Ehe- und Wehestand

Der Hausbau

Nachdem ich, wie gesagt, den Winter über alle möglichen Anstalten zu meinem Bauen gemacht, das Holz auf den Platz geschleift und der Frühling nun heranrückte, langten auch meine Zimmerleute auf den Tag an, wie sie mir's versprochen hatten. Es waren außer meinem Bruder Georg, den ich ebenfalls gedingt, und für den ich darum meinem Vater jetzt Kostgeld entrichten mußte, sieben Mann, deren jedem ich alle Tag für Speis' und Lohn sieben Batzen, dem Meister Hans Jörg Brunner von Krinau aber neun Batzen bezahlte und darüber noch täglich eine halbe Maß Branz, Sell-,[51] Beschluß- und Firstwein. Es war den siebenundzwanzigsten März, da die Selle zu meiner Hütte gelegt wurde, bei sehr schönem Wetter, das bis Mitte April dauerte, wo die Arbeit durch eingefallenen großen Schnee einige Tage unterbrochen ward. Bis Mitte Mai, also in zirka sieben Wochen, kam alles unter Dach. Noch vorher aber, End' Aprils, spielte mir das Schicksal etliche fatale Streiche, die mir, so unbedachtsam ich sonst alles dem Himmel anheimstellte, der doch nirgends für den Leichtsinn zu sorgen versprochen hat, beinahe allen Mut zu Boden warfen. Es hatten sich nämlich drei oder vier Unsterne miteinander vereinigt, meinen Bau zu hintertreiben. Der eine war, daß ich noch viel zu wenig Holz hatte, ungeachtet der Meister mir gesagt, es sei genug, und daher es erst jetzt einsah, als er an die oberste oder Firstkammer kam. Also mußt' ich von neuem in den Wald, Bäum kaufen, fällen, und sie in die Säge und auf den Zimmerplatz führen. Der zweite Unstern war, daß, als bei dem ebengedachten Geschäft mein Fuhrmann mit einem schweren Stück zwischen zwei Felsen durch, und ich nebenein galoppieren wollte, mir der Baum im Renken den rechten Fuß erwischte, Schuh' und Strümpf' zerriß, und Haut, Fleisch und Bein zerquetschte, so daß ich ziemlich miserabel auf dem einen Roß heimreiten, und unter großen Schmerzen viele Tag' inliegen mußte, bis ich wieder zu meinen Leuten konnte. Nebendem vereinigten sich während dieser meiner Niederlage noch zwei andre Fatalitäten mit den erstern. Die eine, einer meiner Landsmänner, dem ich hundertzwanzig Gulden schuldig war, schickte mir unversehns den Boten, daß er zur Stund' wolle bezahlt sein. Ich kannte meinen Mann und wußte, daß da Bitten und Beten umsonst sei. Also dacht' ich hin und her, was anzufangen wäre. Endlich entschloß ich mich, meinen Vorrat an Garn aus allen Winkeln zusammenzulesen, nach St. Gallen zu schicken und um jeden Preis loszuschlagen. Aber, o weh! das vierte Ungeheuer! Mein Abgesandter kam, statt mit Barschaft, mit der entsetzlichen Nachricht, mein Garn liege im Arrest wegen allzu kurzen Häspeln, ich müsse selber auf St. Gallen gehn und mich vor den Herren Zunftmeistern stellen. Was sollt' ich nun anfangen? Jetzt hatt' ich weder Garn noch Geld, sozusagen keinen Schilling mehr, meine Arbeiter zu bezahlen, die indessen drauflos zimmerten, als ob sie Salomonis Tempel bauen müßten. Und dann mein unerbittlicher Gläubiger! Aufs neue borgen? Gut! Aber wer wird mir armen Buben trauen? Mein Vater sah meine Angst, und mein Vater im Himmel sah sie noch besser. Sonst fanden der Ätti und ich noch immer Kredit. Aber sollten wir den mißbrauchen? Kurz, er rannte in seinem und meinem Namen, und fand endlich Menschen, die sich unser erbarmten, Menschen und keine Wuchrer! Gott vergelt' es ihnen in Ewigkeit!

Einzug

Sobald ich wieder aushoppen und meinen Sachen nachgehen konnte, war meine Not, vielleicht nur zu bald, vergessen. Mein Schatz besuchte mich während meiner Krankheit oft. Aber von allen jenen Unsternen ließ ich ihr keinen Schein sehn; und mein guter Engel verhütete, daß sie nichts davon erfuhr; denn ich merkte wohl, daß sie noch unschlüssig, nur mein Verhalten, und den Ausgang vieler ungewisser Dinge erwarten wollte. Unser Umgang war daher nie recht vertraut. Zu St. Gallen kam ich mit fünfzehn Gulden Buß davon. Als die Zimmerleut' fertig waren, ging's ans Mauern. Dann kam der Hafner, Glaser, Schlosser, Schreiner, einer nach dem andern. Dem letzten zumal half ich aus allen Kräften, so daß ich dies Handwerk so ziemlich gelernt und mir mit meiner Selbstarbeit manchen Schilling erspart habe. Mit meinem Fuß war's indessen noch lange nicht recht, und ich mußte bei Jahren daran bayern,[52] sonst wäre alles viel hurtiger vonstatten gegangen. Endlich konnt' ich am siebenzehnten Juni mit dem Bruder in mein neues Haus einziehn, der nun einzig, nebst mir, unsern kleinen Rauch führte. Wir beide stellten also Herr, Frau, Knecht, Magd, Koch und Keller, alles an einem Stiel vor. Aber es fehlte noch an vielem. Wo ich herumsah, erblickt' ich meist heitre und sonnenreiche, aber leere Winkel. Immer mußt' ich die Hand in Beutel stecken, und der war klein und dünn, so daß es mich jetzt noch Wunder nimmt, wie die Kreuzer, Batzen und Gulden alle heraus- oder vielmehr hineingekrochen. Aber freilich am End erklärte sich manches durch eine Schuldenlast von fast tausend Gulden.

