Nicht so glimpflich kam die Kirche bei König Chlothar weg. Er besaß noch mehr als seine Brüder die ungeschwächte Rasse des Merowingerblutes. Ein ganzes Drittel aller Kircheneinkünfte erhob er als Staatssteuer. Als aber der Bischof Injuriosus von Tours den Mut besaß, sich zu weigern und Chlothar ins Gesicht sagte, als König, der die Armen nähren sollte, sich vom Elend zu bereichern, sei schändlich, da wurde Chlothar angst, weil es der Bischof von Tours war und hinter ihm Sankt Martin stand; er milderte seine Verfügung und schickte Boten und Geschenke. Als aber das Jahr darauf Injuriosus starb, baute der König vor und sorgte für die Wahl eines gefügigeren Inhabers des Stuhles von Tours in der Person seines Haushofmeisters Bauduin [113-e]. Als er nach Childeberts Tode wieder das ganze und vermehrte Frankenreich in seiner Hand vereinigt hatte und unter den entsetzlichsten Frevelthaten alt geworden war, begab er sich im einundfünfzigsten Jahre seiner Herrschaft mit vielen Geschenken zu der Schwelle des heiligen Martin nach Tours. Hier ging er noch einmal alle die Handlungen, in denen er etwa möchte gesündigt haben, durch und flehte unter vielem Seufzen, der heilige Bekenner möge ihm Verzeihung vom Herrn erwirken und was er unbesonnen gefehlt habe, durch seine Vertretung wieder gut machen. Noch im selben Jahre 561 wurde er auf der Jagd im Forst von Cuise vom Fieber befallen und sofort nach Compiegne gebracht. In seinen Fiebern sagte er immer wieder: »Weh! Wie groß muß der himmlische König sein, daß er so mächtige Könige so elend umkommen läßt.« Seine vier Söhne brachten den toten Vater unter vielen Ehren nach Soissons und beerdigten ihn in der Kirche des heiligen Medard, die er selbst noch zu bauen begonnen hatte und die dann sein Sohn Sigibert prächtig vollendete [114-a]. Für das Christentum hatte Chlothar nur Verständnis gehabt, sofern es sich als Macht äußerte im Sinne dessen, was er, der rücksichtslose Gewalthaber unter Macht verstand: wenn der heilige Martin donnern oder brennen oder sterben ließ oder wenn ein Kirchenfürst wie Germanus von Paris ihm an soldatischem Mut und an Unerschrockenheit überlegen dünkte. Chlothars Söhne stellten sich zur Kirche verschieden; doch hatte sich, ihnen allen gemeinsam, gegenüber den Zeiten ihres Großvaters Chlodowech das Niveau für die Beziehungen eines fränkischen Königs zu den Heiligen gänzlich verändert. Die anfangs noch sehr knapp bemessenen Herrscherrechte Chlodowechs gegenüber seinen Franken nahmen sich angesichts der militärischen Hierarchie der gallischen Kirche kärglich aus. Das war nun anders geworden. Die monarchische Gewalt der Frankenkönige wuchs in Bälde mit der raschen Ausdehnung des Reiches. Die kirchliche Gegenbewegung war der allmähliche Zerfall der Metropolitangewalt und damit die Lockerung der festen Organisation, in der die Macht des katholischen Christentums bis jetzt beschlossen lag. Doch glich ein anderes Kräftepaar dieses Uebergewicht des Königtums fast ganz aus: die Könige hatten durch das Beispiel beständiger großartiger Stiftungen dem Episkopat und den Klöstern zu Reichtum, und da es sich um ausgedehnten Grundbesitz handelte, zu Macht verholfen, wenigstens mittelbar gewiß auf Kosten der eigenen Einkünfte und Interessen. Die unruhigen Verhältnisse, die sich aus den Reibungen dieser Kräfte ergaben, wurden jedoch insofern nicht staatsgefährlich, als die kirchlichen Zwecke nicht außerhalb des Reiches lagen. Die fränkische Kirche war Landeskirche; sie war so aufrichtig patriotisch und königlich, als die Krone gut kirchlich und katholisch war [114-1]. Doch bildet dieses nur die grundsätzliche Unterlage: beim einzelnen Herrscher schlug die Eigenart durch, und da Gregor hier Zeitgenossen beschrieb, so ist jedes der vier Charakterbilder, wenn auch einseitig und sogar ungerecht, so doch scharf und ausdrucksvoll geraten.
