Aus „Neue Welt“. Eine Anthologie jüngster amerikanischer Lyrik. Herausgegeben von Claire Goll. S. Fischer Verlag, Berlin 1921, S. 50.
Einige Tage zuvor hatte ich B. T. Washingtons „Autobiographie“ und sein Buch über die „Zukunft des amerikanischen Negers“ gelesen und war voll Bewunderung und Enthusiasmus. Jetzt, da ich ihn selbst sah, tauchten alle die anschaulichen Bilder wieder empor, die er gezeichnet hat. Welches Elend hatte ihn doch noch in seiner Jugend in der Sklavenhütte umgeben, welche harte Arbeit nach der Sklavenfreiheitsproklamation in der Salzmine und der Kohlenzeche. Und wie hatte er sich ergreifend danach gesehnt, eine Schule besuchen zu dürfen! Welch ein Reichtum dünkte ihm die erste Mütze, die ihm seine Mutter aus einigen Fetzen zusammennähte, oder das erste Büchergestell, das er sich aus einer Kiste zimmerte! Und als er als kleiner Junge ein neues Hemd bekam, trug es sein älterer Bruder für ihn erst eine Zeitlang, denn es war aus so grobem Stoff, daß es seine zarte Haut wund gerieben hätte. Und als er sich dann nach Jahren mit 50 Cents in der Tasche aufmachte, nach Hampton zu gehen und die von General Armstrong geleitete Negerschule zu besuchen, und auf der Straße schlafen mußte, weil das Hotel ihn als Schwarzen nicht aufnahm, Schiffe ausladen half, um sich ein Frühstück zu verdienen, und sein Schulgeld im Institut damit verdiente, daß er Kohlen trug und die Zimmer fegte, in den Ferien seinen Mantel verkaufte, um sich das Reisegeld nach Hause zu verschaffen und seine Mutter wiederzusehen, da begann langsam die Zeit seines Emporsteigens zu dämmern. General Armstrong schätzte ihn bald sehr hoch und empfahl ihn nach seinen Prüfungen als Lehrer an eine Negerschule und dann später das Negerinstitut in Tuskegee selbst einzurichten, eine Art technische Hochschule für Farbige.
Inzwischen hatte Booker T. Washington seine Ideen zu entfalten begonnen. Nur ein Wunsch beseelte ihn, seiner Rasse aufzuhelfen. Die Tage der Sklaverei wären vergangen, die Freiheit sei da. Die Freiheit aber stelle ungeahnte Aufgaben. Viele Neger betrachteten die Freiheit nur als Erlaubnis zu tun, was sie wollten. Andere suchten es sofort den Weißen in Wissenschaft und Technik gleichzutun, was meist mißlänge. Die meisten seien nach dem Norden ausgewandert und suchten sich eine einträgliche Stellung als Kellner, Portier, Chauffeur, Straßenkehrer oder niederer Arbeiter und Handwerker zu verschaffen. Was sollte geschehen? Booker T. Washington faßte den klugen und volksphilosophisch richtigen Gedanken: Unsere Rasse ist jung und unentwickelt, mittellos und wenig geachtet trotz ihrer Freiheit. Sie muß sich ihre Achtung erst verdienen, sie muß sich ihre materielle Unabhängigkeit dadurch erkämpfen, daß sie sich Eigentum und Handfertigkeit erwirbt, die den Weißen in ihre relative Abhängigkeit bringt, m. a. W. sie muß anfangen, den Weißen im Handwerk und in den technischen Berufen zu überflügeln. Der Neger solle den Weißen nicht nur in der Krawatte und dem Schnitt des Anzuges, den gelben Schuhen und dem steifen Kragen nachahmen, sondern in seiner Tüchtigkeit. Washingtons Absehen ging deshalb allein darauf, den Neger technisch zu trainieren und ihn in den Stand zu setzen, sich vor allem eine ökonomisch und politisch geachtete Stellung zu erwerben. Nie ist Washington — ein besonders schöner Zug — ein Wort der Anklage gegen den Weißen entflohen, der lange genug den Schwarzen als Sklaven auf seinen Pflanzungen in den elendesten, aller Kultur und Bildung baren Verhältnissen gelassen hat. Er wollte allein seine Rasse aufrufen, ihre Zukunft in ihre Hand zu nehmen, um sich Achtung und Geltung selbst in der Welt zu erobern.
