Heimkehr

Heimreise mit Bachmann

Den fünften Oktober traten wir unsre wirkliche Heimreise an. Es war schon abends, als wir von Prag ausmarschierten. Es ging bald über eine Anhöhe, von welcher wir eine unvergleichliche Aussicht über das ganze schöne königliche Prag hatten. Die liebe Sonne vergüldete seine mit Blech bedeckten zahllosen Turmspitzen zum Entzücken. Wir stunden eine Weile still, unter allerhand Gesprächen und mannigfaltigen Empfindungen dieses herrlichen Anblicks zu genießen. Einige bedauerten den prächtigen Ort, wenn er sollte bombardiert werden; andre hätten mögen dabei sein, wenigstens während dem Plündern. Ich konnte mich kaum satt sehn; sonst aber war mein einziges Sehnen wieder nach Haus, zu den Meinigen, zum Anneli. Wir kamen noch bis auf Schibrack; den sechsten bis Pilsen. Dort hatte der Wirt eine Tochter, das schönste Mädchen, das ich in meinem Leben gesehn. Mein Herr Bachmann wollte mit ihr hübsch tun, und fast einzig ihr zulieb hielten wir da Rasttag. Aber der Wirt verdeutete ihm, sein Kind sei keine Berlinerin! Vom achten bis zwölften ging's über Stab, Lensch, Rötz, Kürn auf Regensburg, wo wir zum zweitenmal rasteten. Bisher hatten wir nur kurze Tagreisen von zwei bis drei Meilen gemacht, aber desto längere Zechen. Mein Dukaten Reisegeld war schon dünn wie ein Laub worden, sonst hatt' ich keinen Heller in der Ficke, und ward also genötigt, auf den Dörfern zu fechten. Da bekam ich oft beide Taschen voll Brot, aber nie einen Heller bar. Bachmann hingegen hatte noch von seinem Handgeld übrig, ging in die Schenke, und ließ sich's wohlschmecken. Nur etwa zu vornehmen Häusern, Pfarrhöfen und Klöstern, kam er mit. Da mußten wir oft halbe Stunden stehn und den Herren alle Hergangenheit erzählen; des wurde besonders Bachmann meist überdrüssig, sonderlich wo für die Geschichte einer ganzen Schlacht, der er nicht beigewohnt, nur ein paar Pfennige flogen. Er gab immer vor, daß er bei Lowositz gewesen, und ich mußt' ihm die Lüge frisieren helfen; dafür hat er mir die ganze Reis' über keinen Krug Bier bezahlt. In den Klöstern gab's Suppen, oft auch Fleisch. Zu Regensburg, oder vielmehr im Bayerschen Hof verteilten wir uns wieder. Bachmann und ich erhielten einen Paß nach der Schweiz. Die andern, ein Bayer, zween Schwaben und ein Franzose, von denen ich nichts weiter zu sagen weiß, als daß sie alle vier rüstige Kerls und uns Tölpeln weit überlegen waren, nahmen jeder seine Straße. Die unsrige ging, der kleinern Orte nicht zu gedenken, über