Das Ries ist ein Gau im Schwabenlande, einige Stunden nordwärts von der Donau. Der größte Theil gehört zu Bayern, der nordwestliche Strich zu Württemberg. Man braucht in diesem Gau nicht geboren zu sein, sondern nur in guter Jahreszeit darin verweilt zu haben, um ihn für einen der anmuthigsten und gesegnetsten in unserem Vaterlande zu halten. Wer an einem schönen Juni-Abend auf einer der westlichen Anhöhen steht und die von bewaldeten Hügeln umschlossene Ebene erblickt in dem glänzenden Reichthum ihrer Feldfrüchte, die alte Reichsstadt Nördlingen mit ihrem hohen Thurm, die fürstliche Residenz Wallerstein mit dem grauen Felsen, der früher die Burg der Grafen von Wallerstein trug, hier und da ein wohlerhaltenes Schloß oder ehemaliges Klostergebäude und die Menge schmucker Dörfer, den wird ein freudiges Gefühl überkommen: er hat nicht nur eine schöne, fröhliche Landschaft vor sich, sondern er fühlt zugleich, daß ihre Bewohner begünstigte Menschen waren und sind.
Das Ries ist eine kleine Welt und birgt eine nicht unbedeutende Mannigfaltigkeit von Lebenserscheiuungen in sich. Daß es theils bayrisch, theils württembergisch ist, scheint zu seinem Wesen zu gehören. Die Bewohner zerfallen in Protestanten und Katholiken, die zerstreut durcheinander wohnen. Im protestantischen Theile und namentlich unter den Geistlichen fanden sich vor einigen Jahrzehnten die Extreme der frommgläubigen und rationalistischaufgeklärten Anschauung vertreten, von denen die erstere eine sehr rege Thätigkeit entwickelte. Auch Juden fehlen nicht in dem wohlhäbigen Landstrich. Sie sitzen an einzelnen Orten, hauptsächlich in Wallerstein, in verschiedenen Abstufungen des Vermögens und Ansehens, vom reichen Kaufmann und Geldverleiher an bis herab zum Schmuser, der sich auf Märkten durch leidenschaftliche Verständigungsversuche seinen Bedarf erkämpft. Der Dialekt ist schwäbisch in besonderer Ausbildung, an einzelnen Punkten von Alters her eigenthümlich modificirt. Nördlingen und Wallerstein liegen kaum eine Stunde auseinander, und doch ist der ächte Nördlinger von dem ächten Wallersteiner an Mundart und Betonung sogleich zu unterscheiden. In Oettingen, wie überhaupt an der nordöstlichen Grenze, herrscht der fränkische Dialekt. Der Menschenschlag ist arbeitsam, gewerbthätig und von gemüthlichem, vergnügtem Wesen, sehr geneigt zu Scherz und Neckerei. Man findet darunter noch viele Exemplare von jenem angenehm drolligen und komischen Gepräge, das der verständigen Ernsthaftigkeit unserer Zeit immer mehr weichen zu wollen scheint. Das schöne Geschlecht macht seinem Namen alle Ehre; auf den Dörfern begegnet man nicht nur stattlichen und tüchtigen, sondern auch gar feinen und zierlichen Gestalten. Die Landestracht ist kleidsam, wenn sie mit Geschmack behandelt und von den Frauen in der Zahl der Röcke ein gewisses Maaß eingehalten wird. Uebrigens greift auch hier die französische Tracht um sich, und in dem Anzug der Frauen und Töchter wohlhabender Landleute findet sich Einzelnes derselben mehr oder minder glücklich mit der Landestracht verbunden.
Der Verfasser hängt an diesem Gau mit begreiflicher Liebe. Er ist darin geboren und hat in ihm die schöne Jugendzeit verlebt. Als Gymnasiast und Student verbrachte er hier die glücklichsten Ferientage. In dem Alter, wo man um so reicher an poetischer Empfindung und Anschauung ist, je weniger man sie noch kunstmäßig auszudrücken vermag, lebte er das fröhliche Rieserleben mit und nahm mit nie versiegender Freude seine Eigenthümlichkeiten in sich auf. Die Landschaft, von dem Duft seiner Jugendgefühle übergossen, hat für ihn einen poetischen Reiz wie keine andere.
Schon einmal im dem ländlichen Gedicht: »Wilhelm und Rosine,« das 1835 erschien und eine Dorfgeschichte in Hexametern genannt werden kann, hat Schreiber dieses seiner Heimath in Schilderung ihres Dorflebens seinen poetischen Dank abgetragen. Er versucht es zum zweitenmal in einer Erzählung. Nach den ächten Darstellungen von von Immermann und Berthold Auerbach ist das Genre der Dorfgeschichten durch Nachahmungen bei uns in die Mode und wieder aus der Mode gekommen. Aber das kann eine getreue Schilderung wirklicher Lebensverhältnisse nicht berühren. Im deutschen Volke sind noch Schätze zu heben von eigenthümlicher Art und Sitte, von eigenthümlichen Freuden und Leiden, von besondern Verbindungen der überlieferten Stammesbildung mit der neuen Zeitbildung. Wer von einem so bestimmten Leben ein dichterisch treues Abbild zu geben weiß, der wird empfänglichen Menschen immer Freude und Nutzen gewähren können. Das Aechte wie das Ewige hat immer seine Zeit; und auch Annäherungen an das höchste Ziel, wie sie dem frischen Streben gelingen, werden nicht unwillkommen sein.
Nun zu unserer Geschichte. Sie hat sich vor einer Reihe von Jahren zugetragen, wo durch die Ebene noch nicht der Dampfwagen brauste und das Leben überhaupt noch ein idyllisches Gepräge trug, wie es jetzt nicht mehr so ganz der Fall sein mag.
Der Geistliche eines Dorfes in der Nähe von Nördlingen wandelte an einem schönen Sommermorgen in seinem Garten, der hinter dem wohlgebauten, zweistockigen Pfarrhause lag. Er hatte schon eine Zeitlang gearbeitet und wollte nun einen Gang in freier Luft machen und nach den Fortschritten der Gewächse sehen. Da dieser Mann in den spätern Verlauf unserer Geschichte bedeutend eingreift, so wollen wir den Leser schon jetzt näher mit ihm bekannt machen. Er war ein Sechziger, bei mittlerer Größe von stattlichem Ansehen und offenbar im Besitz einer stetigen Gesundheit. Aus den regelmäßigen Gesichtszügen sprach Erfahrung, Verstand und eine heitere Freiheit des Geistes. Er hatte auf der Universität neben den theologischen allgemein bildende Studien getrieben, als Hofmeister in vornehmen Cirkeln und auf Reisen die Welt kennen gelernt und die Laufbahn eines Geistlichen von unten auf gemacht, bis er die einträgliche Stelle erhielt, wo er nun seit zehn Jahren ein ruhig glückliches Leben führte. Der Glaube an die Grundlehren der evangelischen Kirche war bei ihm ein Trieb und eine Forderung des Herzens, aber sein Christenthum war liebevoller, freundlicher Art. Die Natur mit Feuer und Schwert austreiben zu wollen, aus einer Mücke einen Elephanten zu machen und die Gemüther durch übertriebene Forderungen zu verwirren, war nicht seinem Charakter gemäß. Er rügte streng, wo es ihm klare Einsicht gebot, aber lieber schilderte er das höhere Leben in einer Weise, daß es durch seine eigene Schönheit die empfänglichen Herzen gewann. Er war milde, weil er zu unterscheiden wußte und das Gute in der Natur und in dem Gehaben des Volks erkannte. Als Seelsorger und im sonstigen Verkehr mit den Gliedern seiner Gemeinde freute er sich, jene brave Klugheit anzuwenden, welche die Menschen mit leichten Mitteln zu lenken versteht. Er war dem Scherz nicht abhold, und aus dem anmuthigen Ausdruck seines Mundes konnte man schließen, das er freundschaftliches Gespräch selber damit zu würzen verstand.
Die Sonne schien heiß vom wolkenlosen Himmel. Dieß hielt den Pfarrer nicht ab, den Schatten der Kastanienbäume am Hause zu verlassen und geschützt durch sei schwarzes Käppchen, unter dem rechts und links ein silbergrauer Haarbüschel hervordrang, erst die Blumenbeete, dann auf dem grasigen Platz die reifenden Kirschen zu betrachten. Aus einem Gesicht, dessen bräunliches Roth sich von dem anderer Landbewohner durch einen feineren, geistigeren Ton unterschied, sah eine innere Freudigkeit, die mit der Schönheit des Sommertags ganz in Harmonie war.
Als er sich eben anschickte, unter die Kastanienbäume zurückzukehren, wurde die Thüre, die vom Pfarrhaus in den Garten führte, rasch aufgemacht und ein schlanker, blonder junger Mensch von etwa sechzehn Jahren ging eilig auf ihn zu. Es war sein Enkel, der Sohn seiner Tochter, die ihren Theodor dem Großvater zur Vorbildung für die letzte Klasse des Gymnasiums zugeschickt hatte. Das sonst gleichmäßig blasse, durch die Sonne nur wenig gebräunte Gesicht war jetzt erhitzt und geröthet, und man sah aus allem, daß er etwas für ihn sehr Bedeutendes zu berichten hatte.
