Dostojewski, Petersburg und die Schönheit der Stadt

Die hellen Nächte sind die Lyrik des Nordens. In ihrem Lichte, in der geisternden Unwirklichkeit des finnischen Sumpfes, dort, wo Norden und Osten sich treffen, hat Peter seine Stadt gegründet. Und in dem Od dieser Stadt hat Dostojewski seine Menschen gesehen, Petersburger Menschen, die in dem Widerspruche leben müssen, daß sie als Russen wirkliche und als Europäer unwirkliche Menschen sind. Es ist nicht das Licht des reinen Nordens, das vom Pol kommt und in der Arktis seine harten elektrischen Phänomene empfängt. Es ist nicht das mythische Licht der Edda, in dem die Gestirne wie Runen am Himmel stehen und unter dem von einem großen Magus das Buch von der Welt aufgeschlagen wurde. Es ist auch nicht das Licht jener klaren dualistischen Nacht, in der Kant den bestirnten Himmel über ihm und das moralische Gesetz in ihm in Ehrfurcht bewundern lernte. Es ist vielmehr die Macht der finnischen Zauberer, die Kalews Söhne durchbrachen und in der Wanemuine sang: das Licht einer weicheren Helle, in der die Fläche der unendlichen Steppe zwischen Kaukasus und Skandinavien gen Norden zurückgeschlagen wurde. Es ist das Stadtlicht einer Halbhelle, in der die Menschen unsicher gehen, wie Schatten auftauchen, wie Schatten verschwinden, ohne Willen, wie ihn nur einmal Peter an dieser Stelle hatte, aber dafür mit einer äußersten Verinnerlichung, die Dostojewski hier in einer schrecklichen alltäglichen strindbergischen Wirklichkeit aufdeckte.

Der erste Eindruck von Petersburg ist die Häßlichkeit seiner Menschen. Die finnische Urbevölkerung scheint in grauen und unscheinbaren Verkümmerungen fortzuleben. Die Verbindung zu einer neuen Stadtrasse mißlang und in zweihundertjähriger Großstadtinzucht wurde ein Bastardgeschlecht erzeugt, das in der Luft feuchter Stuben in naturlosem Nebelleben vollends verdarb. Dieser Eindruck wird noch gesteigert durch den Gegensatz, daß so viel fade und verdächtige Hübschheit sich hineinmischt, Schönheit, die aus polnischer, grusinischer und wer weiß welcher orientalischen Rasse stammt und hier auf ihren verweichlichten Rest zurückgeführt wurde: Schönheit ganz kleiner spitzer glatter Züge, die doppelt widerlich am Manne ist und über die auch der selbstgefällige Bart eines Würdenträgers nicht hinwegzutäuschen vermag. Wohl sieht man auch Erscheinungen: sieht Rasse zwischen Entrassung. Im Wagen oder Schlitten fährt eine glücklichere Gesellschaft vorüber, die in russischer Ungebundenheit gepflegteste Westlichkeit nachahmt. Doch die Menge ist ohne Bodenständigkeit, haltlos in sich, und auf den Straßen sieht man allenthalben diese leidenden Menschen mit dem Ausdruck von Krankheit, Verlebtheit, Verbrechen: Menschen, denen man alle Laster zutraut, worunter Spitzeltum und Bestechlichkeit, als die amoralischen Grundlagen der russischen Gesellschaft wie des russischen Staates im Volke, noch die gewöhnlichsten und von beinahe bürgerlicher Selbstverständlichkeit sind. Nirgendwo sonst gibt es diese mageren rachitischen Gestalten, diese fahlen hektischen Gesichter, verkümmert durch Not oder durch Ausschweifung, diese zweideutigen Mienen von Winkel- oder Kellermenschen, diesen Zug eines schlechten und doch gleichgültigen Gewissens auf einem gestempelten Gesicht. Abgearbeitetes und schlechtentlohntes Beamtentum mischt sich mit einer mißverstandenen und übertriebenen Halbwelteleganz. Verkommene sind da, von denen man nicht weiß, ob es Schwärmer sind, Ideologen in Entsagung, oder Zuchthäusler in Scheuheit und Frechheit zugleich. Es ist ein Fluch über dieser Stadt: Erbe einer großen Bestimmung auf unsicherem Grunde zu sein, in Entwurzelung und Ziellosigkeit, Erbe des petrinischen Irrtums und Verhängnisses, daß es in Rußland nie eine petrinische Nachfolge in Ebenbürtigkeit geben sollte. Doch immer wieder warf das Land seine Menschen in diese Stadt, Bauern, die hier zu Industriearbeitern wurden, Popensöhne, die als Nihilisten anfingen, um als Kanzlisten zu enden. Man glaubt sie noch herauszukennen, diese Generation der zuletzt Angekommenen. Und an einem Soldaten, an einem Dwornik, oder an diesen herrlichen Kutschern mit den prallen Pelzröcken, diesen steifen ausgestopften breitbärtigen Riesenpuppen, die mit der Würde von Königen die Gesellschaft über den Newskij fahren, erkennt man plötzlich, was Rasse auch hier ist, großrussische Rasse, tatarische Rasse, volklich, eigentümlich, ursprünglich, dort hinten, um Moskau, weit in Rußland.

