An Bord des Dampfers »Albertville«.

Der Hafen von Antwerpen feierte am 5. Juli 1897 einen Festtag. Die schmalen, zumeist nur zwei Stock hohen charakteristisch flandrischen Giebelhäuschen entlang der Schelde prangten in herrlichstem Flaggenschmuck. Lustig flatterten die Fahnen sämtlicher Nationen der Welt aus den Dachluken der Häuser und von den Masten der an den Kais verankerten Ozeanriesen und verliehen dem Hafen durch ihre leuchtenden Farben ein anmutiges Gepräge.

Eine Fahne vor allem fesselte sofort die Aufmerksamkeit des Fremden: ein leuchtend gelber fünfzackiger Stern auf himmelblauem Untergrund, die Fahne des belgischen Kongostaates. Sie war neben den belgischen Nationalfarben am häufigsten vertreten, und ihr zu Ehren galt auch die heutige Festtagsstimmung, veranlaßt durch die Abreise des Passagierdampfers »Albertville« nach dem zweiten Belgien am Äquator, dem Kongostaate, dieser Perle Zentralafrikas.

Auf der breiten Straße entlang den Kais, die sonst, von Lastfuhrwerken und der Hafenbevölkerung abgesehen, ziemlich vereinsamt und abseits vom großen Verkehr liegt, herrschte ein lebhaftes Treiben. Automobile, Straßenbahnen und Droschken, vollgepfropft mit Menschen und beladen mit Gepäckstücken aller Art, füllten den Straßendamm und kamen infolge des großen Verkehrsandranges und der sorglos dem gleichen Ziel zustrebenden Menschenmassen nur langsam vorwärts.

Vor dem Schiff, das am Kai Plantin vertaut lag, nahm das Gedränge und Gestoße der unübersehbaren Menge geradezu bedrohliche Formen an. Ein Trupp berittener Polizei hielt den Zugang zum Schiff besetzt und bildete Spalier zu beiden Seiten einer Gasse, die nur von Leuten mit ordnungsmäßigem Passagierschein betreten werden durfte.

Auch an Bord des Dampfers »Albertville« herrschte dichtes Menschengewühl. Männer, Frauen und Kinder aller Gesellschaftsklassen, dazwischen bunte Uniformen, stürzten und hasteten durcheinander, große Gepäckstücke wurden unter dem Kettengerassel der Winden in den Bauch des zur Abfahrt bereiten, unter Dampf zitternden schwimmenden Kolosses gebracht.

Während am Kai die Menge dem Treiben, Hasten und Jagen bei den Klängen einer Regimentskapelle zusah, fanden an Bord herzzerreißende Abschiedsszenen statt. Hier umarmte eine Mutter, ganz in Tränen aufgelöst, ihren Sohn, dort, in einer Ecke, weinte ein Greis am Halse seines einzigen Kindes, weiter drüben, in Trauergewändern, sah man eine tiefgebeugte Witwe mit zwei Kindern und ihrem Ältesten, der Familie Hoffnungsstrahl und Ernährer, der seine bescheidene Beamtenstelle in Belgien mit einem gutdotierten Überseeposten eingetauscht hatte, um seine Lieben daheim vor Armut und Not zu bewahren.

Die Dampfpfeife ließ in dem Chaos ihre tiefe Baßstimme ertönen und mahnte zum Aufbruch. Kurze Kommandoworte erklangen; die Laufbrücke wurde eingezogen, nachdem die letzten Nachzügler, die sich von den davonreisenden Söhnen, Enkeln oder Neffen absolut nicht trennen konnten, von den diensthabenden Offizieren höflich, aber bestimmt von Bord geleitet waren.

Einige schrille Pfiffe, ein leichtes Zittern und Beben unter den Füßen — der Herzschlag des schwimmenden Riesen —, und unter dem Hurrageschrei und Tücherwinken der vieltausendköpfigen Menge, die das ganze Ufer, die Kais und Hafenanlagen wie eine Ameisenschar bevölkerten, ging es langsam die Schelde hinab. An der Stelle, an der der Dampfer gelegen, schwammen Hüte, Kappen und Taschentücher, die beim stürmischen Abschiednehmen verlorengegangen waren, friedlich nebeneinander.

Lange noch stand ich, in tiefes Sinnen versunken, an der Bordbrüstung und blickte hinab auf den träge dahinfließenden Strom. Das Bewußtsein dessen, was um mich vorging, schwand. Allein, völlig allein, fern von Familie und jeglichem Schutz, ging ich einem ungewissen Schicksal entgegen. Grau in grau, gleich jenen Nebelschwaden, die bei Einbrechen der Dunkelheit sich über den Fluten ausbreiten, lag die Zukunft vor mir.

Während ich, in trübe Gedanken versunken, vor mich hinstarrte, trat mein Reisegefährte, Herr Lukas, ein alter erfahrener Afrikaner, zu mir. Gemeinsames Leid bringt die Menschen merkwürdig rasch einander näher. Auch er kam, wie ich, ohne Eltern an Bord, da er aus dem Norden Hollands stammte und seine beiden Eltern die weite Reise nicht mehr machen konnten. Auch ihm waren die Abschiedsszenen, deren Augenzeuge er gewesen, nahegegangen, und ganz in sich versunken, meinte er: »Wie viele werden die in sie gesetzten Hoffnungen erfüllen, wie viele gesund zurückkehren? — Kaum zehn Prozent!«

Dieser Ausspruch des ernsten, erfahrenen Mannes ließ mich erschauern. Die Zukunft sollte mich lehren, daß dieser Prozentsatz sogar noch zu hoch gegriffen war.