Wie universal und vielseitig der wackere Gregor von Tours bei aller Befangenheit gewesen war, zeigt sich erst bei einem Blick auf seine Nachfolger. Da ist überhaupt nur hie und da einer, der sich in bescheidenem Maße als Forscher erweist und mehr als einen Heiligen behandelt. Die übrigen bewegen sich alle in den Schranken der Memorie. Doch da dies, wie wir sahen, für unser Wissen an sich durchaus keine Einbuße bedeutet, können wir an diesen späteren Produkten um so weniger vorübergehen, als nun die sociale Stellung der Heiligen sich beträchtlich verschoben hat und es sich um Männer handelt, die an den großen zeitgeschichtlichen Ereignissen einen bedeutenden Anteil nehmen. Nur zur kleineren Hälfte sind sie die strengen Vertreter des alten mönchischen Heiligenideals; vielmehr nehmen manche von ihnen an den Welthändeln in einem Maße teil, das ihr Recht, sich jenen hingebenden und gottesfürchtigen Gestalten beizuzählen, doch etwas in Frage stellt.
Schon unter den Frankenkönigen hatten sich einige, so Charibert, besonders aber Chilperich, als lateinische Schriftsteller versucht. Und nun ist es ein germanischer König, der zuerst nach Gregor als Verfasser eines Heiligenlebens auftritt. Sisebutus saß während der Jahre 612 bis 620 auf dem westgothischen Thron. Er war der Mäcen des berühmten Encyklopädisten Isidor von Sevilla und liebte es, aus seinem Palast oder aus dem Kriegslager diesem gelehrten Freunde gelegentlich lateinische Verse zu senden. Er war zudem ein eifriger Katholik, der die Arianer und Juden nicht nur haßte, sondern auch verfolgte. Wenn nun er den Namen des unglücklichen Bischofs Desiderius von Vienne litterarisch verewigte, so thut man wohl, von einem solchen Urheber alles, nur keine unparteiische Schilderung zu erwarten: in der That schreibt Sisebut, »um die Mitwelt anzuspornen und die Nachwelt zu erbauen«. Alles Licht teilt er seinem Helden zu und dessen Feinden allen Schatten. Daß die Königin Brunichilde der gehässigsten Verleumdung anheimgefallen ist, darf man dem Verfasser um so weniger verzeihen, als die Königin eine westgothische Prinzessin und zur Zeit, da der ihr verwandte Fürst schrieb, bereits ihrer tragischen Hinrichtung verfallen war. Mit mehr Recht mag ihr Urenkel Theuderich II als dumm und falsch hingestellt sein. Im übrigen ist das Desideriusleben, zumal wenn man die ungewöhnlichen Personalien des Schriftstellers gebührend in Anschlag bringt, eine höchst respektable und wertvolle Leistung; auch muß bedacht werden, daß Sisebut in seinen Erkundigungen auf Gerüchte und Aeußerungen der öffentlichen Meinung angewiesen war. Das Leben nun, das er uns schildert, hat folgenden Verlauf genommen [122-2]: Desiderius entstammte einem altgallischen Adelsgeschlecht. Er war dem geistlichen Stande bestimmt und wissenschaftlich gebildet, hatte auch Unterricht erteilt und mehr als einen Ruf auf einen Bischofssitz ausgeschlagen, als er höherem Drängen nachgebend den Stuhl von Vienne bestieg. Er wurde schöngeistiger Neigungen verdächtigt, schlimmer aber war die im Jahre 602 auf der Synode von Chalons gegen ihn erhobene Anklage, mit einer Edelfrau namens Justa sich vergangen zu haben. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Hofintrige. Desiderius wurde nach der Insel Livisio verbannt. Bei seiner Absetzung war Brunichilde noch nicht beteiligt. Dagegen unterstützte sie auf das Betreiben des Aredius von Lyon die Wahl des Domnolus nach Vienne. Bald darauf wurde Brunichildens rechter Arm, der Majordomus Protadius zu Kiersy an der Oise, in einer Lagerrevolte des fränkischen Dienstadels ermordet. Um dieselbe Zeit starb Justa. Der junge König und seine Urgroßmutter erschracken und lenkten ein. Desiderius war mutig und unvorsichtig genug, die für ihn günstige Wendung zur Rückkehr zu benutzen. Doch überwarf er sich bald mit den königlichen Machthabern. Wahrscheinlich hat auch diesmal wieder Aredius von Lyon gehetzt. Das Urteil lautet auf Uebertretung des königlichen Bannes, auf Bruch der Vasallentreue, also auf Hochverrat. Dafür war bei den Germanen Steinigung die übliche Strafe. Die Henker rissen ihn aus der Kirche. Es gelang ihm den Steinen auszuweichen, dann wurde er mit einer Keule erschlagen, vielleicht am 23. Mai 607. An seinem Grabe stellten sich die üblichen Wunder ein.