Hochzeit

Inzwischen war ich nun beinahe vier Jahre lang einem stettigen[53] Mädchen nachgelaufen; und sie mir, wenn auch etwas minder. Wenn wir uns nicht sehen konnten, mußten bald alle Tage gebundene und ungebundene Briefe gewechselt sein, wie mich denn über diesen Punkt mein verschmitzter Schatz meisterlich zu betrügen wußte. Sie schrieb mir nämlich ihre Briefe meist in Versen, so nett, daß sie mich darin weit übertraf. Ich hatte eine große Freude an dem gelehrten Ding, und glaubte eine vortreffliche Dichterin an ihr zu haben. Aber am End kam's heraus, daß sie weder schreiben noch Geschriebenes lesen konnte, sondern alles durch einen vertrauten Nachbar verrichten ließ. »Nun, Schatz!« sagt' ich eines Tags, »jetzt ist unser Haus fertig, und ich muß doch einmal wissen, woran ich bin.« Sie brachte noch einen ganzen Plunder von Entschuldigungen hervor. Zuletzt wurden wir darüber einig, ich müss' ihr noch Zeit lassen bis im Herbst. Endlich ward im Oktober (1761) unsre Hochzeit öffentlich verkündet. Jetzt, so schwer war's kaum Rom zu bauen, spielte mir ein niederträchtiger Kerl noch den Streich, daß er im Namen seines Bruders, der in piemontesischen Diensten stand, Ansprache auf meine Braut machte, die aber bald für ungültig erkannt wurde. An Aller Seelen-Tag wurden wir kopuliert. Herr Pfarrer Seelmatter hielt uns einen schönen Sermon, und knüpfte uns zusammen. So nahm meine Freiheit ein Ende, und das Zanken gleich den ersten Tag seinen Anfang. Ich sollte mich unterwerfen, wollte nicht, und will's noch nicht. Sie sollt' es auch, und will's noch viel minder. Auch darf ich einmal nicht verhehlen, daß mich eigentlich bloß politische Absichten zu meiner Heirat bewogen hatten, und ich nie jene zärtliche Neigung zu ihr verspürte, die man Liebe zu nennen gewohnt ist. Nur das erkannt' ich wohl, und erkenne ich noch in der gegenwärtigen Stunde, daß sie für meine Umstände unter allen, die ich bekommen hätte, die tauglichste war. Mein Bruder Jakob hatte ein Jahr vor mir, und meine älteste Schwester ein Jahr nach mir sich verheiratet, und keins von beiden traf's so gut wie ich. Nicht zu gedenken, daß die Familie meiner Frau weit besser war, als die, worein meine beiden Geschwister sich hineingemannet und geweibet hatten, sind diese auch immer ärmer geblieben. Bruder Jakob zumal mußte in den teuern siebenziger Jahren von Weib und Kindern weg in den Krieg laufen.

Tod des Vaters

Das Jahr 1762 war mir besonders um des sechsundzwanzigsten Märzens und zehnten Septembers willen merkwürdig. An dem erstern starb mein geliebter Vater eines schnellen, gewaltsamen Todes, den ich lange nicht verschmerzen konnte. Er ging am Morgen in den Wald, etwas Holz zu suchen. Gegen Abend kam Schwester Anne-Marie mit Tränen in den Augen zu mir und sagte, der Ätti sei in aller Frühe fort und noch nicht heimgekommen, sie fürchten alle, es sei ihm was Böses begegnet, ich solle doch fort und ihn suchen, sein Hündlein sei etlichemal heimgekommen und wieder weggelaufen. Mir ging ein Stich durch Mark und Bein. Ich rannte in aller Eil' dem Gehölze zu, das Hündlein trabte vor mir her und führte mich gerade zu dem vermißten Vater. Er saß neben seinem Schlitten, an ein Tännchen gelehnt, die Lederkappe auf dem Schoß und die Augen sperroffen. Ich glaubte, er sehe mich starr an. Ich rief: Vater, Vater! aber keine Antwort. Seine Seele war ausgefahren, gestabet[54] und kalt waren seine lieben Hände, und ein Ärmel hing von seinem Futterhemd herunter, den er mag ausgerissen haben, als er mit dem Tode rang. Voll Angst und Verwirrung fing ich ein Zetergeschrei an, welches in kurzem alle meine Geschwisterte herbeibrachte. Eins nach dem andern legte sich auf den erblaßten Leichnam. Unser Geheul ertönte durch den ganzen Wald. Man zog ihn auf seinem Schlitten nach Haus, wo die Mutter samt den Kleinen ihr Wehklagen mit dem unsrigen vereinte. Ein armer Bube aß die Suppe, die auf den guten Herzensvater gewartet hatte. Zehn Tage vorher hatt' ich das letztemal, oh, hätt' ich's gewußt, daß es das letztemal! mit ihm gesprochen, und sagte er mir unter anderm, er möchte sich die Augen ausweinen, wenn er bedenke, wie oft er den lieben Gott erzürnt habe. Oh, welch einen guten Vater hatten wir, welch einen zärtlichen Ehemann unsre Mutter, welch eine redliche Seele und Biedermann alle, die ihn kannten, an ihm verloren. Gott tröste seine Seele in alle Ewigkeit! Er hatte eine mühsame Pilgrimschaft. Kummer und Sorgen aller Art, Krankheiten, drückende Schuldenlast folgten ihm stets auf der Ferse nach. Sonntags, den achtundzwanzigsten März, wurde er unter einem zahlreichen Gefolge zu seiner Ruhestatt begleitet, und in unser aller Mutter Schoß gelegt. Herr Pfarrherr Bösch ab dem Ebnet hielt ihm die Leichenrede, die für seine betrübten Hinterlassenen ungemein tröstlich ausfiel. Der Selige mag sein Alter auf fünfundfünfzig Jahre gebracht haben. Oh, wie oft besucht' ich seither das Plätzchen, wo er den letzten Atem ausgehaucht. Die sicherste Vermutung über seine eigentliche Todesart gab mir der Ort selbst an die Hand. Es war sehr gähe, wo er mit seinem Füderchen Holz hinunterfuhr. Der Schnee trug den Schlitten, aber mit den Füßen mußte er an einer lockern Stelle, die ich noch wohl wahrnehmen konnte, unter den letztern gekommen, und derselbe mit ihm gegen eine Tanne geschossen sein, die ihm den Herzstoß gab. Doch muß er noch eine Weile gelebt, sich freimachen gewollt, und über dieser Bemühung sein Futterhemd zerrissen haben.

Familiensorgen

Nach diesem traurigen Hinschied fiel eine schwere Last auf mich. Da waren noch vier unerzogene Kinder, bei welchen ich Vaterstelle vertreten sollte. Unsre Mutter war so immer geradezu und sagte zu allem: Ja, ja! Ich tat, was ich konnte, wenn ich gleich mit mir selbst schon genug zu schaffen hatte. Bruder Georg nahm den eigentlichen Haushalt über sich. Aus den hundert Gulden, die mir der Selige gegeben hatte, tilgte ich seine Schulden. In meinem eigenen Häuschen machte ich einen Webkeller zurecht. Ich lernte selbst weben und lehrte es nach und nach meine Brüder, so daß zuletzt alle damit ihr Brot verdienen konnten. Die Schwestern verstunden recht gut Löthligarn zu spinnen, die jüngste lernte nähen.

Das erste Kind

Der zehnte September war wieder der erste frohe Tag für mich, an welchem meine Frau mir einen Sohn zur Welt brachte, den ich nach meinem und meines Schwähers Namen Uli nannte. Ich hatte eine solche Freude mit diesem Jungen, daß ich ihn nicht nur allen Leuten zeigte, die ins Haus kamen, sondern auch jedem vorübergehenden Bekannten zurief: Ich hab' einen Buben, obgleich ich schon voraus wußte, daß mich mancher darüber auslachen und denken werde: Wart nur, du wirst noch des Dings genug bekommen, wie's denn auch wirklich geschah. Inzwischen kam mein gutes Weib dies erstemal nicht leicht davon und mußte viele Wochen das Bett hüten. Das Kind wuchs und nahm wunderbar zu.