Ingolstadt, Donauwörth, Dillingen, Bregenz, Rheineck, nach Rorschach. Oberhalb Rheineck begegnete mir bald ein trauriger Spaß. Bisher waren wir unter lauter muntern Gesprächen über unsre glückliche Flucht, über unsre ältern und neuern Schicksale und unsre Aussichten für die Zukunft ganz brüderlich gereist. Bachmann, dem, von vorigen Zeiten her, fast alle Tag Hünd' und Hasen wieder in den Sinn stiegen, hatte sich, sobald wir von Prag weg waren, eine Jagdflinte gekauft, die er mit sich trug. Ich war seiner ewigen Diskurse von Hetzen und Treiben schon längst müde geworden, als wir, wie gesagt, oberhalb Rheineck in den Weinbergen Hunde jagen hörten. Hier machte mein Urian vor Entzücken ordentliche Purzelsprünge und behauptete, es wären, beim Himmel! seine alten Bekannten; er kenne sie noch am Bellen! Ich lachte ihn aus. Hierüber ward er böse, befahl mir stillzustehn, und der schönen Musik zuzuhorchen. Jetzt spottete ich vollends seiner und stampfte mit den Füßen. Das hätt' ich freilich sollen bleiben lassen. Er ward rasend, stand ganz schäumend mit aufgehobener Flinte vor mich hin, und setzte sie mir zähneknirschend vor den Kopf, als wenn er mich den Augenblick töten wollte. Ich erschrak. Er war bewaffnet, ich nicht; und auch dies und seine Wut ungerechnet, glaub' ich kaum, daß ich dem ohnehin verzweifelt wilden, handfesten Kerle, der beinahe zwei Zoll höher als ich war, hätte gewachsen sein können. Doch, ich weiß nicht, ob aus Mut oder Furcht, stand ich bockstill und guckte nach allen Seiten herum, ob ich niemand zu Hilf rufen könnte? Aber, es war an einem einsamen Ort, auf einer Allmend;[49] ich sah kein Mäuschen. »Sei kein Narr!« sagt' ich zu ihm, »wirst wohl Spaß verstehn.« Damit legte sich seine Wut schon um ein ziemliches. Wir gingen stillschweigend weiter, und ich war froh, als wir unvermerkt ins Städtchen Rheineck traten. Jetzt flattierte er mir wieder, eines Talers wegen, den ich auf dem Weg von ihm geborgt hatte; und ich dachte oft, dies Lumpenstück Geld hab' mir das Leben gerettet. Aber von dem Augenblick an schwand alles Vertrauen unter uns. Doch hab' ich mich nie gerochen, obgleich's der Anlässe viele gab, und mein Vater zahlte ihm den Taler willig, als er wenig Tage nach meiner Heimkunft in unser Haus kam. Wir kamen noch bis Rorschach, und des folgenden Tags (25. Oktober) auf Herisau, denn mein Herr Bachmann mochte nicht eilen, und ich merkte, daß er sich nicht recht nach Haus getraute, bis er sich erkundigt hätte, wie seiner vorigen Frevel wegen der Wind blies.

