Soldatendressur
Wiedersehen mit Markoni

Die zweite Woche mußt' ich mich schon alle Tage auf dem Paradeplatz stellen, wo ich unvermutet drei meiner Landsleute, Schärer, Bachmann und Gästli fand, die sich zumal alle mit mir unter gleichem Regimente Itzenblitz, die beiden erstern vollends unter der nämlichen Kompagnie Lüderitz befanden. Da sollt' ich vor allen Dingen unter einem mürrischen Korporal mit einer schiefen Nase, Mengke mit Namen, marschieren lernen. Den Kerl mocht' ich für den Tod nicht vertragen; wenn er mich gar auf die Füße klopfte, schoß mir das Blut in den Gipfel. Unter seinen Händen hätt' ich mein Tage nichts begreifen können. Dies bemerkte einst Hevel, der mit seinen Leuten auf dem gleichen Platz manöverierte, tauschte mich gegen einen andern aus, und nahm mich unter sein Peloton.[42] Das war mir eine Herzensfreude. Jetzt kapiert' ich in einer Stund' mehr als sonst in zehn Tagen. Von diesem guten Manne vernahm ich auch bald, wo Markoni wohne; aber, bat er um Gottes willen, ich solle ihn nicht verraten. Des folgenden Tags, sobald das Exerzitium vorbei war, flog ich nach dem Quartier, das mir Hevel verdeutet hatte, und murmelte immer vor mich her: »Ja, ja, Markoni! wart' nur, ich will dir deinen an mir verübten Lumpenstreich, deine verfluchte Verräterei so unter die Nase reiben, daß es dich gereuen soll! Nun weiß ich schon, daß du hier nur Leutnant und nirgends Ihr Gnaden bist!« — Bei geringer Nachfrage fand ich das mir benannte Haus. Es war eins von den geringsten in ganz Berlin. Ich pochte an; ein kleines, magres, fuchsrotes Bürschchen öffnete mir die Tür und führte mich eine Treppe hinauf in das Zimmer meines Herrn. Sobald er mich erblickte, kam er auf mich zu, drückte mir die Hand, und sprach zu mir mit einem Engelsgesicht, das in einem Nu allen meinen Grimm entwaffnete und mir die Tränen in die Augen trieb: »Ollrich! mein Ollrich! mach' mir keine Vorwürf'. Du warst mir lieb, bist's noch, und wirst's immer bleiben. Aber ich mußte nach meinen Umständen handeln. Gib dich zufrieden. Ich und du dienen nun Einem Herrn.« — »Ja, Ihr Gnaden« — — »Nichts Gnaden!« sagte er: »Beim Regiment heißt es nur: ›Herr Leutnant!‹« Jetzt klagt' ich ihm, nach aller Ausführlichkeit, meine gegenwärtige große Not. Er bezeugte mir sein ganzes Mitleid. »Aber,« fuhr er fort, »hast ja noch allerlei Sachen, die du versilbern kannst, wie z. E. die Flinte von mir, die Reisemütze, die dir Leutnant Hofmann in Offenburg verehrt, und dergleichen. Bring sie nur mir, ich zahl' dir dafür, so viel sie je wert sind. Dann könntst du dich, wie andre Rekruten, um Gehaltserhöhung beim Major« — »Potz Wetter!« fiel ich ein. »Nein, den sah ich einmal und nimmermehr!« Drauf erzählt' ich ihm, wie dieser Sir mir begegnet sei. »Ha!« versetzte er, »die Lümmels meinen, man könn' auf Werbung von Luft leben und Kerle im Strick fangen.« »Ja!« sagt' ich, »hätt' ich's gewußt, wollt' ich mir wenigstens in Rottweil auch einen Notpfennig erspart haben.« »Alles hat seine Zeit, Ollrich!« erwiderte er, »halt' dich nur brav! Wenn einmal die Exerzitien vorbei sind, kannst du was verdienen. Und wer weiß, vielleicht geht's bald ins Feld, und dann« — Weiter sagte er nichts; ich merkte aber, was er damit wollte, und ging vergnügt, als ob ich mit meinem Vater geredet hätte, nach Haus. Nach etlichen Tagen trug ich Flinte, Pallasch und die samtene Mütze wirklich zu ihm hin; er zahlte mir etwas weniges dafür, aber von Markoni war ich alles zufrieden. Bald darauf verkauft' ich auch meinen Tressenhut, den grünen Frack, so wie alles Übrige, und ließ mir nichts mangeln, so lang ich was anzugreifen hatte. Schärer war ebenso arm als ich, allein er bekam ein paar Groschen Zulage und doppelte Portion Brot. Der Major hielt ein gut Stück mehr auf ihn als auf mich. Indessen waren wir Herzensbrüder, solang einer was zu brechen hatte, konnte der andre mitbeißen. Bachmann hingegen, der ebenfalls mit uns hauste, war ein filziger Kerl und harmonierte nie mit uns; doch schien immer die Stunde ein Tag lang, wo wir nicht beisammen sein konnten. Gästli mußten wir in schlechten Häusern suchen, wenn wir ihn haben wollten; er kam bald hernach ins Lazarett. Ich und Schärer waren auch darin völlig gleichgesinnt, daß uns das Berliner Weibsvolk ekelhaft und abscheulich vorkam. Ich wollt' für ihn so gut wie für mich einen Eid schwören, daß wir keine mit einem Finger berührt haben. Sobald das Exerzieren vorbei war, flogen wir miteinander in Schottmanns Keller, tranken unsern Krug Ruhiner- oder Gottwitzerbier, schmauchten ein Pfeifchen, und trillerten ein Schweizerlied. Immer horchten uns da die Brandenburger und Pommeraner mit Lust zu. Etliche Herren sogar ließen uns oft expreß in eine Garküche rufen, ihnen den Kuhreihen zu singen. Meist bestand der Spielerlohn bloß in einer schmutzigen Suppe; aber in einer solchen Lage nimmt man mit noch weniger vorlieb.

Spaziergänge in Berlin
Vom Desertieren
Exerzierübungen
Schmale Kost
Heimweh
Der Gefangene

Berlin ist der größte Ort in der Welt, den ich gesehen; und doch bin ich bei weitem nie ganz darin herumgekommen. Wir drei Schweizer machten zwar oft den Anschlag zu einer solchen Reise; aber bald gebrach's uns an Zeit, bald an Geld, oder wir waren von Strapazen so marode, daß wir uns lieber der Länge nach hinlegten.