Charibert von Paris regierte nur sechs Jahre und war ganz der Vater. »König Charibert«, so faßt Gregor sein Urteil über ihn zusammen [114-b], »haßte die Geistlichen, kümmerte sich nicht um die Kirchen, behandelte die Priester schlecht und folgte seinem Hang zu üppigem Leben.« Seinen gehäuften Freveln gegenüber rührte sich die Kirche nicht. Beförderungsintrigen der Bischöfe nahmen sie ganz in Anspruch. Leontius von Bordeaux verstieß auf einer Versammlung der Provinzialbischöfe den Emerius von Saintes aus seinem Bistum, weil dieser nicht auf kirchlichem Wege zu seiner Würde gelangt sei. Dieser hatte sich nämlich von König Chlothar einen Erlaß ausgewirkt, er solle, obwohl die Zustimmung seines damals abwesenden Metropoliten fehlte, doch geweiht werden. Nun sandten die von Saintes eine Abordnung an den König, an deren Spitze Heraklius, ein Priester von Bordeaux, eben der Kandidat für den gewaltsam erledigten Bischofsstuhl, stand. Er stellte sich dem König vor und sprach: »Sei gegrüßt, ruhmreicher König, der apostolische Stuhl sendet deiner Hoheit reichsten Segen.« Da sagte der König: »Bist du denn nach Rom gegangen, daß du mir einen Gruß vom Papste bringst?« Der Priester setzte ihm unter Windungen auseinander, er komme im Auftrage des Erzbischofs von Bordeaux und dessen Provinzialmitbischöfen, um die Zustimmung des Königs für die Kassation einer unkanonischen Bischofswahl einzuholen. Als jedoch Charibert den Königswillen seines Vaters mißachtet sah, brach der urgermanische Sippenstolz in ihm auf. Er knirschte mit den Zähnen und hieß den Bittsteller hinausschaffen, auf einen mit Dornen gefüllten Lastwagen werfen und in die Verbannung stoßen. »Meinst du«, rief er aus, »von den Söhnen Chlothars sei keiner mehr übrig, der die Thaten des Vaters aufrecht hält, da diese Kerle einen Bischof, den sein Wille eingesetzt hat, ohne unsere Erlaubnis vertrieben haben.« Er ließ den Emerius durch eine Delegation von Priestern wieder einsetzen und büßte den Leontius von Bordeaux um tausend Goldgulden, die kleineren Bischöfe entsprechend ihrem Vermögen. Als er nach dem Tode einer seiner Frauen sich herausnahm, ihre Schwester zu heiraten, die Kirchengesetze dagegen die Ehe mit der Schwester der früheren Gattin untersagen, wurde Charibert endlich, und nach mancherlei ungesühntem Ehebruch schwerster Art aus diesem geringfügigen Grunde, von Bischof Germanus in den Bann gethan. Bischof Eufronius von Tours hatte den Besuch, den er bei Hofe schuldete, immerfort aufgeschoben; auf die Vorstellungen seiner Leute hin, ein weiterer Aufschub könne unangenehme Folgen haben, ließ er den Reisewagen in Stand stellen und die Pferde anschirren, plötzlich jedoch zog er diesen Befehl zurück, weil der König nicht mehr am Leben sei. Eufronius scheint fernfühlig gewesen zu sein und auf telepathischem Wege den Hinschied Chariberts erfahren zu haben; später eintreffende Boten aus Paris nannten die Todesstunde: es stimmte [115-a].
