Faktoreichef. Tausend gefährliche Seuchen. Heimreise.

Den Gefahren und Anstrengungen der Reise im Urwald folgte eine mehrwöchige Periode der Ruhe auf der Faktorei. Auch hier harrte meiner eine Unmenge Arbeit, die sofortiges Zugreifen erheischte. Die Aufzeichnungen des Schreibers während meiner Abwesenheit, die Auslieferungen der Warenvorräte und die Eingänge an Kautschuk und Elfenbein mußten genau kontrolliert und gebucht, der mitgebrachte Kautschuk von den Arbeitern in kleine Stückchen geschnitten und in das Trockenmagazin gebracht werden, um ein Zersetzen und Klebrigwerden zu verhindern.

Mitten in der Arbeit überraschte uns eines schönen Tages unser Dampfer »Henriette« mit Kapitän Jarigsma, der mir meine Ernennung zum Faktoreichef und die Mitteilung von einer namhaften Erhöhung meiner bisherigen Bezüge mit Beteiligung am Reinertrag der Faktorei überbrachte. Gleichzeitig wurde mir ein Unterbeamter avisiert, der mit dem nächsten Dampfer heraufkommen sollte. Da das Schiff für Stanleyville zwanzig Tonnen Laderaum verfügbar hatte und unser Vorrat an Kautschuk, Elfenbein und Reis nur zirka achtzehn Tonnen ausmachte, beschloß ich, mit nach Romée hinunterzureisen und dort noch Reis einnehmen zu lassen.

Die Fahrt nach Romée auf dem prachtvollen Dampfer und der Aufenthalt bei dem liebenswürdigen Kapitän am Deck boten mir eine willkommene Zerstreuung. Das Geschäft mit den Arabern in Romée und das Heranbringen des erforderlichen Quantums Reis an Bord war in einer Stunde erledigt. Den Rest des Tages verbrachten wir beim stellvertretenden Kommandanten des Postens in vergnügter Gesellschaft. Die zweitägige Flußreise stromaufwärts beruhigte meine von den schnell aufeinanderfolgenden freudigen Ereignissen erregten Nerven wieder. Die ungeheuren Urwälder, die den Fluß zu beiden Seiten einfassen, die ewig wechselnden Szenerien, die weite Wasserfläche, die bald gleich einem Binnensee kaum merklich dahinfließt, dann wieder, eng in das Flußbett gezwängt, wie eine Lawine sich vorwärts wälzt, bieten dem Naturbeobachter unvergleichliche Augenweide. Wie oft hatte ich diese Strecke nun bereits befahren, und doch, wenn ich sie in ihren großen Zügen auch kannte, jede weitere Reise erschloß mir neue Naturschönheiten und Reize, an denen ich früher achtlos vorübergefahren war. Es ist, als ob man in einem großen Weltbuche, dem Buche der Natur, blättert und jedesmal neue Schätze entdeckt, die in ihm beschrieben sind. Ganz in Betrachtung versunken, saß ich in meinem Lehnstuhl und sah doch wieder nichts — das gleichmäßige Schaukeln des Bootes versetzte mich in andere Regionen. Ich träumte vor mich hin, bis irgendeine Begebenheit, wie etwa das plötzliche Ins-Wasser-gleiten eines Krokodils, das ich für einen Baumstamm gehalten, mich aus meinen Träumen aufschreckte.

Die gewaltigen Natureindrücke dieser tropischen Welt bleiben nicht ohne starke und dauernde Wirkung auf die Seele. Aus mir, der ich von meiner Kindheit an äußerst lebhaft und unruhig veranlagt war, hatte Afrika im Lauf der Zeit einen schwermütigen, ernsten Träumer gemacht. Die Einwirkungen des Klimas auf den Körper sollten bald für meine Laufbahn entscheidend werden.

Zwei Tage nach meiner Rückkehr nach Stanleyville fühlte ich beiderseits der Leistengegend ein starkes Stechen, dem eine von heftigem Fieber begleitete Drüsenanschwellung folgte. Äußerst bestürzt begab ich mich sofort zu Dr. Bellis, den ich mit denselben Krankheitserscheinungen, nur in verstärktem Maße, behaftet vorfand. Wir beide und mit uns ein großer Teil der Europäer und der Schwarzen der Umgebung waren von einer Art Bubonenpest befallen. Die Krankheit war wie hergeflogen ganz plötzlich über den Distrikt hereingebrochen, und niemand wußte ihre Ursache oder ihr Entstehen zu erklären. Dr. Bellis und der Kommandant fuhren mit dem nächsten Dampfer nach Leopoldville, um sich daselbst einer Operation zu unterziehen. Mir hatte er zuvor eine Salbe verschrieben, die sich in der Folge nicht nur als völlig wirkungslos erwies, sondern im Gegenteil die Anschwellungen und Schmerzen noch vermehrte.

