Kiel hatte auf seiner Rückkehr nach dem »Pool« zirka 4000 Kilogramm Reis von den Arabern mitgenommen, die er mangels genügender Warenvorräte nicht hatte bezahlen können und schuldig geblieben war. Diese Schulden zu begleichen, erachteten wir als unsere erste Pflicht. Unser Hauptgläubiger residierte in Romée, und da unser Dampfer uns bereits verlassen hatte, beschlossen wir kurz, sofort mit unserm großen Kanu, das etwa 2000 Kilogramm an Waren sowie zwanzig Ruderer bequem fassen konnte, dort hinzufahren. Das Boot hatte eine Länge von etwa acht Meter und eine durchschnittliche Breite und Tiefe von 120 respektive 75 Zentimeter. In der Mitte befand sich ein Aufbau, eine Art Blätterdach zum Schutz gegen Sonne und Regen, groß genug, um uns beide in unseren Stühlen und sämtliche Waren unterzubringen. Dahinter war aus Lehm eine Art Feuerstelle hergerichtet, worauf unser Koch auch während der Fahrt unser Essen zubereitete. Ganz vorn und hinten standen, gleichmäßig verteilt, zwanzig bis dreißig Ruderer, die, im Takte singend, mit ihren lanzenförmigen Rudern das Boot vorwärtstrieben.
Wer die primitiven Werkzeuge der Neger aus Museen kennt, wird es für ganz und gar ausgeschlossen halten, daß Negerhände damit den langwierigen, viel Geschicklichkeit erfordernden Bau eines derartigen Kanus ausführen konnten. Wenn man bedenkt, welche ungeheure Mühe es erfordert, solch einen Urwaldriesen zu fällen, zu entrinden und mittels Feuer und Hacken Splitter für Splitter auszuhöhlen, dann wird man einen hohen Respekt vor der Arbeitskraft dieser Eingeborenen bekommen. Zu berücksichtigen dabei ist noch, daß sich nur das härteste Holz und nur Stämme dazu eignen, die ohne Äste und Fehler sind.
Als wir endlich alle im Boote untergebracht waren und unter dem gleichmäßigen Takt eines Gongs und dem Jubelgesang der Ruderer, die stromabwärts leichte Arbeit hatten, wie ein Pfeil über die Wasserfläche dahinflogen, da pochte mein Herz laut im stolzen Hochgefühl und der Gewißheit, endlich meine Träume erfüllt zu sehen. An einer Anzahl Dörfer vorüber, deren Einwohner beim Passieren unseres Kanus neugierig ans Ufer eilten, gelangten wir nach etwa zweistündiger Fahrt zur Mission St. Gabriel de Sacré Coeur, deren Patres uns aufs liebenswürdigste bewillkommneten und über Mittag zu Gast baten.
Der Pater Gabriel war ein äußerst jovialer Franzose, der uns über die Anfänge seiner Mission und die tausenderlei Gefahren und Schwierigkeiten, unter denen er zu leiden hatte, berichtete. Sein Gefährte Pater van Dussen hatte uns an der Landungsstelle empfangen und durch sein gespenstisches Aussehen einen für immer unvergeßlichen Eindruck auf mich gemacht. Man stelle sich ein weit über das normale Maß hinausreichendes Skelett in einer ebenso langen weißen Soutane vor, darüber einen Bart, der nach allen Seiten in noch nie gesehener Üppigkeit wucherte, und zwei kolossale, schwarze Augengläser, die den Rest des gerunzelten, bis zu den Knochen abgemagerten, fahlen Gesichtes völlig dem Beschauer entzog, da der übrige Teil desselben durch den großen, breitrandigen Tropenhut vollkommen verdeckt wurde. Er war schon sehr alt, der ehrwürdige Pater, und wußte viel Interessantes über seine Erlebnisse in Südamerika, wo er viele Jahre bis zur Verstoßung der katholischen Mission geweilt hatte, zu berichten. Still ergeben in sein Schicksal, hatte er hier kurz vor seinem Lebensabend einen neuen Wirkungskreis gefunden. Im übrigen waren beide äußerst vergnügt, Gesellschaft auf ihrer einsamen Station zu erhalten, und überboten sich trotz der bescheidenen Mittel, die ihnen zur Verfügung standen, in ihrer Gastfreundschaft. Aus ihren Erzählungen erfuhren wir, daß vor einigen Tagen zwei Missionsmädchen von großen Affen, die alljährlich aus dem Innern an die Flußufer kommen, geraubt worden waren. Nach den Schilderungen dürften es Gorillas oder Schimpansen gewesen sein. Als Pater Gabriel sich mit einigen Soldaten auf die Verfolgung machte und auf eines der Tiere schoß, ließ es das Mädchen von der Höhe fallen. Dieses lebte noch, hatte jedoch infolge des Sturzes derartige innere Verletzungen davongetragen, daß es binnen einigen Stunden starb. Die anderen hatten mit dem zweiten Mädchen unter furchtbarem Brüllen das Weite gesucht und konnten in dem tiefen Morast nicht weiter verfolgt werden.