»Großvater,« rief er dem alten Herrn zu, »es ist gut, daß ich dich treffe! Drunten im Dorf — nein, es ist zu arg!« Er hielt inne, um zu verschnaufen. — Der Alte kannte seinen Mann. Er wußte, daß der junge Kopf seine eigenen Ansichten vom Leben hatte, und daß manches, was damit in Widerspruch trat, ihn oft in unverhältnißmäßige Aufregung versetzen konnte. Er war daher nicht erschreckt, sondern fragte ruhig: »Nun, was ist denn schon wieder?« — »Drunten im Dorf,« erwiederte Theodor, »beim Angerbauer gibts Händel, Händel zwischen Vater und Sohn. Ich hab's selber gesehen.« — Der Alte wurde ernsthaft und eine Bewegung seines Kopfes verrieth, daß ihm die Nachricht nicht ganz unerwartet kam. Er sagte: »Erzähle mir, was du gesehen hast, aber in der Ordnung.«
»Ich wollte in's Dorf hinunter, um hinter den Hecken mein Pensum zu lernen. Da sah ich vor dem Hause des Angerbauers einen Haufen Leute stehen, und wie ich hingehe, hör' ich wüthendes Geschrei aus der Stube. Der Alte schmähte den Sohn und schrie wie rasend. Gott, welche Schimpfworte und Flüche! Wie ist es möglich, daß die Menschen so roh sein können!« — »Es ist manches möglich, was du noch nicht begreifst, mein Kind,« sagte der Pfarrer. — »Und dieser Angerbauer,« fuhr der junge Moralist fort, »der immer so gescheidt sprach und sich ein so würdiges Ansehen zu geben wußte — von dem hätt' ich's am wenigsten geglaubt.« — »Der Angerbauer,« bemerkte der Alte mit nachdrücklicherem Ton, »ist ein ehrenwerther Mann und der Sohn deßgleichen. Das wirst du noch einsehen. Aber nun erzähle weiter. Was hat der Bauer seinem Sohn vorgeworfen? Oder hast du das im Eifer vielleicht überhört?« — »Nein, das kann ich dir genau sagen. Ludwig will die Annemarie beim Bäcker heirathen, und der Angerbauer will's nicht zugeben.« — »Ich dacht' es mir,« sagte der Geistliche. — »Wie ging der Streit aus? denn du hast doch wohl das Ende abgewartet?« — »Wie der Alte gerast, der Sohn trutzig geantwortet und die Bäurin umsonst sich Mühe gegeben hatte, sie zu begütigen, hörte man ein Knacken, wie von einem zerbrochenen Stuhl, und der Vater schrie: »Fort! Geh aus meinem Haus und komm mir nie mehr unter die Augen!« worauf Ludwig sagte: »Hab' keine Sorg, du wirst mich nie wieder sehen,« und aus der Stube ging. Dann wurd's stille und ich lief fort, um dir's zu erzählen.«
Der Geistliche schüttelte den Kopf, schien aber von diesem Ausgang doch weniger beunruhigt zu sein, als sein Enkel erwartete. Er sah eine Zeitlang vor sich hin und nickte dann, als ob er einen Entschluß gefaßt hätte. Der junge Mensch sah ihn an und fragte: »Wirst du hingehen und Frieden stiften?« — Der Geistliche erwiederte mit leisem Lächeln über diesen Eifer: »Der Streit ist ja aus, wie du mir sagst.« — »Wenn aber Ludwig auf und davon geht?« — »Daran werd' ich ihn nicht verhindern können.« — »Aber, lieber Großvater« — »Wirst du einem alten Pfarrer lehren, was er zu thun hat, Junge? Komm jetzt zur Großmutter.« Er nahm ihn wohlwollend bei der Hand und führte ihn in's Haus zurück.
Der Angerbauer war nach ländlichen Begriffen ein reicher Mann. Er hatte seiner Tochter, die im Dorfe verheirathet war, sechstausend Gulden mitgegeben, und mehr als das Doppelte hatte er noch am Zins. Sein Sohn Ludwig sollte eben so viel und das jüngste Kind Andres nach der bäuerlichen Erbfolgeordnung den Hof erhalten. Die Familie lebte wohl und glücklich zusammen. Der Vater, ein hochgebauter, stattlicher Mann mit schwarzen Augen und Haaren und gelblichbraunem Gesicht, hielt gute Zucht im Hause, ohne jedoch seinen Kindern den herkömmlichen Lebensgenuß zu verkümmern. Er war ein kluger Oekonom und sein Stolz war, die bestbestellten Aecker im Dorfe zu haben. Seine Wohlhabenheit und sein Ansehen in der ganzen Umgegend gaben ihm ein bedeutendes Selbstgefühl, das sich auch in seiner würdigen Haltung ausdrückte. Er sprach wenig, aber bestimmt, und wie gesetzt er in der Regel war, so sah man doch, daß er, einmal in Leidenschaft gebracht, gewaltig losbrechen konnte. — Die Mutter war in ihrer Jugend sehr hübsch gewesen, und noch immer machte die schlanke Gestalt einen angenehmen Eindruck. Sie hielt mehr auf zierliche Reinlichkeit im Hause, als es sonst in Bauerfamilien der Fall zu sein pflegt; in ihren Stuben und Kammern mußte alles wie geleckt sein, und überdies alles am rechten Platze stehen. Sonst zeichnete sie sich in der Kunst aus, Backwerk zu verfertigen und namentlich »Küchle« zu liefern, die von den jeweiligen Gästen mit entzückten Lobpreisungen verspeist wurden. Fröhlicher und gutmüthiger als der Vater, hatte sie doch auch ihre Portion Stolz und hielt sehr auf das, was sich ihrer Meinung nach für eine reiche Familie geziemte. — Ludwig schlug der Mutter nach, während der neun Jahre jüngere Andres ein gemildertes Abbild des Vaters zu werden verhieß.
Die Hauptperson unserer Erzählung — man sieht, daß dies Ludwig ist — war einer der schönsten und angesehensten Bauernsöhne im ganzen Ries. Tänzer und Sänger, wie es nur einen gab, dazu ein lustiger Bursche voll guter Einfälle, hatte er schon in verschiedenen Dörfern Herzen erobert, wenn er bei Verwandten auf Besuch war oder als Gast eine Hochzeit mitmachte. Es war einer von den Menschen, denen alles wohl ansteht, die Arbeit wie das Vergnügen. Wenn er Sonntags in dunkelgrüner sammtner Juppe (Jacke) mit silbernen Knöpfen, schwarzen, knapp anliegenden Hosen vom schönsten Hirschleder und hohen, über die Knie gezogenen Stiefeln, die Kappe von Fischotter mit grünseidener Troddel auf's rechte Ohr gesetzt und den silberbeschlagenen Ulmer Pfeifenkopf im Munde nach der Stadt, d. h. nach Nördlingen, wanderte, so hätte er einem ruhigen Beobachter wohl gefallen, den Mädchen aber, die ihm begegneten und die er freundlich grüßte, war sein Anblick ein wahres Labsal, und sie konnten sich selten enthalten, sich umzuwenden und ihm nachzusehen. Dann sagte wohl eine in heiterer Anerkennung: »Des Angerbauers Ludwig ist eben doch der schönste,« und die andern stimmten ihr bei, vergnügt oder erröthend, je nachdem.
Auf welches Mädchen durfte ein so Begünstigter nicht Anspruch machen? Welche Schönheit wäre fähig gewesen, ihn auszuschlagen? Indessen jede Lebensstellung hat ihre Pflichten, und Ludwig durfte nicht unter den Schönheiten des Rieses überhaupt, sondern nur unter denen wählen, die eben so viel mitbekamen als er. Dieser Pflicht kommen die jungen Bursche meist instinktmäßig nach. Der Bauer, am überlieferten Brauche haltend, verliebt sich in der Regel nur standes- oder wenigstens vermögensgemäß. Zu dem Ganzen, das ihn an einem Mädchen bezaubern soll, gehört auch die reiche Ausstattung, die Ehre, die begüterte Verwandtschaft. Das Mädchen muß aus einer Familie sein, die eben so ästimirt ist wie die seinige, sonst entbehrt ihre Schönheit des rechten Nimbus oder erweckt höchstens eine gönnerhafte Empfindung in ihm. Für unsern Burschen war die Wahl einer Lebensgefährtin noch besonders eingeschränkt. Da das Stammgut an Andres überging, so mußte er sich einen passenden Hof kaufen, was seine Schwierigkeiten hat. Das Beste war daher, eine einzige Tochter, eine Hoferbin, zu heirathen und in eine schon bereitete Stätte als Herr einzuziehen.
Es war keine geringe Vermehrung der Zufriedenheit, welche der Angerbauer und sein Weib ohnehin empfanden, daß sie für ihren Ludwig solch einen »Anstand« wußten. In der That war dessen Künftige schon gefunden in der einzigen Tochter eines entfernten Verwandten, der im nächsten Dorf einen der stattlichsten Höfe besaß. Die Aeltern hatten darüber gesprochen; die Angerbäuerin hatte zur gehörigen Zeit merken lassen, daß die junge Base Eva eine rechte Frau für ihren Ludwig wäre, und im Vorbeigehen die Summe namhaft gemacht, die sie ihrem Sohn mitgeben könnten, worauf man sich verständigte. Ludwig hatte nichts gegen den Plan. Für einen Geschmack, der auf dem Lande viele Vertreter zählt, war Eva eine Art von Schönheit, nämlich eine große, tüchtige Person mit nicht allzukleiner, etwas gebogener Nase und runden rothen Backen, so eine, die der feinere Mann einen »Dragoner,« die solide Anschauung der Mehrzahl aber »a rechts Mädle« zu nennen pflegt. Ludwig fand in dem Aussehen seines Bäschens keinen Grund, sich in sie zu verlieben, aber auch keinen, sich der Heirath zu widersetzen. Ihr Hof leuchtete ihm ein und warf ein verschönerndes und verfeinerndes Licht auf die Erbin. Er spielte bei Gelegenheit mit Anstand die Rolle eines Verehrers, und die Heirath wäre ohne weiteres vor sich gegangen, wenn der Vater Eva's sich hätte entschließen können, seinen Hof so früh zu übergeben. Allein die erste Person im Hause zu sein, gefiel ihm noch zu sehr, und er wollte wenigstens warten, bis seine Tochter in die Zwanziger getreten wäre. Warum sollte er sich beeilen? Von allen Seiten war man ja einverstanden, und ob früher oder später, sein reicher junger Vetter wurde sein Schwiegersohn.
Kein Projekt der Menschen ist indessen so gesichert, daß nicht noch etwas dazwischen treten könnte. Wenn man ein gewünschtes Gut schon in der Hand zu halten glaubt, kann es noch entschlüpfen, um den Menschen erkennen zu lassen, daß es bei den Dingen dieser Erde noch auf etwas anderes ankommt als auf sein Wollen und Meinen. Als Eva neunzehn, Ludwig dreiundzwanzig Jahre alt war, ereignete sich etwas, das die Fäden, die von den zwei Familien gesponnen waren, zerriß und den Stoff zu unserer Geschichte lieferte.
Dies war der plötzliche Tod eines braven Zimmermanns im nächsten württembergischen Orte. Die einzige Tochter desselben, ein ungewöhnlich schönes Mädchen, wurde dadurch eine Waise. Da sie erst siebzehn Jahre zählte und auf ihr Erbe nicht heirathen wollte, so machte ihr Vormund, der Bäcker unseres Dorfs, das Haus und die paar Morgen Ackerland zu Geld, legte dieses gut an und nahm das Mädchen zu sich.
Die Ankunft Annemarie's brachte die Jugend des Dorfs in großen Allarm. Wenn der Bauer in Bezug auf die Wahl einer Ehehälfte praktisch denkt, so ist er doch keinesweges unempfindlich für Schönheit; ein sehr schönes Mädchen wird auf dem Lande ausgezeichnet wie ein reiches, nur auf andere Weise. Das Dorf, das eine solche Blume hegt, thut sich was darauf zu gute, und es sagt wohl einer mit einem gewissen Triumphgefühl zu einem Freund aus dem nächsten Dorfe: »So eine habt ihr doch nicht!« Die jungen Leute, bei denen es irgend angeht, sind eifrig, sich bei ihr »wohl dran zu machen;« denn einen schönen Schatz zu haben, ist, abgesehen von der Freude, auch eine Ehre, und es ist höchst angenehm, ihn von andern loben zu hören und sich darum beneidet zu sehen. Annemarie fand außer einer guten Anzahl von Bewunderern und Neiderinnen rasch auch mehrere entschiedene Anbeter; aber sie hatte eine eigene ruhige Art, die Andringlinge zurückzuhalten oder ablaufen zu lassen. Bald hieß es unter den Mißvergnügten: das sei eine Curiose, die sich sehr viel auf ihre Schönheit einzubilden scheine; und doch sei's gar so arg auch nicht damit.
