Mitten im März des Jahres 1754 zogen wir mit Sack und Pack aus dem Dreyschlatt weg und sagten dem wilden Ort auf ewig gute Nacht! Noch lag dort klaftertiefer Schnee. Von Ochs oder Pferd war keine Rede. Wir mußten unsern Hausrat und die jüngern Geschwister auf Schlitten selbst fortzügeln. Ich zog an dem meinigen wie ein Pferd, so daß ich am End fast atemlos hinsank. Doch die Lust, unsre Wohnung zu verändern und einmal auch im Tal, in einem Dorf, und unter Menschen zu leben, machten mir die saure Arbeit lieb. Wir langten an. Das muß ein rechtes Kanaan sein, dacht' ich; denn hier guckten die Grasspitzen schon unterm Schnee hervor. Unser Gütlin (es hieß die Staig), das wir zu Lehen empfangen hatten, stund voll großer Bäume, und ein Bach rollte angenehm mitten durch. Im Gärtlin bemerkt' ich einen Zipartenbaum. Im Haus hatten wir eine schöne Aussicht das Tal hinauf. Aber übrigens, was das für eine dunkle, schwarze, wurmstichige Rauchhütte war! Lauter faule Fußboden und Stiegen; ein unerhörter Unflat und Gestank in allen Gemächern. Aber das alles war noch nichts gegen den lebendigen Einsiegel, den wir im Haus haben mußten: ein abscheuliches Bettelmensch, das sich besoff, so oft es ein Kirchenalmosen erhielt und auf die Art zu Wein kam, dann in der Trunkenheit sich mutternackt auszog, und so im Haus herumsprang und pfiff, auch, wenn man ihm das geringste einreden wollte, ein Fluchen und Lamentieren erhob wie eine Besessene. Es bekamz war deshalb oft den Rinderriemen, der aber leider meist aus übel ärger machte. Das Ungeheuer war überdies auf junge Mannspersonen erpicht — Puh! mir schaudert noch die Haut davor — und hätte gern auch mich angepackt. Das war mir eine völlig neue Erscheinung, und ich redete davon mit meinem Vater, ohne der Versuchung selbst zu erwähnen. Der sagte mir dann, was eine Katze sei, und nun bekam ich einen solchen Ekel vor dem Tier, daß mir ein Stich durch alle Adern ging, so oft es mir unter Augen kam.
Wenige Tage nach unsrer Ankunft ward ich mit einem heftigen Frost und Fieber befallen. Ob mir das plötzliche Vertauschen der frischen Bergluft mit der im Tal, oder die unreinliche Wohnung, oder ein schon mitgebrachter Stoff dazu im Körper, oder endlich gar der Abscheu vor dem entsetzlichen Geschöpfe das Übel zugezogen, weiß ich nicht. Einmal zuvor war, außer leichten Kopf- und Zahnschmerzen, jedes andre Übelbehagen mir ganz unbekannt. Man ließ den lieben Herrn Doktor Müller kommen; er verordnete mir eine doppelte Aderlässe, zweifelte aber gleich beim ersten Anblick an meinem Aufkommen. Am dritten Tag glaubt' ich, nun sei's gewiß mit mir aus, da mein armer Kopf beinah zerspringen wollte. Ich rang, wimmerte, krümmte mich wie ein Wurm, und stund Höllenangst aus: Tod und Ewigkeit kamen mir schrecklich vor. Meinem Vater, der sich fast nie von mir entfernte und oft ganz allein um mich war, beichtete ich in einem solchen Augenblick alles, was mir auf dem Herzen lag, sonderlich auch wegen der Verfolgungen des vorerwähnten Unholds, der mir viel zu schaffen machte. Der gute Ätti erschrak entsetzlich und fragte mich, ob ich mit dem Tier etwas Böses getan? »Nein, gewiß nicht, Vater!« antwortete ich schluchzend, »aber das Ungeheuer wollt' mich dazu bereden; und ich hab's dir verschwiegen. Das nun, fürcht' ich, sei eine große Sünd'.« »Sei nur ruhig, mein Sohn!« versetzte mein Vater, »halt dich im stillen zu Gott. Er ist gütig und wird dir deine Sünden vergeben.