Einige meiner Leute, die unter derselben Krankheit zu leiden hatten und dank dem Heilmittel einer arabischen Giftmischerin der Genesung entgegensahen, brachten mich auf den Gedanken, diesmal die Heilkräfte der Eingeborenen gleichfalls für mich in Anspruch zu nehmen. Ich sandte daher meinen Capita Mustapha mit entsprechenden Geschenken auf den Weg zu der Alten. Doch ich hatte mich gründlich getäuscht. Für mich gab es keine Medizin. Das schlaue, erfahrene Weib wollte ihre Quacksalberei an mir nicht ausprobieren, da sie offenbar fürchtete, im Falle eines Mißlingens mit dem Gefängnis von Stanleyville Bekanntschaft machen zu müssen.

Mein Leiden war inzwischen zur unerträglichen Qual geworden, die mir weder Schlaf noch Ruhe gönnte. Da griff ich zur List, ließ den ärmsten meiner Arbeiter, der ein Leidensgefährte war, kommen und versprach ihm, seine Behandlung zu bezahlen, wenn er die Hälfte der Salbe, die die Alte ihm gab, mir anvertraute. Den Hokuspokus überließ ich ihm ganz. Die Wirkung der in Bananenblätter gewickelten, scharf riechenden, schwarzen Salbe erwies sich als vorzüglich. Die Schmerzen ließen nach, die Leistenanschwellungen, die ohne sie zum Durchbruch und zu langwierigen Leiden geführt hätten, waren bald vollständig behoben, so daß ich in einiger Zeit mein Schmerzenslager verlassen konnte.

Da Unglück selten allein zu kommen pflegt, und Stanleyville, das bisher im Rufe stand, das gesündeste Klima im ganzen Stromgebiet zu besitzen, dazu ausersehen schien, in diesem Jahre alle Seuchen Zentralafrikas mitmachen zu müssen, tauchten nunmehr plötzlich die Blattern in nie dagewesener Heftigkeit auf. Gerüchte über die am jenseitigen Ufer unter den Soldaten und Eingeborenen aufgetauchte Seuche, die sofort viele Menschenleben dahinraffte, veranlaßten uns, jeden Verkehr mit drüben abzubrechen. Diese Vorsichtsmaßregel blieb leider wirkungslos, da die gefährliche Seuche einige Tage später auch bei uns ausbrach. Eine Feldarbeiterin (Sklavin) machte den Anfang, der Boy meines ehemaligen Chefs folgte. Jeder weitere Tag brachte eine vermehrte Anzahl von Kranken, so daß bald drei Viertel des ganzen Personals von der schrecklichen Seuche erfaßt waren.


Anfertigung von Kautschukkörben

Zur Isolierung der Kranken ließ ich sofort auf einige hundert Meter Abstand von der Faktorei Baracken, in denen sie so gut wie möglich untergebracht wurden, errichten. Impfstoff, das einzige wirksame Mittel zur Bekämpfung der Seuche, war vorläufig nicht vorhanden, so daß wir uns auf den Rat der katholischen Mission mit Reiswasser als Nahrung und zur Regelung der Verdauung begnügen mußten.

Die Sklavin war sofort nach ihrer Erkrankung zu ihrem arabischen Häuptling gelaufen, der sie vom Kopf bis zu den Füßen mit Kalk bestreichen ließ. Doch scheint auch diese Behandlungsmethode in den meisten Fällen versagt zu haben, da die Kranke ebenso wie viele andere zugrunde ging. Auch bei mir starben trotz sorgfältiger Überwachung und Pflege verschiedene Leute. Einer der Arbeiter wurde verrückt und lief den ganzen Tag mit einem dicken Prügel herum, um vermeintliche Feinde zu töten. Dem Mann war die Krankheit aufs Gehirn geschlagen; er litt an Verfolgungswahnsinn und schlief nachts auf einem Baum. Einige Tage später starb er. Ich ging selbst zu den Isolierbaracken, um dem Begräbnis beizuwohnen und mich vom Schicksal der übrigen Kranken zu überzeugen. Der Anblick des bis aufs Skelett abgemagerten, am ganzen Körper mit blutenden Geschwüren bedeckten Toten mit den glasigen Augen und aus dem Munde heraushängenden Schleimfäden und die von goldigen Sonnenstrahlen, vom fröhlichen Zwitschern der Vögel erfüllte Welt bildete einen grausigen Kontrast. Der übelriechende Kadaver war über und über mit Fliegen bedeckt, die auf den gräßlichen Geschwüren ihr Mahl hielten. Obwohl ich kaum meines physischen Unbehagens Herr werden konnte, hielt ich tapfer bis zur Einbettung des in Decken und Matten gehüllten Toten in die Erde stand, um dem Pflegepersonal damit ein Beispiel von Unerschrockenheit zu geben.

