Zweiter Abschnitt.
Die Forschung.

Die Heiligenmemorie, noch ein Erzeugnis des römischen Geistes, war als litterarische Gattung erstarkt und ausgebildet, bevor die junge fränkische Kultur diesen geistigen Betriebszweig übernahm und einstweilen als den einzigen ihr litterarisch möglichen weiterpflegte. Blieb nun aber wirklich die Kenntnis von den Heiligen auf die Aufzeichnung unmittelbarer persönlicher Erinnerung beschränkt? Wie, wenn man der Erinnerung mit den Mitteln gelehrter Erkenntnis nachträglich aufhalf und so die Lücken der persönlichen Befangenheit überwand? In der That stellt sich die Fortbildung der Heiligenlitteratur im merowingischen Zeitalter, ideal betrachtet, unter diesem Gesichtspunkt dar. Nicht nur Gregor von Tours, sondern auch einige vor und nach ihm haben sich dem Bann eines einzelnen Heiligen entzogen und ganze Gruppen beschrieben.

Um indessen der Hoffnung auf eine Bereicherung unserer heutigen Erkenntnis vorzubeugen, sei eine Erwägung allgemeiner Natur vorausgeschickt. Erst unsere Zeit hat es zu einer Wissenschaft gebracht, die unter Verzicht auf die eigenen Wünsche nur den Gesichtspunkt sprechen läßt. Alle frühere Wissenschaft ist sozusagen egoistisch. Sie gründete sich auf ein persönliches Interesse, um dessentwillen der Gegenstand studiert wurde. Die Ergebnisse einer solchen Forschung werden nun in dem Maße als Quellen brauchbar sein, als die Gesinnung, in der sie verfaßt wurden, rein und lauter war. Je mehr aber die unmittelbare Liebe zum Gegenstand durch fremde Zwecke abgelenkt wurde, desto verdächtiger wird dann auch das Zeugnis. Wir haben feststellen müssen, daß die Memorie ihrem Wesen nach nicht im Stande ist, eine Figur zeitgeschichtlich aufzufassen, aus dem natürlichen Grunde, weil der Erzähler selbst in dieser Zeit mitten drin steht und daher nicht über sie hinaus zu sehen vermag. Wir durften das feststellen in einer Zeit, da sich Psychologie und Chronologie zum biographischen Kunstwerk verbunden haben. Aber eben das bewahrt uns davor, in der Forschung, wie wir sie damals neben der Memorie und aus ihr heraus erwachsen sahen, einen Fortschritt im Sinne einer Bereicherung unserer Kenntnisse zu erblicken. Vielmehr wird es im folgenden unserer Weisheit letzter Schluß sein, daß damals die Memorie nach wie vor der eigentliche Kern der historischen Treue bleibt und daß jeder Betrieb der Forschung durch Gelehrte die Ueberlieferung öfter getrübt als geklärt hat. Je mehr und je reineres persönliches Andenken vorliegt, mag es an sich noch so befangen sein, desto wertvoller ist und bleibt das Zeugnis. Nachträgliche Forschung dagegen kann uns höchstens als Ersatz für die nicht mehr mögliche Erinnerung willkommen sein, so lange nicht geradezu ein wissenschaftliches Werk im heutigen Sinn erwartet werden darf, das dann allerdings eben die Entfernung vom Gegenstande sich zum Vorteil wendet durch das freie und liebevolle Verständnis des Helden aus Zeit und Umgebung heraus.

Wie alle geschichtlichen Anfänge, ist auch der Anfang des spezifisch merowingischen Heiligenlebens unserer Kenntnis entzogen. Trotz vereinzelter Spuren, daß es vor Fortunat und Gregor merowingische Heiligenschreiber gegeben hat, ist sicheres darüber nicht auszumachen. Immerhin mögen einige dieser Schriften nicht streng memorienhaften Charakter getragen haben, sondern eher aus einer Art Annalistik hervorgegangen sein oder sich direkt an die Form der alten römischen Protokolle eines Märtyrerprozesses angelehnt haben. So überrascht in einem durch Gregor uns aufbehaltenen Fragment einer Saturninspassion [075-a] das präzise Datum: »Unter dem Konsulat des Decius und Gratus« — nie hat sich etwas dergleichen in einer Memorie blicken lassen. Mit dieser Schrift fällt auch die alte Julianspassion unter eine litterarische Rubrik, die sich, der ›Vita‹ entrückt, unzweideutig als Abkömmling der römischen Märtyrerakte zu erkennen gibt [075-b]. Allem nach war auch jene Schrift über den Todeskampf des arvernischen Märtyrers Liminius eine Passion [075-c], wie auch für Vincenz von Agen und Genesius von Bigorre solche verzeichnet werden [075-d]. Die Passion des Felix von Nola hatte Gregor nicht zur Hand, als er aus ihr schöpfen wollte [075-e]. Ein altes Symphoriansleiden dagegen, auf das er sich beruft, ist auch uns noch erhalten, ebenso vielleicht seine Ferreolus- und Ferruciuspassion [075-f]. Von diesen ›Leiden‹ unterscheidet Gregor zehn Heiligenleben: die darin beschriebenen Männer sind Remigius, Patroklus, Hilarius, Maximus, Symeon, Romanus, Bibianus, Marcellus, Medardus, Albinus [075-g]. Das Albinsleben bezeichnet er als von Fortunat und das Maximusleben als in Versen verfaßt. Da jedoch aus solchen zerstreuten Andeutungen nicht klug zu werden ist, greifen wir eine andere Folge von Spuren auf, die uns unmittelbar zu Venantius Fortunatus und damit zum festen Ausgangspunkt unserer Erörterungen hinführen.