Trennung
Heim! Heim!
Nichts als Heim!

Länger konnt' ich dem Burschen nicht abpassen; denn, so nahe bei meiner Heimat, brannt' ich vor Begierde, dieselbe völlig zu erreichen. Also den sechsundzwanzigsten Oktober morgens früh nahm ich den Weg zum letztenmal unter die Füße, rannte wie ein Reh über Stock und Stein, und die lebhafte Vorstellung des Wiedersehns von Eltern, Geschwistern und meinem Liebchen ging mir einstweilen vor Essen und Trinken. Als ich nun meinem geliebten Wattweil immer näher und näher, und endlich auf die schöne Anhöhe kam, von welcher ich seinen Kirchturm ganz nahe unter mir erblickte, bewegte sich alles in mir, und rollten große Tränen haufenweis über meine Wangen herab. Oh, du erwünschter, gesegneter Ort! so hab' ich dich wieder, und niemand wird mich weiter von dir nehmen, dacht' ich im Heruntertrollen wohl hundertmal, und dankte dabei Gottes Vorsehung, die mich aus so vielen Gefahren wo nicht wunderbar doch höchstgütig gerettet hat. Auf der Brücke zu Wattweil redete mich ein alter Bekannter an, der vor meinem Weggehn um meine Liebesgeschichte gewußt hatte, und dessen erstes Wort war: »Je, gelt! deine Anne ist auch verplempert; dein Vetter Michel war so glückselig, und sie hat schon ein Kind.« Das fuhr mir durch Mark und Bein; indessen ließ ich's den Unglücksboten nicht merken: »Eh' nun,« sagt' ich, »hin ist hin!« Und in der Tat, zu meinem größten Erstaunen, faßt' ich mich bald, und dachte wirklich: »Nun freilich, das hätt' ich nicht hinter ihr gesucht! Aber, wenn's so sein muß, so sei's, und hab' sie eben ihren Michel!« Dann eilt' ich unserm Wohnort zu. Es war ein schöner Herbstabend. Als ich in die Stube trat, Vater und Mutter waren nicht zu Hause, merkt' ich bald, daß auch nicht eines von meinen Geschwistern mich erkannte, und sie über den ungewohnten Spektakel eines preußischen Soldaten nicht wenig erschraken, der so in seiner vollen Montierung, den Tornister auf dem Rücken, mit 'runtergelassnem Zottenhut und einem tüchtigen Schnurrbart sie anredte. Die Kleinern zitterten; der Größte griff nach einer Heugabel, und lief davon. Hinwieder wollt' auch ich mich nicht zu erkennen geben, bis meine Eltern da wären. Endlich kam die Mutter. Ich sprach sie um Nachtherberg an. Sie hatte viele Bedenklichkeiten; der Mann sei nicht da und dergleichen. Länger konnt' ich mich nicht halten, ergriff ihre Hand und sagte: »Mutter, Mutter! kennst mich nicht mehr?« Oh, da ging's zuerst an ein lärmendes, von Zeit zu Zeit mit Tränen vermengtes Freudengeschrei von Kleinen und Großen, dann an ein Bewillkommnen, Betasten und Begucken, Fragen und Antworten, daß es eine Tausendslust war. Jedes sagte, was es getan und geraten, um mich wieder bei ihnen zu haben. So wollte meine älteste Schwester ihr Sonntagskleid verkaufen, und mich daraus heimholen lassen. Mittlerweile langte auch der Vater an, den man ziemlich aus der Ferne rufen mußte. Dem guten Mann rannen auch Tropfen die Backen herunter: »Ach! Willkomm, willkomm, mein Sohn! Gottlob, daß du gesund da bist, und ich einmal alle meine Zehn wieder beisammen habe. Obschon wir arm sind, gibt's doch alleweil Arbeit und Brot.« Jetzt brannte mein Herz lichterloh, und fühlte tief die Wonne, so viele Menschen auf einmal, und zwar die Meinigen, zu erfreuen. Dann erzählt' ich ihnen noch denselben und etliche folgende Abende haarklein meine ganze Geschichte. Da war's mir wieder so ungewohnt herzlich wohl! Nach ein paar Tagen kam Bachmann, holte, wie gesagt, seinen Taler, und bestätigte alle meine Aussagen. Sonntags früh putzt' ich meine Montur, wie in Berlin zur Kirchenparade. Alle Bekannten bewillkommten mich; die andern gafften mich an, wie einen Türken. Auch nicht mehr meine, sondern Vetter Michels Anne tat es, und zwar ziemlich frech, ohne zu erröten. Ich hinwieder dankte ihr hohnlächelnd und trocken. Dennoch besucht' ich sie eine Weile hernach, als sie mir sagen ließ, sie wünschte allein mit mir zu reden. Da machte sie freilich allerlei kahle Entschuldigungen. Sie hab' mich auf immer verloren geglaubt, der Michel hab' sie übertölpelt, und so weiter. Dann wollte sie gar meine Kupplerin abgeben. Aber ich bedankte mich schönstens, und ging.

Anne
Was nun anfangen?