Unter den übrigen Kranken, die teilweise der Genesung entgegensahen, befand sich noch ein besonders schwerer Fall, der Boy meines ehemaligen Chefs, ein braver, treuer Bursche, der seinen Herrn stets aufopfernd gepflegt hatte und nun, durch die Krankheit bis zur Unkenntlichkeit entstellt, selbst im Begriffe war, ins Jenseits einzugehen. Schon seit acht Tagen hatte ich erkannt, daß eine Rettung aussichtslos war. Mit wimmernder, gebrochener Stimme rief er mich mit Namen, und mit flehend zu mir erhobenen Augen bat er mich, ihm doch zu helfen und ihm eine andere Hütte zu geben. Nie in meinem Leben habe ich meine Ohnmacht mehr empfunden als in diesem Augenblick. Tief zu Herzen ist mir sein rührendes Flehen gegangen, und gern hätte ich zehn Jahre meines Lebens hingegeben, um dasjenige des armen Jungen verlängern zu können. Den letzten Wunsch des Sterbenden wenigstens konnte ich erfüllen. Ich ließ eine der anderen Hütten sorgfältig reinigen, dem Schwerkranken von neuen Decken ein weiches Lager darin herrichten und ihn dahin bringen.

Ganz plötzlich, wie der würgende Todesengel erschienen war, verschwand er auch wieder, in vielen Hütten ein Tag und Nacht andauerndes lautes Wehklagen zurücklassend. Gar zu viele Menschenleben waren dahingerafft worden.


Ablieferung von Kautschukkörben

Die Totentrauer ist hier eine ganz eigenartige Sitte. Irgendeine nähere alte Verwandte, manchmal auch die Mutter des Verstorbenen, setzt sich vor dessen Hütte und stimmt ein tieftrauriges Klagelied an. Bald schließt sich ihr die nähere Nachbarschaft, junge und alte Weiber, an, die alle in die gleiche, schaurig tönende Melodie einfallen. Ich habe oftmals ganz junge Dinger lachend vom anderen Ende des Dorfes herbeieilen sehen, die, wie von magischen Kräften durch das Wehklagegeheul angezogen, sich in den Kreis der anderen setzten und ihrem Beispiel folgten. Je mehr Männer und Weiber dazukommen, um so schauriger ertönt der Chor. Die ganz alten Weiber singen sich meist in eine förmliche Ekstase hinein. Die Tränen rinnen ihnen über die Wangen, mit den knochigen Armen schlagen sie in ihrem Schmerz an ihre dünnen Gebeine. So ansteckend wirkt diese unmelodiöse, traurige Weise, daß mich beim Zuhören plötzlich die Lust überkam, mich auch hinzusetzen und mitzuheulen. Zeitweise steht eine der Frauen auf, holt ihr Kind oder verrichtet eine ihr nötig erscheinende Arbeit und kehrt ruhig wieder an ihren Platz zurück, um im Chor weiterzuheulen, gerade so, als ob sie damit eine gemeinsame Arbeit mit den anderen zu erledigen habe. Das Klagegeheul für einen Toten dauert manchmal einen ganzen Tag und wird wahrscheinlich nach einem gewissen Zeremoniell geregelt. Zu den Mahlzeiten flaut es merklich ab, da die meisten Teilnehmer für einige Zeit verschwinden, um sofort danach wieder zu der Totentrauer zurückzukehren. —

Am 15. Mai 1900 kündigte ich meinen auf drei Jahre lautenden Vertrag, der einen Monat später abgelaufen war. Lange Zeit hatte ich im unklaren geschwebt, ob ich nicht ein Jahr zugeben sollte. Doch der rasche Tod Janssens, die fortwährenden Seuchen, die seither über die Region hereingebrochen waren, und schließlich mein eigener Gesundheitszustand, der manches zu wünschen übrigließ, veranlaßten mich, darauf zu verzichten. Gelegentlich der letzten Untersuchung hatte Dr. Bellis starke Milz- und Leberanschwellung bei mir konstatiert, die zu einem Abszeß führen konnte. Wiederholt hatte ich heftiges Stechen in der Seite gefühlt, was mich lebhaft beunruhigte. Dazu kam, daß ich das mir gesteckte Ziel, Faktoreichef zu werden, erreicht und durch eine Verlängerung des Kontraktes keine besonderen Vorteile zu erwarten hatte.

