Es wird manche Leser, insbesondere solche, die selbst eine koloniale Laufbahn anstreben, interessieren, welche Vorbildung der Verfasser dieser Erinnerungen genossen hat.
In Wien im Jahre 1877 geboren, absolvierte ich dort die Volks- und ersten Realschulklassen. Da ich von Kind auf ein äußerst lebhaftes Temperament hatte und viel mehr zu allen möglichen tollen Streichen als zum ernsten Studium aufgelegt war, wurde ich als Unruhestifter von zwei Realschulen weggewiesen, was meinen Vater veranlaßte, mich im Alter von zwölf Jahren in stramme »deutsche Zucht«nach Deutschland zu einem Professor in Pension zu geben. Unter strenger Aufsicht absolvierte ich in Halle meine Einjährigen-Prüfung, ging von dort für eineinhalb Jahre in die französische Schweiz, um mich in der französischen und englischen Sprache gründlich auszubilden, und kehrte dann nach Wien zurück, wo ich meine kaufmännische Laufbahn bei einer großen Kaffee-Importfirma begann. Lange hielt es mich hier nicht. Der Trieb nach Übersee war stärker als das Gefühl des Wohlbehagens im Familienkreise. Nach kaum einjähriger Lehrzeit bot sich mir Gelegenheit, unter günstigen Bedingungen meine Laufbahn bei einer großen Firma der gleichen Branche in Amsterdam mit der Aussicht fortzusetzen, nach ein- bis zweijähriger Vorbereitung auf eine der Kaffeeplantagen, die mein Chef in Holländisch-Indien besaß, als Verwalter hinauszukommen. Doch das Schicksal wollte es anders.
Im Jahre 1896/97 trat eine große Kaffeekrise ein, bei welcher viele bedeutende Unternehmen — darunter auch die Firma, bei der ich in Stellung war — binnen wenigen Monaten zugrunde gerichtet wurden. Die Kaffeeplantagen auf Java gingen in andere Hände über oder wurden ganz aufgelassen und zu anderen Kulturen, z. B. Kautschukplantagen, umgearbeitet. Eine Annonce der holländischen Gesellschaft N. A. H. V. (Nieuwe Afrikaansche Handels Vennootschap) und die zufällige persönliche Bekanntschaft mit einem ihrer früheren Direktoren, dessen Erzählungen meine jugendliche Phantasie gefangennahmen, brachten mich auf den Gedanken, mein Glück im Innern Afrikas zu versuchen und mich um die ausgeschriebene Stelle zu bewerben.
Meine Bemühungen waren von Erfolg gekrönt, und nun begann für mich ein Leben voll von harten Prüfungen, von Entsagungen jeglicher Art, von Kämpfen gegen heimtückische Seuchen, Gefahren des Urwaldes, aber auch von Stunden der höchsten Befriedigung. Kann es etwas Schöneres geben als den Gedanken, Vorkämpfer und Träger der Zivilisation in Gegenden gewesen zu sein, in welchen bis zum heutigen Tage der Kannibalismus herrscht, als Pionier der friedlichen Arbeit und des Fortschritts aufklärend gewirkt zu haben unter Völkern, die — auf der tiefsten Kulturstufe stehend — von ihren Medizinmännern zu Tausenden hingemordet und im Schreckenswahn der Abhängigkeit von bösen Geistern gehalten werden?