierte gern — ein Grund mehr, um als ehrsame Wittib fortzuleben und die erste Person im Hause zu spielen, bis sie die Herrschaft an den Sohn abtreten mußte.

Michel wuchs heran — die Augenweide und der Stolz der Mutter. In der Schule zeichnete er sich nicht besonders aus; sein Verstand war etwas langsam zum Begreifen, sein Gedächtniß zum Behalten von Sachen, deren Nutzen ihm zweifelhaft erschien, nicht sehr bereitwillig, und Ehrgeiz, der ihn hätte stacheln können, besaß er nicht. Er lernte nur, was nicht zu umgehen war, ging lieber auf's Feld als in die Schulstube, und empfand eine dunkle Sehnsucht nach der Zeit, wo er gar nicht mehr hineinmußte, außer an Sonntagen. Um so besser gedieh sein Körper. Er war offenbar der stärkste von den Buben seines Alters; die Mutter hielt ihn überdieß für den schönsten und war nach dörflichen Begriffen wohl dazu berechtigt. Auf dem Dorf ist es vorzugsweise die derbe, robuste Schönheit, die eine ungemischte Bewunderung erweckt. Der Bauer hat auch ein Auge für zarte, feine Schönheit; aber wenn ein Kind mit einer solchen von ihm Lob erhält, so wird doch aus seinem Ton zugleich ein gewisses Mitleid herauszuhören sein, zumal wenn es ein Bube ist. Kennt er die Eltern gut, so erlaubt er sich in diesem Fall hinzuzusetzen: »a bisle kräftenger könnt' 'r freile sei'! No, 's kommt vielleicht no' (noch)!« Im Stillen denkt er aber: »Schad für des Büeble, daß er gar so elend ist!« Bei dem hübschen Jungen dagegen, der zugleich rothe Backen und tüchtige Gliedmaßen aufweist, geht die Gratulation durchaus von Herzen und das Lob wird mit den Zeichen der Achtung ausgesprochen. »Kott's Blitz,« ruft hier der Freund, während seine Augen im Glanze des Wohlgefallens blinken, — »des ist a Kerl! Des gibt a Mannsbild! Des weara't a' baar (paar) Aerm' zum Garba' naufgeba'!« Und er lächelt dabei mit Würde und nickt den Eltern seine volle Anerkennung zu.

In solcher Art wurde der junge Michel gerühmt, namentlich von Gästen aus andern Dörfern, die ihn längere Zeit nicht gesehen hatten, und am lebhaftesten von Weibern. So eine sagte wohl im Doppeleifer der Höflichkeit und der wirklichen Empfindung zu der Mutter: »Aber wie uir (euer) Michel widder g'wachsa'n ist! Doh muße me nor so aufwondera' (aufwundern)! Und a Boschdur (Positur) und a G'sicht hot er grad wie sei' Vader! Wie ra'grissa' (herabgerissen, d. h. vom Vater)! Und die roth' Backa', die er hot! Und die schöa' brau' Oga'! Doh müsset 'r aber doch a rechta' Fräd (Freud) haba' mit so'm Buaba' — net wohr, Bas?« — u. s. w. — Die Mutter suchte derartiges Lob, wie es der Brauch verlangte, wieder zu dämpfen, indem sie einwarf, daß in dem Alter alle Buben rothe Backen hätten, wenn ihnen grad nichts abginge, oder in Bezug auf besseres Lernen in der Schule und Angewöhnung besserer Manieren klagend ihre Wünsche aussprach. Aber solche Einwendungen erfuhren natürlich die gehörige Widerlegung; und wer konnte es der Glücklichen nun verdenken, wenn sie, den schönen Versicherungen in ihrem Innern beistimmend, an ihrem Michel eine Art Wunderkind zu haben glaubte?

Als das ersehnte Ziel erreicht und der Bursche »in die Zahl der Erwachsenen aufgenommen war,« entwickelte er sich indeß mehr nach seinen natürlichen Anlagen, als nach den Gesamtwünschen der Mutter; und die gute Frau mußte ihrerseits erfahren, daß es nichts Vollkommenes gebe unterm Monde!

Zum Theil zwar erfüllte der junge Michel nicht nur ihre Erwartungen — er übertraf sie. Er wurde größer als sein Vater und ragte bald ein andrer Saul über seine Altersgenossen hervor. Gestalteten sich die Züge verhältnißmäßig derb, so waren sie doch regelmäßig. Die bräunlich rothe Gesichtsfarbe paßte zu den Formen, die dunkeln Augen und das dunkle Haar waren untadelich, und mit alledem konnte ihn die Mutter immer noch für den Schönsten im Dorf halten, wenn auch minder befangne Augen einigen andern Burschen den Vorzug geben mußten.

Das Bauernhandwerk lernte er gern und gut. Die Mutter hatte zur Besorgung der Feldarbeiten ihres Vaters Bruder, einen alten Bauernknecht, ins Haus genommen. Dieser weihte den Burschen nach und nach in alle Künste der Landwirthschaft ein, und der Zögling machte sie sich ein wenig langsam, aber gründlich zu eigen. Er gewöhnte sich eine stetige Art zu schaffen an, die ohne Uebereilung auch zum Ziele kommt. Falls es aber gerade sein mußte — z. B. in der Erntezeit, wenn man vor dem drohenden Regen noch schnell ein Fuder hereinbringen wollte — da konnte er auch arbeiten »wie ein Roß!« Durch den trunkenen Eifer beflügelt, den im ächten Landmann die Nothwendigkeit aufzuregen pflegt, leisteten die gewaltigen Gliedmaßen Staunenswerthes; und wenn zufällig ein alter Bauer vorüberging, konnte er sich überzeugen, daß die jetzige Zeit doch auch noch Mannsbilder aufzuweisen habe und die tüchtigen Leute im Ries nicht aussterben würden!

Unter den ledigen Burschen im Dorf erwarb sich Michel eine außergewöhnliche Stellung. Schon als Bube hatte er im »Moestern« (Meistern), d. h. im Ringkampf, nicht nur seine Mitschüler, sondern auch ältere Bursche bezwungen und die Kniffe, womit die Schlaueren über ihn Herr zu werden suchten, durch überlegene Kraft wett gemacht. Er hatte verschiedene unverschämte Kerle in die Grenzen des Anstandes zurückgeprügelt, und die Partei, die ihn bei Schläghändeln auf ihre Seite bekam, durfte sich für geborgen halten. Wie er als Lediger zuletzt »auf die Gass' ging,« glaubten ihn zwei ältere Bursche, die bis dahin für die Stärksten gegolten, »für'n Narren halten« und vornehm behandeln zu können. Das »Geträtze« reifte zu einem nächtlichen Kampf, und dieser verlieh jedem die Ueberzeugung, daß die Gefürchteten ihren Meister gefunden hatten. Michel, von einem Kameraden secundirt, schickte die Gegner jämmerlich zerdroschen heim! — Von da an ließ man ihn nicht nur in Ruhe, sondern wich ihm bescheiden aus und behandelte ihn mit Rücksicht. Er kam nicht mehr in den Fall, die Stärke seines Armes geltend zu machen, außer wenn er sich bei einer entstandenen Prügelei bewogen sah, »auszuwehren,« d. i. thatsächlich Ruhe herzustellen. Die Veranlassung dazu bot sich ihm nicht oft, aber vor etwa dreißig Jahren doch öfter, als es jetzt sein könnte, wo der kriegerische Geist der Rieser Bauernburschen durch die fortschreitende Bildung und die Gendarmerie auffallend zurückgedrängt ist. Bei solchen Gelegenheiten pflegte Michel die Bursche, die sich ihm nicht fügten und immer wieder angriffen, mehr als just nöthig war zu puffen und dadurch den Glauben an seine Ueberlegenheit so aufzufrischen, daß zuletzt das ganze Dorf davon durchdrungen war.

In der angenehmen, behaglichen Stellung, die sich unser Mann erobert, bildete sich folgerichtig ein eigenthümlicher Geist in ihm aus. Obwohl von Natur nicht anmaßend, gewöhnte er sich doch einen kurzen, befehlenden Ton an, weil ihm nach seinem Gefühl kein anderer zustand. Er saß beim Bier unter seinen Kameraden in der Regel mit schweigsamer Würde, ließ sich unterhalten, belohnte den Spaß, der einem »Narra'sager« gelungen war, mit beifälligem Lachen, und spielte nur hie und da selbst einen Trumpf aus, der dann gerade nicht der feinste zu sein brauchte, um günstig aufgenommen zu werden. Wenn aber ein Streit entstand über Dinge, die er zu verstehen glaubte, so pflegte er zu entscheiden. Auch andern Disputen machte er zum öftern ein Ende, nicht durch ein siegreiches Argument, sondern durch die einfache, kräftig betonte Erklärung, daß man »d's Maul halten« solle! — Er war kein Liebhaber von vielen Worten, unser Michel — selbst nicht, wenn Andere sie machten; und wenn seiner Ansprüche im Umgang immer wenige blieben, so wollte er diese doch auch befriedigt sehen. Dank sei es dem Namen, den er sich erworben — unter seinen Kameraden setzte er seine Wünsche durch!

Das wäre Alles gut und schön gewesen, und eine Mutter hätte Ursache gehabt, mit so einem Buben zufrieden zu sein; aber das Bild hatte seine Kehrseite. — Michel nahm keine Manier an! Er konnte sich nicht abgeben mit Vettern und Basen, wie die Schwabin es wünschte — er lernte keine Höflichkeit! — Schon als kleiner Junge, wenn ihn die Mutter in die Stube rief, um ihn einem besonders werthen Besuch vorzustellen, pflegte er ein »wildes« Gesicht zu machen, auf die gewöhnlichen Fragen, halb verlegen, halb trotzig, kurze, zum Theil verkehrte Antworten hervorzustoßen und sobald als möglich das Weite zu suchen. Dem Knaben wurde das verziehen, weil man doch sah, daß er's eigentlich so bös nicht meinte, und auch die etwas beschämte Wittwe konnte über irgend eine komisch-alberne Antwort achselzuckend mitlächeln. Als er aber heranwuchs und seine Sache immer noch nicht besser machte, wurde sie höchst verdrießlich.

