Als er bei diesem desperaten Satz angekommen war, hörte er Tritte in der Nähe und schaute auf. Es war die Gret, die mit dem Garn zurückkam. Daß sie's dem guten Michel so arg hinausgegeben, hatte sie doch ein wenig gereut, und ihr Gesicht drückte jetzt Wohlwollen und Freundlichkeit aus. Wie sie ihn aber dastehen sah mit der trotzig verlegenen Miene, da änderte sich ihre Stimmung etwas. Sie konnte sich nicht enthalten, mit neckischer Verwunderung zu fragen: »No Michel, stost (stehst du) no' allweil doh?« — Der Bursche, auf's neue gereizt, erwiederte: »Dirdawega (deinetwegen) net!« — »O,« versetzte Gret, »des bild e m'r oh net ei'! Kott's Blitz! doh mueß e nor macha', daß e d'r bald aus da'n Oga' komm!« — »I halt de net auf!« rief Michel. — »Hu hu!«, erwiederte die Gret, und rasch verschwand sie in dem Gange.
Michel, in dem Gefühl, daß es nun wirklich aus sei, verließ mit langsamen Schritten den Anger. Er suchte den Kasper auf und traf ihn allein in seinem Garten. »No,« sagte er unmuthig zu ihm, »du host m'r 'n schöana' Roth geba', des mueß e saga'! Du bist a gscheidter Kerl!« — Der Kamerad sah ihn verwundert an und fragte: »Wie so?« — »No doh mit dei'm Foppa'n und Ploga', wo d'me a'glearnt host! — Des ist a Dommheit gwesa'!« — Kasper ahnte was vorgefallen war; er forderte ihn auf zu erzählen, was passirt sei, und Michel gab ihm, so gut er konnte, ein Bild von dem Verlauf der Ansprache.
Wie lächerlich die Geschichte dem Erfahrenen und Gewandten auch vorkam, so hielt er es im Moment doch weder für rathsam zu lachen, noch das Benehmen des Burschen zu tadeln. Er richtete seine Kritik gegen das Mädchen und sagte: »'S ist a'n Ohs!« — »So,« erwiederte Michel, für welchen diese Zustimmung etwas Angenehmes hatte, »siksch ietz oh ei'? — Freile isch a'n Ohs, d's ärgst em ganza' Doref! Für da' Narra' hot's me ghett; — ond für da' Narra' dät's me halta, so ofts könnt' — wann i net gscheidter wär! Aber doh wurd a Riegel fürgschoba'! Koe Wöartle mea' (mehr) red e mit'r. Nemmer a'seha' du e's (thu ich sie)!« — »No, no,« warf der Kasper ein, »gar z'hitzeng muest oh net sei'. Durch des, was d'mer verzählt host, ist no' net bewiesa', daß's de net mag!« — »Was,« rief Michel, »doh isch no' net bewiesa?« — »Noe,« bemerkte Kasper. »Du host sie foppa' wölla'n aus Lieb, ond sie hot di gefoppt — vielleicht oh aus Lieb!« — Der Bursche konnte sich bei diesen Worten nicht enthalten, ein wenig zu lächeln und rasch loderte in Michel der Zorn empor. »Willst du me oh no' für da' Narra haba'?« rief er, indem er ihn grimmig anschaute. »Des net,« erwiederte Kasper. »Aber d' Mädla' deant (thun) oft grad d's Conträre von deam, was denket! Der Spoht« — »Mach me net wild,« fiel Michel ein. »Wean e verspott, auf dean halt' e nex! Du bist a'n Esel, wann's anderst sakst!« — Kasper zuckte die Achseln. »Du bist halt a grober Kerl,« versetzte er. — »Weil e Rehcht hab,« entgegnete Michel. »Doh ben e doch a weng z'guet dafür, doß e so'm Fratza' da' Narra'n ahgib! — Nex doh! Aus isch ond gar isch!« —
Ein Mädchen wie die Gret gefiel natürlich mehreren ledigen Burschen. Zwei oder drei Handwerker hätten gern mit ihr anbinden mögen, aber sie erfuhren, daß sie schon angebunden war — sehr kurz nämlich ihnen gegenüber, die etwas dreist vorgehen wollten. Auch ein paar Bauernsöhne schauten sie mit großem Wohlgefallen an und einer schien gute Lust zu haben, sie zu dem Rang seiner Geliebten zu erheben. Es lag indeß nicht in der Art des Mädchens, nach einer solchen Verbindung zu streben. Sie war zu fröhlich, um ehrgeizig zu sein, und verspürte keine Neigung, zwischen Sohn und Eltern Streit zu veranlassen und sich durch Händel und wüsten Lärm zu einer höhern Stellung durchzukämpfen. Die Liebe, die ihr den heroischen Muth dazu vielleicht gegeben hätte, meldete sich nicht, und so erfuhr der junge Bursche bei dem zweiten Annäherungsversuch eine lachende, aber deutliche Abweisung.
Wenn sie die sämmtlichen Dorfbursche durchging, war und blieb es eben unser Michel allein, bei welchem ihr Herz sich regte. Zu ihm verspürte sie nachgerade einen Zug, über den sie sich selber wunderte. Sie hatte gesehen, daß es der ärgste »Lackel« sei im ganzen Dorf — unerfahren wie ein Kind, und so ungeschickt, daß er einen ordentlich dauerte. Aber der ungeschickte Kerl war ihr der interessanteste! Sie mußte immer wieder an ihn denken; sie fühlte einen Trieb zu überlegen, ob ihm nicht zu helfen sei, ob er nicht doch am Ende gescheidter sei als er aussehe, und ob ihm der Verstand nicht noch kommen könnte, wenn auch spät, u. s. w. — Wer in Herzensangelegenheiten erfahren ist, der weiß, was dieses Spiel der Gedanken für Folgen hat. Eben im Scheine solcher Vorstellungen entwickelt sich der Keim einer Neigung; die heitere Beschäftigung mit dem Bilde kommt dem Original zu Gute, und dieses ist zuletzt in der Lage, erndten zu können, wo es persönlich gar nicht gesät hat. Die Gret gewöhnte sich an die Vorstellung des Michel und an den Gedanken, daß er für sie bestimmt sei. Bald war sie mehr verstrickt, als sie selber ahnte; und während der gute Bursche glaubte, seine Sache sei verloren, stand sie just so gut als möglich.
Je mehr Ernst in die Neigung kommt, desto weniger läßt man dem Gegenstand etwas thun, desto weniger will man Scherz mit ihm treiben. Als die Gret bedachte, wie sie den Michel bei dem letzten Diskurs doch abgeführt hatte, fühlte sie Gewissensbisse und auch eine plötzliche Sorge, er könnte so bös geworden sein, daß er gar nichts mehr von ihr wissen wollte. Dies Letztere schien ihr bei näherer Betrachtung nicht gerade wahrscheinlich; aber doch nahm sie sich vor, bei nächster Gelegenheit sich nicht wieder vom Uebermuth hinreißen zu lassen, sondern mit seinem guten Willen vorlieb zu nehmen und ihm wohlmeinend unter die Arme zu greifen.
Eine Reihe von Tagen war vergangen und sie hatte den Burschen nicht wieder gesehen, außer von weitem. Daß er jetzt keinen neuen Versuch machte, mit ihr zu reden, begriff sie, und es war ihr lieb, daß sie sich in der ersten Zeit nach jenem Auftritt im Heckengang nicht zufällig begegneten. Der Aerger in Michel sollte erst verdampfen und der Liebe wieder Platz machen; dann wollte sie ihn so freundlich grüßen, daß er gewiß wieder Muth bekam und mit ihr ein erwünschtes Gespräch anfing. Sie hatte eine sehr angenehme Empfindung bei der Vorstellung, das er dann das rechte Wort finden könnte, sie ihm sagen müßte, wie's ihr um's Herz sei — und Alles zu gutem Ende käme.
Endlich führte sie der Zufall einander entgegen. Sie kam von der Wiese, er ging hinaus. Als das Mädchen seiner ansichtig wurde, erröthete sie etwas und sah lieblich heiter aus; sie wollte ihn grüßen so schön wie sie's nur konnte! Allein in ihm hatte der Anblick derjenigen, die ihn für'n Narren gehabt, schon den Unmuth wieder angeregt; und wie er nun gar ihr Vergnügen wahrnahm, das nach seiner Meinung nur Spott sein konnte, loderte ein ganz ehrlicher Zorn in ihm auf. Er machte ein Gesicht so »wild« als möglich; die Gret, bei dem Anblick etwas verhofft, sagte guten Tag lange nicht so schön wie sie sich's gedacht hatte — und der Gegrüßte ging vorüber, ohne zu danken. Ihrerseits verletzt, sah das Mädchen ihm nach und schüttelte den Kopf. »Also doch,« sagte sie einigermaßen verlegen und ging langsam weiter. Bald aber tröstete sie sich. »Er moent eba', d's erstmol muß er doch no' trutza'! 'S ist a Mensch ohne Manier! Aber er moet's doch net böas — ond d's nächstmol wurd er scho' danka'!« —
Bei der nächsten Begegnung schaute das Mädchen den Burschen erst erwartend an; ihre Wünsche hatten die Hoffnung schon so sehr wieder belebt, daß sie meinte, er könnte zuerst grüßen. Als er sich aber mit düsterm Gesicht näherte, ohne eine Miene zu verziehen, rief sie: »Godden Tag, Michel« in dem Ton einer Gekränkten, als ob sie hinzusetzen wollte: »Worom grüescht me denn net? Hab' e d'r denn ebbes do'?« Dieser Ton traf unsern Burschen; aber da er beschlossen hatte, trutzend an ihr vorüberzugehen, so war nicht von ihm zu verlangen, daß er in dem einzigen noch übrigen Moment diese Bestimmung änderte. Er führte demnach seinen ersten Gedanken aus, weil er einmal im Schuß war, und beleidigte nun freilich die wohlmeinende Gret in einer Weise, die ihrerseits einen Entschluß hervorrufen mußte. Sie schaute sich diesmal nicht um, sondern ging mit rötherem Gesicht weiter und murmelte für sich: »'S ist a Dommkopf ond bleibt oer! Mit deam ist nex a'zfanga'! No meit'weg! Vo' mir soll'r net weiter encommodiert weara'!« —
In Folge dieser niederdrückenden Erfahrung gerieth das gute Mädchen in einen Gemüthszustand, der ihr neu war, den sie aber eben darum sorgfältig geheim zu halten suchte. In die Heiterkeit ihres Innern war ein Schatten gefallen. Sie wurde leichter ärgerlich als früher, sie fühlte sich in andern Augenblicken weicher als sonst und eine Art von Trauer wandelte sie an, so daß sie ein Verlangen empfand, ihr Herz einer Kamerädin aufzuschließen. Allein das zu thun, schämte sie sich doch allzusehr; sie fühlte, daß es ihr nicht anstand, und schwieg. Auf sich selber beschränkt, gab sie sich stillen Erwägungen hin. Es begegnete ihr, daß sie überlegte, welcher von den übrigen Burschen wohl derjenige sei, der sich am besten für sie passen würde. Sie konnte sich für keinen entscheiden; aber indem sie sich vorstellte, wie einer »mit ihr ging«, erquickte sie sich an dem Gedanken, daß der Michel sich recht darüber ärgerte. Denn das wußte sie: ärgerlich war es ihm doch, wenn sie einen Andern hatte, so ein dummer und einfältiger »Stoffel« er auch war. —
In dieser Zeit kam ein junger Mensch in's Dorf zurück, der auswärts gearbeitet hatte. Es war der Sohn eines der zwei Schneider, die der Ort nährte — selbst Künstler mit der Nadel und das, was man auch auf dem Land, wenigstens im Ries, »a gallants Bürschle« nennt. Weder groß noch stark, sondern eher klein und schmächtig, war er doch gut gewachsen; und wenn sein helles, glattes Gesicht etwas zu mädchenartig ließ, so war das für gewisse Jungfrauen kein Grund, weniger davon zu halten. Bei viel natürlicher Gutmüthigkeit besaß er eine bedeutende Portion Selbstgefühl, das sich auf die Ansicht gründete, daß ihm an Feinheit, Geschicklichkeit und höherem Anstand keiner der gegenwärtigen Burschen des Dorfes gleich käme. Er hatte in der kleinen Stadt, in der er sich aufgehalten, allerlei Redensarten gemerkt, die er bei Gelegenheit zum Besten gab, sprach ein wenig »hochdeutsch,« wenn's drauf ankam, und hatte für sich eine Mischung von bäurischer und städtischer Kleidung erfunden, die seiner Erscheinung etwas besonders Nettes gab. Einmal war ihm der Gedanke gekommen, ob er nicht vielleicht zu etwas Höherem bestimmt sei und in der weiten Welt sein Glück suchen sollte. Aber sein Vater wurde alt, er hinterließ ihm ein Haus und Feldgüter, und in diesem Betracht schien es doch gerathen, auf sein ehrgeiziges Projekt zu verzichten und als Geselle des Alten die Zeit zu erwarten, wo er sich als Meister im Dorf setzen konnte.