In dieser belasteten und verdorbenen, dieser unfertigen und doch schon frühalten Stadtbevölkerung, die Peter aufeinander angewiesen hatte und die seitdem von dem Staate in einer fahrlässigen und doch wieder großzügigen Ordnung zusammengehalten wurde, während sie selbst vorwiegend durch Betrug mit sich und dem Staate auskam – in ihr entdeckte Dostojewski den Menschen. Puschkin und Lermontoff hatten den romantischen Helden entdeckt, den byronischen Jüngling mit skeptischen und ironischen, aber auch mit heroischen und enthusiastischen Zügen, der freilich der Gesellschaft, nicht dem Volke angehörte, und hatten ihn mit Gestalten der Nation, der Sphären der Armee und Beamtenschaft, der Kleinbürger und Bauern nur umgeben. Dostojewski dagegen entdeckte den seelischen Menschen, die Tragödie der Unscheinbarkeit, die im Unbemerkten, in einem Mensch-für-sich-sein dahinlebte, und entdeckte, daß er voll von rührenden oder erschütternden inneren Werten war. Er tat es moralisch, mit einer leisen Beinote des Sozialen, in seinen Jugendwerken, von den „Armen Leuten“ bis zu den „Erniedrigten und Beleidigten“, und schließlich religiös, nachdem ihn seine sibirische Zeit mit den Ausgestoßenen dieser Gesellschaft und dieses Staates zusammengebracht und er selbst im Dulden die Erlösung von allen russischen und petersburgischen Leiden erlebt hatte, in den Heilandgestalten seiner großen Romane. Er tat es wohl auch humoristisch, indem er zu der Allmenschlichkeit, mit der er diesen Leiden in Güte begegnete, die behäbige oder verdrehte Allzumenschlichkeit fügte, die versöhnend in den Menschen selbst lag, oder die er hineinlegte. Und er tat es schließlich lyrisch, mit einer Behutsamkeit der tiefen Empfindung, aber auch der schwebenden Form, indem er die beseligte und beseligende Schönheit offenbar machte, die ihr Leben in der Armut seiner Geschicke und in der Häßlichkeit seiner Umgebung von innen erleuchtete. Die Menschen selbst wurden schön. Mädchen wurden reizend. Jünglinge erhielten, obwohl sie Petersburger blieben, frische Knabenhaftigkeit zurück. Und ein paar Alte bekamen die würdige Schönheit von Philemon und Baucis. Es war nicht klassische, nicht romantische Schönheit, sondern russische und seelische Schönheit, die sich von dem Nerv der Gefühle unmittelbar auf die Linie des Körpers übertrug, auf die Farbe des Ausdrucks, auf die Liebenswürdigkeit der Gestalt. Es war nicht moralische Schönheit im Sinne Kants, der aus der Schönheit eine Tugend gemacht hatte, jenes immer etwas umständliche Symbol des Sittlich-Guten, das man erst mit dem Verstande erfassen muß, ehe man es am Menschen entdecken kann. Es war eine ganz persönliche Schönheit, ohne Umwege, ohne Symbolik, in sich selber kniend, eingeboren in Worten und Handlungen.