Von der Stadt Berlin sagen zwar viele, sie bestehe aus sieben Städten; unsereinem hat man aber nur drei genannt: Berlin, Neustadt und Friedrichsstadt. Alle drei sind in der Bauart verschieden. In Berlin oder Cölln, wie man auch sagt, sind die Häuser so hoch wie in den Reichsstädten; aber die Gassen nicht so breit wie in Neu- und Friedrichsstadt, wo die Häuser wieder niedriger, aber egaler gebaut sind. Da sehen auch die kleinsten, oft von sehr armen Leuten bewohnt, wenigstens sauber und nett aus. An vielen Orten gibt es ungeheuer große, leere Plätze, die teils zum Exerzieren und zur Parade, teils zu gar nichts gebraucht werden; ferner Äcker, Gärten, Alleen, alles in die Stadt eingeschlossen. Vorzüglich oft gingen wir auf die lange Brücke, auf deren Mitte ein alter Markgraf von Brandenburg,[43] zu Pferd in Lebensgröße, von Erz gegossen steht, und etliche Enakssöhne mit krausen Haaren zu seinen Füßen gefesselt sitzen, dann der Spree nach, auf den Weidendamm, wo's gar lustig ist, dann ins Lazarett, um das traurigste Spektakel unter der Sonne zu sehn, bei dem einen, der nicht gar unsinnig ist, die Lust an Ausschweifungen bald vergehen muß. In diesen Gemächern, so geräumig wie Kirchen, steht Bett an Bett gereiht, in deren jedem ein elender Menschensohn auf seine eigene Art den Tod, und nur wenige ihre Genesung erwarten. Hier ein Dutzend, die unter den Händen der Feldscherer ein erbärmliches Zetergeschrei erheben; dort andre, die sich unter ihren Decken krümmen, wie ein halb zertretener Wurm; viele mit an- und weggefaulten Gliedern. Meist mochten wir's da nur wenige Minuten aushalten, gingen wieder an Gottes Luft und setzten uns auf einen Rasenplatz. Da führte unsre Einbildungskraft uns fast immer unwillkürlich in unser Schweizerland zurück, und erzählten wir einander unsere Lebensart zu Hause: wie wohl's uns war, wie frei wir gewesen und was es hier für ein verwünschtes Leben sei. Dann machten wir Pläne zu unsrer Entledigung. Bald hatten wir Hoffnung, daß uns heut oder morgen einer gelingen möchte; bald sahen wir vor jedem einen unübersteiglichen Berg; am meisten schreckte uns die Vorstellung der Folgen eines fehlschlagenden Versuches. Fast alle Wochen hörten wir nämlich neue, ängstigende Geschichten von eingebrachten Deserteurs, die, wenn sie auch noch so viele List gebraucht, sich in Schiffer und andre Handwerksleute oder gar in Weibsbilder verkleidet, in Tonnen und Fässer versteckt, dennoch ertappt wurden. Da mußten wir zusehen, wie man sie durch zweihundert Mann achtmal die lange Gasse auf und ab Spießruten laufen ließ, bis sie atemlos hinsanken — wie sie des folgenden Tags aufs neue dran mußten, die Kleider vom zerhackten Rücken heruntergerissen, und wie wieder frisch drauflosgehauen wurde, bis Fetzen geronnenen Bluts ihnen über die Hosen hinabhingen. Dann sahen Schärer und ich uns zitternd und todblaß an und flüsterten einander in die Ohren: »Die verdammten Barbaren!« Was hiernächst auch auf dem Exerzierplatz vorging, gab uns zu ähnlichen Betrachtungen Anlaß. Auch da war des Fluchens und Karbatschens von prügelsüchtigen Jünkerleins, und hinwieder des Lamentierens der Geprügelten kein Ende. Wir selber zwar waren immer von den ersten auf der Stelle und tummelten uns wacker. Aber es tat uns nicht minder in der Seele weh, andre um jeder Kleinigkeit willen so unbarmherzig behandelt und selber jahrein, jahraus so kujoniert zu sehn: oft ganzer fünf Stunden lang, in unsrer Montur eingeschnürt, wie geschraubt stehn, in die Kreuz und Quer pfahlgerad marschieren, und ununterbrochen blitzschnelle Handgriffe machen zu müssen, und das alles auf Geheiß eines Offiziers, der mit furiosem Gesicht und aufgehobnem Stock vor uns stund, und alle Augenblicke wie unter Kabisköpfe[44] dreinzuhauen drohte. Bei einem solchen Traktement mußte auch der starknervigste Kerl halb lahm und der geduldigste rasend werden. Kamen wir dann todmüde ins Quartier, so ging's schon wieder über Hals und Kopf, unsre Wäsche zurechtzumachen und jedes Fleckchen auszumustern, denn bis auf den blauen Rock war unsre ganze Uniform weiß. Gewehr, Patrontasche, Kuppel, jeder Knopf an der Montur, alles mußte spiegelblank geputzt sein. Zeigte sich an einem dieser Stücke die geringste Untat, oder stand ein Haar in der Frisur nicht recht, so war, wenn man auf den Platz kam, die erste Begrüßung eine derbe Tracht Prügel. Das währte so den ganzen Mai und Juni fort. Selbst den Sonntag hatten wir nicht frei; dann mußten wir auf das properste Kirchenparade machen. Also blieben uns zu jenen Spaziergängen nur wenige zerstreute Stunden übrig, und wir hatten kurz und gut zu nichts Zeit, als zum Hungerleiden. Wahr ist's, unsre Offiziere erhielten gerade damals die gemessenste Order, uns über Kopf und Hals zu mustern; aber wir Rekruten wußten den Henker davon und dachten halt, das sei so Kriegsmanier. Alte Soldaten vermuteten wohl so etwas, schwiegen aber mausstill. Indessen waren Schärer und ich blutarm geworden; und was uns nicht an den Hintern gewachsen war, hatten wir alles verkauft. Nun mußten wir mit Brot und Wasser oder Kovent,[45] das nicht viel besser als Wasser ist, vorlieb nehmen. Mittlerweile war ich von Zittemann weg, zu Wolfram und Meewis ins Quartier kommen, von denen der erstre ein Zimmermann, der andre ein Schuster war, und die beide einen guten Verdienst hatten. Mit diesen macht' ich anfangs ebenfalls Menage. Sie hatten so ihren Bauerntisch: Suppe und Fleisch, mit Erdäpfeln und Erbsen. Jeder schoß zu einem Mittagsmahl zwei Dreier: Abends und zum Frühstück lebte jeder für sich. Ich aß besonders gern eine Ochsenpfote, einen Hering oder ein Dreierkäschen. Nun aber konnt' ich's nicht mehr mit ihnen halten; zu verkaufen hatt' ich nichts, und mein Sold ging meist für Wäsche, Puder, Schuhwachs, Kreide, Schmirgel, Öl und anderes Plunderzeug auf. Jetzt fing ich erst recht an, Trübsal zu blasen, und keinem Menschen konnt' ich so recht von Herzensgrund meine Not klagen. Des Tags ging ich umher wie der Schatten an der Wand. Des Nachts legt' ich mich ins Fenster, guckte weinend in den Mond hinauf, und erzählte dem mein bittres Elend: »Du, der jetzt auch überm Tockenburg schwebt, sag' es meinen Leuten daheim, wie armselig es um mich stehe, meinen Eltern, meinen Geschwisterten, meinem Ännchen sag's, wie ich schmachte, wie treu ich ihr bin, daß sie alle Gott für mich bitten. Aber du schweigst so stille, wandelst so harmlos deinen Weg fort? Ach, könnt' ich ein Vöglein sein und dir nach in meine Heimat fliegen! Ich armer, unbesonnener Mensch! Gott erbarm' sich mein! Ich wollte mein Glück bauen, und baute mein Elend. Was nützt mir dieser herrliche Ort, worin ich verschmachten muß! Ja, wenn ich die Meinigen hier hätte und so ein schön Häuschen, wie dort grad' gegenübersteht, und nicht Soldat sein müßte, dann wär's hier gut wohnen; dann wollt' ich arbeiten, handeln, wirtschaften, und ewig mein Vaterland meiden! Doch nein! Denn auch so müßt' ich den Jammer so vieler Elenden täglich vor Augen sehn! Nein, geliebtes, liebes Tockenburg! Du wirst mir immer vorzüglich wert bleiben! Aber, ach! Vielleicht seh' ich dich in meinem Leben nicht wieder, verliere sogar den Trost, von Zeit zu Zeit an die Lieben zu schreiben, die in dir wohnen! Jedermann erzählt mir ja von der Unmöglichkeit, wenn's einmal ins Feld gehe, auch nur eine Zeile fortzubringen, worin ich mein Herz ausschütten könnte. Doch, wer weiß? Noch lebt mein guter Vater im Himmel; dem ist's bekannt, wie ich nicht aus Vorsatz oder Liederlichkeit dies Sklavenleben gewählt, sondern böse Menschen mich betrogen haben. Ha! Wenn alles fehlen sollte. Doch, nein! desertieren will ich nicht. Lieber sterben, als Spießrutenlaufen. Und dann kann sich's ja auch ändern. Sechs Jahre sind noch auszuhalten. Freilich eine lange, lange Zeit; wenn's zumal wahr sein sollte, daß auch dann kein Abscheid zu hoffen wäre! Doch, was? Kein Abscheid? Hab' ich doch eine, und zwar mir aufgedrungene Kapitulation! — Ha! Dann müßten sie mich eher töten! Der König müßte mich hören! Ich wollte seiner Kutsche nachrennen, mich anhängen, bis er mir sein Ohr verleiht. Da wollt' ich ihm alles sagen, was der Brief ausweist. Und der gerechte Friedrich wird nicht gegen mich allein ungerecht sein.« — Das waren so damals meine Selbstgespräche.