« Dies einzige Wort des Trostes machte mich gleichsam wieder auflebend. Oh, wie eifrig gelobt' ich in diesem Augenblick, ein ganz andrer Mensch zu werden, wenn ich's länger auf Erden treiben sollte. Indessen gab's noch verschiedene Rückfälle. Einmal wußt' ich vierundzwanzig Stunden lang nichts mehr von mir; aber dies war die Krisis. Beim Erwachen fühlt' ich zwar meine Schmerzen wieder, doch in weit geringerm Grade, und was für mich viel wichtiger war, die bangen, angsthaften Gedanken blieben aus. Der Doktor fing an, Hoffnung zu schöpfen, und ich nicht minder; und kurz, es ließ sich täglich mehr zur Besserung an, bis ich, freilich erst nach etlichen Wochen, wieder ganz auf die Beine kam. Aber das Tiermensch, das wir im Haus hatten und dulden mußten, war mir unausstehlicher als jemals. Mich und alle meine Geschwister überhäufte es mit den unflätigsten Schimpfworten. Während meiner Krankheit sagte es mir oft ins Gesicht, ich sei ein mutwilliger Bankert, es fehle mir nichts, man sollte mir statt Arzneien die Rute geben, und dergleichen. Ich bat meinen Vater, so hoch ich konnte, er solle uns die Kreatur vom Hals schaffen, sonst könnt' ich in Ewigkeit nicht vollkommen gesund werden. Aber es war unmöglich, für einmal wollt' sie uns niemand abnehmen. Wenn sie's gar zu schlimm machte, ließen wir sie, wie gesagt, karbatschen. Aber zuletzt wollt' uns auch diesen Dienst niemand mehr leisten, denn jedermann fürchtete sich vor ihr, wie vor dem bösen Geist. Mit guten Worten kam man ihr gewissermaßen noch am leichtesten bei. Was mir indessen als die allerherbste Prüfung vorkam, war, daß ich und meine Geschwister in ihrer Gesellschaft mit Baumwollen-Kämmen und Spinnen unsern Feierabend machen mußten. Sobald aber der Sommer anrückte, half ich mir damit, daß ich meine Arbeit, so viel's immer die Witterung zuließ, außer dem Haus verrichtete.
»Danke deinem Schöpfer,« sagte inzwischen eines Tags mein Vater zu mir, »er hat dein Flehen erhört und dir von neuem das Leben geschenkt. Ich zwar, ich will dir's nur gestehen, dachte nicht, wie du, Uli, und hätt' dich und mich nicht unglücklich geschätzt, wenn du dahingefahren wärst. Denn, ach! große Kinder, große Sorgen! Unsre Haushaltung ist überladen. Ich hab' kein Vermögen, keins von euch kann noch sicher sein Brot gewinnen. Du bist das älteste. Was willst du nun anfangen? In der Stube hocken und mit der Baumwolle hantieren, seh' ich wohl, magst du nicht. Du wirst müssen tagmen!«[29] — »Was du willst, mein Vater!« antwortete ich, »nur ja nicht ofenbruten!« Wir waren bald einig. Der damalige Schloßbauer, Weibel K., nahm mich zum Knecht an. Von meiner überstandenen Krankheit war ich noch ziemlich abgemattet, aber mein Meister, als ein vernünftiger und stets aufgeräumter Mann, trug alle Geduld mit mir, um so viel mehr, da er eigne Buben von gleichem Schrot hatte. Die meiste Zeit mußt' er seinen Amtsgeschäften nach, dann ging's freilich oft bunt über Eck. Indessen gab er mir auch blutwenig Lohn, und die Frau Bäurin ließ uns manchmal bis um zehn Uhr nüchtern. Bei strenger Arbeit erhielten wir auch immer bessere Kost. Bisweilen brachten wir ihm etwas Wildbret, einen Vogel oder Fisch nach Haus; das ließ er sich vortrefflich schmecken. Eines Tages erbeuteten wir ein ganzes Nest voll junger Krähen, die mußt' ihm seine Hausehre wunderbar präparieren. Er verschlang mit ungeheurer Lust alle bis auf die letzte. Aber mit eins gab's eine Rebellion im Magen. Er sprang vom Stuhl und rannte todblaß und schnellen Schrittes den Saal auf und nieder, wo die Füß' und Federn noch überall zerstreut am Boden lagen! Endlich schnauzt er uns Buben mit lächerlichem Grimm an: »Tut mir das Schinderszeug da weg, oder ich kotze euch hunderttausend Dutzend von euern Bestien heraus. Einmal in meinem Leben solche schwarze Teufel gefressen, und nimmermehr!« Dann legte sich der launigte Mann zu Bett, und mit einem tüchtigen Schweiß ging alles vorbei.
Auch mein Bruder Jakob verrichtete um die nämliche Zeit ähnliche Knechtdienst'. Die Kleinern mußten in den Stunden neben der Schule spinnen. Unter diesen war Georg ein besonders lustiger Erzvogel. Wenn man ihn an seinem Rädchen glaubte, saß er auf einem Baum oder auf dem Dach, und schrie Kuckuck! »Du fauler Lecker!« hieß es dann etwa von seite der Mutter, wenn sie ihn so in den Lüften erblickte, und von seiner: »Ich will kommen, wenn du mich nicht schlagen willst, sonst steig ich dir bis in Himmel auf!« Was war da zu tun? Man mußte meist des Elends lachen.