Auch ein bischöflicher Kollege des Desiderius im Norden des Reichs hat einen zeitgenössischen wenn auch anonymen Beschreiber seines Lebens gefunden. Bischof Gaugerich von Cambrai [123-1] ist Zeit seines Lebens nach keiner Seite hin irgendwie hervorgetreten. Er wurde um die Mitte des sechsten Jahrhunderts geboren, den Romanen Gaudentius und Austadiola, in dem alten Kastell Yvois oder Ipsch, das an der Straße von Reims nach Trier liegt. Dort gab es zu jener Zeit noch Heiden. Der Ort hatte jedoch seine Kirche und seinen Priester, der zugleich einer Schule vorstand. Die kanonischen Satzungen fordern, daß der Bischof zeitweise seine Diözese bereise, um die für den geistlichen Beruf tauglichen Knaben auszuwählen und zu ordinieren. Auf einer solchen Reise kam Bischof Magnerich von Trier auch nach Eposium. Unter den Schülern wurde ihm Gaugerich als der für ein Kirchenamt geeignetste vorgestellt. Nicht bloß seine Kenntnisse und seine anhaltende Beschäftigung mit der heiligen Schrift, auch seine Führung empfahlen ihn hiefür: auf das Glockenzeichen eilte er zuerst zur Kirche und wenn seine Mitschüler speisten, fastete er oft, um seine Speise den Armen geben zu können. Hiezu kamen seine vorteilhaften äußeren Eigenschaften, insbesondere sein stets heiterer Gesichtsausdruck. Ganz von ihm eingenommen, weihte ihn der Bischof durch Auflegen der Hände für den geistlichen Stand. Der Bischof versprach ihm die Diakonatsweihe, wenn er bei seiner Wiederkehr den ganzen Psalter auswendig gelernt hätte. Durch anhaltendes Studium bei Tag und Nacht erreichte Gaugerich sein Ziel und wurde so Diakon. Unter der Regierung des austrasischen Königs Childebert, dem Sohne Chilperichs und der Fredegunde, trat eine Vakanz auf dem Bischofsstuhle in Cambrai ein. Von Klerus und Volk zum Bischof ausersehen, wurde Gaugerich dem König zur Bestätigung vorgeschlagen. Auf eine königliche Ordre hin erfolgte dann die feierliche Ordination durch den Metropoliten Aegidius von Reims. Das Wunderbare tritt in diesem schlichten Heiligenleben fast ganz zurück. Es handelt sich hauptsächlich um die Befreiung von Gefangenen und Sklaven, denen auf das Gebot des Bischofs hin die Ketten vom Leibe fallen. Seitdem das fünfte Konzil von Orléans im Jahre 549 die Fürsorge für die Gefangenen den Geistlichen zur besonderen Pflicht gemacht hatte, sollten die Archidiakonen Sonntags die Kerker aufsuchen und die Bischöfe den Gefangenen aus ihrer Kirche den Unterhalt gewähren. Die Bischöfe begnügten sich aber bald nicht mehr mit einer Milderung des Loses dieser Unglücklichen, sondern setzten ihren Ehrgeiz darein, sie ganz aus Ketten und Banden zu befreien. Von einer Prüfung, ob diese Gefangenen die Freiheit auch wirklich verdienen, ist nirgends die Rede. Man kann es daher Beamten, wie Graf Waddo von Cambrai und dem Gefängnisaufseher Walchar nicht verdenken, wenn sie sich sträubten, den Bitten des Bischofs Gehör zu schenken. Einst, wahrscheinlich nach dem Jahre 613, als Chlothar II zum zweitenmale Herr von Paris geworden war, begab sich Gaugerich an dessen Hof nach Chelles, wo er mit dem Majordomus Landerich zusammentraf. Auch dieser hatte zwei Gefangene, die mit dem Tode bestraft werden sollten; durch das Gebet Gaugerichs erhielten sie aber die Freiheit zurück; ebenso wurde durch Gaugerichs Dazwischenkunft ein Trupp an den Händen gefesselter Sklaven freigelassen, die ein Kaufmann zum Verkauf herumführte, zu Famars, südlich von Valenciennes. Auffallender sind zwei andere Wunder, die dem Heiligen zudem nicht in seiner Heimat gelungen sind. Als Gaugerich von König Chlothar an das Grab des heiligen Martin zur Verteilung von Spenden an die Armen nach Tours gesandt wurde, heilte er einen Blinden, der bereits dreißig Jahre des Augenlichts beraubt war; das anderemal, als es einen Hof zu inspizieren galt, den die Kirche von Cambrai im Perigord besaß, blieb der Stock des Heiligen in der Kirche von Perigueux von selbst aufrecht stehen, als wäre er mit Blei gefüllt. Da der Biograph keine fortlaufende Darstellung der bischöflichen Thätigkeit Gaugerichs gibt, sondern nur seine vermeintlichen Wunderthaten schildert, konnte auch die Teilnahme des Bischofs an der Synode zu Paris vom Jahre 614 oder 615 um so eher unerwähnt bleiben. Gaugerichs Todestag ist der elfte August eines der Jahre von 623 bis 629. Neununddreißig Jahre lang hatte er das Bistum verwaltet. Er wurde in der Kirche des heiligen Medardus auf dem der Stadt benachbarten Berge bestattet. In seinem Schlafgemache ließ sein Nachfolger Bertoald, ein Franke von Geburt, sein eigenes Bett aufschlagen und dafür Gaugerichs Sterbebett in die Medarduskirche abführen. Als ihm aber nächtlicher Weile der Heilige erschien und ihn verwarnte, stellte er schleunigst die alte Ordnung wieder her. In dem Schlafgemach aber baute er einen Altar und dort mußten fortwährend Kleriker dem Gottesdienste obliegen.