Augenblicklich liegen die Verhältnisse in dieser Hinsicht drüben noch recht kompliziert; anders im Süden als im Norden. Der Norden, der Neger nur in der Minderzahl enthält, hat die Sklavenbefreiung veranlaßt, er liebt die Freiheit der Rasse, aber trotzdem gelingt es dem einzelnen Neger selten, eine sozial wirklich geachtete Stellung einzunehmen. Der Süden, der an Negerübervölkerung leidet, hat eine völlig soziale Trennung der Weißen und Schwarzen durchgeführt bzw. seit der Negeremanzipation beibehalten. Der Neger hat dort seine besonderen Straßenbahnwagen und besondere Eisenbahnabteils. Kein „weißes“ Hotel nimmt einen Farbigen auf, sogar die Parks sind unter die Rassen geteilt! Die untergeordneten beruflichen Stellungen, die der Neger durchweg innehat, fördern das Gefühl und die Stimmung der Weißen, eine Herrenrasse zu sein, und der Neger muß sich auf Grund seiner ökonomischen und geistigen Abhängigkeit durchaus als Mensch zweiter Klasse fühlen. Um sein Stimmrecht wird er im Süden meist betrogen; politischer Einfluß ist für ihn ausgeschlossen. So sieht die Zukunft trübe aus für beide Teile. Der Neger bleibt im amerikanischen Volke ein Fremdkörper. Niemand sieht eine klare, glatte Lösung. Rückkehr der Neger nach Afrika ist unmöglich; Absorption in die weiße Rasse ist absolut nicht erwünscht und immer ein Unglück. So leben die 14 Millionen Neger wie ein unverdaulicher Fremdstoff unter den achtzig Millionen Weißen in den Vereinigten Staaten.
Die Schuld der Sklaverei rächt sich heute. Keine geschichtliche Tat geschieht ohne Sold. Und doch: Sollte die weiße Rasse nicht berufen sein, Lehrmeister ihrer schwarzen Schwester, die sie solange mißhandelt hat, zu sein? Keine günstigere Bedingung für die Neger, als in ein vollkommen kultiviertes Land gesetzt zu sein, wo der tägliche Anblick der Technik und aller entwickelten Lebensverhältnisse, einschließlich der sittlichen und sozialen, ihr ständig das höhere Kulturziel vor Augen hält, das sie erreichen soll. Sollte es wirklich eine Menschenrasse auf Erden geben, die grundsätzlich für alle Zeit auf einem niedrigen Niveau zu leben verdammt wäre? Und wenn man noch so oft darauf hinzuweisen pflegt, daß die schwarze Rasse bis jetzt noch nicht einen bedeutenden Menschen, noch nicht einen Shakespeare oder Goethe hervorgebracht hat, so ist das dieselbe Art der Argumentation, als wenn etwa Tacitus die Germanen ein Volk zweiten Grades hätte schelten wollen, weil sie damals noch keinen Phidias oder Sophokles zu seiner Zeit hervorgebracht hätten! Die Negerrasse hat noch keine „Geschichte“ gehabt. Sie fängt eben an, die ersten Schritte in der Kultur zu tun, warten wir, und wenn es auch Jahrhunderte oder Jahrtausende dauern sollte! Der eine Booker T. Washington ist ein Gegenzeuge, und seine Tuskegeezöglinge und die auf den fünf anderen höheren Negerschulen samt den wenigen Negerstudenten sind schon ein Gegenbeweis. Gleich Josephs Brüdern verkauften die Weißen den Neger in die Sklaverei. Aber eben sein Gefängnis ist vielleicht dazu bestimmt, der Ausgangspunkt einer neuen glänzenderen Zukunft für ihn zu werden. Mir aber war es eine stille Freude, einen solchen Mann gesehen und gehört zu haben, der große Linien der Geschichte prophetisch schaut, mit kühnem Optimismus in die Zukunft seiner Rasse blickt und sein Leben dafür eingesetzt hat, daran mitzuhelfen, sie zu ermöglichen.