Der Bauer hat keine Zeit, die Unterhaltung als Kunst zu betreiben, und Gesellschaften im städtischen Sinn giebt es auf dem Dorfe nicht. Allein man empfängt doch Besuche und macht welche, es giebt fröhliche Zusammenkünfte, und dem jungen Burschen fehlt es keineswegs an Gelegenheit, sein Licht leuchten zu lassen, wenn er eines hat, oder sich wenigstens in herkömmlicher Weise schicklich zu benehmen. — Bei Michel waren dem Erlernen auch solchen Benehmens zwei Eigenschaften hinderlich, die sich in ihrem Bunde unüberwindlich zeigten: Ehrlichkeit und — Faulheit. Seiner geraden Seele widerstrebte es, Dinge zu bewundern, die er nicht besonders, ja nicht einmal gewöhnlich gut fand; und in den Eifer, wo einem derartige Versicherungen allenfalls vom Munde gehen, sich hineinzureden, war ihm unmöglich; denn dazu hätte es einer Anstrengung bedurft, die ihm schon beim bloßen Gedanken abschreckend vorkam! So blieb es in der Regel bei einem schweigsamen Gesicht — einem »Hm,« »Ja,« »Jo« (ja doch), »Freile« und andern lakonischen Aeußerungen, womit sich Leute seines Gleichen aus der Affaire ziehen. Bei ungelegenen Fragen kam noch das im Ries sehr gebräuchliche »Bah« hinzu, das mit stark ablehnender, unter Umständen verächtlicher Miene hingeworfen wurde. Es war in der That unmöglich, in einer unvermeidlich gewordenen Unterhaltung sich kürzer auszudrücken als unser Michel, zum großen Leidwesen seiner Mutter, die ihn gern auch im Diskurs, wo nicht musterhaft, doch löblich gesehen hätte. Manchmal blieb es aber nicht dabei — manchmal, wenn man seine Ehrlichkeit allzustark reizte, platzte er direkt mit der Wahrheit heraus und beging damit eine Unschicklichkeit, bei der es der Mutter grün und gelb vor den Augen wurde. Sie gab sich alle erdenkliche Mühe, die grobe Rede zu vertuschen; wenn es aber nicht gelang und die beleidigte Person sichtlich böse dastand, dann übernahm sie die Rache selber, indem sie den Schuldigen für einen einfältigen Schwätzer erklärte, der nichts verstehe und ein Esel bleiben werde »all sein Lebtag!«

In der ersten Zeit folgte solchen Unterhaltungen in der Regel ein Zwiegespräch, in welchem die Mutter dem Sohn in's Gewissen redete und ihn mit dem Nachdruck der gerechten Entrüstung über seine Mängel aufzuklären suchte. Als er sich einmal durch düstre Schweigsamkeit und kurze Antworten ausgezeichnet hatte, begann die Alte: »Aber ietz sag mer nor, Michel, wie isch (ist es) mögle, daß ma' se so benemma' ka' vor da' Leuta'! Ka'st denn ietz net oh a weng reda', wie's der Brauch ist, und a froendle's (freundliches) G'sicht macha'? Fällt der denn gar nex ei', daß d'alleweil dohstost (dastehst), als ob d'r d's Maul zuag'wachsa' wär'?« — Michel, etwas unmuthig, fragte wie er schon öfter gethan: »No, was soll i denn saga'?« — Die Schwabin kam in Eifer. »Was er saga' soll, frogt er me! — Was ander Leut' saget — Badde (alberner Mensch)! Merkst denn gar net auf? Host denn gar koe Hihra' (Hirn)?« — Michel über diesen Ausdruck verdrießlich, erwiederte: »I ka' des domm' G'säg (Gesage, Gerede) net leida'.« — Aber nun wurde die Alte hitzig. »Wer sakt denn, daß d' a domm's G'säg haba' sollst, o'verständenger Mensch? Ebbes G'scheidt's sollst reda', daß ma'n a'n Unterhalteng hot und vergnügt ist! Gang weiter. A Kerl so stark und so groaß wie a' Bohm (Baum), und hot net amol soviel Versta'd wie a' Schuelbüable! An dir wear' e no' a rechta' Fräd (Freud) verleba', daß Gott erbarm'!« u.s.w.

Kräftiger noch war die Rüge, wenn Michel seiner Ehrlichkeit freien Lauf gelassen und die Wahrheit gesagt hatte, wo Höflichkeit an der Stelle gewesen wäre. Nach dem ersten auffallenden Verstoß dieser Art kam es zu folgender Scene.

Mutter. No ha'et (heut) host widder a Dommheit g'macht! Du bist doch der Dipplengst[3] em ganza' Doraf (Dorf)! Sakt ma'n oem so ebbes en's G'sicht? Setzt ma' d'Leut so en Verlega'heit?

Michel (trutzig). S'ist nor d'Wora't (Wahrheit) g'wesa', was e g'sakt hab'!

Mutter (bitter lachend). D'Wora't! O du o'sennenger (unsinniger) Mensch! Sakt ma' d'Wora't, wann's o'gschickt rauskommt und d'Leut verdrießt? — Was weara'n ietz die von der denka'? Und was weara's von d'r verzähla', wann's hoem (heim) kommet!

Michel. Mei'twega' was went (was sie wollen)! I frog' nex dernoch!

Mutter. Oh rehcht (auch recht)! Du frogst nex dernoch, wamma' de für'n Esel hält und dei' Mueter für a Weib, die de net zoga' hot? Du wurscht a saubers Mannsbild weara'! Du wurscht schöa' durch d' Welt komma'! — Ietz möcht' i nor wissa, w'rom ih grad so gstroft ben und so'n Narra' zum Soh' hab!

Michel (ärgerlich). »No, ietz isch gmuag! — — A'n andersmol du' es (thu ich es) nemmer!« —

Diese Zusage, die ihm das Verlangen nach dem Schluß erpreßt hatte, konnte der gute Michel indessen nicht immer halten. Wenn er aber auch in weitern Verstößen sich selbst übertraf — wenn er, zum Sprechen genöthigt, in seinem Widerwillen vollständig »aus dem Weg naus« redete oder, durch sein eigenes Schweigen belästigt, in der Zerstreuung und ohne Kenntniß des eben Gesprochenen eine Frage that, daß man ihn für »meschucka'« (hebräisch: verrückt) hielt — kurz wenn er auf dem eingeschlagenen Wege consequent fortging, so hörten die Predigten der Mutter doch nach und nach auf. Einmal wurde die wackre Frau müde, stets dasselbe zu sagen für nichts und wider nichts. Dann regte sich, je mehr er heranwuchs und Autorität unter den Dorfburschen erlangte, in Michel ein Geist der Widersetzlichkeit, der sich das »Repermandiren« nicht mehr gefallen lassen wollte. Die Schwabin beschränkte sich zunächst auf einzelne kurze Bemerkungen, wie z. B.: »No, ha'et host widder a Schluap (großes Maul) rahgh'ängt, des muß i saga'! Wann de nor em Spiegel g'seha' hätt'st — du hätt'st der gwiß selber g'falla'!« Oder: »Ha'et host widder 'n Einfall g'hett (gehabt)! Wie d'nor drauf komma' bist! A'n Anderer brächt's net raus, er därft' se Müa' geba'!« — Aber Michel wurde endlich auch dadurch verletzt und sagte einmal unmuthsvoll: »Ietz laß me amol ganga'! I ben wie'n e ben, und durch dei' ewengs (ewiges) G'schimpf wear' e net anderst! Weam e net g'fall, der soll derhoemt (daheim) bleiba', oder — — i hätt' schier ebbes g'sakt!«

Die Mutter seufzte. Sie mußte einsehen, daß sie sich in einem Punkte geirrt und ihr Sohn eben doch einen Fehler habe, und zwar einen großen, den er vielleicht nie ablegen werde. Aber noch blieb ihr eine Hoffnung. Michel war noch jung, es konnte noch werden. »Vielleicht got's 'm«, dachte die Gute, »wies scho' manchem ganga'n ist! — vielleicht wurd 'r zoga', wann 'm a Mädle g'fällt!« — Dieser Gedanke leuchtete ihr ein und rief eine Art von Lächeln auf ihr Gesicht. Es gab manche im Dorf, die ihr als Söhnerin nicht unlieb gewesen wäre. Wenn Michel an einer seine Freud' hätte, sich »um sie herummachte« und sie zum Tanz führte, dann müßte es doch mit dem Teufel zugehen, wenn ihm der Verstand nicht kommen und das Maul nicht aufgehen sollte! — Die gute Frau stellte sich das so hübsch und natürlich vor, daß sie recht erheitert wurde und auf diese Medizin das vollste Vertrauen setzte. Sie beschloß, ihn gehen zu lassen und zu warten.

Michel wurde neunzehn, er wurde zwanzig Jahre alt — und noch gefiel ihm keine. Die Mutter schüttelte den Kopf. Nicht nur, daß er keiner den Vorzug gab — er machte sich aus den Mädchen überhaupt nichts. Er lief ihnen nicht nur nicht nach, er wich ihnen aus oder that wenigstens, als sähe er sie nicht. An Lustbarkeiten nahm er Theil, aber nur, um sich zu Mannsbildern zu setzen, die ohne Schatz waren, wie er. Mit diesen zechte, dampfte und diskutirte er in der schon beschriebenen Art und ging endlich zufrieden nach Hause. Ein paarmal ließ er sich von einer Nachbarin, die einige Jahre älter war als er und ihm gegenüber eine Art von Erziehungstrieb spürte, zum Tanzen verleiten. Als aber nach dem zweiten Versuch eine alte Base zu ihm sagte, er tanze, daß »dem Teufel dran grause«, und er müsse es besser lernen, sonst wärs g'fehlt — da hatte dies nicht zur Folge, daß ers besser lernte, sondern ganz und gar aufsteckte. — Die Mutter wurde recht bedenklich, und an die Stelle der Hoffnung trat das Mißvergnügen und die Sorge.

Auf dem Lande heirathet man verhältnißmäßig früh, und früh knüpfen sich auch Liebesbündnisse. Zwei junge Leute, die sich gefallen, gedeihen eben darum bald zum Liebespaar, weil sie auch bald zum Ehepaar gedeihen können; und der Dorfgeschichten-Erzähler wird nicht leicht in den Fall kommen, seine Leser für das Verhältniß eines Vierzigers mit einem zwanzigjährigen Mädchen interessiren zu müssen, was der Novellist der höhern Stände immer seltner wird umgehen können. Daß ein Sohn zu spät oder zu wenig nach den Mädchen fragt, ist ein Unglück, welches bäurischen Eltern selten begegnet. Oefter kommt es vor, daß einer in jungen Jahren zuviel darnach fragt und dann natürlicherweise Folgen sich ergeben, die den Eltern viel Verdruß machen können, in der Regel aber auch wieder eine gute Ausgleichung finden. Vernünftige Eltern wünschen niemals, daß ihr Sohn eine Liebschaft anfange, wenn er kaum ein paar Jahre aus der Schule ist. Aber wenn ein Jahr ums andere vergeht, wenn er in die Zwanzige eintritt und immer noch thut, als ob's gar keine Mädchen auf der Welt gäbe, dann findet man das auf dem Lande nicht natürlich.

