Einiges über die Gewinnung des Kautschuks.

Es wird den Leser, der dem Verfasser bis hierher auf seinen abenteuerlichen Wegen durch den Urwald und bis in die entferntesten Negerdörfer gefolgt ist und das im Kongo übliche »System« des Kautschuksammelns kennengelernt hat, gewiß interessieren, etwas Näheres über die Gewinnung dieses wertvollen Naturproduktes zu erfahren.

Bis vor wenigen Jahren galt als Hauptreichtum des Kongostaates die Ergiebigkeit seiner ungeheuren Wälder und Prärien an Kautschuk, jenem kostbaren Material, das bisher chemisch nicht zu ersetzen und für das mit der zunehmenden Verwendung zu technischen Zwecken ein kaum zu befriedigender Markt entstanden war. Mit dem Bau der Eisenbahn Matadi-Stanley-Pool, mit der fortschreitenden Erschließung des Landes, der Unterwerfung der blutdürstigen, wilden Negerstämme, die bisher ausschließlich vom Morden und Plündern der schwächeren Nachbarn gelebt hatten, mit ihrer Heranziehung zu friedlicher Feldarbeit und Ausbeutung der reichen Lianenbestände der Urwälder, die von der Kongomündung quer durch ganz Zentralafrika bis zum Indischen Ozean reichen, wurde von Belgiens größtem Herrscher, dem König Leopold, mit sicherem, zielbewußtem Blick ein Kulturwerk geschaffen, so groß und mächtig, wie er selbst es ursprünglich kaum geahnt hatte. Schwere finanzielle Opfer hat es erfordert, viel Blut ist auf beiden Seiten geflossen, bis der neugeschaffene Staat die sengend und plündernd herumziehenden unbotmäßigen Horden bezwingen und seine Grenzen gegen räuberische Einfälle mächtiger Sklavenjäger zu schützen vermochte.

Der Lohn hierfür blieb nicht aus. Bald war bis in die entferntesten Dörfer des Urwaldes die Kunde gedrungen, daß der weiße Gott, der auf einem Feuerroß aus dem Meere aufgetaucht war und den Strom heraufgefahren kam, gegen den bisher nur zu »Gongschlägern« verfertigten Kautschuk prachtvolle Gewebe, glänzende Arm- und Beinspangen aus Messing, kurzum eine Menge nie gesehener Herrlichkeiten eintauschte, als sich alsobald hunderttausende fleißiger Hände an die Arbeit machten, den milchigen Saft der Lianen zu sammeln, zu Kugeln oder Platten zu formen und in die Stationen am großen Fluß zu bringen. Aus allen Teilen des Landes kam das kostbare, aber für die Eingeborenen fast wertlose Material. Immer mehr häuften sich die Vorräte, gleich dem Anschwellen einer Lawine. Die reiche Fracht füllte die Dampfer bis an Deck, wurde nach Antwerpen dirigiert und machte diesen Hafen bald zum zweitgrößten Kautschukmarkt der Welt. Dank der weisen Politik des klugen Königs, der durch Gewährung von Konzessionen Kapital ins Land zu bringen wußte, um all die ungeheuren Produktionsquellen voll zur Entfaltung bringen zu können, gediehen die unter Aufwand von vielen Millionen gegründeten Unternehmungen prächtig und entwickelten sich mit der Zeit zu großen Aktiengesellschaften, die ihren Gründern und ihrem Schöpfer alljährlich goldenen Gewinn eintrugen.


Eingeborene bringen Kautschuk

Kehren wir zurück zum Ursprung des Kautschuks und zu dessen Gewinnung. Im Gegensatz zum Plantagenkautschuk, der auf großen Anpflanzungen, z. B. in Brasilien, durch rationelle Ausbeutung gewonnen wird, stammte noch während meines Aufenthaltes am Kongo neun Zehntel der dortigen Gesamtproduktion aus sogenanntem »Raubbau«. Die Eingeborenen, die den Wert der Lianen nicht erkennen, haben, sobald sie eine solche finden, das natürliche Bestreben, möglichst viel Kautschuk aus ihr zu gewinnen, ohne Rücksicht darauf, daß die Pflanze bei einem solchen Verfahren eingeht. Der Rest verdankte seinen Ursprung gleichfalls rationeller Plantagenausbeutung.

Um dem Raubbau zu steuern und zu verhüten, daß die kostbaren Kautschukbestände eine Verminderung erfahren, werden sämtliche Gesellschaften seit dem Jahre 1900 durch königliche Verordnung dazu angehalten, alljährlich für je 1000 Kilogramm angekauften Kautschuk 500 neue Kautschuklianen anzupflanzen. Jede Gesellschaft besitzt daher heute geeignete ausgedehnte Terrains, die vom Staat unter gewissen Modalitäten kostenlos zur Verfügung gestellt wurden, auf welchen die Kautschukkulturen rationell betrieben werden. Diese Pflanzungen werden alljährlich von eigens dazu bestellten Inspektoren kontrolliert.