Nach herzlichem Abschied verließen wir gegen drei Uhr nachmittags Le Sacré Coeur und fuhren weiter stromabwärts. An den Flußufern fanden wir keine weiteren Dörfer vor. Dagegen wurden aus dem grünen Vorhang des Waldes, der alles Lebende dahinter unserem Auge verhüllte, langgezogene Töne und Ausrufe hörbar, die von Mustapha beantwortet wurden. Eingeborene boten uns alle möglichen Gegenstände, darunter auch Sklaven und Sklavinnen, zum Kaufe an. Der Sklavenhandel ist hier unter den Suaheli noch in vollem Betrieb. Sklaven bilden den eigentlichen Reichtum der Neger und werden gerade so wie andere verkäufliche Gegenstände verhandelt.
Meine Unterhaltung mit Janssen verstummte allmählich, und ich gab mich ganz der weihevollen Stimmung hin, die am Spätnachmittag über dem Strom lag. Meine Sinne öffneten sich all dem Neuen, das sich mir hier erschloß. Meine Blicke schweiften von dem vor mir trommelnden Mustapha, dessen Wiege wahrscheinlich im fernen Osten in Sansibar gestanden hat, und der so wie ich durch Schicksalsfügung mitten unter die raubgierigsten aller Völker Innerafrikas verschlagen war, hinüber zu den muskulösen, schweißtriefenden Gestalten unserer Ruderer. Das Auge weidete sich an dem prächtigen Anblick dieser jungen lebenstrotzenden, braunen Körper, die die Ruder mit taktmäßigem, wuchtigem Schlag durch das glitzernde Wasser führten. Unwillkürlich blieb mein Blick an einer der schmalen, feingeformten Hände hängen, dieser Rassenhand, die ebensogut das Messer zückt, um das ungetreue Weib zu töten, als den meuchlings niedergestreckten Feind in Stücke zu teilen, um ihn tief im Innern der Urwälder, bis wohin die Gesetze der Europäer nicht reichen, mit den Gefährten aufzufressen.
Wohin das Auge blickt, überall spielt sich der gleiche Kampf des Schwachen mit dem Mächtigeren ab; es ist ein beständiger Streit zwischen Sein und Nichtsein. Tief aus dem Gewirr von Bäumen und stacheligen Pflanzen tritt unbemerkt ein kleines, schmächtiges Keimchen hervor. Gleich einer Schlange schmiegt und ringelt es sich am gewaltigen Stamme hinauf dem Licht der Sonne zu, die es zu neuem Leben entfacht und ihm Kraft verleiht. Bald streckt es tausend Fühler aus, die gleich Parasiten ihren Ernährer umarmen und von dessen Herzblut leben. Einmal ans volle Licht gelangt, entwickelt das Pflänzchen ein riesiges Laubgewinde und stößt Tausende von neuen Trieben aus, die von den Baumkronen der höchsten Riesen bis zur Erde reichen. Mit den Jahren werden sie so mächtig, daß sie ihren Ernährer in ihren kraftvollen Armen ersticken und durch ihre eigenen Blätterranken des notwendigen Lichtes berauben, bis ein Tornado Sieger und Besiegten zu Boden schleudert.