Obwohl diese alte Vita einen bestimmten Hinweis auf den Ort ihrer Entstehung nicht enthält, so ist unzweifelhaft, daß sie einem Kleriker von Cambrai verdankt wird, denn der Verfasser kennt die Oertlichkeiten daselbst offenbar aus eigener Anschauung. Und wie er bei seinen Schilderungen stets die alten merowingischen Einrichtungen, keine neueren Institutionen vor Augen hat, so zeigt auch die Sprache der Vita, daß sie sicher noch im siebenten Jahrhundert geschrieben ist; durch die Feile der karolingischen Schule ging die Schrift nicht. In ihrer rohen Form und ihrer gedrängten Kürze ist sie noch der Vertreter eines Heiligenlebens alter gallischer Manier. Von England waren unterdessen neue Heilige gekommen und alsdann aus Italien eine künstlichere Art, sie zu beschreiben.
Ende der achtziger Jahre erschienen am Hofe König Gunthrams britische Mönche unter Führung des Columban [125-1]. Der König hoffte von ihnen Heilung der tief gesunkenen Kirchenzucht und stellte ihnen alle Gnaden in Aussicht, wenn sie nur blieben. Irgendwelche Landschenkung wollten sie nicht annehmen, doch stimmten sie zu, sich in der Bergeinsamkeit einzuhausen. In den Vogesen waren ihnen die Ruinen des Kastells Anagray wild und abgelegen genug. Als aber die Teilnehmerzahl überhandnahm, wurde in Luxeuil, acht Meilen entfernt, ein zweites Kloster gegründet mit der besonderen Bestimmung, Novizen aus der fränkischen Aristokratie aufzunehmen. Der Uebervölkerung des Mutterklosters sollte ein drittes steuern, das nach den dort entspringenden Quellen Fontaines hieß. Mit der Leitung der Filialen betraute Columban Brüder von zuverlässiger Gesinnung und stellte die gemeinsame Regel auf. Die Gründung fiel etwa ins Jahr 590.
Columban stammte aus Leinster in Irland. Ueber gelehrten Studien, die er betrieb, war der Drang zum Missionar in ihm erwacht. Seine Mutter wollte ihn nicht ziehen lassen und legte sich quer vor die Thürschwelle; da sprang er über sie hinweg und rief, sie werde ihn nie wieder sehen. Er begab sich zunächst behufs weiterer Ausbildung zu dem bibelkundigen Einsiedler Senilis und dann ins Kloster Banchor zu dem heiligen Comgall. Immer mehr erfüllte ihn dort das Christuswort: »Ich bin gekommen ein Feuer anzuzünden und wie wollt ich, es brennte schon«. Der geplanten überseeischen Expedition standen mannigfache Hindernisse im Wege. Endlich, im Alter von dreißig Jahren, brach er mit zwölf Gefährten auf. Das Schiff lief glücklich in der Bretagne an. Sie erholten sich erst an der Küste, dann drangen sie ins Innere Galliens ein und konnten sich da nun allerdings überzeugen, wie sehr der Kirche Zucht und Besserung notthat [125-a].