Bald nachher erzeugten die Angelegenheiten der Meinigen manchen kleinern und größern Ehestreit zwischen mir und meiner Hausehre. Die letztre mochte nämlich nach Gewohnheit die erstern nie recht leiden, und meinte immer, ich dächt' und gäb' ihnen zu viel. Freilich waren meine Brüder ziemlich ungezogene Bursche, aber immer meine Brüder, und ich also verbunden, mich ihrer anzunehmen. Endlich kam einer nach dem andern unter die Fremden, Georg ausgenommen, der ein ziemlich liederliches Weib heiratete. Die andern alle verdienten, meines Wissens, ihr Brot mit Gott und mit Ehren.

Eheleben

Die Flitterwochen meines Ehestands waren nun längst vorbei, obgleich ich wenig von ihrem Honig zu sagen weiß. Mein Weib wollte immer gar zu scharfe Mannszucht halten; und wo viel Gebote sind, gibt's mehr Übertretung. Sobald ich nur ein bischen ausschweifte, waren gleich alle Teufel los. Das machte mich bitter und launisch, und verführte mich zu allerlei eiteln Projekten. Mein Handel ging bald gut, bald schlecht. Bald kam mir ein Nachbar in die Quere und verstümmelte mir meinen schönen Gewerb; bald betrogen mich arge Buben um Baumwolle und Geld, denn ich war gar zu leichtgläubig. Ich hatte mir eines der herrlichsten Luftschlösser gemacht, meine Schulden in wenig Jahren zu tilgen; aber die Ausgaben mehrten sich von Jahr zu Jahr. Im Winter 63 gebar mir meine Frau eine Tochter, und 65 noch eine. Ich bekam wieder das Heimweh nach Geißen; auf der Stelle mußten deren etliche herbeigeschafft sein. Die Milch stund mir und meinen drei Jungen trefflich an; aber die Tiere gaben mir viel zu schaffen. Andremal hielt ich eine Kuh; oft gar zwei und drei. Ich pflanzte Erdäpfel und Gemüse, und probierte alles, wie ich am leichtesten zurechtkommen möchte. Aber ich blieb immer so auf dem alten Fleck stehn, ohne weit vor, doch auch nicht hinterwärts zu rücken.

Die Sechzigerjahre

Überhaupt vertrödelte ich diese Sechzigerjahre, daß ich nicht recht sagen kann, wie? und so, daß sie meinem Gedächtnis weit entfernter sind als die entferntesten Jugendjahre. Nur etwas Weniges also von meiner damaligen Herzens- und Gemütslage. Schon mehrmals hab' ich bemerkt, wie ich in meiner Bubenhaut ein lustiger, leichtsinniger, kummer- und sorgenloser Junge war, der dann doch von Zeit zu Zeit manche gute Regungen zur Buße und manche angenehme Empfindung, wenn er in der Besserung auch nur einen halben Fortschritt tat, bei sich verspürte. Nun war die Zeit längst da, einmal mit Ernst ein ganz anderes Leben anzufangen. Gerade von meiner Verheiratung an wollt' ich mit nichts Geringerm beginnen, als der Welt völlig abzusagen, und das Fleisch mit allen seinen Gelüsten zu kreuzigen. Aber, oh, ich einfältiger Mensch! Was es da für ein Gewirre und für Widersprüche in meinem Innern absetzte. Vor meinem Ehestand bildete ich mir ein, wenn ich nur erst meine Frau und eigen Haus und Heimat hätte, würden alle andern Begierden und Leidenschaften wie Schuppen von meinem Herzen fallen. Aber, potztausend! welch' eine Rebellion gab's da. Lange Zeit wendete ich jeden Augenblick, den ich entbehren, aber auch manchen, den ich nicht entbehren konnte, aufs Lesen an. Ich schnappte jedes Buch auf, das mir zu erhaschen stund. Ich hatte acht Foliobände von der Berlenburger Bibel vollendet, nahm dann, wie es sich gebührt, eine scharfe Kinderzucht vor, ging dann und wann in die Versammlung etlicher Heiliger und Frommen, und ward darüber, wie es mir jetzt vorkommt, ein unerträglicher, eher gottloser Mann, der alle andern Menschen um ihn her für bös, sich selber allein für gut hielt, und darum jedes Bein nach seiner Pfeife wollte tanzen lehren. Jede auch noch so schuldlose Freude des Lebens machte mir Skrupel über Skrupel, ich wollte mir bald sogar die Befriedigung eigentlich unentbehrlicher Bedürfnisse versagen, und mein Busen steckte doch voll schnöder Lust und tausend abenteuerlicher Begierden, die ich so oft ertappte, als ich hineinzugucken Mut genug hatte. Ich geriet dann freilich fast in Verzweiflung, faßte aber doch allemal von neuem wieder Posto und suchte meine Sachen mit Beten, Lesen und — oh, ich abscheulicher Kerl! — hauptsächlich damit wieder zu verbessern, daß ich meiner Frau und Geschwisterten wie ein Pfarrer zusprach, und die Höll' bis zum Zerspringen heiß machte. Oft fiel mir's gar ein, ich sollte, gleich den Herrnhutern und Inspirierten, in der weiten Welt herumziehn und Buß' predigen. Wenn ich aber so nur einem meiner Brüder oder Schwestern einen Sermon hielt, und schon im Text stockte, dacht' ich wieder: Du Narr! Hast ja keine Gaben zu einem Apostel, und also auch keinen Beruf dazu. Dann fiel ich darauf, ich könnte vielleicht besser mit der Feder zurechtkommen, und flugs entschloß ich mich, ein Büchlein zum Trost und Heil wo nicht ganz Tockenburgs, wenigstens meiner Gemeinde zu schreiben, oder es auch nur meiner Nachkommenschaft — statt des Erbguts zu hinterlassen.

Das Jahr 1767 hatte mir wieder einen Buben beschert. Ich nannte ihn nach meinem Vater Johannes. Um die nämliche Zeit fiel mein Bruder Samson im Laubergaden ab einem Kirschbaum zu Tod. Im Jahre 68 fing ich obbelobtes Büchlein und zugleich ein Tagebuch an, das ich bis zu dieser Stunde fortsetze, das anfangs aber voll Schwärmereien stak, und nur bisweilen ein guter Gedanke in hundert leeren Worten ersäuft war, mit denen nb. meine Handlungen nie übereinstimmten.


Sonst ward ich in diesen frommen Jahren des Garnhandels bald überdrüssig, weil ich dabei, wie ich wähnte, mit zu viel rohen und gewissenlosen Menschen umzugehen hätte. Aber, oh, des Tucks! warum überließ ich ihn denn meiner Frau und beschäftigte mich selbst mit der Baumwolltüchlerei? Ich glaubte halt, für meine Haut und mein Temperament mit den Webern besser als mit den Spinnern auskommen zu können. Aber es war für meine Haushaltung ein törichter Schritt, oder wenigstens fiel er übel aus. Im Anfang kostete mich das Webgeschirr viel, und mußt' ich überhaupt ein hübsches Lehrgeld geben: und als ich die Sachen ein wenig im Gang hatte, schlug die War' ab. Doch, dacht' ich, es wird schon wieder anders kommen.