An schlanken Elaispalmen, an herrlichem Urwald vorüber, aus dessen Tiefen uns ein aromatischer, die Sinne bestrickender Duft entgegenströmte, glitt unser Boot. Hier flogen unter lautem Geschnatter ein paar Enten auf, dort stürzte ein Fischadler auf seine Beute, wieder kamen wir an Scharen schlafender Fledermäuse vorbei, die in Klumpen wie reife Früchte an irgendeinem vollständig kahlen Baume hingen. Alles war meinem freudetrunkenen Auge so neu und ungewohnt und versetzte mich in einen völligen Taumel von Entzücken.
Bei einbrechender Dunkelheit erreichten wir unsere erste Etappe, die englische Mission in Jakussi, und wurden daselbst von Sir Roger und Mr. Williams auf das liebenswürdigste aufgenommen. Besonders freudig überraschte es uns, in der Gattin unseres Gastgebers eine reizende, anmutige Engländerin in dieser unwirtlichen Gegend Innerafrikas kennenzulernen. Da wir der englischen Sprache mächtig waren, verging der Abend in sehr vergnügter und angenehmer Unterhaltung. Die Missionare erzählten von den Leiden und Freuden ihres weltabgeschiedenen Lebens, während Mrs. Roger fünf bis sechs reizende Mulattinnen im Alter von acht bis zwölf Jahren um sich versammelt hatte und in die Geheimnisse der Näharbeit einweihte. Nach langer Zeit schlief ich wieder einmal in weichen Federbetten in einem mit europäischem Komfort eingerichteten Zimmer. Am anderen Morgen war alles in großer Aufregung; ein Leopard war in der Station gewesen und hatte einen der großen Hunde weggeholt.
Frühmorgens verließen wir Jakussi, um unsere Reise stromabwärts fortzusetzen. Nach dreistündiger Fahrt gelangten wir am rechten Ufer an die erste arabische Niederlassung des Häuptlings Rumbee, der nach den Aufzeichnungen unseres Vorgängers unser Hauptreislieferant war und für uns 200 Sack auf Lager haben sollte. Dieser hatte, des langen Wartens überdrüssig, seinen ganzen Vorrat bereits an den Staat abgegeben, so daß wir das Nachsehen hatten. Wir bezahlten unsere alten Schulden und erreichten endlich nach vielem Hin- und Herparlamentieren, daß er uns versprach, Ende des nächsten Monates 200 Sack Reis nachzuliefern. Da sich nach Mustaphas Aussagen auf dieser Seite des Stromes noch mehrere Araberansiedlungen vorfanden, sandten wir unser Boot stromabwärts voraus und gingen selbst zu Fuß durch die bald größeren, bald kleineren Reisplantagen. Die Ansiedlungen der Suaheli zeichnen sich durch ihre großzügige Anlage und ihre Reinlichkeit aus. Die Bauten sind in Pise (Gerippe aus Holz, Aufbau aus einem Gemisch von Lehm und Termitenerde) ausgeführt und gewöhnlich weiß, hellblau oder auch rosa getüncht. Solch ein Gebäude besteht aus dem Frontbau mit Vorhallen und den Schlafgemächern, an welche sich eine Hecke anschließt, die den Hof und die Wirtschaftsgebäude umzäunt. In dem letzteren befinden sich die Küche, Vorratskammer sowie Schlafgemächer für die unmittelbare Hausdienerschaft. Der dazwischenliegende Hof dient zum Aufenthalt der Frauen und des Geflügels. Die Wohnungen der Häuptlinge sind ebenso gehalten, nur entsprechend größer und besitzen als besondere Merkmale eine Säulenhalle oder eine schwere, mit eingeschnitzten Schriftzeichen verzierte Tür. Bei wundervoll schönem Wetter machten wir einen Spaziergang durch die verschiedenen Plantagen von Mais, Maniok, Bananen, Yam, Bohnen und Reis, die die Suaheli am Flußufer entlang angelegt hatten. Aus allen Türspalten, Nischen und über Hecken hinweg lugten kleine Hausfrauen.