Die Vogesenklöster wirkten sofort auf die Umgebung. Abt Caramfok aus Salicis sandte den Mönch Markulf nach Anagray, um freundschaftliche Beziehungen herzustellen. Auch zur irischen Heimatsinsel sollten die Bande nicht abgerissen sein: doch war der dorthin gesandte Besuch Bruder Autiern’s Gegenstand einer ernsten, tagelangen Erwägung von seiten Columbans. Von den andern Brüdern werden noch Somari, Gall, Cominin, Ennoch, Equanach und Gurgan genannt. Ein Laufbursche des Klosters hieß Domoalis. Es währte nicht lange, so traten auch der in Besançon residierende Herzog Waldalen und seine Frau Flavia mit Columban in Verkehr. Sie bestimmten den vom Heiligen ihnen erbeteten Sohn dem geistlichen Stande: es war der spätere Bischof Donatus von Besançon; ein zweiter Sohn Ramelan erbte die väterliche Herrschaft. Bei der Geburt dieser beiden Kinder stifteten die Eltern zwei Klöster, eins in der Stadt, das andere in Besançon, und unterstellten sie Columbans Regel; nach dem Tode des Gemahls gründete Flavia überdies ein Nonnenstift. Columban lebte viel in der Einsamkeit, oft verließ er das Kloster, nahm einen Band der Bibel auf seine Schulter und verbarg sich auf unbestimmte Zeit in einer Höhle. Wenn es harte Arbeit zu verrichten galt, zog er Handschuhe an. Als er sie einmal auf einem Stein vor dem Eßsaale liegen ließ, kam ein Rabe und trug sie ihm weg. Von Weltpriestern schloß sich ihm namentlich ein Dorfpfarrer namens Winnoch an, der Vater des späteren Abtes Bobolen von Bobbio. Andere, wie Chamnoald, der königliche Kaplan von Laon, belauschten den fremden Mönchsvater ehrfürchtig, ohne sich ihm zu nähern, wenn dieser in der Wildnis sich erging, mit den Tieren spielte und die Vögel und Eichhörnchen vom Aste auf seine Hand nahm, ja sie zärtlich in den Busenfalten seiner Kutte hegte [126-a].
Aber dieses Idyll hielt nicht vor. Der Heilige selbst mag es nur in dem Bewußtsein genossen haben, daß es eines Tages vorbei sein werde und ein harter Kampf ihn auf den Plan rufe. »Laßt mich doch in meinen Wäldern schweigen«, schrieb er 601 den Bischöfen nach Sens. In der Einsamkeit ist ihm die Kraft erwachsen, später, als es dann einmal zu reden galt, das harte, ungeschwächte, unversöhnliche Wort nicht zu scheuen. Längst hatte man in der Königsfamilie sich für den fremden Gottesmann interessiert. Er hatte Zeit gehabt, sich sein Verhalten zu überlegen; er konnte kommen sehen, was dann wirklich kam. Er scheint aber keineswegs von anfang an einem friedlichen Verhältnis abgeneigt gewesen zu sein. Wozu hätte er sonst den jungen König immer wieder empfangen und den Einladungen an den Hof Folge geleistet? Da, eines Tages im Jahre 607, machte er der Königin Brunichilde seinen Besuch auf ihrem Landsitz Boucheresse bei Autun. Als er an die Halle des Herrenhofes getreten war, führte ihm die greise Fürstin ihre Urenkel zu. Wie er diese sieht, zuckt er zusammen und fragt, was er damit solle. »Es sind die Söhne des Königs«, versetzte Brunichilde, »Kräftige sie durch den Zauber deines Segens.« Da warf ihr Columban zu: »Wisse niemals werden die Kinder da ein Königsszepter erben, denn es sind Hurenkinder.« Damit hatte er ja nun allerdings nur zu sehr Recht; die Lasterhaftigkeit der alten Merowinger hatte in ihren schwächlichen Nachkommen nun gar noch den widerlichen Zuwachs erhalten, daß sie unnatürlich verfrüht auftrat. Theuderich war ein Knabe von fünfzehn Jahren, als ihm ein Sohn und nicht einmal sein erster geboren wurde. Zu weiterem Anstoße mußte dem Heiligen dienen, daß Bastarde wie echte Söhne für der Erbfolge fähig galten. Brunichilde aber empfand nach dem fränkischen Verfassungs- und überdies dem merowingischen Hausrecht, wonach uneheliche Königssprossen ohne weiteres folgefähig waren, da nur das königliche Geblüt, die Abstammung vom Manne entschied. Der Jüngling Theuderich, der mit seinen fleißigen Buhlschaften einen Hang zu schwärmerischer Frömmigkeit verband und sich dem berühmten fremden Gottesmann in den Vogesen mit aller Demut zu nähern suchte, war von Columban unbarmherzig gescholten worden: er solle nun das Buhlen lassen und nach dem Genuß des Herzenstrostes einer rechtmäßigen Ehefrau trachten, auf daß ihm von einer ehrbaren