Jakob — so hieß unser Schneider — war mit dem Maurer befreundet und kehrte bald nach seiner Ankunft bei ihm ein. Die stattliche Schönheit der Gret überraschte ihn und machte auf sein leicht erregbares Herz sogleich einen mächtigen Eindruck. Er nahm sich zusammen, setzte die Reden und sagte dem Bäschen Schmeicheleien, die ihr nach seiner Meinung unendlich wohlthun mußten. Die Gret lächelte, halb schelmisch, halb wirklich vergnügt, und nun kam sie ihm so reizend vor, daß eine Stimme in ihm rief: »Dieses Mädchen mußt du kriegen!« — Die Gret konnte ebenfalls hochdeutsch reden, wenn sie wollte, und es hatte bei ihr überhaupt Alles einen andern Furm (Form) als bei den Mädchen, die nie aus dem Dorf hinaus »geschmeckt« hatten: waren sie beide nicht recht eigentlich für einander geschaffen? — Freilich war sie fast einen halben Kopf größer wie er, und dieses Verhältniß hätte er umgekehrt lieber gehabt; allein im Grunde, schadete das was? Es gab Exempel, wo eine große Frau und ein etwas kleinerer Mann recht gut mit einander gehaust hatten. »Wenn sonst nichts fehlt,« dachte der gute Bursche, »das kann man sich gefallen lassen!« Und darin hatte er ganz Recht: wenn sonst nichts fehlte, dann stand es vortrefflich.
Vor der Hand fehlte indeß noch die Hauptsache: die Gret hatte von ihm keineswegs eine ähnliche Ansicht erlangt, wie er von ihr, und ihr war es gar nicht so vorgekommen, als ob sie für einander geschaffen wären! — Als ein kluges und natürliches Mädchen durchschaute sie den Burschen sogleich. Er war gutmüthig und eitel — so recht einer von denen, die eine Gescheidte am Narrenseil führen kann, ohne daß sie's merken. Ein »Männdle«, mit dem eine Lustige zu ihrer Unterhaltung spielt, von dem sie sich flattiren und Gefälligkeiten erweisen läßt und den sie dann ohne große Gewissensbisse nach Hause schickt, wenn sich ein Besserer meldet. Wie hätte die Gret vor so einem Respekt haben können? Wenn sie aber keinen Respekt haben konnte, dann konnte sie auch nicht lieben. — Das lag in ihrem Wesen und das merkte sie auch nachgerade selbst.
Unser Schneider hätte sich eher alles Andre einfallen lassen, als daß die Gret über ihn solche Gedanken hegte. Er hatte den besten Muth; denn Alles zusammengenommen, konnte so ein Mädchen nicht von Glück sagen, wenn sie ihn bekam? Er war eifrig, dieß lag in seiner Natur; aber er war eifrig mit Zuversicht. Zunächst kehrte er beim Vetter Maurer ein, so oft es anging, und wenn er der Gret einen Gefallen thun konnte, so ergriff er die Gelegenheit mit Begierde. Als sie in diesen Tagen einen neuen kattunenen Kittel zu haben wünschte, fertigte er denselben (denn er war Männer- und Frauenschneider) in kürzester Zeit und brachte darin eine sinnreiche Neuerung an, indem er behauptete, ein Mädchen, die in der Stadt gewesen sei, müsse sich feiner tragen als eine gewöhnliche Bauerntrutschel! Er brachte ihr von Hause Sträußchen mit und spitzte dabei seine Complimente so fein zu, daß er selber daran seine Freude hatte. Kurz er huldigte der Schönen auf eine Weise, der man ansehen mußte, daß er sie anderswo gelernt habe, als zu Hause bei seinem Vater.
Nach und nach fand die Gret doch Gefallen daran. Der Schneider hatte aber auch eine günstige Zeit getroffen. Die Spannung zwischen ihr und Michel dauerte fort. Bei einer dritten Begegnung hatte sie, wie natürlich, ihn nicht gegrüßt, und er war mit einem nur um so »wildern« Gesicht an ihr vorübergeschritten. Die Grobheit eines Menschen, dem sie vor Allen den Vorzug gegeben hätte, verdroß das Mädchen im Innersten ihres Herzens, und in diesem Zustande hatte die Höflichkeit des Schneiders etwas Wohlthuendes für sie. Sie brauchte einen Ersatz, der junge Vetter gewährte ihr ihn, und sie konnte sich nicht enthalten, ihn freundlich dafür anzusehen. Einmal, in weicherer Stimmung, dankte sie mit besonderer Wärme, und dem Blick, mit welchem sie die Worte begleitete, gab die Dankbarkeit der gerührten Seele einen Glanz und einen Schmelz, wie ihn der Schneider noch nicht gesehen. Jetzt konnte er sich nicht mehr täuschen; das schöne Bäschen gehörte ihm, sie hatte sich verrathen! Jetzt durfte er nur reden und die Sache war fertig! — Er redete zunächst doch nicht; vielleicht weil er des Sieges gewiß war, oder weil ihn der schelmische Genius, der sein Loos zu weben hatte, davon abhielt. Das konnte er sich aber nicht versagen, beim Abschied die Zuversicht seines Herzens mit wohlgefälliger Miene fein anzudeuten.
Die Gret sah ihm trübe lächelnd nach. »Du guts Bürschtle« rief sie für sich und zuckte die Achseln. — Ihre Gedanken nahmen den Lauf wieder zu dem Enakssohn. Nach einer Weile sagte sie: »Könnt' ietz der Michel net oh höflich sei' und dischgeriera' und flattiera' wie der Schneider? Mueß denn grad der, den e möcht', der gröbst und der dommst sei' em ganza' Doraf? 'Sist doch nex en der Welt, wies sei' soll!« —
Wenn sie in andern Momenten wieder dachte, Michel könnte sich am Ende doch bessern, so erfüllte dieser ihre Erwartung fürs erste nicht. Er trutzte weiter — er wollte in der That nichts mehr von ihr wissen; d. h. er wollte im Grunde immer noch gar viel von ihr wissen, aber er gab es nicht zu erkennen. Die Besuche des Schneiders und die Reden, die darüber im Dorf umzugehen anfingen, brachten in seinen Gedanken keine Aenderung hervor. Daß ein Mädchen wie die Gret so einen »Krampen« wie den Schneider möge, konnte er fürs erste nicht glauben. Wenn sie ihn aber mochte, wenn sie so einen »miserabeln Kerl« lieber haben könnte, als ihn, dann sollte sie ihn nur nehmen und zum Gespötte werden mit ihm! Unser Bursche hatte über die »Weibsbilder« schon soviel nachgedacht und vernommen, daß er wußte: sie seien eigentlich »d's Deufels« und auskennen werde sich so leicht keiner in ihnen. Als er sich aber vorstellte, daß die Gret sich wirklich dergestalt verirren und den Schneider nehmen könnte, wo doch Er, der Michel, zu haben war, da stieg ein Gefühl der Geringschätzung gegen ihren Verstand, ihren Charakter, ihre ganze Person in ihm auf, welche die Liebe für den Moment gänzlich überdeckte. »Wanns so komma dät, wanns dean lieber hätt' wie mih, nocht dät e me doch schäma', doß e nor a Menutt ebbes von 'r ghalta' hab!« — Es war ihm aber auch bei diesem Ausruf noch, als obs eigentlich doch nicht so sein könnte.
Unterdessen hatte die Ernte begonnen, und in dieser Zeit können es Leute, die in einem Dorfe, zumal in einer Gasse wohnen, nicht vermeiden, sich öfter zu sehen. Michel traf die Gret eines Tages mit dem Maurer, dieser grüßte, und unser Bursche konnte nicht so sehr die Lebensart außer Acht setzen, daß er nicht dankte. Wie er nun mit ehrbarem Ton »Godda'n Ohbed« sagte, benutzte das Mädchen die Gelegenheit, um mit etwas gedämpfter Stimme gleichfalls ein »Godda'n Ohbed« anzufügen. Was sie sich dabei gedacht, konnte zweifelhaft sein; gleichwohl empfand Michel diesmal bei dem Ton ihrer Stimme ein wohlthuendes Zucken in seinem Herzen, und es schien ihm unmöglich, daß dieses nachträgliche »Godda'n Ohbed« nicht etwas zu bedeuten habe, und zwar etwas Gutes. — Das nächstemal kam sie ihm allein entgegen. Sie grüßte nicht, weil sie jetzt eben von ihm gegrüßt zu werden hoffte. Als er aber wieder stumm blieb, sah sie ihn von der Seite mit einem Blick an, der auch einen Härtern, wie er war, in die Seele hätte treffen müssen. Dieser Blick sagte: »O du dommer Kerl, willst du a Mädle net grüeßa', die so viel auf de hält?« — Michel konnte sich der Wirkung dieses Blickes nicht entziehen. Als er einige Schritte weiter gegangen war, sagte er ernsthaft zu sich: »Ietz isch m'r doch so fürkomma'n, als ob — — am End hot doch der Kapper Rehcht!«
Denselben Abend noch suchte er den Kameraden auf und machte ihn mit seiner Erfahrung und seiner Vermuthung bekannt. Wie Kasper ihn auf solchem Wege sah, rief er: »No, was hab' e denn g'sakt? Die Great hot dih em Kopf, des hab' e scho' lahng gwißt; aber du loscht (lässest) ja net mit d'r reda'!« — »No no,« erwiederte Michel begütigend; und nach einem Moment des Nachdenkens setzte er hinzu: »Du moest also, i hätt' Hoffneng — 's ist dei' Earnst?« — »Freile isch mei' Earnst,« entgegnete Kasper. »Wer ka' doh no zweifla'! — Aber ietz mach amol 'n Fried mit dei'm oefältenga' Trutza' doh und dua', was se für a rechts Mannsbild g'höart!« — Michel stand mit tiefsinnigem Gesicht da. »Wann's d'Glegenheit git (gibt),« erwiederte er endlich, »will e seha'!«
Dieser abendliche Diskurs fand gegen Ende der Woche statt. Nachdem am Samstag noch ein tüchtiges Gewitter sich entladen und die Luft abgekühlt hatte, kam ein schöner und nicht allzuheißer Sonntag. Das Wintergetreide war größtentheils zu Hause, die Gerste der Sichel entgegengereift, und da sich die Ernte so gut angelassen, glaubte man, sie werde auch gut zu Ende gehen. In solchem Vertrauen entwickelt sich in der Seele des Bauers ein gründliches Behagen und er fühlt das Bedürfniß, sich ein Plaisir zu machen.