Beim letzten dieser Dörfer bestiegen wir wieder unser Boot und ließen uns auf das linke Flußufer übersetzen, um dem Oberhäuptling von Romée Mansuri Ben Said, der über 15000 Suaheli gebietet, einen Besuch abzustatten. Der alte Häuptling war vor kurzem gestorben, und wir wurden daher von seiner ehemaligen Favoritin und ihrem Sohne, seinem Nachfolger, empfangen. Wir zahlten auch hier alte Schulden ab, hatten aber Mühe, ihn zu neuen Geschäften zu bewegen, da er mit den Abgaben an den Staat im Rückstand war und fürchtete, seine Waren würden in Stanleyville beschlagnahmt werden. Schließlich versprach er uns für den nächsten Monat 500 Sack Reis und stellte uns auch einige schwere Elfenbeinzähne in Aussicht. Wir hatten nunmehr unsere Arbeiten erledigt und traten die Heimreise an. Jetzt lernten wir die Kehrseite einer Kanufahrt kennen. Solange das Boot mit der Strömung fährt, geht die Sache vorzüglich, stromaufwärts jedoch ist es eine andere Sache. Schritt für Schritt, träge und faul schleicht das Boot trotz vermehrter Arbeitskraft am Ufer entlang, jeder Meter vorwärts wird der Strömung unter Aufbietung aller Kräfte abgerungen. Unsere Ruderer waren in Schweiß gebadet, das fröhliche Singen hatte einer unwilligen und mürrischen Stimmung Platz gemacht.
Langsam versank die Sonne als leuchtender Feuerball am Firmament. Große Fledermäuse, Vampire und anderes nächtliches Getier huschte mit dunklen Schwingen über die Wasserfläche, irgendwo in der Ferne heulte ein Schakal jämmerlich. Zum Quaken der Frösche gesellte sich ein Orchester von Baumgrillen und hundert anderen Insekten, die an dem nächtlichen Konzert teilnahmen. Die Dunkelheit brach herein, und es begann langsam zu regnen, so daß wir froh waren, endlich beim Häuptling Rumbee noch kurz vor Ausbruch eines Orkans Unterschlupf zu finden. Meine Leute hatten kaum genügend Zeit, den erstbesten Negerchimbeque (Hütte) für Janssen und mich mit Beschlag zu belegen und dessen Einwohner, primitive Bassengi, hinauszutreiben, als auch bereits ein wahrer Wolkenbruch über uns niederging. Dazu war die armselige, niedrige Hütte noch derartig mit Rauch angefüllt, daß wir uns trotz des Feuers kaum sehen konnten. Unsere Boys hatten jedoch inzwischen alle unsere Siebensachen aus dem Boote hierher ins Trockene gebracht, und es blieb uns nichts übrig, als hier zu übernachten.
Rumbee war inzwischen von Mustapha von unserer Ankunft benachrichtigt worden und ließ uns nach Ablauf des ersten Regenschauers zu sich entbieten. In der großen Empfangshalle seines Palastes waren zwei mit Leopardenfellen behangene Lehnstühle für uns beide hergerichtet worden, während Rumbee mit dem Kreis der Seinen auf Matten und kleinen Bambusschemeln lagerte. Im Hintergrunde spielte eine aus Sansibar stammende Hauskapelle, bestehend aus drei Mann, die verschiedenartig gestimmte Tamtams schlugen und wirbelten, und zwei Frauen, die als Sängerinnen fungierten. Außer diesen trat noch ein Bauchpfeifer als Sonderkünstler auf, der bald eine Kriegstrompete nachahmte, bald wie eine wütende Bestie fauchte, zischte und die unglaublichsten Töne hervorbrachte. Diese kleine Künstlerschar spielte und sang während einiger Stunden eine ganze Reihe von Kampf- und Schlachtliedern, unter anderen auch den berühmten »Unsterblichkeitsgesang« der Mohammedaner, den Rumbee für gewöhnlich den »Ungläubigen« nicht vorzuführen pflegte. Ich glaube gern, daß die Araber, durch den Sirenengesang schöner Frauen und die Verheißungen eines paradiesischen Lebens im Jenseits angefeuert, mit Todesverachtung in den Kampf ziehen.