Als Probe von B. T. Washingtons praktischen Gedanken und seiner einfachen und anschaulichen Ausdrucksweise setze ich ein Stück aus seinem trefflichen Buche: „Charakterbildung, Sonntagsansprachen an die Zöglinge der Normal- und Gewerbeschule von Tuskegee, Berlin 1910“ hierher, und zwar das Kapitel: „Die Methode im häuslichen Leben“ (S. 65-69):
Der Wert der Methoden im häuslichen Leben.
„Die meisten von euch werden früher oder später von Tuskegee ausgehen, um ihren Einfluß auf das häusliche Leben unseres Volkes geltend zu machen. Dieser Einfluß wird sich erstrecken auf euer eigenes Heim, auf das Hauswesen eurer Mütter und Väter oder auf dasjenige eurer Verwandten. Wo ihr auch hingeht, in jedem Hause werdet ihr einen guten oder einen schlechten Einfluß ausüben. Wie man es anfängt, um die größte Summe von Glück in diese Heimstätten hineinzutragen, das ist eine Frage, die einen jeden unter euch angeht. Ich sage euch das, damit ihr euch klar macht, daß jeder einzelne von euch berufen ist, auf andere einzuwirken. Versäumt ihr es, diesen Einfluß zum besten anderer auszuüben, so habt ihr den Zweck verfehlt, den diese Anstalt verfolgt.
Vor allen Dingen müßt ihr euren Einfluß auf den Gebieten geltend machen, welche den besten Erfolg versprechen; unter diesen ist es wichtig, unserem Volk ein möglichst hohes Ideal des häuslichen Lebens vor Augen zu stellen. Sehr oft mache ich die Beobachtung — und zwar um so mehr, je länger ich unter unserem Volk umherreise — daß viele Personen sich vorstellen, sie könnten kein behagliches Heim haben, ohne sehr reich zu sein. Nun sind einige der fröhlichsten und behaglichsten Häuser, die ich kenne, solche von Leuten, die durchaus nicht wohlhabend sind, ja, die man geradezu arm nennen könnte. Aber es waltet darin ein Geist der Ordnung und Behaglichkeit, der macht, daß man sich darin so wohl fühlt, als ob man sich in dem Hause sehr reicher Leute befände.
Ich will mich deutlicher erklären. In erster Linie muß in allen Dingen, die das Hauswesen angehen, Pünktlichkeit herrschen. Beispielsweise bei den Mahlzeiten. Es ist unmöglich einen Hausstand ordentlich zu führen, wenn nicht eine bestimmte Zeit für jede Mahlzeit angesetzt ist und auch streng eingehalten wird. Es gibt Häuser, in denen einmal um sechs, einmal um acht, einmal vielleicht gar um neun Uhr gefrühstückt wird; das Mittagsbrot findet bald um zwölf, bald um eins oder zwei statt und das Abendbrot um fünf, sechs oder sieben; selbst dann fehlt oft die Hälfte der Familie, wenn das Essen angerichtet ist. Auf diese Weise vergeudet man Zeit und Kraft und macht sich überflüssige Mühe. Dagegen spart man Zeit und sehr viel Arbeit, wenn man ein für allemal eine bestimmte Stunde für die Mahlzeiten festsetzt und alle Familienmitglieder dazu angehalten werden, um diese Zeit zu erscheinen. Durch dieses Mittel wird der Familie viel Verdruß erspart und man gewinnt kostbare Zeit, um zu lesen oder sonst etwas Nützliches vorzunehmen.