Wie soll ich aber von dieser Schönheit einen Begriff geben? — Mir ist es manchmal so vorgekommen, als ob man eine kindliche, eine jungfräuliche und eine mütterliche oder frauliche Art der Schönheit unterscheiden könnte. Ein Mädchen von der ersten Art wird auch als Frau und Mutter noch ein kindliches Wesen behalten, während die von der dritten schon in der Zeit des jungfräulichen Aufblühens einen mütterlichen Charakter gewinnt. Annemarie gehörte zu der dritten Gattung. Ihr Aeußeres ist kurz beschrieben. Sie hatte etwas mehr als mittlere Größe und eine natürlich schöne Gestalt. Nichts war dürftig an ihr, alles reich, doch würde auch der strenge Kenner nichts hinweggewünscht haben. Die Farbe ihres Gesichts war nußbräunlich, mit mildem, aber entschiedenem Roth; Haare und Augen dunkelbraun. — Allein die wahre Schönheit liegt in der Seele. Wie diese schon im Mutterschooße auf die Formen des Leibes bildend einwirkt, so veredelt und verfeinert sie ihn fortwährend. Der eigenthümliche Reiz, den Annemarie ausübte, kam von der Güte, die aus ihrem Gesichte sprach. Wenn eine Empfindung der Freude oder des Dankes ihr Herz erfüllte, dann ging ein Glanz über ihre Züge und das schöne innere Leben gab ihr eine Anmuth, daß auch der Stumpfe fühlen mußte, hier sei mehr als ein gewöhnlich hübsches Mädchen.
Als Annemarie zu ihrem Vetter übersiedelte, war Ludwig abwesend; er hatte Getreide nach Augsburg gefahren, wo dermalen der Preis höher stand als auf der berühmten Schranne zu Nördlingen. Nach seiner Rückkehr machte ihn das Lob, welches dem Mädchen von seinen Kameraden gesungen wurde, neugierig, und er beschloß sogleich, sie zu sehen, was auf dem Dorfe bekanntlich keine Schwierigkeiten hat. Mit der Leichtigkeit, wie sie etwa ein junger Baron zeigt, wenn er sich herabläßt, der hübschen Tochter eines Bürgers den Hof zu machen, begrüßte er Annemarie, sprach seine Freude aus, daß ein so schönes Mädchen in's Dorf gekommen sei, und sagte ihr mehrere Schmeicheleien in der direkten Art, die für ein feineres Gefühl nichts Angenehmes hat. Annemarie wurde ernsthaft und gab ihm kurze Antworten. Da Ludwig gutmüthig war, so ahnte er, worin er gefehlt hatte. Er griff es das nächstemal besser an, zeigte mehr Achtung vor dem Mädchen und sprach sein Wohlgefallen nicht in Worten, sondern in bescheiden zärtlichen Blicken aus. Dies wirkte. Die Wohlgestalt des jungen Bauers trat nun in ihr Recht ein; dem guten Mädchen ging bei seiner Huldigung das Herz auf und die Freude blickte aus ihrem Gesicht.
Ludwig mußte sich sagen, daß ihm eine solche Schönheit noch nicht vorgekommen sei. Er wiederholte seine Besuche. Bald fing er an Unruhe zu spüren, redete hie und da »aus dem Weg naus« und ließ seine Geschicklichkeit in der Ansprache sehr vermissen, was ihm aber bei Annemarie gar nicht schadete. Die jungen Leute waren glücklich sich zu sehen und zu fühlen, daß eines bei dem andern etwas gelte.
Die erste Zeit einer entstehenden Liebe hat das Schöne, daß man noch nicht fragt, was daraus werden soll. Man hat sich noch kein Ziel gesetzt, darum sieht man auch noch keine Gefahren und Hindernisse. Ein Wohlgefallen an einander haben darf man ja, man läßt daher seine Empfindung gewähren und freut sich und macht Freude. Diese erste Neigung wird auch noch von andern begünstigt. Die Leute lächeln, wenn sie sehen, wie die beiden sich mit den Augen suchen und wieder zusammenzukommen trachten; sie gefallen sich, darin sie gemüthlich zu plagen und eines mit dem andern aufzuziehen. Und da es noch nicht zur Erklärung gekommen ist, so kann das Mädchen einem solchen Plagenden mit Wahrheit erwiedern, er irre sich, oder er sei nicht gescheidt. — Aber in solchem Spiel webt sich aus dem ersten Wohlgefallen nach und nach ein Band, durch das man sich gefesselt fühlt. Es sammelt sich ein Schatz von Gefühlen und mehrt sich täglich, und weß das Herz voll ist, deß muß der Mund übergehen.
Die Gelegenheit zur Erklärung gab eine Hochzeit, die nach Dorfsitte mit Essen und Trinken, Spiel und Tanz im Wirthshause gefeiert wurde. Nach überliefertem Brauche gehört der Tanzboden von Mittag bis Abend den Hochzeitgästen. Hat aber nach der Abendmahlzeit und nach Abgabe der Hochzeitgeschenke der Schullehrer eine Dankrede in Versen gehalten und mit seinen Zöglingen ein geistliches Lied gesungen, dann kündigt ein weltliches Lied, das ein kecker Bursche sich anzustimmen erlaubt, die Herrschaft der jungen Leute des Dorfes an. Die Hochzeitgäste, zumal die aus andern Dörfern, verlieren sich nach und nach, das Brautpaar wird von einem Theil der Musikanten nach Hause begleitet: der zweite Theil der Lustbarkeit, der »Ansing,« hat begonnen und die Jugend des Dorfs nimmt den verlassenen Raum ein.
Ludwig hatte der Hochzeit als Gast beigewohnt, aber wenig getanzt und überhaupt ein nachdenkliches Wesen gezeigt. Als er einmal allein dasaß, kam ein munteres Mädchen auf ihn zu und sagte: »Warum tanz'st du nicht, Ludwig?« Er wußte nichts Gescheidteres zu erwiedern, als, daß es ihm nicht recht gut sei. Das Mädchen sah ihn lächelnd an und sagte: »Die rechte Tänzerin ist nicht da. Aber hab' nur Geduld, sie wird heute Abend schon kommen.« Ludwigs Gesicht erheiterte sich; er wußte allerdings, daß er sie erwarten durfte. — Nach dem Abendessen ging er nach Hause, vertauschte den Hochzeitrock mit der Sammtjacke, kehrte in's Wirthshaus zurück und setzte sich zu einem Burschen, der Regine, die Tochter des Bäckers, zum Schatz hatte, und mit dem er daher in der letzten Zeit vertrauter geworden war. Bald erhielten die beiden einen Wink; sie gingen hinaus, und Hans führte Regine, Ludwig Annemarie unter die Tanzenden.
Wer sich den Moment vergegenwärtigt, wo er zum erstenmal die, welche er liebt, in den Arm fassen durfte, um nach dem fröhlichen Takt eines Walzers durch den Saal zu fliegen, der begreift das Glück des jungen Paares. Geflogen wurde hier freilich nicht; der Bauer bleibt beim Tanz mit seinen Füßen mehr auf dem Boden, als der Städter, und kommt langsamer vorwärts; aber die Wirkung ist dieselbe. Es war eine Freude, den beiden zuzusehen. Sie waren ohne Vergleich das schönste Paar und tanzten auch am schönsten. Dabei war Ludwig so vergnügt, daß er, wie man zu sagen pflegt, den Mund nicht zusammenbringen konnte, und Annemarie lächelte selig in sich hinein. Jene Muntere, die mit ihrem Liebhaber wieder zum Tanz gekommen war, trat einmal zu ihm und sagte: »Ist dir jetzt wieder gut, Ludwig?« Und dieser hatte den Muth zu erwiedern: »Ja wohl, in meinem Leben wünsch' ich mir's nicht besser!«
Auf dem Dorfe tanzt man nicht Touren, sondern Reihen, und zwar deren so viel, als man wünscht und aushalten kann. Ein Bursche singt ein Lied vor — in Altbayern »Schnaderhüpfel,« im Ries »Schelmenliedle« genannt — und die Musikanten spielen es zum Tanz. Ist der Reihen aus, so führt der Bursche sein Mädchen gehend an der Hand, während ein neues Lied einen neuen Tanz einleitet. Diese Sitte verursacht manchmal Streit und die Spielleute kommen in große Noth, wenn zwei tüchtige Bursche verschiedene Lieder singen und jeder verlangt, daß seines aufgespielt werde. In der Regel läßt indeß einer dem andern schon beim Singen den Vorrang und wird auch wohl beim Streite noch zum Nachgeben beredet. — Während man herumging, erklärte Ludwig der Geliebten die Frage jenes Mädchens und seine Antwort; und die Glückliche, die so deutlich sah, wie viel er auf sie hielt und wie ernst es ihm war, konnte sich nicht enthalten, ihm dankbar die Hand zu drücken.
Nachdem sie sich so ziemlich müde getanzt, führten die beiden Kameraden ihre Tänzerinnen in die Stube und boten ihnen zu trinken, worauf die Mädchen, um mit Goldsmith zu reden, »den Rand des Kruges küßten.« Man setzte sich zusammen, um zu plaudern. Ludwig hatte nicht bemerkt, daß während des Tanzes sein Vater auf der Stiege gestanden, ihn mit Annemarie gesehen und sehr verfinsterten Angesichts das Wirthshaus verlassen hatte. Ein boshafter Nachbar hatte ihm gesagt, sein Ludwig tanze heute so schön, und der Alte, dem es ganz recht war, daß sein Sohn auch darin sich auszeichnete, wollte sich das Vergnügen machen, ihn zu sehen. War es ihm nun schon sehr fatal, ihn mit Annemarie tanzen zu sehen, von der man ihm gesagt, daß sein Ludwig ein Aug' auf sie habe, so ärgerten ihn noch mehr die zärtlich glücklichen Mienen des Paars. Er ging sehr verstimmt nach Hause, um zunächst der Ehehälfte seinen Verdruß mitzutheilen, am nächsten Morgen aber mit dem Burschen selbst ein Wörtchen zu reden. — Von alledem ahnte Ludwig nichts, seine Freude blieb daher ungestört. Nach einer Weile kam ein junger Bursche und forderte Annemarie zum Tanz auf. Ludwig sah ihn groß an und hatte gute Lust, ihm zu sagen, er solle sich fortscheeren und eine andere suchen. Allein er besann sich, daß er dazu kein Recht habe, und ließ sie ziehen. Er sah dem Tanzen zu und freute sich an der sittigen Haltung Annemarie's und an der Art, wie sie den etwas unbeholfenen jungen Menschen leitete. Als dieser, der sich gewaltig abgearbeitet hatte, den Schweiß von der Stirne wischte, trat Ludwig zu ihm und sagte: »Du bist müde, ich will dich ablösen.« Ohne Weiteres nahm er das lächelnde Mädchen bei der Hand und mischte sich unter die Paare.