Der andere der vier Brüder, der früh starb, Sigibert, ist nicht nur der beste von ihnen, sondern unter den Merowingern überhaupt eine rühmliche Ausnahme gewesen. Er war, um es bürgerlich zu sagen, ein anständiger Mensch. Die zügellose Weiberwirtschaft der andern mißfiel ihm. Statt auch eine Magd zu heiraten, freite er die westgotische Prinzessin Brunichilde, die seinetwegen katholisch wurde [116-a]. Aber nicht nur die eheliche Treue hat Sigibert gehalten, auch von der Simonie bewahrte er sich und sein Land, so lang er lebte. Die Versuchung dazu trat an ihn heran besonders bei der Besetzung des Stuhles von Clermont. Der Kandidat der städtischen Adelspartei kaufte von den Juden viele Kostbarkeiten und schickte sie durch seinen Verwandten Beregisil dem König, um so durch Bestechung zu gewinnen, was er Verdienste halber nicht zu erwarten hatte. Der König hielt jedoch zu dem Archidiakon Avitus, der ohne Versprechungen gemacht zu haben, siegreich aus der Wahl hervorgegangen war. Auch ein hohes Geldgeschenk des Grafen von Clermont, der damit Aufschub der Entscheidung erwirken wollte, schlug Sigibert aus; ja er umgab den rechtmäßigen Inhaber des Bistums nun auch mit seinem persönlichen Wohlwollen und hielt ihn so hoch in Ehren, daß er sich nun seinerseits über die Kirchenordnung hinwegsetzte und den Avitus in seiner Gegenwart zu weihen befahl. »Ich möchte«, sagte er, »aus seiner Hand das geweihte Brot empfangen«. Ihm zu liebe geschah es, daß Avitus in Metz eingesegnet wurde und nicht kanonischermaßen in seiner Provinz durch den Metropoliten [116-b]. Auch sonst kehrte sich Sigibert nicht an die Forderungen der Kirche, falls sie seinen politischen Willen im Wege standen. Er handelte nach dem Grundsatz, kein Teil seines Reiches könne einem fremden Bischof angehören und erhob so die Stadt Chateaudun zu einem eigenen Bistum, weil Chartres, zu dem sie gehörte, jenseits seiner Grenzen lag [116-c]. Die Sache der Heiligen besaß an ihm einen ihrer besten Schirmherrn, weil er Recht und Treue übte, aber da gerade dieser sein edler Sinn ihn mit Vorsicht von der landläufigen Frömmigkeit erfüllt haben mag, hat er sich aus den Geistlichen, sofern er nicht von Amtswegen mit Bischöfen zu thun hatte, nichts gemacht.
Chilperich war das gerade Gegenteil. Tugend ließ er Tugend sein und versuchte sich dafür höchst selber in Theologie. Wie keiner seiner Brüder zum Herrscher begabt, fiel er leider als Privatmann schlecht aus. Was ihn so abscheulich erscheinen läßt, ist das ekle Gemisch von tierischer Rohheit mit angelegentlichen christlichen Interessen. Von irgend welchen Grundsätzen ist bei ihm keine Spur zu entdecken, wie es überhaupt außerordentlich schwer hält, aus ihm klug zu werden. Auch war er an sich vielleicht zunächst gar nicht so verdorben gewesen und wurde es erst unter dem Einfluß seiner verworfenen, aber überaus schlauen Gattin Fredegunde, die durch ihr Unmaß im Laster dem Gatten förmlich zur Folie diente. Der sonst so milde und vorsichtige Gregor überschüttet ihn mit Haß und Verachtung [117-a]: »Der Nero und Herodes unserer Zeit hauchte seine schwarze Seele aus.« Zweifelsohne war Chilperich eine ausgesprochene Regentennatur mit ungewöhnlichem politischem Scharfblick und nicht geringerer Energie und Kraft im Interesse der Einheit und Ordnung des von ihm beherrschten Landes [117-1]. Freilich nichts weniger als ein Feldherr; alle seine persönlichen Versuche in dieser Richtung mißrieten. Als Diplomat dagegen besaß er eine erstaunliche Gewandtheit, Allianzen, die gegen ihn geschlossen waren, ohne Schwertstreich zu trennen, den eben noch drohenden Feind sich zu verbünden. Auch die Interessen des Staates gegenüber den Ansprüchen der Kirche wahrte er vielleicht unbefangener als irgend ein Merowinger. Die Gefahr, die in dem Anwachsen des Besitzes der toten Hand liegt, hat er klar erkannt: »Siehe, unser Schatz ist arm geblieben, unsere Reichtümer sind auf die Kirchen übergegangen, fast nur die Bischöfe regieren; unser Ansehen ist dahin und auf die Bischöfe der Städte übertragen«. Er kassierte Testamente, die zu Gunsten der Kirche errichtet waren, schritt