Freetown. Äquatortaufe.

In den nächsten Tagen umfing uns tropische Hitze, die die meisten Passagiere zwang, ihr europäisches Kostüm gegen die schmucke weiße Tropentracht zu vertauschen. Fliegende Fische kamen nunmehr in ganzen Scharen vor. Sie flohen entsetzt vor unserem Dampfer und strichen tänzelnd über die Wasserfläche. Des Nachts wurden sie durch unsere Lichter angelockt und fielen dann an Deck. Am 16. Juli früh erschien zum ersten Male die Küste Afrikas, das felsige Kap Verde und in der Ferne eine der Kapverdischen Inseln. Die Gegend schien trostlos öde und sandig zu sein und war nur mit spärlichen Kokos- und Dattelpalmen bedeckt.

Am 18. Juli betraten wir — in der Sierra Leone — zum ersten Male afrikanischen Boden, und mein Herz hüpfte und jauchzte im Vorgefühl herrlicher Stunden. Doch das afrikanische Klima, die feuchte, heiße Luft, die ungewohnte Ausdünstung der vielen nackten Negerleiber hatten eine derart erschlaffende Wirkung auf mich Neuling, daß es schwer hielt, die Unmasse neuer Eindrücke festzuhalten.

Während in Las Palmas ungeheure Felsenmassen unbewaldet gen Himmel ragen, scheint hier die Natur ihr möglichstes in der Vegetation getan zu haben. Stufenweise ragen mächtige Berge mit üppigem Grün in allen Schattierungen aus dem in der Sonne leuchtenden Meeresspiegel empor. Unser Auge labte sich nach dem Anblick der glitzernden Wasserflächen an dem saftigen Grün der Palmen und des Urwaldes. Einen echt tropischen Anblick gewährt das an einer Berglehne im Schatten schlanker Dattel- und Kokospalmen liegende Freetown, dessen Häuser mit den weißen, unter dem Grün hervorleuchtenden Dächern einzelner Faktoreien untermischt sind. Mein erster Eindruck beim Betreten dieses Landes war: Hier ist das Paradies auf Erden — hier laßt uns Hütten bauen. Die Flora steht auf höchster Stufe. Aus dem saftigen Grün der schattigen Mangos, Goyaven und Alven schießen, gleich mächtigen Feuergarben »Flamboyants«, Jasmin, Goldregen und Lilas sowie eine Menge mir unbekannter exotischer Pflanzen in leuchtenden Farben empor. Die Luft ist erfüllt von dem Duft tropischer Blüten, die, von Menschenhand aus dem Urwald herbeigeholt, in verschwenderischer Pracht, sowohl im Park des Regierungsgebäudes als in den vielen kleinen Gärten und Anlagen angepflanzt sind. Auf den Häusern und im Schatten der Palmen sitzen melancholisch große Adler und eine kleine Art Kondor mit braunem Gefieder, weißer Halskrause und weißem Hals und Kopf, die — wie die Hunde Konstantinopels — für die Reinlichkeit der Straßen sorgen. Sie gehören dort ebenso wie zahme Affen und Papageien, die sich auf den Palmen und den Schlingpflanzen schaukeln und klettern, zu den Haustieren.

Doch bald nach Betreten des Landes, vor allem, wenn um die Mittagszeit die sengenden Sonnenstrahlen die Glieder erschlaffen, und die feuchtheiße, von fremdartigen Gerüchen durchschwängerte Luft einem den Atem benimmt, merkt man, daß dieses von der Natur so herrlich bedachte Land giftige Keime für den Fremden in sich birgt.

Die Stadt besteht aus einem Kunterbunt von kleinen ebenerdigen Lehmhäuschen in allen möglichen Stilarten, vorwiegend »à la marocaine« gebaut, sowie Hütten, aus alten Kisten errichtet, an deren Außenseite noch die Bestimmungsadresse ersichtlich ist, mit Dächern aus getrockneten Palmblättern. Ich bemerkte außerdem noch das Garnisongebäude, drei kleine Forts und eine Anzahl Kirchen, in denen gesungen und gepredigt wurde. Das Volk spricht durchweg außer der Eingeborenensprache ein fürchterliches »Pidgin-Englisch«.