Was nun ferner die Methode anbelangt; gleichviel wie ärmlich ein Hausstand ist, gleichviel wie wenig Geld im Hause ist, es ist immer möglich, die häuslichen Verrichtungen methodisch zu ordnen. Wie viele Hausfrauen gibt es wohl, die in dunkelster Nacht in ihre Wohnung kommen und ohne Mühe ein Streichholz finden können? Daran erkennt man die gute Hausfrau. Kann sie es nicht, so geht Zeit verloren. Man spart Zeit und auch Mühe, wenn man die Streichhölzer an einem bestimmten Ort aufbewahrt und alle Familienmitglieder daran gewöhnt, sie stets wieder dort hinzulegen. Oft findet man die Streichhölzer auf dem Tisch oder auf einem Wandbrett in der Ecke. In vielen Häusern gehen täglich fünf bis zehn Minuten verloren, nur weil die Hausfrau diesen einen kleinen Punkt vernachlässigt.
Das gleiche gilt vom Wischtuch. Das Wischtuch soll einen bestimmten Platz haben und täglich wieder dorthin gelegt werden. Wer keinen bestimmten Platz hat, um seine Sachen aufzubewahren, der muß alle fünf bis zehn Minuten, sobald er einen Gegenstand braucht, bald in, bald außer dem Hause auf die Suche gehen. Beständig muß er fragen: ‚Hans‘, oder ‚Liese, wo ist dies oder jenes? Wo hast du es zuletzt gehabt?‘ usw.
Ebenso verhält es sich mit dem Besen. Vor allen Dingen darf in einem methodisch geordneten Hause der Besen nicht verkehrt aufgestellt werden. Hoffentlich wißt ihr alle, welches das richtige Ende eines Besens ist. In einem solchen Hause steht der Besen niemals verkehrt und immer an seinem Platz. Wenn ein Gegenstand verlegt ist und man danach suchen muß, so verbraucht man nicht bloß Zeit, sondern auch Kraft, die nützlicher angewendet werden könnte. Man muß einen bestimmten Platz haben für seinen Mantel, für seinen Hut, kurz, für jedes Ding im Hause.
Diejenigen Menschen, die für jedes Ding einen Platz haben, das sind die Menschen, denen es nie an Zeit gebricht, zu lesen oder auch sich zu erholen. Ihr wundert euch manchmal, daß die Leute in Neu-England so viel Zeit übrig haben, um Bücher und Zeitungen zu lesen und doch genug verdienen, um unserer Anstalt so viel Geld zuzuwenden, wie dies geschieht. Diese Leute haben hinreichend Muße, sich geistig zu bilden und mit allem, was in der Welt vorgeht, Fühlung zu behalten, weil in ihren Häusern alles so methodisch geordnet ist, daß sie die Zeit erübrigen, die wir damit verlieren, uns mit Dingen abzugeben, die wir eigentlich ganz genau wissen sollten.
Ich bin selten in eine von Schwarzen gehaltene Pension gekommen, wo die Lampe an ihrem Platze stand. Wenn man in ein solches Haus kommt, muß nur zu häufig erst nach der Lampe gesucht werden; ist sie schließlich gefunden, so ist sie leer; man hat vergessen, morgens Petroleum aufzufüllen; dann fehlt es an einem Docht oder es muß ein Zylinder geholt werden. Hat man endlich alles beisammen, so sind die Streichhölzer verlegt!