In diesen Umständen flogen Schärer und ich zusammen, wo wir konnten; klagten, überlegten, beschlossen, verwarfen. Schärer zeigte mehr Standhaftigkeit als ich, hatte aber auch mehr Sold. Ich gab jetzt, wie so viele andre, den letzten Dreier um Genever, meinen Kummer zu vertreiben. Ein Mecklenburger, der nahe bei mir im Quartier und mit mir in gleichen Umständen war, machte es ebenso. Aber wenn der seinen Brand im Kopf hatte, setzte er sich in der Abenddämmerung vors Haus, fluchte und haselierte da mutterseels allein, schimpfte auf seine Offiziere, und sogar auf den König, wünschte Berlin und allen Brandenburgern tausend Millionen Schwernot auf den Hals und fand, wie der arme Teufel, so oft er wieder nüchtern ward, behauptete, in diesem unvernünftigen Rasen seinen einzigen Trost im Unglück. Wolfram und Meewis warnten ihn oft; denn sonst war er noch vor kurzem ein recht guter, umgänglicher Bursche: »Kerl!« sagten sie zu ihm, »gewiß wirst du noch ins Tollhaus wandern!« Dieses war nicht weit von uns. Oft sah ich dort einen Soldat vor dem Gegitter auf einem Bänkchen sitzen, und fragte einst Meewis, wer er wäre. Ich hatte ihn nie bei der Kompagnie gesehn: »Just so einer, wie der Mecklenburger,« antwortete Meewis; »darum hat man ihn hier versorgt, wo er anfangs brüllte wie ein ungarscher Stier. Aber seit etlichen Wochen soll er so geschlacht[46] wie ein Lamm sein.« Diese Beschreibung machte mich lüstern, den Menschen näher kennen zu lernen. Er war ein Anspacher. Anfangs ging ich nur wie verstohlen bei ihm hin und wieder, sah mit wehmütigem Vergnügen, wie er, seinen Blick bald zum Himmel gerichtet, bald auf den Boden geheftet, melancholisch dasaß, bisweilen aber, ganz für sich, sanft lächelte, und übrigens meiner nicht zu achten schien. Schon aus seiner Physiognomie war mir ein solcher Erdensohn in seiner Lage heilig. Endlich wagt' ich es, mich zu ihm zu setzen. Er sah mich starr und ernst an, und schwatzte zuerst lange meist unverständiges Zeug, das ich doch gerne hörte, weil mitunter etwas höchst Vernünftiges zum Vorschein kam. Was ihm am meisten Mühe zu machen schien, war, soviel ich merken mochte, daß er von gutem Haus, und nur durch Verdruß in diese Umstände gekommen sein mußte, jetzt aber von Nachreu und Heimweh erbärmlich litt. Nun entdeckt' ich ihm durch Umwege auch meine Gemütsstimmung, hauptsächlich in der Absicht, zu horchen, was er allenfalls zu meiner Entweichung sagen würde; denn der Mann schien mir ordentlich einen Geist der Weissagung zu haben: »Brüderchen!« sprach er, aus Veranlassung eines solchen Diskurses, einst zu mir: »Brüderchen, halt' du still! Deine Schuld ist's sicher, daß du leidest, und was du leidest, mehr oder minder verdiente Züchtigung. Durch Zappeln machst du's nur ärger. Es wird schon noch anders und immer anders kommen. Der König allein ist König; seine Generals, Obersten, Majoren sind selber seine Bedienten und wir, ach! wir, so hingeworfene, verkaufte Hunde, zum Abschmieren im Frieden, zum Totstechen und Totschießen im Krieg bestimmt. Aber all' eins, Brüderchen! Vielleicht kommst du nahe an eine Türe; geht sie dir auf, so tu', was du willst. Aber halt still, Brüderchen! nur nichts erfrettet[47] oder erzwungen, sonst ist's mit einmal aus!« Dergleichen und noch viel anderes sagte er öfters zu mir. Aller Welt Priester und Leviten hätten mir nicht so gut predigen und mich zugleich so gut trösten können wie er.

