Vom Musikleben in Altenroda

n friedlicher Zeit, als die Menschen noch nicht so von politischen Ängsten und Leidenschaften zerrüttelt waren, hatten sie Muße, das Leben mit Behaglichkeit zu genießen und sich mit allerhand schönem oder vergnüglichem Nebenwerk das Dasein zu erheitern. Allenthalben blühten Liebhaberkünste, insonderheit wurde gern gesungen, und so war es auch in der Stadt Altenroda.

In dieser Stadt gab es drei Gesangvereine: einen vornehmen, einen weniger vornehmen und einen gar nicht vornehmen, alles hübsch geordnet nach Stand und Einkommen.

Singen konnten alle drei Vereine nicht; aber sie bildeten sich ein, daß sie es könnten. Ihr Publikum, das zumeist aus Verwandten und Bekannten bestand, klatschte Beifall, wenn sie ein Konzert gaben, und so war alles in schöner Ordnung.

Der Apotheker jener Stadt aber, der ein gewaltiger Bassist war und den »Schwarzen Walfisch zu Askalon« oder den »Grafen von Rüdesheim« so machtvoll vortragen konnte wie kaum ein anderer Mensch, warf sich auf die kritische Seite und störte, wie alle Kritiker, die künstlerische Ruhe und das Behagen der Sängerwelt. In dem vornehmsten Gesangvereine, dem er selbst angehörte, der »Harmonie«, krittelte der Apotheker ständig, war bei den Proben nie zufrieden und wollte immer alles anders »aufgefaßt« und bis zur Endlosigkeit wiederholt wissen. Dadurch machte er sich unbeliebt und wurde bei der Generalversammlung nicht mehr in den Vorstand gewählt, weshalb er aus dem Vereine ausschied und diesen der mächtigsten Grundsäule des Basses beraubte. Aber auch mit dem zweitvornehmsten Vereine, dem »Kirchenchor«, verfeindete sich der Apotheker. Als bei dem zwanzigsten Konzert, das er in diesem Vereine erlebte, abermals »Der Herr ist mein Hirt« und »Hebe deine Augen auf« auf dem Programm standen, gähnte der Apotheker bei einer Pianissimostelle so laut und schmerzlich, daß die ganze Zuhörerschaft in Lachen ausbrach, wodurch die feierliche Liedwirkung sehr beeinträchtigt wurde. Der Dirigent des Kirchenchores war so böse auf den Apotheker, daß er, als er sich bald darauf einen Finger beschädigte, mit der Eisenbahn nach einer Nachbarstadt fuhr, um dort ein Schächtelchen Salbe einzukaufen, da er den Apotheker nichts mehr verdienen lassen wollte.

Ganz und gar verschüttet aber hatte es der Apotheker mit dem dritten Gesangverein, welcher »Frohsinn« hieß. Er hatte öffentlich behauptet, dieser Verein müsse nicht »Frohsinn«, sondern »Verzweiflung« genannt werden; seine Mitglieder gehörten samt und sonders in die Korrektionsanstalt.

Einige Frohsinnsmänner, die über solche Kritik verdrossen waren, brachten darauf dem Apotheker fast allabendlich ein Ständchen, dessen Text nur eine einzige Zeile hatte: »Es war einmal ein Apotheker«, dessen Musik aber die Textworte fugenartig auseinanderzog, zum Beispiel: »A-a-po-po-the-the-ker-ker«. Der Apotheker war rasend über diese »Sauerei«, wie er es nannte, konnte es aber nicht hindern, daß sich immer wieder einige Mitglieder des »Frohsinns« vor seiner Haustür, über der als Firmenbild ein goldener Kranich war, aufstellten und im Liede beteuerten, daß einmal ein »A-a-po-po-the-the-ker-ker« war. Die Fuge über dieses eine Wort war ungefähr eine Viertelstunde lang, worauf die Sänger, wenn sie nach dem endlosen Gestammle das Wort »Apotheker« am Schluß doch glücklich und im Zusammenhange herausgebracht hatten, sich vor dem goldenen Kranich artig verneigten, gleich als hätte der Beifall gespendet, und ihrer Wege gingen.

Solche Dinge können ja einem Biedermanne und Kunstkenner das Leben verbittern ...

Seit einigen Wochen lebte in Altenroda ein junger Mann namens Cyrill Dietrich. Die Leute hielten ihn für überspannt. Schon seine Eltern mußten nicht ganz gescheut gewesen sein, sonst hätten sie ihn doch lieber Max oder Kurt oder auf sonst einen vernünftigen Namen, aber nicht Cyrill getauft. Cyrill war früher Postsekretär gewesen; aber er hatte — wie sich der Apotheker im Bilde ausdrückte — die Marken an die Wand geklebt, war nach Berlin gegangen, hatte dort Musik studiert und schließlich sein Examen glänzend bestanden. Eine Stelle als Kapellmeister hatte Cyrill bis dahin aber nicht gefunden, wenigstens keine, die er anzunehmen geneigt war; denn er hielt viel von sich selbst und schrieb zurzeit an einer Oper, zu der er sich den Text selber dichtete. »Ganz wie die beiden Wagner, Vater und Sohn,« sagte der Apotheker, der einzige, der den jungen Mann ernst nahm, weil er in ihm außer sich selbst den einzigen musikverständigen Menschen von Altenroda erblickte.

Cyrill benahm sich sehr hoffärtig. Der Frau Bürgermeister, die ihm angeboten hatte, ihrer siebzehnjährigen Else »fortgeschrittenen Klavierunterricht« zu erteilen, wofür eine Mark und fünfundzwanzig Pfennige die Stunde gezahlt werden sollten, hatte Cyrill einen höhnischen Absagebrief geschrieben. Darauf hatte die Frau Fabrikbesitzer Strümpel, die mit der Bürgermeisterin verfeindet war, Herrn Cyrill Dietrich sechs Mark für die Stunde angeboten, wenn er ihre Tochter Thea unterrichten wollte. Cyrill antwortete, wenn er kein Geld mehr haben werde, wolle er sich bei Herrn Strümpel um eine Stelle als Fabrikarbeiter bemühen, keinesfalls aber dem Fräulein Thea Klavierunterricht geben.

Darauf sagten die Leute in Altenroda, Cyrill sei ein Grobian. Nur der Apotheker lobte ihn und nannte ihn einen Charakter.

Jedenfalls hatte sich Cyrill, was seine musikalischen Fähigkeiten und Kenntnisse anlangte, in Respekt gesetzt. Als die »Harmonie« ihr nächstes Konzert gab, räusperte sich ihr Dirigent verlegen, als er Herrn Cyrill im Saale auftauchen sah, und alle Vereinsmitglieder sagten sich im stillen: Heute heißt es aber sich zusammennehmen und das Beste bieten.

Cyrill hörte sich nur die erste Nummer des Konzerts an, dann verließ er behutsam und mit betroffenem Gesichte den Saal.

»Der hat genug!« sagte der Apotheker ziemlich laut, was ein Kichern, aber auch ein verärgertes »Pst! Pst!« zur Folge hatte. Die Sänger auf dem Podium machten erboste Gesichter und es war, als läge ihnen gar nichts mehr daran, weiterzusingen.

Am nächsten Tage suchte der Apotheker Herrn Cyrill auf. »Sie haben gestern das Konzert der ›Harmonie‹ ostentativ verlassen. Das war nicht mehr als recht und billig.«

»Ich wollte die Leute nicht kränken,« erwiderte Cyrill sanft; »ich hielt es nur nicht länger aus.«

»Kann ich mir denken, mir denken! Die Leute haben keine Ahnung vom Singen.«

»Nein,« sagte Cyrill noch sanfter.

»Keine Ahnung von Tonbildung oder richtiger Atmung oder Dynamik. So zum Beispiel singen sie:

Stüll ruht da Söö,
Die Veeglein schlafähn,
Ein Flistarn nua, du merkst es kahum.

Und bei ›Flistarn‹ brüllen sie wie die Stiere. Dabei soll man das Flüstern kaum merken. Ich danke!«

Cyrill lächelte nur schmerzlich.

»Herr Cyrill Dietrich,« nahm nun der Apotheker einen großen Anlauf, »ich bin gekommen, Ihnen einen Vorschlag zu machen, beziehungsweise Ihnen eine Bitte zu unterbreiten. Es ist eine Schande, daß das Musikleben Altenrodas so trostlos daniederliegt. Altenroda ist doch immerhin eine ansehnliche Stadt: Landratsamt, Gymnasium, Fabriktätigkeit, neuerdings sogar Garnison. Also da muß etwas geschehen. Ich hatte mir nun die Sache so gedacht, daß die vier besten Stimmen hier am Ort zu einem Quartett zusammentreten würden: Sopran, Alt, Tenor und Baß, daß Sie, Herr Kapellmeister, die Direktion und vor allen Dingen die Ausbildung des Quartetts übernehmen. Dann würde den Banausen hier endlich einmal klar werden, was singen heißt.«

Der Apotheker machte eine Pause und wartete auf eine Antwort. Er wartete vergebens. Cyrill sah ihn nur düster an. So würde Beethoven ausgesehen haben, wenn man ihm zugemutet hätte, auf einem Jahrmarkte Musik zu machen. Nach einer Weile aber öffnete Cyrill doch die Lippen und sagte mit müder, schleppender Stimme:

»Herr Apotheker, ich werde Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Es war einmal ein Kanarienvogel, dem ging es ganz gut in seinem Bauer; denn er war in der Gefangenschaft geboren. Dann aber kam er in eine Stadtwohnung, wo in dem Zimmer über ihm Gesangunterricht erteilt wurde. Nach drei Wochen war der Kanari tot. Er war nämlich leider musikalisch gewesen. Verstehen Sie, er war musikalisch gewesen, der arme Kanari! Es ist ein Unglück, musikalisch zu sein, Herr Apotheker; man leidet schrecklich darunter!«

Solch abgrundtiefer Hochmut ging nun dem Apotheker doch über die Hutschnur; er erhob sich also von seinem Stuhle und sagte:

»Nun, Herr Kapellmeister, da scheine ich ja mit meinen Bestrebungen bei Ihnen kein Glück zu haben. Ich möchte nur das eine wissen, ob Sie nicht auch mal Unterricht haben mußten, oder ob Sie schon als Meister vom Himmel gefallen sind.«

Cyrill sah ihn ganz verdutzt an und brachte nur zwei Worte heraus:

»Ja — ich!«

»Ja — Sie — Sie!« grollte der Apotheker. »Woher wissen Sie denn, ob die vier, von denen ich sprach, nicht ebenso musikalisch sind wie Sie und Ihr verstorbener Kanarienvogel?«

Cyrill staunte über den Apotheker. Dann ging ein Lächeln über seine Züge, als dächte er bei sich: was für seltsamen Aberglauben gibt es doch in der Welt. In Altenroda soll es Leute geben, die so musikalisch sind wie ich. Dieser Gedanke erheiterte Cyrills Gemüt so, daß er fragte:

»Ich möchte wohl wissen, wer diese großen Talente sind.«

Der Apotheker kam ein wenig in Verlegenheit.

»Nun, nun,« sagte er, »ich will ja nicht zuviel behaupten; aber was das Stimmaterial anlangt, so ist schon alles da, was notwendig ist. Da ist zunächst die Tochter von unserem Kirchendirigenten. Hat einen prachtvollen Sopran — lerchenklar! Technik hat sie keine. Sie kann nicht piano ansetzen und hat keine Zwerchfellatmung. Atmet einfach durch die Lungen. Das ganze Korsett wackelt, wenn sie singt.«

»Sie wissen etwas von Zwerchfellatmung?« fragte Cyrill mit einigem Respekt.

»Ach, ich weiß wohl dies und das,« fuhr der Apotheker fort. »Also Fräulein Liesel Tilgner wäre der Sopran. Ihr Vater kann mich nicht ausstehen und ich ihn nicht. Aber die Kunst steht über allem Persönlichen. Dann käme der Tenor. Er ist von Beruf nur Dachdeckergehilfe. Aber war nicht der große Wachtel früher Droschenkutscher? Und Slezak, wenn ich nicht irre, Schlossergesell? Unser Tenor heißt August Stumpe (der wird sich ja wohl ein Pseudonym beilegen müssen; denn ›Stumpe‹ klingt nicht). Stumpe hat eine strahlende Höhe. Das H mühelos und crescendofähig. Mittellage etwas rauh. Schade, daß er ein windiger Hund ist.«

»Tenöre sind immer windige Hunde; das gehört dazu,« sagte Cyrill, den die Sache zu interessieren begann.

»Ja, deswegen braucht einer aber noch nicht dem Verein ›Frohsinn‹ anzugehören und vor meinem ehrsamen Hause Schweinereien zu singen. Aber, wie gesagt, die Kunst steht über dem Persönlichen.«

Damit schloß der Apotheker plötzlich seine Rede. Cyrillen interessierte nun die Sache wirklich. Durch sein Hirn war der Gedanke geblitzt: Wie wäre es, wenn ich hier ein Talent entdeckte, ihm die erste Ausbildung gäbe und dann einem Direktor damit unter die Nase führe? Mein Weg als Kapellmeister wäre gemacht.

»Wer sind nun die beiden letzten, der Alt und der Baß?« erkundigte er sich.

Abermals kam der Apotheker in Verlegenheit.

»Ich spreche nicht gern von mir selbst und meiner Familie, es sieht leicht nach Dünkel und Selbstlob aus. Und ich kann es in den Tod nicht ausstehen, wenn jemand eingebildet ist. Echte Talente sind bescheiden.«

Cyrill schüttelte den Kopf.

»Nein, nein, nur die Lumpe sind bescheiden. Das wußte schon Goethe! Wer was kann, weiß das auch.«

»Also,« atmete der Apotheker schwer auf, »der Alt wäre meine Tochter Sabine, und der Baß wäre ich.«

In Cyrills Miene trat eine gewisse Säure. Zwei Talente in einer Familie schienen ihm von vornherein verdächtig. Aber da ihn, wie schon wiederholt gesagt wurde, die Sache interessierte, forderte er den Apotheker auf, ihm doch etwas vorzusingen, und wies mit einer Handbewegung nach einem alten gelben Piano, das der Tante Cyrills gehörte, bei welcher der junge Künstler wohnte.

Der Apotheker wurde bei der Aufforderung, zu singen, rot wie eine Pfirsichblüte. Aber er erhob sich mutig und sagte:

»Wie ich schon auseinandersetzte, Herr Kapellmeister, an Technik fehlt's. Man weiß, wie es sein soll, aber man kann's nicht!«

»Das ist so wie bei den Kritikern,« warf Cyrill ein.

»Richtig!« stimmte der Apotheker bei, der ein unsinniges Herzklopfen verspürte. Kurz erwog er, ob er den »Schwarzen Walfisch«, den »Grafen von Rüdesheim« oder »Es liegt eine Krone im tiefen Rhein« vortragen solle. Er entschloß sich für das letzte, hochberühmte Lied, da in diesem seine Gefühlswärme und sein schönes Tremolo am besten zur Geltung kamen. Als er aber am Klavier saß, wurde das Herzklopfen noch ärger, und er spürte ein Würgen in der Kehle, das für ein schönes Tremolo keine guten Aussichten bot. Es hätte leicht ein Meckern daraus werden können.

Also präludierte der Apotheker auf dem Klavier ein wenig hin und her und her und hin, erhob sich dann plötzlich und sagte:

»Entschuldigen Sie, Herr Kapellmeister, aber ich kann hier nicht singen, das Klavier ist zu verstimmt.«

Nun wurde Cyrill rot — nicht wie eine Pfirsichblüte, sondern wie reiner Zinnober.

»Verstimmt?« lachte er etwas albern. »Verstimmt sagen Sie? Natürlich verstimmt! Greulich! Ich aber — ich wußte das gar nicht. Die alte Kommode gehört meiner Tante. Ich spiele natürlich nie darauf. Nie! Ich habe hier kein anderes Instrument als die Orgel meiner Seele.«

Mit der letzten edlen Phrase hatte Cyrill seine Haltung wiedergewonnen. Der Apotheker kehrte langsam nach seinem Stuhle zurück. Er war ein praktischer Mann, ein Menschenkenner, und so dachte er sich: Aha, der arme Kerl hat das Geld für den Klavierstimmer sparen wollen und die Sache selbst versucht — und da ist eben ein solches Resultat herausgekommen. Er war boshaft genug, anzufangen vom Klavierstimmen zu reden.

Cyrill lehnte sich stolz zurück.

»Wissen Sie, was das erste Erfordernis für einen sogenannten berufsmäßigen Klavierstimmer ist? Er darf kein musikalisches Gehör haben; sonst taugt er nichts.«

»Nanu!« warf der Apotheker ein.

»Ja,« sagte Cyrill wieder in seinem hochmütigen Tonfall; »ich kann das nicht so kurz erläutern. Dazu gehört die ganze Vorkenntnis vom wohltemperierten Klavier.«

»Kenne ich!« sagte der Apotheker freudig. »Ein ganzer Ton hat neun Grade, cis steht fünf Grade über c, des nur vier Grade. Cis ist höher als des. Zwischen dem vierten und fünften Grad gehen diese beiden sozusagen Stiefzwillingsschwestern aneinander vorbei. Auf dem Klavier aber müssen cis und des gleich sein. Beide werden mit der gleichen schwarzen Taste getippt. Das ist ein Gehör-Kompromiß.«

»Das ist kein Kompromiß,« sagte Cyrill feierlich, »das ist Sudelei. Für musikalische Menschen eine Qual. Klavier ist Roheit!«

»Dann ist die Orgel auch Roheit!« warf der Apotheker ein; »dann ist jedes Instrument Roheit, das festliegende Töne hat und Kompromiß zwischen cis und des eingehen muß. Dann bestehen nur Streichinstrumente und menschliche Stimme, die diese Unterschiede machen können.«

Cyrill bekam Respekt vor seinem Gegenüber. Dem Apotheker aber schwoll der Kamm.

»Halten Sie Paderewski für einen Künstler?«

»Ja, natürlich!« antwortete Cyrill.

»Paderewski hat mal bei uns ein Konzert gegeben. Seine königliche Kunstmajestät verirren sich auch manchmal in eine kleinere Stadt. Also unsere ›Harmonie‹-Banausen hatten zwar den Mut gehabt, Paderewski ein Heidenhonorar zu garantieren, aber nicht das Geschick, für ihn einen anständigen Flügel zu besorgen. Paderewski kommt an — es war ein kalter Wintertag — badet seine Hände eine Viertelstunde lang in warmem Wasser, probiert dann den Konzertflügel und macht ein Gesicht wie ein Löwe, der Krautsalat fressen soll. Kurz und gut, ich hatte damals gerade meinen neuen Blüthner; Paderewski kommt zu mir, ist zufrieden; ich stelle natürlich den Flügel zur Verfügung, und alles wurde ausgezeichnet. Damals hat sich Paderewski auch von meiner Sabine ein Liedchen vorsingen lassen und sie gelobt.«

Cyrill erkannte, daß er besiegt sei. Mit persönlichen Bekannten von Paderewski sich zu entzweien, wäre Wahnsinn.