Dieses nächtliche Konzert inmitten einer fanatischen Bevölkerung auf der durch Pechfackeln nur spärlich beleuchteten »Barza« (eine Art Vorhof oder überdeckte Veranda) machte auf uns beide einen sehr starken Eindruck. Um uns für die liebenswürdige Überraschung erkenntlich zu zeigen, ließ Janssen aus unseren Vorräten eine Anzahl Perlenschnüre, Ringe, Armbänder und allerlei Zierat durch Mustapha dem Häuptling überreichen. Dieser erhob sich nunmehr und, in rhythmischen Bewegungen der Musik folgend, die von kreischendem »Allah«-Geschrei der ganzen Menge begleitet wurde, überreichte unsere Geschenke den Spielern. Das uns zu Ehren gegebene Fest hatte seinen Höhepunkt erreicht; einige weitere Gongschläger und Sängerinnen hatten sich der Gruppe angeschlossen und vollführten einen infernalischen Spektakel.
Janssen hatte durch Mustapha verschiedene Male andeuten lassen, daß wir gerne Haremsfrauen tanzen sehen möchten. Anfänglich weigerte sich Rumbee sehr entschieden, doch gegen Mitternacht konnte er sich unseren Bitten nicht länger verschließen und ließ uns durch Mustapha bedeuten, wir möchten uns verabschieden. Sobald wir uns erhoben hatten, zerstreute sich die versammelte Menge und begab sich zur Ruhe. Wir aber wurden nach kurzer Zeit von Mustapha durch eine kleine Seitenpforte in eine geschlossene Halle geführt, in die man unsere Stühle sowie Matten und Felle für Rumbee und einige seiner ganz Intimen hinübergebracht hatte.
War vorher vor dem Gefolge nur Tee und feiner englischer Biskuit herumgereicht worden, so bedeutete Mustapha uns jetzt, daß wir uns ohne weiteres Champagner und Liköre servieren lassen könnten. Rumbee gab einem seiner Diener ein Zeichen, und dieser kehrte kurz darauf mit einer versiegelten Flasche Ananaslikör zurück.
Die Sansibariten hatten ihre großen Gongs mit Saiteninstrumenten und einem kleinen Gong vertauscht, und kurz darauf erschienen sechs blühende junge Haremsfrauen, über und über mit Zierat behangen, der wie ein Schuppenpanzer vom Hals bis zum Busen reichte und diesen teilweise bedeckte. Hüfte und Leib waren vollständig entblößt und wiegten und wanden sich in rhythmischen Bewegungen in vollendeter Grazie nach dem Takte der Musik, bald in tollem, sinnenberückendem Wirbel, bald in vornehmer majestätischer Ruhe. Auch hier verabreichten wir Geschenke in Form von allerlei Zierat und golddurchwirkten »Pagnes« (Schürzen), welche die reizenden Geschöpfe in sichtlich kindlicher Freude aus den Händen Rumbees entgegennahmen. Meine entzückten Augen konnten sich nicht sattsehen an dem wundervollen Glanz der lachenden Kinderaugen, deren Ausdruck durch die langen Wimpern und schwarzen Brauen nur noch mehr gehoben wurde, an den blendend weißen Zähnen, die wie Perlenreihen aus den halb geöffneten Lippen hervorlugten, an den feingeschwungenen Lippen und Gesichtszügen, an den zarten, schmalen, rassigen Händen und Füßen und endlich an dem jungfräulichen und doch wieder kräftigen Körper, der berückend schön in jeder Bewegung uns seine Reize offenbarte. Nachdem wir zum Schlusse noch den üblichen Bauchtänzen beigewohnt hatten, schieden wir von Rumbee und begaben uns in unsere primitive Behausung, wo ich mich auf das harte Bambuslager legte und von dem Harem träumte, während Janssen noch lange vor der Tür lauerte, da er behauptete, eines der jungen Mädchen habe ihn bedeutungsvoll angeblinzelt und mit der Hand zugewinkt.