Ich möchte wissen, wieviel Mädchen hier anwesend sind, die es verstehen, ein Zimmer so herzurichten, daß ein Mensch darin übernachten kann — das heißt, es mit der richtigen Anzahl von Handtüchern, mit Seife und Streichhölzern zu versehen und alles, was ein Mensch zu seiner Bequemlichkeit braucht, zu beschaffen und an seinen richtigen Platz zu stellen. Einige unter euch möchte ich lieber nicht auf die Probe stellen. Diese Dinge müßt ihr lernen, ehe ihr die Anstalt verlaßt, damit ihr anderen und euch selbst zum Nutzen gereicht. Könnt ihr dies nicht, so bereitet ihr uns eine Enttäuschung.“
Weit interessanter und packender ist B. T. Washingtons Lebensbeschreibung, von ihm selbst verfaßt: „Vom Sklaven empor“ (Up from slavery), eine der erschütterndsten und lebenswahrsten Biographien, die existieren. — — —
Hatte ich in dem berühmten Neger einen lebendigen Roman vor mir gesehen, so bin ich ganz unvermutet und ungewollt in Boston eines Tages zur Abwechslung Mittelpunkt eines Romans geworden.
Ich wurde nämlich eines Tages wie ein Medium zum Wiedervereiniger zweier sich seit Jahrzehnten suchender Brüder nicht allzu lange vor ihrem Lebensabend! Ich erzähle dies persönliche Erlebnis an dieser Stelle, weil es anschaulich zeigen kann, was alles in Amerika möglich ist. Eines Tages besucht mich in Cambridge, der Vorstadt Bostons, einer meiner Vettern aus Neuyork. Sein Vater forsche schon jahrelang nach einem Halbbruder, der einst mit 14 Jahren aus Bremen fortgelaufen, vermutlich in die weite Welt gewandert sei und von dem man niemals wieder etwas gehört habe. Er vermute aber stark, daß derselbe, wenn er überhaupt noch lebe, sich wahrscheinlich in der Union aufhalte. Nun habe er aber schon so manches amerikanische Adreßbuch nach seinem Namen durchgesehen, aber nicht gefunden. Aber hier — so berichtete der Vetter aus Neuyork — in Boston habe er heute im Adreßbuch ihren nicht häufigen Familiennamen — den Namen eines Arztes in einer der feinsten Villenstraßen — entdeckt. Da der Name in der Union sehr selten sei, bestehe stark die Möglichkeit, daß er am Ende wirklich der gesuchte Onkel sei! Nun getraue er sich aber nicht recht, den völlig fremden Herrn allein aufzusuchen. Wenn zwei gingen, so sei das schon besser. Die ganze Sache kam mir recht mystisch, abenteuerlich und nach europäischen Begriffen zwecklos vor. Und nun sollte ich, der ich selbst erst Ankömmling war, einem reichen Bostoner Arzt ins Haus fallen und ihn kurzerhand fragen, ob er etwa mein Onkel sei und vor etwa einem halben Jahrhundert aus Bremen fortgelaufen sei?! Nach europäischen Begriffen stellte ich mir die Wirkung solchen Fragens vor: Er würde uns wohl sofort aus dem Hause weisen. Dafür war es ja gut, daß wir dann wenigstens zwei waren. Trotz aller Bedenken ließ ich mich bewegen mitzugehen, denn ein bißchen Abenteuer zu erleben lockte mich. War nicht meine ganze Amerikareise auch ein bißchen Abenteuer? Und wo es etwas ganz Neues zu erleben gab, da war ich gern dabei. Also gingen bzw. fuhren wir mit der Elektrischen nach Boston. Wer aber sollte reden? Das war noch nicht entschieden. Natürlich mein Vetter, denn er sprach als langjähriger Amerikaner fließend englisch. Ich war also Zeus, und er machte den Merkur. Höchst gespannt war ich, ob wir überhaupt vorgelassen wurden! Was sollten wir denn eigentlich an der Tür sagen, wenn geöffnet wurde, weshalb wir kämen? Nun, bei einem Arzt mußte man ja vorgelassen werden. Aber nun war es Sonntag nachmittag, da kamen doch wohl in der Regel keine Patienten. Immerhin konnten wir zuerst so tun, als ob wir es wären ...