Den ganzen Abend tanzte er nur einmal mit einer andern, nämlich mit jener Muntern, weil er sicher war, daß sie ihn mit der Geliebten aufziehen und von ihr reden würde. Er kam Annemarie beinahe gar nicht von der Seite, und sie hatte dabei ein Ansehen, als ob's nie anders gewesen wäre. Beide waren in jener Stimmung, wo man ganz in dem Lichte seliger Empfindungen lebt und das trunkene Auge in den Menschen umher nur Schattengestalten erblickt, die wie in einer andern Welt ihr Wesen treiben. Sie sahen nicht, wie man um sie her sich in die Ohren zischelte und den Kopf schüttelte; sie bemerkten nicht, wie die zwei langgewachsenen Töchter eines reichen Bauern, vor deren Augen Ludwig ebenfalls Gnade gefunden hatte und die mit Bruder und Vetter da waren, regelmäßig, so oft sie an dem glücklichen Paar vorübergingen, den häßlichen Mund verzogen, wodurch er keineswegs schöner wurde.
Endlich kam Mitternacht heran und die gesammte Jugend begab sich in die große Stube, um sich zum Schmause zu setzen. Ludwig blieb auf dem Tanzboden mit Annemarie zurück; die Talglichter waren herabgebrannt und der Raum beinahe dunkel. Er nahm die Geliebte bei der Hand und führte sie zu einem offenen Fenster, und beide blickten in die laue, trübe Mainacht hinaus. Nachdem sie eine kurze Zeit schweigend vor sich hingesehen, sagte Ludwig: »Was ist das für ein schöner Ansing! In meinem Leben bin ich nicht so vergnügt gewesen, wie heut. Aber du,« setzte er herzlich hinzu, »bist auch die schönste und liebste Tänzerin, die man finden kann.« — »Mach mich nicht roth,« erwiederte sie und wurde roth vor Freude, »du thust mir zu viel Ehr' an.« — »Dir kann man gar nicht zu viel Ehr' anthun,« rief Ludwig, um sein volles Herz durch Lobpreisung zu erleichtern, »du bist das erste Mädchen im ganzen Ries!«
Annemarie schwieg. Mit einem leisen Seufzer und als ob sie die letzten Worte nicht gehört hätte, sagte sie endlich: »Wenn ich deines Gleichen wäre!« — Sie wollte sagen: wenn ich die Tochter eines reichen Bauern wäre! — Ludwig, den Unterschied ohne Weiteres zugebend, erwiederte: »Das ist mir einerlei, du bist mir die liebste, lieber als alle Bauerntöchter miteinander. In meinem Leben wünsch' ich mir keine Bessere wie dich!« — Und er bekräftigte diese Betheurung mit einem zärtlichen Händedruck. — Das war zu viel für das gute Mädchen. Sie erhob sich und sah ihn an. »Ach, Ludwig,« sagte sie mit einer Stimme, die vor Freude zitterte, und mit einem Ton, als ob sie ihre Worte keineswegs für ganz richtig hielte, »ach, Ludwig, ich bin dich nicht werth!« — Statt aller Antwort faßte Ludwig sie um den Hals und drückte einen herzlichen Schmatz auf die schönen Lippen, die nicht in der Stimmung waren, sich zu weigern, sondern vielmehr gleich darauf das schöne Geschenk dankbar mit Zinsen zurückgaben. Niemand war Zeuge dieses Vorgangs. Es war ganz dunkel geworden. Nur die feuchten Augen der Glücklichen leuchteten gegen einander.
Regine trat aus der Stube, sie zu suchen; Annemarie eilte zu ihr und ging mit ihr zurück. Ludwig kam später nach, strahlend vor Vergnügen. Er ließ in der Freude seines Herzens eine Flasche Wein kommen und auftragen, was gut und theuer war. Die beiden Langgewachsenen wurden gelb vor Neid und Aergerniß.
Nachdem in der ganzen Stube die Messer und Gabeln bei Seite gelegt waren, begannen die Spielleute »auf den Tisch hinein zu machen,« nämlich Musik. An jedem Tisch pflegt der Bursche, der's versteht, ein längeres Lied vorzusingen; die Musikanten setzen einen zinnernen Teller auf den Tisch und spielen das Lied nach. Wenn dies ein paarmal geschehen, so wirft jeder Bursche mit Art ein Geldstück auf den Teller — größer oder kleiner, je nachdem es die Ehre und der Beutel leidet — und die Musikanten treten zu einem andern Tisch, um eine neue Ernte zu halten. Der Meister der jungen Leute ist hier derjenige, der mit einem neuen Lied auftreten kann. Denn auch auf dem Lande will man nicht immer dasselbe, sondern was Frisches hören und seine Kenntnisse bereichern. Gewisse alte Volkslieder, die jetzt in gebildeten Kreisen Glück machen, sind bei solchen Gelegenheiten geradezu verpönt; und als diesmal der junge Mensch, der mit Annemarie getanzt hatte, sich ein Ansehen gab und begann:
Es steht ein Wirthshaus an dem Rhein —
brach ein allgemeines Gelächter aus. »Das hast du wohl von dei'm Aehle (Aehnlein, Großvater) gelernt!« rief ihm Einer zu, und eine runde Dirne an seinem Tisch sagte mit mütterlichem Ausdruck: »Besinn dich auf ein anderes, Jakob; so ein junger Bursch darf kein so altes Lied singen!« Dem verdutzten Jungen fiel jedoch nichts ein, so sehr er auch in die Luft hinstarrte, als ob es dort abzulesen wäre. Er mußte es einem andern überlassen, die Ehre des Tisches zu retten.
Die Zeit nach dem Essen ist überhaupt die, wo verschiedene Späße losgelassen werden. Ein anderes Bürschchen, das zum erstenmal bei einer solchen Gelegenheit war, sang ein bekanntes Lied in herzbrechend falschen Tönen; ein geschickter junger Clarinettist copierte ihn Ton für Ton, was große Heiterkeit verursachte und dem Musikanten von den »Ausgelernten« großes Lob zuzog. Der junge Bursche kam zum erstenmal über seinen Gesang zur Erkenntniß und wurde roth. Ein alter Musikus mit gemüthlicher Kupfernase, der das Horn blies, sagte schmunzelnd: »Laß dich nicht irre machen, Mathes, und halt's nur immer recht mit den Musikanten, dann erleb ich's noch, daß du die andern alle herunterstichst.« Das Bürschchen, das nicht dumm war, verstand den Wink; um sich wenigstens auf eine Art auszuzeichnen, nahm er aus seinem nagelneuen ledernen Beutelchen das Doppelte heraus, was er erst hatte geben wollen, nämlich zwei Sechsbätzner, und warf sie in den Teller, daß es klang. »Siehst du,« sagte der geriebene alte Hornbläser, »der Ton ist schon besser!«
Zuletzt kamen die Musici an den kleinen Tisch, wo Ludwig mit Annemarie, Hans und Regine saß, und spielten eine kleine Einleitung. Ueber das Gesicht des jungen Bauers verbreitete sich ein wohlgefälliges Lächeln. Er hatte von Augsburg ein Lied mitgebracht, das wenigstens für die anwesende Gesellschaft vollkommen neu war, und wollte sich nun gehörig damit zeigen. Als die Musik zu Ende war, setzte er sich in Positur und hub an:
Allgemeinste Aufmerksamkeit! Die Musikanten, der Clarinettist voran, fanden sich bald in die einfache Weise und nach einigen Mißtönen ging's. Der Erfolg war außerordentlich. Als unter vollkommener Stille das letzte »G'setz« gesungen war, riefen einige Mädchen: »Ah, das ist aber schön!« und sahen mit einer Art von Andacht auf Ludwig. Mehrere Bursche kamen herbei und sagten, das müßten sie auch lernen. Der Sänger wurde der Mittelpunkt der Gesellschaft. Er mußte auf allgemeines Verlangen sein Lied wiederholen und erntete noch größeres Lob. Seine schöne Nachbarin erröthete auf's neue bei den bedeutungsvollen Worten »Jungfernkranz« und »Freiersmann« und zeigte die liebenswürdigste Freude über den Sieg ihres Tänzers. Dieser wollte nach einem solchen Triumph im Singen keinen neuen Versuch mehr machen. Aber noch blieb etwas übrig, was seinen Effekt nicht verfehlen konnte. Er griff ruhig in die Tasche und legte, als wär' es ihm nichts, einen Kronenthaler auf den Teller. Der Kamerad mußte nun ein Uebriges thun und legte wenigstens einen halben dazu. Die Gesichter der Musikanten leuchteten. Sie setzten mit Leidenschaft einen Marsch darauf, der wie ein Tusch klang, und der Hornist blies, daß ihm beinahe die Backen platzten. Als das Stückchen zu Ende war, strich er das Geld ein und sagte mit schelmischem Schmunzeln: »Bleibt gesund, bis ihr's wieder kriegt!«
Es war ein Uhr geworden und die meisten jungen Leute fingen wieder an zu tanzen. Auch Hans zeigte Lust dazu, aber Regine erklärte, sie und Annemarie müßten nach Hause. Die Mädchen nahmen Abschied und Annemarie dankte Ludwig gar schön für die Ehre, die er ihr angethan habe. Sehr gern hätten die Verliebten ihre Mädchen nach Hause geführt, aber die Bäckerstochter bestand darauf, daß sie hier bleiben sollten. Sie durften ihnen nur auf der Treppe noch die Hand geben und gute Nacht sagen.