Ich mochte kaum eine Stunde geschlafen haben, als mir plötzlich etwas über den bloßen Arm und das Gesicht hinweglief. Mit einem Satz war ich aufgesprungen und lauschte ins Dunkel hinein. In der Hütte um mich herum ertönten unheimliche Laute wie das Gepiepse von Ratten und Mäusen, die erschreckt die Flucht ergriffen. Ein fernes Brausen drang vom Fluß herauf, in wilder Jagd sausten unbekannte Geschöpfe über Geräte hinweg, die Wand der Hütte hinauf und wieder hinab. Über mir mußte irgendeine große Fledermaus umherfliegen, denn ganz deutlich konnte ich das Klappen der Flügel hören und den leichten Luftzug, den das Tier hervorbrachte, wenn es sich mir näherte, fühlen. Ich wollte Licht machen, doch versagten die Zündhölzer, die durch den Regen naß geworden waren. Nun suchte ich, mit der Hand vorsichtig tastend, in der Dunkelheit nach einem Prügel und erwischte schließlich einen Knochen, der meinen Zwecken dienlich schien. Nicht ahnend, welche Art Knochen ich da erfaßt hatte, schlug ich damit an die Bettkante und verschaffte mir so wenigstens für einige Minuten Ruhe. Ich ergriff mit der anderen Hand das Oberende, und ein Grauen überfiel mich. Der Knochen, den ich in der Hand hielt, stammte vom Oberschenkel eines Menschen. Eine Täuschung war unmöglich, kein Tier hat derartig geformte Knochen. Ein eiskalter Schauer fuhr mir den Rücken hinab, der Angstschweiß stand mir auf der Stirn. Bei diesem Zeugnis von Kannibalenmahlzeiten wurde mir klar, warum die beiden Bassengi vorhin wie aufgescheuchte Bestien aus der Hütte geflüchtet waren und sich nicht mehr blicken ließen.
Raschelnd kam über die trockenen Blätterwände der Hütte wieder allerlei Getier angelaufen. Ratten und Mäuse stöberten unter altem Hausgerät nach Speiseresten. Aus unmittelbarer Nähe ertönten schaurige Rufe und Schreie in die stockfinstere Nacht, wie von einem Kind herrührend, das man langsam hinmordet und an dessen Qualen sich jemand weidet. Dazwischen vermeinte ich wieder flüsternde Stimmen zu vernehmen. Die Nacht war lebendig um mich, ich war von einer Schar unsichtbarer Feinde umgeben. Ganz deutlich fühlte ich etwas an dem Bambus unter meinem Kopf heraufkriechen. Sollte es eine jener gehörnten Vipern sein, die nachts in die Hütten der Eingeborenen kommen und Jagd auf Ratten und Mäuse machen? Man hatte mich vor dieser furchtbarsten aller Schlangen, deren Biß qualvolle Schmerzen verursacht und unbedingt tödlich ist, gewarnt. Die Beine hochgezogen, die schützende Decke gleichsam als Schild vor dem vor Grauen in Schweiß gebadeten Körper haltend, kauerte ich auf meiner Pritsche und starrte in das unheimliche Dunkel, in der Rechten den Menschenknochen haltend und bereit, mit ihm alles zu erschlagen, was in meine Nähe kam.
Mein erstes am folgenden Morgen war, nach den beiden Bassengi zu forschen. Diese hatten Reißaus genommen und blieben unauffindbar. Mustapha bestätigte mir, daß der gefundene Knochen ein Menschenknochen sei. Beim Durchstöbern der Hütte fand sich noch eine ganze Anzahl vor, eine Tatsache, die ihn nicht im geringsten wunderte, da die Eingeborenen im Innern, am Fluß Lindi entlang, bekanntlich Kannibalen sind.