Königin königliche Nachkommenschaft erwachse. So berechtigt diese Forderung gewiß war, im vorliegenden konkreten Falle verlangte sie fast unmögliches; denn Columban heischte nicht etwa bloß Besserung für die Zukunft; er sprach den bereits Geborenen das Erbrecht ab, und das bedeutete einen geradezu unerhörten Eingriff in die nun seit hundert Jahren niemals angefochtene Familientradition des Königshauses. Hiezu kam, daß der Versuch, Theuderich standesgemäß zu verheiraten, scheiterte. Die Tochter des gotischen Prätendenten Witterich, Herminberga, verlobte sich mit Theuderich und hatte auf ihrer Brautfahrt bereits die Residenz Chalons erreicht als Brunichilde in letzter Stunde die Heirat hintertrieb, sei es aus Eifersucht und um nicht durch eine Junge verdrängt zu werden, sei es in der begreiflichen Aufwallung ihres gothischen Königsblutes gegen die Tochter dessen, der den rechtmäßigen, ihr noch verwandten Herrscher der Goten, Leova, gestürzt und grausam ermordet hatte. Brunichildens ganze Hoffnung ruhte nun also auf den beiden Knäblein, hinter deren Abkunft sie durchaus nichts unerhörtes sah. Aber sicher spürte sie die Bedeutung des Augenblicks, als sie den mächtigen Volksheiligen für ihre Urenkel um den Segen bat. Spendete er ihnen diesen Segen, so war vollends jedes Bedenken verscheucht, das etwa kirchlicherseits noch hätte erhoben werden können: ein Segen aus diesem Mund und von diesen Händen ersetzte die mangelnde ehrliche Geburt. Columban dagegen mag, er auch, nicht weniger die Krisis des Moments gespürt haben. Ließ er sich jetzt bereit finden, so eröffnete er sich eine Machtstellung am Hofe und sicherte damit seinem Werke die Existenz im fränkischen Reiche, das die von ihm geplante Sittenzucht nötig hatte, nötig genug. Aber dann gab er zugleich preis, was eben gerade die Seele seines Werkes war, wodurch es sich von der doch auch nicht mangelnden einheimischen Bußbestrebungen unterschied: die Strenge der sittlichen Forderung in souveräner Autonomie, ohne Seitenblick auf die Umstände und ohne Zugeständnis an die zufällige Konstellation der Stunde. Er fand den Mut, sich selber treu zu bleiben, den schwindelerregenden Mut, den durchdringenden Blick der Fürstin, der ihn umwarb, ihn anflehte, ihn beschwor, ihn bedrohte, diesen Blick auszuhalten, den Segen zu verweigern. Die Begegnung von Boucheresse bewies es wieder: es giebt freilich Fälle, wo das politisch Beste und ein reines Gewissen unvereinbar sind.
Als das verhängnisvolle Nein die Lippen des Heiligen verlassen hatte, durchflammte ein wütender Haß, wie sie dessen nur je fähig gewesen war, die Königin mit dem weißen Haare. Sie schickte die Kleinen hinaus. Die Auseinandersetzung unter vier Augen mag von beiden Seiten in der Erklärung unversöhnlicher Feindschaft bestanden haben. Die Schwelle krachte, so hieß es später, als der Gottesmann die königliche Halle verließ. Sofort traf die zürnende Königin Anstalten, die schottischen Klosterleute zu isolieren und ihnen jeden Einfluß abzuschneiden; sie verbot irgend einem von ihnen außerhalb der Grenzen die Durchreise zu gestatten, noch ihnen Unterkunft oder Almosen zu gewähren. Indessen suchte Columban sich des Königs zu versichern; schon meldeten sich bei dem jungen Monarchen Spuren der Entfremdung von dem bisher rückhaltlos verehrten Gottesmann, Spuren seiner Abhängigkeit von der Großmutter. Columban begab sich auf dessen Sommersitz Epoisse. Als er bei Sonnenuntergang dort eintraf, meldete man Theuderich, der Mann Gottes sei da, wolle aber die Häuser des Königs nicht betreten. Theuderich meinte, besser sei es den Mann Gottes durch angemessene Spenden zu ehren, als den Herrn durch Kränkung seiner Diener zum Zorne zu reizen. Er befiehlt daher, mit königlichem Luxus das Geeignete zu bereiten und dem Manne Gottes zu schicken. Man kommt also und bietet ihm die Bewirtung; da er aber in den Schüsseln und Bechern königliche Pracht sich entfalten sieht, fragt er wozu. Als jene sagten, es komme vom König, wies er es zurück und sprach: »Es steht geschrieben, die Geschenke der Gottlosen verwirft der Herr. Nicht ziemt es, den Mund der Diener Gottes zu besudeln durch die Speisen dessen, der diesem Diener den Zugang auch zu anderer Leute Wohnungen versperrt.