Als Michel das zwanzigste Jahr hinter sich hatte, achtete es die Schwabin für ihre Pflicht, ihm in dieser Beziehung Ermahnungen zu geben — freundliche, liebevolle Ermahnungen: sie wußte ja, daß andere bei ihm nicht anschlugen! — Bei Gelegenheit eines Tanzes forderte sie ihn auf, ins Wirthshaus zu gehen und sich auch einmal ein Vergnügen zu machen. Er habe ja die letzte Zeit her genug geschafft, und für Leute seines Alters wären ja solche Gelegenheiten da. Michel antwortete, er wolle sich schon ein Vergnügen machen. Die Mutter schüttelte den Kopf und sagte: »I moe (meine) net, daß de widder he'setzst und rohchst aus dei'm Pfeifa'kopf — i moen, daß d'oh a Mädle nemmst und danzst mit 'r, wie ander' jung Leut'.« — Michel schwieg einen Moment, dann sagte er: »du woescht (weißst), Mueter, d's Danza' frät me net.« — Hier konnte die Mutter ihre Ungeduld nicht bemeistern. »Kott's Blitz, red net so! Fang's nor a', 's wurd de scho' fräa'!« — Und in freundlicherm Ton setzte sie hinzu: »Ha'et kommt dei' Bäsle von ** ins Wirthshaus, a saubers Weibsbild — ka' alle Arbet und hot ebbes! Des wär' a Dänzere für di! Mach de lusteng mit 'r (ihr), nemm's mit in d' Stub' nei' und loß 'r ebbes auftraga'. Kott's Kreuz nei', a Mensch, der ins oenazwanzengst Johr got.« — »Aber i ka' ja net danza«, entgegnete Michel. »D'Leut lachet me aus.« — »Wie wursch (wirst du's) denn aber learna', wann's net probierst?« versetzte die Alte. »Learngeld hommer (haben wir) alle geba' müssa' — des verstot se. Aber die Bäbe, die wurd de scho' regiera'; die brengt de rom — doh ka'st de drauf verlossa'. — Komm, versprich mer's!« — »Ach Gott«, erwiederte der gute Bursche mit einer Miene, als ob er Arznei nehmen sollte — »i due's recht o'geara'.« — »Ietz verzürn' me net«, entgegnete die Mutter, »oemol mueß sei',« — »I hab' koe Gloech (Gleich, Gelenk) derzue,« versetzte der noch immer Bedenkliche. — »Dommheita'! du host dei' grade Glieder! Und du ka'st ja doch bei der Arbet sprenga' (springen, laufen) wann's sei' muß!« — »Ja bei der Arbet!« erwiederte Michel, als ob er hinzusetzen wollte: »das ist auch was ganz Anders!« — »Beim Danza' got's no' (noch) besser!« versicherte die Mutter; und indem sie ihn schmeichelnd auf die Schulter klopfte, setzte sie hinzu: »komm, sei brav, versuch's und due (thu) oh amol ebbes, was e (ich) geara' hab'!« — Der gute Michel verspürte bei diesen bittenden Worten einige Rührung, und um der Sache ein Ende zu machen und loszukommen, sagte er: »No, i will seha'!« — »Also du willst?« rief die Mutter. — »Ja, ja«, erwiederte Michel, »i will seha'!« —

Als er am andern Morgen in die Stube trat, fragte die Schwabin: »No, wie hot's ganga'?« — »Ganz guet«, versetzte Michel. — »Bist z'recht komma'?« — »Des will i moena'«, erwiederte der Sohn mit Selbstgefühl. — »No«, sagte die Alte erheitert, »des hab' i ja g'wißt! — Host aber oh ebbes auftraga' lossa'?« — »Des net.« — »Wie, 'r Dänzere, zu der ma' Froed (Freund) ist?« — »Ja so«, versetzte Michel, »du red'st vom Danza'?« — »No, von was soll i denn reda'?« — »Ja, lieba' Mueter«, erwiederte der Sohn mit einer Art von Bedauern, »des muß i d'r scho' saga': danzt hab' e net.« — »Was? Aber du sakst ja —« »Ja«, entgegnete der Enakssohn, »i hab denkt, du moest ebbes andersts. 'S hot nämlich bald 'n kloena' Handel geba', und doh hab' e ausg'wehrt. Doh ist so a kloener Grippel (Krüppel; bedeutet hier bloß die Kleinheit) g'wesa', der gar koen Fried hot geba' wölla'. I hab' wärle Earnst macha' müassa'! — Aber ietzt«, setzte er mit Befriedigung hinzu, »ietzt, hoff' i, wurd er oh an mi denka'!« — Die Mutter, ärgerlich, versetzte: »Aber des wurd doch net eweng daurt haba'? Später wurd's doch oh no Zeit geba' haba' zum Danza'?« — »Ja«, sagte Michel, »doh hab i nocht (nachher) mei' Unterhalteng scho' g'hett (gehabt), und i hab denkt: für ha'et isch gmuag!« — Die Alte wußte nicht, sollte sie weinen oder lachen über so einen Menschen. »No«, sagte sie endlich, »i sig scho', an dir ist Hopfa'n und Malz verloara'!« — »Desdawega' (deßwegen) no net«, erwiederte Michel behaglich, und ging langsamen Schrittes an seine Arbeit.

Trotz des schlechten Erfolges dieser ersten Ermahnung richtete die Mutter ähnliche noch zu wiederholtenmalen an den Sohn. Die gute Frau meinte: »'s ist doch a Vergnüaga, was i von 'm haba' will! 's ka' ja net sei', daß 'r gar koen G'falla' dra' fendt! 'S ist doch no a'n ieder endle drauf komma'!« — Allein ihre Bemühungen blieben fruchtlos. Einmal ließ sich Michel bewegen, noch einen Tanzversuch zu machen; aber abgesehen davon, daß er nicht das geringste Vergnügen dabei empfand, hörte er auch aus einer Ecke von zwei Mädchen ein »Kuttern« (gedämpftes Lachen), das er nur auf sich beziehen konnte, und in dem Aerger, den »Fratzen« zum Gespötte zu dienen, sagte er zu seiner Tänzerin: »So, ietz ist gmuag, ietz ka'st widder ganga'!« und kehrte in die Stube zurück, um seinen Unmuth zu vertrinken. Ein Kamerad, den er auf's Gewissen fragte, wie er eigentlich tanze, erwiederte mit bedeutungsvollem Blick: »Loba' ka'n e's net!« Michel nickte schweigend; und als er heimkam und seine Mutter wieder fragte, ob er »sich lustig gemacht« habe, antwortete er mit Unmuth: »Ja, danzt hab' e; aber desmol und mei' Lebteng net widder! Aus isch! Globst du, doß i da' Leuta' da' Narra' ahgib? doh bild' i mer doch z'viel ei'! Kott's Kreuz-Taused« — — »Aber« — »Ietz hör' auf oder du machst me falsch! I will endlich 'n Fried' haba' mit dem Sakermentsdanza' doh! — 'S wär koe Wonder, 's käm' ebbes dabei raus!« — — Die Mutter sah den Burschen achselzuckend an und schwieg. Sie mußte sich überzeugen, daß an so einem Menschen kein Reden was helfen kann! In Gottes Namen! Sie hatte ihre Schuldigkeit gethan; und wenn er nicht mehr auf den rechten Weg zu bringen war — ihr konnten keine Vorwürfe gemacht werden. Hatte sie sich doch auch schon erboten, ihn selber tanzen zu »lernen« (lehren)! Aber was hatte er drauf gesagt? »Mit mei'r Mutter z'danza', kommt mer so öad für, daß mer übel wurd, nor wann e dra' denk'!« Mit so einem Menschen fang' eines was an! Nein! — er soll thun, was er will! Und wenn er »a'n alter Esel« wird und keine kriegt, soll er's haben!

Um es kurz zu machen — unser Bursche hatte das sechsundzwanzigste Jahr hinter sich — und noch konnte er das Tanzen nicht und noch hatte er keinen Schatz, geschweige denn ein Weib. Er näherte sich dem, was auf dem Dorf ein »alter Jungg'sell« heißt; denn wenn der Bursche einmal in der zweiten Hälfte der Zwanzige steht, dann kann er sich nicht mehr viel auf seine Jugend einbilden und es ist Zeit, daß er seine Wahl trifft. Hat er einmal »drei Kreuz auf'm Buckel (Rücken)«, dann ist er schon sehr anrüchig, und er muß andere Qualitäten bedeutender Art haben, falls er auf eine Dorfschöne noch Eindruck machen will.

Bei seiner Weise zu leben wurde Michel natürlich ein eigenthümlicher Kauz. Von Herzen gutmüthig, konnte er doch leicht und schnell böse werden, wenn man ihn durch eine Zumuthung belästigte oder durch Widerspruch reizte. Der kurze, befehlende Ton unter Kameraden wurde ihm zur andern Natur, er gebrauchte ihn ganz gemüthlich und hatte keine Ahnung davon, daß er einen Andern damit in einer Art ansprach, die er von ihm sehr übel aufgenommen hätte. Wer ihn zu behandeln wußte, konnte gleichwohl Alles mit ihm anfangen. Auf eine gute Rede, für einen guten Freund wär' er in's Feuer gegangen. Natürlich wurde er bei alledem kein großer Menschenkenner. Er bildete mehr die Gabe des Glaubens, als das Talent der Prüfung und Unterscheidung aus, glaubte an seine eigenen Einfälle und anderer Leute Versicherungen und handelte in diesem Vertrauen oft sehr naiv. Er gab im Dorfe zu manchem Spaß Anlaß, der gute Michel, und man lachte bei solchen Gelegenheiten weidlich über ihn — aber hinter seinem Rücken! Denn ihm ins Gesicht zu lachen, wollte doch Niemand räthlich finden! —

Die Mutter ließ ihn gehen. Am Ende, wenn er nicht heirathete, blieb sie die Herrin im Haus bis an ihr letztes Stündlein; und wir wissen, sie regierte gern. Aber ihr Muttergefühl überwog doch. Eine rechte Söhnerin ins Haus und für sie »Enkala'« zu wiegen, wär' ihr doch lieber gewesen. — Wenn sie daran dachte, verlor sich ihre Zufriedenheit; sie schüttelte den Kopf und seufzte. Zuweilen tröstete sie sich selbst mit den Worten: »Was ka'n i macha'? 'Sist eba'n a Blohk (Block) und bleibt oer!«

Damit aber that sie ihrem Sohn unrecht. Die Fähigkeit, die sie so gern bethätigt gesehen hätte, fehlte nicht, sie schlief nur und harrte ihrer Zeit. Und die Zeit kam endlich und eine neue Periode begann für Michel — die geschichtliche. Kurz: er sah »die Rechte« — die bestimmt war, sein Herz zu rühren. Und bei dem ersten Anblick schon wurde ihm höchst seltsam zu Muthe, und was die Mutter ihm vorgepredigt und was er niemals verstanden hatte, das begriff er mit einem Schlag.