Wir standen vor dem Haus, einer stattlichen zweistöckigen Villa im vornehmen Viertel Bostons, und zogen die Klingel. Richtig stand der Name da: Dr. med. N., gleich dem Namen meines Neuyorker Onkels. Der Name sah sehr heimatlich und familiär aus. Was für ein Geheimnis mochte sich hinter ihm verbergen? Aber vor dem Familiennamen stand noch ein Zwischenname, den es so leicht wohl in der ganzen Union nicht wieder gab. Er hatte französischen Klang. Diesen Namen gab es gewiß in unserer ganzen Verwandtschaft nirgends. So sank uns wieder der Mut und die Hoffnung, eine freudige Entdeckung zu machen. Indessen hatte auf unser Klingelzeichen ein Neger geöffnet. Wir stockten. Was sollten wir sagen? Wir standen da wie zwei dumme Jungen, die einen dummen Streich vorhatten. Wir sagten gar nichts. Und das war noch das Beste. So führte uns der Neger die Treppe in der Vorhalle hinauf und einfach gleich in das Wartezimmer und bat uns, Platz zu nehmen. Was wir taten. Das Wartezimmer bewährte seinen Namen auch an uns. Es duftete nach Medizin, und wir warteten geduldig etwa zwanzig Minuten und hatten alle Bilder an den Wänden schon mehrmals besichtigt und reichlich in ausliegenden Magazines geblättert. Man hörte, wie mit Teegeschirr geklappert wurde. Dann ging die Tür auf; es kam der Doktor und Hausherr, ein kleiner, untersetzter, schwarzer Herr mit goldenem Kneifer, der uns gewohnheitsmäßig, ohne uns genau anzusehen, in sein etwas dunkles Studierzimmer nötigte. Wir folgten und sahen uns beide an, und große Enttäuschung und innere Heiterkeit malte sich auf unseren Gesichtern, als wollten wir uns gegenseitig zu verstehen geben: Das soll unser Onkel sein? Ausgeschlossen! Erstens keine Spur von Ähnlichkeit. Und zweitens war der Mann vor uns wohl ein Mann Ende der Fünfzig, mein Onkel in Neuyork aber bereits hoch in den Sechzig.
„What can I do for you?“ fragte der Hausherr uns höflich forschend, wer wohl der Patient wäre, als wir immer noch nichts sagten und doch beide offenbar recht gesund aussahen. Ja, was machten und sagten wir nun? Mein Vetter faßte sich ein Herz und bat zunächst um Entschuldigung, er sein kein Patient, er komme in einer persönlichen Angelegenheit. Der kleine Doktor machte ein Gesicht, als wollte er sagen: „Ich verstehe schon. Ihr wollt mich anpumpen, aber ich gebe nichts!“ Aber mein Vetter fuhr, ohne sich beirren zu lassen, fort: „Er selbst heiße auch wie der Herr Doktor, und ob der Herr Doktor vielleicht einen Bruder gleichen Namens habe?“ „Nein!“ kam es sofort prompt und bestimmt und recht erstaunt ob der persönlichen Anfrage zurück. Da erhoben wir uns auch sofort und verabschiedeten uns höflichst unter wiederholten Entschuldigungen, nicht ohne daß ich auch meinen Namen noch und Wohnsitz nannte, mein Vetter desgleichen. „Ach, ich dachte zuerst,“ sagte der Doktor, „die Herren wären vielleicht Matrosen in Zivil, von denen ich manchmal Sonntag nachmittags aufgesucht werde!“ Er verbeugte sich und schloß hinter uns die Tür. Der Neger geleitete uns dienstfertig hinaus. „Wir — Matrosen?“ Es war ja zum Lachen.