Freetown

Der Tag unserer Ankunft war ein Sonntag, und der Anblick der in Festtagsgewänder gehüllten Bevölkerung war ein unbeschreiblich komischer — der reinste Fastnachtstaumel. Was da an Phantasietoiletten in den schreiendsten, grellsten Farben geboten wurde — vom Talmi-Gentleman in Frack, grauem Zylinder, roter Krawatte und hellgelben Schuhen, bis zum halbnackten Baby mit überhängendem Bauch und grellen Strümpfen und Schuhen — davon läßt sich eine Beschreibung überhaupt nicht geben. Die Neger dieser Küste, sowohl Männer wie Frauen, sind überaus putzsüchtig und eitel; sie geben den letzten Groschen ihres Verdienstes hin, um sich gegenseitig auszustechen. Bei ihrer Vorliebe für leuchtende Farben kommen dabei die unmöglichsten Toiletten heraus. Derart in Festtagsgewänder gehüllt, tragen sie eine gemessene Miene zur Schau und sind tiefgekränkt, wenn sie nicht vollwertig als Gentleman und Lady genommen werden.

Wir nahmen hier etwa 70 dieser Gentlemen als Arbeiter zum Aus- und Einladen des Dampfers bei der Ankunft im Kongostaate an Bord. In den modernsten nagelneuen Kostümen, mit Lackschuhen, weißer Weste, weißen oder feuerroten Glacéhandschuhen kamen sie an Bord, hinter sich einen Boy mit leerem Schiffskoffer. In diesen wanderten eine halbe Stunde nach ihrer Ankunft all die Herrlichkeiten des äußeren Menschen, mit ihnen aber auch der Gentleman, und an seine Stelle trat, teils halbnackt, teils in alte zerrissene Fetzen gehüllt, der Neger.

Doch zurück nach Freetown. In unseren neuen Tropenkostümen wanderten wir durch das Gewirr von Gäßchen. Es ist geradezu unglaublich, in welchem Elend, Schmutz und Unrat diese Talmi-Gentlemen leben. Vor den Häusern, auf den Straßen, überall liegen die Abfälle, und wären nicht die »Charognards« (Aasgeier), die morgens und abends darunter aufräumen, so würden unbedingt Seuchen entstehen.

Nur allzubald ertönte die Schiffskanone als Zeichen der Abfahrt, und wir mußten an Bord zurück. Hier fanden wir das ganze Zwischendeck von den Gentlemen in Beschlag genommen, die, wilde Grimassen schneidend, zankten und quakten, wie ein Heer schnatternder Gänse. Gegen 7 Uhr abends, kurz nach Sonnenuntergang, legte sich der allgemeine Lärm, und beim Klang von Gitarren und Ziehharmonikas begann ein aus der Mitte der Neger entstandener Chor allerhand schwermütige Weisen zu singen, die mir bei diesen herrlichen Tropennächten sehr zu Herzen gingen.

Der 23. Juli war einer der heitersten und gemütlichsten Tage, die ich während dieser Fahrt verbracht habe, und wenn auch der gute Neptun so manchen Kopf und Magen, darunter auch den meinen, arg zugerichtet hat, so kam ich doch als einer der ersten ziemlich glimpflich davon und konnte mit Schadenfreude wahrnehmen, daß es den »Nichtfreiwilligen« bedeutend schlechter ergangen war. Am Abend vorher, um 8 Uhr — wir saßen gerade beim Diner — erdröhnte plötzlich ein Kanonenschuß. Die Schiffsschraube hielt für kurze Zeit, und bald darauf erschien ein Meerungeheuer als Abgesandter Neptuns, ließ sich beim Kapitän melden und überreichte ihm ein Protokoll, in welchem Neptun seiner Freude darüber Ausdruck gab, daß wir diese Breiten, die die Weltkugel in 2 Teile zerlegen, besuchten. Zugleich kündete er für den folgenden Tag seine Ankunft nebst Gattin und Gefolge an und empfahl inzwischen Fasten und Beichten, damit wir, aller Sünden rein, die Taufe glücklich bestehen würden. Nach dem ersten Schreck war alles in hellster Aufregung, denn die meisten Passagiere faßten diese Zeremonie, von der sie bereits vorher gehört hatten, als eine höchst unangenehme Prozedur auf. Schaudergeschichten, die dem Neuling die Haare zu Berge stehen lassen, wurden bei dieser Gelegenheit von den alten Afrikanern erzählt.