« Bei diesen Worten brachen alle Gefäße in Stücke, Wein und Most flossen auf den Boden, das andere ward einzeln zerstreut. Diese unerhörte Starrheit veranlaßt den König, noch einmal nachzugeben. Er eilt mit der Großmutter in der Morgendämmerung zu ihm, bittet um Verzeihung und verspricht Abhilfe. Columban wird dadurch wenigstens zur Rückkehr in sein Kloster bewogen. Allein nicht lange werden die eidlichen Zusagen gehalten; nur allzubald bricht man sie. Die Bedrängnis der Klöster nimmt zu; der König kann den anstößigen Wandel nicht lassen. In einem bitterbösen Briefe stellt Kolumban gleichsam ein Ultimatum: entweder sofort endgiltige Besserung oder Exkommunikation. Nun bietet Brunichilde alles auf, um den Störefried kurzer Hand zu vernichten. Sie mahnt alle Großen, alle Höflinge, alle Vornehmen, des Königs Sinn gegen den Gottesmann zu verwirren, hetzt die Bischöfe auf, seine Religion herabzusetzen und die Ordensregel, die er für seine Mönche aufgestellt hatte, zu verdächtigen. Die Höflinge lassen sich überreden und empören den König wider Columban, der sich nun vor die Wahl gestellt sah, entweder auszuwandern oder sich einem Schiedsgericht zu unterziehen. Um das Maß voll zu machen, zwang Brunichilde den Enkel, Columban in Luxeuil selbst zur Rede zu stellen, warum er von der Gewohnheit der Landesbischöfe abfalle und warum er die Innenräume seiner Klöster für die Laien absperre. Auf diese Drohungen des Königs erwiderte Columban, kühn und starken Mutes wie er war, er habe nicht die Gewohnheit, Laien und Nichtreligiöse in die Wohnung der Diener Gottes treten zu lassen, hingegen habe er geeignete Gasträume. Hierauf erklärte der König bündig: »Willst du unsere Freigebigkeit und unsern Schutz länger genießen, so gewähre für Alle allgemeinen Zutritt.« Aber ebenso bündig versetzte der Abt: »Willst du irgend an der bisherigen Regel rütteln, so werde ich eben weder deine Freigebigkeit noch deinen Schutz mehr annehmen.« Da besann sich der König nicht länger und betrat rücksichtslos das Refektorium. Aber der Heilige begleitete diesen Gewaltakt mit so furchtbaren Protesten, daß der König den verbotenen Raum gleich wieder verließ. Die harten Worte machten Theuderich glauben, der Heilige habe ihn zum Blutvergießen reizen wollen: »Du hoffst«, rief er aus, »ich werde dir zum Martyrium verhelfen, so dumm bin ich nicht. Aber da du doch immer etwas ganz besonderes haben mußt, wirst du besser thun, wieder hinzugehen, wo du hergekommen bist.« Sofort brach das Gefolge des Königs einstimmig in den Ruf aus, sie wollten in diesen Landen Niemanden haben, der sich über andere erhaben dünke und sich hochmütig von ihnen abschließe. Columban erklärte, das Kloster nicht zu verlassen; man müsse ihn mit Gewalt hinauswerfen. Damit beauftragte der König einen Vornehmen names Baudulf, der dann also, nach des Fürsten Weggang, die Austreibung des Heiligen vornahm, zwanzig Jahre nach dessen Ankunft, und ihn bei Besançon internierte. Dort nahm sich der Heilige heraus, an des Königs Statt Verbrecher im Kerker gleich selbst zu begnadigen. Als Columban ferner sah, er werde in seiner Verbannung nicht bewacht und von Niemanden belästigt, stieg er auf den die Stadt und das Thal des Doubs überschauenden Berg, prüfte, ob man ihm den Weg zu sperren trachte und da dies nicht der Fall war, ging er mitten durch die Stadt mit den Seinigen wieder in sein Kloster zurück. So hatte er eigenwillig den königlichen Bann gebrochen und den Zorn der alten Brunichilde und des Königs aufs neue und heftigste wider sich herauf beschworen. Der frühere Exekutor Baudulf und außerdem Graf Berthari in Begleitung der nötigen militärischen Mannschaft vollstrecken den königlichen Befehl, der glimpflich auch dieses Mal nur auf Ausweisung lautete. Columban weigert sich erst, das Land zu räumen, dann aber fordert er alle seine Mönche auf, mit ihm das Kloster und Theuderichs Reich zu verlassen. Ragamund, der Führer der Bewachung, hatte ihn bis Nantes zu begleiten. Aber die Eskorte, die sie an die Grenze bringt, soll nur die Britten mitziehen lassen, die fränkischen Mönche dagegen im Lande festhalten. Mit Gewalt wurde