Es war also nichts! Wir waren wieder draußen. Ich fuhr zuerst gegen meinen Vetter los: „Auch keine Spur von Ähnlichkeit!“ Und mein Vetter: „Und er hat ja gar keinen Bruder!“ Also war die Sache klar. Mein Vetter überlegte, ob er noch heute wieder abreisen sollte, um seinem Vater in Neuyork das erneute Mißgeschick mitzuteilen, um eine Enttäuschung reicher. Armer Onkel! Aber wir beschlossen, den Abend doch noch gemeinsam zu verbringen, und erst anderntags um Mittag wollte mein Vetter nach Neuyork zurückfahren.
Als ich an diesem Abend schließlich in mein Logis zurückkomme, heißt es, ein Fräulein aus Boston sei dagewesen von einem Herrn Dr. med. N. und habe nach mir gefragt, sei aber, da ich nicht da war, unverrichteter Sache wieder gegangen! Nach einer halben Stunde klingelt auch schon das Telephon: Herr K. N. aus Boston! Er läßt die beiden Herren bitten, wenn möglich, morgen Vormittag doch noch einmal bei ihm vorzusprechen! — Donnerwetter! Also doch etwa ein Onkel? Aber es war ja unmöglich! Er hatte ja keinen Bruder! Und es war doch auch keine Spur von Ähnlichkeit zu sehen .... Oder wollte er uns nur noch einmal sprechen, da unsre Unterhaltung etwas reichlich kurz und schnell gewesen war?
Ich konnte kaum den nächsten Vormittag erwarten. Dann fuhren wir wieder hin, klingelten und wurden diesmal gleich in den Familiensalon geführt. Das war sonderbar! Herr Dr. N. erschien, trat sofort auf mich zu und sagte wörtlich: Mein lieber Herr B., Ihr Vater hieß mit Vornamen soundso, ist im Jahre 18.. geboren, lebte in Bremen und hatte zwei Schwestern, die hießen B. und A... Ich war sprachlos vor Staunen, als hätte mich ein Donnerschlag gerührt. „Woher wissen Sie das?“ rief ich, „sind Sie ein Wahrsager und Hellseher oder haben Sie telepathische Fähigkeiten?“ „Nichts von alledem,“ gab der Doktor zurück, „aber als Sie gestern aus meinem Hause gingen, sah ich Ihnen hinter den Gardinen nach. Sie drehten sich noch einmal um. Ich sah jetzt erst deutlich Ihr Gesicht. Ihr Gesicht, Ihr Gang, Ihre Art zusammen mit Ihrem Namen stellten mir auf einmal wie eine Vision deutlich Ihren Vater vor bald fünfzig Jahren in Bremen wieder vor Augen, der damals wohl etwa in Ihrem Alter war und Ihnen auf ein Haar glich, und damit tauchten auf einmal Welten der Erinnerung in mir auf, die längst in mir versunken waren. Ich werde Ihnen das alles noch erklären. Erst lassen Sie mich aber meine Frau hereinrufen.“ Er ging ins Nebenzimmer. Wir wußten uns vor Staunen gar nicht zu fassen. Also, er war unser Onkel!! Dann trat Frau Dr. N. herein, der wir uns vorstellten und die mit einem etwas auffallenden Akzent englisch sprach — deutsch war es jedenfalls nicht — und ihre „lieben Neffen“ herzlich begrüßte. Dann fuhr Doktor N., sich an meinen Vetter wendend, fort: „Ihr Vater — mein Bruder — heißt wohl mit Vornamen B .... Ich bin in der Tat der verschollen gewesene Bruder, ich bin wirklich Ihr Onkel, den Sie noch nie gesehen haben und von dessen Dasein Sie nichts wissen konnten, und Sie sind meine Neffen. Seien Sie uns herzlich willkommen!“