Diese Rechte war Margareth, zweite Tochter eines Söldners und Maurers, dessen Haus in der nämlichen Gasse lag. Als »Greatle« war sie aus dem Dorf gekommen, um zu dienen — als »Great« kam sie wieder, da ihre ältere Schwester sich verheirathet hatte und der verwittwete Maurer sie im Haushalt brauchte. Vor vier Jahren, wo sie das elterliche Haus verließ, hatte sie noch wenig »gleichgesehen« (vorgestellt); jetzt verwunderte sich Alles über ihre »Aussicht.« Sie war stattlich und groß — um ein Gutes kleiner freilich als Michel, aber doch das größte Mädchen im Dorf. Zugleich war sie ein sehr hübsches Mädchen. Sie gehörte zu jenen gesunden, kräftigen Blonden, welche das heiterste Bild froher Weiblichkeit gewähren. Ihre Züge waren regelmäßig, die Gesichtsfarbe hell; die Backen hatten nur einen leichten rosigen Anhauch, aber desto röther waren ihre Lippen; und wenn sie lachte, war es ein Vergnügen, ihre weißen Zähne durchblinken zu sehen. In gemüthlicher Aufregung pflegten die Flügel ihrer wohlgebildeten Nase sich etwas in Bewegung zu setzen, was auf ein lebhaftes Temperament schließen läßt. Allein wer ihre ziemlich hohe, klare Stirn sah und ihre hellen blauen Augen, der erkannte in ihr ein Mädchen, die zu gescheidt war, um ihrem Temperament die Zügel schießen zu lassen. In der That war sie ein fröhliches, aber unverdorbenes Geschöpf; vielleicht eben darum unverdorben, weil sie fröhlich war und nach der Arbeit in Scherz und Spiel ihre Erholung und Befriedigung fand. Sie war das letzte Jahr zu Nördlingen im Dienst gewesen, und es hatte ihr an verliebten Nachstellungen durchaus nicht gefehlt. Allein Margareth war ein ächtes Bauernmädchen — ein rechter »Bauernburscht« ging ihr über Alles, und da sie so einen noch zu bekommen hoffte, so konnte ein »Nearlenger Da'le (Daniel; Spottname der Nördlinger unter den Bauern)« keine Macht über sie gewinnen. Im Uebrigen war das Schaffen ihr Vergnügen. Sie gehörte zu den Personen, denen nach dem Rieser Ausdruck »etwas aus der Hand geht« — die nicht lange fackeln und herumtappen, sondern die Sache gleich recht angreifen, und die gerne arbeiten, weil sie immer etwas Ordentliches fertig sehen.

Gewiß ein Mädchen, der es zustand, das Herz unsres Burschen in Bewegung zu setzen! Wäre Michel geschickter gewesen, so hätte man sagen können: sie war unter den Mädchen des Dorfs, was er unter den Burschen. Allein unter den gegenwärtigen Umständen ragte sie über ihn empor, und das war auch nöthig, wenn sie dem Stolzen einleuchten und den Selbstgenügsamen zu der Erkenntniß bringen sollte, daß ihm doch noch etwas fehle und daß er sich um etwas zu bemühen habe.

Als Michel ihr das erstemal begegnete und sie ihm guten Tag bot, sah er sie verwundert an und erwiederte stehen bleibend: »I muß scho' saga'« — Das Mädchen, ihm zu Hülfe kommend, rief: »Du kennst me g'wiß nemmer, Michel? I ben d's Maurers Margret!« — »Kott's Blitz«, erwiederte Michel, »'s ist wohr! — Aber du bist ja a Fetza'mädle woara!« — Der Ausdruck »Fetza'mädle«, obwohl eine tüchtige Person bezeichnend, klang doch von einem Burschen zu einem hübschen Mädchen nicht besonders zierlich und rief auf dem Gesicht der Gret ein Lächeln hervor. Sie sagte ein wenig schnippisch: »Uir Mannsbilder moenet wohl, uir könnet alloe groaß wäara'? Aber manchmal g'rothet (geräth) von o's doch oh oena'! — No, godda' Morga'!« — Sie ging weiter. Michel hatte mechanisch das »godda' Morga'« wiederholt und sah ihr jetzt mit einer curiosen Empfindung nach. Endlich sagte er: »Des ist ja a verfluacht saubers Weibsbild woara, die Great! Wer hätt' des g'lobt (geglaubt)!« Er drehte sich um und ging weiter; aber das Bild der Gret stand immer vor ihm und seine Gedanken konnten nicht von ihr loskommen. Es gährte und »grubelte« in seinem Herzen, und nachdem sein Mund eine halbe Stunde geschwiegen, verrieth er die Beschäftigung seiner Seele, indem er plötzlich murmelte: »A saubers Weibsbild, wärle! A Mädle, wie von Wachs!«

Der Keim war in unsern Burschen gelegt. Bei weiterem Nachdenken erkannte er immer mehr, daß die Gret diejenige sei, die er haben möchte, zum Schatz — zum Weib! Er begriff, wie man einem Mädchen nachlaufen könne; denn eigentlich wäre er der Gret jetzt selber gern nachgelaufen! Was ihm früher zuwider gewesen, das erschien ihm jetzt lieb und angenehm. Es dünkte ihn schön, sehr schön, mit der Gret eine »Ansprach« zu halten, sie zum Tanz zu führen, sie ordentlich herumzudrehen und ihr tüchtig auftragen zu lassen! Was die Mutter früher umsonst gewünscht hatte, jetzt hätte er's ausführen können Alles miteinander! — — Allein er wäre nicht Michel gewesen, wenn er die Sache nun so angegriffen hätte, daß er zu seinem Zwecke gelangen mußte.

Zuerst überlegte er, und dabei kam ihm ein Skrupel, der ihn höchst bedenklich machte. »Wann's de aber no net möga' dät? Wann's de auslacha' dät und du ständest doh« — — Es ging ihm heiß durch die Brust bei diesem Gedanken und er sah gewaltig düster für sich hin. Michel hatte nichts von der Eitelkeit, die junge Bursche glauben läßt, jedes hübsche Mädchen müsse sich in sie verlieben; aber um so mehr besaß er jenen Stolz, für welchen der Gedanke, sich verachtet zu sehen, empörend ist. Wenn Er, der niemals nach den Mädchen was fragte, der ihnen auswich, der zu wiederholten Malen erklärte, er könne ihr »G'säg« nicht leiden — wenn er, der Michel, vor dem Alles Respekt hatte, nun plötzlich einer nachginge und schlecht ankäme! Wenn sie ihn verspottete und es käme heraus und das ganze Dorf spottet über ihn — — Ein Kernfluch entrang sich bei dieser Vorstellung seinen Lippen. Nein, so durfte er sich nicht in Gefahr begeben. Das mußte klug und vorsichtig — sehr vorsichtig angefangen werden.

Er faßte den Entschluß, keinem Menschen zu sagen, wie's ihm war. Zur Mutter zu gehen und ihr zu beichten, er hätte ein Mädchen gern, wäre ohnehin nicht in seinem Charakter gelegen; nachdem er aber so lange ihren Ermahnungen widerstanden hatte, wäre sie die letzte gewesen, der er seine Bekehrung hätte vertrauen mögen. »Vor der Hand« sagte er endlich zu sich selbst, »will i seha', wie's got! — Und was will e? Z'erst muß e ja doch oh d's Mädle nommol (nochmal) betrachta': vielleicht g'fällt's m'r nemmer so.«

Mit dieser Hoffnung täuschte er sich freilich. Als er sie wieder sah, gefiel sie ihm nicht weniger, sondern noch viel besser als das erste Mal. Sie hatte just ihren schönsten Tag, war in ihrer heitersten Laune und glänzte vor Vergnügen! — Das Herz des Guten klopfte, als er sie grüßte, und er hätte jetzt nicht stehen bleiben und mit ihr ein paar Worte reden können! Eine höchst ungewohnte Aufregung trieb ihn an ihr vorbei, und erst als er ein paar hundert Schritte gegangen war, beruhigte er sich wieder. — »Des ist nex g'wesa',« sagte er endlich zu sich selbst und schüttelte höchst ernsthaft den Kopf.

Er war gefangen, der arme Michel. Er hatte seinen Theil — und konnte sehen, wie's ihm ging. — Zu dem schönen Aussehen der Gret kamen zuletzt noch die Urtheile, die er von Andern über sie hörte. In diesem Punkte sind wir Alle Menschen! Wir lieben die Geliebte um ihrer selbst, um der Schönheit und Tugend willen, die uns aus ihr entgegen leuchtet. Allein wenn sie nun auch von Andern gerühmt wird, so hat das nicht zur Folge, daß unser Wohlgefallen an ihr sich mindert — im Gegentheil; das Lob, was ihr gesungen wird, ist ein Hauch, der die Flamme unsres Herzens oft noch viel stärker anblasen kann. Michel horchte herum, indem er mit gutem Erfolg den Gleichgültigen spielte; denn die Liebe schärft den Verstand aller Wesen. Und wie er nun hörte: »a g'schickt's Mädle — a schöas Mädle — a bravs Mädle« — ja, von einem alten Kenner »a Staatsmädle,« da war's ihm zu Muthe als wenn er dieses Mädle kriegen müsse, koste es was es wolle. Er fühlte einen unwiderstehlichen Trieb, sie wieder zu sehen — und ging ihr nun extra zu Gefallen.

Nachdem er sich ein paarmal umsonst bemüht hatte, kam sie ihm eines Nachmittags mit einer Kamrädin entgegen. Er wollte sie diesmal recht darauf ansehen, ob sie denn wirklich eine solche sei, wie die Leute sagten; deshalb ließ er seine Augen während des Grußwechsels tiefprüfend auf ihr ruhen, indem er, den Blick zu verlängern, auch noch den Kopf nach ihr drehte. Als er vorüber war, sagte die Kamrädin zur Gret: »Aber der hot a baar Oga' g'macht auf dih hear! Kommt mer grad für, als ob er — no des wär' aber zom Lacha'!« — »Was moest (meinst) denn?« fragte die Gret lächelnd. — »Gang,« erwiederte die andere, »du verstost me wol net!« — »Du moest, er wär'« — »Oh (auch) in di verliebt, ja, so kommt's mer für!« — Die Gret versetzte: »Sei g'scheidt! Dean kennt ma' ja! — Mir isch gar net so fürkomma'!«

Natürlich log hier das hübsche Mädchen. Ihr war's erst recht so vorgekommen — und heute nicht das erste Mal. Schon bei der zweiten Begegnung hatte sie »ebbes gnissa'« (bemerkt), und jetzt war's klar, oder Alles mußte trügen. — Die Gewißheit, die sie erlangt hatte, machte einen sehr wohlthuenden Eindruck auf sie. Fürs erste wars eine Ehr', den verrufenen Sünder zu bekehren und den Mädchenverächter dahin zu bringen, daß er auch daran glauben mußte. Aber das war das Geringste. Michel gefiel ihr! Seine Statur und der Ruhm seiner Stärke hatten ihr schon früher Achtung eingeflößt; gegenwärtig kam ihr sein Gesicht für ein Mannsbild hübsch genug vor, die Gutmüthigkeit, die ihm aus den Augen sah, rührte ihr Herz — und das »B'sondere« und »O'gschickte,« das er an sich hatte, erheiterte sie, ohne ihm bei ihr zu schaden. Als sie wieder allein war, lächelte sie für sich hin. »Es ist oft guet,« sagte sie endlich, »wann der Ma' net gar z'g'scheidt ist!« —

Wie man sieht, gingen ihre Gedanken ebenfalls ziemlich rasch. Das ist natürlich und — ländlich. — Aber ihre Sache war es nicht, ihm nachlaufen; wenn es ihm ernst war, mußte er kommen — sie konnte zusehen. Ihr Gesicht klärte sich schelmisch auf. »Wie er se a'stella' wird derzue?« fragte sie sich. »I bin wirkle neugiereng!« Er hatte ihren Beifall, der gute Michel, sie konnte ihn zum »Burscht,« sie konnte ihn zum Manne nehmen, wenn's sein mußte, — ja es regte sich der Wunsch in ihr, daß es so ausgehen möchte; — aber sie bereitete sich doch vor, ihn auszulachen, und freute sich darauf! — Sie war ein Mädchen.