So bat Cyrill den Apotheker, ihm morgen seinen Gegenbesuch machen und den Paderewski-Flügel probieren zu dürfen. Es könnte dann gleich das Weitere wegen des neuzubildenden Quartetts besprochen werden.

Hochbefriedigt ging der Apotheker nach Hause. Der goldene Kranich über seiner Tür blitzte stolz im Sonnenschein.


Der Apotheker verbrachte eine unruhige Nacht. Es war durchaus nicht leicht, Fräulein Liesel Tilgner und Herrn August Stumpe, die beide feindlichen Vereinen angehörten, für ein Quartett zu gewinnen. Zum ersten Male im Leben wurde der Apotheker, der sonst von grobkörniger Ehrlichkeit war, zum Heuchler. Er schrieb zwei verlogene Briefe, in denen er den Adressaten unmäßiges Lob spendete, insonderheit auch sagte, daß sie in ihren »geschätzten Vereinen« ja schon eine gute Gesangsvorbildung genossen hätten und nun unter der Leitung des Herrn Cyrill Dietrich, eines der gefeiertsten und genialsten Dirigenten Deutschlands, in einem erlesenen Quartett zur letzten Kunstreife geführt werden sollten. Man wollte sie ihren beliebten und geschätzten Vereinen natürlich durchaus nicht abtrünnig machen, im Gegenteil würden diese gewiß eine Förderung erfahren, wenn sie durch ein Mitglied mit dem in Musikkreisen äußerst einflußreichen Herrn Cyrill Dietrich in Verbindung kämen. In aufrichtiger vorzüglicher Hochachtung usw.

Um neun Uhr früh wurde der Laufbursche Fritz beauftragt, die beiden Briefe zu ihren Empfängern zu tragen. Nach einer Stunde schon war er zurück, was für den Laufburschen eine anständige Leistung war, da der Weg, den er zurückzulegen hatte, immerhin unter einer Viertelstunde nicht zu machen war.

Fritz berichtete, bei Fräulein Tilgner hätte er den Brief einfach abgegeben, aber mit dem Dachdecker sei es eine schwere Not gewesen. Der hätte gerade auf einem hohen Dache geklebt. Da hätte er hinaufgebrüllt, er solle doch mal runter kommen, der Herr Apotheker schicke ihm einen Brief.

»Was hat er gesagt?« fragte der Apotheker begierig.

»Ach, gesagt hat er gar nichts,« erwiderte Fritz. »Er hat bloß zu singen angefangen: Es war einmal ein A-a-po-po ...«

Fritz bekam eine Ohrfeige.

»Was hast du mit dem Briefe gemacht?« fauchte der Apotheker.

»Ich bin,« heulte Fritz, »ich bin die Leiter hinaufgestiegen und hab' den Brief in die Dachrinne gelegt.«

Da bekam er eine zweite Ohrfeige.

»Schuft! In die Dachrinne? Und jetzt regnet's! Schreibe ich dafür Briefe?«

Fritz machte, daß er hinauskam. Der Apotheker tobte im Zimmer auf und ab. Nach einer Viertelstunde wurde die Tür aufgerissen, Fräulein Liesel Tilgner stürmte herein und fiel dem Apotheker jubelnd um den Hals.

»Ich freu' mich — ich freu' mich — ich freu' mich ...«

»Also Sie machen mit?« fragte der Apotheker befriedigt. »Was sagt denn der Herr Papa?«

»Ach der! Der hat es mir aufs strengste verboten. Also, wann gehen die Übungen an? Ich kann es kaum erwarten. In unserem Kirchenchor ist das ein greuliches Gequieke.«

»Allerdings!« sagte der Apotheker, indem er auf den Brief vergaß, den er erst vor einer Stunde abgeschickt hatte.

Am Nachmittag kam Cyrill. Er vergaß, den Hut abzunehmen, guckte sich nur geistesabwesend im Zimmer um, sah den Blüthner-Flügel, ging mit zitternden, ausgestreckten Armen auf das schöne Instrument los und spielte in seliger Selbstvergessenheit drei Stunden lang, ohne auch nur eine Pause zu machen und den Apotheker zu Worte kommen zu lassen. In der dritten Stunde wurde es dem langweilig, und er ging in den Giftgadern, um einen Schnaps zu trinken. An der Tür traf er seine Tochter Sabine. Diese sagte:

»Das ist ja ein greulicher Kerl. Paß auf, der zerhaut uns noch den Flügel.«

»Schweig!« sagte der Apotheker. »Musiker sind so!«

»Kopfschmerzen hab' ich schon,« schmollte Sabine. »Wenn der es jedesmal so macht, kann's ein schönes Quartett werden.«

»Schweig!« sagte der Vater abermals und trank einen zweiten Schnaps. Dann ging er seufzend nach dem Musikzimmer zurück.

Nach drei Stunden brach Cyrill das Spiel jäh ab.

»Haben Sie Notenpapier?« fuhr er den Apotheker an.

Nein, Notenpapier war nicht im Hause. Da suchte Cyrill verstört nach seinem Hute, fand ihn aber nicht, weil er ihn immer noch auf dem Kopfe hatte, und rannte davon. Der Apotheker sah ihm blöde nach. Vom Quartett war nicht die Rede gewesen ...

Am Abend dieses Tages kamen verdächtige Gestalten die Friedrichstraße herab, steuerten über den Marktplatz und stellten sich vor der Apotheke zum »Goldenen Kranich« auf: August Stumpe, der Tenorist, mit noch acht Mann aus dem Verein »Frohsinn«. Dem Apotheker, der sie kommen sah, lief es eiskalt über den Rücken. Jetzt kam wieder jener elende Schandgesang — und dann war es mit der Hoffnung, den stimmbegabten Dachdecker für das Quartett einzufangen, vorbei. Das war also die hohnvolle Absage auf seine liebenswürdige Einladung. Bleich vor Ärger zog sich der Apotheker tief ins Zimmer zurück, um wenigstens am Fenster nicht gesehen zu werden. Doch, wie sollte er alsbald erstaunen!

»Stüll ruht da Söö,
Die Veeglein schlafähn ...
«

Mit schmetternden Stimmen und großer Begeisterung wurde das Lied gesungen. Und als die Sänger in der letzten Strophe in Donnertönen beteuert hatten, daß »auch du, auch du wirst schlafen gehn«, gingen sie noch lange nicht schlafen, sondern sangen: »Wenn ich den Wandra frage ...« und dann: »Ich kenn' ein'n hellen Ödelstein ...«

Man brachte dem Apotheker ein ernstgemeintes Ständchen. Das sah er beim dritten Liede ein, freute sich unbändig über das treue deutsche Herz, das sich da draußen vor seiner Haustür offenbarte, trat ans Fenster, öffnete es und klatschte stürmischen Beifall, als die Sänger geendet hatten. Aus jedem Fenster des Marktplatzes hing ein Menschenkopf heraus. Manche Leute klatschten, manche kicherten leise und hofften, daß doch noch die Apothekerhymne kommen würde. Aber sie kam nicht, sondern im Gegenteil:

»Unsa Kaisa liebt die Blumen,
Denn er hat ein samft Gemiet ...
«

Ein paar Hunde eilten herbei und sangen mit. Sie heulten zum Steinerweichen. Darüber faßte einen Bassisten der Zorn. Er ging hin, hieb den Bestien sein Liederbuch um die Ohren und vertrieb sie.

Nach dem schönen Waldmannschen Kornblumenliede trat ein Sänger an das Fenster heran und hielt folgende Ansprache:

»Geehrter, geschätzter Herr Apotheker! Indem wir ja eigentlich bis jetzt einige bedauerliche Differenzen hatten, sind wir gekommen, um Sie mit einem kleinen Ständchen zu beehren; denn wir haben uns gefreut, daß Sie in einem Briefe an unsern Freund und Ehrenmitglied, Herrn Stumpe, unserem geschätzten Vereine Ihre Ehrfurcht ausgesprochen haben. Wir werden unseren Freund und Ehrenmitglied, Herrn Stumpe, für Ihr Quartett gern zur Verfügung stellen und in Ihren Konzerten vollzählig erscheinen. Der Herr Apotheker lebe hoch — hoch — hoch!«

Die neun Männer brüllten, aus manchem Fenster wurde auch mitgebrüllt, und die Hunde, die sich in eine Seitengasse zurückgezogen hatten, bellten und heulten. Es war sehr eindrucksvoll.

Der Herr Apotheker erwiderte, daß er sich über das reizende Ständchen außerordentlich gefreut habe, und lud die Herren zu einem Gläschen Wein ins Haus. Die tranken nun im Giftgadern so reichlich, wie es der Gastfreundschaft des Wirtes und ihrem eigenen Appetite entsprach.

Der Laufbursche Fritz aber erlebte an diesem Abend noch ein schmerzliches Abenteuer. Der Apotheker hatte ihn als Eilboten zu Herrn Cyrill geschickt mit der Siegesnachricht: »Unser Quartett ist komplett!« Fritz kam ganz entgeistert zurück. Er sagte, Herr Cyrill hätte ihn erwürgen wollen, weil er ihn beim Komponieren gestört habe.