Das Jahr 1769 bescherte mir den dritten Sohn. »Ha!« überlegt' ich eines Tags, »nun mußt du einmal mit Ernst ans Sparen denken; bist immer noch so viel schuldig wie im Anfang, und dein Haushalt wird je länger je stärker. Frisch! die Händ' aus den Hosen getan, und die Bären abbezahlt. Jetzt kann's sein. Bisher hattest noch stets an deiner Hütte zu flicken, und fehlte immer hie und da ein Stück; andrer Ausgaben in deinem Gewerb zu geschweigen. Dann hast du unvernünftig viel Zeit mit Lesen und Schreiben zugebracht. Nein, nein! Jetzt willst anders dahinter. Zwar das Reichwerdenwollen soll von heut an aufgegeben sein. Der Faule stirbt über seinen Wünschen, sagt Salomon. Aber jenes ewige Studieren zumal, was nützt es dir? Bist ja immer der alte Mensch, und kein Haar besser als vor zehn Jahren, da du kaum lesen und schreiben konntest. Etwas Geld mußt' freilich noch aufnehmen; aber dann desto wackerer gearbeitet, und zwar alles, wie's dir vor die Hand kömmt. Verstehst ja, neben deinem eigentlichen Berufe noch das Zimmern, Tischlern und anderes wie ein Meister; hast schon Webstühl', Trög', Kästen und Särg' bei Dutzenden gemacht. Freilich ist schlechter Lohn dabei, und: Neun Handwerk', zehn Bettler, lautet das Sprichwort, doch wenig ist besser als nichts.« So dacht' ich. Aber es liegt nicht an jemands Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Verhängnis, an Zeit und Glück!

Die schlimmen Siebenzigerjahre

Während diesem meinem neuen Planmachen und Projekteschmieden rückten die heißhungrigen Siebenzigerjahre heran, und das erste brach ein, ganz unerwartet wie ein Dieb in der Nacht ein, da jedermann auf ganz andre Zeiten hoffte. Freilich gab's seit dem Jahr 1760 in unsern Gegenden kein recht volles Jahr mehr. Die Jahre 1768 und 1769 fehlten gänzlich, hatten nasse Sommer, kalte und lange Winter, großen Schnee, so daß viel Frucht darunter verfaulte, und man im Frühling aufs neue pflügen mußte. Das mögen politische Kornjuden wohl gemerkt und der nachfolgenden Teurung vollends den Schwung gegeben haben. Dies konnte man daraus schließen, daß fürs Geld immer Brot genug vorhanden war; aber eben jenes fehlte, und zwar nicht bloß bei dem Armen, sondern auch bei dem Mittelmann. Also war diese Epoche für Händler, Bäcker und Müller eine goldene Zeit, wo sich viele bereicherten oder wenigstens ein Hübsches auf die Seite schaffen konnten. Hinwieder fiel der Baumwollengewerb fast gänzlich in den Kot und war aller diesfällige Verdienst äußerst klein, so daß man Arbeiter genug ums bloße Essen haben konnte. Ohne dies wäre der Preis der Lebensmittel noch viel höher gestiegen, und hätte die teure Zeit bald gar kein End' genommen.

Das siebenziger Jahr neigte sich schon im Frühling zum Aufschlagen. Der Schnee lag auf der Saat bis im Maien, so daß gar viel darunter erstickte. Indessen tröstete man sich den ganzen Sommer auf eine leidliche Ernte, dann auf das Ausdreschen; aber alles umsonst. Ich hatte eine gute Portion Erdäpfel im Boden; es wurden mir aber viel gestohlen. Den Sommer über hatte ich zwo Kühe auf fremder Weide, und ein paar Geißen, welche mein erstgeborener Junge hütete; im Herbst aber mußt' ich aus Mangel an Geld und Futter alle diese Schwänze verkaufen. Der Handel nahm ab, so wie die Fruchtpreise stiegen, und bei den armen Spinnern und Webern war nichts als Borgen und Borgen. Nun tröstete ich die Meinigen und mich selbst mit meinem: »Es wird schon besser kommen!« so gut ich konnte; ich mußte aber auch dafür manche bittre Pille verschlucken, die meine Bettgenossin wegen meinem vorigen Verhalten, Sorglosigkeit und Leichtsinn mir auftischte, und die ich nicht allemal geduldig und gleichgültig ertragen mochte. Gleichwohl sagte mir mein Gewissen meist: Sie hat recht. Wenn sie's nur nicht so herb' präpariert hätte.