Michel hatte die Ueberzeugung gewonnen, daß die Leute ganz recht hatten mit dem, was sie über die Gret sagten. Aber wenn dies seine Liebe noch mehr schürte, so fachte es auch seine Sorgen an. Die Gret hatte ihn diesmal gar nicht angesehen (er hatte noch keine Kenntniß davon, daß die Mädchen nicht sehen und doch sehen können!) und es war ihm beinahe vorgekommen, als ob sie ein etwas spöttisches Gesicht gemacht hätte. Was sollte er thun? Sollte er warten und stillschweigen? Dann kam vielleicht ein Anderer und nahm sie ihm weg. Oder sollte er ihr nachgehen und reden mit ihr? Dann sagte sie vielleicht, er könne wieder gehen, woher er gekommen sei, und er wurde das Gespötte des ganzes Dorfes. — Die Klemme war verwünscht und guter Rath theuer.

In der Unterhaltung.

Jede Versäumniß rächt sich. Man soll in jungen Jahren nicht denken: Wozu hab' ich das nöthig? Wozu könnte das gut sein? — Man soll Kenntnisse sammeln und sich Fertigkeiten aneignen, wie die Gelegenheit sich bietet, auch wenn zunächst keine Neigung dazu vorhanden und Anstrengung erforderlich wäre; denn man weiß nie, wozu man sie später brauchen kann! —

Davon überzeugte sich jetzt auch Michel. Die Liebe trieb ihn hin und her, sie ließ ihm keine Ruhe, und er sah ein, daß er etwas unternehmen müsse, geh es, wie es wolle. Er mußte mit der Gret reden — er mußte erfahren, was er zu hoffen habe — sonst wurde er toll! — Aber wie sollte er's anfangen? Wie sollte er sein Anliegen vorbringen?

Er dachte darüber nach und nichts fiel ihm ein, was er für anwendbar und gut gehalten hätte. Es dünkte ihn so närrisch, von der Liebe zu reden; es war ihm, als würde es nicht herausgehen aus ihm, als würde er stecken bleiben und dastehen, wie d's Kind beim — — Da hatte er's nun! Gab's nicht Kerle im Dorf, denen bei den Mädchen das Maul ging »wie geschmiert?« die nicht nur sagen konnten, was sie auf dem Herzen hatten, sondern noch viel mehr dazu lügen? Hatte er nicht gehört, daß mancher schon eine, die ihn zuerst gar nicht leiden konnte, durch bloßes Reden soweit gebracht, daß sie endlich zu Allem Ja sagte? — Aber so geht's! Hätte er in jüngern Jahren auch mit den Mädchen diskurirt, mit ihnen getanzt und sich lustig gemacht, — hätte er sich das bischen Mühe gegeben und gelernt, wie man mit ihnen umgehen muß — dann könnte er's jetzt und müßte sich nicht den Kopf zerbrechen! — Er fühlte ganz ernstlich Reue, der gute Michel! Er wurde verdrießlich, sehr verdrießlich. »I ben a'n Esel g'west, und des a großer,« sagte er zu sich selbst. »Aber,« setzte er hinzu, »wie hab i oh wissa könna, daß mer no' so ganga' wurd!«

Ein paar Tage ließ er vorbeigehen. Zuletzt, durch den Kampf der Leidenschaft mit der Furcht gequält und geärgert, rief er zornig: »Hol der Teufel alles! So ka'n e's nemmer aushalta' — i muß woga', komm's raus wie's will!« — Die Gret stand vor seiner Seele so schön und mit einer Miene, die nichts Abschreckendes hatte! »Dommheit«, rief er beherzt. »I sott me wohl vor'm Mädle färchta' (fürchten)? Des wär' ja zum Lacha'.« — Er faßte den Entschluß, bei nächster Gelegenheit mit der Gret zu schwätzen und sein Anliegen vorzubringen oder wenigstens »drom rom« (darum herum) zu reden, zu sehen, was sie für ein Gesicht dazu mache, und dann ein andersmal weiter zu gehen.

Recht schön fügte sich's, daß er das Mädchen eines Abends, als ihn ein Geschäft auf den Fußweg hinter den Dorfgärten geführt hatte, ganz allein gegen sich herkommen sah. Die Gelegenheit konnte nicht günstiger sein, er mußte sie benutzen. Was er zuerst zu ihr sagen wollte, wußte er genau, nämlich: »Godda'n Ohbed (guten Abend) Margret!« Das Uebrige gab sich dann von selbst. Entschlossen ging er vorwärts. Wie er aber die Gret näher und näher kommen sah, machte er eine seltsame Erfahrung. Sein Herz fing an zu klopfen, vor den Augen begann es ihm zu flimmern, und die Lippen wurden so schwer, als ob Gewichte daran gehängt worden wären. Es schien ihm unmöglich, sie zu bewegen — und da halte einer eine Ansprache! Vor der Gret angekommen, machte er eine unerhörte Anstrengung und rief mit grimmiger Freundlichkeit: »Godda'n Ohbed, Margret!« — »Godda'n Ohbed, Michel,« antwortete die Gret mit heller Stimme und mit einem Ausdruck auf ihrem Gesicht, als ob sie recht gut wüßte, in welchem Spittel der arme Bursche krank läge. Dieser nahm indeß nichts wahr. Nach der Leistung, die er sich abgerungen, trieb es ihn mit unwiderstehlicher Macht an ihr vorüber — weiter und weiter. Nachdem er hundert Schritte gemacht hatte, athmete er auf; aber erst als er um eine Ecke bog und nicht mehr gesehen werden konnte, wurde er leichter und ruhiger. — Er hielt an, dachte nach — — und sein Benehmen stand klar vor seinen Augen. Er hatte sich nun doch gefürchtet — und die schönste Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen! Unmuth erfüllte seine Brust und sehr ärgerlich rief er: »Ietz möcht' e mer glei (gleich) selber a'n Ohrfeig' geba' daß mer der Kohpf somsa' dät! Fürcht' me wärle, und zitter' am ganza Leib, als wann e oen ombrocht hätt! Sott ma' denn globa', daß ma' so domm sei' ka'?« —

Die Sache war indeß nicht anzufechten, sie war geschehen und der Verdruß konnte nichts daran ändern. Für Michel gab es nur Einen vernünftigen Entschluß: sie zu vergessen und sich vorzunehmen, es ein andermal besser zu machen. Dazu verstand er sich denn auch. »I ben a Narr,« sagte er, »daß e me verzürn'! Verloara'n ist no nex, und so wurd's net allmol ganga' (gehen).« — Er stellte sich vor, wie er das nächstemal reden werde, er hatte Einfälle, wie man sie nach einer versäumten Gelegenheit zu haben pflegt — und so von weitem schien ihm die Sache ganz leicht zu machen. »Bah,« meinte er endlich, »des ist ha'et nor so a dommer A'fall g'wesa'! 'S müeßt ja beim Deufel sei', wann ih net könnt', was jeder ander' ka'!« — Er tröstete sich und ging beruhigt und mit neuem Muthe nach Hause.

Wieder verstrich einige Zeit. Es war in der letzten Woche des Monat Mai, und unter dem Wehen der Ostluft kam ein wunderschöner Tag herauf. Ein leichter Reif hatte auf der Landschaft gelegen, die Sonne, in den wolkenlosen Himmel sich erhebend, sog ihn weg und goß den Silberglanz des Morgens über die Erde. Die Lerchen sangen, die Landleute, die sich an ihre Arbeit begaben, zeigten vergnügte Gesichter, das Vieh, das zum Saufen getrieben wurde, brüllte vor Lust und sprang rechts und links in die Höhe. Das Alles war so fröhlich, so ermuthigend! Es war einer von den Morgen, wo im Herzen so wenig eine Sorge aufkommen kann, wie am Himmel ein Wölkchen — wo im Innern der Frohsinn regiert und draußen der Sonnenschein.

An diesem Morgen fühlte sich unser Michel frisch und munter, wie seit langer Zeit nicht. Er dachte an die Gret — mit stillem, ruhigem Vergnügen. Es war ihm, als könnte er heute schwätzen und Spaß machen nach Belieben, und wenn's sein müßte, gelegentlich auch ein ernstes Wort reden — kurz, er fühlte sich aufgelegt. Indem er sich's lebhaft vorstellte, empfand er ein Verlangen, sein Vermögen in's Werk zu setzen. Er faßte sich kurz und machte sich auf den Weg durch die Gasse, in der Hoffnung, die Geliebte zu sehen. Im Nothfall, wenn er sie nämlich vor ihrem Hause nicht traf, konnte er hineingehen und den Maurer bestellen; denn an seinem Hause war ein Stück weit der Mörtel abgefallen, und wenn es auch auf dem Lande nicht grad nothwendig war, ihn wiederherzustellen, so konnte es doch auch nicht schaden.