Wir wußten beide noch immer nicht, ob wir träumten, im Kino saßen, einen unglaublichen Roman hörten, in der Hypnose, Trance oder sonst was lebten, oder ob es alles Wirklichkeit war. Aber er wußte ja die Namen genau und die Daten. Es konnte gar kein Zweifel an der Echtheit des Onkels sein. Glücklicher Onkel in Neuyork! Wenn er das erfuhr! Aber wie war das alles nur möglich? Nun erzählte der neue Onkel weiter. Wir hatten uns alle indessen am offenen Feuerplatz des Kamins in bequemen Sesseln gemütlich niedergelassen und lauschten der unerhörten Mär: „Ich bin in der Not vor beinahe fünfzig Jahren,“ begann der Doktor, „aus Bremen fort aufs Schiff gegangen. Wir waren sehr viele Kinder. Vater hatte nicht für uns alle Platz. Und eine Schuldummheit kostete mir den weiteren Aufstieg. Ich schämte mich; Vater verstand mich auch nicht recht, da kam die Weltsehnsucht und Abenteurerlust über mich, wie es schon manchen Bremer und Hamburger Jungen gepackt hat. So ging auch ich fort in die Welt mit dem Entschluß, nicht eher etwas von mir hören zu lassen, bis ich etwas geworden wäre. Die Welt ist weit. Ich landete nach manchen Irrfahrten in Le Havre in Frankreich. Von dort kam ich nach Paris und trat als Schreiber bei einem Rechtsanwalt in die Lehre. Dem guckte ich allerlei Juristerei ab, lernte des Abends fleißig aus Büchern und faßte den Plan, wenn möglich, noch Jura zu studieren. Aber woher dazu das Geld nehmen? Da war der Suezkanal neu eröffnet. Das ist meine Chance, dachte ich, und ging nach Ägypten! Aber dort packte mich bald das gelbe Fieber, wochenlang lag ich bewußtlos zwischen Leben und Tod. Als ich wieder genas, kannte ich selbst mich kaum wieder. Alle Erinnerung war in mir wie ausgelöscht. Ich kehrte nach Frankreich zurück, trat wiederum bei einem Notar ein und wurde nach einigen wohlgelungenen Arbeiten sein Bureauchef, ja Assozié. An der Sorbonne legte ich juristische Prüfungen ab, heiratete meines Chefs einzige Tochter, meine liebe Frau — ich sah zu meiner neuen Tante, die lächelte, hinüber, also eine Französin! — und übernahm nach seinem Tod seine Praxis. Aber nach dem 70er Krieg war es für einen Deutschgeborenen schwer in Frankreich voran zu kommen. Ich siedelte deshalb nach Amerika über. Von dem Erlös der verkauften Praxis studierte ich hier in Boston an der Medical School Medizin und ließ mich schon vor über zwanzig Jahren in Boston als Arzt nieder. Unser Haus haben wir seit fünfzehn Jahren. Gestern, als ich Ihr Gesicht sah und in Ihnen — er meinte mich — wieder Ihren Vater wie einst vor mir sah, tauchte nach langer Zeit meine ganze Jugend wieder empor.“ Er schwieg. Auch niemand von uns wagte zu sprechen. Wunderbare Lebensläufe und Menschenschicksale! Tote schienen lebendig zu werden ...!
Nun wurden die Kinder hereingerufen, darunter ein artiges Fräulein trat ein — sie war es, die mich gestern in Cambridge zu treffen suchte — aber keiner von uns wußte zuerst, ob wir uns nun wirklich gleich als Vetter und Base betrachten sollten. Und bald flogen Telegramme nach Neuyork und nach Deutschland, und in wenigen Tagen lagen sich totgeglaubte und verschollene Brüder wieder in den Armen! Und ich mußte der Mittelsmann sein, von dem aus der Funke des Erkennens und Wiederfindens übergesprungen war! Mit diesem einen Ereignis hatte sich eigentlich schon meine ganze Amerikareise gerechtfertigt und gelohnt. Wie rund ist die Welt und wie klein!