Und nun, hieß es, was anfangen? Graben mag ich nicht; doch schäm' ich mich zu betteln. Nein! für mein Brot war ich nie besorgt, und jetzt am allerwenigsten; denn, dacht' ich, nun bist du wieder an deines Vaters Kost, und arbeiten willst du auch wieder lernen. Doch merkt' ich, daß mein Vater meinetwegen ein bißchen verlegen war, und vielleicht obige Textesworte auf mich anwandte, obschon er nichts davon sagte. In der Tat war mir die schwarze, gefährliche Kunst eines Pulvermachers höchst zuwider; denn dergleichen Spezerei hatt' ich genug gerochen. Jetzt sollt' ich auch wieder Kleider haben, und der gute Ätti strengte alles an, mir solche zu verschaffen. Den Winter über konnt' ich Holz zügeln und Baumwolle kämmen. Allein im Frühjahr 1757 beorderte mich mein Vater zum Salpetersieden. Da gab's schmutzige und zum Teil strenge Arbeit. Doch blieb mir immer so viel Zeit übrig, meinen Geist wieder in die weite Welt fliegen zu lassen. Da dacht' ich: »Warst doch als Soldat nicht so ein Schweinskerl, und hattest bei aller deiner Angst und Not manch lustiges Tägel!« Ha! wie veränderlich ist das Herz des Menschen. Denn jetzt ging ich wirklich manche Stunde mit mir zu Rat, ob ich nicht aufs neue den Weg unter die Füße nehmen wollte; stunden mir doch Frankreich, Holland, Piemont, die ganze Welt, außer Brandenburg, offen. Mittlerweile wurde mir ein Herrndienst im Johanniterhaus Bubickheim, Zürcher Gebiets, angetragen. Ich ging zwar hin, mich zu erkundigen. Allein, ich gefiel, oder, was weiß ich, man gefiel mir nicht; und so blieb ich bei meinem Salpeter, war ein armer Tropf, hatte kein Geld, und mochte gleichwohl gern mit andern Burschen laichen.[50] Mein Vater gab mir zwar bisweilen, wenn ein Trinktag oder andrer Ehrenanlaß einfiel, etliche Batzen in den Sack; allein die waren bald über die Hand geblasen. Der ehrliche Kreuztrager hatte eben sonst immer mehr auszugeben als einzunehmen, und Kummer und Sorgen machten ihn lange vor der Zeit grau. Die Wahrheit zu sagen: Keins von allen seinen zehn Kindern wollte ihm recht ans Rad stehn. Jedes sah vor sich, und doch mochte keines was vor sich bringen. Die einen waren zu jung. Von den zwei Brüdern, die nächst auf mich folgten, gab sich der ältere mit Baumwollenkämmen ab, und zahlte dem Ätti das Tischgeld; der andre half ihm zwar in der Pulvermühle. Überhaupt aber ließ der liebe Mann jedes sozusagen machen, was es wollte, erteilte uns viel gute Lehren und Ermahnungen, und las uns aus gottseligen Büchern allerlei vor; aber dabei ließ er's bewenden, und brauchte kurz keinen Ernst. Die Mutter mit den Töchtern machte es ebenso, und war gar zu gut. — Wie spät kommt der Verstand! Bei mir sollte er damals schon längst gekommen, und ich meines Vaters beste Stütze geworden sein. Ja! wenn das sinnliche Vergnügen nicht so anziehend wäre. An guten Vorsätzen fehlte es nie. Aber da hieß es:

Zwar billig' ich nicht mehr das Böse, das ich tue —
Doch tu' ich nicht das Gute, das ich will.

Und so stolpert' ich immer meinem wahren Glücke vorbei.