Am nächsten Abend sollte die Tätigkeit des neuen Quartetts durch den ersten Übungsabend eröffnet werden. Cyrill kam eine halbe Stunde zu spät, grüßte kurz und setzte sich sofort an den Blüthner-Flügel, allwo er mächtig zu präludieren anfing. Der Apotheker saß in Angst und Sorge da, weil er der drei Stunden von gestern gedachte. Er machte einige Versuche, an Herrn Cyrill heranzukommen, der wies ihn aber mit drohender Miene ab und versank immer tiefer in ein Meer von Akkorden, Passagen, Trillern, Stakkaten, Arpeggien und kontrapunktischen Wogengängen.

Nachdem Cyrill so dreiviertel Stunden lang gespielt hatte, nahm der Dachdecker seinen Hut, sagte dem Apotheker ins Ohr: »Ich habe keine Zeit mehr!« und drückte sich zur Tür hinaus. Der Apotheker versuchte vergebens, den Sänger am Jackenärmel zurückzuhalten. August Stumpe hatte »keine Zeit mehr«. Er ging Skat spielen. Der Apotheker war bleich vor Ärger.

»Unser Tenor ist fortgegangen!« sagte er laut.

Cyrill machte eine Pause.

»Wer ist fortgegangen?«

»Unser Tenor! Die Übung sollte um acht Uhr beginnen. Jetzt ist es halb zehn. Herr Stumpe ist ein fleißiger Handwerker, er muß sich seine Zeit genau einteilen; er hatte keine Zeit mehr zu warten.«

»So, so,« sagte Cyrill; »nun, wenn er keine Zeit hat, soll er doch ruhig gehen.«

Und er begann wieder zu spielen. Da brach jemand in ein schallendes Gelächter aus. Cyrill fuhr herum. Wer wagte es, in seiner Gegenwart so unverschämt zu lachen? Ach, er sah in ein blühendes, wonniges Mädchengesicht; er sah den Frühling, die Poesie, die Schönheit in Menschengestalt vor sich; er sah eine strahlende junge Göttin. Seine Blicke verfingen sich, seine Gedanken verwirrten sich, sein Herz stockte. Bleich saß er auf seinem Klaviersessel. Wieder einmal war aus heiterem Himmel jener Blitz gefallen, den die Menschen »Liebe auf den ersten Blick« nennen.

Endlich ermannte sich Cyrill. Er erhob sich und machte eine ganz demütige Verneigung.

»Ich habe leider bisher unterlassen, mich vorzustellen, meine Damen. Cyrill Dietrich! Ich bitte vielmals um Verzeihung. Wenn ich an die Musik komme, geschieht es mir wohl, daß ich Raum und Zeit vergesse. Ich durfte aber unmöglich Ihre Gegenwart vergessen. Ich bitte um Entschuldigung.«

Der Apotheker stellte die beiden Damen vor; die größere, etwas massige, war Liesel Tilgner, die kleine, zierliche, braune war Apothekers Sabinchen — die junge Göttin.

»Schade, daß der Tenor fort ist,« sagte der Apotheker; »wir könnten sonst jetzt anfangen.«

»Wo ist er hin?« fragte Cyrill selbstvergessen. »Ist er dachdecken gegangen?«

Wieder lachte Sabinchen silbrig auf.

»O, Gott! Dachdecken in so finstrer Nacht!«

Der Apotheker sagte, er würde den Ausreißer schon finden und herbeischaffen. Und nun wurde Fritz, der Laufbursche, abermals ausgesandt, und zwar nach dem »Bleiernen Hecht« mit der Botschaft, Herr Stumpe möge kommen; es habe jetzt angefangen.

Nach einer Stunde kam Fritz mit einem kleinen Rausch, aber nicht mit dem Tenor zurück. Der Dachdecker und seine Spielkumpane hatten ihm Schnaps zu trinken gegeben und ließen sagen, zum Singen sei es heute zu spät.

Fritzen wurde für den nächsten Morgen eine Tracht Prügel in Aussicht gestellt, und er ging mit dem bekümmerten Gedanken schlafen, daß es ein hartes Ding um den Dienst der Kunst sei

Im Musikzimmer hatte sich Cyrill inzwischen zur »Prüfung der Stimmen« von dem Apotheker und Liesel Tilgner je ein Lied, von Sabinchen aber vier Lieder vorsingen lassen.

Nach dem vierten Liede sagte Sabinchen:

»Bei mir dauert es wohl am längsten, ehe Sie ein wenig Talent entdecken?«

Cyrill sah sie schmerzlich an.

»Mein gnädiges Fräulein, ich werde kein größeres Glück kennen, als Ihre goldige Stimme ausbilden zu dürfen. Es wird eine schöne Sache werden um unser Quartett. Wenn es den Herrschaften recht ist, beginnen wir morgen mit dem Unterricht pünktlich um acht Uhr.«

Der Apotheker staunte, daß Cyrill jetzt bereits eine ganze Reihe vernünftiger Sätze gesagt hatte, und freute sich.

»Die größte Überraschung werden Sie an August Stumpe erleben,« sagte der Apotheker. »Er ist zwar ein windiger Hund, aber an Stimmaterial ist er uns allen über.«

Am nächsten Abend trat Cyrill Schlag acht Uhr in das Musikzimmer. Er fand das Quartett vollzählig versammelt vor und ließ sich zunächst Herrn August Stumpe vorstellen und prüfte dessen Stimme. Stumpe wählte sich: »Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein.« Als er geendet hatte, sagte Cyrill:

»Sie singen nicht — Sie brüllen! Aber Sie brüllen schön! Sie brüllen ganz wunderbar!«

Dann begann der Unterricht.

»Zunächst,« sagte Cyrill, »müssen Sie stehen lernen.«

Die Mädchen kicherten.

»Ja, meine Damen,« fuhr Cyrill ernst fort, »stehen lernen! Sehen Sie mal, wie Herr Stumpe dasteht, wie er den Bauch vorstreckt.«

»Ich habe gar keinen Bauch; also kann ich ihn wohl auch nicht vorstrecken,« knurrte der Dachdecker mißmutig.

»Bitte keinen Widerspruch. Sie haben, wie alle homines sapientes, einen Bauch und strecken ihn vor. Außerdem stehen Sie da wie ein Rekrut in Grundstellung und präsentieren ihr Notenblatt wie ein Gewehr. Das wirkt häßlich und lächerlich. Stellen Sie abwechselnd mal den rechten und den linken Fuß etwas vor, haben Sie federnde Leichtigkeit in Füßen und Knieen, halten Sie die Arme anmutig und pressen Sie vor allen Dingen Ihren Adamsapfel nicht zu weit heraus. Auch lassen Sie sich die Haare gut schneiden, den Schnurrbart um drei Viertel verkürzen und putzen Sie alle Tage dreimal Ihre Zähne, früh, nach dem Mittagessen und vor allen Dingen vor dem Schlafengehen.«

Der Dachdecker sah sich nach seinem Hute um und wollte auf und davon. Doch der Apotheker faßte ihn am Arme und sagte:

»Hier muß alles deutlich und ohne Rückhalt zur Sprache kommen. Außerdem sind wir unter uns, und Lehrzeit ist keine Herrenzeit. Ich bitte, Herr Kapellmeister, mir immer die blanke Wahrheit zu sagen, alle meine Fehler rücksichtslos zu rügen.«

Dieser Aufforderung kam Cyrill augenblicklich nach.

»Sie, Herr Apotheker,« sagte er, »sind viel zu dick. Auf der Bühne wären Sie höchstens als Falstaff zu gebrauchen; für das Podium sind Sie unmöglich. Trachten Sie danach, sechzig Pfund abzunehmen.«

»Aber erlauben Sie,« unterbrach ihn der Apotheker denn doch verärgert. »Ich glaubte immer, Bassisten dürften ein gewisses Embonpoint haben.«

»Embonpoint wohl,« erwiderte Cyrill, »aber keinen Speckbauch. Ein Sänger hat ästhetisch zu wirken, und Speckbäuche sind unästhetisch.«

Der Dachdecker freute sich über das, was dem Apotheker widerfuhr, sah ein, daß der Kapellmeister unter den verschiedenen Gesellschaftsschichten, was seine Grobheit anlangte, keinen Unterschied machte, und beschloß, sich in Zukunft durch Kritik nicht mehr beleidigt zu fühlen.

Mit den Damen verfuhr Cyrill viel höflicher. Er empfahl ihnen, vor dem Spiegel ihre angeborene natürliche Anmut bis zur größten Wirkung zu steigern und sich möglichst immer individuell zu kleiden und zu frisieren, jedenfalls dabei aber auch dem Zeitgeschmack durch eifriges Studium der apartesten Modezeitschriften Rechnung zu tragen.

»Und nun, bitte, setzen Sie sich!«

Cyrill musterte die vier vor ihm Sitzenden und sagte: »Es kommt vor, daß man auf dem Podium auch mal sitzen muß, z. B. wenn man die Einzelnummer eines anderen abzuwarten hat. Wenn Sie, Herr Stumpe, dann mit so weit vorgestrecktem Gebein dasäßen wie eben jetzt, würden die Konzertbesucher der ersten Reihe befürchten, Sie wollten ihnen ins Gesicht treten.«

Der Dachdecker zog erschrocken seine Pedale ein und sah sich wieder nach seinem Hute um.

»Sie werden zunächst sprechen lernen,« fuhr Cyrill fort (ohne daß jemand lachte). »Erst muß man sprechen können, dann erst kann man singen lernen. Von hundert Sängern, die in Deutschland singen, kann nicht ein halber richtig sprechen. Ist es Ihnen schon aufgefallen, daß ein guter Schauspieler, der etwa bei einer Sterbeszene auf der Bühne im leisesten Flüstertone spricht oder singt, im vierten Stock oben auf der Galerie richtig verstanden wird, während einen sogenannten Volkssänger, der keine Ahnung vom Sprechen hat, oft die Nahesitzenden schon nicht verstehen, auch wenn er brüllt, daß ihm beinahe die Lungen platzen? Das macht die vorhandene oder fehlende Sprechtechnik. Wir fangen natürlich ganz von vorne an, mit der lautreinen Aussprache der Vokale: a, e, i, o, u. Herr Apotheker, sagen Sie ›a‹!«

Der Apotheker sagte »a«.