Mein erstes Hungerjahr

Nun brach der große Winter ein, der schauervollste, den ich erlebt habe. Ich hatte fünf Kinder und keinen Verdienst, ein bißchen Gespunst ausgenommen. Bei meinem Händelchen büßt' ich von Woche zu Woche mehr ein. Ich hatte viel vorrätig Garn, das ich zu hohem Preis eingekauft, und an dem ich verlieren mußte, ich mocht' es wieder roh verkaufen oder zu Tüchern machen. Doch tat ich das letztere und hielt mit dem Losschlagen zurück, mich immer meines Waidspruchs getröstend: »Es wird schon besser werden!« Aber es ward immer schlimmer, den ganzen Winter durch. Inzwischen dacht' ich: »dein kleiner Gewerb hat dich bisher genährt, wenn du damit gleich nichts beiseite legen konntest. Du magst und kannst's also nicht aufgeben. Tätest du's, müßtest du gleich deine Schulden bezahlen, und das wär' dir jetzt pur unmöglich.« Auch in andern Punkten ging's mir nicht besser. Mein kleiner Vorrat von Erdäpfeln und anderm Gemüs' aus meinem Gärtchen, was mir die Diebe übriggelassen, war aufgezehrt, ich mußte mich also Tag für Tag aus der Mühle verproviantieren; das kostete am End' der Woche eine hübsche Handvoll Münze, nur für Rotmehl und Rauchbrot. Dennoch war ich noch immer guter Hoffnung, hatte auch nicht eine schlaflose Nacht, und sagte alleweil: »Der Himmel wird schon sorgen und noch alles zum Besten lenken!« »Ja!« ripostierte meine Jöbin: »wie du's verdient; ich bin unschuldig. Hätt'st du die gute Zeit in Obacht genommen, und deine Hände mehr in den Teig gesteckt, als deine Nase in die Bücher!« »Sie hat recht!« dacht' ich dann, »aber der Himmel wird doch sorgen,« und schwieg. Freilich konnt' ich meine schuldlosen Kinder unmöglich Hunger leiden sehn, so lang ich noch Kredit fand. Die Not stieg um diese Zeit so hoch, daß viele eigentlich blutarme Leute kaum den Frühling erwarten mochten, wo sie Wurzeln und Kräuter finden konnten. Auch ich kochte allerhand dergleichen, und hätte meine jungen Vögel noch lieber mit frischem Laub genährt, als es einem meiner erbarmenswürdigen Landsmänner nachgemacht, dem ich mit eignen Augen zusah, wie er mit seinen Kindern von einem verreckten Pferd einen ganzen Sack voll Fleisch abhackte, woran sich schon mehrere Tage Hunde und Vögel satt gefressen hatten. Noch jetzt, wenn ich des Anblicks gedenke, durchfährt Schauer und Entsetzen alle meine Glieder. Bei alledem ging mir mein eigner Zustand nicht so sehr zu nahe, als die Not meiner Mutter und Geschwisterte, welche alle noch ärmer waren als ich, und denen ich so wenig helfen konnte. Indessen half ich über Vermögen, da ich stets noch einigen Kredit fand, und sie gar keinen. Im Mai 1771 verhalf mir ein gutmütiger Mann wieder zu einer Kuh und zu ein paar Geißen, da er mir Geld dazu bis auf den Herbst lieh. Nunmehr hatte ich wenigstens ein bißchen Milch für meine Jungen. Aber verdienen konnt' ich nichts. Was mir noch etwa von meinem Gewerb einging, mußt' ich auf die Atzung von Menschen und Tieren verwenden. Meine Schuldner bezahlten mich nicht, ich konnte also auch meine Gläubiger nicht befriedigen und mußte Geld und Baumwolle auf Borg nehmen wo ich's fand. Endlich ging dem Faß vollends der Boden aus. Zwar kam mir mein gewöhnliches: »Gott lebt noch! 's wird schon besser werden!« noch immer in den Sinn, aber meine Gläubiger fingen nichtsdestoweniger an, mich zu mahnen und zu drohen. Von Zeit zu Zeit mußt' ich hören, wie dieser und jener bankerott machte. Es gab hartherzige Kerls, die alle Tag mit den Schätzern im Feld waren, ihre Schulden einzutreiben. Neben andern traf die Reihe auch meinen Schwager; ich hatte ebenfalls eine Anforderung an ihn, und war selber bei dem Auffallsakt gegenwärtig; freilich mehr ihm zum Beistande, als um meiner Schuld willen. Oh, was das für ein erbärmlicher Spektakel ist, wenn einer so wie ein armer Delinquent dastehn, sein Schulden- und Sündenregister vorlesen hören, so viele bittre, teils laute, teils leise Vorwürfe in sich fressen, sein Haus, seine Mobilien, alles, bis auf ein armseliges Bett und Gewand, um einen Spottpreis verganten sehn, das Geheul von Weib und Kindern hören und zu allem schweigen muß wie eine Maus. Oh, wie fuhr's mir da durch Mark und Bein! Und doch konnt' ich weder raten noch helfen, nichts tun, als für meiner Schwester Kinder beten und im Herzen denken: »Auch du, auch du steckst ebenso tief im Kot! heut oder morgen kann es, muß es dir ebenso gehn, wenn's nicht bald anders wird. Und wie sollt' es anders werden? Oder darf ich Tor auf ein Wunder hoffen? Nach dem natürlichen Gang der Dinge kann ich mich unmöglich erholen. Vielleicht harren deine Gläubiger noch eine Weile, aber alle Augenblick' kann die Geduld ihnen ausgehn. Doch, wer weiß? Der alte Gott lebt noch! Es wird nicht immer so währen. Aber, ach! Und wenn's auch besser würde, braucht' es Jahre, bis ich mich wieder erholen könnte. So lang werden meine Schuldherren mir gewiß nicht Zeit lassen. Ach, mein Gott! Was soll ich anfangen? Keiner Seele darf ich mich vertrauen, muß ich doch vor meinem eignen Weib meinen Kummer verbergen.« Mit solchen Gedanken wälzt' ich mich ein paar lange Nächte auf meinem Lager herum, dann faßt' ich, wie mit Eins, wieder Mut, tröstete mich aufs neue mit der Hilfe von oben, befahl dem Himmel meine Sachen und ging meine Wege wie zuvor. Zwar prüft' ich mich selbst unterweilen, ob und inwiefern ich an meinen gegenwärtigen Umständen Schuld trage. Aber, wie geneigt ist man in solcher Lage, sich selbst zu rechtfertigen! Freilich konnt' ich mir keine eigentliche Verschwendung oder Liederlichkeit vorwerfen, aber doch ein gewisses gleichgültiges, leichtgläubiges, ungeschicktes Wesen. Erstlich hatt' ich nie gelernt, recht mit dem Geld umzugehn, auch hatte es nie Reize für mich, als inwiefern ich's alle Tag zu brauchen wußte. Hiernächst traute ich jedem Halunken, wenn er mir nur ein gut Wort gab; und noch jetzt könnte mich ein ehrlich Gesicht um den letzten Heller im Sack betrügen. Endlich und vornehmlich verstunden lange weder ich noch mein Weib den Handel, und kauften und verkauften immer zur verkehrten Zeit.

Not und Tod

Mittlerweile ward meine Frau schwanger, den ganzen Sommer 1772 über kränklich, und schämte sich vor allen Wänden, daß sie bei diesen betrübten Zeitläufen ein Kind haben sollte. Ja, sie hätte selbst mir bald eine ähnliche Empfindung eingepredigt. Im Herbstmonate, da die rote Ruhr allenthalben grassierte, kehrte sie auch bei mir ein, und traf zuerst meinen lieben Erstgebornen. Von der ersten Stund' an, da er sich legte, wollt' er, außer lauterm Brunnenwasser, nichts, weder Speis' noch Trank mehr zu sich nehmen, und in acht Tagen war er eine Leiche. Nur Gott weiß, was ich bei diesem Unfall empfunden. Ein so gutartiges Kind, das ich wie meine Seele liebte, unter einer so schmerzhaften Krankheit geduldig wie ein Lamm Tag und Nacht, denn es genoß auch nicht eine Minute Ruh', leiden zu sehn! Noch in der letzten Todesstunde riß es mich mit seinen schon kalten Händchen auf sein Gesicht herunter, küßte mich noch mit seinem erstorbnen Mündchen und sagte unter leisem Wimmern, mit stammelndem Zünglin: »Lieber Ätti! es ist genug. Komm auch bald nach« — rang dann mit dem Tod und verschied. Mir war, mein Herz wollte mir in tausend Stücke zerspringen. — Noch war mein Söhnlein nicht begraben, so griff die wütende Seuche mein ältestes Töchterchen an, und es war aller Sorgfalt der Ärzte ungeachtet noch schneller hingerafft. Diese Krankheit kam mir so ekelhaft vor, daß ich's sogar bei meinen Kindern nie ohne Grausen aushalten konnte. Als das Mädchen kaum tot, ich von Wachen, Sorgen und Wehmut wie vertaumelt war, fing's auch mir an im Leibe zu zerren, und hätt' ich in diesen Tagen tausendmal gewünscht zu sterben und mit meinen Lieben hinzufahren. Doch ging ich, auf dringendes Bitten meiner Frau, selbst zu Herrn Doktor Wirth. Er verordnete mir Rhabarber und sonst was. Sobald ich nach Haus kam, mußt' ich zu Bett liegen. Ein Grimmen und Durchfall fing mit aller Wut an, und die Arznei schien die Schmerzen zu verdoppeln. Der Doktor kam selbst zu mir und sah meine Schwäche, aber nicht meine Angst. Gott, Zeit und Ewigkeit, meine geist- und leiblichen Schulden stunden fürchterlich vor und hinter meinem Bett. Keine Minute Schlaf, Tod und Grab, Sterben, und nicht mit Ehren, welche Pein! Ich wälzte mich Tag und Nacht in meinem Bett herum, krümmte mich wie ein Wurm, und durfte, nach meiner alten Leier, meinen Zustand doch keiner Seele entdecken. Ich flehte zum Himmel, aber der Zweifel, ob der mich hören wollte, ging mir jetzt zum erstenmal durch Mark und Bein, und die Unmöglichkeit, daß mir bei meinem allfälligen Wiederaufkommen noch gründlich zu helfen sei, stellte sich mir lebhafter als je vor. Indessen ward mein Töchterchen begraben, und in wenig Tagen lagen meine drei übrigen Kinder nebst mir an der nämlichen Krankheit darnieder. Nur mein ehrliches Weib war bis dahin ganz frei ausgegangen. Da sie nicht allem abwarten konnte, kam ihre ledige Schwester ihr zu Hilf'; sonst übertraf sie mich an Mut und Standhaftigkeit weit. Ich stund, teils meiner leiblichen Schmerzen, teils meiner schrecklichen Vorstellungen wegen, noch ein paar Tage Höllenangst aus, bis es mir in einer glücklichen Stunde gelang, mich und meine Sachen dem lieben Gott auf Gnad und Ungnad zu übergeben. Bisher war ich ein ziemlich mürrischer Patient. Nun ließ ich mit mir machen, was jeder gern wollte. Meine Frau, ihre Schwester und Herr Doktor Wirth gaben sich alle ersinnliche Sorge um mich. Der Höchste segnete ihre Mühe, so daß ich inner acht Tagen wieder aufkam und auch meine drei Kleinen sich wieder allmählich erholten. Als ich noch darniederlag, kam eines Abends meine Schwägerin und eröffnete mir, meine zwei Geißen seien auf und davon. »Ei so fahre denn alles hin!« sagt' ich, »wenn's so sein muß.« Allein des folgenden Morgens rafft' ich mich, so schwach und blöd' ich noch war, auf, meine Tiere zu suchen, und fand sie wieder, zu mein und meiner Kinder großer Freude.