Eustasius, sein Schüler, der spätere Abt des Klosters, von seiner Seite gerissen. Die Reise ging in sonderbarem Zickzack; über Besançon und Autun nach der Burg Cavalo, wo ein königlicher Roßwart auf Columban ein Attentat versucht; von da durch das Thal der Cure nach Auxerre; dort wendet sich der Heilige plötzlich, in einer prophetischen Anwandlung an den Führer der Kolonne mit den Worten: »Chlothar, den ihr jetzt verachtet, werdet ihr in drei Jahren zum Herrn haben«. Erstaunt fragte Ragamund: »Herr, weshalb sprichst du solches zu mir«, und erhielt zur Antwort: »Du wirst es schon erleben, wenn du bis dann noch am Leben bist«. Obschon nun Auxerre, die nördliche Höhe von Orleans erreicht war, stieg man wieder tief südlich bis Nevers herab, um hier die Loire auf Kähnen zu überschreiten. Dann geht es nach Orleans; da der König ihnen verboten hat, die Stadt und wäre es auch nur, um deren Kirchen zu betreten, lagern sie sehr traurig unter Zelten am Ufer der Loire. Zwei Mönche werden in die Stadt geschickt, um an Vorräten das Notwendige zu erlangen. Aus Furcht vor dem König wagte man nicht, ihnen etwas zu schenken oder zu verkaufen. Auf dem Rückweg treffen sie auf der Straße die syrische Frau eines blinden syrischen Kaufmanns. Die Fremde ergreift Mitleid mit den hier fremden Britten: »Kommt«, spricht sie, »in das Haus eurer Magd und nehmt, was ihr braucht. Bin doch auch ich eine Fremde aus des fernen Ostens Sonne entstammt«. Auch das Stadtvolk beschenkt nun heimlich die Mönche; offen wagten sie vor den begleitenden Wächtern nicht ihre Sympathie zu bezeugen. Von Orleans fahren sie zu Schiff die Loire hinunter bis Tours. Wider Willen muß die Besatzung Columbans Wunsch, das Martinsgrab zu besuchen, berücksichtigen und in Tours anlaufen. Nicht nur darf Columban in St. Martin einen Tempelschlaf thun, er wird sogar von Bischof Leopar zu Tisch geladen. Beim Essen fragt ihn der Bischof, warum er in die Heimat zurückkehre. Der Heilige antwortet: »Der Hund Theuderich hat mich von meinen Brüdern vertrieben«. Dieser in jedem Fall ungebührliche Ausdruck veranlaßte einen fränkischen Edelmann, Unterthan des beschimpften Königs, obwohl mit Theudebert verwandt zu dem demütig vorgebrachten Einwand, ob Milch trinken denn nicht besser sei als Wermut trinken. »Ich merke schon«, gab der Heilige gereizt zurück: »Du willst wohl die Pflichten deines Treuverbandes König Theuderich gegenüber erfüllen«. Jener erklärte, »ja: er habe den Unterthaneneid geleistet und werde ihn halten, so lang er lebe«. Da fuhr der Heilige fort: »Nun, wenn du doch König Theuderich in Treupflicht verbunden bist, so wirst du ja froh sein, von mir als Gesandter zu deinem Freund und König geschickt zu werden. Bring ihm denn zu Ohren, er und seine Kinder werden in drei Jahren der Vernichtung verfallen sein; der Herr wird sein Geschlecht mit der Wurzel ausreißen«. »Warum, o Mann Gottes redest du solches zu mir?« »Weil ich nicht verschweigen kann, was mir der Herr zu sagen auferlegt.« Als dann Columban zu seinem Fahrzeug zurückkehrte, fand er die Genossen sehr betrübt: in der Nacht waren alle Vorräte und alles Geld aus dem Schiff gestohlen worden. Sofort kehrte Columban in die Martinsbasilika zurück und machte dem Heiligen Vorwürfe, als handelte es sich um einen pflichtvergessenen Nachtwächter: »Nicht deshalb wahrlich habe ich zu deinen Ehren hier gewacht, damit du einstweilen mich und die meinen zu Schaden kommen lässest«. Das gestohlene Gut findet sich wieder. Von Tours gelangen sie nach Nantes. Dem König gehorsam, will hier Bischof Sofronius zu gunsten der Reisenden weder schenken noch tauschen. Aber zwei fromme Frauen beschaffen hundert Maß Wein, hundert Maß Korn, hundert Maß Malz, zweihundert Maß Getreide und hundert Maß anderweitige Naturalien. Nun soll also der Heilige mit seinen Genossen nach Irland eskamotiert werden, der damit betraute Bischof und Graf Theudoald von Nantes lassen die Gesellschaft auf ein schottisches Handelsschiff bringen. Doch läuft es schon bei der Ausfahrt auf, und wird erst wieder flott, nachdem Columban mit den Gefährten und aller Habe wieder ans Land geschafft ist. Also, es war klar, Gott wollte nicht, daß Columban Frankenland