Ludwig ging in die Stube zurück, um das letzte Glas Wein auszuschlürfen. Er war aber heute zu glücklich gewesen, als daß nicht ein Dämon sich gereizt fühlen sollte, in den Honigtrank einige Tropfen Galle zu mischen; und so trat denn ein solcher in der Gestalt des Vetters der beiden Langgewachsenen zu ihm und sagte: »Du hast dich ja heut recht lustig gemacht, Ludwig. Allen Respekt vor deinem Tanzen und Singen! Dein Vater hat dich mit der schönen Annemarie auch einmal tanzen sehen, aber dem scheints nicht gefallen zu haben, denn er ist gleich wieder fortgegangen.« Diese boshaften Worte gaben Ludwig einen Stich in's Herz und jagten ihm das Blut in's Gesicht. »Meinetwegen!« erwiederte er trotzig; der andere, der seinen Zweck erreicht hatte, ging vergnügt auf den Tanzboden. Alles, was mit seinem Glück in Widerspruch trat, stellte sich dem armen Burschen gespenstisch vor die Seele und eine große Unruhe befiel ihn. Allein für heute war der Strom der Freude in ihm noch zu mächtig und die Sorge wurde von ihm hinweggespült. Eine halbe Stunde später ging er nach Hause, glücklich im Nachgefühl des Erlebten. — —
Nach einem unruhigen Schlaf erwachte Ludwig zur gewöhnlichen Zeit: Sein Bruder, der in derselben Kammer schlief, schnarchte noch, obwohl er gestern schon bald nach Verzehrung des Bratens, den Ludwig vom abendlichen Hochzeitsmahl nach Hause gebracht hatte, zu Bette gegangen war. Als unser Freund überdachte, was gestern geschehen war, fing sein Herz an zu klopfen. Freude und Angst erhoben sich und wechselten in seinem Herzen, bis die Angst zuletzt die Oberhand gewann. Eine Zeit lang ließ er sich ruhig von ihr quälen; dann faßte er einen Entschluß, kleidete sich an und ging mit festem Schritt, dem man aber doch das Absichtliche ansah, in die Stube hinunter. Die Morgensonne schien durch die Fensterscheiben und die friedliche Scene bildete einen eigenen Contrast zu der Verwirrung in seinem Herzen. Er ging in »das Kanzlei,« das in den Bauernhäusern gewöhnliche Nebenstübchen zum besondern Gebrauch der Familie, von der Stube durch eine hölzerne, mit brauner Oelfarbe bestrichene Wand getrennt, welche mit der einen Seite des Ofens zusammenzulaufen pflegt. Der Vater saß an dem Wandtisch mit tiefernstem Gesicht und die Mutter brachte eben den Kaffee. Ludwig bot ihnen mit etwas unsicherer Stimme guten Morgen und setzte sich zum Frühstück. Zu gleicher Zeit kamen die »Ehehalten« (Knechte und Mägde) in die Stube, um die Morgensuppe zu verzehren. Der Oberknecht und die Magd waren auf dem Ansing gewesen; sie blinzelten sich nun zu und sahen auf das Kanzlei mit jenem Vergnügen, welches die schwache menschliche Seele zu empfinden pflegt, wenn unter Höherstehenden ein scandalöser Streit zu erwarten ist. Allein der Angerbauer war nicht der Mann, sich und seine Familie preiszugeben, wenn der Zorn über seinen Verstand nicht Herr wurde. Er wartete mit der Anrede, die er Ludwig zudachte, und erst als der letzte der Ehehalten die Stube verlassen hatte, begann ein Dialog, den wir, um den Lesern eine kleine Probe davon zu bieten, in dem Rieser Dialekt wiedergeben wollen.
Der Alte sagte mit bitterem Spott: »No, du host de ja gestert recht aufg'führt! Machst mer a rechta'n Ehr, des muß i saga'; Aufm A'seng, wo Baura'töchter send, tanzst du da' ganza'n Obed mit'r Magd! Und net gnuag damit, setzst sie oh no' neba' de he' und regalirst sie!« — Ludwig, der sah, daß dem Vater schon geplaudert worden war, und die Thatsache nicht leugnen konnte, hing sich an ein Wort und sagte: »No, a Magd ist sie grad net!«
Der Angerbauer fuhr auf und blickte ihn mit drohenden Augen an. »Schweig, sag i d'r! Mag sie sei', was sie will, sie ist net dei's Gleicha', und es ist a Schimpf und a Schand, daß du di so mit'r ahgeba' host! Wann du d's Nuibaurs Bäbe (die Reichste im Dorfe) so tractirt hättst, so wärs o'schickleng gwesa'! Was wird die Ev' saga' und ihr Vater? Die weara' se recht fräa', wenn sie höara', wie du di aufg'führt host, und (setzte er verächtlich hinzu) mit weam!«
Der Angefahrene war von diesen Worten sichtlich getroffen. Er wußte nichts Besseres zu seiner Entschuldigung zu sagen, als: »Sie tanzt so guat!« — »Tanzt so guat!« rief der Alte mit grimmigem Lachen. »Ist des a'n Ausred? Tanzet ander Mädla' net oh guat? Muaß ma dorom a hergloffens Mädle mit Wei' tractiera? Pfui, schäm di!« — Er war aufgestanden und wendete dem Schuldigen den Rücken zu.
Sein Zorn hatte offenbar den jetzt möglichen höchsten Grad erreicht. Ludwig, entrüstet über den Ausdruck »hergloffens Mädle,« und fühlend, daß jetzt überhaupt nicht mehr mit ihm zu reden sei, verstummte und sah finster vor sich hin. — Nach einer Weile drehte sich der Alte wieder zu dem Tisch und sagte: »I will me ietz net verzürna! Gscheha'n ist gscheha'! Der dumm Stroëch ist gmacht! Aber,« setzte er mit drohend erhobenem Zeigefinger und mit entsprechend verstärktem Tone hinzu, »des roth i d'r in Guatam: loß mi so ebbes net widder höara'! Denn sonst — — du kennst mi!« — Er wendete sich ab und verließ mit festen Schritten die Stube.
Man sieht, der Vater war nur über das öffentliche Aergerniß entrüstet, welches Ludwig gegeben, und strafte nur dieses. Daß sein Sohn auf Annemarie ernstliche Absichten haben und um ihretwillen die Eva lassen könnte, das kam ihm gar nicht in den Sinn. Hätte er Ursache gehabt, an so etwas nur zu denken, so wäre natürlich ein ganz anderer Sturm losgebrochen.
Der Delinquent athmete auf; denn im Grunde war er noch gut weggekommen. Von der Mutter fürchtete er wenig. Er war ihr Liebling und wußte, daß Frauen solche Verirrungen des Herzens überhaupt glimpflicher aufzufassen pflegen. Er täuschte sich nicht. Während der Alte sprach, hatte die Mutter zu wiederholten Malen ernsthaft mit dem Kopfe genickt, dadurch ihr vollkommenes Einverständniß an den Tag legend. Als er fort war, nahmen ihre Züge einen milderen Ausdruck an, und den Sohn bei der Hand fassend begann sie: »Aber ietz sag m'r nor, Ludwig, wie ist's mögleng, daß du di so host vergessa' und dei'm Vater und mir so ebbes a'thoa' könna'?«
Ludwig hatte seinen ganzen Humor wieder. Da er noch keinen Plan über die Zukunft gemacht hatte, nach welchem er handeln konnte, so folgte er instinktmäßig dem Trieb, sich mit seinen Eltern wieder gut zu stellen, und sagte, allerdings nicht sehr ritterlich: »Du woëst ja, Muater, wie's oëm got, wama' lusteng ist und Bier und Wei' im Kopf hot!« — »Ja wohl,« versetzte die schon halb begütigte Mutter, »aber was zviel ist, ist zviel! Die ganz Nacht mit oëm Mädle ztanza, die oën nex a'got! I hätt' di wärle für gscheidter ghalta'!« — »I hab d'r ja scho' gsakt,« erwiederte Ludwig, »sie tanzt so guat; und,« fügte er nicht ohne schlaue Absicht hinzu, »i hab gseha', daß sie oh geara' mit mir tanzt!«
Die Angerbäuerin konnte nicht umhin, heiterer auszusehen. Sie hielt natürlich ihren Ludwig für den schönsten und geschicktesten Burschen in der ganzen Umgegend, und daß er den Mädchen so sehr gefiel, konnte ihr nichts weniger als unangenehm sein. Sie sagte daher mit dem Lächeln einer etwas eiteln Mutter: »Des glob i, daß e so a Mädle frät, wann du mit'r tanzst; aber des ist koë Entschuldigung für di!« — Eine bessere Regung machte sich in ihr geltend und sie fügte hinzu: »Die Annemarie ist zu guet dafür, daß so a junger Mensch 'n Spaß mit ihr macht. Sie ist brav und ordentlich und 's wird se gwiß a passender Ma' für se finda'. Es wär a Sünd und a Schand, wann du ihr da' Kopf verdreha' und sie in's O'glück brenga' thätst!« — »No,« sagte Ludwig, »so arg wirds net weara'!« — Mit Eifer versetzte die Mutter: »I hoff's oh net! Du host dein Vater ghöart und woëst, er hält was 'r sakt! I hoff, 's ist dei' letzta' Dummheit gwesa'!« — Ruhiger setzte sie hinzu: »So, ietz gang naus zu dei'm Vater und mach'n widder guat!«
Ludwig folgte diesem Rath. Er fand Gelegenheit seinem Vater bei einer Arbeit zu helfen, und da sie nothwendig mit einander reden mußten, so stellte sich zwischen ihnen bald wieder ein äußerlich friedliches Verhältniß her. Als später dem Angerbauer noch einige Einzelheiten vom Ansing zu Ohren kamen, hatte ihn die Mutter schon durch die Versicherung beruhigt, daß es nichts als der Narrenstreich eines jungen Menschen gewesen sei, der etwas im Kopfe gehabt habe. Er verschluckte daher diese nachträglichen Pillen, so bitter sie ihm auch schmeckten. Seine Gedanken waren: »Der Mensch muß mir aus dem Haus, und das so bald als möglich! Mein Andres, das weiß ich, wird mir keine solche Streiche machen.« Auch die Mutter faßte den Entschluß, alles zu thun, um die Heirath Ludwigs mit Eva zu beschleunigen. »Hätte der alte Narr,« sagte sie in ihrem Verdruß, »den Hof abgegeben, so hätten wir diesen Aerger nicht!« Sie wollte aber nun gerade aus dem Vorgefallenen die Gründe schöpfen, die den Vater Evas zum Nachgeben bewegen sollten.
Einige Tage vergingen, ohne daß etwas besonderes vorfiel. Auch auf dem Dorfe pflegt der artige junge Mann die Tänzerin, die er auszeichnete, den andern Tag gelegentlich zu begrüßen und sie zu fragen, wie ihr das Tanzen bekommen sei. Aber Ludwig mußte Scheu tragen, dies zu thun; auch war er nicht in der Gemüthsverfassung dazu. In seinem Herzen stiegen Gedanken auf, die sich wechselseitig bekämpften, seinen Geist verwirrten und ihn zu keinem Entschluß kommen ließen.