Zugleich entdeckte Dostojewski die Schönheit von Petersburg. Puschkin hatte ihr Pathos besungen, die Stadt des ehernen Reiters, die Nadel der Admiralität, den Granit der Newakais, die schreckende Nähe der Peterpaulsfeste, in deren Kirche die Romanoffs ruhen, der kriegerischen Stätte, deren Kanonen alle Ereignisse in der Dynastie und die Taten des Heeres donnernd über den Fluß verkündeten. Petersburg war immer schön, solange es petrinisch blieb. Aber zwischen Puschkin und Dostojewski lag die Entwicklung von der Residenz, die auch in ihren Furchtbarkeiten und Geheimnissen noch vornehm war, zu der grauen und grausamen Großstadt, in der die Menge die weiten Straßenzüge und hohen Mietshäuser zu füllen begann. Nun mußte die weiße Magie der Natur, atmosphärisches Licht und vibrierende Stimmung, die Schönheit des Alltags ersetzen, die Dostojewski, je länger er in ihr lebte, um so stärker empfand. Er hat Petersburg wohl auch mit harten, mit verfluchenden Worten bedacht. Aber er hat die Stadt doch immer wieder geliebt, ja die Liebe zu ihr, die Tatsache, daß er sie lieben konnte, teilte sich ihr selbst mit, wurde durch ihn zur Schönheit an ihr. Es war nicht ihr Stil, den er an ihr so liebte. Er scheint ihn gar nicht gekannt, gar nicht bemerkt zu haben. Dostojewskis Liebe zu Petersburg war unarchitektonisch, rein sensibel. Die majestäthaften Baulichkeiten, die immer der Ruhm der Zaren in dieser Stadt bleiben, werden niemals erwähnt, und nichts deutet darauf hin, daß er überhaupt wußte, daß Petersburg die Stadt eines großartigen Klassizismus und großer Klassizisten, der Sacharoff und Woronichin ist. Aber Dostojewski hat dafür jedes einzelne Haus geliebt und geliebkost. Er scheint mit allen vertraut und befreundet gewesen zu sein, und mit den unscheinbarsten am innigsten. An einer besonders schönen Stelle der „Hellen Nächte“ schildert er einmal, ganz in der treuherzigen Weise bunter russischer Märchen, wie in einer Straße, durch die ihn sein Weg des öfteren führt, jedes einzelne Haus vortritt und ihm sein neuestes Schicksal erzählt. Es war mit den Häusern von Petersburg wie mit den Menschen bei Dostojewski. Er belebte die Häuser menschlich, gab ihnen eine seelische Schönheit, wie es seelische Leidenschaften waren, in denen er seine Menschen leben ließ. Man empfindet diese Geistigkeit doppelt, wenn einmal, wie es in der Erzählung von dem „jungen Weibe“ geschah, südliche und sinnliche Schönheit, südliche und sinnliche Leidenschaft, wenn Menschen von Südrußland, von der Wolga, vom Schwarzen Meere sich in dieses Nebelland und in diese Nebelstadt verirren. Dann verbindet sich der Mythe die Kabbala, und der Dithyrambos einer dunkleren Romantik klingt in die helle Lyrik dieser nordisch-phantastischen Überwirklichkeit. Dann wird Petersburg zu Rußland, und auf den Straßen, die zu seiner Hauptstadt führen, ziehen seine Völker heran, um sich in dieser einsamen grausamen frierenden Schönheit von Petersburg zu verlieren, die sie mit ihrem kalten Lichte aufnimmt und die doch eine so innige Schönheit ist, daß ihr Dichter die Häuser und die Herzen mit der gleichen Liebe umfangen kann.

M. v. d. B.