Der Humor ist früher als die Dichtung. Das Humoristische umgibt ein Volk mit einer zweiten Hautlichkeit, die schon lange an ihm bemerkt wird, bevor das Volk selbst sie bemerkt. Der Don Quichotte im Spanier war früher als die Figur, die Cervantes bildete. Das Figaronaturell der Franzosen saß ihnen schon vor der Revolution im Beaumarchaistemperament. Mit Eulenspiegeleien und Münchhausiaden, mit Streichen und Abenteuern in Sagen und Anekdoten, entschädigten die Deutschen sich für ihre verlorene Wirklichkeit, ehe ihnen Jean Paul mit der Laterne des gravitätischen Kleinstädters den Nachthimmel einer kosmischen Komik entzündete, in der Endlichkeit und Unendlichkeit durcheinanderrannen. Ebenso fand der Humor in der russischen Dichtung seine Probleme bereits im russischen Leben vor: in jener grotesken Unvereinbarkeit eines asiatischen und eines europäischen Daseins, die durch die petrinische Kultur von Staats wegen überwunden werden sollte, während sie gerade von dieser Kultur geschaffen wurde, und die nun aus dem einzelnen Massen, der von Hause aus ganz Natur war, durch Dressur eine Karikatur machte, deren Widersprüche sich nicht auf das Kostüm beschränkten, sondern in der Seele fortsetzten.
Es war ein Humor, der zunächst in der Wirkung auf uns liegt. Peter der Große selbst ist als Gestalt der Geschichte von dieser Wirkung nicht frei. Schon seine große Reise ins Ausland, die Rußland in Europa berüchtigt machte, hatte die bekannten komischen schahhaften Züge. Und wenn er dann später seinen Russen die Bärte scheren ließ, wenn er nur rasierten Adel an seinem europäisierten Hofe duldete, andererseits aber sich als russischer Selbstherrscher nicht scheute, nach gewonnener Schlacht aus Freude über den Sieg seinen Soldaten im Lager höchsteigenbeinig einen Kasatschak vorzutanzen, dann waren dies Gegensätze, deren Humor in ihrer Naivität lag. Aber schon ein Menschenalter nach Peter wurde dieser Humor zum Symbol in einem Manne, der nicht mehr den Ernst Peters besaß, der die Pioniertradition, die Peter für Rußland hatte schaffen wollen, durch eine Scharlatantradition unterbrach und den Russen das Beispiel eines Schwindels hinterließ, der sich in öffentlichen Angelegenheiten an alles Russische heftete und bei dem Rußland sich immer am wohlsten fühlte. Der Mann war Potemkin.
Auch Potemkin hat eine Reise berühmt gemacht. Aber schon dadurch unterschied sich die Reise der Katharina von derjenigen Peters, daß Peter nach Europa ging, um zu lernen, Nützliches zu sehen, Erfahrungen heimzubringen, Katharina dagegen nach dem Neurußland ihres Potemkin nur gefahren zu sein scheint, um dem Günstling und Liebhaber die Gelegenheit zu dem großen Betruge zu geben, der seinen Namen mit allem russischen und menschlichen Scheinwesen dauernd verbinden sollte. Die Kulissen, mit denen Potemkin damals seiner Kaiserin ein reichbesiedeltes wohlhabendes glückliches Land vortäuschte, sind in Rußland nie gefallen. Ganze Gouvernemente wurden zu den Blendzwecken dieser Reise entvölkert. Bauern, Herden, Mensch und Vieh wurden an die Fahrstraße getrieben, über die der Reisezug kommen sollte. Höchste Zufriedenheit der Kaiserin war der Lohn für Potemkin. Tiefstes Elend der Bevölkerung war die Folge für seine Provinz. Doch dies war immer gleichgültig in Rußland. Am wohlsten fühlte Potemkin sich später als Satrap der Krim, in fanariotischen Launen und bei echtrussischer Unmäßigkeit, im Kreise von Mätressen und Musikanten, Schauspielern und Ballettänzern, und bei Gelagen, wo man ihn, den ordengeschmückten Mann, wie ein französischer Bericht der Zeit über ihn erzählt, nacheinander einen Schinken, eine gesulzte Gans und drei Hühner, dazu durcheinander Met, Kwas und allerlei Wein vertilgen sehen konnte. Und doch war auch dieser slawische Gargantua nicht ohne die grübelnden und unberechenbaren Anwandlungen des echten Russen, war bei aller fetten Gewöhnlichkeit ein sehr zusammengesetzter Mensch. Wie ein orientalischer Großkönig konnte er fragen: Wer ist glücklicher als ich? Aber wie ein dekadenter Bojar erhob er sich gleich darauf, nahm ein köstliches Porzellan in die Hand, sah es hamletisch an und – warf es in Scherben, um eilends davonzugehen und für Stunden sich einzuschließen. Sein Hirn war unzufrieden vor Plänen, die sich nicht verwirklichen ließen. Er selbst war, ewig genießend zwar, aber auch ewig unternehmend. Als dann die politische Not herandrängte, wurde er freilich sehr klein. Im Türkenkriege wollte er die eben eroberte Krim gleich wieder herausgeben. Und während der Schlacht sah man ihn zagend und jammernd auf dem Erdboden hocken. König von Dakien ist er nie geworden. Er starb banal, an einem Schlagflusse.