Kriegsgerüchte

Indessen murmelte es immer stärker vom Kriege. In Berlin kamen von Zeit zu Zeit neue Regimenter an; wir Rekruten wurden auch unter eins gesteckt. Da ging's alle Tag vor die Tore zum Manövrieren, links und rechts avancieren, attackieren, retirieren, pelotons- und divisionsweise chargieren, und was der Gott Mars sonst alles lehrte. Endlich gedieh es zur Generalrevue; da ging's zu und her, daß dies ganze Büchelchen nicht klecken würde, das Ding zu beschreiben; und wenn ich's wollte, so könnt' ich's nicht. Erstlich wegen der schweren Menge aller Arten Kriegsgrümpel, die ich hier großenteils zum erstenmal sah. Zweitens hatt' ich immer Kopf und Ohren so voll von dem entsetzlichen Lärm der knallenden Büchsen, der Trommeln und Feldmusik, des Rufens der Kommandeurs und dergleichen, daß ich oft hätte bersten mögen. Drittens war mir das Exerziz seit einiger Zeit so widerlich geworden, daß ich nur nicht mehr bemerken mochte, was all' die Korps zu Fuß und zu Pferde für Millionszeug machten. Freilich kam mich hernach manchmal große Reue an, daß ich diese Dinge nicht besser in Obacht genommen; denn allen meinen Freunden und allen Leuten hierzulande wünscht' ich, daß sie solches nur einen Tag sehen möchten, es würde ihnen zu hundert und aberhundert vernünftigen Betrachtungen Anlaß geben. Also nur dies wenige. Da waren unübersehbare Felder mit Kriegsleuten bedeckt; viele tausend Zuschauer an allen Ecken und Enden. Hier stehen zwei große Armeen in künstlicher Schlachtordnung; schon brüllt von den Flanken das grobe Geschütz aufeinander los. Sie avancieren, kommen zum Feuer, und machen ein so entsetzliches Donnern, daß man seinen nächsten Nachbar nicht hören und vor Rauch nicht mehr sehen kann: Dort versuchen etliche Bataillons ein Heckenfeuer; hier fallen's einander in die Flanke, da blockieren sie Batterien, dort formieren sie ein doppeltes Kreuz. Hier marschieren sie über eine Schiffbrücke, dort hauen Kürassiers und Dragoner ein, und sprengen etliche Schwadrons Husaren von allen Farben aufeinander los, daß Staubwolken über Roß und Mann emporwallen. Hier überrumpeln's ein Lager; die Avantgarde, unter der ich zu manövrieren die Ehre hatte, bricht Zelte ab und flieht. Doch noch einmal: Ich müßte ein Narr sein, wenn ich glaubte, hier eine preußische Generalrevue beschrieben zu haben. Ich hoffe also, man nimmt mit diesem wenigen vorlieb, oder, vielmehr, verzeiht's mir, um der Freude willen, mein Gewäsch nicht länger anzuhören.

Behüte Gott Berlin!
Ausmarsch

Endlich kam der erwünschte Zeitpunkt, wo es hieß: Allons, ins Feld! Schon im Heumonat marschierten etliche Regimenter von Berlin ab, und kamen hinwieder andre aus Preußen und Pommern an. Jetzt mußten sich alle Beurlaubten stellen, und in der großen Stadt wimmelte alles von Soldaten. Dennoch wußte noch niemand eigentlich, wohin alle diese Bewegungen zielten. Ich horchte wie ein Schwein am Gatter. Einige sagten, wenn's ins Feld gehe, könnten wir neue Rekruten doch nicht mit, sondern würden unter ein Garnisonsregiment gesteckt. Das hätte mir himmelangst gemacht; aber ich glaubte es nicht. Indessen bot ich alle meine Leibes- und Seelenkräfte auf, mich bei allen Manövers als einen fertigen, tapfern Soldaten zu zeigen, denn einige bei der Kompagnie, die älter waren als ich, mußten wirklich zurückbleiben. Und nun den einundzwanzigsten August abends spät kam die gewünschte Order, uns auf morgen marschfertig zu halten. Potz Wetter! wie ging es da her mit Putzen und Packen! Einmal, wenn's mir auch an Geld nicht gebrochen, hätt' ich nicht mehr Zeit gehabt, einem Bäcker zwei geborgte Brote zu bezahlen. Auch hieß es, in diesem Fall dürfte kein Gläubiger mehr ans Mahnen denken: Doch ich ließ mein Wäschkistchen zurück; und wenn es der Bäcker nicht abgefordert hat, hab' ich heutigen Tages noch einen Kreditor in Berlin, auch etliche Debitoren für ein paar Batzen, und geht's ungefähr so wett auf. Den zweiundzwanzigsten August morgens um drei Uhr ward Alarm geschlagen, und mit Anbruch des Tages stand unser Regiment Itzenblitz — ein herrlicher Name! — das die Soldaten wegen der gewaltigen Schärfe unseres Obristen auch Donner und Blitz nannten, in der Krausenstraße schon Parade. Jede seiner zwölf Kompagnien war hundertfünfzig Mann stark. Die in Berlin nächst um uns einquartierten Regimenter, deren ich mich erinnere, waren Vokat, Winterfeld, Meyring und Kalkstein; dann vier Prinzenregimenter: Prinz von Preußen, Prinz Ferdinand, Prinz Karl und Prinz von Württemberg, die alle teils vor, teils nach uns abmarschierten, nachwärts aber im Feld meist wieder zu uns gestoßen sind. Jetzt wurde Marsch geschlagen, Tränen von Bürgern, Soldatenweibern, Huren und dergleichen flossen zu Haufen. Auch die Kriegsleute selber, die Landskinder nämlich, welche Weiber und Kinder zurückließen, waren ganz niedergeschlagen, voll Wehmut und Kummer; die Fremden jauchzten heimlich vor Freuden und riefen: Endlich ist unsre Erlösung da! Jeder war bebündelt wie ein Esel, erst mit einem Degengurt umschnallt, dann die Patrontasche über der Schulter mit einem fünf Zoll langen Riemen; über die andre Achsel der Tornister, mit Wäsche und so weiter bepackt; item der Habersack mit Brot und anderer Furage gestopft. Hiernächst mußte jeder noch ein Stück Feldgerät tragen; Flasche, Kessel, Haken, oder so was, alles an Riemen; dann erst noch eine Flinte, auch an einem solchen. So waren wir alle fünfmal kreuzweis über die Brust geschlossen, daß anfangs jeder glaubte, unter solcher Last ersticken zu müssen. Dazu kam die enge, gepreßte Montur und eine solche Hundstagshitze, daß mir's manchmal deuchte, ich geh' auf glühenden Kohlen. Wenn ich meiner Brust ein wenig Luft machte, kam ein Dampf heraus wie aus einem siedenden Kessel. Oft hatt' ich keinen trockenen Faden mehr am Leib und verschmachtete bald vor Durst.