Der guten Annemarie war sein Ausbleiben nicht so unlieb, als man denken mochte. Ihr war es ergangen wie ihm. Glückselige und bange Gefühle wechselten auch in ihrem Herzen, und die bangen überwogen zuletzt. Sie dachte an den stolzen Angerbauer, an den Unterschied des Vermögens und Standes, an das Gerede mit der Eva, und schüttelte mit betrübter Miene den Kopf. Indem die Bilder jener Nacht vor ihre Seele traten, machte sie sich Vorwürfe, zu weit gegangen zu sein. Es lastete etwas auf ihr, als ob sie eine Sünde begangen hätte; und dieses Gefühl wurde dadurch nicht gemindert, daß einzelne Mädchen sie nun mit Ludwig in einer Weise zu plagen begannen, die nicht mehr von der Lust zu scherzen, sondern offenbar vom Neide eingegeben war. Selbst Regine sah bedenklich aus, als ob sie mit sich selber unzufrieden wäre, und der Vormund ließ Reden fallen von Leichtsinn und Hoffahrt, die zu nichts Gutem führen würden u. s. w.
Es hatte den Anschein, als ob eben durch das gesprochene Wort der Traum des Glücks für immer zerstört und die innigste Annäherung der beiden Herzen auch die letzte gewesen wäre. — Aber die Liebe, die zwei junge Seelen ergriffen hat, kann von den Bedenklichkeiten des Lebens nicht so leicht unterdrückt werden. Die bänglichen und peinlichen Gefühle mildern sich und verschwinden mit der Zeit, die Liebe bleibt. Die erst so trüben Vorstellungen verlieren nach und nach ihr Schreckendes, die Liebe gewinnt an Muth — und das Menschenkind, das glücklich sein will, folgt wieder dem Zug des Herzens.
Als der fünfte Tag verflossen war, konnte Ludwig seinem Verlangen, Annemarie zu sehen, nicht länger Widerstand leisten. Er ging in das Haus des Bäckers, indem er sich vornahm, diesen, der am Gärteln sein Vergnügen hatte und nach Art solcher Leute seine Liebhaberei gern weiter verbreitete, um Blumensamen zu bitten. Die Täuschung war nicht nöthig, Annemarie war allein zu Hause. Nach einigem Stottern von seiner und Erröthen von ihrer Seite waren die liebenden Herzen bald wieder einig. Man rühmte jene Nacht, wo es so schön gewesen sei; das damals empfundene Glück lebte wieder in ihnen auf und die Augen bestätigten, was sich die Lippen verkündigt hatten. Die Liebe zog wieder als Herrscherin in ihre Seelen und alle entgegenstehenden Gedanken wurden daraus vertrieben. Die Reue, welche die Geängsteten gefühlt, die Vorwürfe, die sie sich gemacht — alles war vergessen. Sie freuten sich eines am andern, und es war ihnen, als ob sie gar nichts Besseres und Schöneres thun könnten.
Für diesmal konnte ihr Zusammensein nicht lange dauern. Annemarie erwartete den Bäcker und mahnte den Geliebten, sie zu verlassen. Ludwig fragte, ob er sie denn nicht einmal ungestört sehen könnte, er hätte noch viel mit ihr zu reden. Annemarie sah ihn an; die blauen Augen baten so schön und blickten so treu auf sie her. Nach einigem Zögern erwiederte sie mit leiserer Stimme: »Nächsten Sonntag Nachmittag geht mein Vetter mit Regine nach Wallerstein; sie werden spät wieder kommen; in der Abendstunde, wenn's dunkel geworden ist, will ich in unserm Garten auf dich warten.« Ludwig drückte ihr hocherfreut die Hand. Annemarie setzte hinzu: »Es ist vielleicht nicht recht, was ich thue, aber du willst es haben und es macht dir Freude.« Was konnte Ludwig anders, als die Lippen, die so liebliche Worte gesprochen, entsprechend belohnen? — Er kam unbemerkt aus dem Hause. Wie bisher sein trübseliges, so fiel seinen Eltern jetzt sein vergnügtes Wesen auf, aber sie legten es zu ihren Gunsten aus. »Hab' ich dir's nicht gesagt?« bemerkte die Mutter dem Alten. »So etwas geht bei jungen Leuten schnell vorüber. Sei nur ruhig, es wird noch alles recht werden!«
Der Garten des Bäckers war in Folge der erwähnten Liebhaberei nach dem des Pfarrers der schönste im Dorfe und der Stolz des Besitzers. Er theilte sich in Gemüse- und Baumgarten, und in dem erstern war den Blumen ein größerer Platz eingeräumt, als es bei dem wirthlichen Sinn der Landleute sonst der Fall zu sein pflegt. Eine ziemlich hohe dichte Hecke grenzte das Ganze von den Feldern, zunächst aber von dem Fußweg ab, der sich an dieser Seite des Dorfes hinzog und auf welchen eine hölzerne, für gewöhnlich verschlossene Thüre führte. Durch diese Thüre, die heute nur aufgeklinkt zu werden brauchte, trat Ludwig zur verabredeten Stunde in den Garten, und bald saßen die Liebenden auf einem hölzernen Bänkchen ohnweit der Hecke und des Hauses in traulichem Geplauder. Sie konnten sich diesem in der That mit einer gewissen Sicherheit hingeben, denn wie nach dem Felde zu die Hecke, so schützten gegen das Dorf das längliche Bäckerhaus und mehrere Scheunen, in denen jetzt wohl kein neugieriges Auge zu fürchten war. Der Abend war sehr schön. Von dem reinen Himmel blinkten schon einzelne Sterne, während von Westen her die goldengrünliche Helle sich über ihn ergoß, die Verheißung der untergegangenen Sonne, daß sie morgen einen schönen Tag bringen werde. Die Bäume standen in voller Blüthe und hie und da glänzte einer her wie ein großer weißer Strauß. Die Luft war leicht bewegt und voller Wohlgerüche. Rings herrschte vollkommene Stille und nur Maikäfer surrten zuweilen über die Köpfe der Liebenden hin, um die größere Gesellschaft auf den Bäumen aufzusuchen. — Unserem Pärchen war es über alles heimlich zu Muthe. Ludwig rühmte den Garten, die Blumen, den schönen Abend. Sie sprachen von diesem und jenem. Bald kamen sie wieder auf den »Ansing«, und Ludwig scherzte über den jungen Burschen, der mit Annemarie getanzt und »sich geplagt habe, als ob er im Taglohn arbeitete.« »Der arme Kerl dauerte mich,« setzte er hinzu, »darum kam ich so schnell und löste ihn ab.« Das Mädchen lächelte, sie wußt' es besser. Beide erinnerten sich jetzt verschiedener Gesichter, die um ihretwillen geschnitten worden waren, und die Ausdrücke von Aerger und Neid kamen ihnen sehr lustig vor. Sie übten für das Geschwätz, das über sie ergangen war, eine gemüthliche Wiedervergeltung, indem sie einzelne Exemplare durchhechelten, wie es gutmüthige Menschen in fröhlicher Laune thun. Ludwig fragte dann, ob's denn wahr sei, daß Hans und Regine bald Hochzeit machen wollten. Annemarie erwiederte, so viel sie wisse, auf den Herbst. Dies brachte sie auf ernstere Gedanken. Nach einem Weilchen fragte sie erröthend und mit einem gewissen schüchternen Lächeln: »Ist's denn wahr, daß dein Vater will, du sollst des Kirchbauern Eva von ** heirathen?« Ludwig antwortete: »Ja wohl hat er so was im Sinn gehabt; aber mir ist's nie rechter Ernst gewesen und jetzt denk ich nimmer dran.« Annemarie wurde vor Vergnügen noch röther. Dann sah sie vor sich hin, wie wenn sie über etwas nachdächte, und unwillkürlich entschlüpfte ihr wieder das Wort: »Wenn ich doch ein reiches Mädchen wär!« Ludwig faßte ihre Hand und sagte herzlich: »Es kann nicht alles beisammen sein! Du bist die schönste und die beste und die geschickteste, die ich kenne — das ist mehr werth als Geld!«
Annemarie sah ihn dankbar an und schwieg. Dann sagte sie: »Ist dein Vater wirklich so stolz, wie die Leute sagen? Verzeih mir diese Frage!« — »Mein Vater weiß, was er ist,« antwortete Ludwig, »und läßt sich nichts nehmen. Aber er ist ein braver und gescheidter Mann und giebt auch andern ihre Ehre. Meine Mutter ist gut und hält alles auf mich.«
Das Mädchen schüttelte den Kopf. Wie verliebte Herzen einmal alles fürchten, dann wieder alles hoffen, so war es ihr die letzten Tage her nicht ganz unmöglich vorgekommen, daß sie doch noch Ludwigs Frau werden könnte. Sie hielt etwas auf sich und glaubte, um ihretwillen könnte wohl eine Ausnahme von der Regel gemacht werden. Aber nun wurde durch das Bild des Angerbauers, dessen Stolz der Sohn zugeben mußte, ihre Hoffnung wieder sehr erschüttert. Sie seufzte und sagte mit leiserer Stimme: »Ich fürchte mich vor deinem Vater, Ludwig, und sehe nicht, was aus uns beiden werden soll!«
Ludwig, der durch die feuchten Augen in das Herz des Mädchens sah, wurde gerührt, Liebe und Großmuth loderten in ihm auf. Er legte wie schützend den Arm um sie und sagte mit dem herzlichsten Ton: »Mach dir das Herz nicht schwer, Annemarie! Ich hab dir gesagt, daß du mir die liebste auf der Welt bist, und ich sag dir's noch einmal. Vertrau auf mich und sorg nicht! Was ich mir ernstlich vornehme, das setz' ich auch durch — darauf verlaß dich!« — »Ich vertraue dir,« sagte Annemarie, »denn sonst hätt' ich das auch nicht für dich gethan. In meinem Leben bin ich noch mit keinem ledigen Bursch so zusammen gekommen. Aber dich hab ich so lieb, daß ich thun muß, was dich freut — ich kann mir nicht anders helfen!« — Entzückt über dieses Geständnis, sah Ludwig das schöne Mädchen an; Thränen traten in seine Augen; sie mit seinen Armen umschließend, rief er aus: »O du liebes, liebes Mädchen! in meinem Leben laß ich dich nicht!«
Dieser innige Ausruf weckte ein seliges Gefühl in dem Herzen Annemarie's, zu gleicher Zeit warf er aber Schrecken in ein anderes. Diejenige, für welche diese Worte am wenigsten bestimmt waren — die Mutter Ludwigs hatte sie vernommen, klar und deutlich vernommen. Die Angerbäuerin war im obern Dorf auf Besuch gewesen und hatte sich verspätet, indem sie zwar zu rechter Zeit in der Stube Abschied genommen, aber auf der Haustreppe mit der Freundin von neuem und erst recht wieder in's Gespräch gekommen war. Da der Fußweg am schnellsten nach Hause führte, so schlug sie diesen ein. Als sie an der Hecke des Bäckergartens hingehend ein leises Reden vernahm, horchte sie und das Ohr der Mutter erkannte gar bald die Stimme des Sohnes. Die letzten Worte, bei welchen die Leidenschaft den Ton vorsichtig zu dämpfen vergaß und von denen ihr keine Silbe entging, sagten ihr alles. Sie erschrack heftig und zitterte an allen Gliedern. Hatte sie doch so eben noch der Freundin versichert, daß an dem Geschwätz wegen der Annemarie gar nichts sei und ihr Ludwig bald Kirchbauer sein werde. Sie glaubte vor Scham und Verdruß in die Erde sinken zu müssen. Da sie nicht mit sich einig werden konnte, was sie beginnen sollte, und im Garten Stille eingetreten war, ging sie weiter. Der Schrecken in ihrem Herzen machte dem Zorn Platz. Sie so schändlich anzuführen, zu dem Mädchen zu gehen wider ihr ausdrückliches Verbot und ihr so gottvergessene Dinge zu sagen! Bevor sie noch in ihren Hof trat, war ihr Entschluß gefaßt. Sie schwieg still und ließ sich nichts anmerken, weder vor dem Vater noch vor dem Sohn, der nicht lange nach ihr heim kam.