»Sagen Sie wiederholt ›a‹ hintereinander.«

Der Apotheker wurde rot, und auch der Dachdecker dachte sofort an die Apothekerhymne, die er ja so oft mitgesungen hatte.

»A—a—a—a—a,« sagte der Apotheker mit Todesverachtung.

»Nun sagen Sie wiederholt ›a‹, Herr Stumpe!«

Stumpe sagte: »A—a« und mußte sehr an sich halten, daß er nicht, wie gewohnt: »popo — thethe — kerker« dazusetzte.

»Nun, meine Herrschaften,« griff Cyrill wieder ein, »haben Sie ein ›a‹ gehört? Nicht ein richtiges ›a‹!« Der Herr Apotheker sagt ein Gemisch von ›a‹ und ›o‹, weil er die Zunge zu hoch wölbt, Herr Stumpe sagt ›ä‹, weil er den Mund zu breit macht und zu wenig öffnet. Bei beiden kommen die Vokale gequetscht aus der Kehle. O, diese Kehltöne — dieses Gutturale! Wenn es möglich wäre, müßte man allen Gesangsschülern die Gurgel abschneiden, damit sie das Kehlsprechen verlieren, das der Tod allen Sprechens und Singens ist. Vorn an den Zähnen wird der Ton gebildet, nicht hinten, da, wo die Mandeln rötlich blühen.«

Die vier Gesangsschüler sahen beschämt und betroffen vor sich nieder, während Cyrill mit dem Fünfzackenkamm der rechten Hand seine Haarmähne durchharkte.

»Bitte, Fräulein Tilgner, sagen Sie ›a‹!«

Liesel Tilgner war ganz verängstigt und sagte:

»Ich kann es nicht!«

»Sehen Sie,« triumphierte Cyrill, »bisher haben Sie geglaubt, Sie seien eine Sängerin und könnten Gott weiß was für schwere Lieder singen, und nu können Sie nicht einmal ›a‹ sagen. Aber die Erkenntnis seiner Unzulänglichkeit ist der Kreuzpunkt, von da aus die Straße nach oben führt.«

Nach dieser Sokratischen Sentenz machte Cyrill eine Pause, damit alle Anwesenden über sein Wort nachdenken könnten. Dann wiederholte er:

»Und nun, Fräulein Tilgner, sagen Sie ›a‹.«

Liesel Tilgner sagte ›a‹.

»Es ist ›ä‹,« urteilte Cyrill düster; »›ä‹ wie bei Herrn Stumpe. — Darf ich nun Sie bitten, Fräulein Sabine?«

Sabinchen lachte erst etwas geniert, dann sagte sie klar und deutlich ›a‹!

Cyrill klatschte in die Hände.

»Herrlich! Kristallklar! Direkt echt! Bühnenecht! O, bitte, Sie müssen in diesem Falle unser Vorbild sein. Vielen Dank, Fräulein Sabine! Und nun kommt das Experiment. Fräulein Sabine! Sie müssen also sozusagen unser Anschauungsmaterial sein. Bitte, stellen Sie sich dicht an den Kronleuchter. Und Sie, Herr Apotheker, kommen Sie her und schauen Sie Ihrem Fräulein Tochter in den Mund hinein, wenn sie ›a‹ sagt. Es kommt ganz auf die Lage der Zunge an und wie der Atem darüber hinweggeht, erst in zweiter Linie auf die Öffnung der Lippen. Geben Sie genau acht. Wer nicht ›a‹ sagen lernt, dem bleibt das ganze Alphabet der Gesangskunst verschlossen.«

Der Apotheker nahm vor seinem Töchterlein Aufstellung, guckte ihr dicht mit seinem Brillengläsern auf den Mund und sagte:

»Sprich ›a‹.«

Das Mädel lachte zuerst, dann sagte sie ›a‹.

Der Apotheker guckte und guckte, dann wandte er sich um und sagte:

»Ich seh nichts! Rein nichts! Wissen Sie, Herr Kapellmeister, wenn man mit so dickem Kopf vor so kleinem Schnabel steht, dann ist man sich selbst im Lichte. Der Kronleuchter nutzt dann gar nichts; es bleibt finster in der Höhle.«

»Das ist richtig!« sagte Cyrill und dachte nach.

»Machen Sie's doch!« sagte der Dachdecker dreist zu Cyrill. »Sie haben ja einen viel größeren Mund; da sieht man vielleicht eher etwas.«

Cyrill warf ihm als Antwort nur einen verächtlichen Blick zu und dachte weiter nach. Endlich verklärte sich seine Miene.

»Man bringe eine elektrische Taschenlampe,« sagte er.

Nach einigem Hin und Her wurde die Lampe herbeischafft. Sie stammte von dem Laufburschen Fritz und funktionierte wider alles Erwarten der Leute, die über Fritzens sonstige Ordnungsliebe eingeweiht waren.

»So,« sagte Cyrillus Triumphator; »ich möchte die Schwierigkeit sehen, die bei festem Willen nicht zu überwinden wäre. Also Fräulein Sabine, sagen Sie fortgesetzt ›a‹, und Herr Apotheker, schauen Sie Ihrem Fräulein Tochter in den Mund und achten Sie vor allem darauf, wie die Zunge liegt.«

Der Apotheker begab sich wieder auf Beobachterposten, Sabinchen sagte ›a‹, und Cyrill trat mit der elektrischen Taschenlampe heran und blitzte plötzlich auf.

Vater und Tochter fuhren zurück und rieben sich die Augen.

»Sie blenden einen ja!« rief der Apotheker und riß sich die Brille ab.

»Gott — o Gott — bin ich erschrocken!« seufzte das Sabinchen.

Cyrill stand mit seiner Lampe da als ein geschlagener Held.

Der Dachdecker faßte sich zuerst.

»Es wird nichts nützen,« sagte er, »wenn wir sehen sollen, wie Fräulein Sabine ›a‹ sagt, muß sie einige Leuchtkäfer kauen. Oder sie muß ein Feuerfresser werden.«

Der Dachdecker war ein dreister Mensch, der es mit der Kunst nicht ernst nahm. Das empfanden alle. Nur Sabinchen lachte über seinen Scherz.

Es ging noch lange mit dem »a« sagen, dann kamen »e« und »i« an die Reihe. Bei letzterem mußte der Mund unnatürlich breit gemacht werden.

»Das ›i‹ muß man sich gewissermaßen mit beiden Mundwinkeln in die eigenen Ohren hineinsagen,« lehrte Cyrill.

Die richtige Rundung beim »o« brachte Fräulein Liesel am besten heraus, und den Unterkiefer streckte beim »u« der Apotheker am besten vor.

Nach eineinhalb Stunden sagte Cyrill:

»Das wäre der Anfang. Die Übungen im lautreinen Sprechen der Vokale werden den Anfang jeder Unterrichtsstunde bilden. Es ist wie das Einmaleins beim Rechnen. Heute üben wir nur den flüssigen Konsonanten ›l‹ noch ein, damit Sie ihn in Verbindung mit den Vokalen auf die ersten fünf Töne der Tonleiter zu Hause üben können; also la, le, li, lo, lu — lu, lo, li, le, la und umgekehrt al, el, il, ol, ul — ul, ol, il, el, al.«

Es gab noch greuliche Mühen diesen Abend. Der Konsonant »l« hat es, was die Zungenhaltung anlangt, in sich, und daß er zwei Millimeter über der oberen Zahnreihe mit der Zungenspitze angesetzt werden muß, ist auch nicht so einfach, wenn man es bisher falsch gemacht hat.

Am Schlusse der Unterrichtsstunde sagte Cyrill:

»Nun noch eine kleine Aufgabe. Sprechen Sie: ›Rabe, Rebe, Robe‹ — oder ›Aber, Eber, Ober‹! Es handelt sich um das Zungen-R.«

Es stellte sich heraus, daß nur der Dachdecker das Zungen-R hatte, alle anderen sprachen Gaumen-R.

»Nun, dieses vermaledeite Gaumen-R wird uns allein monatelang aufhalten,« seufzte Cyrill.

Der Apotheker lud alle Teilnehmer an dem Unterricht zum Abendbrot ein.

Der Einladung wurde gern entsprechen. Nur der Dachdecker sagte, er hätte keine Zeit mehr, und ging in den »Bleiernen Hecht«.

»Nun, wie war's?« fragten ihn dort seine Freunde.

»Feezig,« antwortete der Sängersmann. »Ich kann beinahe ›a‹ sagen.«

»Was habt ihr denn gesungen?«

»Gesungen? Ihr habt eine Ahnung! Singen werden wir, wenn wir werden richtig sprechen können. Und das wird vor Ablauf des fünfzehnten Unterrichtsjahres wohl nicht der Fall sein. Wißt ihr, was ihr seid — stumm seid ihr! Nicht einen Buchstaben könnt ihr sprechen, geschweige ein Wort.«

Sie lachten, daß es dröhnte.