Potemkins Seele jedoch flog über dieses ganze russische Volk, und als Gogols Held auf einer dritten russischen Reise, die in der Welt berühmt geworden ist, durch das weite Land fuhr, um tote Seelen zu kaufen, da stieß er überall auf Potemkin. Käufer und Verkäufer, Schwindler und Beschwindelte, Ausbeuter und Ausgebeutete: sie alle waren Potemkin. „Es gibt Menschen,“ sagt Gogol einmal, „die auf der Welt nicht als eigene Wesen vorhanden zu sein scheinen, sondern als Pünktchen oder Fleckchen auf anderen Wesen.“ Alle Russen, denen Gogol auf seiner Reise begegnete, alle die Büttel und Beamte der Autokratie und Bürokratie, alle die Verdorbenen durch Korruption, durch Betrügen und Betrogenwerden, schienen aus dem einen großen Kadaver Potemkins hervorgekrochen zu sein und sich wie Pünktchen und Fleckchen, die in jedes russische Dorf, in jede russische Kreisstadt getupft waren, über Rußland zu verstreuen. Ganz Rußland bekam Potemkincharakter. Und auch die russische Dichtung, der Humor, mit dem in ihr Rußland sich selbst erkannte, bekam diesen Potemkincharakter.
Puschkin besang freilich den Helden, den ritterlichen Jüngling. Doch Gogol meinte, daß es ein Gelächter gebe, welches sich würdig mit den höheren, den lyrischen Regungen des Menschen vergleichen lasse und weit entfernt von den Sprüngen eines gewöhnlichen Lustigmachers sei. Er fand es billig, Freskocharaktere und Romanzeronaturelle zu skizzieren, Heroen mit flammenden Augen, hängenden Brauen, einer gefurchten Stirn und einem über die Schulter geworfenen Mantel. Deshalb wählte er das Alltägliche, an dem ein gleichgültiger Blick vorüberzuschauen pflegt, und suchte es mit seinen feinen und verborgenen, fast unsichtbaren und doch so eigentümlichen Zügen zu erfassen. Er tat es gleichwohl mit Drastik, mit einer Bildkraft, die so sicher wie neu war, mit einer Handschrift, die das russische Land, in dem alles in größerem Maßstabe erscheint, die Wälder und Steppen wie die Gesichter, Lippen und Füße, in einem breiten und weiträumigen und doch wieder dichten und menschenerfüllten Bilderbogen zusammenfaßte, volklich, holzschnitthaft und handbemalt. Er sagte einmal: „Es gibt bekanntlich Gesichter, deren Verfertigung der Natur nicht viel Kopfzerbrechen gekostet und zu denen sie gar keine feineren Instrumente, als da sind Feilen, Bohrer und Zangen, gebraucht zu haben scheint, Gesichter vielmehr, die wie mit der Axt gehauen sind, so daß auf einen Schlag vielleicht die Nase entstand, auf einen anderen das Auge, der Mund usw.; ohne Hobel anzulegen, schickte die Natur sie dann in die Welt, indem sie ausrief: Gehet hin und lebt!“ Gogol tat wie die Natur, solange es den Umriß galt, aber er gebrauchte gar viele Feilen, Bohrer und Zangen, sobald er das Allzumenschliche hineinkerbte. Er hatte wohl die Mitleidlosigkeit, russische Bauern wie Klötze hinzustellen, mit Köpfen wie Brote, mit Bärten wie Holzkeile, oder auch die Liebenswürdigkeit, einmal ein slawisches Mädchenoval mit einem frischen Ei zu vergleichen, dessen durchsichtige Weiße die sorgfältige Wirtschafterin durch das Sonnenlicht betrachtet. Aber sein größerer Vorwurf war die russische Provinzgesellschaft potemkinischer Herkunft mit ihren zweifelhaften Zwischengestalten, die in unzähligen Exemplaren vorkommen und von denen eine jede ein Original ist. Hier verband sich im Leben die Einfalt mit der Geriebenheit. Und hier gehörte in der Dichtung zur Kontur die Nuance.