Heute stellte sich bei Michel nach dem Essen der Kamerad ein und machte den Vorschlag, »zum braunen Bier zu gehen.« Zu den Eigenheiten unsres Burschen gehörte es, auch dann, wenn er etwas zu thun geneigt war, sich nöthigen zu lassen. Er sah dermalen den Andern mit einer Miene an, die weit entfernt war, Beistimmung auszudrücken. Die eben anwesende Mutter rief indeß: »Gang mit! Kommst doch oh widder amol aus'm Doraf naus ond unter d'Leut!« — »Ha'et wurd's vohl (voll),« bemerkte Kasper. »D's Bier soll gar fei'dle guet sei' ond d's Wäder ist schöa'!« — »Wer woeß,« sagte er lächelnd zu Michel, »ob d'net ha'et oena sikscht, die d'r gfällt!« — Die Mutter zuckte die Achseln und entgegnete für Michel: »Gang weiter! Deam gfällt oena'! Dia' Hoffneng hab e lang aufgeba'!« — Sie verließ die Stube. — Kasper machte ein pfiffiges Gesicht und sagte zu Michel: »Die merkt no' nex!« — Auch unser Bursche verrieth auf seinem Gesicht einige Schlauheit; dann aber erwiederte er: »Sie soll oh nex merka', bis d'Sach klor ist!« Und mit einem bedeutungsvollen Wink setzte er hinzu: »Woescht no', was e d'r g'sakt hab?« — »Ja wohl,« entgegnete Kasper mit Lachen. »Aber ietz mach!«
»Zum braunen Bier gehen«, hieß auf den Dörfern in der Nähe von Wallerstein so viel als: auf den Keller der fürstlichen Brauerei gehen. Diese Bezeichnung datirt ohne Zweifel aus einer Zeit, wo in jenen Dörfern ausschließlich weißes Bier gesotten und das braune (das in Norddeutschland s. g. bayrische) zunächst nur von der »Herrschaftsbräu« geliefert wurde. In den Jahren, in denen unsre Geschichte spielt, verdiente aber das hier producirte Getränk die Auszeichnung einer solchen Benennung immer noch durch seine Güte, wie es denn auch jetzt noch unter den Bieren des Rieses einen ehrenvollen Rang behauptet.
Die Kameraden legten die mäßige Strecke von ihrem Dorf nach Wallerstein in gemüthlichem Diskurse zurück. Die Zahl der »Schöber,« die sie schon eingeführt hatten und die sie noch zu bekommen hofften, der Stand des Sommerkorns und die Hoffnungen des Brachfeldes bildeten den Hauptinhalt ihrer Ansprache. Im Markt angekommen, schlugen sie den nächsten Weg zu der Anhöhe ein, auf welcher die fürstliche Brauerei liegt und nebst den ausgedehnten Oekonomiegebäuden den grauen Felsen, der das alte Schloß getragen, kranzartig umschließt. Sie fanden noch Platz auf einer der Bänke vor der Brauerei, ließen sich jeder eine Maaß geben, würdigten den schäumenden Trank, der aus dem gepichten Bauche der hölzernen »Bitsch« in ihre Kehlen floß, mit tiefem Zuge und theilten bald, schmauchend und nach entsprechenden Intervallen die Zungen befeuchtend, das Vergnügen der zechenden Versammlung.
Kasper hatte Recht gehabt. Das in dem Felsenkeller gelagerte Bier war heute ganz besonders wohlschmeckend und der Trinkplatz, der die Aussicht in den nordöstlichen Theil des Rieses darbot, vollständig besetzt. Wallersteiner Herren — fürstliche Beamte und Bürger — etwelche Nördlinger, »kadollische« und »luttrische« Bauern saßen größtentheils standesmäßig vereinigt, hie und da aber auch zufällig gemischt um die hölzernen Tische, die heute für die »Herrn« durch einige hübschere aus der Zechstube vermehrt waren. Das schöne Geschlecht war nicht zahlreich vertreten; doch sah man außer der französischen auch noch katholische und protestantische Rieser Tracht nicht ganz unwürdigen Inhalt umschließend. Alles war vergnügt. Die Hauptsache war unerschöpflich vorhanden, und wer Appetit nach etwas Eßbarem hatte, für den war nicht nur durch die Wirthschaft, sondern auch durch Wallersteiner Buben gesorgt, die Rettiche und »Würst' siedhoeße« ausriefen und die letztern auch dann noch mit dem lockenden Prädikat schmückten, wenn sie schon zwei Stunden hin und hergetragen waren.
Unsre Kameraden tranken sich nach und nach in jenen angenehmen Dusel hinein, in welchem die jetzigen Sterblichen eine Ahnung von dem Gefühl erhalten, durch das die Menschen des goldenen Zeitalters beglückt worden sein mögen. Michel hatte einen Blick auf das Dorf Birkhausen und auf das Fasanenwäldchen geworfen, das ihm so hübsch gegenüber lag; er hatte die Gäste gemustert und nach flüchtiger Betrachtung der anwesenden Bauernmädchen die Ueberzeugung gewonnen, daß Kasper in dieser Beziehung nicht gut prophezeiht habe! Jetzt ließ er die Augen ruhen und verharrte im Gegensatz zu dem Kameraden, der sich von Zeit zu Zeit umsah, in unveränderter Stellung, sichtlich in Nachdenken versinkend. Ohne aufzusehen, murmelte er endlich: »Wann e's nor gwihß wihßt'!« — Kasper sah ihn an und sagte lächelnd: »Bist scho' widder doh mit deina' Gedanka'?« — »Hol's der Deufel,« rief Michel, »i ka' net dervo' loaskomma'! Wann's ietz doch nex wär'? Wann's doch da' Schneider lieber hätt'? Gestert ist der Kerl a'mer verbeiganga', als ob's scho' sei' wär'! I hätt 'm glei oena' stecka' könna', so hoaffärteng hot 'r ausgseha', der Grippel!« — »Da' Schneider, glob' e, host net z'färchta',« erwiederte Kasper. — »I sott's oh net moena,« sagte Michel; und mit großartiger Verachtung setzte er hinzu: »So a Krack — so a Stump von 'm Menscha'! — net gröaßer als a Säustallthürle! I schmieß 'n über a Haus nüber, wann's sei' müeßt'! — 'S ka' net sei'!« — »Sie müeßt se ja schäma', wann's mit 'm geang (ginge),« setzte Kasper hinzu. »D'Leut dätet lacha 'n über so a Baar!« — »'S ist wohr,« sagte Michel. »Aber auf der andera' Seit; reda' ka'n er, schwätza' ka'n er, ond d'Mädla' send Mädla'. Wer'n (ihnen) flattirt, der hot scho' halb gwonna'.« — »Des ist freile oh widder wohr,« bemerkte Kasper. »Ond a'n Ohs ist der Schneider! Allweil woeß er ebbes Nuis. Ond manch's Mädle hot scho' so'n Kerl gnomma', weil's geara' d'Hosa'n a'ghett hätt! Vielleicht daß d'Great« — — Aber eine solche Zustimmung war es nicht, was unser Bursche jetzt wünschte. Seine Züge hatten sich verdüstert und unmuthig fiel er ein: »Schwätz net so domm! I glob's mei' Lebteng net! A Mädle wie d'Great will'n rechta' Ma'! Ond i woeß net, was grad do' (gethan) hot, daß d' so elend von 'r denkst!« — Kasper schwieg. Er wußte wohl, daß er nichts profitirte, wenn er nachwies, daß er nur Michels eigne Meinung wiederholt hatte! — Der Gewaltige ertränkte den unliebsamen Gedanken durch einen tüchtigen Zug aus der Bitsch und beide sahen stumm vor sich hin. Auf einmal erhellte sich das Gesicht Kaspers — man hätte sagen mögen schadenfroh — und Michel rief: »Aber kommt denn doh net — hol me der Deufel, sie send's!«
Sie waren's in der That, nämlich die Gret und ihr Vater. Sie kamen von der Westseite, denn sie waren auf Besuch bei der Schwester gewesen, die in dem nächsten württembergischen Dorfe verheirathet war, und fanden sich darum auch erst zu einer Zeit ein, wo der Nachmittag in den Abend überging. Als sie den Kameraden sich näherten, rief Kasper: »Godda'n Ohbed, Maurer!« und hielt ihm die Bitsch entgegen. Man wechselte Grüße und der Maurer that Bescheid. »Doh ist no' Plahtz,« sagte Kasper auf die Bank deutend. Der Maurer besorgte sich auch eine Bitsch, und man setzte sich zusammen.
Michel war überrascht gewesen und hatte die mit langsamen Schritten herbeikommende Gret sonderbar angestarrt. Sie war eben wieder sehr schön in ihrem Sonntagsstaat und namentlich in einem neuen seidnen, prächtig glänzenden Halstuch feinster Qualität! Der Gang in der Sonne hatte ihr Gesicht höher gefärbt, und ein guter Beobachter hätte bemerken können, daß ihre Augen, sobald Michel sich ihnen darbot, durch ein reizendes Funkeln belebt wurden. — Zu anderer Zeit hätte sich der erste Eindruck in dem Burschen vielleicht länger erhalten und eine verhängnißvolle Confusion der Gedanken zur Folge gehabt; allein zwei Maaß Lagerbier trinkt man nicht ohne Wirkung! Michel saß bald mit ruhiger Würde neben dem Maurer und nahm gemüthlich an dem Gespräche Theil, das sich entspann.