Der Kautschukbaum kommt in den Urwäldern Afrikas nicht vor. Aller geerntete Kautschuk rührt von wild wachsenden Lianen her. Man unterscheidet unter ihnen folgende Arten, die hauptsächlich für die Kautschukgewinnung in Betracht kommen: Landolphia Ovariensis, Landolphia Droogmansia, Landolphia Klainei, Clitandra Arnoldiana, Clitandra Nzunde. Die ersten drei Arten ergeben einen rötlichen, durchsichtigen Kautschuk, während die zuletzt genannten den schwarzen Kautschuk liefern. Alle diese Lianen erreichen einen Durchmesser bis zu Armstärke, ranken an hohen Bäumen als Parasit empor und erreichen eine Länge bis zu 25 bis 30 Metern.

Hat der kautschuksammelnde Eingeborene eine derartige Liane entdeckt, dann klettert er am Baum so hoch wie möglich empor und durchschneidet sie. Die nunmehr zu Boden stürzende Liane wird durch Holzgabeln gestützt und mit ringartigen Quereinschnitten in ihrer Rinde versehen. Der an der Schnittfläche herausträufelnde milchige Saft trocknet entweder sofort am Baum ein oder wird in aus Blättern angefertigten primitiven Behältern aufgefangen. Im ersten Fall kehrt der Eingeborene am nächsten Tag zurück, um den trockenen Kautschuk mit einem stumpfen Messer loszulösen und zu einer Kugel zu formen, deren Größe je nach dem Distrikt von einer Pflaume bis zu einer Orange wechselt. Im letzten Fall entleert er die milchige Flüssigkeit in ein zu diesem Zwecke mitgebrachtes Gefäß und gießt sie zu Hause in kochendes Wasser, worauf sie sofort hart wird und wie ein flacher Kuchen auf der Oberfläche des Wassers schwimmt. Der frisch gewonnene Kautschuk ist schneeweiß und enthält viel Wasser, das ihn, falls man ihn nicht gehörig zerteilt und im Schatten trocknet, zersetzt und in eine klebrige, unansehnliche Masse verwandelt.


Verarbeitung von Kautschuk

Die gleiche Operation wiederholt der betreffende Eingeborene so oft, bis die Liane erschöpft ist. In besonders reichen Waldrevieren läßt er die Liane, nachdem sie ihren Zweck erfüllt hat, liegen und verkommen. Im Kasai-Gebiet schneidet der Eingeborene sie in Stücke und schleppt sie in seine Hütte, um mittels Wassers durch Stampfen oder Klopfen der Rinde den unter derselben fest gewordenen Kautschuk zu extrahieren, eine Arbeit, die viele Stunden in Anspruch nimmt.

Außer den oben angeführten Lianen, die nur im Urwald gedeihen, wurde im Jahre 1885 in den ausgedehnten Prärien Afrikas eine neue Art von Liane entdeckt, die Landolphia Thollonii Dewevre, die ungefähr 10 bis 15 Zentimeter unter der Erdoberfläche wächst und ihre Triebe nach allen Richtungen hin erstreckt. Ihre Wurzeln, die eine Länge bis zu drei Metern und Fingerdicke erreichen, werden von den Eingeborenen ausgegraben und, zu Bündeln verschnürt, ins Dorf getragen. Hierauf weicht man sie die Nacht über ein, damit die Rinde sich leicht vom Stamm löst, dann trocknet man diese in der Sonne und klopft und stampft sie mittels Holzknüppel so lange, bis alle Rindenteilchen aus der Kautschukmasse entfernt sind. Der auf diese Weise gewonnene Kautschuk ist in Qualität dem durch Rindeneinschnitte erzielten gleichwertig und auch in seinem Aussehen von diesem nicht zu unterscheiden.

Der Einkaufspreis von einer Tonne — 1000 Kilogramm — Kautschuk stellt sich je nach Qualität im Ursprungslande auf 1500 bis 2000 Frank. Der erzielte Nettoerlös in Antwerpen schwankt, je nach der Konjunktur, zwischen 7000 bis 12000 Frank per Tonne. Diese Preise wurden bis kurz vor Ausbruch des Weltkrieges gezahlt.

Eine Faktorei produzierte damals durchschnittlich monatlich 2000 bis 3000 Kilogramm Kautschuk, so daß sie alljährlich einen Bruttogewinn von 150 bis 200 Mille Frank erzielte.