Um die russische Erbsünde am russischen Menschen zu strafen, wählte Gogol keinen Tugendhelden, sondern einen Spitzbuben. Er umgab ihn mit seinesgleichen und belebte den patriarchalischen Hintergrund Rußlands mit den fatalen Gestalten seines Realismus. Gogols Kenntnis des russischen Menschen wurde zur Erkenntnis des russischen Schicksals. Er sprach von den Eigenschaften der Rasse, sprach von seinen Landsleuten, die nie etwas erreichen, weil sie schon gleich, wenn sie anfangen, völlig befriedigt sind und daher alles getan glauben und sich fürder gehen lassen. Er sprach auch davon, daß der russische Erfindungsgeist, mochte innerlich jeder Russe noch so „nach Fortschritt lechzen“, immer nur durch Druck zur Tätigkeit angetrieben werden könne. Er machte sich lustig über die Reformer aller Art, zeigte in dem Versuch jeder Ordnung das Verhängnis ewiger Unordnung auf und gab an einer grimmigen Stelle in den „Toten Seelen“, an der er ein russisches Landgut schilderte, das nur aus Büros und Ressorts, Zentralen und Filialen, Plakaten und Avisen bestand, die Karikatur aller Organisationsversuche in Rußland. Den Grund dieser Leidigkeit aber fand er dort, wo der Russe die Ordnung und die Organisation, die das Gegenteil des Chaos sind, das er in sich trägt, in der Vollendung suchen zu können glaubt: in den Einflüssen des Westlertums, Europas. Er fragte, ob es nicht ärgerlich sei, so sehen zu müssen, wie der Charakter des Russen durch Bildung verstümmelt werde: „denn die sogenannte Humanität erzeugt, wenn sie zur Manie wird, doch nur Don Quichotte“. Organisiert erschien in Rußland lediglich die Korruption: sie ist die Gesamtfunktion des Staates, wie sie das Lebensmotiv des Einzelnen ist. Gogols letzter menschlicher Rat für Rußland war ein Lob des Landlebens, als der letzten Stätte russischer und menschlicher Reinheit: dort, auf dem Lande „gibt es im Leben des Menschen keinen leeren Raum, dort geht der Mensch eins und einig mit der Natur, mit den Jahreszeiten, und nimmt Anteil an allem, was sich in der Schöpfung vollzieht“. Sein letztes geistiges Wort an Rußland aber war ein Gebet zu Gott: „ergreift irgendeine Beschäftigung, ergreift sie so, als ob ihr das, was ihr tut, für Ihn und nicht für die Menschen tätet!“
Dostojewskis erstes und letztes Wort war dagegen der Mensch, war Gott um des Menschen willen, Gott und Mensch in Verbundenheit. Das unterscheidet ihn von Gogol, mit dem er als Russe den Konservativismus, das Leben aus der Urzelle teilte, und als Dichter das Problem Rußlands, die Korruption im Russentume, die Korrumpierung des russischen Menschen durch Bildung, durch Westlertum, durch das petrinische Phantom. Von der tragischen Schuld, die der Russe damit für Rußland auf sich geladen hatte, befreite er ihn in seinen großen Romanen, in der apokalyptischen Epik, die sich in den „Brüdern Karamasoff“ zum Berg der Läuterung türmte. Ein Inferno, eine Messe des schwarzen Terror, machte er daraus in den „Dämonen“, in denen der Politiker Dostojewski, der immer gegen das Zeitliche das Ewige setzte, die revolutionäre Ideologie in ihrer ethischen Untiefe und metaphysischen Verworrenheit bloßstellte. Und eine Groteske machte er daraus in einer so bizarren Erzählung wie dem „Gut Stepantschikowo“, in dem der Ironiker Dostojewski die russische Bildung, Unbildung, Halbbildung gleich einem Teufel austrieb.
Gogol blieb unversöhnt und unversöhnlich. Sein Lachen war wohl voll Verliebtheit in den Gegenstand, aber blieb voll Bitterkeit zum Leben, blieb, wie es boshaft war, böse zu den Menschen. Dostojewski dagegen legte in seinen Humor seine Liebe zu den Menschen, zu den Russen und Rußland. Der Humor war für ihn ein Mittler, um diese russischen Menschen, die im Leben vielleicht hassenswert genug erschienen, wieder liebenswert in der Dichtung zu machen. Die Komik hängte er ihnen nicht an, gleich einer Schelle, die immer und überall den Narren verrät, wie Gogol tat. Die Komik legte er in die Menschen nur hinein, als eine Versöhnung mit ihnen in jeder Lage, in die das Leben sie bringt. Gogol war mitleidlos, der unbarmherzige Charakterologe, der die Menschen in Typen hinstellt, und einem jeden, wie mit einem Zettel, einer Marke, einer Nummer, die er ihnen anheftet, seinen Steckbrief mitgibt. Der Psychologe Dostojewski dagegen löste noch eine Hülle mehr von den Menschen und legte ihre Seele bloß, die den Körper belebt, und selbst den Kadaver belebte, auch wenn er sie verdeckte.