Kasper hatte gefragt, wo sie herkämen — nicht um es erst zu erfahren, sondern um vor ihnen und Michel zu verbergen, daß er es schon wußte. Nach der Antwort des Alten fragte Michel, wie's den Eheleuten ginge und wie der jungen Frau die Haushaltung anschlüge! Hierauf gab die Gret erfreulichen Bescheid: sie kämen gut fort und hausten recht gut zusammen. Anknüpfend an dieses gute Zusammenhausen nahm der Diskurs eine heitere Wendung. Kasper ging voran, und Michel bewies, daß er auch einen Spaß machen konnte, wenn's drauf ankam. In dem Behagen, das er empfand, war es ihm geradezu unbegreiflich, wie ihm vor der Gret jemals das Reden hatte schwer werden können! Beim Teufel! Heut konnte er schwätzen mit ihr wie mit seiner Mutter! Fragen — Antwort geben — Alles dünkte ihn ein Spaß! — was war das doch für ein Unsinn früher? — Der Umstand, daß er sich endlich in der Stimmung fühlte, nach der er getrachtet hatte und die er allein seiner würdig hielt, erfüllte ihn jetzt mit einem gewissen Stolz und einer eigenthümlichen Sicherheit. Die Gret war auch so vergnügt, daß ein Blinder hätte sehen müssen, wie sie sich freute, bei ihm zu sitzen! Die Furcht, als könnte sie den Schneider gern haben, war eine Dummheit, die größte, die ihm jemals vorgekommen! Den Schneider! So ein Mädchen! — Nein! Er — er selbst war der Glückliche! — Das war klar, daran konnte nur ein Narr zweifeln! — — Aber heute wollte er auch sein Wort anbringen! heut auf dem Heimweg wollte er sich an sie machen, Alles frisch weg heraussagen — das stand fest — und — auf den Herbst sollte die Hochzeit sein! —
Unterdessen hatte man das Bier nicht warm werden lassen. Auch die Gret, die sich durstig gelaufen, that aus der Bitsch, wo man's nicht sah, etwas bessere Züge, als sie's aus einem Glase gewagt hätte. Sie war in der That von ganzer Seele vergnügt. Michel in seiner Unbefangenheit, seiner guten Laune, gefiel ihr ausnehmend. Er war schöner als er ihr sonst vorgekommen, und offenbar auch viel gescheidter! Die Neigung, die sie immer für ihn gehegt hatte, steigerte sich diesen Abend zu dem ernstlichsten Wohlgefallen, und sie empfand das lebhafteste Verlangen, ihn endlich zur Erklärung zu bringen. Daß sie ihm gleichfalls heute nicht weniger gefiel, als früher, davon erlangte sie gewisse Ueberzeugung, und in der Hoffnung, einen solchen Prachtburschen zum Mann zu bekommen, wuchs ihr Vergnügen zu einer Art von Uebermuth. Sie neckte den Glücklichen von wegen weil er auf die Mädchen nichts gebe, was ein Unglück und eine schlechte Ehre sei für alle. Michel erwiederte: auf ihn käme nichts an, da gebe es andere, z. B. den jungen Schneider, der in der Fremd' gewesen sei und draußen Dinge gelernt habe, wo sie im Dorf nichts davon wüßten. Das wäre ein Kerl, der könne den Mädchen sagen, was sie gern hörten! Worauf die Gret versetzte: Der Schneider sei allerdings »a gallants Bürschtle,« an dem könnte sich mancher ein Exempel nehmen; aber es gebe eben so vornehme Bursche, die der Meinung seien, für sie wäre keine gut genug etc. etc. — Diesem kleinen Gefecht hörte Kasper mit Vergnügen zu, weil er seinen Plan dem Gelingen zureifen sah; der Maurer ergötzte sich daran, ohne den Ernst hinter dem Spaß gewahr zu werden. Zuletzt, nachdem sie einen Moment vor sich hingesehen, sagte das Mädchen: »Wie wär's, wammer (wenn wir) auf da' Felsa' naufgeanget, so lang d'Sonn no' schei't? Mir isch, als ob's ha'et bsonders schöa' sei' müeßt do droba'!« — Der Maurer wand ein, es möchte doch zu spät sein; sie müßten heim. Allein die Gret bat, die Kameraden traten dem Vorschlag bei und der Alte fügte sich.
Der nächste Weg vom Keller zum Felsen geht hinter dem Brauhause vorbei. Man gelangt, wenn man eine Treppe emporsteigt, auf einen grasigen Platz, der meist eben um den Felsen herumläuft — ehemals der innerste Hof des Schlosses.[4] Als unsre kleine Gesellschaft auf ihm der südwestlichen Seite zuging, neigte sich die Sonne schon den fernen Anhöhen zu. Vom Keller an hatte sich Michel zu dem Maurer gesellt. Wir wissen, daß er den Entschluß gefaßt, seine Wünsche auf dem Heimweg anzubringen; er folgte daher um so eher einem instinktmäßigen Trieb, nach der geschehenen Annäherung sich wieder ein Bischen zurückzuziehen, die Gret dem Kasper zu überlassen und zur Hauptaction neue Kräfte zu sammeln. Das war aber nicht die Rechnung des Mädchens, die das Besteigen des Felsen eben vorgeschlagen hatte, um dem Michel zu weiterer Annäherung Gelegenheit zu bieten, in der Hoffnung, einen Moment herbeiführen zu können, wo ihm, der einmal im Zuge war, das Schloß vom Munde fallen sollte. Wie sie nun, am Felsen angekommen, ihn ernsthaft mit dem Vater diskuriren und zurückbleiben sah, warf sie einen Blick des Bedauerns auf den Liebhaber, der die gute Gelegenheit versäumte, mit ihr aufzusteigen und ihr allenfalls dabei zu helfen. Damals war der Weg (er befindet sich auf der Südwestseite) noch nicht so bequem wie jetzt, wo neue Treppen in den Felsen gehauen sind. Kasper, der mit der Gret hinan stieg, kam einmal im den Fall, ihr die Hand reichen zu müssen, um sie einige Schritte zu führen; und es ist zu vermuthen, daß sich diese Nothwendigkeit für Michel öfter ergeben hätte. »'S ist doch a'n o'gschickter Mensch«, sagte sie sich. Aber ein Gedanke beruhigte sie wieder: »Vielleicht will er se bei mei'm Vader wohl dra' macha', des ghöart oh zor Sach, obwohl der nex dagega' haba' wurd — o conträr!« —
Alle waren endlich auf dem Gipfel angekommen. Man ging hin und her und schaute. »Ei wie schön!« rief die Gret und hing mit freudigem Blick an der Landschaft. »Du host Rehcht,« setzte der Maurer hinzu. »'S ist wärle der Müh wearth gwesa', daß mer (wir) raufganga' sind.«
Der Bauer ist kein schwärmerischer Bewunderer der schönen Natur. Zunächst weil er überhaupt nicht so leicht schwärmt; dann aber weil er gewissermaßen selber zur Natur, zur Landschaft gehört und mit ihr auf zu vertrautem Fuße lebt, um über ihre Erscheinungen außer sich zu kommen. Ein recht schöner Anblick verfehlt aber auch auf ihn seine Wirkung nicht; er freut sich darüber herzlich und kindlich — und das Ries im Schein der Abendsonne ist ein Bild, dessen Reiz auch die substantiellere Natur eines eingebornen Dorfbewohners zu ergreifen vermag.
Die Luft war klar, auf der nordwestlichen Seite kein Wölkchen am Himmel. Die gelben oder noch grünlichen Getreidefelder — die schon »geschnittenen« Aecker, zum Theil noch mit »Sammelten« bedeckt — die lichtgrünen Wiesen, die Brachfelder mit verschiedenen Abstufungen von hellerem und dunklerem Grün — die zahlreichen Orte in der Nähe und in der Ferne — Alles das stand vor den Augen in deutlichen Umrissen und durch den zarten sommerlichen Duft gleichwohl zu einem schönen landschaftlichen Ganzen verbunden. Unter ihnen lag der Markt Wallerstein mit den beiden fürstlichen Schlössern und den Parkanlagen; am nordwestlichen Horizont ragte das hochgelegene Schloß Baldern über Hügel ins Ries herein; nach Westen zu erhob sich das ehemalige Lanenkloster Kirchheim auf mäßiger Höhe, und weiterhin stieg der Langenberg und der Nipf bei Bopfingen empor. Eine halbe Meile entfernt, gegen die südlichen Hügel hin, war die Stadt Nördlingen gelagert mit ihren vielen ansehnlichen Gebäuden, Zwingern, Gärten und Alleen — und rechts und links wohlhäbige Dörfer über die Ebene hingesät. Die Ruine Hochhaus schimmerte aus Wäldern hervor; auf den südöstlichen Höhen prangten das Schloß Reimlingen und die ehemalige Benedictiner-Abtei Deggingen, weiter nach Osten die Schlösser Harburg und Lierheim und die Reste von Allerheim. Kehrte man sich nach der nördlichen und nordöstlichen Seite, so erblickte man die stattliche Kirche von Zipplingen, das Kloster Maihingen und den langen Hesselberg — die Schlösser Hochaltingen und Spielberg, den uralten Thurm von Hohentrüdingen, die Städte Oettingen und Wemdingen. Die nordwestlichen Anhöhen standen in grünlichem Duft, unter der Sonne golden überhaucht; die südwestlichen erquickten das Auge mit wenig gedämpftem Waldesgrün; die entfernteren südlichen und östlichen glänzten in wundervollem Blau, hie und da von helleren Partien der Getreidefelder durchzogen. Eben die Anhöhen, welche die Ebene rings umgeben, erwecken in dem Eingebornen das Gefühl, daß er in einem Paradiese lebt — in dem landschaftlich eingeschlossenen und abgeschlossenen, fruchtreichen, schönen Ries!
Unsere Leute genossen das Malerische des Anblicks auf ihre Weise, in großen Linien, und verwendeten deshalb weniger Zeit darauf als wir auf die Beschreibung. Sie gingen zu einer sachlichen Unterhaltung — zur Hervorhebung einzelner Gegenstände über. Sie zeigten sich Orte, die das Merkwürdige hatten, daß darin Freunde von ihnen hausten; sie machten Anhöhen namhaft, die sich dadurch auszeichneten, daß sie von ihnen schon bestiegen worden waren. Die Gret deutete das Haus ihrer Schwester an, welches leider von einem großen Bauernhaus verdeckt sei; und zuletzt concentrirte sich die Aufmerksamkeit auf dem interessantesten Dorf — auf dem eigenen. Man zeigte sich seine Häuser, Wiesen und Aecker, und Anblick und Besprechung dieser traulichen Objekte versetzten die Landleute wieder in eine muntere und fröhliche Stimmung.
Michel hatte sich hie und da an die Seite der Gret gestellt, allein nach seinem Plane sich nicht mehr mit ihr abgegeben, als mit den Andern, obwohl der Kamerad den Maurer ein paarmal abseits geführt hatte, ihm Gelegenheit zu verschaffen. Die Gret, dadurch gereizt und in der erhöhten Laune des Tages, beschloß ihm einen Schreck einzujagen und — ihm entgegen zu kommen. Als die Andern in die östlich gelegene Spalte hinabgestiegen waren und Michel schweigend neben ihr stand, that sie einen Schritt gegen den Rand des Gipfels, von dem es hier schroff abwärts ging, zuckte und »grillte« (kreischte), daß es eine Art hatte. Michel erschrak in der That und versäumte, rasch zuzugreifen; als er sah, daß sie selber feststand, hielt er es nicht mehr für nöthig und schaute sie beruhigt an. Die Gret verzog den Mund. »Du bist a schöaner Nochber,« sagte sie; »du ließest me nonterfalla' ond sächtest (sähest) ganz ruheng zua'!« — Der Ehrliche war etwas beschämt, weil er selbst fühlte, daß er zu langsam gewesen; aber eben darum wollte er den Vorwurf zurückweisen. »No, no,« erwiederte er, »du host de ja selber ghalta'. — I hab' eba' denkt, du wurscht Versta'd gmuag haba' ond net z'weit nausganga!« — Für einen Liebhaber keine galante Rede! Die Actien des Burschen, insbesondere seiner Gescheidtheit, sanken wieder, und das Mädchen, etwas empfindlich geworden, suchte die Andern auf.