Den andern Morgen, als der Angerbauer eben das Haus verlassen hatte und Ludwig ihm folgen wollte, sagte die Mutter, sie habe noch etwas mit ihm zu reden. Sie führte ihn in's Kanzlei zurück und sagte, gerade auf das Ziel losgehend: »Du bist gestern Abend bei der Annemarie gewesen!« — Darauf war Ludwig nicht gefaßt. Er verlor etwas die Farbe und stammelte: »Wie sollt' ich.« — Aber die Mutter fiel ihm in die Rede: »Läugn' es nicht, ich hab mit meinen eigenen Ohren gehört, was du ihr gesagt hast!« — Und indem sie ihn mit bekümmert erzürntem Blick ansah, fuhr sie fort: »Es hilft also kein Reden an dir, du willst dich mit Gewalt in's Geschrei bringen und ein unerfahrenes Mädchen durchaus unglücklich machen!«
Bei diesem Vorwurf sammelte sich der Betroffene wieder. Er erwiederte: »Wer sagt das? Ich habs ganz anders mit ihr im Sinn!« — »Wie soll ich das verstehen?« — »Wenn ich sie nun heirathen wollte?« — Die Mutter, auf eine solche Rede gefaßt, zuckte die Achseln und sagte: »Du bist nicht gescheidt!« — Ludwig aber versetzte mit Ernst: »Ich weiß es, mit keiner würd' ich so glücklich leben, wie mit der Annemarie. Grade die gefällt mir, und sonst keine andere!«
Die Augen der Angerbäuerin funkelten. »Wie!« rief sie aus, »das unterstehst du dich mir zu sagen, — du, der mit der Ev' so gut wie versprochen ist?« — »Davon weiß ich nichts,« sagte Ludwig. — »So, davon weißt du nichts? — Nun merk auf, was ich dir sag: wenn du von diesen dummen Gedanken vor deinem Vater nur ein Wörtchen merken läßt, so bringt er dich um! Das ist der Rechte, sich von einem Kind so etwas gefallen zu lassen!«
Der Sohn erkannte das Gewicht dieser Worte und schwieg. Dann sagte er in traurigem Ton: »Ich hätt' gedacht, du zum wenigsten würdest nicht so hart gegen mich sein und dich meiner annehmen gegen ihn.« — »So,« rief die Mutter, »auf mich hast du dich verlassen? Du kennst mich also nicht, wie es scheint. Ich sag dirs jetzt ein für allemal: nie werd' ich zu einer solchen Heirath meine Einwilligung geben! Ich will nicht, daß mein Sohn durch seinen Unverstand sich unglücklich macht und der ganzen Freundschaft einen Schimpf anthut! Wenn du nicht von diesem Augenblick an das Caressiren mit dem Mädchen aufgiebst, so sag ichs deinem Vater und du wirst sehen, was dann geschieht! — So, jetzt kennst du meine Meinung und kannst dich darnach richten!« — Nach diesen Worten verließ sie die Stube, indem sie die Thüre etwas unsanfter zumachte, als gewöhnlich.
Es ist eine bekannte Sache, daß der Widerstand, den wir auf dem Weg zu einem ersehnten Ziel erfahren, unsern Eifer und Muth, dahin zu gelangen, oft nur steigert. Zuweilen bewirkt er aber das Gegentheil: er führt zu einer Erwägung, in der uns das Ziel als ein unerreichbares erscheint, so daß wir uns, wenn auch mit schwerem Herzen, zum Rückgang entschließen. Die menschliche Seele ist ein eigen Ding. Namentlich sind die weicheren für die Eindrücke des Entgegengesetzten empfänglich, und wenn sie eine Zeitlang sich ausschließlich nach einer Seite gewendet haben, so werden sie dadurch nur um so offener für die andere. Dies sollte nun auch Ludwig erfahren. So erzürnt war seine Mutter nie gewesen, so heftig hatte sie nie gegen ihn gesprochen. Er fühlte auf's tiefste, daß er sie nicht zum Nachgeben bewegen würde; — und wie sollte ihm das erst bei seinem Vater gelingen! — Die Gründe, aus denen beide gegen eine solche Verbindung sein mußten, stellten sich ihm dar, und er war so sehr Bauer und Sohn seiner Eltern, daß er ihre Vernünftigkeit nicht bestreiten konnte. Annemarie war die Tochter und Verwandte von Söldnersleuten, d. h. sie gehörte einem Stande an, über dem sich der Bauer allenfalls eben so erhaben fühlt, wie der Adelige über dem bürgerlichen. Der Bauer hat einen Hof mit Haus und Stadel und zusammengehörigen Feldgütern, er besitzt Rosse und Rindvieh in gehöriger Anzahl und hält sich Knechte und Mägde. Der Söldner hat nur ein Haus, wenige Grundstücke, kein Roß, im besten Fall einiges Vieh. Um sich besser durchzubringen, lernt er ein Handwerk und hilft dem Bauer bei der Ernte, wodurch geringere Söldnerfamilien zu gewissen Höfen in eine Art von Clientenverhältniß kommen. Daß der Bauer sich nun als zu einer höheren Menschengattung gehörig ansieht, ist beinahe so natürlich, als das Bewußtsein des Aristokraten gegenüber dem Bürgerlichen. Das Vermögen übt freilich auch hier eine ausgleichende Macht, und wenn der Söldner empor, der Bauer heruntergekommen ist, so wird die Verbindung der Familien wieder möglich. Aber auch so kann sich der traditionelle Stolz noch wehren, und mir ist ein Fall bekannt, wo ein verschuldeter alter Bauer nur mit größter Mühe zu bewegen war, seinen Sohn eine wohlhabende Söldnerstochter heirathen zu lassen, indem er den Verwandten, die sie herausstrichen, immer wieder antwortete: »Es ist doch keine Bauerntochter!« — Bei Ludwig und Annemarie kam zu diesem Mißverhältniß noch der große Unterschied des Vermögens, da sie kaum den achten Theil desjenigen besaß, was er nur vorläufig mitbekommen sollte; endlich vollends die Anknüpfung mit Eva. — Der Kopf des jungen Menschen brannte, nachdem er das alles überlegt hatte, und an seine Eltern denkend rief er mit Verzweiflung aus: »Sie thuns nicht, sie thuns nicht!«
Das Bild des Mädchens stand so schön und lieb vor seiner Seele, wie jemals. Er hatte ihr gestanden, wie gern er sie habe, hatte ihr gesagt, sie solle ihm vertrauen, und er wolle nicht von ihr lassen. Aber wenn seine Eltern ihre Einwilligung verweigerten, so machte er Annemarie nur unglücklich — und durfte er das? Ein förmliches Versprechen hatte er ihr nicht gegeben. Bis jetzt war es eben ein Liebeshandel, wie es so manche giebt in der Welt, ohne daß es zum Heirathen kommt; ein Liebeshandel, wo man ja vieles spricht, was man nicht halten kann, ja nicht einmal darf. Andere hatten ganz andere Verpflichtungen gehabt, als er gegen Annemarie, und doch zuletzt ihres Gleichen geheirathet. Auf der andern Seite, — war es denn gewiß, daß Annemarie die Sache so schwer aufnahm? Vielleicht tröstete sie sich bald, heirathete einen andern und wurde glücklich. — Wenn das Herz Ludwigs diesen Gedanken widersprach, so mußte er sie sich doch machen, und sie thaten ihre Wirkung.
Ein Entschluß mußte gefaßt werden. Er hatte mit Annemarie eine neue Zusammenkunft verabredet und er durfte sich nicht einfinden, wenn er sich nicht entschieden hatte, seinen Eltern zu trotzen. Als er nochmals alles hin und her überlegte, siegte zuletzt die Macht der äußern Verhältnisse; der Verstand und die Einschüchterung gewannen die Oberhand, die Liebe und die Leidenschaft gaben sich gefangen. — Er wollte zum wenigsten versuchen, ob er ohne Annemarie leben könnte. Wenns ging, so wollte er in Gottes Namen seinen Eltern folgen.
Er kam nicht zum Stelldichein. Als er Annemarie einen Tag später mit Regine begegnete, sagte er förmlich »guten Tag« und ging vorüber. Das Mädchen war etwas »verhofft« und sah ihm nach mit fragender Miene; aber sie entschuldigte beides. Zu der Bestellung hatte er nicht kommen können und vor der Regine wollte er sich nicht verrathen. Wie er nun aber mehrere Tage nichts von sich hören ließ, und endlich, als sie allein mit ihm zusammentraf, auch nur mit gewöhnlichem Gruß und dazu noch sichtlich verlegen an ihr vorüberging, da erkannte sie ihr Geschick. »So,« sagte sie, indem ihr Herz zu klopfen begann, »so ists gemeint?« Sie sah ihm nach und bemerkte, wie er schneller ging, gleichsam um aus ihrem Bereich zu kommen. Ihre Augen füllten sich mit Thränen. »Das ist der Mensch, der zu mir gesagt hat, daß ich ihm das Liebste wäre auf der Welt! So hält er Wort! O, ich hätt' mir's denken sollen!« Sie ging in's Haus zurück und eilte in ihre Kammer hinauf. Ihre Thränen strömten, sie sah mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes und der bittersten Kränkung vor sich hin. Dann sagte sie: »Es geschieht mir ganz recht, daß es so gekommen ist! Warum bin ich so einfältig gewesen und hab' ihm geglaubt? Warum hab' ich mir eingebildet, ich wär' auch etwas werth? — O, wie dumm!« setzte sie schmerzlich lächelnd hinzu. »Als ob diese Leute von ihrem Stolz lassen könnten! Als ob wir ihnen zu was anderem recht wären, als zum Spielen! Ja, ganz recht geschieht's mir, grad so hat's kommen müssen!«
Regine kam die Treppe herauf und öffnete die Thüre. Annemarie bemühte sich nicht, ihren Schmerz zu verbergen. Die Freundin sah sie mitleidig an und sagte: »Ich weiß, warum du weinst. Ja, ja, 's ist so. Beim Angerbauer hat's was gegeben. Der Alte und der Junge sind hinter einander gekommen, und Ludwig muß die Ev' heirathen.«
»Muß er?« sagte Annemarie, die bei ihrem ruhigen Wesen doch heroischer war, als Ludwig, und unter umgekehrten Verhältnissen sich standhafter gezeigt hätte. — »Ja freilich muß er, wenn sein Vater will,« erwiederte Regine. — »Nun,« versetzte die Gekränkte mit Stolz, »wenn er mich lassen kann, dann kann ich ihn auch lassen!« — Sie trocknete ihre Thränen und ging mit der Freundin hinunter, um sie auf's Feld zu begleiten.