Der Dachdecker ließ sie lachen, war an diesem Abend beim Spiele nicht ganz bei der Sache und sang am nächsten Tage, als er das Dach des Rathauses ausbesserte, so beharrlich la, le, li, lo, lu und alle Umkehrungen dieser schönen Übung, daß das Sabinchen ans Fenster trat und ihm lachend zunickte. Alle anderen Leute aber meinten, der Dachdecker hätte den Sonnenstich bekommen, und man solle die Feuerwehr alarmieren und ihn herunterholen.


Es war fast jeden Abend Unterricht.

Man mußte es Herrn Cyrill lassen, daß er als Lehrer an Fleiß und Hingebung kaum übertroffen werden konnte. Alle vier Schüler erwiesen sich als über das Mittelmaß begabt. Der bei weitem Begabteste war der Dachdecker; er faßte alles spielend auf, und was ihm einmal korrigiert wurde, machte er nie wieder falsch. Er kleidete sich neuerdings gut, ging ordentlich frisiert und rasiert, hatte blitzblanke Zähne und benahm sich immer tadelloser. Wenn ihn der Apotheker einmal einlud, hatte er Zeit dazubleiben. Seine Freunde im »Hecht« freilich waren mit ihm höchst unzufrieden.

Die Lautbildungslehre ging weiter; die Schüler erfuhren, daß der schöne Name Hedwig nicht wie Het-wick ausgesprochen wird, sondern He-dwich, daß es nicht »daas Grapp«, sondern umgekehrt »daß Graab« heiße, nicht Entschuldijunk, sondern Entschuldi-gung mit der nasalen Verbindung von n und g, nicht selbstvastäntlich, sondern selbstverstän-dlich. Und so vieles andere, was damit zusammenhängt. Die Betonungslehre kam daran, schließlich die Tonfärbelehre, die schon ins Künstlerische hineinragt, und daneben gingen meist unter endlosen Solfeggien: do, re, mi, fa ... die eigentlichen Gesangsübungen.

Sämtliche Teilnehmer mußten musikalische Bücher lesen, auch Biographien von großen Musikern; es wurden drei Musikzeitschriften mitgehalten und vor allen Dingen auch die konzertkritischen Artikel aus den Tageszeitungen studiert und erläutert. Es wurde mit Feuereifer gearbeitet. Nach drei Monaten sagte Cyrill: »Zur Belohnung für Ihren Fleiß und Ihre Ausdauer wollen wir es jetzt mit dem ersten Quartett versuchen. Ich habe dafür das Volkslied: ›In einem kühlen Grunde‹ ausgewählt.«

Cyrill hielt eine Ansprache über dieses Lied. Er sprach mit großer Liebe und Verehrung von Eichendorff.

»Ein Heiligtum ist dieses Lied, ein Nationalschatz. Und doch, der Schatz wäre beinahe verloren gegangen. Eichendorff hatte das Lied aus göttlicher Eingebung heraus geschrieben und es von Königsberg nach Schwaben an seinen Freund Justinus Kerner gesandt. Der las das Gedicht, erkannte, daß er ein Juwel ohnegleichen in Händen hatte, und lief aus seinem Arbeitszimmer hinaus, um alle Hausgenossen zusammenzurufen, ihnen dieses Juwel zu zeigen. Als Justinus Kerner an seinen Schreibtisch zurückkehrte, war die Eichendorffsche Handschrift, die er dort zurückgelassen hatte, spurlos verschwunden. Das Zimmer wurde durchsucht. Umsonst. Das Fenster stand offen. Ein Luftzug mußte das kostbare Blatt entführt haben. Justinus war in Verzweiflung. Er wußte, daß Eichendorff keine Abschriften anfertigen ließ, daß das Juwel verloren war, wenn sich das Blättlein Papier, an das es gefesselt war, nicht wiederfand. Justinus Kerner ließ fünf Tage lang seinen Garten und das angrenzende Gelände absuchen. Das Blatt war verschwunden. Seinem Freunde Eichendorff den Verlust zu melden, wagte Kerner nicht.

Und da geschah das Wunder. Ein Händler kam in Kerners Haus, ein Mann, der einen Korb mit allerlei ›Kurzsachen‹ feilbot: Tabaksdosen, Broschen, Kinderspielzeug. Er bot auch Kerner seine Waren an. Und da sieht der — zum Herzstillbleiben ist es gewesen — Eichendorffs Handschrift um eine Kinderklapper gewickelt.

›In einem kühlen Grunde ...‹

Ein Griff. Justinus Kerner hatte das Lied.

›Wo haben Sie dieses Papier her?‹ fragte er den Händler mit bebender Stimme.

Der Händler guckte sich das Blättlein an.

›Ach Gott,‹ sagte er, ›das fand ich auf einem blühenden Flachsfeld. Es war gutes Papier, auf einer Seite ganz unbeschrieben, und da brauchte ich es zum Einpacken.‹

Weit über eine deutsche Meile weg war das blühende Flachsfeld, auf das der Wind Eichendorffs unsterbliches Lied aus Kerners Wohnung getragen hatte!

Können Sie sich denken, wie Justinus Kerner vor Weh und Freude geweint hat, als er dieses Blättlein Papier wieder hatte? Ahnen Sie, was das ist um ein unwiederbringliches Heiligtum aus dem Tempel der Menschheit? An diesem einfachen Liede, das doch ein Diamant unsagbaren Wertes ist, haben sich arme Prinzessinnen, die an ungeliebte Prinzen verkuppelt wurden und einen Leutnant von der Schloßgarde liebten, berauscht; dieses Lied ist wie eine Mahnerin zum Ernst in Trinkgelage von Schlemmern hineingekommen; dieses Lied hat arme Wäschermädel in ganz weite Höhen geführt; einsame alte Junggesellen haben das Lied auf frostigen Buden gesungen; versonnene Bauernmädel am Brunnentrog haben es angestimmt in stiller Abendstunde; ein einsamer Wanderer auf mondbeschienener Landstraße hat es gesummt; ein alter Gelehrter nach langer Geistesarbeit ist an seinen Flügel geschlichen und hat mit müden Fingern die alte, liebe Weise noch einmal gespielt. Das Lied vom deutschen Walde, von der deutschen Mühle, von der Liebe, vom zerbrochenen Ringlein, vom Aufbäumen des verwundeten Herzens und vom Sterbenwollen. Sehen Sie, meine Zuhörer, der ganz große Geist, der Beethoven hieß, der hat seine unsterbliche neunte Symphonie geschrieben. Um den ganzen Erdball herum können Sie suchen, über der Erde und unter der Erde — einen so großen Demantklotz finden Sie niemals mehr wie diese ›Neunte‹! Was will Beethoven in seiner Neunten sagen? Es war ein Mensch, der durch Schuld und Nichtschuld, kurz, durch sein Leben an allem verzweifelte. Dann suchte er Erlösung in wilder Lust. Er fand sie nicht. Er fand sie endlich erst in der reinen Freude Götterfunken. Eichendorffs kleines Lied führt nicht so weit — es führt ins Sterbenwollen, aber doch auch durch die ganze Staffel des Liebens und Leidens hindurch. Ihnen, meine Zuhörer, will ich nur das eine einprägen: Ehrfurcht — Ehrfurcht vor einem Kunstwerk, ob es eine Symphonie ist oder ein Volkslied.«

Als einige Tage später die Stimmen des Quartetts zum ersten Male zusammenklangen, hatte Cyrill Tränen der Freude in den Augen.

»So schön,« sagte er, »ist in Altenroda noch niemals gesungen worden ...«

Und auch hier kam die Liebe und mischte sich ins schöne Spiel. Wenn Cyrill seinen Unterricht gab, war er streng sachlich und hütete sich wohl, von seinen Gefühlen für das Sabinchen etwas zu verraten. Er wußte, daß er anfänglich auf der gefährlichen Bahn gewesen war, sich vor der Geliebten lächerlich zu machen, und daß nichts der Erfüllung heißer Liebessehnsucht so hinderlich ist, als sich in ein lächerliches Licht zu stellen.

So war Cyrill ein gewissenhafter, ja gestrenger Lehrer und sah auch dem Sabinchen keinen Fehler nach, wenngleich er bei seinen Korrekturen an ihr eine gewisse sanfte Zartheit nicht verbergen konnte, die er ja für den Dachdecker, den Apotheker und auch für Fräulein Liesel Tilgner nicht übrig hatte.

Zu Hause in seiner armseligen Stube aber litt Cyrill oft die größte Liebesnot und hatte Kummer aller Art. Von dem schmalen elterlichen Erbteil besaß er noch tausend Mark. Wenn die weg waren, stand er vor dem Nichts. Die Tante, seine einzige noch lebende Verwandte, bei der er wohnte, war selbst wenig bemittelt und außerdem äußerst geizig. Was sollte werden aus Cyrill? Der Dachdecker selbst war reicher als er; er hatte ihm einmal anvertraut, daß er ein kleines Erbteil und etwas Erspartes von zusammen dreitausend Mark besitze. Er hatte das wohl in der gutmütigen und doch für Cyrill demütigenden Absicht gesagt, ihm seine Hilfe anzubieten, wenn er mal in finanzieller Verlegenheit wäre. So sah wohl jedermann schon von weitem Cyrill den armen Hungerleider an.