Sonst war der Jammer, Hunger und Kummer damals im Land allgemein. Alle Tag' trug man Leichen zu Grabe, oft drei, vier bis elf miteinander. Nun dankt' ich dem lieben Gott, daß er mir wieder so geholfen, und ebensosehr, daß er meine zwei Lieben versorgt hatte, denen ich nicht helfen konnte. Aber lange schwebten mir die anmutigen Dinger, ihr gutartiges kindliches Wesen, wie leibhaftig vor Augen. »Oh, ihr geliebten Kinder!« stöhnt' ich dann des Tages hundertmal, »wann werd' ich einst zu euch hinfahren? Denn ach! zu mir kommt ihr nicht wieder.« Viele Wochen lang ging ich umher wie der Schatten an der Wand, staunte Himmel und Erde an, tat zwar, was ich konnte, konnte aber nicht viel. Zur Bezahlung meiner Gläubiger wurden die Aussichten immer enger und kürzer. Aus einem Sack in den andern zu schleufen und mich so lange zu wehren, wie möglich, mußt' jetzt mein einziges Dichten und Trachten sein.

Fünf weitere Jahre

Fünf Jahre lang (1773-77) kroch ich so immer zwischen Furcht und Hoffnung unter meiner Schuldenlast fort, trieb mein Händelchen und arbeitete daneben, was mir vor die Hand kam. Zu Anfang dieser Epoche ging's vollends den Krebsgang. So viel unnütze Mäuler, denn die Fünfzahl meiner Kinder war jetzt wieder komplett, die Ausgaben für Essen, Kleider, Holz und die leidigen Zinse fraßen meinen kleinen Gewinst noch etwas mehr als auf. Meine schönste Hoffnung erstreckte sich erst auf Jahre hinaus, wo meine Jungen mir zur Hilfe gewachsen sein würden. Aber wenn meine Gläubiger bös gewesen, sie hätten mich lange vorher überrumpelt. Nein! sie trugen Geduld mit mir; freilich bestrebt' ich mich aus allen Kräften Wort zu halten so gut wie möglich; aber das bestund meist in neuem Schuldenmachen, um die alten zu tilgen. Da waren mir allemal die nächsten Wochen vor der Zurzacher-Messe sehr schwarze Tag' im Kalender, wo ich viele Dutzend Stunden verlaufen mußte, um wieder Kredit zu finden. Oh, wie mir da manch' liebes Mal das Herz klopfte, wenn ich so an drei, vier Orten ein christliches Helf dir Gott! bekam. Wie rang ich oft meine Hände gen Himmel, und betete zu dem, der die Herzen wendet, wohin er will, auch eines zu meinem Beistand zu lenken. Und allemal ward's mir von Stund' an leichter um das meinige, und fand sich zuletzt, freilich nach unermüdetem Suchen und Anklopfen, noch irgendeine gutmütige Seele, meist in einem unverhofften Winkel. Ich hatte ein paar Bekannte, die mir wohl schon hundertmal aus der Not geholfen, aber die Furcht, sie endlich zu ermüden, machte, daß ich immer zuletzt zu ihnen kehrte, und dann, hätt' ich ihnen ein einzigmal nicht Wort gehalten, so wäre mir auch diese Hilfsquelle auf immer versiegt; ich trug darum zu ihr wie zu meinem Leben Sorg'. Übrigens trauten's mir nur wenige von meinen Nachbarn und nächsten Gefreundten zu, daß ich sogar bis an die Ohren in Schulden stecke; vielmehr wußt' ich das Ding ziemlich geheim zu halten, meinen Kummer und Unmut zu verbergen, und mich bei den Leuten allezeit aufgeräumt und wohlauf zu stellen. Auch glaub' ich, ohne diesen ehrlichen Kunstgriff wär' es längst mit mir aus gewesen. Freilich hatt' ich, wer sollte es glauben? auch meine Neider, von denen ich wohl wußte, daß sie allen Personen, die mit mir zu tun hatten, fleißig ins Ohr zischten, was sie unmöglich mit Sicherheit wissen konnten. Da hieß es: »Er steckt verzweifelt im Dreck, lange hält er's nicht mehr aus. Wenn er nur nicht einpackt, oder Weib und Kinder im Stich läßt. Ich fürcht', ich fürcht', will aber nichts gesagt haben; wenn er's nur nicht inne wird.« Zu mir kamen die Kerls als die besten Freunde, förschelten und frägelten mich aus, taten so mitleidig, als wenn sie mir mit Gut und Blut helfen wollten, wenn ich nur Zutrauen zu ihnen hätte, und jammerten über die bösen Zeiten und Stümpler. Wie ich's doch bei meinem kleinen verderbten Händelchen mit meiner großen Haushaltung mache? Einst, ich weiß nicht mehr, ob aus Schalkheit oder Not, sprach ich einen dieser Uriane um ein halbdutzend Dublonen auf einen Monat an. Mein Herr hatte hundert Ausflüchte, schlug mir's am End' rund ab, und raunt' dann in jedes Ohr, das ihn hören wollte: Der Bräker hat gestern Geld von mir lehnen wollen. Er machte freilich auch einige meiner Kreditoren mißtrauisch; andere hingegen sagten: »Ha, er hat doch immer Wort gehalten, und so lang er das tut, soll er offne Tür bei mir finden. Er ist ein ehrlicher Mann.« Also eben jene falschen Freunde waren es, welche mir die meiste Mühe machten, und denen ich mich nicht entdecken durfte, wenn ich nicht völlig kaput sein wollte. Ich hatte schon im Jahre 1771 oder 1772 meine Weberei, obgleich mit ziemlichen Verlust, ab mir geladen und das brachte mir auch nicht den besten Ruf, da mein Baumwollenbrauch dadurch geringer und mein Baumwollenherr unzufrieden und mürrisch wurde. Desto eher sollt' ich nun die alten Baumwollenschulden bezahlen und konnt' es doch desto weniger. So verstrich ein Jahr nach dem andern. Bald flößte mir mein guter Geist frischen Mut und neue Hoffnung ein, daß mir noch einst durch die Zeit zu helfen sein werde. Nur allzuoft aber verfiel ich wieder in düstre Schwermut, und zwar, die Wahrheit zu gestehen, meist, wenn ich zahlen sollte und weder aus noch ein wußte. Da ich mich, wie schon gesagt, keiner Seele glaubte entdecken zu dürfen, nahm ich in diesen mutlosen Stunden meine Zuflucht zum Lesen und Schreiben. Ich entlehnte und durchstänkerte jedes Buch, das ich kriegen konnte, in der Hoffnung, etwas zu finden, das auf meinen Zustand paßte, fing halbe Nächte durch weiße und schwarze Grillen, und fand allemal Erleichterung, wenn ich meine gedrängte Brust aufs Papier ausschütten konnte. Dann war der Entschluß bei mir fest, die Dinge, die da kommen sollten, ruhig abzuwarten, wie sie kommen würden; und in solcher Gemütsstimmung ging ich allemal zufrieden zu Bett und schlief wie ein König.