Die Sonne zerschmolz eben am Horizont — der Alte mahnte zum Aufbruch. Die Gret, um den Michel für sein Ungeschick zu strafen, ging zuerst hinunter und that, als ob er gar nicht mehr da wäre. Natürlicherweise fühlte nun er, dem es doch schwante, daß er sie »geärgert« habe, einen Trieb, ihr nachzugehen und sie wieder gut zu machen. Nachdem sie alle auf dem schon thauigen Rasen angekommen waren, führte Kasper, der des Kameraden Absicht merkte, den Alten im Gespräch links um den Felsen. Unser Paar sah sich allein. Der Bursche sagte ihr etwas Schönes wegen der Geschwindigkeit, womit sie den Felsen herabgestiegen war. Sie, noch ein wenig schmollend, aber seines guten Willens halber schon wieder auf dem Weg zur Güte, entgegnete: »Ja, a bisle gschwender ben e freile als du! Bei dir hoeßt's eba': komm' e ha'et net, komm' e morga'. I sorg', du wurscht überal z'spät komma'!« — »Oho,« erwiederte Michel und lächelte, denn das Gesicht, womit ihm dieser Vorwurf gemacht worden, hatte nichts Beleidigendes. Das Mädchen sah ihn an — und nochmal fühlte sie eine Regung, für ihn etwas zu thun. Sie sagte: »Globsch (glaubst du), du ka'st me net fanga', wann e spreng (springe, laufe)?« — »Ih dih?« versetzte Michel und konnte nicht umhin, über so eine Behauptung die Achseln zu zucken. — »Ja, du mih,« erwiederte die Gret mit Nachdruck. Das hieß den Michel bei der Ehre angreifen; und im Gefühl seiner langen Beine rief er mit stolzer Sicherheit: »Loß de net auslacha'!« — »Ja,« sagte das Mädchen, »pranga' ka'n a'n ieder; aber i glob's net!« — »Du bist net gscheidt!« entgegnete Michel. »No, so zoeg's,« fuhr die Gret fort, »ond fang me, wann d' ka'st!« — Sie faßte ihren Rock auf beiden Seiten, hob ihn ein wenig in die Höhe, um den Beinen mehr Freiheit zu gewähren, und lief — aber nicht links, den Andern nach, sondern rechts um den Felsen, einer Grube zu, die sich auf der nördlichen Seite des Felsens befindet. Michel, so herausgefordert, hatte sich bereit gemacht; er ließ ihr einen Vorsprung, dann fing er an auszugreifen, daß er sie schon im Eingang der Grube erreichte. Aber der Triumph, sie nun zu fassen und zu halten, war ihm ein viel zu geringer — er lief einige Schritte über sie hinaus, bis sie schnaufend zurückblieb, drehte sich um und rief siegesfreudig: »No, was hab e gsakt? Ka'n e's oder ka'n e's net?« — Die Gret sah ihn mit einem fast wehmüthigen Blick an, und mit dem Doppelsinn, den ihr die Situation aufdrängte, versetzte sie: »Ja, ja, i hab' me g'irrt en dir — ond mueß me schäma'!« — Michel, weit entfernt zu begreifen, trat näher und sagte mit dem Tone wohlwollender Ueberlegenheit: »No, no, z'schäma brauchst de grad net, wann ih über de nausloff!«
Der absolute Mangel an Verständniß machte die Gret lächeln und die grundehrliche Meinung des Burschen versöhnte sie wieder. In der Grube war es schon dämmerig; der Spaziergang, auf den sie so viele Hoffnung gesetzt, nahte sich seinem Ende, und daß die beiden Burschen mit ihr heimgehen würden, konnte sie nicht als gewiß annehmen. Wer wird es ihr nun verdenken, wenn sie bei der Redlichkeit ihrer Absichten die Gelegenheit ergriff, mit dem Burschen noch einen Versuch zu machen? Am Ende — sie that damit ihre Schuldigkeit, und wenn gleichwohl an ihm nichts half, so brauchte sie sich wenigstens keinen Vorwurf zu machen.
Sie hatte gemerkt, daß sie beim Laufen die Glufe, womit das Halstuch des Rieser Bauernmädchens auf dem Rücken angeheftet wird, um daselbst ein regelrechtes Dreieck zu bilden — verloren und ihr schönes seidenes Halstuch sich verschoben hatte. Indem sie eine Glufe von der Brust auszog, wo sie minder nöthig war, sagte sie zu Michel: »Ietz muß e de no' om a Gfälligkeit bitta'! I spür, daß mei' Gluf rausgfalla'n ist aus mei'm Halstuch, ond's wär mer lieb, wann d' mers widder nei'stecka' möchtst, vor mer zrückgont (zurückgehen).« Während sie dieses sagte, hatte die Phantasie ihr vorgezaubert, was ihr Herz wünschte. Michel fand während dieser Beschäftigung den Muth der Liebe, folgte ihm freudig und hielt jene Anrede an sie, die wenn auch noch so kurz, doch vom Munde des Mannes gehen muß, um von dem Mädchen bejaht den Bund der Herzen thatsächlich zu knüpfen.
In diese Seelenmusik ertönte plötzlich die Antwort des wirklichen Michel: »I will's versuacha'! Muß d'r aber scho' saga', daß e mit deana (diesen) Sacha' net recht omganga' ka'!« — wodurch die Gret belehrt wurde, daß es noch nicht an dem sei. Der Bursche nahm die Gluf und stellte sich hinter sie; er wollte ihr nun auch wirklich gefällig sein und genau thun, was sie haben wollte. Als er anfing, das Halstuch zurechtzurücken, wurde ihm doch sehr curios. Sein Herz fing an zu schlagen, vor seinen Augen begann es zu schwimmen; er fühlte ein außerordentliches Verlangen, just das zu thun, was sie wünschte und ihr Phantasiebild wortwörtlich zu erfüllen. Allein zu rechter Zeit noch mahnte ihn die Pflicht und sein Vorsatz. Ihr die Gluf anzustecken, das hatte sie verlangt, darum war es ihr zu thun, und darin mußte er ihr zu Willen sein. In der Verwirrung seiner Lebensgeister zog er das Tuch rechts und links, ohne ihm die gehörige Lage geben zu können. Die Gret rief: »Daß 's fei' recht en d' Mitt nei' kommt!« Denn grad in der Mitte des Rückens muß die Spitze befestigt werden, wenn das schöne Dreieck herauskommen soll. Dieser Zuruf des offenbar etwas ungeduldigen Mädchens traf den Burschen. Das Tuch hing eben zu weit rechts. In seiner Confusion that er instinktmäßig einen Riß gegen die Mitte, wobei er die Kraft seiner Finger nicht erwog, und — ein Fetzen des Halstuchs blieb in seiner Hand.
Nun riß aber auch die Geduld der guten Margret! Nachdem sie so weit gegangen — nachdem sie ihm auf eine Art entgegen gekommen war, daß der Einfältigste hätte begreifen müssen — ihr, anstatt ihren Wunsch zu erfüllen und ihr um den Hals zu fallen, das schöne neue Halstuch zu zerreißen — das war denn doch in Wahrheit »dümmer, als verlobbt ist.« So einen Menschen zum Mann zu kriegen, ist am End auch kein großes Glück, und — — sie hatte sich umgedreht, sah den Fetzen in seiner Hand, sah das Gesicht halb verlegen, halb lächelnd gegen sie gewendet, und rief erzürnt: »Du bist aber doch o'gschickter als der Deufel! So a Mannsbild! Gang nor glei (gleich) morga' zom Schulmoester ond loß d'r dei' Schuelgeld widder rausgeba'; denn des ist net verdeat (verdient) woara!« — Das war auch nicht höflich, und so etwas hatte Michel noch nie gehört. Er wurde seinerseits ärgerlich und entgegnete: »I hab d'r ja gsakt, daß e mit deam Zuig (Zeug) net omganga ka' — w'rom trägst mer's auf?« Und mit stolzem Selbstgefühl setzte er hinzu: »I hab ebbes anderst's z'doa' en der Welt, als da' Mädla' d'Halstüacher na'zmacha!« — Die Gret sah ihn achselzuckend an und sagte: »Ja, des glob' e!« — Der Bursche fühlte einen Drang, sich von jedem Vorwurf rein zu waschen; deswegen, den Fetzen emporhaltend, bemerkte er: »Des Tuech doh, nemm mers net übel, ist aber oh nex nutz gwesa'! 'S ist eba' widder so a nuimodischer Lompazuig (Lumpenzeug), so dent (dünn) wie Spennawett (Spinnweb)! Mei'r Mueter ihr Halstuch wär' m'r net in der Ha'd blieba'.« —
Das Mädchen wußte nicht, sollte sie lachen oder weinen. Sie hielt an sich und erwiederte: »Du host natürlich Rehcht! Ma' woeß ja, doß d'r Gscheidtst bist en der ganza' Gmoed (Gemeinde). — So, ietz ka'n e mit 'm verrissenga' Halstuech hoemganga'!« — Michel, der einmal in den Schuß der Dummheit gekommen war, verstand die letzte Rede wieder falsch. Er trat mit ritterlicher Intention einen Schritt näher und sagte tröstend: »Doh brauchst de net z'kränka'! — ih ka' d'r scho' a nuis kohfa!« — Das gab ihm bei dem Mädchen den Rest. Wahrhaft beleidigt, riß sie ihm den Fetzen aus der Hand und rief; »So viel Geld hab' e no' übreng, um m'r a nuis Halstuch z'kohfa! I brauch nex von dir, du oefältenger Mensch!« — Sie wandte sich rasch ab und ging fort.
Michel stand verdutzt. Er hatte eine dumpfe Ahnung, daß er doch nicht ganz richtig gehandelt haben könnte. Ein Aerger erhob sich in seiner Brust — über sein Unglück, über die Hitze der Gret, über das Mißgeschick, das ihn überall verfolgte. Indem er nachdenken wollte, fühlte er, daß ihm heute auch das Denken nicht mehr geriethe. Er spürte eine ziemliche Mattigkeit in seinen Gliedern, setzte sich auf ein Felsstück und überließ sich der formlosen Bewegung seiner unmuthvollen Seele. Endlich erhob er sich rasch und trat den Rückweg an; er wollte doch sehen, wie's stehe und was zu thun sei!