Von da an erschien Annemarie vor andern gefaßt, ohne den Zustand ihres Herzens verbergen zu wollen. Die Freude des Lebens war ihr genommen, und sie wollte nicht thun, als ob's anders wäre. Ihr Gesicht verlor nach und nach die blühende Farbe, bekam aber dafür einen eigenen feierlichen Ausdruck, und ihre braunen Augen erhielten einen Glanz, der selbst dem alten Bäcker auffiel, so daß er den Kopf schüttelte und für sich murmelte: »Es ist Schade, Jammerschade; aber ich kann ihr nicht helfen!« — Ihr Schicksal, wie man es erkannte oder errieth, flößte den Leuten Achtung ein. Selbst diejenigen, die im Dorf wegen eines »bösen Mauls« berufen waren, unterstanden sich nicht, in ihrer Gegenwart Anspielungen zu machen, und kein junger Mensch fand in sich den Muth, ihr schön zu thun und ihr für den erlittenen Verlust einen Ersatz anzubieten.
Ludwig setzte unterdessen den Versuch, ohne Annemarie zu leben, fort. Er hatte zum drittenmal gewagt, sie zu grüßen; aber sie war mit einem Ausdruck von gekränkter Würde an ihm vorüber geschritten, daß er es fortan unterließ. Wenn er nun bei einer unvermeidlichen Begegnung ihre Wangen sich färben und ihr Auge glänzen sah, dachte er wohl: sie würde nicht so bös sein (freilich nicht der rechte Ausdruck für das Gefühl des Mädchens), wenn sie wüßte, wie hart es mich ankommt! — Sein Leben wurde sehr einförmig. Er ging zu Hause und auf dem Felde still seiner Arbeit nach und machte Sonntags, anstatt mit Kameraden fröhlich zu sein, einsame Spaziergänge. Auf einem derselben sagte er zu sich: »Leben kann ich wohl ohne sie, das hab' ich nun gesehen; aber was ist das für ein Leben!« Er schüttelte den Kopf und ging traurig nach Hause.
Am dritten Sonntag nöthigte ihn seine Mutter, mit ihr einen Besuch beim Vetter Kirchbauer zu machen. Sie sah, daß Ludwig ihr und dem Vater ein Opfer brachte und daß es dem armen Menschen schwer wurde; sie war daher auf dem Weg besonders gut gegen ihn und gab sich große Mühe, ihn zu erheitern, indem sie ihm vormalte, welch' einen Herrn er als Mann der Eva spielen könne, wo er schon zum Anfang einen schuldenfreien Hof und Geld am Zins haben würde. — Die Kirchbauerleute hatten natürlich von der Geschichte mit Annemarie gehört. Eva konnte bei der Begrüßung sich nicht enthalten, eine spöttische Miene zu weisen und gegen denjenigen, der einen solchen Streich machen konnte, eine gewisse Geringschätzung an den Tag zu legen. Indessen, der Sünder hatte eine Eigenschaft, die mit Nothwendigkeit Vergebung forderte: er war der Sohn reicher Leute.
Man faßte denn auch die Sache von der heitern Seite auf. Als man beim Kaffee saß, versuchte Eva scherzhafte Anspielungen zu machen, die ziemlich plump herauskamen, und der arme Ludwig mußte nun seine Liebe verleugnen und erklären, daß ja an der ganzen Sache nichts sei, daß er was ganz anderes im Sinn habe u. s. w. Er strengte sich offenbar an und wollte sich zwingen, Eva lieb zu gewinnen. Die Folge war, daß ihm die große Person, die seinem Herzen bisher gleichgültig war, zuwider wurde. Auf dem Heimweg sprach die Mutter davon, die Sache nun bald richtig zu machen. Ludwig bemerkte: »Mit der Zeit wird sich alles geben; aber jetzt, ich bitte schön, laß mich in Ruh und treib nicht an mir!« Die Angerbäuerin fühlte, daß sie still sein müsse.
Die zweite Hälfte des Juni war herbeigekommen und mit ihr die Nördlinger Messe. Diese dauert vierzehn Tage und ist ein Fest für das ganze Ries. Die ländlichen Hausfrauen kaufen sich auf ihr den Bedarf an Kleidungsstoffen, Hausgeräthen und Spielzeug, und an manchem Tag sieht man auf den Hauptplätzen mehr Bauern als Städter. Namentlich ist dies bei den Hafnern der Fall, wo die klugen Bäuerinnen durch wiederholtes Klopfen die Güte der Geschirre prüfen und an großen und kleinen ein Gemisch von Tönen hervorbringen, daß man ein wahres Concert zu hören glaubt. Hat man gehörig eingekauft, so erquickt man sich an den berühmten Nördlinger Brat- oder geräucherten Groschenwürsten, trinkt Bier dazu oder gar ein Schöppchen Wein, und wandert in der Dämmerung, trotz des gefüllten, wachstuchbezogenen »Donaugretzens,« den man zu tragen hat, vergnügt nach Hause. Die Sonntage sind für die »Ledigen,« die namentlich am zweiten, der eben deßwegen der »Bauernsonntag« heißt, von allen Dörfern nach Nördlingen strömen, um in verschiedenen Wirthshäusern der Lustbarkeit nachzugehen.
Ludwig hatte acht Tage vergehen lassen, ohne sich um die Messe zu kümmern. Sein melancholisches Aussehen machte die Mutter besorgt und selbst den Alten bedenklich. Als er gar am Bauernsonntag keine Anstalt machte in die Stadt zu gehen, da hielt sich die Mutter nicht länger. Sie nahm eine kleine Rücksprache mit dem Vater, dann ging sie zu Ludwig, der in seiner Kammer war, und redete ihm mit mütterlichem Ernst in's Gewissen: was denn das wäre, daß er gar nicht mehr unter die Leute gehen wolle? Wenn andere ledige Bursche sich lustig machten, sitze er da und sinnire; ob das eine Art sei für einen jungen Menschen? »Da,« fuhr sie fort, indem sie einen Beutel voll Kronenthaler aus der Tasche zog, »da nimm, geh nach Nördlingen, mach dir einen vergnügten Tag und laß etwas drauf gehen! Du weißt ja, wir haben's!« Ludwig, den Beutel in Empfang nehmend, sagte mit trübem Lächeln: »Nun gut, Mutter, ich will dir folgen.« Das Gesicht der Angerbäuerin erheiterte sich. Sie wußte, daß Eva in der Stadt sein würde, und hoffte, daß die beiden jungen Leute sich treffen, mit einander tanzen und sich vollends verständigen würden.
Ludwig kleidete sich trotz seiner Melancholie festlich an, wie sich gebührte, und schlug nach der Stadt einen weitern und weniger begangenen Fußweg ein, der durch Getreidefelder und Wiesen führte. Der Tag war ausnehmend schön und klar. Die Nachmittagssonne schien warm vom Himmel, aber ein frisches Lüftchen, das von Osten kam, milderte ihre Wirkung. Still, zuweilen ein rührendes Lied summend, wanderte Ludwig den heimlichen Gang durch das hochgewachsene Korn. Als er auf die Wiese heraustrat und die Augen aufschlug, bot sich ihm ein höchst erfreulicher Anblick. Etwa noch eine halbe Stunde entfernt lag die Stadt Nördlingen da, von grünenden Gärten umgeben. Der von grauen Quadern erbaute Thurm der St. Georgienkirche — einer der höchsten und stattlichsten in Deutschland — erhob sich in dem klaren sommerlichen Duft freundlich über die Häuser und bildete mit ihnen ein Ganzes, dem man die Eigenschaften der Solidität und Wohlhäbigkeit von weitem ansah. Und rechts und links, auf Straßen und Feldwegen, zu Wagen und zu Fuß erblickte man geputzte Leute in ländlicher oder städtischer Tracht, welche dem einen Punkte zustrebten. Die Landschaft trug vielleicht eben jetzt ihr farbenschönstes Kleid. Ueberallhin wogende Getreidefelder in mannichfacher Abstufung des Grüns und Wiesen mit Blumen geziert, besonders mit der weißen »Meßblume,« die den Rieserinnen dazu dient, das, »Er liebt mich von Herzen« etc. vorzunehmen, und die in größerer Anzahl darüber verbreitet den Gründen einen besonders heitern Charakter giebt.
Auf Ludwig machte das alles freilich nur traumhafte Eindrücke. Seine Seele lebte in sich selber. Er war in einer Stimmung, wo man traurig ist, aber sich nicht ganz unglücklich fühlt, wo man zugleich mit der Trauer eine Lust der Ergebung empfindet, die alles Schmerzliche in gemildertem Lichte sehen läßt. In dem Menschenherzen sind wunderbare Quellen des Trostes, die sich aber nur öffnen, wenn es bedrückt wird. Dann erhebt sich eine Kraft in ihm, die in sanfter Strömung Linderung bietet, und die, wenn sie die früheren Hoffnungen nicht mehr beleben kann, doch wenigstens ihr Grab verschönt. — Als Ludwig die Erfahrungen der letzten Zeit an seiner erweichten Seele vorüberziehen ließ, regte sich leise und leise sogar die Hoffnung wieder. Die Sehnsucht erblickte in weiter Ferne Bilder des Glücks, und das junge Herz fand ihre Verwirklichung nicht mehr so ganz unmöglich.
In der Stadt angekommen, ohne recht zu wissen wie, ging er zuerst auf den Markt beim Rathhaus und hatte dort kurze Ansprachen mit verschiedenen Kameraden. Dann trieb er sich in bunter Menschenwoge bei den Meßständen umher und kaufte einiges zu Geschenken. Als er müde war, suchte er den »goldenen Ochsen« auf, wo die jungen Leute seines Dorfes einzukehren pflegten. Fröhliche Musik erschallte von den Fenstern des ersten Stocks. Er fühlte keine Neigung, sich unter die Jugend zu mischen, trat in die untere Stube, ließ sich einen Krug Bier geben und setzte sich in eine Ecke. Nach und nach regten die wohlbekannten Töne des Horns und der Clarinette doch eine Neugierde in ihm an, und er ging in den Saal hinauf, um dem Tanze zuzusehen.