Sogar der ewige Potemkin im russischen Leben war für ihn nicht nur Figur, sondern Mensch. Er kannte diesen Menschen mit allen seinen Schwachheiten, seinen sprunghaften europäischen Anstrengungen, seinen ewigen russischen Unzulänglichkeiten. Er sagte einmal: „Für mich ist die höchste Komik – eine Tätigkeit, die niemandem nützt.“ Das war russisch, das war in Rußland beobachtet, wo die einzige bemerkenswerte Tätigkeit seit langem die bürokratische des Staates und die dilettantische einer Bildung waren, die beide diesen russischen Menschen nur verdarben, der vor allem auf sich selbst beruhen will. Aber die Gestalt, die Dostojewski dann aus diesen verdorbenen russischen Menschen machte, aus den schuldigen und den unschuldigen, war die Gestalt der Güte, die er zu ihnen empfand. Er hetzte dazu die Menschen durch alle ihre Menschlichkeiten, aber er hetzte sie nur so lange, bis er sie dort hatte, wo er sie haben wollte, wo er ihre Komik herausbekam, und er sie durch ihre Menschlichkeit rechtfertigen konnte. Dostojewski kannte diesen Weg zum Humor, der auch noch immer schmerzlich ist, und dennoch erlösend für den, der den Humor besitzt, wie für den, den er betrifft: „Humor,“ sagte er ein anderes Mal, „ist die Spitzfindigkeit eines tiefen Gefühls.“
Hinter diesem Gefühl lag bei ihm der Glaube an Rußland, an die Kraft, Jugend und Urgesundheit des russischen Volkes, das unzerstörbar ist und alle Potemkinaden der Aufklärung, der bürokratischen wie der literarisch-westlerischen, in innerer Unversehrtheit überdauert. Auch sein Humor war eine Form seiner russischen Religiosität. Im Humor der Völker mischen sich immer ein Menschliches und ein Seeliges, ein Empirisches und ein Transzendentes. Humor ist von jener Welt und äußert sich doch in dieser. Eine Liebe fällt aus dem Himmel auf die Erde, ein Lachen auf das Leid. Ja, so tief im Seelischen, in der Herzlichkeit der Dinge, die sind, und des Menschen, der sie anschaut, ist der Humor der Russen verwurzelt, daß er selbst dort, wo er zur Satire wird, sich zu entschuldigen und mit allem, was Anlaß zur Satire gibt, zu versöhnen sucht. Was dieser Humor gibt, mittelbar bei Gogol, unmittelbar bei Dostojewski, das ist in der Form einer großen Versöhnung mit Rußland eine große Entschuldigung Rußlands. Auch Dostojewski, der große Leidende für den russischen Menschen in jedwedem Menschen, nahm nur die Überlieferung auf, die sich fast von den Reformen Peters an durch die Literatur Rußlands gezogen hatte. Damals war zum ersten Male die Schicksalsfrage des Russentums gestellt worden: Europäertum oder Asiatentum? Fremdkultur oder Eigenkultur? oder, wie sie später formuliert wurde, Anschluß an die Partei der Westler? oder an die der Slawophilen? Und nicht müde war man von da an geworden, von Kantemir bis Vonwisin und Gribojedoff, den Konflikt in dieser Frage in Satiren auszutragen. Dann wurde die Korruption das tragikomische Thema Gogols, des „Revisors“ und der „toten Seelen“. Die Korruption war das moralische Nebenproblem des geistigen Grundproblems: wie kommt Rußland wieder zu sich selbst, auf daß es von sich selbst erlöst werde? Diese Frage wurde das zentrale Lebensproblem, das Dostojewski in Rußland vorfand und das über die russische Gesellschaft hinaus den russischen Menschen anging. Um dieses Problemes willen zog Dostojewski aus, um lebende Seelen zu kaufen. Und niemals wurde es ihm klarer als damals, da er aus Sibirien heimkehrte, aus der Einsamkeit in die Gesellschaft zurücktrat. Da sah er seines Volkes große und kleine Laster, sah seine Häßlichkeiten, und in den Häßlichkeiten seine geheime Schönheit, aber auch seine offenbare Lächerlichkeit. Er, der ein Dichter war, weil er ein Dulder war, durchschaute mit einem Male die Halben und Leeren, die wandelnden Karikaturen der Literatur und der Politik, die Poeten und Nihilisten, die Emanzipierten und Bildungsphilister. Er wurde nicht wahnsinnig über dieser verrückten Welt, wie Gogol über seiner verdorbenen geworden war. Er fand in der Tragik die Schuld, und im Humor immer noch die Entschuldigung der Menschen: Rußlands.
M. v. d. B.