Als er an seinen Tisch trat, waren der Maurer und die Gret schon fort; Kaspar erwartete ihn, unwissend, was er denken sollte, und höchst neugierig was denn passirt sei. Die Gret sei zurückgekommen, sehr ernsthaft und ärgerlich, und habe erzählt: sie hätte ihren Fürwitz gebüßt, sie wäre in einer Grub am Felsen hingegangen und ein spitziger Stein hätte ihr das Halstuch zerrissen. Er, Kasper, habe nicht begreifen können, wie das zugegangen sei, und nach ihm, dem Michel, gefragt; worauf sie zur Antwort gegeben, sie wisse nicht wo er hingelaufen sei. Dann habe sie an ihrem Vater getrieben, sie müßten nach Hause, sie habe noch etwas herzurichten auf morgen früh — und der Maurer sei mit ihr fortgegangen. »Was hot's denn geba'?« rief der gute Bursche zuletzt mit dem Antheil eines Freundes, der das Seine gethan. »Send'r (seid ihr) oeneng woara'n oder« — »Jo«, rief Michel mit dem Humor der Verzweiflung, »oeneng! — Aus isch!« — Kaspar fuhr empor. »Was! — aus?« — »Aus«, erwiederte Michel, »wie'n e der sag!« — »Aber wie hot's denn ganga'? So verzähl m'r doch!«
Unser Bursche war gedrückt von dem Unstern, den er gehabt, von dem Unwillen, der in seiner Seele emporschwoll — er mußte sein Herz erleichtern, und er wollte dem treuen Kameraden Alles vertrauen. Wie er erzählte, daß er in der Grube über die Gret hinausgelaufen sei, machte Kaspar Bewegungen, als ob er das Gliederreißen hätte. »Nausgloffa?« wiederholte er mit unwilligem Staunen; und den Zorn des Gewaltigen riskirend, setzte er entrüstet hinzu: »O du dommer Kerl! Host denn net gseha', wos die gwöllt hot?« — »No, was denn?« fragte Michel. Und Kaspar fuhr fort: »Fanga' hättsch (hättest du sie) solla' — ond d's Maul hättst aufdoa' solla, wann's ghett hättst! Desdawega' hot's de rausgfoadert!« — Michel war betroffen; die Sache leuchtete ihm ein, und nur kleinlaut sagte er: »Moest?« — »Ach, i bitt' de!« rief der Kamerad höchst verdrießlich. — »No, verzähl weiter!«
Michel erzählte das Uebrige. Kaspar sah ihn an, wie einen, bei dem's nicht recht richtig ist, und brach in ein lautes Gelächter aus. »Lieber Michel«, sagte er endlich, »nemm mer's net übel, aber dir muß ma' da' Dippel boara' (der Düppel bohren)! Was! doh host no' nex gmerkt?« — Unser Bursche, einmal auf dem Wege der Selbsterkenntniß, begriff — und ein dumpfes Schamgefühl begann in ihm aufzuquellen. Allein seine Handlungsweise hatte doch auch ihre Gründe, und zu seiner Rechtfertigung mußte er sie geltend machen. »Aber i sag d'r«, entgegnete er etwas verlegen — »ihr Halstuech ist wärle verschoba' gwesa'! Ond i hab gmoet« — — »Ietz höar auf«, rief Kaspar »ond ärger' me net! Die hot se ebbes om ihr Halstuech kümmert! Des ist 'r aufglega'! — no' derzue bei der Nahcht, wo's koe Mensch sicht!«
Bei dieser Hinweisung auf die Nacht ward es Tag in unserm Burschen. Er schämte sich in den Tiefen seiner Seele, und ein großer Verdruß über sich selbst erhob sich in ihm. Indessen wenn man angegriffen ist, muß man sich doch vertheidigen, und darum sagte er: »'Smag sei'! Aber 'sist vielleicht besser, daß's so komma'n ist! Mit dem Mädle hab e amol nex acks (als) O'glück — und wear woeß« — Kasper fiel ihm in die Rede: »O'glück haba' nennt 'r des! Ietz wurd's mer zviel! Glück host tausedmol meaner (mehr) as der Brauch ist — — aber (auf die Stirn deutend) doh fehlt's!« — Nach kurzem Schweigen setzte er hinzu: »Ietz bitt' e de nor om oes! Verzähl m'r koem Menscha' nex dervo'! Ih as dei' Kamrad mueß me schäma' für di! Du host de benomma, daß a wahra' Schand ist! Wie a Dommkopf, wie a Sempel, wie a — —«
Der gute Kaspar wollte die Gelegenheit der Vernichtung Michels benutzen und sich für die Grobheiten, die er von ihm schon anzuhören gehabt hatte, entschädigen. Aber nun wurde es dem Enakssohn zu bunt. Er richtete sich empor in seiner ganzen Macht und rief mit dunkelbraunem Gesicht: »Ietz sei mer still, oder i schmeiß de onter da' Dihsch (Tisch) nonter, doß d's Aufstanda' vergischt! Kott's Höllablitz! — Willst me du oh no' verzürna'? — I hab mei' Lebteng mit deana Lueders-Weibsbilder nex z'doa ghett — wie sollt' ih ihr' Ränk ond Schwänk kenna'?« — Kasper, zur Mäßigung gemahnt, versetzte mit Humor: »So got's eba'! Wer nex lernt, der ka' nex!« — »Was doh«, rief Michel unmuthig. »Falsche Ohser sends alle mit anander! I ben froa', daß so ganga'n ist, ond meiner Lebteng loss' e me ietz mit koer mea' ei'! Aus isch!« — Er ergriff die Bitsch, leerte sie auf einen Zug, stand auf und rief mit dem alten Herrscherton: »Ietz komm!« — Er ging. Kasper folgte.
Auf dem Heimweg schüttelte der Erfahrene noch zu wiederholtenmalen den Kopf. Es war freilich beinahe nicht zu glauben, wie der Kamerad sich benommen hatte. Aber abgesehen von den Gründen, die er selber angab, war er ein Deutscher und hieß Michel. Er war ein Schwabe und erst sechsundzwanzig Jahre alt.
Als die Gret am andern Morgen in ihrem Bett erwachte, überlegte sie bei dem heitern Schein der eben aufgegangenen Sonne die Vorfälle des gestrigen Abends in ihrem Zusammenhang und ihrer Steigerung — und brach in ein helles Gelächter aus. Nichts in der Welt kam ihr so närrisch vor wie der gute Michel in seiner Einfalt. Was sie gestern erzürnt hatte, das erschien ihr heute unendlich lustig, und um keinen Preis hätte sie sich ihr zerrissenes Halstuch abkaufen lassen. »O ist des a gueter Kerl!« rief sie, Lachthränen in den Augen. »Ist des a dommer Mensch!«
Mit dem Unmuth war aber auch die Geringschätzung, die sie gegen ihn empfunden hatte, völlig aus ihr gewichen. Die Heiterkeit stimmte sie zur Milde, zur Gerechtigkeit. Sie fühlte, wie gut ers eigentlich meinte, wie durch und durch ehrlich er war, und wie ihm nur die rechte Art fehlte. Ihre Seele hing an seinem Bilde, wie das Aug einer Mutter an ihrem Kind, mit liebend mitleidigem Antheil. »G'scheidt ist er freile net,« sagte sie endlich, »ond wie ma' mit da' Mädla'n omgot, des woeß er gar net. Aber was schadt's? 'S ist am End besser, er lernt's von mir, als wann ers scho' von 'r andra' glernt hätt!«
Da sie die Schwäche des Burschen von der schönern Seite betrachtete, so leuchtet ein, zu welchem Schlusse sie kam. Sie wollte ihn durchaus nicht aufgeben, ihm vielmehr Alles verzeihen und bei der nächsten guten Gelegenheit sich alle Mühe geben mit einem neuen Versuch. »'S ist freile net en der Oarneng (Ordnung),« sagte sie mit etwas bedenklichem Gesicht, »daß d's Mädle widder a'fangt. Aber was ka'n e macha'? 'S got amol net anderst, ond a jeds mueß doa', was eba' ka'! — So o'stearisch (unsternisch, unglücklich), wie desmol,« setzte sie erheitert hinzu, »wurds ja doch net allmol ganga'!«
Es hatte einen ganz absonderlichen Reiz für die muntere Gret, den dummen prächtigen Michel zu gewinnen. Sie lächelte holdselig für sich bei diesem Gedanken, ihre Augen glänzten und schelmisch verlangend rundeten sich die schönen rothen Lippen.
Vergnügt kam sie in die Stube. Als sie nach der Begrüßung des Alten wieder an Michel und sein Benehmen dachte, konnte sie sich nicht enthalten, für sich hinzulachen. Ihr Vater sah sie verwundert an und sagte: »Was host denn? Du bist ja gwihß net gscheidt?« — Die Gret erwiederte: »'S ist m'r grad ebbes ei'gfalla'!« — »Gang weiter,« sagte der Maurer, der nicht zu den scharfsichtigsten Menschen gehörte, »du bist a verruckts Mädle! Mach lieber, daß mer a Supp krieget ond zom Schneida' kommet!«
Anders war die Nachwirkung des gestrigen Abends bei dem Burschen. Auch er sah klar an dem hellen Morgen, aber bei ihm erzeugte die Klarheit nicht Heiterkeit und Milde, sondern grimmigen Verdruß und Wuth über sich selbst. Schon Göthe hat hervorgehoben, wie der arme Mensch, des Morgens im Bette erwachend, in der Passivität des Daliegens den Pfeilen der Selbstanklage und der Reue wehrlos preisgegeben ist. Michel, in dem Nachtheil seiner Lage, erkannte aufs deutlichste, wie dumm er sich gestern benommen; Scham färbte sein Gesicht, er strampfte mit dem Bein, daß die Bettstatt krachte. »O du Ochs«, rief er aus und gab sich einen Schlag vor die Stirn, der einer minder harten gefährlich werden konnte. »So domm sei'! — net seha', was d's Ohs will, ond globa', sie will des, was sie sakt! Als ob's net grad allmol ebbes andersts wölla' dätet, die — —! — Ietz kenn e's (ich sie) auf oemol — ietz, wo's nex mea' hilft!«
Michel, wie der Leser schon gesehen, war hinterdrein immer um ein Gutes klüger als vorher; er machte sich seine Erfahrungen in Wahrheit zu nutze, er ging vorwärts, und es war darum keineswegs an der Durchbildung seines Verstandes zu verzweifeln, wenn man ihm nur Zeit gab, die hiezu nöthige Zahl von Erfahrungen zu machen. Das ist aber eben das Schlimme bei dieser gründlichen Art der Entwicklung, daß man oft gewisse Einsichten erst zehn Jahre später erlangt, als wo man sie brauchte, und unter solchen Verhältnissen gar vieles unwiederbringlich verloren bleibt.