Sein guter Muth und seine Laune minderte sich nicht, als er der Wohnung des Maurers sich näherte. Er hatte ein paar Vorübergehende gegrüßt und die gewöhnlichen Formeln waren ihm so leicht und lustig vom Munde gegangen, daß ein junges Weib sagte: »Du bist aber ha'et alert, Michel!« — Darin lag für ihn ein neuer Beweis, daß er heute seinen guten Tag habe, und rüstig ging er vorwärts. In dem kleinen Hofe sah er die Gret nicht; aber im Wurzgärtlein, von der Gasse nur durch einen niedrigen Zaun getrennt, war sie über ein Beet hin gebückt. Wie er sie hier unvermuthet erblickte, war er doch betroffen. Es hieß nun wieder: »Vogel friß oder stirb,« und vor dem strengen Antlitz der Nothwendigkeit entfloh der leichte Humor in seinem Herzen, um den Anwandlungen von letzthin Platz zu machen. Es mahnte ihn etwas, zu thun als ob er sie nicht gesehen hätte, und sachte weiter zu gehen. Aber heute war er nicht gemeint, auf die Stimme des Kleinmuthes zu hören; er unterdrückte die Bewegungen seines Innern, blieb stehen und rief entschlossen: »Godda' Morga', Margreat!« — Das Mädchen sah auf und erwiederte: »Ei, godda' Morga', Michel! Bist oh scho' en der Höa' (Höhe, d. h. aufgestanden)«? — Diese Frage kam ihm ungelegen; denn eigentlich hatte er selber fragen wollen: »Oh scho' auf?« — und wenn sie dann, wie es nicht wohl anders möglich war, mit Ja antwortete, so hätte er ihr was Schönes gesagt über ihr frühes Aufstehen, ihren Fleiß u. s. w. Das konnte er nun, wenigstens in der zuerst ausgedachten Weise, nicht mehr, und dieser Umstand machte ihn ein wenig verwirrt. Er antwortete zögernd: »Ja wohl,« und da er sich auf diesen Fall nicht vorgesehen hatte, so entstand eine kleine Pause. Allein mit Recht hatte er geglaubt, daß er heute seinen guten Tag habe. Nicht lange besann er sich, und ein neuer Einfall war da. Er drehte seinen Kopf in der Luft herum und sagte: »Ha'et hommer (haben wir) amol a schöas Wäder (Wetter)!« — Die Gret erwiederte heiter: »Ja Gottlob! Mer (wir) könna's aber oh braucha'!« Und ohne Unterbrechung und würdig setzte er hinzu: »Descht (das ist) wohr! — Des könna' mer!«

Bis hieher war's gut gegangen, trotz der nothwendig gewordenen Aenderung, und Michel konnte sich dessen bewußt sein. Aber nun war eine neue Rede nöthig, und nichts wollte ihm einfallen. Es entstand eine längere Pause. Ein besserer Beobachter als Michel hätte an dem Gesicht des Mädchens wahrnehmen können, daß sie gar wohl im Stande gewesen wäre zu reden und dem Burschen aus der Noth zu helfen — daß sie aber aus irgend einem Grunde nicht wollte! Michel besann sich, und ein neuer Einfall kam. Er sagte: »Bischt allweil g'sond und wollauf?« — Diese Frage schien der Gret so curios hinterdrein zu hinken und so sehr eine bloße Geburt der Noth, daß sie mit Mühe das Lachen halten konnte. Sie nahm sich indeß zusammen und erwiederte ruhig, aber nicht ohne eine gewisse schelmische Heiterkeit durchblicken zu lassen: »Dank der Nochfrog (Nachfrage)! Mir fehlt Gottlob nex!« — Michel, wie uns bekannt ist, war im eigentlichen Sinn weder dumm noch blind. Die Bedeutung dieses Vergnügens auf dem Gesicht der Gret blieb ihm nicht ganz verborgen; er hatte eine Ahnung, daß sie ihn eigentlich auslache, und schwieg, indem eine Wolke der Verstimmung seine Züge beschattete. Die Gret erkannte, was in ihm vorging, sie fühlte, daß sie etwas gut zu machen habe, und einen Schritt vortretend sagte sie zugleich mit gutmüthigem und schlauem Lächeln: »Host vielleicht so'st ebbes g'wöllt (gewollt)?« — Diese Frage fiel wie eine Bombe auf den guten Michel. Es war klar: er hatte sich verrathen; sie wußte, wie's ihm um's Herz war, und forderte ihn heraus! Er konnte — er sollte reden — da war kein Zweifel! Aber diese Möglichkeit, reden zu können, und diese Nöthigung, reden zu sollen, traf ihn mit solchen Schrecken der Ueberraschung, daß er dastand wie vom Donner gerührt und nicht ein Wort hätte vorbringen können um die ganze Welt! In der Verwirrung, die ihn überkam und ihn zu übermannen drohte, nahm er instinktmäßig seine Zuflucht zu dem einzigen Mittel, das ihm noch übrig blieb — zur Grobheit! Mit trotzigem Gesicht und wie beleidigt rief er endlich: »Was sott (sollte) i denn wölla'? I wißt net was! — Godda' Morga'!«

Und mit starken Schritten ging er seines Weges.

Die Gret sah ihm nach und lachte — nicht laut — dafür aber, wie man zu sagen pflegt, mit dem ganzen Gesicht. Als er hinter dem Nachbarhaus verschwunden war, sagte sie zu sich selber: »Ietz so o'g'schickt hätt' i mer'n doch net vorg'stellt! — I sig scho' — doh mueß i mi der Sach selber a'nemma', wann ebbes draus weara' soll!«

Michel ging nach Hause. Der Unwille, zu dem er gekommen war, er wußte selber nicht wie, verging, eine dumpfe Ruhe trat an seine Stelle. In dieser Ruhe erhielt er bald eine deutliche Anschauung von der Art seines Betragens — eine gelinde Verzweiflung fiel ihn an und brachte sein Blut auf's neue in eine schlimme Gährung. Er entlastete sein Herz in unarticulirten Lauten; dann, die Einsamkeit seines Stadeltennen aufsuchend, bildete er bestimmte Gedanken und konnte nicht umhin, ihnen Worte zu geben. »Also widder nex,« rief er, — »widder a Dommheit! Isch denn net grad, als wann's verhext wär'? W'rom ka'n e denn ietz net reda', wann e vor dem Ohs (Aas) dohstand? W'rom got's mit m'r em Reng rom, als wann e g'suffa' (betrunken) wär'? Der Deufel mueß g'macht haba'!« Er stöhnte vor Verdruß und strampfte den Boden, daß es schallte. Nach einer Weile fuhr er fort: »Host so'st ebbes g'wöllt — hot's me g'frogt. Des ist doch offa'bar, daß g'wöllt hot, i soll d's Maul aufdoa'! W'rom hab' e denn ietz net g'redt? Hätt'e net saga' könna': Mädle, du g'fällst mer, i will de heiricha' (heirathen) — willst me? — oder so'st ebbes! No (nachher) hätt's reda' müessa', ja oder noe, ond i wihßt ietz, wie e dra' ben! Aber so stand e doh wie a'n Ochs, der mit 'm Beil oes naufkriegt hot auf's Hihra' (Hirn, Stirn), und nocht mach e a G'sicht ond due an se na', als ob's m'r ebbes do' (gethan) hätt'! Die wurd se 'n schöna' Begriff macha' von mir! Die hält me doch g'wihß für da' dommsta'n ond o'g'hobelsta' Menscha'n em ganza' Ries? Ond wann's me vorhear oh g'möcht hätt, ietz mag's me g'wihß nemmer ond ka' me nemmer möga'! So'n Esel! I bedanket' me selber, wann e a Mädle wär!«

Der gute Bursche versank nach dieser desperaten Selbstanklage in eine dumpf-düstere Stimmung. Er war unerfahren, unschuldig, aber ein Mensch, der in seiner Art Anlage zum Reflectiren hatte. Diese Anlage begann unter den obwaltenden Umständen sich zu entwickeln und seinem Wesen einen neuen charakteristischen Zug zu verleihen. Je mehr er von sich hielt, je mehr Ansehen er bisher unter seinen Kameraden genossen, um so mehr forderte er von sich einem Mädchen gegenüber auch das rechte würdige Benehmen. Je weniger er aber im Stande war, sich so zu benehmen, wie ers seiner für würdig hielt, desto mehr kapitelte er sich hinterdrein selber, stellte sich vor wie er sich hätte benehmen sollen und können, ärgerte sich, daß er sich nicht so benommen habe etc. etc. — kurz, er wurde ein denkender Mensch. Er unterhielt sich mit sich selber, er strafte sich, er quälte sich selber. Daß das Letztere nicht zu weit ging, dafür sorgte als guter Genius die Bauernnatur, die sich auch hier in natürlichen Gränzen bewegt und sich aus dem Quell der unbewußten Lebenskraft immer selber wieder herstellt.

Für jetzt sank er gleichwohl in Abgründe der Verzagtheit. Mit der Gret wieder eine Ansprache zu versuchen, kam ihm unmöglich vor. Er hatte eine stille Wuth gegen sich, eine stille Wuth gegen sie — wie sollte er da reden? Und wenn er sich nöthigen wollte, müßte es nicht tausendmal ungeschickter herauskommen, als dießmal, wo er vergnügt war und im Grunde ganz gut angefangen hatte? — Nein — es half nichts. Einem Mädchen zu gefallen, hatte er nun einmal keine Gaben — es ging nicht — er mußte es aufgeben! —

Als er so weit gekommen war, ging er in den Hof, um sich an einer Arbeit zu erholen. Hier begegnete ihm seine Mutter. Sie sah ihn an und sagte: »Was machst denn du ha'et für a G'sicht?« — »Ih, a G'sicht?« versetzte Michel. — »Wie ka'n e des wissa'? Guck i ebba' en Spiegel?« — »Gang weiter«, entgegnete die Schwabin, »du host ebbes! Hot d'r ebber (etwer, jemand) ebbes do'?« — »Mir?« erwiederte Michel, indem er mit einer heroischen Miene aufsah, — »mir ebbes do'? I wott's koem rotha'!« — Er ging weiter, indem er bei sich dachte: »du därfst lang warta', bis e dir ebbes sag'!« — Die Mutter sah ihm kopfschüttelnd nach. »Er ist halt doch net vergnüagt«, dachte sie, »und des ist natürlich! In deam Alter muß a'n ordentlichs Mannsbild a Weib haba' — so'st isch nex!« — Sie ahnte nicht, wie Michel sich schon abgemüht hatte, um ihre Herzenswünsche zu erfüllen.

Einige Tage ging unser Bursche melancholisch umher und wenn ihn beim Zurückdenken an seine Niederlagen ein Zorn anwandelte, so ließ er ihn an irgend einer Arbeit aus. Er bot denen, die seiner wahrnahmen, ein neues und eigenthümliches Bild. Schweigend hatte man ihn oft gesehen; jetzt sah man ihn »sinnirend« und vernahm hie und da grimmige Ausrufungen, wozu man keinen Grund wußte. Fragte man ihn darnach, so war die Antwort, sofern eine erfolgte, keine höfliche. Man wußte nicht, was man aus ihm machen sollte. Den Zustand seines Herzens ahnte Niemand im ganzen Dorf. Die einzige Person, die außer ihm davon Kenntniß hatte, schwieg nicht nur selber — sie hatte auch jener Kamrädin ihre Vermuthung wieder auszureden gewußt und ihr das Versprechen abgenommen, sie mit dem Michel nicht in's Geschrei zu bringen. Es giebt Mädchen, die das Genie der Verschwiegenheit haben, d. h. die ohne besondern Vorsatz und mit Lust verschwiegen sind und sich an dem Geheimniß weiden. Die Gret war heiter und hoffte mit Zuversicht, ihre Wünsche gekrönt zu sehen — sie brauchte nicht zu schwätzen.