Bei Tagesanbruch setzten wir unsere Reise stromaufwärts fort, um eine möglichst lange Strecke vor Beginn der großen Sonnenhitze zurückzulegen. Wir mochten ungefähr drei Stunden unterwegs sein, ohne daß sich irgend etwas Nennenswertes ereignet hatte, als plötzlich in unmittelbarer Nähe eine Leiche vorbeitrieb. Beine und Hüften ragten aus dem Wasser, waren vollständig weiß und zeigten bläuliche Tupfen. Mustapha erklärte, daß dies die Leiche eines Negers sei, die nach längerem Liegen im Wasser die Hautfarbe verändert. Ungläubig und mißtrauisch diskutierte ich mit Janssen die Frage, als plötzlich in kurzer Reihenfolge hintereinander fünf bis sechs Leichen gerade in unserer Fahrtrichtung angeschwommen kamen. Nunmehr ernstlich beunruhigt, was dies zu bedeuten habe, ließen wir einen dieser Leichname mit dem Bootshaken drehen und überzeugten uns nun an den wulstigen Lippen und überhaupt an dem Gesichtsausdruck, daß der Tote tatsächlich ein Neger war. Wir hatten bereits gefürchtet, daß während unserer Abwesenheit in Stanleyville die Soldaten oder Araber gemeutert und sämtliche Europäer ins Wasser geworfen hätten. Mustapha erklärte das Vorkommen der vielen Leichen damit, daß die Eingeborenen der Fischerdörfer stromaufwärts ihre Toten nicht begraben, sondern sie einfach dem Flusse anvertrauen. Gegen drei Uhr nachmittags kamen wir, immer stromaufwärts fahrend, an die Mündung des Lindiflusses, welches Gebiet uns kurz vorher vom Distriktskommissar als Arbeitsfeld für die Gewinnung von Kautschuk freigegeben war.
Laut Bericht von Mustapha hatten weder die »S. A. B.« (Société Anonyme Belge, kurz S. A. B. genannt), noch die »Belgika«, unsere beiden Konkurrenten, es bisher gewagt, dieses Gebiet zu betreten, da erst kürzlich zwei staatliche Offiziere, die die Eingeborenen zwingen wollten, Elfenbein vom Innern an das Flußufer zu bringen, von ihnen erschlagen und die im Schlafe überfallenen Begleitsoldaten aufgefressen worden waren. Eine sofort entsandte Expedition hatte zwar ein furchtbares Blutbad unter den Kannibalen angerichtet und die Stämme, die nunmehr versprachen, Kautschuk zu liefern, völlig unterworfen, doch traute keiner einstweilen den friedlichen Gesinnungen der Bevölkerung.
Wir rekognoszierten nun ein wenig das Terrain an der Mündung des Flusses und liefen eine Landungsstelle, an der wir einige verlassene Boote sahen, an. Einige im Gebüsch verborgene Eingeborene kamen auf wiederholtes Anrufen herbei und erboten sich, uns nach dem einige Stunden im Innern entfernt gelegenen Dorfe zu führen. Da aus ihren Gesprächen hervorging, daß die Eingeborenen friedlich waren und bisher Kautschuk als Steuer an den Staat geliefert hatten, beschloß Janssen sofort, womöglich schon im Laufe der Woche eine Erkundigungsreise von diesem Dorfe aus nach dem oberen Laufe des Lindis zu unternehmen.