»So a Glegenheit«, murmelte der Bursche für sich hin. »Moets so guet mit m'r, richt't mers na' — a'n oezengs Wöartle, ond mei' wär's! — Ond ih ben so hihra'dippleng und verreiß 'r d's Halstuech! Noe (und er brach selber in ein Lachen aus) so 'n oefältenga' Menscha' gibts en der Welt nemmer! Des ist gar net möglich! — Natürlich isch wüadeng woara', des begreift se — über so'n Esel! Die möcht' i oh seha', die doh d'Geduld net verliera' dät!« —
Er versank in tiefes Nachdenken. »'Sist verloara'«, begann er aufs neue, »ganz ond gar verloara'! So'n domma' Menscha muß ma verachta', 's got net anderst; ond wo amol koe Respekt mea' ist, doh hot's mit d'r Liab a'n End! — O, i wott glei« — —
Er sprang auf, zog sich an, und murrte dabei fortwährend über sich selbst. — Als er in die Stube trat und der Mutter guten Morgen bot, sah ihn diese an und sagte: »Wie sikscht denn du ha'et aus? — Du host g'wiß gestert z'tief en d'Bitsch nei'guckt!« — Michel war froh, die Alte auf dieser Fährte zu sehen, und dichtete sich einen Katzenjammer an, obwohl mindestens das doppelte Quantum des gestern Getrunkenen erforderlich gewesen wäre, ihm eine Andeutung davon zu geben. »Ja«, erwiederte er, »i ben a bisle z'weit ganga'! Aber (setzte er mit saurem Gesicht hinzu) i hab a Lear (Lehre) kriegt, ond wear me a'nandersmol hüeta'!«
Als er nach dem Frühstück auf's Feld hinausging, dachte er: »Ietz nor Alles ha'et, als dem Mädle net begegna'!« Er empfand eine grausame Scheu, das Gesicht zu sehen, das er sich nicht anders als höhnisch denken konnte und dessen bloße Vorstellung ihm schon einen Stich ins Herz gab. Unbehelligt kam er an seinen Acker, und froh über dieses Glück schnitt er rüstig in Gesellschaft seiner Mutter und einer Taglöhnerin die zeitgemäße Gerste. Aber seine Furcht war doch eine Ahnung dessen, was kommen sollte! Da sie den Acker noch fertig schneiden wollten, so gingen sie erst spät zum Mittagessen heim. Michel blieb in Gedanken zurück, und wie er in die Gasse einlenkte, kam ihm die Gret entgegen. Er erschrak, und sein Gesicht zeigte eine so komische Mischung von Verlegenheit, Verdruß und Empfindlichkeit, daß das Mädchen, als er ohne zu grüßen an ihr vorüberschritt, sich nicht anders helfen konnte — sie mußte grad hinaus lachen.
Es that ihr unendlich leid, sobald es geschehen war. Sie fühlte, daß es jetzt zu Ende sei mit ihm, und daß ein Wunder geschehen müßte, wenn er ihr dieses Lachen verzeihen sollte! — Sie schalt sich selbst, wurde sehr ernsthaft und beruhigte sich endlich nur in dem Vorsatz: für jetzt sich zurückzuhalten und Alles in Geduld zu erwarten.
Ihr Gefühl hatte sie nicht getäuscht. Michel war im Tiefsten beleidigt. »I habs ja gwißt«, sagte er schamerglühend zu sich selbst, — auslacha' wurd's me! — No, ietz isch aber verbei, — ietz sig e's nemmer a' meiner Lebtag! I ben a'n Esel gwesa', daß e denkt hab', sie hält doch ebbes auf mi! Wean ma' so auslacht, auf dean hält ma'n ebbes, ja wohl! — Nia hot ma'n ebbes auf 'n ghalta'!«
In seiner gerechten Entrüstung ging er zu dem Kameraden und erzählte ihm, was ihm passirt sei und was er nun denken müsse. Kasper wollte die Schlußfolge Michels nicht gelten lassen; aber dieser machte ein Gesicht, daß er seine Einwendung gern fallen ließ und meinte: es könnte doch so sein! — Gewisse Leute finden immer Beistimmung.
Michel faßte den Entschluß, die Gret nicht nur ihres Weges gehen zu lassen, sondern gar nicht mehr an sie zu denken. Zunächst wurde er aber doch noch an sie erinnert. Seine Mutter erfuhr nämlich im Lauf der Woche von einem Nachbar, Michel sei am Sonntag beim Maurer und seiner Tochter gesessen, er sei recht »lebendeng« gewesen, und es habe just so ausgesehen, als ob ihm die Gret gefiele. — »Des gäb' a rechts Baar«, hatte der Wohlwollende hinzugesetzt, — »doh müsset 'r a Bisle helfa'!« — Die Alte war sehr erfreut über diese Nachricht und nahm sich gleich vor, bei guter Gelegenheit auf den Busch zu klopfen und zum Zwecke zu reden.
Als sie einen Tag darauf nach dem Essen allein in der Stube waren, begann sie mit jenem Lächeln, das nur Müttern eigen ist, wenn sie auf eine ihnen genehme Liebschaft des Sohnes anspielen: »Des mueß ma' doch saga', d's Maurers Margret ist doch ietz d's erst' Mädle em ganza' Doraf! Wie die so gschickt ist ond wie der Alles aus der Ha'd got! 'Sist wärle zum Verwondra'!« — Michel blieb stumm. — »No, isch net wohr?« fuhr die Alte fort und sah ihn an. — »'S ka' sei'«, entgegnete Michel. — »Die Gschwendne (Geschwindigkeit)«, begann die Mutter wieder, »hab' e no' net leicht gseha' bei 'm Mädle! Sie schafft für zwua (zwo, zwei).« — »Mei'daweg für drei!« versetzte der Bursche. Die Alte wollte aus dieser Antwort entnehmen, Michel schäme sich zu bekennen, und fuhr fort: »Wer die zom Weib kriegt, deam isch net gfehlt — der hots troffa' — noch mei'r Moeneng!« — »I wensch 'm Glück derzue«, bemerkte der Sohn ohne aufzusehen und mit einem Ton, der der Alten doch befremdlich klang. »No, was host denn ietz?« rief sie; und lächelnd setzte sie hinzu: »bist net amol aufrichteng mit dei'r Mueter? I will der's nor saga': die Great wär a Mädle für dih, ond wann de a Bisle om se rommacha' dätst« — —
Michel sah auf mit unmuthigem Gesicht. »Die Great«, erwiederte er kurz, »wär die Letscht (Letzte), die i näam (nähme)!« — »Aber worom denn?« rief die erstaunte Alte. — »Weil's a'n Ohs ist«, war die Antwort, »ond weil e's net leida' ka'!«
Die Mutter wollte ihren Ohren nicht trauen. »Aber du sollst de ja beim brauna' Bier recht guet mit 'r onderhalta' haba'!« — »Descht (das ist) a domma' Schwätzerei — weiter nex!« entgegnete Michel. Und indem alle Schmach, die er erfahren, in seiner Seele brannte, rief er mit Nachdruck: »Von deam Mädle red m'r nex mea' — i will nex von 'r höara'!« — Die Alte war bestürzt und schwieg einen Moment still. Dann sagte sie mit einem Klageton, der aus der Seele kam: »Aber sag m'r nor, willst denn ietz barduh (partout) net heiricha'? Magst denn gar koena'? Soll e meiner Lebteng koe Söhnere mea' ens Haus kriega'?« — Dieser Ton traf den Burschen; — und da es die Mutter doch so gut meinte und vielleicht die einzige Person in der Welt war, die es gut meinte mit ihm, so ging er auf sie zu, nahm sie bei der Hand und sagte von Herzen: »Mueß denn aber grad gheiricht sei'? I hab ja a brava' Mueter, die m'r nex ahganga' (abgehen) loßt and bei ders m'r wöller ist, als bei so 'r jonga Butzdock (Putzdocke)!« — »Ach«, erwiederte die Alte, die sich doch etwas geschmeichelt fühlte, »wann e aber stirb, was nocht?« — »Du lebst länger als ih«, rief Michel, nickte versichernd — und suchte das Weite.
Wie vorsichtig die gute Frau war, und wie sehr sie eine Scheu empfand, über ihren Michel ein Gerede zu veranlassen, das ihn erzürnen würde — den Widerspruch zwischen der Erzählung des Nachbars und dem Benehmen des Burschen konnte sie doch nicht verwinden. Sie erkundigte sich gelegentlich bei dem Kameraden. Dieser spürte kein Verlangen, die Wahrheit zu sagen und unter Umständen die Kraft der Michelschen Fäuste zu empfinden; er erwiederte, sie hätten allerdings eine Ansprache mit dem Maurer und seiner Tochter gehabt, aber diese hätte dem Michel ein paar spöttische Reden hinausgegeben, das habe ihn geärgert und nun sei sie ihm zuwider. — Die Mutter seufzte und resignirte noch einmal. Zum Nachbar sagte sie: »Desmol hont 'r falsch gseha'!« Der Alte meinte: »Nocht wurd's halt d's brau' Bier gwesst sei', was 'n so monter gmacht hot!« — »Des glob' e ehr«, entgegnete die Mutter — und die Frage war abgemacht für sie.
Die Erndte ging ihren Gang. Das letzte Fuder Hafer war ins Dorf gefahren, und das Verhältniß zwischen Michel und der Gret noch das alte. Mit dem Maurer wechselte der Bursche die gewöhnlichen Grußformeln. Begegnete er dem Mädchen, so spielte er mit Erfolg einen Menschen, der ganz in seine Gedanken verloren hinwandelt, und sie ging mit dem Ernst der Ergebung an ihm vorüber, mit wiederholtem innigem Bedauern über ihr unglückseliges Lachen und mit erneuertem Vorsatz, bei der nächsten Gelegenheit, wenn ihr ja das Glück noch einmal wollen sollte, sich so gut, so klug und so lieb als möglich gegen ihn zu benehmen.
Der Schneider hatte unterdessen seine Besuche und Huldigungen nicht ausgesetzt, obwohl die Erntezeit, die ihn in einen Schnitter verwandelte, sie nicht in solcher Häufigkeit zuließ wie früher. Er sah zu seiner Verwunderung, daß sein Bäschen mehr und mehr ihre Munterkeit verlor, sich hie und da in einem sonderbaren traurigen Nachdenken, zuweilen auch in einer sehr ärgerlichen Stimmung betreffen ließ. Dieß erschien ihm nicht wohl begreiflich, da sie doch nach seiner Ansicht Alles hatte, was sie wünschen konnte, namentlich einen Liebhaber, der deutlich genug zu verstehen gegeben, daß er sich, wenn es sein mußte, in einen Ehemann verwandeln könnte. Er setzte ihr Betragen indeß auf Rechnung der bekannten weiblichen Launen und tröstete sich, daß sie gehen würden, wie sie gekommen.
Auf den ersten Dienstag nach der Ernte fiel eine Hochzeit, die, zum Vergnügen der jungen Leute des Dorfes, im Wirthshaus gefeiert wurde. Unsre Leser haben schon aus den frühern Erzählungen gesehen, welche Rolle in der Sphäre ländlicher Ergötzungen die Hochzeiten spielen. Die Dorfjugend mitten im Ries hat im ganzen Jahre nur zwei regelmäßig wiederkehrende Tanzgelegenheiten: die Ortskirchweih und die Nördlinger Messe. Zur Ergänzung der eignen Kirchweih machten ehedem Solche, die Belieben darnach trugen oder von Verwandten eingeladen waren, die eines und des anderen Nachbardorfes mit, was vorläufig durch die büreaukratisch angeordnete Verlegung sämmtlicher Kirchweihtänze auf Einen Tag, ins Reich der Unmöglichkeit verwiesen ist. Da ein paar Tanztage im ganzen Jahr einer lebenslustigen Jugend nicht genügen können, so werden natürlich die wirthshäuslichen Hochzeitsfeste mit Freuden begrüßt und als ein Gnadengeschenk der Verhältnisse um so dankbarer hingenommen, als auch sie schon seltener zu werden anfangen.