Das Samenkorn meiner Autorschaft

Um diese Zeit kam einst ein Mitglied der Moralischen Gesellschaft zu Lichtensteig in mein Haus, als ich eben die Geschichte von Brand und Struensee durchblätterte, und etwas von meinen Schreibereien auf dem Tisch lag. »Das hätt' ich bei dir nicht gesucht,« sagte er, und fragte: Ob ich gern so etwas lese, und oft dergleichen Sächelchen schreibe? »Ja!« sagt' ich: »Das ist neben meinen Geschäften mein einziges Wohlleben.« Von da an wurden wir Freunde und besuchten einander zum öftersten. Er anerbot mir seine kleine Büchersammlung, ließ sich aber in ökonomischen Sachen noch lieber von mir helfen, als daß er mir hätte beispringen können, obschon ich ihm von weitem meine Umstände merken ließ. In einem dieser Jahre schrieb die erwähnte Gesellschaft über verschiedene Gegenstände Preisfragen aus, welche jeder Landmann beantworten könnte. Mein Freund munterte mich zu einer solchen Arbeit auf; ich hatte große Lust dazu, machte ihm aber die Einwendung: Man würde mich armen Tropf nur auslachen. »Was tut das?« sagte er: »Schreib du nur zu, in aller Einfalt, wie's kommt und dich dünkt.« Da schrieb ich denn über den Baumwollengewerb und den Kredit, sandte mein Geschmiere zur bestimmten Zeit neben vielen andern ein, und die Herren waren so gut, mir den Preis von einem Dukaten zuzuerkennen. Ob zum Gespötte? Nein, wahrlich nicht. Oder vielleicht in Betrachtung meiner dürftigen Umstände? Kurz, ich konnt' es nicht begreifen, und noch viel minder, daß man mich jetzt gar von ein paar Orten her einlud, ein förmliches Mitglied der Gesellschaft zu werden. »Oh, behüte Gott!« dacht' und sagt' ich anfangs, »das darf ich mir nicht träumen lassen. Ich würde einen Korb bekommen. Und wenn auch nicht, ich mag so gelehrten Herren keine Schande machen. Über kurz oder lang würden sie mich gewiß wieder ausmustern.« Endlich aber, nach vielem Hin- und Herwanken, und besonders aufgemuntert durch einen der Vorsteher, bei dem ich sehr wohl gelitten war, wagt ich's, mich zu melden. Ich kann übrigens versichern, daß mich weniger die Eitelkeit als die Begierde reizte, an der schönen Lesekommun der Gesellschaft um ein geringes Geldlein Anteil zu nehmen. Indessen ging es, wie ich vermutet hatte, und gab's allerlei Schwierigkeiten. Einige Mitglieder widersetzten sich, und bemerkten mit Recht, ich sei von armer Familie, dazu ein ausgerissener Soldat, ein Mann, von dem man nicht wisse wie er stehe, von dem wenig Ersprießliches zu erwarten sei. Gleichwohl ward ich durch Mehrheit der Stimmen angenommen. Aber erst jetzt reute mich mein unbesonnener Schritt, als ich bedachte: Jene Herren sagten ja nichts als die nur lautere Wahrheit und könnten noch einst damit triumphieren. Inzwischen mußt' ich's gelten lassen, und tröstete ich mich mit dem auch nicht ganz uneigennützigen Gedanken, das ein und andre Mitglied könnte mir im Verfolg zu manchen wichtigen Dingen nützlich sein.

Mitglied einer gelehrten Gesellschaft
Lesewut
Selbstanklagen
Schuldner und Gläubiger
Harte Versuchungen