Marschroute bis Pirna

So marschierten wir den ersten Tag (22. August 1756) zum Köpenicker Tor aus, und machten noch vier Stunden bis zum Städtchen Köpenick, wo wir zu dreißig bis fünfzig bei Bürgern einquartiert waren, die uns für einen Groschen traktieren mußten. Potz Plunder, wie ging's da her! Ha! da wurde gefressen. Aber denk' man sich nur so viele, große, hungrige Kerls! Immer hieß es, schaff her, Kanaille, was d' im hintersten Winkel hast. Des Nachts wurde die Stube mit Stroh gefüllt, da lagen wir alle in Reihen, den Wänden nach. Wahrlich, eine kuriose Wirtschaft! In jedem Haus befand sich ein Offizier, welcher auf gute Mannszucht halten sollte; sie waren aber oft die Fäulsten. Den zweiten Tag ging's zehn Stunden weit bis Fürstenwalde, da gab's schon Marode, die sich auf Wagen packen lassen mußten. Es war auch kein Wunder, da wir diesen ganzen Tag nur ein einzigmal haltmachen, und stehenden Fußes etwas Erfrischung zu uns nehmen durften. Am letztgedachten Orte ging es wie an dem erstern, nur daß hier die meisten lieber soffen als fraßen, und viele sich halbtot hinlegten. Den dritten Tag ging's sechs Stunden bis Jakobsdorf, wo wir drei Rasttage hielten, aber desto schlimmer hantierten und die armen Bauern bis aufs Blut aussogen. Vom siebenten bis vierzehnten Tage kamen wir über Guben, Spremberg und Hoyerswerda bis Kamenz, dem letzten Örtchen, wo wir einquartiert wurden. Von da an kampierten wir im Felde, und machten Märsche und Kontermärsche, so daß ich selbst nicht weiß, wo wir all durchkamen, da es oft bei dunkler Nacht geschah. Nur so viel erinnr' ich mich, daß wir am zehnten September Pirna erreichten, wo noch einige Regimenter zu uns stießen, und wir ein weites, fast unübersehbares Lager aufschlugen, sowie auch das über Pirna gelegene Schloß Königstein diesseits und den Lilienstein jenseits der Elbe besetzten. Denn in der Nähe dieses letzteren Berges befand sich die sächsische Armee, in deren Lager wir gerade übers Tal hinübersehen konnten. Unter uns im Tale an der Elbe lag Pirna, das jetzt ebenfalls von unserm Volke besetzt ward.

Bis hierher hatte der Herr geholfen! Diese Worte waren der erste Text unsers Feldpredigers bei Pirna. O ja, dacht' ich, das hat er, er wird auch ferner helfen, und zwar hoffentlich mir in mein Vaterland; denn was gehen mich eure Kriege an?

Mittlerweile ging's, wie's bei einer marschierenden Armee zu gehen pflegt, bunt übereck und kraus, so daß ich alles zu beschreiben nicht imstande bin, auch solches, wie ich denke, zu wenig Dingen nütz wäre. Unser Major Lüderiz, denn die Offiziere gaben auf jeden Kerl besonders Achtung, mag mir oft meinen Unmut aus dem Gesichte gelesen haben. Dann drohte er mir mit dem Finger: »Nimm dich in acht, Kerl!« Schärern hingegen klopfte er bei den nämlichen Anlässen auf die Schulter, und nannte ihn mit lächelnder Miene einen braven Burschen, denn der war immer lustig und wohlgemuts und sang bald seine Maurerlieder, bald den Kühreih'n. Im Herzen dachte er wie ich, obschon er es besser verbergen konnte. Ein andermal freilich faßt' ich wieder Mut und dachte: Gott wird alles wohl machen! Wenn ich vollends Markoni, der doch keine geringe Schuld an meinem Unglück war, auf dem Marsch oder im Lager erblickte, war's mir immer, ich sehe meinen Vater oder meinen besten Freund, wenn er mir zumal vom Pferd herunter seine Hand bot, die meinige traulich schüttelte, mir mit liebreicher Wehmut gleichsam in die Seele 'nein guckte: »Wie geht's, Ollrich! wie geht's? 's wird schon besser kommen!« zu mir sagte, und, ohne meine Antwort zu erwarten, dieselbe aus meinem tränenschimmernden Aug' lesen wollte. Oh! ich wünsche dem Mann, wo er immer tot oder lebendig sein mag, noch auf den heutigen Tag alles Gute; denn von Pirna weg ist er mir nie mehr zu Gesicht gekommen. Mittlerweile hatten wir alle Morgen die gemessene Order erhalten, scharf zu laden; dieses veranlaßte unter den ältern Soldaten ein Gerede: »Heute gibt's was! Heut setzt's gewiß was ab!« Dann schwitzten wir Jungen freilich an allen Fingern, wenn wir bei einem Gebüsch oder Gehölz vorbeimarschierten und uns verfaßt halten mußten. Da spitzte jeder stillschweigend die Ohren, erwartete einen feurigen Hagel und seinen Tod, und sah, sobald man wieder ins Freie kam, sich rechts und links um, wie er am schicklichsten entwischen konnte, denn wir hatten immer feindliche Kürassiers, Dragoner und Soldaten zu beiden Seiten. Als wir einst die halbe Nacht durchmarschierten, versuchte Bachmann den Reißaus zu nehmen, und irrte etliche Stunden im Wald herum, aber am Morgen war er wieder hart bei uns und kam noch eben recht mit der Ausflucht weg, er habe beim Hosenkehren in der Dunkelheit sich von uns verloren. Von da an sahen wir andern die Schwierigkeit, wegzukommen, alle Tag' deutlicher ein, und doch hatten wir fest im Sinn, keine Bataille abzuwarten, es koste was es wolle.

Das Lager zu Pirna

Eine umständliche Beschreibung unsers Lagers zwischen Königstein und Pirna sowohl als des gerade vor uns überliegenden Sächsischen bei Lilienstein wird man von mir nicht erwarten. Ich schreibe nur, was ich gesehen, was allernächst um mich her vor- und besonders was mich selbst anging. Von den wichtigsten Dingen wußten wir gemeine Hungerschlucker am allerwenigsten, auch kümmerten wir uns nicht viel darum. Mein und so vieler andrer ganzer Sinn war vollends allein auf: Fort, fort! Heim ins Vaterland! gerichtet.