Eines stand fest bei mir: Ich würde meine Eltern in der Heimat besuchen und nach kurzer Erholung in Europa unbedingt wieder nach Afrika zurückkehren. Das abenteuerliche Leben im Innern Afrikas sagte meiner nach freier Betätigung verlangenden Natur viel mehr zu als das gesicherte Dahinvegetieren im europäischen Berufsleben. Die große Abrechnung mit dem Leben mußte einmal erfolgen — hier oder dort. Wann, ob früher oder später, das war reine Glückssache. Lieber wollte ich dem tückischen Klima Afrikas oder dem Pfeil eines Eingeborenen zum Opfer fallen als mein Leben lang hinter staubigen Büchern in irgendeinem Kontor sitzen.

Doch sollte es noch mehr als zwei Monate dauern, bis der von mir erbetene Ersatzmann eintraf. Eine nervöse Unruhe war mit der Kündigung über mich gekommen. War bisher mein ganzes Denken und Trachten meinem afrikanischen Lebenswerke gewidmet, so tauchte jetzt wie hinter fernen Wolkenschleiern eine Welt von Erinnerungen vor meinem geistigen Auge auf. Der Gedanke, meine Eltern und Lieben in der Heimat wiederzusehen, ward von Stunde zu Stunde mächtiger, bis er schließlich alle anderen Rücksichten in den Hintergrund treten ließ.

Endlich erschien mein Stellvertreter mit dem Dampfer »Henriette«, und nachdem ich ihm die Faktorei in voller Ordnung übergeben hatte, schiffte ich mich zur Heimreise ein. Jetzt war ich ein freier Mann, konnte sorgenlos den wohlverdienten Urlaub antreten.

War ich wirklich frei? Oder war es wieder eine Täuschung? Diese Frage mußte ich mir schon eine Stunde nach meiner Abfahrt stellen, als mir unwillkürlich beim Andenken an alles, was ich zurücklassen mußte, die Tränen über die Wangen liefen. Jeder einzelne meines Hausgesindes, jeder Arbeiter, der Freud und Leid, Gefahren und Sorgen mit mir geteilt, hing mir am Herzen. Der Gedanke an meine Faktorei, die ich aus kleinen Anfängen heraus zur großen Station — meinem zweiten Heim — nach eigenem Geschmack ausgebaut hatte und die ich vielleicht nie wiedersehen sollte, schnürte mir das Herz zusammen. Still und niedergedrückt eilte ich in meine geräumige Deck-Kabine, damit Kapitän Jarigsma nicht Zeuge meines Trennungsschmerzes wurde. Jetzt, wo meine Abreise Tatsache geworden war, trat der umgekehrte Fall ein, und je weiter ich mich von der Station entfernte, desto mehr bereute ich, fortgegangen zu sein. Alle Gedanken an Europa waren mit einem Male erloschen.

Meine Leser werden fragen, ob ich während der langen Zeit niemals das Bedürfnis nach Gesellschaft und Zerstreuung empfunden habe. Ich kann hierauf nur mit einem entschiedenen Nein antworten. Die vielfachen Anforderungen, die das tägliche Leben in den Tropen an jeden Europäer stellt, die hunderterlei Probleme, die an ihn herantreten und der Lösung harren, nehmen sein ganzes Denken und Sinnen vollauf in Anspruch. Wenn er dazu ein verständnisvolles Auge für die Natur und alles, was um ihn vorgeht, hat, wenn er Sammler von Käfern und Schmetterlingen, Ethnologe oder Ethnograph ist, dann findet er in diesen Liebhabereien ein reichliches Feld für seine Mußestunden. Mit der zunehmenden Kenntnis der Eingeborenensprache lernt er deren Sitten und Gebräuche und viel Interessantes über sie kennen. Im folgenden Kapitel will ich einiges über den Aberglauben, der im Leben der Neger eine so hervorragende Rolle spielt, berichten, und zum Schluß gebe ich einige Märchen wieder, die ich mir an einsamen Abenden von Eingeborenen erzählen ließ.