Michel war es nicht; er war unmuthig und verzweifelte am Erfolg — er spürte einen Trieb zu reden und konnte endlich einer Gelegenheit, sei Herz zu entlasten, nicht widerstehen.

Unser Enakssohn hatte einen Kameraden, der ihm unter allen Burschen, die zu ihm hielten, der liebste war. Kaspar, der Sohn eines Webers, hing mit aufrichtiger Theilnahme an Michel und wußte sich auch am besten in seine Manieren zu fügen. Obschon drei Jahre jünger, hatte er in Bezug auf das weibliche Geschlecht eine hinreichende Summe von Erfahrungen — er wußte, wie man sie behandeln mußte, und galt darum auch »seinen Batzen« bei ihnen. Mittelgroß, »rahneng,« von angenehmer Gesichtsbildung hieß er bei ihnen nur »a nett's Bürschtle« und »a lustengs Männdle,« dem man gut sein müsse. Trotz der Gunst, die er bei den Spenderinnen der Lebensfreude erfuhr, hatte er doch nicht mehr Selbstgefälligkeit als allenfalls natürlich war; er genoß das Lob eines fleißigen Menschen und wußte sich unter den Mannsbildern ebenso den Ruf eines guten Kameraden zu bewahren. — Dieser Bursche, zum Vertrauten wie geschaffen, wußte durch eine wohlgemeinte und geschickte Frage dem Michel sein Geheimniß zu entreißen. Allein mit ihm sah er den düster vor sich Hinstarrenden theilnehmend an und sagte dann: »Michel, di drückt ebbes! Wannd' mer's net geara' sakst, will e de net weiter froga'. Wann's aber ebbes ist, wo i d'r vielleicht helfa' ka', so red! — Du woescht, wie e's moe (ichs meine).«

Diese treuherzig gesprochenen Worte machten des Leidenden Herz weich und folglich geneigt zur Mittheilung. »Ach,« erwiederte der Verliebte nach kurzem Schweigen mit einem riesenmäßigen Seufzer, »mi drückt freile ebbes!« — »Was isch?« fragte Kasper. »Sag's, wann e's (ich es) wissa' därf!« — »Am End,« erwiederte Michel, »bist du grad der Recht', der mer'n Roth (Rath) geba' könnt! — No mei'dawega' (meinetwegen), i will der's saga'!« — Er schwieg. — »Nossa' (nun so dann),« mahnte Kasper. — »Z'erst mueß e der saga',« erwiederte Michel mit tiefem Ernst, »daß koe Mensch ebbes davo'n enna' weara' (inne werden) därf!« — »Gang weiter! Ben i a Schwätzer?« — Die Möglichkeit, daß Kasper es doch unter die Leute bringen könnte, hatte aber den Michel schon aufgeregt. »Kerl,« rief er eine Faust machend, »wann d'ebbes sakst — 's got d'r schlecht!« Der Andere kannte seinen Mann; er zuckte die Achsel und erwiederte: »Du bist net g'scheidt!« — »Guet,« versetzte Michel. »Ietz woesch (weißt dus) — und ietz will i der's saga'!« — Wieder eine Pause. »I höar,« erwiederte der Andere, indem seine Mienen sich ahnend erhellten. — »No,« begann endlich Michel mit neuer Anstrengung, »doh (da) die Great — d's Maurers seine moen' e« — Kasper sah den wiederholt Innehaltenden mit gutmüthig schlauem Lächeln an und rief, ihn ganz durchschauend: »Fehlt's d'r doh?« — »Ja, Bruder,« ging's endlich aus Michel heraus, »doh fehlt's m'r! Des Mädle g'fällt m'r, die mueß e haba — — und Kreuzdonner ond's Wetter: i woeß net, wie e's a'fanga' soll!«

Kasper unterdrückte das Lachen, das ihn bei diesem Bekenntniß anwandelte, und forderte ihn auf, ihm zu sagen, wie's eigentlich stehe. Michel, einmal im Zuge, erzählte Alles, und zwar mit einer Naivität, bei welcher der Erfahrene, wenn er nicht lachte, doch wenigstens zu »schmöhzeln« (schmunzeln) nicht umhin konnte.

Bekanntlich hat der Mensch nicht leicht eine angenehmere Empfindung, als wenn er an einem Andern, der ihm bisher Respekt abgenöthigt hat, plötzlich eine Schwachheit entdeckt. Es gibt deren, die eine solche Wahrnehmung geradezu beseligen kann und die das so erlangte Wohlgefühl zu den höchsten Genüssen zählen, womit der Himmel die armen Sterblichen begnadet hat. Sogar Freunde, will man wissen, sollen in diesem Fall erheitert werden und aussehen, als ob ihnen ein Glück widerfahren wäre! Und ihr Benehmen gegen den Träger dieser Schwachheit soll nach der Entdeckung ein vielfach anderes sein, als vorher! — Wir lassen diese Behauptung in ihrer Allgemeinheit auf sich beruhen, müssen aber der Wahrheit gemäß bekennen, daß unser wackrer Kasper bei der Erzählung seines Kameraden eine ziemlich lebhafte Genugthuung empfand und in seinem Gesicht einen Ausdruck heiterer Ueberlegenheit zeigte, den er vorher nie gegen ihn hatte blicken lassen.

»Des isch, was me drückt,« schloß Michel seinen Bericht. »Schlechter, des wurscht selber saga', hätt's net ganga' könna', und Alles ist verspielt. I ben eba' zom O'glück geboara', und mit mei'r Fräd isch aus auf der Welt!« — »So,« versetzte Kasper, indem er ihn mitleidig ansah; — »willst de net lieber glei gar versäufa'?« — Michel schaute ihn an. »Du bist a Narr,« fuhr Kasper fort, »des sag d'r ih! Nex ist verspielt, gar nex!« — »So,« erwiederte Michel, »wamma' se so o'gscheidt benemmt ond« — »Dei' Benemma' schad't d'r gar nex,« fiel Kasper ein. »Des ist eba' d'Liab! D'Liab macht verwirrt, ond wamma' verwirrt ist, macht ma' Dommheita'. Aber d'Liab ist ja eba', was d'Mädla' haba' wöllet! ond wann oer vor lauter Liab duet als ob 'r narred wär, globst, des nemmt d'r oena'nübel? Ja bis Wuch (auf die Woche d. h. niemals)! Fräa' duet se's ond geara' hont's so oen!« — Dem Michel schien dieß einzuleuchten. »Du ka'st Rehcht haba',« sagte er getrösteter. »'S ist wohr, i därf me no' net ahschrecka' lossa'!« — »Wie moest,« setzte er mit neuerwachtem Muthe hinzu, »soll e glei rausrucka' mit der Farb? Soll e saga', daß e's heiricha' will?« — »Des got net,« entgegnete Kasper mit der Miene der Autorität. »Ma' mueß net mit der Thür en's Haus falla'! Allweil oes noch'm Andra'! — Z'erst muescht doch oh seha', ob's de haba' will!« — »Ja so,« versetzte Michel wieder etwas herabgestimmt. »Was soll e denn aber so'st doa' (thun)?« — »G'späß macha',« erwiederte Kasper munter. »Siksch (siehst du), des ist d'Hauptsach. Da' Mädla' g'fällt nex besser, als Narrheita! Z'erst G'spaß und nocht Ernst — des ist der recht Weg! Foppa' mueß ma's ond ploga', wamma' zo ebbes komma will! Je meaner (mehr) as (als) ma's plogt, je lieber as oen hont (haben)!« — Dem geradsinnigen Michel schien diese Behauptung sehr gewagt; er sah den Rathgeber fragend an. »Du globsch wohl net?« sagte dieser; und als der Bursche den Kopf schüttelte, fuhr er fort: »Weil d'eba' koe Erfahreng host en deana' (diesen) Sacha'! Siksch, des ist so! Wann e a Mädle fopp ond plog, no sikt's, daß e ebbes mit 'r haba' will, no sikt's, daß e's liab — ond 'n Spaß hot's obadrei'! Ond so went (wollen) se's grad haba'!« — Michel begriff; er sagte mit Anerkennung: »Kapper (traulich: Kasper), du bist a verfluechter Schlengel!« — »No,« erwiederte Kasper behaglich, »wann e des net wihßt!«

Es erfolgte eine kleine Pause, in der Michel auf's neue bedenklich wurde. »Ja,« begann er zögernd, »wann e aber nocht G'späß macha' will ond 's g'rothet mer net? Wann e me widder o'gschickt a'stell — wie doh?« — »Des wär freile fehlerhaft,« erwiederte Kasper mit Ernst. »Eweng därfa't (dürfen) Dommheita' net daura', so'st verliera't d'Mädla' da' Respekt!« — »Doh hosch (hast du's)!« versetzte Michel mit einem Ausdruck, als ob nun er wieder Recht hätte. »Ond mir isch grad so, als ob's mer net g'rotha' könnt! Was ietz?« — »No,« erwiederte Kasper mit einer Art von Unmuth, »doh ka'n e d'r koen andera' Roth geba', als daß d'r eba'n a bisle meaner ei'bildst! Kott's Heidablitz! A Kerl wie du! Ist des koe Ehr' für so a Mädle, wann du 'n G'falla'n an 'r host? Mueß (sie) doh net stolz drauf sei'?« — »Ih sott's (sollt' es) beinah globa',« bemerkte der Enakssohn mit entsprechendem Selbstgefühl. Und Kasper erwiederte: »No, ond wann d'net vergischt, wer du bist, nocht wurscht oh reda' und G'späß treiba' könna' mit so'm Deng doh!« Ruhiger setzte er hinzu: »Ma' mueß se net gar z'viel macha'n aus da' Mädla' — des ist a Fehler! Drom wamma'n amol a bisle z'hitzeng g'wesa'n ist, no mueß ma'n extra widder a weng huf (zurück) ganga' und doa' als ob ma' gar wohl ohne se leba' könnt! Nocht kriega' sie widder 'n Luhst! — Also, bei d'r nächsta' G'legenheit duast, was e d'r g'sakt hab', ond i garantir d'r, sie kommt d'r!« — »I will seha',« erwiederte Michel. Dann, nach kurzem Schweigen, setzte er hinzu: »Also nommol (nochmal)! D's Maul g'halta'n oder« — Er machte mit der Faust eine verständliche Bewegung. Kasper lachte. »Du wärst am End em Stand und brächst mer da' Hahls, zom Dank für mein' gueta' Roth?« — Michel, wieder auf seinem Boden stehend und sich fühlend, erwiederte: »Wann de dernoch aufführa' dätst — 's käm m'r net drauf a'! — No, ietz b'hütet de Gott!« — — —

Michel war durch die Aufklärung des gewandten Kameraden in der That getröstet und faßte wieder frischen Muth. Das Gefühl seiner Kraft und das Vertrauen auf sich selbst kehrte zurück. Es war ihm zuweilen, als ob er nur hingehen dürfte zu der Gret, um Spaß zu machen nach Noten! Aber extra zu ihr gehen, das wollte er nicht: da würde sie ja glauben, daß er's gar zu nothwendig hätte — und das sollte sie nicht! — Er wollte die Gelegenheit abwarten, dann aber auch benutzen.