Lagerleben

Vom elften bis zweiundzwanzigsten September saßen wir in unserm Lager ganz still, und wer gern Soldat war, dem mußt' es damals recht wohl sein. Da ging's vollkommen wie in einer Stadt zu. Da gab's Marketender und Feldschlächter zu Haufen. Den ganzen Tag, ganze lange Gassen durch, nichts als Sieden und Braten. Da konnte jeder haben was er wollte, oder vielmehr was er zu bezahlen vermochte: Fleisch, Butter, Käs, Brot, aller Gattung Baum- und Erdfrüchte. Die Wachten ausgenommen, mochte jeder machen was ihm beliebte, kegeln, spielen, in und außer dem Lager spazieren gehen. Nur wenige hockten müßig in ihren Zelten. Der eine beschäftigte sich mit Gewehrputzen, der andre mit Waschen, der dritte kochte, der vierte flickte Hosen, der fünfte Schuhe, der sechste schnifelte was von Holz und verkauft' es den Bauern. Jedes Zelt hatte seine sechs Mann und einen Überkompletten. Unter diesen sieben war immer einer gefreit, dieser mußte gute Mannszucht halten. Von den sechs übrigen ging einer auf die Wache, einer mußte kochen, einer Proviant herbeiholen, einer ging nach Holz, einer nach Stroh, und einer machte den Seckelmeister, alle zusammen aber eine Haushaltung, einen Tisch und ein Bett aus. Auf den Märschen stopfte jeder in seinen Habersack, was er, versteht sich in Feindesland, erhaschen konnte. Mehl, Rüben, Erdbirnen, Hühner, Enten. Wer nichts aufzutreiben vermochte, ward von den übrigen ausgeschimpft, wie denn mir das zum öfteren begegnete. Was das für ein Mordiogeschrei gab, wenn's durch ein Dorf ging, von Weibern, Kindern, Gänsen und Spanferkeln. Da mußte alles mit, was sich tragen ließ. Husch! den Hals umgedreht und eingepackt. Da brach man in alle Ställ' und Gärten ein, prügelte auf alle Bäume los und riß die Äste mit den Früchten ab. Der Hände sind viel, hieß es, was einer nicht kann, mag der andre. Da durft' keine Seel' Mux machen, wenn's nur der Offizier erlaubte, oder auch bloß halb erlaubte. Da tat jeder sein Devoir zum Überfluß. Wir drei Schweizer, Schärer, Bachmann und ich, es gab unsrer Landsleute zwar beim Regiment noch mehr, wir kannten sie aber nicht, kamen keiner zum andern ins Zelt, auch nie zusammen auf die Wache. Hingegen spazierten wir oft miteinander außer das Lager bis auf die Vorposten, besonders auf einen gewissen Bühel, wo wir eine weite zierliche Aussicht über das Sächsische, unser ganzes Lager und durchs Tal hinab bis auf Dresden hatten. Da hielten wir unsern Kriegsrat: was wir machen, wo hinaus, welchen Weg wir nehmen, wo wir uns wieder treffen sollten. Aber zur Hauptsache, zum Hinaus fanden wir alle Löcher verstopft. Zudem wären Schärer und ich lieber in einer schönen Nacht allein, ohne Bachmann, davon geschlichen, denn wir trauten ihm nie ganz, und sahen dabei alle Tag' die Husaren Deserteurs einbringen, hörten Spießrutenmarsch schlagen, und was es solcher Aufmunterungen mehr gab. Und doch sahen wir alle Stunden einem Treffen entgegen.

Einnahme des sächsischen Lagers
Marsch und Kontermarsch

Endlich, den zweiundzwanzigsten September, ward Alarm geschlagen und erhielten wir Order aufzubrechen. Augenblicklich war alles in Bewegung, in etlichen Minuten war ein stundenweites Lager, wie die allergrößte Stadt, zerstört, aufgepackt und allons, Marsch! Jetzt zogen wir ins Tal hinab, schlugen bei Pirna eine Schiffbrücke und formierten oberhalb dem Städtchen, dem sächsischen Lager en front, eine Gasse wie zum Spießrutenlaufen, deren eines End' bis zum Pirnaer Tor ging, und durch welche viele gefangene Sachsen zu vieren hoch spazieren, vorher aber das Gewehr ablegen, und, man kann sich's einbilden, die ganze lange Straße durch Schimpf- und Stichelreden genug anhören mußten. Einige gingen traurig mit gesenktem Gesicht daher, andre trotzig und wild, und noch andre mit einem Lächeln, das den preußischen Spottvögeln gern nichts schuldig bleiben wollte. An dem nämlichen Tage marschierten wir noch ein Stück Wegs fort und schlugen unser Lager bei Lilienstein auf. Den dreiundzwanzigsten mußte unser Regiment die Proviantwagen decken. Den vierundzwanzigsten machten wir einen Kontermarsch, und kamen bei Nacht und Nebel, der Henker weiß wohin. Den fünfundzwanzigsten früh ging's schon wieder fort, vier Meilen bis Aussig. Hier schlugen wir ein Lager, blieben da bis auf den neunundzwanzigsten und mußten alle Tag' auf Furage aus. Bei diesen Anlässen wurden wir oft von den kaiserlichen Panduren attackiert, oder es kam sonst aus einem Gebüsch ein Karabinerhagel auf uns los, so daß mancher tot auf der Stelle blieb und noch mehrere blessiert wurden. Wenn aber unsre Artilleristen nur etliche Kanonen gegen das Gebüsch richteten, flog der Feind über Kopf und Hals davon. Dieser Plunder hat mich nie erschreckt, ich wäre sein bald gewohnt worden, und dacht' oft: Pah! wenn's nur den Weg hergeht, ist's so übel nicht. Den dreißigsten marschierten wir wieder den ganzen Tag und kamen erst des Nachts auf einem Berg an, den ich und meinesgleichen abermals so wenig kannten, als ein Blinder. Inzwischen bekamen wir Order, hier kein Gezelt aufzuschlagen, auch kein Gewehr niederzulegen, sondern immer mit scharfer Ladung parat zu stehn, weil der Feind in der Nähe sei. Endlich sahen und hörten wir mit anbrechendem Tag unten im Tal gewaltig blitzen und feuern. In dieser bangen Nacht desertierten viele, neben andern auch Bruder Bachmann. Für mich wollt' es sich noch nicht schicken, so wohl's mir sonst behagt hätte.