Der schicksalsschwere Tag brach an. Gegen 10 Uhr passierten wir San Thomé. Der Äquator berührt die Insel, die eine der schönsten und fruchtbarsten Afrikas sein soll. Da der Nebel sie völlig einhüllte, war leider nur die höchste Spitze, »La Dent du Chien«, sichtbar. Während der Kapitän den Neulingen den Äquator durch ein eigens zu diesem Zweck eingestelltes Fernrohr zeigte, auf welchen Spaß auch richtig Verschiedene hineinfielen, traf die Mannschaft heimlich alle erdenklichen Vorbereitungen zum würdigen Empfange Neptuns. Das Vorderdeck des Schiffes wurde mittels wasserdichten Segelleinens zu einem Bassin umgewandelt und angefüllt. Um 3 Uhr nachmittags erdröhnte wieder ein Kanonenschuß; der feierliche Moment nahte; bang klopften alle Herzen; Neptun mit dem Dreizink — ein ehrwürdiger Meergreis — mit Gemahlin, Doktor, Einseifer und Barbier sowie einem großen Gefolge von Soldaten erschien am Schiff, besichtigte dasselbe und begrüßte den Kapitän. Unter ohrenbetäubendem Tamtam aus allen möglichen und unmöglichen Blechgefäßen und Trommeln wurden sämtliche Passagiere mit Namen aufgerufen und im Halbkreis um das Bassin aufgestellt. Mit Ausnahme der Damen, denen man gestattete, sich in ihre Kabinen einzuschließen, wurde niemand verschont. Die Soldaten durchsuchten das ganze Schiff und brachten alle Neulinge, die sich angsterfüllt verkriechen wollten, auf Deck.

Auf Anraten meines afrikanischen Freundes hatte ich mich freiwillig als erster gemeldet. Nachdem Neptun eine feierliche Anrede an mich gehalten hatte, deren Sinn ich in der ungeheuren Aufregung, die sich meiner bemächtigte, nicht begriff, bekam ich vom Doktor, der mich auf meine Widerstandsfähigkeit untersucht hatte, eine Pechpille in den Mund geschoben. Als nächste Prozedur schmierte mir der Barbier mit einem riesigen Pinsel eine übelriechende, klebrige Masse im Gesicht, auf Kopf und Nacken herum, die er mit einem großen, aus Holz hergestellten Rasiermesser zum Teil abscheuerte. Im nächsten Moment fühlte ich mich von kräftigen Händen mit einem Ruck ins Wasser gestürzt, daß mir Hören und Sehen verging, und ich glaubte, meine letzte Stunde sei gekommen. Ich wurde 5- bis 6mal untergetaucht, dann hinausgehoben, und ehe ich noch recht gewahr wurde, wo ich war, steckte ich in einem etwa 6 Meter langen Schlauch, gerade groß genug, um dem Körper zu gestatten, sich wie eine Schlange hindurchzuwinden. Hier hineingestopft, wurde ich mit der Wasserspritze von hinten so lange unerbittlich bespritzt, bis es mir gelang, zum anderen Ende wieder herauszukommen. Ich begab mich sofort in eines der Badezimmer, das glücklicherweise noch nicht besetzt war. Mit großer Mühe nur vermochte ich die pechartige, ölige Flüssigkeit vom Leibe zu bringen, wobei natürlich mit Seife und Bürste nicht gespart werden durfte. Sodann begab ich mich wieder an Bord, um dem Schluß der Feierlichkeiten beizuwohnen.

Es ereignete sich nun ein kleiner Zwischenfall, der viel Spaß erregte, jedoch von bösen Folgen hätte begleitet werden können. Einige erbitterte Passagiere näherten sich von rückwärts dem dicken, ahnungslosen Neptun, und ehe dieser es sich versah, wurde er von kräftigen Fäusten hochgehoben und kopfüber ins Bassin gestürzt. Triefend vor Nässe, prustend und nach Atem ringend, tauchte der Riesenschädel, dem die Krone infolge des Sturzes bis über die Ohren gesunken war, empor. Der Greisenbart hing wirr in langen Fäden auf die Brust herunter, und seiner Pracht war ein jämmerliches Ende bereitet. Ein Glück, daß die Krone umfangreich und über die Ohren hinuntergerutscht war, da ihm das scharfe Messingblech sonst böse Verwundungen hätte beibringen können. Dies bildete den Schlußakt der Taufe der Passagiere. Nun kamen die Neger an die Reihe. Dieselben wurden zu Dutzenden in das Wasser geworfen und purzelten in höchst komischer Weise durcheinander.

Am Abend fand zu Ehren der Taufe ein Konzert statt. Die künstlerisch ausgestatteten Programme wurden versteigert und brachten ein namhaftes Erträgnis, welches zum Teil der beim Neptunsreigen mitwirkenden Mannschaft, zum Teil für das »Seemannsheim für verlassene Witwen und Waisen« gespendet wurde. Der Abend verlief äußerst gemütlich und artete schließlich, wie bei solchen Gelegenheiten üblich, in ein Champagnergelage aus.