Was hatt' ich da für eine kindische Freude an der großen Anzahl Bücher, deren ich in meinem Leben nie so viele beisammen gesehn, und an denen allen ich nun Anteil hatte. Ich errötete zwar noch immer bei dem bloßen Gedanken, ein eigentliches Mitglied einer gelehrten Gesellschaft zu heißen und zu sein, und besuchte sie darum nur selten und verstohlen. Aber da half alles nichts; es ging mir wie dem Raben, der mit den Enten fliegen wollte. Meine Nachbarn und andre alte Freunde und Bekannte, kurz, meinesgleichen, sahen mich, wo ich stund und ging, überzwerch an. Hier hört' ich ein höhnisches Gezisch; dort erblickt' ich ein verachtendes Lächeln. Denn es ging unsrer Moralischen Gesellschaft im Tockenburg anfangs wie allen solchen Instituten in noch rohen Ländern. Man nannte ihre Mitglieder Neuherren, Bücherfresser, Jesuiten und dergleichen. Meine Frau vollends speite Feuer und Flammen über mich aus, wollte sich viele Wochen nicht besänftigen lassen, und gewann nun gar Ekel und Widerwillen gegen jedes Buch, wenn's zumal aus unsrer Bibliothek kam. Einmal hatt' ich den Argwohn, sie selbst habe um diese Zeit meinen Kreditoren eingeblasen, daß sie mich nur brav ängstigen sollten. Sie leugnet's zwar noch auf den heutigen Tag, und Gott verzeih' mir's! wenn ich falsch gemutmaßt habe; aber damals hätt' ich mir's nicht nehmen lassen. Genug, meine Treiber setzten stärker in mich als sonst. Da hieß es: Hast du Geld, dich in die Büchergesellschaft einzukaufen, so zahl' auch mich. Wollt' ich etwas borgen, so wies man mich an meine Herren Kollegen. »Oh, du armer Mann!« dacht' ich, »was hast du für einen hundsdummen Streich gemacht, der dir vollends den Rest geben muß. Hätt'st du dich mit deinem Morgen- und Abendsegen begnügt, wie so viele andre deiner redlichen Mitlandsleute. Jetzt hast du deine alten Freund' verloren, von den neuen darfst und magst du keinen um einen Kreuzer ansprechen. Deine Frau hagelt auf dich zu. Du Narr! was nützt dir jetzt all' dein Lesen und Schreiben? Kaum wirst du noch dir und deinen Kindern den Bettelstab dafür kaufen können.« So macht' ich mir selber die bittersten Vorwürfe und rang oft beinahe mit der Verzweiflung. Dann sucht' ich freilich von Zeit zu Zeit aus einem andern Sack auch meine Entschuldigungen hervor, die hießen: »Ha! das Lesen kostet mich doch nur ein Geringes, und das hab' ich an Kleidern und anderm mehr als erspart. Auch bracht' ich nur die müßigen Stunden damit zu, wo andre ebenfalls nicht arbeiten, meist bei nächtlicher Weile. Wahr ist's, meine Gedanken beschäftigten sich auch in der übrigen Zeit nur allzuviel mit dem Gelesenen und waren zu meinem Hauptberuf selten bei Hause. Doch hab' ich nichts verludert, und trank höchstens zuweilen eine Flasche Wein, meinen Unmut zu ersäufen. Das hätt' ich freilich auch sollen bleiben lassen. Aber was ist ein Leben ohne Wein, und zumal ein Leben wie meines?« Dann kam's wieder einmal ans Anklagen: »Aber, wie nachlässig und ungeschickt warst du in allem, was Handel und Wandel heißt. Mit deiner unzeitigen Güte nahmst du alles, wie man's dir gab, gabst jedem, was er dich bat, ohne zu bedenken, daß du nur andrer Leute Geld im Säckel hattest, oder daß dich ein redlich scheinendes Gesicht betrügen könnte. Deine Ware vertrautest du dem ersten besten und glaubtest ihm auf sein Wort, wenn er dir vorlog, er könne dir auf sein Gewissen nur soundsoviel bezahlen. Oh, könnt'st du noch einmal wieder von vornen anfangen. Aber, vergeblicher Wunsch! Nun, so willst du doch alles versuchen, willst denen, die dir schuldig sind, eben auch drohen wie man dir droht.« So dacht' ich elender Tropf und setzte wirklich zween meiner Debitoren den Tag an; freilich mehr um sie und andre zu schrecken, als daß es Ernst gegolten hätte. Aber sie verstunden's nicht so. Ich ging auf die bestimmte Zeit mit den Schätzern zu ihren Häusern; und, Gott weiß! mir war's viel bänger als ihnen. In dem ersten Augenblick, da ich in des einen Wohnung trat, dacht' ich: Wer kann das tun? Die Frau bat, und wies mit den Fingern auf das zerfetzte Bett und die wenigen Scherben in der Küche; die Kinder in ihren Lumpen heulten. Oh, wenn ich nur wieder weg wäre! dacht' ich, bezahlte Schätzer und Weibel, und strich mich unverrichteter Sachen fort, nachdem man mir in bestimmten Terminen Bezahlung versprochen, die noch auf den heutigen Tag aussteht. Auch erfuhr ich nachwärts, daß diese Leute, einige Stunden vorher, eh' ich in ihr Haus kam, die besten Habseligkeiten geflöchnet,[55] und ihre Kinder expreß so zerlöchert angezogen hätten. »Meinetwegen,« sagt' ich da zu mir selbst, »das will ich in meinem Leben nicht mehr tun. Meine Gläubiger mögen eines Tages Barbaren gegen mich, ich will's nicht gegen andre sein. Es geh' mir wie es geh', diese Schulden müssen zuletzt doch auch zu meinem Vermögen gerechnet werden.« Aber jene fragten nichts darnach, und diesen jagte eine solche Denk- und Verfahrungsart gerade keine Scheu ein. Die erstern trieben mich immer stärker und unerbittlicher, so daß mich meine überspannte Einbildung zuletzt wirklich glauben ließ, Gott habe nun einmal beschlossen, mich vor aller Welt zu Spott und Schande zu machen und mich die Folgen meiner Unvorsichtigkeit abbüßen zu lassen. Der Versucher feiert bei solchen Gelegenheiten gewiß nicht, und mir war's oft, ich fühlte seine Eingebungen, wenn ich den ganzen Tag vergeblich nach Menschenhilfe umhergelaufen war und abends schwermütig oder halb verrückt der Thur nach schlich, mit starrem Blick in den Strom hinuntersah, wo er am tiefsten ist. Dann deuchte es mir, der schwarze Engel hauche mich an und flüsterte mir zu: Stürz dich hinein, Tor, du hältst es doch nicht länger aus. Sieh' nur, wie sanft das Wasser rollt! Ein Augenblick, und dein ganzes Sein wird ebenso dahinwogen. Dann schläfst du so ruhig und so wohl, so wohl! Da wird für dich kein Leid und kein Geschrei mehr sein und dein Geist und Herz ewig in süßem Vergessen schlummern. Himmel, wenn ich dürfte! dacht' ich jetzt wohl. Aber welch ein Schauer, Gott, welch ein Grausen durchfährt alle meine Glieder! Sollt' ich meiner besseren Überzeugung vergessen können? Nein, Satan, packe dich! ich will ausharren und erdulden, was ich verschuldet habe. Ein andermal riet mir der Böse wieder, ich sollt' mein Bündel aufpacken und davonlaufen. Mit meiner noch übrigen Barschaft könnte ich in einem entfernten Lande etwas Neues anfangen, und zu Hause würden Weib und Kind schon gutherzige Seelen finden. — Was! ich davonlaufen? Mein zwar unsanftes aber getreues Weib und meine unschuldigen kleinen Kinder im Stich lassen? Die Winkelprophezeiungen meiner Feinde zu ihrer größten Freude wahrmachen? In welcher Ecke der Erde könnt' ich eine Stunde Ruhe genießen, wo mich verbergen, daß der Wurm in meinem Busen mich nicht fände? Und stell' ich mir meine Sachen am Ende nicht zu schrecklich vor? Wenn mich nun auch meine Sünden so wie jetzt nur meine Schulden quälten?

So bekam ich von Zeit zu Zeit wieder guten, festen Mut, der freilich nicht länger währte, als bis ich mich bei einer neuen Gelegenheit abermals des Gedankens nicht erwehren konnte: Jetzt ist's aus. Es ist kein Kraut für ein unheilbares Übel gewachsen. Aber auch alsdann bestand es weit mehr in der Einbildung als in der Wirklichkeit.

Eines Tages, als ich eben auch vergebens herumgelaufen, um etliche Gulden zu borgen, und einer meiner Gläubiger mir mit entsetzlicher Roheit begegnet war, ging ich voll trübsinniger Phantasien zu Bett und wälzte mich bis Mitternacht schlaflos auf meinem Kissen hin und her.