Die Schlacht bei Lowositz

Früh morgens mußten wir uns rangieren und durch ein enges Tälchen gegen das große Tal hinuntermarschieren. Vor dem dicken Nebel konnten wir nicht weit sehen. Als wir aber vollends in die Plaine kamen und zur großen Armee stießen, rückten wir in drei Treffen weiter vor und erblickten von ferne durch den Nebel, wie durch einen Flor, feindliche Truppen auf einer Ebene, oberhalb dem böhmischen Städtchen Lowositz. Es war kaiserliche Kavallerie, denn die Infanterie bekamen wir nie zu Gesicht, da sich dieselbe bei gedachtem Städtchen verschanzt hatte. Um sechs Uhr ging schon das Donnern der Artillerie sowohl aus unserm Vordertreffen als aus den kaiserlichen Batterien so gewaltig an, daß die Kanonenkugeln bis zu unserm Regiment, das im mittlern Treffen stund, durchschnurrten. Bisher hatt' ich immer noch Hoffnung, vor einer Bataille zu entwischen; jetzt sah' ich keine Ausflucht mehr, weder vor noch hinter mir, weder zur Rechten noch zur Linken. Wir rückten inzwischen immer vorwärts. Da fiel mir vollends aller Mut in die Hosen. In den Bauch der Erde hätt' ich mich verkriechen mögen, und eine ähnliche Angst, ja Todesblässe las man bald auf allen Gesichtern, selbst derer, die sonst noch so viel Herzhaftigkeit gleißneten. Die geleerten Brenzfläschchen, deren jeder Soldat eines hat, flogen unter den Kugeln durch die Lüfte; die meisten soffen ihren kleinen Vorrat bis auf den Grund aus, denn da hieß es: Heute braucht es Courage und morgen vielleicht keinen Fusel mehr! Jetzt avancierten wir bis unter die Kanonen, wo wir mit dem ersten Treffen abwechseln mußten. Potz Himmel! wie sausten da die Eisenbrocken ob unsern Köpfen weg, fuhren bald vor, bald hinter uns in die Erde, daß Stein und Rasen hoch in die Luft sprang, bald mitten ein und spickten uns die Leute aus den Gliedern weg, als wenn's Strohhälme wären. Dicht vor uns sahen wir nichts als feindliche Kavallerie, die allerhand Bewegungen machte, sich bald in die Länge ausdehnte, bald in einen halben Mond, dann in ein Drei- und Viereck sich wieder zusammenzog. Nun rückte auch unsre Kavallerie an, wir machten Lücke und ließen sie vor auf die feindliche losgaloppieren. Das war ein Gehagel, das knarrte und blinkerte, als sie einhieben! Allein kaum währte es eine Viertelstunde, so kam unsere Reiterei, von der österreichischen geschlagen, und bis nahe unter unsre Kanonen verfolgt, zurück. Da hätte man den Spektakel sehen sollen, Pferde, die ihren Mann im Stegreif hängend, andre die ihre Gedärme auf der Erde nachschleppten. Inzwischen stunden wir noch immer im feindlichen Kanonenfeuer bis gegen elf Uhr, ohne daß unser linker Flügel mit dem kleinen Gewehrfeuer zusammentraf, obschon es bereits auf dem rechten sehr hitzig zuging. Viele meinten, wir müßten noch auf die kaiserlichen Schanzen Sturm laufen. Mir war's schon nicht mehr so bange wie anfangs, obgleich die Feldschlangen Mannschaft zu beiden Seiten neben mir wegrafften und der Wahlplatz mit Toten und Verwundeten übersät war; als mit eins, ungefähr um zwölf Uhr, die Order kam, unser Regiment nebst zwei andern, ich glaube Bevern und Kalkstein, müßten zurückmarschieren. Nun dachten wir, es gehe dem Lager zu, und alle Gefahr sei vorbei. Wir eilten darum mit muntern Schritten die gähen Weinberge hinauf, brachen unsre Hüte voll schöne rote Trauben, aßen vor uns her nach Herzenslust, und mir und denen, welche neben mir stunden, kam nichts Arges in Sinn, obgleich wir von der Höhe herunter unsre Brüder noch in Feuer und Rauch stehen sahen, ein fürchterlich donnerndes Gelärm hörten und nicht entscheiden konnten, auf welcher Seite der Sieg war. Mittlerweile trieben unsre Anführer uns immer höher den Berg hinan, auf dessen Gipfel ein enger Paß zwischen Felsen durchging, der auf der andern Seite wieder hinunter führte. Sobald unsre Avantgarde den erwähnten Gipfel erreicht hatte, ging ein entsetzlicher Musketenhagel an, und nun merkten wir erst, wo der Has im Stroh lag. Etliche tausend kaiserliche Panduren waren nämlich auf der andern Seite den Berg hinauf beordert, um unsrer Armee in den Rücken zu fallen. Dies muß unsern Anführern verraten worden sein, und wir mußten ihnen zuvorkommen. Nur etliche Minuten später, so hätten sie uns die Höhe abgewonnen, und wir wahrscheinlich den kürzern gezogen. Nun setzte es ein unbeschreibliches Blutbad ab, ehe man die Panduren aus jenem Gehölz vertreiben konnte. Unsre Vordertruppen litten stark, allein die hintern drangen ebenfalls über Kopf und Hals nach, bis zuletzt alle die Höhe gewonnen hatten. Da mußten wir über Hügel von Toten und Verwundeten stolpern. Alsdann ging's Hudri, Hudri, mit den Panduren die Weinberge hinunter, sprungweise über eine Mauer nach der andern herab, in die Ebene. Unsre gebornen Preußen und Brandenburger packten die Panduren wie Furien. Ich selber war in Jast[48] und Hitze wie vertaumelt, und, mir weder Furcht noch Schreckens bewußt, schoß ich eines Schießens fast alle meine sechzig Patronen los, bis meine Flinte halb glühend war und ich sie am Riemen nachschleppen mußte. Indessen glaub' ich nicht, daß ich eine lebendige Seele traf, sondern alles ging in die freie Luft. Auf der Ebene am Wasser vor dem Städtchen Lowositz postierten sich die Panduren wieder und pülverten so tapfer in die Weinberge hinauf, daß noch mancher vor und neben mir ins Gras biß. Preußen und Panduren lagen überall durcheinander, und wo sich einer von letzteren noch regte, wurde er mit der Kolbe vor den Kopf geschlagen oder ihm ein Bajonett durch den Leib gestoßen. Nun ging in der Ebene das Gefecht von neuem an. Aber wer wird das beschreiben wollen, wo jetzt Rauch und Dampf von Lowositz ausging, wo es krachte und donnerte, als ob Himmel und Erde hätten zergehen wollen; wo das unaufhörliche Rumpeln vieler hundert Trommeln, das herzzerschneidende und herzerhebende Ertönen aller Art Feldmusik, das Rufen so vieler Kommandeurs und das Brüllen ihrer Adjutanten, das Zeter- und Mordiogeheul so vieler tausend elender, zerquetschter, halbtoter Opfer dieses Tages, alle Sinnen betäubte! Um diese Zeit, es mochte etwa drei Uhr sein, da Lowositz schon im Feuer stand, viele hundert Panduren, auf welche unsre Vordertruppen wieder wie wilde Löwen einbrachen, ins Wasser sprangen, wo es dann auf das Städtchen selber losging; um diese Zeit war ich freilich nicht der Vorderste, sondern unter dem Nachtrab noch im Weinberg droben, von denen mancher, wie gesagt, weit behender als ich von einer Mauer über die andre hinuntersprang, um seinen Brüdern zu Hilf' zu eilen. Da ich also noch ein wenig erhöht stand, und in die Ebene wie in ein finsteres Donner- und Hagelwetter hineinsah, in diesem Augenblick deucht' es mich Zeit, oder vielmehr mahnte mich mein Schutzengel, mich mit der Flucht zu retten. Ich sah mich nach allen Seiten um. Vor mir war alles Feuer, Rauch und Dampf, hinter mir noch viele nachkommende auf die Feinde loseilende Truppen, zur Rechten zwei Hauptarmeen in voller Schlachtordnung. Zur Linken Weinberge, Büsche, Wäldchen, nur hie und da einzelne Menschen, Preußen, Panduren, Husaren, und von diesen mehr Tote und Verwundete als Lebende. Da, da, auf diese Seite! dacht' ich, sonst ist's nur lautere Unmöglichkeit!