Eines Nachmittags schlenderte er gemüthlich auf dem Anger hinter seinem Garten. Es war ein Sonntag; er hatte gut gegessen, ein wenig »gedurmt« (geschlummert), sich dann schön angezogen, die Pfeife in den Mund gesteckt und war hieher gegangen, um zu sehen, was ihm weiter belieben werde. An einem solchen Nachmittag fühlt sich der Bauer immer behaglich, sogar wenn er verliebt ist. Michel ging langsam, blieb zuweilen ein bischen stehen — er dachte an die Gret. Er war heute so unternehmungslustig und dabei so sicher! »Jetzt wann's mer käm',« dachte er — »Sapperment nei'!« — Er ging wieder einige Schritte und sah umher — und wie's denn manchmal geht, dort, den Weg von der linken Gasse zum Anger herunter, kam die Gret! Michel eilte mit großen Schritten zum Ausgang des Wegs, um sie noch eben zwischen den Gärten zu treffen. Sie sollte ihm nicht entwischen — sie sollte ihm Rede stehn und nicht mit einem bloßen Gruß davon kommen!

Es gibt auf dem Lande nichts Reizenderes als jene Gänge zwischen lebendigen Hecken, die eben breit genug sind, daß man sich ausweichen kann. In der schönen Jahreszeit, wo die Hecken grünen und blühen, wo der trockene Weg von Gras und Blumen eingefaßt ist, gewährt es ein wahrhaft poetisches Vergnügen, hindurchzuspatzieren, zumal wenn beim Schein der Sonne der Schatten dicht belaubter Gartenbäume drüber fällt. Es ist so traulich und so heimlich darin, daß man nur bedauert, so bald wieder ins Freie zu kommen! —

Ein solcher Gang war es, in dem unser Michel die Geliebte festhalten wollte. Seine großen Schritte hatten bewirkt, daß er noch rechtzeitig kam: die Gret ging erst in der Mitte des Weges. — Wie schön war sie! Sie hatte an dem warmen Tage keinen Kittel an: in blendendweißen Hemdärmeln, in gestreiftem, farbigem Mieder und rothem Halstuch kam sie ihm entgegen. Die Kleider standen ihr so gut, ihr Gang war so geschickt: das Dienen in der Stadt hat eben doch seine großen Vortheile! — Dem guten Michel lachte das Herz im Leibe, als er sie ins Auge faßte. Wann aber das Herz lacht, dann schwebt es und kann consequenterweise nicht — — — fallen. Unser Freund behielt seinen Unternehmungsgeist, obwohl die Gret mit schelmisch heiterm Antlitz näher und näher kam; und als sie endlich vor einander standen, sagte er heroisch: »No Margreat, wo kommst denn du hear?« — »Von der Fischere«, war die Antwort. — »So! — Ond wo willst denn he'?« — »Hoem! — I ben mit 'm G'strick ausganga' — ond hab d's Gara' (Garn) vergessa'!«

Unser Bursche machte ein curioses Gesicht. Es schien ihm hier eine vortreffliche Gelegenheit gekommen, die Gret zu foppen und zu plagen, und er beschloß sie zu benutzen. Sich breit auf den Weg hinstellend sagte er mit schlauer Miene: »Doh hommer's (da haben wirs)! An was host ietz doh denkt?« — Die Gret, seine Gedanken errathend, erwiederte: »Ja, wann e's saga' dät!« — »No«, versetzte Michel, »des ka'n e mer fürstella': an a Mannsbild!« — »So?« entgegnete die Gret schnippisch. »Woescht du des so gwihß?« — »Wamma (wenn man) des net wihßt!« versetzte Michel mit selbstgefälliger Sicherheit. »Des ist ja doch uir (euer) oezengs Dichta'n ond Drachta'!« — »Doh bildet 'r ui (ihr euch) doch a bisle z'viel ei'«, erwiederte die Gret. — »Bah«, rief Michel im Hochgefühl des Rechthabens, »wär koe Wonder, des wär net bekannt!« — Das Mädchen versetzte mit einem Schein von Ernst und Schärfe: »Ma' sakt manchmol, es sei ebbes so, derweil hätt' ma nor geara', daß so wär! Omkeart (umgekehrt) wurd a Schua' (Schuh) draus!« — »Ho ho!« rief Michel. — »Uir (ihr) Mannsbilder«, fuhr die Gret fort, »lebet en der Ei'bildeng — und des ist natürlich. Uir wisset net, was o's (uns, wir) denket; aber o's wisset, was uir denket!« — »Des wär' der Deufel!« versetzte Michel, verwundert über die kecke Behauptung. »Wie sottet'r (solltet ihr) des wissa?« — »Wie?« erwiederte die Gret, indem sie ihm heiter ins Gesicht sah; »weil d'r (ihr) uire Gedanka' verrothet, weil d'r o's nochloffet (nachlauft)!« —

Michel war betroffen. »D's Ohs hot Rehcht,« dachte er in einem Moment des Schweigens. Es blieb ihm indeß noch der Ausweg, die Thatsache zu läugnen — und das that er tapfer. »Bah«, rief er geringschätzig, »wear duet des? A rechter Kerl net!« — »Ih«, setzte er mit Stolz hinzu, »ben mei' Lebteng no' koer nochgloffa'!« — »Ist des wohr?« fragte die Gret lächelnd. — »So wohr i dohstand«, sagte der Ehrliche. Die Gret, die recht wohl gesehen, wie der Enakssohn zu dem Durchgang geeilt war, hätte bei dieser naiven Behauptung beinahe gelacht; allein sie unterdrückte die Anwandlung und sagte scheinheilig: »Doh ist d'r also oh gar net drom z'doa', daß d' mit oer redst?« — Michel ahnte, wo sie hinaus wollte; aber er hatte A gesagt und mußte B sagen, und ohnehin wollte er sie ja uhzen (foppen)! Heroisch erwiederte er: »Gar net! — I wihßt oh net, worum!« — »So«, sagte die Gret, »doh mueß e m'r ja nocht a Gwissa' draus macha', doß e de mit mei'm Gschwätz aufhalt. — Bhüet de Gott!« Sie wollte vorbei. Michel war aber nicht gemeint, eine Unterhaltung, die bis jetzt so schön gegangen war, so schnell abbrechen zu lassen; er rief mit Eifer: »So wart nor no' a weng! — Du wurscht doch Gspaß verstanda'?« — »Des scho',« versetzte die Gret; »aber i muß ietz zu meina' Kamrädenna'!« — »Gang weiter«, entgegnete Michel, »lauter Weibsbilder! Was wurd des für a'n Onderhalteng sei'!« — »O«, rief die Gret, »o's onderhalta' se recht guet!« — »Was net no'!« erwiederte Michel seinerseits ironisch. Und selbstgefällig setzte er hinzu: »Von was hont'r (habt ihr) ietz gredt?« — Die Gret sah ihn an und ihre Lippe zuckte unmerklich. »Von was redt ma'«, sagte sie dann, vor sich hinschauend, »wamma' se guet onderhalta' will: von da' ledenga' Burscht'!« — Michels Gesicht klärte sich auf. »No, was hab' e gsakt?« rief er. »Ietz gibst m'r doch selber Rehcht!« — »I hab me verschnappt«, erwiederte die Gret. — »Ja, ja«, fuhr Michel fort, »d'Mannsbilder stecket ui (euch) em Kopf — des woeß e ja!« — »No«, setzte er in behaglichem Stolz hinzu, »en was für 'r Art hont 'r von es (uns) gredt?« — »Mer hont g'rotha«, erwiederte das Mädchen nach kurzem Zögern, »weller (welcher) ietz wol d'r G'scheidtst ist em Doraf!« — »So«, versetzte Michel. »Send 'r oeneng (einig) woara'?« — »Noe«, erwiederte die Gret. »Jeda' hot 'n andera' a'geba'!« — »Natürlich«, bemerkte unser Bursche, indem ihn das Vergnügen über die entlarvte Schwäche der Mädchen verhinderte zu sehen, welche Gefahr er selber lief. »Wean host denn aber du a'geba'?«

Es giebt eine Mischung von Unschuld, Ungeschicklichkeit und Selbstgefälligkeit, die auch wohlwollende Naturen reizt, den Träger derselben, was man sagt, anlaufen zu lassen. Die Absicht, necken zu wollen, fordert heraus, und das Unvermögen, das in keiner Art zur Sache kommt, erweckt ein Verlangen, zu strafen. Unsre Gret fühlte einen Antrieb dazu und konnte ihm diesmal nicht widerstehen; sie erwiderte: »I hab no' gar koen a'geba' — i hab koen gwißt. Aber ietz — ietz woeß e oen — ond ietz muß e eila', daß e widder z'ruck komm. Mei'r (meiner) wurd gwihß alla'n ei'leuchta'!« — Nach einem Blick, dessen Bedeutung nicht zu verkennen war, schlüpfte sie an ihm vorbei und ging rasch weiter.

Michel sah ihr nach — — er fühlte mit einemmal, was die Gret ihm angethan, und die Röthe der Scham überströmte sein Gesicht. Bald erhob sich der Zorn in ihm und verstärkte das Roth zu düsterem Braun. »Wann de nor der Deufel holla' dät,« rief er — »du Hex du! — Hot ihren Spoht (Spott) auf m'r und stellt me he' wie'n Esel! — O wann e's nor doh hätt' —« Er hielt inne. Es fiel ihm ein, daß er hier gehört werden konnte, und die Furcht, dem ganzen Dorf zum Gespött zu werden, hieß ihn abbrechen. — Langsam ging er zurück. Er dachte nach, wie er zu diesem Verdruß gekommen sei — und lachte bitter. »I hab's foppa wölla'! Die do, d's ärgst Ohs em ganza' Dorf! Doh ben ih d'r recht Ma' derzue!« — Nach einer Pause setzte er unmuthsvoll hinzu: »Der Kapper ist a'n Esel gwesa' mit sei'm Roth, und i a Narr, daß e'm gfolgt hab! — Des hot grad no' gfehlt! Des hot d'Butt bonda (die Bütte gebunden, die Sache fertig gemacht)!« — Am Ende des Ganges blieb er stehen und ließ eine Zeitlang gedankenvoll sein Haupt hängen. Endlich murmelte er: »'S soll amol net sei'! I gib m'r alle Müa ond dua', was e ka' und hab nex als Verdruhß ond Onear (Unehre) dervo'. Noe, noe — i loß d's Heiricha sei'! Aus isch ond gar isch! —«