streng ein, wenn sich die Geistlichkeit gesetzmäßigen Pflichten zu entziehen suchte und trieb von allen Kirchenleuten Bannbuße ein, die ihrer Heerpflicht nicht genügen wollten. Gelegentlich ermöglichte er auch einer Nonne das Heiraten [117-b]. Aber wenn ein wirklich überlegener Geist sich stets vor dem Mißbrauch seiner Uebermacht hüten wird, kennt Chilperich in seiner Willkür gegen die Kirche keine Grenzen. Standesmäßige Vorrechte der Geistlichkeit waren unter allen Umständen Luft für ihn. Ohne sich im Geringsten um Gemeindewahl in irgend einer Form noch zu kümmern, ernannte er fast alle Bischöfe und zwar mit wenigen Ausnahmen Laien, die erst nach der Ernennung sich die Priesterweihe geben ließen, sodaß nur ganz wenige Bistümer sich noch in den Händen von Theologen befanden. Synoden durften nur zusammentreten, wenn er es wollte und dann wurden nicht kirchliche, sondern seine eigenen Angelegenheiten verhandelt. So hat sich Chilperich mit der Befreiung von der Kirche nicht begnügt, sondern ist zu ihrer Unterdrückung fortgeschritten. Seine ungewöhnliche Intelligenz erlaubte ihm, sich auch zum geistigen Teile der kirchlichen Angelegenheiten unabhängig zu verhalten. Aber hier erscheint er nicht als kühler Freidenker, der gelassen über den Dingen steht, sondern als anmaßender Dillettant, der immer alles besser weiß. Seine rationalistischen Zweifel an der Dreieinigkeit Gottes entsprangen nicht eigenem Nachdenken, sondern wurden ihm durch einen spanischen Proselytenmacher eingeflößt; er wurde denn auch von Bischöfen, wie Gregor von Tours oder Salvius von Albi als Theologe überhaupt nicht ernst genommen, sondern als er sie zur Diskussion zwang, mit väterlicher Strenge ermahnt, die Hände von diesen Dingen zu lassen; weit entfernt, die Zunfttheologen auch nur im mindesten in Verlegenheit zu setzen, waren die Vernunftgründe noch weniger im Stande, den König selbst vor abergläubischen Vorstellungen zu emancipieren: er knirschte mit den Zähnen, weil Hilarius und Eusebius von Vercelli ihm in diesem Punkte zuwider seien und er sich also bescheiden müsse, um nicht die Rache der Heiligen im Himmel herauszufordern. Nicht vornehmer ist sein Verhalten im persönlichen Verkehr mit den Bischöfen: wenn er sie zur Tafel hatte, war sein Hauptspaß, beständig über seine Prälaten zu witzeln und einen um den andern an seinen Schwächen herzunehmen. Dennoch hielt er gelegentlich einen Kniefall vor denselben nicht unter seiner Würde, wenn das eben seinen Zwecken dienlich schien. Ueberhaupt war bei ihm von Geringschätzung der Religion an sich nicht die Rede, weil er sich in Person für ihren unübertrefflichen Träger hielt. Selbst geistliche Lieder und Meßgesänge hat er verfaßt; sie waren schlechterdings nicht zu gebrauchen. Er schrieb auch zwei Bücher in Versen nach dem Muster des Sedulius. Da er aber von der Quantität der Silben keine Ahnung hatte, hinkten seine Verse und paßten nicht ins Metrum. Er erfand neue Buchstaben, nämlich Θ für langes O, φ für den Umlaut Ae, Ζ für »The« und Δ für »Vi«; nicht nur sollte in allen Schulen des Reiches so unterrichtet, sondern auch die alten Handschriften mit Bimsstein radiert und darnach umgeschrieben werden; doch habe er mit diesem orthographischen Experiment so wenig Glück gehabt, wie Kaiser Klaudius, der seiner Zeit dem Alphabeth ebenfalls drei neue Buchstaben hinzugefügt hatte [118-a]. Auch Chilperichs Eifer zur Belehrung der Juden, mit dem er teils einzelne persönlich zu überreden suchte, teils gewaltsame Massentaufen veranstaltete und dabei nach Kräften höchstselber zu Gevatter stand [118-b], erklärt sich doch wohl am ehesten aus dem konfusen Eigendünkel des Königs. Wer an den bösen Blick glaubt und auch sonst den krassen Aberglauben der Zeit in keinem Stücke ernsthaft überwunden hat, darf bei aller scheinbaren Aehnlichkeit mit einem Aufklärer nicht ein Vorläufer moderner Humanität heißen. Chilperich stellt das Stammestemperament der Merowinger in besonders intensiver Ausprägung dar: ungezähmte Sinne, Bildungstrieb im Stadium kindlicher Neugier und eine glückliche Hand in allen Unternehmungen realpolitischer Natur.