Gegen sechs Uhr abends, bei einbrechender Dunkelheit, kamen wir bei der katholischen Mission St. Gabriel an, und ich schlug Janssen vor, hier zu übernachten, da der Himmel im Verlaufe des Nachmittags sich immer mehr umwölkt hatte und jetzt ein drohendes Aussehen erhielt. Janssen wollte jedoch um jeden Preis nach Stanleyville zurückkehren, und wir fuhren weiter. Stunde um Stunde verging, leichte Windstöße kamen von allen Seiten und kündeten das Nahen des Tornados an. Die Dunkelheit war inzwischen völlig hereingebrochen. Alle Augenblicke fuhr unser Kanu auf unter dem Wasserspiegel treibende Baumstämme auf und konnte nur mit Mühe losgemacht werden. Als das Sausen und Krachen kolossaler Bäume über uns immer heftiger wurde, ersuchte ich Janssen bei der nächsten Strombiegung, ungefähr eine Stunde unterhalb unserer Faktorei, den Strom zu überqueren, da dies vielleicht später nicht mehr möglich sei. Wir hatten noch kaum die Mitte des hier ungefähr 800 Meter breiten Stromes erreicht, als plötzlich der Tornado mit voller Wucht über uns hereinbrach. Ein Regenschauer, von Windstößen zu ungeheurer Wucht angefacht, zerschmetterte das Schutzdach über unseren Köpfen und begrub uns unter den Trümmern. Mustapha und der Boy hieben mit ihren langen Haumessern über unseren Köpfen die Stützen nieder, und unseren vereinten Bemühungen gelang es, das Dach, das dem Orkan eine Angriffsfläche bot und unser Verderben hätte werden können, über Bord zu werfen. Da stürzte einer der Ruderer über den Rand des schwankenden Bootes. Gellend hallten die Hilferufe in die schaurige, von grellen Blitzen durchzuckte Nacht hinein, übertönt vom Höllenlärm, in dem sich der Schlag auf Schlag herniederdröhnende Donner mit dem Tosen des Sturmes und dem Prasseln der herabfallenden Wassermassen mischten. An Rettung war nicht zu denken. Ein Drehen des Bootes wäre gleichbedeutend mit unser aller Untergang gewesen. Also vorwärts, mit allen Kräften vorwärts, dem schützenden Ufer zu. Die Ruderer, die im ersten Augenblick der Überraschung völlig den Kopf verloren zu haben schienen und die Befehle Mustaphas nicht beachteten, erkannten jetzt die ungeheure Gefahr, in der wir uns alle befanden, und ruderten für ihr Leben.
Indessen führten die losgelassenen Elemente einen wahren Hexentanz um uns auf, alle Dämonen der Hölle schienen entfesselt und sich mit den wilden Göttern »Kilimas«, des Urwaldes, zu schlagen. Das Ächzen und Stöhnen der vom Wirbelwind erfaßten tausendjährigen Baumriesen, das Krachen und Splittern der zu Tode getroffenen und übereinanderstürzenden Laub- und Holzmassen fand in unserem Gemüt hundertfachen Widerhall und brachte uns zum Bewußtsein, wie unendlich wenig unser jämmerliches Leben zu bedeuten hat.
Janssen stöhnte, jammerte und schrie erbärmlich. Die Hände vor das Gesicht geschlagen, heulend, Gott und alle Heiligen zum Schutze anrufend, kniete er vor mir, ein Bild des Elends, eine Jammergestalt. Den Tod beständig vor Augen, die Beine bis zu den Knien im Wasser, saß ich neben ihm, meine innere Erregung gewaltsam beherrschend und kein Wort der Klage über die Lippen bringend. Dem Beispiel Mustaphas folgend, ergriff ich meinen Tropenhelm und schöpfte mit ihm das Wasser mechanisch aus dem Boote. Ein kräftiger Stoß vorn am Bug, durch den zwei Ruderer, die das Gleichgewicht verloren hatten, ins Wasser geschleudert wurden, zeigte uns an, daß wir endlich das andere Ufer erreicht hatten, und alle Mann klammerten sich mit Leibeskräften an Äste, Zweige und Büsche. Erschlug uns jetzt nicht einer der niederstürzenden Baumriesen, dann waren wir gerettet, da die Wucht des Orkans uns unter dem schützenden Laubdache nicht mehr viel anhaben konnte. Hier lagen wir wohl eine Stunde, die für uns alle, die wir vom Kopf bis zu den Füßen durchnäßt waren, zu einer Ewigkeit wurde. Gegen Mitternacht langten wir in unserer Faktorei, von den durchlebten Strapazen völlig erschöpft, an und ließen uns sofort heißen Tee und Chinin geben, um schweren Krankheiten vorzubeugen.