Bei dieser Gelegenheit müssen wir bemerken, daß eben diese Festlichkeiten für das gesellige Leben des Rieser Landvolks eine Bedeutung haben, die wir gehörigen Ortes anerkannt zu sehen wünschten. Es sind Mittelpunkte, wo sich Gäste aus den verschiedenen Dörfern treffen, in fröhlichem Verkehr einander ihr Herz aufschließen und neue Verhältnisse sich entspinnen, die auseinander wohnende Familien wieder mit einem Bande der Verwandtschaft umschlingen können. Die Thatsache, daß das Rieser Landvolk derselben Confession gewissermaßen eine große Familie bildet, wird hier anschaulich gemacht und zu ihrer Erhaltung immer wieder beigetragen. Wer dieß zu schätzen und die guten Folgen solcher Mischung sich vorzustellen weiß, der wird um einiger Rohheiten willen, die dabei vorfallen können, die aber meist nur dem verzärtelten Geschmack als solche erscheinen, nicht die Axt an eine Sitte gelegt zu sehen wünschen, die so viel Gutes mit sich bringt — von der Rekreation, welche der Bauer in Folge seiner ununterbrochenen Thätigkeit doch ebensosehr bedarf als verdient, ganz abgesehen. Es ist immer nur Schwäche, die, um den Mißbrauch zu verhüten, den Gebrauch aufheben will; Schwäche und Unfähigkeit, die sich bewußt ist, auf positive Weise nicht helfen zu können, wo zu helfen wäre. Durch die Vernichtung der überlieferten Sitte würde das Landvolk zur Charakterlosigkeit, zur socialen Nullität gebracht werden — und mehr werth als diese, sollte man glauben, wäre ein selbstständig ausgeprägtes Leben doch bei weitem, auch mit etwelcher Rohheit, die ohnehin der fortschreitenden Cultur schon vielfach gewichen ist und immer mehr wird weichen müssen. Wolle man doch ja sociale Zahmheit und Dürre nicht gewaltsam herbeiführen! Es ist möglich, daß sie von selber kommt, früher und vollständiger kommt, als es sogar ihren jetzigen Liebhabern lieb sein wird! —
Die Hochzeit war die eines wohlhabenden jungen Söldners mit der Tochter eines kleinen Bauern. Die Familie Schwab gehörte zur »Freundschaft« des letztern — es war daher unumgänglich nöthig, daß ein Glied derselben als Gast an der Feier theilnahm, um so mehr, als der Bauer vor Zeiten auch den Ehrentag der Wittib mitgefeiert hatte und die Schicklichkeit eines Ersatzes in die Wagschale fiel. Wenn der Brauch will, daß ein Geladener dem Freund oder guten Bekannten »auf die Hochzeit gehe« und »auf die Hochzeit schenke«, d. h. einen verhältnißmäßigen Geldbeitrag zum Beginn der Wirthschaft liefere, so will er nicht minder, daß dem Gaste bei Gelegenheit seiner eigenen Verbindung oder der eines Blutsverwandten die Ehre und das Geschenk wieder zurückgegeben werden. Der Brauch übt einen sanften Zwang zur Wiedervergeltung und fördert so den Austausch reeller Höflichkeiten, indem er jedem abwechselnd das Wohlgefühl des Empfangens und Gebens verschafft. Denn es bleibt natürlich dem Rieser unbenommen, das, was die Sitte gebietet, aus freien Stücken zu thun und in der Wiedervergeltung nicht eine bloße Pflichterfüllung, sondern einen natürlichen Erweis der Großmuth zu sehen, deren Freude es ist zu schenken und glücklich zu machen! —
Schon acht Tage vor diesem Fest hatte zwischen Michel und seiner Mutter ein kleiner Kampf über die Frage begonnen, wer es mitmachen solle. Michel wollte die Last der Mutter aufbürden, die Mutter wollte die Lust dem Sohne gönnen. Die gute Frau kam eben, wenn auch nur im Stillen, immer wieder auf den Wunsch und die Hoffnung zurück: es möchte ihm Eine gefallen! Da nun im Dorfe selbst offenbar Keine so glücklich war, so wünschte sie um so lebhafter, der Sohn möchte auf dieser Hochzeit Jungfrauen aus andern Orten sehen, die nicht fehlen konnten. — Das Bewußtsein, als Mutter für sein Bestes sorgen zu müssen, gab ihr diesmal in der That die Kraft zu widerstehen und seine Einwendungen zu entkräften. Wie oft er auch wiederholen mochte: es mache ihm keine Freude, er habe gar »keinen Luhst« dazu, es sei ihm grausam zuwider! — am Ende mußte er sich den Ermahnungen, womit die Alte ihm zuzusetzen nicht müde wurde, dennoch fügen und in den sauern Apfel beißen. Zur Verzweiflung gebracht rief er endlich: »No mei'daweg, i will ganga'! Aber du wurscht seha', 's gibt widder ebbes. Denn der Deufel ist loas ond loßt m'r koe Rua'!« — Die Mutter war zu vergnügt über seinen Entschluß, als daß sie dieser Rede weiter nachgedacht hätte.
Ob Michel sich deswegen so lange sträubte, weil er erfahren hatte, daß auch die Gret auf die Hochzeit kommen würde — oder ob er deswegen endlich nachgab — wer konnte es wissen? — Der Kamerad, den er von dem Streit mit der Mutter in Kenntniß gesetzt, machte ihm gelegentlich und vorsichtig jene Mittheilung, indem er hinzufügte, nun würde er gerade auch darauf gehen und dem Mädchen zum »Tort« sich um eine andere herummachen, was sie gewiß recht ärgern würde. Michel hatte indessen geantwortet, er kümmere sich um das Mädchen überhaupt gar nichts mehr, und später diesen Gegenstand nicht wieder berührt. — Sei dem, wie ihm wolle — er folgte der Alten, und mußte sich am Hochzeitsmorgen mit dem Gedanken der Nöthigung doch schon einigermaßen versöhnt haben, denn er wusch und putzte sich nach Kräften und zog sich so stattlich an, als es der Kleiderkasten zuließ. Wie er endlich vor seine Mutter trat in schwarzen Hosen von Hirschleder, die kein Fältchen warfen und fast bis eine Spanne über das Knie von den Stiefeln bedeckt waren, — in manschesternem Leibchen mit versilberten Knöpfen, im neuen, schwarzen, baumwollbehaarten Barchentkittel mit flachen, thalergroßen Knöpfen — über das wohlgebundene dunkle Halstuch den feinsten Hemdkragen gezogen und den Kopf mit dem landesüblichen Schaufelhut bedeckt — da ging der guten Frau das Herz auf und undenkbar schien es ihr, daß so ein Mannsbild sollte durchs Leben gehen können, ohne ein braves Weib glücklich zu machen und ohne eine würdige Nachkommenschaft zu hinterlassen. — Sie hatte eben in das Papierkäpselchen des Gesangbuchs, das ihm auf dem Weg zur Kirche übergeben werden mußte, einen großen Kupferzweier gesteckt, den er als »Opfer« in den Klingelbeutel werfen sollte; nun wünschte sie ihm von Herzen gute Unterhaltung und gab ihm geschwind noch ein paar Schicklichkeitsregeln mit, ihn besonders ermahnend, daß er zu den Brautleuten sagen sollte: »Ich gratuliere«, nicht: »Ich condoliere,« wie es einmal einem zu seiner großen Schande passirt sei. Michel zuckte die Achseln und ging, da es eben zehn Uhr schlug, in langsamen Schritten dem Wirthshaus zu.
Eine Rieser Hochzeitsfeier hatte in jenen Tagen einen andern Verlauf als jetzt, wo dem Geiste der Zeit verschiedene Glieder der alten Ordnung zum Opfer gefallen sind. Wir müssen unsre Leser schon ersuchen, zunächst eine Schilderung und Charakteristik derselben freundlich aufzunehmen, da wir ohne eine solche in der Erzählung nicht so verständlich sein könnten, als wir gerne wären. Abgesehen davon möchte es den künftigen Riesern von Interesse sein, das, was die Alten fromm und fröhlich getrieben, wenigstens aus einem Buch kennen zu lernen. — —
Wenn das »Ander gelitten«, d. h. wenn mit Einer Glocke das zweite Mal vor dem Beginn der kirchlichen Handlung geläutet wurde, begaben sich Bräutigam und Braut, Hochzeitknecht und Hochzeitmagd und die nächsten Verwandten ins Wirthshaus. Der Hochzeitknecht trug einen Säbel mit breitem farbigem Seidenband; er ist der Beschützer der Braut — eine Sitte, die aus Zeiten datirt, wo thatsächlicher Schutz noch erfordert werden konnte. In der obern Stube angekommen nahmen sie Platz am Bräuteltisch zunächst der Thüre und erwarteten die nach und nach anlangenden Gäste, deren jeder zum Brautpaar trat und in würdigem Ernste »zum Ehrentag und zum fröhlichen Kirchgang« gratulirte. Hatten sich die Gäste eingefunden, so beschenkte die Hochzeitmagd sie mit Rosmarin, und das Frühmahl wurde aufgetragen: Suppe, Rindfleisch und ein Viertellaib des schmackhaften »Hochzeitbrodes.« Weißbier und Branntwein (und zwar jenes den ganzen Tag durch) gehörten zum »Mohl« (Mahl); Wein und braunes Bier wurden gegen Bezahlung gereicht. Den behaglichen Genuß des Frühstücks erhöhten die Musikanten — deren es bei kleinen Hochzeiten viere, bei größeren sechse gab — durch Aufspielen ihrer schönsten Arien. Endlich wurde »zusammengeschlagen,« d. h. mit zwei Glocken zum Kirchgang geläutet, Pfarrer und Schullehrer kamen im Ornat zum Wirthshause und empfingen je eine Citrone und einen Rosmarinstrauch, die männlichen und weiblichen Gäste, mit Rosmarin schon geputzt, sonderten sich, und unter dem Vortritt der Musikanten, die einen Marsch bliesen, begann der Zug vom Hofe des Wirthshauses in die Kirche; die Männer mit Pfarrer und Schullehrer voran, die Braut an der Spitze der Weiber vom Hochzeitknecht mit blankem Säbel geleitet. Am Thore des Kirchhofs machten die Musikanten Halt, die weltliche Musik verstummte, und der Zug ging über den breiten Weg des Kirchhofs, wo die Gäste durch die Ihrigen mit Gesangbüchern versehen und von Verwandten und Bekannten mit leckereigefüllten »Guckern« beschenkt wurden, in das Gotteshaus. Bei der Trauung hatte der Hochzeitknecht seinen Stand zur Seite des Paares, um die Braut nach Beendigung der kirchlichen Feier sogleich wieder in Empfang zu nehmen. In derselben Ordnung, wie er angekommen, ging der Zug zurück und vor dem Kirchthor stellten sich die Musikanten, stattlich blasend, wieder an die Spitze. Im Hofe des Wirthshauses bildete man einen Kreis, der Pfarrer nahm Glück wünschend Abschied, und nun trat der Schullehrer in die Mitte, um seinerseits in feierlichem Ton eine gereimte Anrede zu halten, worin er nach der kirchlichen Ermahnung als Repräsentant des praktisch-moralischen Sinnes die Bedeutung des Tages beleuchtete und mäßigen Genuß und ehrbare Fröhlichkeit empfahl.