Von Chlothars Söhnen überlebte Gunthram die andern um Jahrzehnte. War Charibert gegenüber der Kirche naiv brutal, Sigibert unabhängig vornehm, Chilperich nichtswürdig schlau vorgegangen, so war Gunthram aufrichtig und herzlich fromm, wenn auch ein wenig im einfältigen Sinne des Wortes. Er hat mit seiner kirchlichen Devotion ernstgemacht und seine Handlungsweise im allgemeinen danach eingerichtet. Immerhin lebte auch er, wenigstens in jüngeren Jahren durchaus mit mannigfaltigen Zugeständnissen an die niederen Sitten der Zeit. Der gute König Gunthram, erzählt Gregor in aller Unbefangenheit [119-a], nahm zuerst Veranda, die Magd eines seiner Leute, als Beischläferin in sein Bett auf. Nachher heiratete er Meroketrude, eine französische Herzogstochter. Als sie seinem unehelichen Sohne nachstellte und deshalb vertrieben wurde, erhob er Austrichilde zum Weibe und als nach dem Tode Chariberts Theudechilde, eine seiner Gemahlinnen, sich ihm aus freien Stücken anbot, nahm er dieser fast alle ihre Schätze ab und schickte sie als Nonne ins Kloster. Seine Schwäger ließ er köpfen und zog ihre Güter für den Kronschatz ein. Der Tod seiner beiden Söhne war dann der schwere Schlag. Seitdem ging er in sich, und wenn er auch schwach genug war, seinem trotzigen Weibe den auf dem Todbett von ihr geforderten Eid zu halten und ihre Aerzte hinzurichten, so zeigt sich sein gutes Wesen an seiner rührenden Fürsorge für seine Neffen. Den steigenden Anmaßungen des Adels hielt er wacker stand, wenn es auch nicht ohne Demütigungen für ihn ablief. Er war auch charakterfest genug, sich von Fredegunde, für die er eine Schwäche hatte, sich nicht ganz umgarnen zu lassen [119-b]. Mit den Bischöfen stand er in herzlichem Verkehr. Am Martinsfest in Orleans sagte er an der Tafel zu ihnen: »Ich möchte morgen in meinem Hause euern Segen empfangen und bitte euch darum. Euer Eintritt wird mir Heil bringen; nichts übles wird mir fortan geschehen, wenn über mich in meiner Niedrigkeit die Worte eures Segens geflossen sind«. Am andern Morgen, als der König die Stätten der Heiligen besuchte, um dort zu beten, kam er auch zur Avituskirche, wo die fremden Bischöfe einquartiert waren. Gregor von Tours ging ihm entgegen und bat ihn, daß er auf seinem Zimmer das gesegnete Brot des heiligen Martin brechen möchte. Der König trat gnädig ein, trank einen Becher, lud die Bischöfe wieder zur Tafel ein und ging fröhlich weiter. An diesem zweiten Festmahle, das der König den Teilnehmern des Reichskonzils gab, befahl er Gregor von Tours, er solle seinen Diakonen, der tags zuvor bei der Messe das Responsorium vortrug, nun wieder singen lassen und als dies geschehen war, wünschte er, jeder anwesende Bischof möge sich nun hören lassen unter dem Beistand der Geistlichen seiner Kirche, wenn es beliebe. So trat einer um den andern vor und sang so gut es ging vor dem Könige sein Responsorium als Tafelunterhaltung. Im weiteren Verlaufe der Mahlzeit wies der König auf eine schwere silberne Schüssel und sagte, er habe nur diese und eine andere aus dem Schatze des Mummolus behalten; fünfzehn habe er zerschlagen lassen und auch der Rest solle alles verteilt werden, um die Not der Armen und der Kirchen zu lindern. Zum Schluß benützte Gregor die gute Laune des Königs, um einige Edelleute, die wegen ihrer Parteigängerschaft mit dem Usurpatur Gundvald seine höchste Ungnade erregt hatten, wieder in Gunst zu setzen. Wohl besaß auch Gunthram ein gut Stück merovingischen Jähzorns; aber klug beigebracht, führten geistliche Eigenschaften bei ihm immer zum Ziele. Als der König gegenüber zwei Grafen unversöhnlich schien, nahte ihm Gregor mit den Worten: »Siehe, ich bin von meinem Herrn als Bote zu dir gesandt und was soll ich dem, der mich gesandt hat, antworten, wenn du mir keine Antwort erteilen willst«. Da stutzte Gunthram: »Und wer ist denn dieser dein Herr?