Was sollte werden aus Cyrill? Nichts gelang. Er hatte weder eine Stelle als Kapellmeister bekommen, noch hatte sich ein Theater gefunden, das seine Oper aufführen wollte. Nur einige kurze Liedkompositionen hatte er bei Verlegern angebracht, diese aber auch nur gegen winziges Honorar. Aber Cyrill freute sich, wenn die vierseitigen Blätter herauskamen, die seinen Namen trugen und ein Kindlein seines Geistes bargen, und trug sie alle zu Sabine. Einmal gab Cyrill ein neues Lied heraus und hatte kühn auf das Titelblatt drucken lassen:

»Sabine gewidmet ...«

Der Text des Liedes lautete:

Daß ich Dich liebe ...
Es wissen es alle Blumen der Au,
Es weiß es die Dämmerung, die Nebelfrau,
Die Vögel zwitschern's vom hohen Dach,
Die Wellen im Bache schwatzen es nach,
Der Hahn auf dem Kirchturm möchte es schrei'n
Hoch in den blauen Himmel hinein;
Im Walde tuschelt es Baum zu Baum,
Die Bienen summen's am Wiesensaum;
Bald wissen's wohl alle Leute der Stadt,
Als ständ' es geschrieben im Wochenblatt;
Es weiß es die Nacht und das Morgenlicht —
Nur Du weißt es nicht!

Für dieses Lied hatte Cyrill bei seinem Verleger der »besseren Ausstattung« wegen auf jedes Honorar verzichtet, ja selbst zugezahlt. Und als nun die ersten Exemplare vor ihm auf dem Tische lagen, auf dem Titelblatt sein Name und der des geliebten Mädchens, umrahmt von roten Rosen, faßte ihn heiße Angst. Gewiß, Sabine brauchte den Text durchaus nicht auf sich zu beziehen; solche Liedtexte sind neutral, können dahin oder dorthin oder ganz ins Blaue gezielt sein, aber sie konnte das Lied auf sich beziehen und dann konnte sie sich kompromittiert fühlen. »Bald wissen es alle Leute der Stadt, als ständ' es geschrieben im Wochenblatt ...« dem Mädel mußte ja himmelangst werden, wenn sie das las. Und dann war es durch die Schuld seiner aufdringlichen Huldigung gewiß aus und vorbei mit aller Hoffnung. Cyrill telegraphierte an seinen Verleger, er ziehe das Lied aus dem Musikhandel zurück. Der Verleger antwortete: »Nur gegen Übernahme der ganzen Auflage. Dreiunddreißigeindrittel Prozent Rabatt vom Originalpreis. Fünf Exemplare bereits verkauft.«

So opferte Cyrill einen großen Teil seines bißchen Vermögens und hatte bald einige hundert gedruckte Lieder in seiner Wohnung aufgetürmt, für die er keine Verwendung besaß.

»Die Nacht wußte es und das Morgenlicht,« was Cyrill um Sabine litt. Hoffnungslos. Er, der arme Musiker, sie das einzige Kind eines reichen Mannes!


Und noch ein zweiter litt um Sabine: der Dachdecker. Was ist doch Frau Musika für eine arge Kupplerin. Wie geht sie mit leisen Hexenschritten um die Menschen herum, kreist sie ein, läßt sie aus überquellenden Tonbechern süßes Gift schlürfen, nach fremden Rhythmen atmen, in fremden Melodien fühlen. Wie kann sie zwei Menschen in alle Tiefen und Höhen führen, Geheimsprache reden vor tausend Ohren, unsichtbare Liebeslauben bauen vor tausend Augen. Wie kann sie streicheln und quälen, erheben und erniedrigen, werben und verderben.

Der schlichte Sohn des Volkes, der übermütige Bursch, war zum Träumer geworden. Wenn er auf einem hohen Dache saß, irrten seine Augen immer wieder über das Häusermeer dahin, wo auf dem Marktplatz neben dem Rathausturme das Apothekerhaus mit dem goldenen Kranich war. Dieses Haus war ihm zur wahren Heimat geworden. Das war licht und schön, anders als seine arme Handwerkerstube, und ein Engel von himmlischer Anmut lebte darin.

Oft saß der Dachdecker auf einem schwindeligen Platz in tiefen Gedanken. Manchmal, wenn die Glocken so feierlich klangen, weinte er. So viele Dächer, und keines das seine; aus so vielen Schornsteinen weißer Rauch, und sein eigen kein Herd, an den er ein geliebtes Weib führen konnte.

Von hohen Dachfirsten sah er über die Stadt hinweg ins freie Land hinaus. Straßen führten in weite Fernen. Er könnte wandern, könnte sich loslösen von seiner Pein. Aber er würde wohl rückwärts gehen, um immer noch die liebe Stadt zu sehen, und wenn ihr letztes Dach verschwände, würde er von Sehnsucht überwältigt nach Hause laufen. Was blieb dem armen Dachdecker anderes übrig, als eines Tages abzustürzen und »in Ausübung seines Berufes« ehrenvoll den Hals zu brechen!


Cyrill war eines Nachts auf einen Rettungsgedanken verfallen, auf einen Gedanken, den er allerdings früher schon einmal gehabt hatte. Er mußte August Stumpe ausbilden, mit diesem wirklich ganz außergewöhnlichen Gesangstalent eines Tages einem Opernhausdirektor unter die Nase fahren und so Stumpe als Sprungbrett für die eigene Kapellmeisterlaufbahn benutzen.

Cyrill war immer noch nicht ohne Hochmut. In Marienwerder war ihm eine Kapellmeisterstelle angeboten worden. Es war zum Lachen. Als ob er nach Marienwerder aussähe! Als ob Sabine je die Frau eines mit dreitausend Mark dotierten Kapellmeisters in Marienwerder werden würde. Abgesagt! Die Agentur schrieb ihm darauf, daß sie vorläufig für ihn nichts wisse.

Cyrill sagte Stumpe August einmal auf dem Heimwege unter ehrenwörtlicher Zusicherung absoluter Verschwiegenheit: er wolle ihn zum Opernsänger ausbilden und schon dafür sorgen, daß er im ersten Fach unterkomme. August Stumpe lachte erst blöde, dann sagte er, er habe nicht recht verstanden. Worauf Cyrill noch einmal seine Absicht aussprach. Darauf sagte der Dachdecker, Herr Cyrill möge entschuldigen, ihm sei nicht gut, es werde ihm so komisch. Und er ging beiseite und lehnte den Kopf an einen Zaun. Eine Hand preßte er aufs Herz und eine auf den Magen, und es würgte ihn zum Erbarmen.

»Brechen Sie nur! Brechen Sie nur!« riet Cyrill. »Sie sind der rechte Mann. Es packt Sie. Sie nehmen es ernst!«

Es war ein stilles Heldentum, das die beiden von nun an verrichteten. Alle Abende, die nicht dem »Quartett« gewidmet waren, saßen sie in Cyrills Stube, studierten und übten oft bis tief in die Nacht. Alle Sonntage waren dem eifrigsten Studium geweiht. Selbst nach den Quartettabenden nahm Cyrill den Dachdecker oft mit in seine Klause. Er lieh ihm Bücher. Selten hatte ein eifriger Lehrer einen so eifrigen Schüler.

Der ersehnte Preis all dieser Mühen war für beide der gleiche.

Sabine!

Die armen Burschen wußten es nicht und gewannen sich nach und nach lieb.

Hätten sie sich durchschaut, sie hätten sich gehaßt und gegenseitig zu verderben gesucht.

So wanderten sie beide dem selben Lichte zu und keiner sah von dem andern, daß er die gleiche Straße zog.


Anfang November wollte das Quartett sein erstes Konzert geben. Wenn aber ein Quartett ein Konzert geben will, muß es einen Namen, eine Firma haben, schon der Anschlagsäulen und der Zeitungsnotizen wegen.

Es wurde eine Beratung abgehalten. Wer je einer Beratung beigewohnt hat, in der ein neuer Name gefunden werden soll, weiß, daß das ein schwieriges Geschäft ist, ganz gleich, ob es sich um eine Gesangsvereinigung, um eine literarische Zeitschrift, um eine Aktiengesellschaft, um ein neues Insektenpulver oder um ein kleines, manchmal noch gar nicht geborenes Kind handelt. Namengebung ist immer schwer und verantwortlich.

»Ich bitte um Vorschläge,« sagte Cyrill; »ich selbst werde meine Meinung zuletzt sagen, um niemand zu beeinflussen. Bitte, Fräulein Tilgner!«

»Ich hatte mir gedacht,« sagte Fräulein Tilgner, »da wir doch vier sind — im Quartett sind ja wohl immer vier — also da könnten wir uns ›Quartett Jahreszeiten‹ nennen. Der ›Frühling‹ ist natürlich Sabinchen, ich selbst bin ja etwas älter und könnte als der ›Sommer‹ gelten; Herr Stumpe müßte den ›Herbst‹ darstellen, und der Herr Apotheker, wenn er so gut sein wollte, den ›Winter‹.«

»Danke!« sagte der Apotheker verdrossen; »so eisgrau bin ich noch nicht! Fünfundfünfzig bin ich! Und dann — wieso Herr Stumpe mit sechsundzwanzig Jahren ›Herbst‹? Und wieso überhaupt vier? Sind wir nicht fünf? Zählt der Dirigent nicht mit? Der Name ist einfach unmöglich.«

»Bitte um Entschuldigung!« sagte Fräulein Tilgner kleinlaut und setzte sich.

»Nun Ihren Vorschlag, Fräulein Sabine,« forderte Cyrill auf.

»Ich hatte,« sagte das Sabinchen, »auch an die Zahl vier gedacht, und da wollte ich vorschlagen, wir nennen unser Quartett ›Kleeblatt‹. Es gibt ja übrigens auch fünfblättrige Kleeblätter.«

Der Apotheker erhob sich.