Desertion
Glücklich entronnen
In Prag

Ich schlich also zuerst mit langsamem Marsch ein wenig auf die linke Seite, die Reben durch. Noch eilten etliche Preußen bei mir vorbei. »Komm', komm', Bruder!« sagten sie, »Viktoria!« Ich ripostierte kein Wort, tat nur ein wenig blessiert, und ging immer allgemach fort, freilich mit Furcht und Zittern. Sobald ich mich indessen so weit entfernt hatte, daß mich niemand mehr sehen mochte, verdoppelte, verdrei-, vier-, fünf-, sechsfachte ich meine Schritte, blickte rechts und links wie ein Jäger, sah noch von weitem, zum letztenmal in meinem Leben, morden und totschlagen; strich dann in vollem Galopp ein Gehölz vorbei, das voll toter Husaren, Panduren und Pferde lag, rannte eines Rennens gerade dem Fluß nach hinunter, und stand jetzt an einem Tobel. Jenseits desselben kamen soeben etliche kaiserliche Soldaten angestochen, die sich gleichfalls aus der Schlacht weggestohlen hatten, und schlugen, als sie mich so daherlaufen sahen, zum drittenmal auf mich an, ungeachtet ich immer das Gewehr streckte und ihnen mit dem Hut den gewohnten Wink gab. Doch brannten sie niemals los. Ich faßte also den Entschluß, gerad' auf sie zuzulaufen. Hätt' ich einen andern Weg genommen, würden sie, wie ich nachwärts erfuhr, unfehlbar auf mich gefeuert haben. Ihr Hunde, dacht' ich, hättet ihr eure Courage bei Lowositz gezeigt! Als ich zu ihnen kam und mich als Deserteur angab, nahmen sie mir das Gewehr ab, unterm Versprechen, mir's nachwärts wieder zuzustellen. Aber der, welcher sich dessen impatroniert hatte, verlor sich bald darauf, und nahm das Füsil mit. Nun so sei's! Alsdann führten sie mich ins nächste Dorf Scheniseck, eine starke Stunde unter Lowositz. Hier war eine Fahrt über das Wasser, aber ein einziger Kahn zum Transport. Da gab's ein Zetermordiogeschrei von Männern, Weibern und Kindern. Jedes wollte zuerst in dem Teich sein, aus Furcht vor den Preußen, denn alles glaubte sie schon auf der Haube zu haben. Auch ich war keiner von den letzten, der mitten unter eine Schar von Weibern hineinsprang. Wo nicht der Fährmann etliche hinausgeworfen, hätten wir alle ersaufen müssen. Jenseits des Flusses stand eine Panduren-Hauptwache. Meine Begleiter führten mich auf dieselbe zu, und die roten Schnurrbärte begegneten mir aufs manierlichste, gaben mir, ungeachtet ich sie und sie mich kein Wort verstunden, Toback, Branntwein und Geleit auf Leitmeritz, glaub' ich, wo ich unter lauter Stockböhmen übernachtete, und freilich nicht wußte, ob ich da mein Haupt sicher zur Ruhe legen konnte. Allein ich hatte von dem Tumult des Tags noch einen so vertaumelten Kopf, daß dieser Kapitalpunkt mir am mindesten betrug. Morgens darauf, den zweiten Oktober, ging ich mit einem Transport ins kaiserliche Hauptlager nach Budin ab. Hier traf ich bei zweihundert andrer preußischer Deserteurs, von denen, so zu reden, jeder seinen eignen Weg und sein Tempo in Obacht genommen hatte; neben andern auch unsern Bachmann. Wie sprangen wir beide hoch auf vor Entzücken, uns so unerwartet wieder in Freiheit zu sehn! Da ging's an ein Erzählen und Jubilieren, als wenn wir schon zu Haus hinterm Ofen säßen. Einzig hieß es bisweilen: Ach wäre nur auch der Schärer von Wil bei uns! Wo mag der geblieben sein? Wir hatten die Erlaubnis, alles im Lager zu besichtigen. Offiziers und Soldaten stunden bei Haufen um uns, denen wir mehr erzählen sollten als uns bekannt war. Etliche wußten Winds genug zu machen, ihren Wirten zu schmeicheln und zur Verkleinerung der Preußen hundert Lügen auszuhecken. Da gab's auch unter den Kaiserlichen manchen Erzprahler; und der kleinste Zwerg rühmte sich, wer weiß wie manchen langbeinigten Brandenburger auf seiner eignen Flucht in die Flucht geschlagen zu haben. Drauf führte man uns zu etwa fünfzig Mann Gefangenen von der preußischen Kavallerie. Ein erbärmlich Spektakel! Da war kaum einer an Wunden oder Beulen leer ausgegangen; etliche übers ganze Gesicht heruntergehauen, andre ins Genick, andre über die Ohren, über die Schultern oder Schenkel. Da war alles ein Ächzen und Wehklagen! Wie priesen uns diese armen Wichte selig, einem ähnlichen Schicksal so glücklich entronnen zu sein; und wie dankten wir selber Gott dafür! Wir mußten im Lager übernachten und bekamen jeder einen Dukaten Reisegeld. Dann schickte man uns mit einem Kavallerietransport nach einem böhmischen Dorfe, wo wir, nach einem kurzen Schlummer, folgenden Tags auf Prag abgingen. Dort verteilten wir uns, und bekamen Pässe, je zu sechs, zehn bis zwölf, welche einen Weg gingen. Wir waren ein wunderseltsames Gemengsel von Schweizern, Schwaben, Sachsen, Bayern, Tirolern, Welschen, Franzosen, Polacken und Türken. Einen solchen Paß bekamen unser sechs zusammen bis Regensburg. In Prag selbst war ein Zittern und Beben vor den Preußen ohne seinesgleichen. Man hatte den Ausgang der Schlacht bei Lowositz bereits vernommen und glaubte den Sieger schon vor den Toren zu sehn. Auch da stunden ganze Truppen Soldaten und Bürger um uns her, denen wir sagen sollten, was der Preuß' im Sinn habe? Einige von uns trösteten diese neugierigen Hasen; andre hatten noch ihre Freude daran, sie tapfer zu schrecken, und sagten ihnen, der Feind werde spätstens in vier Tagen anlangen und sei ergrimmt wie der Teufel. Dann schlugen viele die Händ' über'm Kopf zusammen; Weiber und Kinder wälzten sich gar heulend im Kot herum.