Heiratsgedanken
Lieschen

Schon im vorigen Jahre geriet ich bei meinem Herumpatrouillieren hie und da an eine sogenannte Schöne; und es gab deren nicht wenig, die mir herzlich gut waren, aber meist ohne Vermögen. Ich nichts, sie nichts, dacht' ich dann, ist doch zu wenig, denn so unbedachtsam war ich nicht mehr wie im zwanzigsten. Auch sprach der Vater immer zu uns: »Buben! seid doch nicht so wohlfeil. Seht euch vor. Ich will's euch zwar nicht wehren; aber werft den Bengel ein Bißlin hoch, er fällt schon von selbst wieder tief; in diesem Punkt darf sich einer alleweil was Rechtes einbilden.« Nun, das war schön und gut; aber es muß einer denn doch durch, wo's ihm geschaufelt ist. Gleichwohl dacht' ich etwas zu erhaschen, und glaubte mich eigentlich zum Ehestand bestimmt, sonst wär' ich um diese Zeit sicher in die weite Welt gegangen. Inzwischen war, aller meiner obbelobten Bedächtlichkeit ungeachtet, der Geiz wirklich nicht meine Sache. Ein Mädchen, ganz nach meinem Herzen, hätt' ich nackend genommen. Aber da leuchtete mir eben keine vollkommen ein, wie weiland mein Ännchen. Mit einem gewissen Lieschen war ich ein paarmal auf dem Sprung. Erst machte das Ding Bedenklichkeiten; nachwärts bot es sich selber an. Aber meine Neigung zu ihr war zu schwach; und doch glaub' ich nicht, daß ich unglücklich mit ihr gefahren wäre. Aber zu stockig ist zu stockig. Bald darauf kam ich fast ohne mein Wissen und Willen mit der Tochter einer katholischen Witwe in einen Handel, welcher ziemliches Aufsehen machte, obschon ich nur ein paarmal mit ihr spazieren gegangen war und ein Glas Wein mit ihr getrunken hatte, alles ohne sonderliche Absicht, und vornehmlich ohne sonderliche Liebe. Aber da blies man meinem Vater ein, ich wolle katholisch, und Marianchens Mutter, sie wolle reformiert werden; und doch hatte keins von uns so wenig an den Glauben als eine Änderung desselben gedacht. Das arme Ding kam wirklich darüber in eine Art geheimer Inquisition von Geist- und Weltlichen, erzählte mir alles haarklein, und ihr ward himmelangst. Ich hingegen lachte im Herzen des dummen Lärms, um so viel mehr, da mein Vater solider zu Werk ging, mich zwar freundernstlich examinierte, aber mir dann auch auf mein Wort glaubte, als ich ihm sagte, daß ich so steif und fest auf mein Bekenntnis leben und sterben wollte, als Lutherus oder unsre Landskraft Zwingli. Inzwischen wurde die Sache auf Marianchens Seite ernsthafter, als ich glaubte. Das gute Kind ward so vernarrt in mich wie ein Kätzchen, und befeuchtete mich oft mit seinen Tränen. Ich glaube, das Närrchen wär' mit mir ans End der Welt gelaufen; und wenn ihm schon sein mütterlicher Glaube sehr ans Herz gewachsen war, meint' ich fast, ich hätt' in der Wagschal' überwogen. Auch setzte mir das Mitleid fast mehr zu, als je zuvor die Liebe. Doch mußt' ich, wenn ich alles und alles überdachte, durchaus allmählich abbrechen, und tat es wirklich. Hier falle eine mitleidige Träne auf das Grab dieses armen Töchterchens! Es zehrte sich nach und nach ab, und starb nach wenig Monaten im Frühling seines zarten Lebens. Gott verzeihe mir meine schwere Sünde, wenn ich an diesem Tod einige Schuld trug. Und wie sollt' ich mir dies verbergen wollen?