»Meine liebe Tochter, erstens sind Kleeblätter in erdrückender Majorität dreiblättrig. Vierblättrige sind eine Seltenheit, und es wäre arrogant, wenn wir uns als Seltenheit hinstellen wollten. Das würde eine boshafte Kritik sofort aufgreifen. Eine boshafte Kritik würde aber noch etwas anderes sofort aufgreifen; nämlich sie würde sagen: Kleeblatt? Wieso? Es liegt hier eine Beleidigung des Publikums vor. Denn wem werden Kleeblätter vorgesetzt? Doch nur Rindviechern! Der Name ›Kleeblatt‹ ist ganz unmöglich.«

»Nun, dann mache doch selbst einen Vorschlag, Papa!«

»Das will ich,« sagte der Papa. »Ich schlage vor, unser Quartett heißt: ›Der Wagen‹. Der Name berührt zunächst befremdend. Aber das soll er. Alles, was in der Welt zugkräftig sein soll, muß einen auffälligen Namen haben. Das weiß ich aus der Apotheke. Je verrückter der Name einer neuen Sache ist, desto besser geht sie. Und dann denken Sie doch an die berühmte Düsseldorfer Vereinigung ›Malkasten‹ oder an die Münchener ›Scharfrichter‹. Ist das nicht auch verrückt? Doch nun zur Sache! Ein Wagen hat vier Räder. Alle Räder müssen gleichen Takt halten, alle müssen dem gleichen Ziel zusteuern, dieselbe Straße ziehen, mal langsam, mal schnell, mal in anfeuerndem Tempo, mal nachlassend diminuendo. Und der Fünfte? Kein auch noch so verrohter Kritiker wird wagen, in einem blöden Witz zu behaupten, daß der Dirigent des ›Wagens‹ das Roß sei, das den Wagen zieht, sondern jedermann wird ihn als den Kutscher ansehen, der den Wagen lenkt. Das Publikum aber wird der ›Wagen‹ über Berg und Tal in grüne Waldeinsamkeit, an alte Burgen und in das Gewühl der Großstadt führen, kurz, der ›Wagen‹ wird ihm eine Reise durch alle Poesie des Lebens vermitteln.«

»Was sagen Sie zu dem Vorschlag des Herrn Apothekers, Herr Stumpe?«

»Ach,« sagte August Stumpe, »der Vorschlag ist an sich sehr geistreich. Nur, wir sind ein Musikverein, und ein Wagen macht keine gute Musik. Ein Wagen knarrt, und wenn er singt, quietscht er. Man könnte dann den Verein lieber ›Automobil‹ nennen, das hat auch vier Räder, und alles andere trifft auch zu, das von der Waldeinsamkeit und den Burgen und Städten, zu denen man hinfahren kann. Ein Wagen kann ferner nur wenig Leute über Berg und Tal führen; wir wollen aber vielen Menschen die ›Reise durch die Poesie‹ verschaffen. Darum sollten wir uns lieber ›Omnibus‹ heißen, der hat auch vier Räder.«

»Herr Stumpe, wollen Sie mich verhöhnen?«

»Gott bewahre, Herr Apotheker, ich sage nur meine Meinung.«

»Er sagt seine Meinung! Und er hat ein Recht dazu!« entschied Cyrill.

»Bitte, Herr Stumpe, was sagen Sie zu den Vorschlägen der beiden Damen?«

»Ja,« meinte Stumpe, »wir kommen ja nur mit der Wahrheit weiter. Es tut mir leid, aber die Vorschläge der beiden Damen waren kitschig. Am kitschigsten war der von Fräulein Sabine. ›Kleeblatt‹ nennt sich ein Backfischkränzchen, aber kein ernster Kunstverein.«

»Sie sind frech,« sagte Sabine gemütlich. »Pah!«

Cyrill war ganz blaß.

»Bitte, Herr Stumpe, nun machen Sie Ihren eigenen Vorschlag.«

»Ich schlage vor,« sagte August Stumpe, »daß wir auf allen Klimbim verzichten und unsere Vereinigung nennen: ›Quartett Cyrill Dietrich‹. Herr Cyrill Dietrich ist unser Lehrer, unser Führer; ohne ihn könnten wir nichts. Cyrill Dietrich ist ein schöner, wohlklingender Name. Der Name Cyrill Dietrich wird einer Vereinigung immer ein Ansporn sein, eifrig zu arbeiten, und dem Publikum immer eine Garantie, daß es etwas Gutes zu erwarten hat.«

Schweigen. Cyrill saß mit gesenktem Haupte da. Er war in tiefster Seele glücklich. Er hatte in diesem Augenblicke den Dachdecker August Stumpe von Herzen lieb. Nicht in der Hauptsache wegen der letzten über ihn selbst geäußerten Worte, obwohl Cyrill wie alle Künstler für Anerkennung überaus empfänglich war, sondern des Wahrheitsmutes wegen, mit dem Stumpe seine Meinung gesagt hatte, und vor allem, weil er sich so recht als begnadetes Gotteskind offenbarte. Wie kam ein Dachdecker zu solchem Geschmack, zu solcher Ausdrucksweise? Der Mann war, während er Cyrills Unterricht genoß, mit Siebenmeilenstiefeln gewandert. Ach, das naturgeborene Genie vor sich zu haben, was ist das doch für eine Wonne!

Nach einer Weile aber lehnte Cyrill den Vorschlag August Stumpes dennoch ab.

»Meine Damen und Herren! Bitte, binden Sie sich nicht an meinen Namen. Einst — vielleicht sehr bald — werde ich nicht mehr bei Ihnen sein. Ich werde dann nichts sein, als der zufällige erste Dirigent Ihres Quartetts, der noch dazu sehr kurze Zeit bei Ihnen tätig war. Mein Name ist kein Programm. Genehmigen Sie meinen eigenen Vorschlag: ›Quartett Altenroda‹. In dem schönen Namen Altenroda haben Sie alles, wofür Ihr Herz und Ihre Kehle singt, haben Sie die Heimat und alles, was Ihnen darin lieb und wert ist.«

Cyrills Vorschlag wurde angenommen.


Als August Stumpe nach diesem Abend im Bette lag, dachte er nicht wie sonst darüber nach, weshalb wohl ein ein Meter und fünfundsiebzig Zentimeter langer, kräftiger Mann zur Nachtruhe in einem Gestell zu liegen habe, das nur ein Meter und siebzig Zentimeter lang war, sondern er klagte sich in leidenschaftlichen Selbstvorwürfen an, daß er an Fräulein Sabines harmlosem Vorschlag eine so bissige Kritik verübt, daß er seinen Engel so böse gekränkt hatte. Immer wieder überdachte er die Situation; immer aufs neue schüttelte es ihn vor dem »Kleeblatt«-Vorschlag Sabinens, und immer aufs neue brannten dennoch alle Sehnsuchtsfeuer nach dem lieblichen Mädchen hin. Es war ein auf- und abwogendes Fieber, ein wildes Auf und Nieder. Ganz zuletzt aber dachte August Stumpe an Cyrill. Und im Gedanken an Cyrill schlief er ein. Ein kleiner kluger Gott saß auf der Kante der kleinen Bettstelle und lächelte. Wieder hatte einer die Liebe zur Kunst über die Liebe zum Weibe gestellt.

Auch Cyrill schlief schlecht. Auch er dachte an die Vorgänge des Abends. Und auch er quälte sich. Daß Sabine den »Kleeblatt«-Vorschlag gemacht hatte, grämte ihn noch im Bett, verursachte ihm sauren Geschmack im Munde. Aber was war sie denn? Ein Kind von kaum zwanzig Jahren. Ein liebes, wonniges Mädel. Was sollte man von ihr verlangen? Die Sehnsuchtsfeuer loderten. Aber dann glitten Cyrills Gedanken doch zu dem begnadeten Dachdecker hinüber, und er wurde ganz ruhig und schlief ein.

Und derselbe kleine kluge Gott, der auf Stumpes Bettstelle gehockt hatte, kam auf silberner Mondbahn zu Cyrill gefahren und besah sich lächelnd auch diesen Getreuen. —

Auch Fräulein Liesel Tilgner schlief nicht. Sie hatte sich heute in August Stumpe, als er so grob wurde, endgültig und rettungslos verliebt.

Selig schlief nur das Sabinchen, ihr herziges Köpfchen auf den molligen Arm gelegt. Sabinchen dachte an nichts Böses und an nichts Gutes — sie dachte an gar nichts. Völlig ruhelos war der Apotheker. Er saß an seinem Schreibtisch und entwarf »Statuten« für das »Quartett Altenroda«.


Das »Quartett Altenroda« gab sein Konzert. In der Vorankündigung hieß es, das Programm würde einen Volkslied-Teil und einen Kunstlied-Teil enthalten, zur Umrahmung des Liederteils zwei Klaviervorträge, ausgeführt von Herrn Cyrill Dietrich, im ersten Teil Schubert, im zweiten Beethovens Letzte Sonate (op. 111). Preise der Plätze drei Mark, zwei Mark, eine Mark; Stehplatz fünfzig Pfennige.

Bei der Aufführung waren eigentlich nur Stehplätzler anwesend, das Parkett war fast leer. Nur hie und da hockten mit trübseligem Gesicht ein paar verirrte Seelen. Sie fühlten sich äußerst unbehaglich in ihrer Einsamkeit. Die Sänger taten ihnen leid. An den Wänden aber klebte junges Volk: leise kicherndes hübsches Backfischgesindel und junge Männer im ehrenvollen Alter von sechzehn bis neunzehn Jahren, die alle gut gescheitelte Frisuren hatten und feierliche Gesichter machten.

»Was sollen wir tun?« fragte der Apotheker, als er den leeren Saal sah. »Diese Bande! O, diese Bande! Was sollen wir tun?«

»Singen!« antwortete Cyrill, düster und lakonisch.