Nachwort zu dieser Geschichte.

(Als Ohrenbeichte an den Kritiker.)


Weil unser Dasein ohnehin überreich an Drangsal und Leid ist, so wollte ich — beginnend mit heiterem Liebesabenteuer des jungen Adlerwirtes von Kirchbrunn — in dem süßen Herzensleben junger Menschen eine Idylle schreiben, mir und anderen zur Ergötzung. Allein es ist anders gekommen. Wie es im Leben sich so häufig fügt, daß alles ganz anders wird, als der Mensch gehofft hat, kommt solches bisweilen sogar auch in der Dichtung vor. Nicht das erste Mal — ich gestehe es — ist es mir hier passiert, daß während der Entwicklung einer Geschichte ganz von dem ursprünglichen Plane abgewichen wurde, weil sich folgerichtig andere Dinge ereignen mußten, als im Plane ausgeheckt waren. Den Plan macht der Kopf, dem ist im Übermut und Fürwitz alles möglich, der hat hundert Leitern, um dem Erdboden zu entkommen und in willkürlichen Zonen seine Luftschlösser zu bauen. Wenn nachher aber das Herz anhebt, dichterisch zu schaffen, nach Vorbildern der Wirklichkeit sinnlich zu gestalten, nach göttlichen und dämonischen Gesetzen des Gemütes zu handeln, da wird die Luftlinie verlassen und je nach der Bodenbeschaffenheit vorangegangen. Da ist es am besten, wenn der Dichter seiner Geschichte nicht vorangeht, sondern ihr folgt, wenn er sie nicht leitet, sondern von ihr geleitet wird, das heißt, wenn er der Entwicklung nicht Gewalt antut, sondern dieselbe nach gegebenen Verhältnissen sich selbst frei vollziehen läßt.

So habe ich es auch hier gehalten. Meine Gestalten — bestimmt veranlagte Menschen — sah ich vor mir. In harmlosem Spiele führte ich sie durcheinander, wie der Zufall oder das Geschick uns selbst durcheinander würfelt. Sie gewannen eine bestimmte Stellung zu einander, und nun war die Lage gegeben; im Augenblicke begann eine Entfaltung und eine Entwicklung, die sachte vom gezogenen Plane abwich, immer weiter und unheimlicher, bis zu jener letzten Folge, vor der ich selbst erschrak. Aus der lockenden Idylle ist ein tragischer Roman geworden, der nicht beabsichtigt war.

Es wird einem auch oft recht langweilig auf dem Tummelplatze des gewöhnlichen Lebens. Der Alltagsmenschen Begierden und Taten sind lächerlich schnöde, man wird mit ihnen weder warm, noch kalt. Wenn aber unvermutet irgendwo ein starkes Herz auftaucht, sei es in wildwetternder, zerstörender Leidenschaft, sei es in heldenhaftem Opfermut, alsbald reißt es des Dichters Aufmerksamkeit auf sich und läßt sie nicht wieder los, und so lange nicht wieder, bis es an einer großen Tugend zugrunde geht.

Als auf dem Freiballe beim Schwambachwirt mein Held plötzlich hinausgerufen wurde zu einem halbverkommenen Holzknechte, da ahnte ich noch nichts. Als dieser Holzknecht aber vom Adlerwirt verlangte: Laß' ab von der Dirn! Sie ist mein, und wenn du sie noch einmal anrührst, so wirst erstochen! — da war ich in seinem Banne. Als ich hernach der weiteren Entwicklung meiner Geschichte mit doppeltem Interesse folgte, war ich überzeugt, daß der Schopper-Schub den Adlerwirt ganz gewiß ermorden würde. Es kam anders, der weichmütige Adlerwirt ward zu einem beklagenswerten Dulder, seine Liebe zu Frieda suchte er redlich zu dämpfen, bis er endlich vom Zufall unbarmherzig mit dem Mädchen seiner heimlichen Leidenschaft zusammengeführt wurde. Jetzt standen die Dinge so, daß der Schopper-Schub wohl ans Messer griff, aber nicht mehr zuzustoßen vermochte. Denn durch lange Entsagung war in seinem großen Herzen die Liebe zum Weibe weit und hoch über die sinnliche Leidenschaft hinausgewachsen, und mächtig erfüllte ihn der eine Gedanke: glücklich machen das geliebte Wesen um jeden Preis. Ein zweites Wort sprach der Rechtssinn des Naturmenschen: Wenn die zwei sich in der Tat lieben, so sollen sie sich haben. — In dem Augenblicke, als ich den armen Menschen in weher Verzichtung dahingehen sah, wußte ich freilich, daß da noch etwas geschehen würde. Ich glaubte nicht recht, daß der Schopper ein Opfer nur halb vollbringt, und daß er selbst nicht mehr würde weiterleben wollen, das fürchtete ich.

Als Frau Kunigunde von dem der Gant verfallenen Adlerwirtshause auf dem Steirerwäglein fortfuhr, ließ ich sie sehr ungern in den Siebenbachwald ziehen. Aber ihre Rachsucht gegen den durchgegangenen Mann war so groß, daß sie keine Macht der Welt zurückgehalten haben würde, seine Spuren zu verfolgen. Ich ahnte nichts Gutes, als sie dem Schopper-Schub nachfragte, und leider — meine Ahnung hat mich nicht betrogen.

So leid es mir um den Schopper tat, so fiel mir doch ordentlich ein Stein vom Herzen, als das gräßliche Unglück auf der Holzriesen geschehen war. — Jetzt endlich! jetzt können die zwei jungen Leute, die wirklich füreinander geschaffen zu sein scheinen, zusammen heiraten! — Und da tut sich mir eine ungeahnte Tiefe des Weibesherzens auf: jetzt, da solches sich zugetragen, mag sie keine Liebschaft mehr, und am wenigsten eine mit dem, der ihr so lange im Wege gestanden, dessentwegen sie den treuesten Menschen auf der Welt mißkannt und abgewiesen hat.

Wenn meine heiteren Geschichten auf solche Art enden, dann will ich mich zweimal besinnen, ehe ich wieder einmal eine Idylle anfange zu schreiben. Und vielleicht tut auch jeder andere wohl daran, sich zweimal zu besinnen, bevor er — sei es mit einer armen Magd, oder sei es mit einer feinen Großbauerntochter — ein Liebesverhältnis anhebt. Ist die Dichtung schon so schlimm, um wieviel mehr erst die Wirklichkeit ...

Von den wenigen Bekannten, die noch leben, haben wir uns gar nicht verabschieden können. Es ging zu schnell. Wenn der Chronist dieser Ereignisse sich schließlich selbst als einen alten Bekannten vorstellen wollte, als den kleinen, in den Sand verlaufenden Professor Nix, so wäre uns damit nicht sehr gedient. Als Figur in der Erzählung tut der kleine Nix zu wenig, seine Hauptleistung besteht darin, uns die Geschichte übermittelt zu haben. Der Frieda und dem Wolfram hätten wir noch gerne die Hand gedrückt. Wenn schon die Jungdirn schrieb, daß, was vergangen ist, auch vergessen sein soll, so möchten wir ihnen doch für das, was kommen wird, alles Gute wünschen, vor allem ein starkes Herz, welches die unvergeßlichen Erfahrungen der Vergangenheit in der Zukunft sich zunutze mache.