Indem ich so hin und wieder meinen Salpeter brannte, sah' ich eines Tags ein Mädchen mit einem Amazonengesicht vorbeigehn, das mir, als einem »alten Preußen« nicht übel gefiel, und das ich bald nachher auch in der Kirche bemerkte. Dieser fragte ich erst ganz verstohlen nach, und was ich von ihr vernahm, behagte mir ziemlich, einen Kapitalpunkt ausgenommen, daß es hieß, sie sei verzweifelt böse, doch im bessern Sinn; und dann glaubten einige, sie habe schon einen Liebhaber. Nun, mit alledem, dacht' ich, 's muß doch einmal gewagt sein! Ich sucht' ihr also näherzukommen und mit ihr bekannt zu werden. Zu dem End' kauft' ich in Eggberg, wo mein Schatz daheim war, etwas Salpetererde, und zugleich ihres Vaters Gaden, ihr zulieb viel zu teuer, denn es war fast verloren Geld. Schon bei diesem Handel merkt' ich, daß sie gern den Herrn und Meister spiele; aber der Verstand, womit sie's tat, war mir nicht zuwider. Nun hatt' ich alle Tag Gelegenheit, sie zu sehen; doch ließ ich ihr lange meine Absichten unentdeckt, und dachte, du mußt sie erst recht ausstudieren. Die Böse, wovon man mir so viel Wesens gemacht, konnt' ich nicht an ihr finden. Aber der Henker hol' ein lediges Mädchen aus! Meine Besuche wurden immer häufiger. Endlich leert ich den Kram aus und gewahrte, daß ihr mein Antrag nicht unerwartet fiel. Dennoch hatte sie viele Bedenken, und ihr Ziel ging offenbar dahin, mich auf eine lange Probe zu setzen. Setz' du nur, dacht' ich, wanderte unterdessen mit meinem Salpeterplunder von einem Ort zum andern, und machte noch mit verschiedenen andern Mädchen Bekanntschaft, welche mir, die Wahrheit zu gestehen, vielleicht besser gefielen, von denen aber keine so gut für mich zu taugen schien als sie. Endlich begriff ich, oder vielmehr gab mir's mein guter Genius ein, daß ich nicht bloß meiner Sinnlichkeit folgen solle. Inzwischen setzte es jetzt schon fast allemal, wenn ich meine Schöne sah, irgendeinen Strauß oder Wortwechsel, aus denen ich wahrnehmen konnte, daß unsre Seelen eben nicht gleichgestimmt waren. Aber selbst diese Disharmonie war mir nicht zuwider, und ich bestärkte mich immer mehr in einer gewissen Überzeugung: Diese Person wird dein Nutzen sein, wie die Arznei dem Kranken. Einst ließ sie sich gegen mich heraus, daß ihr meine dreckige Hantierung mit dem Salpetersieden gar nicht gefalle, und mir war's selber so. Sie riet mir, ein kleines Händelchen mit Baumwollengarn anzufangen, wie's ihr Schwager getan, dem's auch nicht übel gelungen sei. Das leuchtete mir so ziemlich ein. Aber wo 's Geld hernehmen? war meine erste und letzte Frage. Sie bot mir wohl etwas an, aber das kleckte nicht. Nun ging ich mit meinem Vater zu Rat. Der hatte ebenfalls nichts dawider und verschaffte mir hundert Gulden, die er noch von der Mutter zu beziehen hatte.

Um diese Zeit hatt' ich eine gefährliche Krankheit zu bestehen, da mir ein Geschwür, an welchem ich beinahe das Leben verloren hätte, tief im Schlunde wuchs. Endlich schnitten's mir die Herren Doktors Mettler, Vater und Sohn, mit einem krummen Instrumente so glücklich auf, daß ich gleichsam in einem Nu wieder schlucken und reden konnte.

Als Garnhändler
Wohnungspläne

Im März des folgenden Jahres, 1759, fing ich wirklich an, Baumwollengarn zu kaufen. Damals mußt' ich noch den Spinnern auf ihr Wort glauben, und den Lehrbletz teuer genug bezahlen. Indessen ging ich den fünften April das erstemal mit meinem Garn nach St. Gallen, und konnt' es so mit ziemlichem Nutzen absetzen. Dann schaffte ich mir sechsundsiebenzig Pfund Baumwolle, das Pfund zu zwei Gulden, an, ward also in aller Form ein Garnhändler, und bildete mir schon mehr ein, als der Pfifferling wert war. Ungefähr ein Jahr lang trieb ich nebenbei noch mein Salpetersieden fort, und da meine Barschaft gering war, mußt' ich sie um so viel öftrer umzusetzen suchen. Ich wanderte deswegen einmal übers andere nach St. Gallen und befand mich dabei nicht übel; doch betrug mein Vorschlag in diesem Jahr nicht über zwölf Gulden. Aber das deuchte mir damals schon ein Großes.