« Gregor lächelte: »Der heilige Martin hat mich gesandt.« Darauf befahl der König, die Männer ihm vorzustellen. Als sie vor ihn traten, warf er ihnen zwar ihre Treulosigkeit und ihren Eidbruch vor, nannte sie wiederholt schlaue Füchse, nahm sie jedoch wieder in Gnaden an und gab ihnen die Güter, die ihnen entzogen waren, zurück. Aehnlich erweichte er sich gegenüber einem Bischof, dem er zürnte, für den aber dessen Mitbrüder Fürsprache einlegten. Auch sonst hat Gunthram im Bann eines Heiligtums seinen Zorn besänftigt und Gnade für Recht walten lassen; ja sogar einen Attentäter, der ihn in der Marcelluskirche zu Châlons hatte erstechen wollen, ließ er nicht hinrichten; denn er hielt es für unrecht, einen zu töten, den man mit Gewalt aus einer Kirche geschafft habe [120-a]. Nur den Juden gegenüber empfand Gunthram eine unüberwindliche Abneigung; als sie sich in Orleans an der allgemeinen Huldigung ostentativ beteiligt hatten, äußerte er bei Tisch: »Weh über dies Volk der Juden; es ist schlecht und treulos und immerdar arglistigen Herzens. Darum sang es mir heute Loblieder voll Schmeicheleien, damit ich die von den Christen zerstörte Synagoge auf Staatskosten wieder bauen ließe. Aber der Herr will dies nicht, und nimmer werd ich es thun.« Alter und schwere Familienkatastrophen hatten Gunthrams gutmütige Natur so zu verinnerlichen gewußt, daß ihm mit dem Christentum persönlich ernst war und er sein Leben darnach einrichtete. Er gab Almosen in Fülle und hielt an im Gebet und im Wachen. Während der Pestzeit überdachte er gleich einem guten Bischof die Mittel, durch die dem Leiden des sündigen Volkes zu steuern sei: er richtete Bettage ein und verbot, etwas anderes als Brot und Wasser zu sich zu nehmen. Er selbst ging mit seinem Beispiel im Wachen und Beten allen voran. Was Wunder, daß er dem einfachsten Volk für heilig galt. In gläubigen Kreisen erzählte man sich, ein Weib, deren Sohn vom Viertagsfieber geplagt werde und schwer darnieder lag, habe sich im Volksgedränge dem König von hinten genähert und heimlich einige Fransen von seinem Königsmantel abgerissen, sie in heißem Wasser abgebrüht, ihrem Sohne eingegeben und mit dieser Medizin sofortige Heilung erzielt. Auch die bösen Geister, die sich Gunthram unterwarfen und seinen Namen anriefen, konnten vor seinem Gericht nicht stand halten und bekannten ihre Frevelthaten.
Von dem andern, dem wirklich heiligen Mitgliede der Königsfamilie in jener Zeit, von der heiligen Radegunde in Poitiers, gibt Gregor kein rundes Lebensbild. Wozu Fortunat am Zeuge flicken? Dagegen teilt er wichtige Urkunden Radegundens zum Bau des Heiligenkreuzklosters mit [121-a] und schildert schlicht und ergreifend seinen Besuch an ihrem Todbette [121-b]: »Mir war schwer ums Herz; ich hätte weinen müssen, hätte ich nicht gewußt, daß Radegundens heilige Kraft uns bleiben werde«.
Seine ganze Frankengeschichte aber hat Gregor verfaßt, um zu zeigen, daß man nur durch die Fürbitte der Heiligen gerettet werden könne.