Als ich so den Handelsherrn spielte, dacht' ich, Liebchen sollte nun keine Einwendung mehr gegen meine Anträge machen. Aber weit gefehlt! Das verschmitzte Geschöpf wollte meine Ergebenheit noch auf andre Weise probieren. Nun, was ohnehin in meinen Planen stund, mochte hingehn. Als ich ihr daher eines Tags mit großem Ernst vom Heiraten redete, hieß es: Aber wo hausen und hofen? Ich schlug ihr verschiedene Wohnungen vor, die damals eben zu vermieten stunden, »das will ich nicht,« sagte sie, »in meinem Leben nehm' ich keinen, der nicht sein eigen Haus hat!« »Ganz recht!« erwiderte ich; aber hätt's nicht auch in meinem Kopf gelegen, ich wollt's probiert haben. Von der Zeit an fragt' ich jedem feilgebotenen Häuschen nach; aber es wollte sich nirgends fügen. Endlich entschloß ich mich, selber eins zu bauen, und sagte es meiner Schönen. Sie war's zufrieden, und bot mir wieder Geld dazu an. Dann eröffnete ich meine Absicht auch meinem Vater, der versprach, ebenfalls mir mit Rat und Tat beizustehn, wie er's auch redlich hielt. Nun erst sah ich mich nach einem Platz um und kaufte einen Boden um ungefähr hundert Taler, dann hie und da Holz. Einige Tännchen bekam ich zum Geschenk. Nun bot ich alle meine Kräfte auf, fällte das Holz, das meist in einem Bachtobel stund, und zügelte es — der gute Ätti half mir wacker — nach der Säge, dann auf den Zimmerplatz. Aber Sägen und Zimmern kostete Geld. Alle Tag' mußt' ich dem Seckel die Riemen ziehn, und das war doch nur der Schmerzen ein Anfang. Doch bisher ging alles gut von statten; der Garnhandel ersetzte die Lücken. Meinem Schatze rapportiert' ich alles fleißig, und sie trug an meinem Tun und Lassen meist ein gnädiges Belieben. Den Sommer, Herbst und Winter durch macht' ich alle nötigen Zubereitungen mit Holz, Stein, Kalk und Ziegel, um im künftigen Frühjahr mit meinem Bau zeitig genug anfangen und je eher je lieber mit meiner jungen Hausehre einziehen zu können. Nebst meinem kleinen Handel pfuscht' ich, zumal im Winter, allerlei Mobilien und Werkgeschirr. Ich dachte, in ein Haus würde auch Hausrat gehören, von meiner Liebsten werd' ich nicht viel zu erwarten haben, und von meinem Vater, dem ich jetzt ein geringes Kostgeld bezahlen mußte, noch minder. Überhaupt war wohl nichts unüberlegter, als dergestalt, bloß einem Weibsbild und meiner Eitelkeit zulieb, um eine eigene Hofstätte zu haben, mich in ein Labyrinth zu vertiefen, aus welchem nur Gott und Glück wieder herausführen konnten. Auch lächelten mich ein paar meiner Nachbarn immer schalkhaft an, so oft ich bei ihnen vorüberging. Andre waren offenherziger und sagten mir's rund ins Gesicht: »Ulrich, Ulrich! du wirst's schwerlich aushalten.« Einige hatten vollends die Gutheit, mir nach dem Maß ihrer Kräfte, bloß auf mein und des Ätti Ehrenwort, tätlich unter die Arme zu greifen.

Bräutigamsstand

Übrigens war dies Tausendsiebenhundertundsechzig ein vom Himmel außerordentlich gesegnetes Wunderjahr, durch ein seltenes Gedeihen der Erdfrüchte und namhaften Verdienst, bei äußerst geringem Preis aller Arten von Lebensmitteln. Ein Pfund Brot galt zehn Pfennige, ein Pfund Butter zehn Kreuzer. Das Viertel Äpfel, Birnen und Erdäpfel konnt' ich beim Haus um zwölf Kreuzer haben; die Maß Wein um sechs Kreuzer, und die Maß Branz um sieben Batzen. Alles, reich und arm, hatte vollauf. Mit meinem Bauelgewerb wär's mir um diese Zeit gewiß gut gegangen, wenn ich ihn nur besser verstanden und mehr Geld und Zeit dareinzusetzen gehabt hätte. So floß mir dieses Jahr ziemlich schnell dahin. Mit meiner Schönen gab's manchmal ein Zerwürfnis, wenn sie etwa meine Lebensart tadelte, mir Verhaltungsbefehle vorschreiben wollte, und ich mich, wie noch heutzutag, rebellisch stellte; aber der Faden war allemal bald wieder angesponnen und bald wieder zerbrochen.