verließ. Man wagte keine weiteren Verfügungen. Der Heilige war frei. Nach seinen eigenen Worten zu schließen, wäre Columbans Freiheit aber eben doch auch auf Flucht zurückzuführen [131-a]. Er wandte sich zu dem Feind seines Verfolgers, zu König Chlothar. Dieser hatte schon gehört, mit wie vielen und wie schweren Unbilden Brunichilde und Theuderich den Mann Gottes heimgesucht hatten. Als er ihn erschaute, nahm er ihn auf wie ein Geschenk Gottes, bat ihn, sich in seinem Reiche niederzulassen, er werde ihm ganz zu Diensten sein. Columban lehnte ab: sei es, weil er die Pilgerschaft nun für die ihm zukommende Lebensform erkannte, sei es, weil er den Grund zu Streit zwischen Chlothar und Theuderich beseitigen wollte. Chlothar hielt ihn fest, so viele Tage er konnte, ließ sich von ihm wegen gewisser Mißbräuche schelten, die kaum an einem Königshofe fehlen, und gelobte alles nach seinem Befehle zu bessern. Während Columbans Anwesenheit bei Hofe brach zwischen Theuderich und Theudebert ein Grenzbereinigungsstreit aus, und beide baten durch Gesandte Chlothar um Hilfe. Dieser war geneigt sich einzumischen, bewahrte aber die Neutralität, als Columban riet, keinem beizustehen; in drei Jahren werde er beider Reich in Gewalt bekommen. Darauf zwang er den König, ihm behilflich zu sein, durch das Reich Theudeberts über die Alpen nach Italien zu gelangen. Chlothar ließ ihn zu Theudebert geleiten, über Paris und über Meaux. Hier nahm ihn ein Edler, Hagnerich, Theudeberts Gefolgsmann auf. Dieser übernahm es, den Heiligen bei Hofe gut einzuführen, der von König Chlothar mitgegebenen Flügeladjutanten bedürfe es nicht. Columban segnete sein ganzes Haus und weihte insbesondere das Töchterlein Burgundofara dem geistlichen Stande. Zu Eussy an der Marne wurde der Heilige von einem andern fränkischen Großen und dessen Gattin Aiga bewirtet, die ihm ihre Knaben Ado und Dado darbrachten. An Theudeberts Hofe wurde er mit Jubel und Ehrfurcht aufgenommen. Der König schlug ihm die Missionierung der heidnischen Alamannen vor. Columban wollte es auf den Versuch ankommen lassen und wählte die Gegend am Bodensee, da die Zeit der Bekehrung der Wenden und Slaven noch nicht gekommen sei. Dort hätte dann allerdings auch der Rückhalt am Frankentum, den der kühne Missionar noch in der Bodenseegegend gewiß beruhigend verspürte, aufgehört. Zu Bregenz störte er ein heiliges Biergelage, an dem Schwaben aus einer mächtigen Kufe Wodansminne tranken; in abergläubischer Scheu und aus Furcht vor dem Könige ließen die erschreckten Heiden diese Schändung ihres Opfers ungerächt: der fremde Zauberer habe einen starken Atemschnauf, meinten sie, kaum habe er von weitem gehaucht, so sei das Faß zersprungen und sei doch mit Reifen gebunden gewesen; offenbar war ein so gewaltiger Bläser eben doch stärker als ihr bisheriger Gott Wodan. Ganz unvorbereitet waren sie überdies nicht, denn unter diesen Götzenzechern saßen einige, die bereits getauft, aber wieder rückfällig geworden waren. Auch in diesem hintersten Winkel des großen fränkischen Reiches behielt Columban ein wachsames Auge auf die politischen Wirren jener Jahre. In einem Traumgesicht schaut er den ganzen Erdkreis so klein, wie die Schreiber ein Rund mit der Feder zu zeichnen pflegen. Auf die Nachricht von dem Siege Theuderichs über Theudebert verließ er Deutschland und das Frankenreich; er wandte sich nach Italien. Der Langobardenkönig Agilulf sagte ihm sofort alle Gnaden zu. Erst trat Columban in Mailand gegen die Arianer auf und erhielt dann die verfallene Peterskirche zu Bobbio im Apennin zur Gründung eines Klosters angewiesen. Er versah die Ruine mit einem neuen Dach und neuen Mauern. Einem durch Eustasius von Luxeuil bestellten Ruf Chlothars II. schlug er aus. Er sei nun zu alt. In der That starb er nach dem ersten Jahr zu Bobbio, im November 615 [133-a].
Der Verfasser dieses Lebens des Columban ist Jonas von Susa, der bedeutendste Heiligenschreiber des siebenten Jahrhunderts. Von Geburt ein Italiäner, war er im Jahre 615 nach Columbans Tode in dessen Kloster zu Bobbio eingetreten und hatte daselbst seine Beziehungen zum Frankenreich geknüpft Im Jahre 628 begleitete er den Abt Bertulf nach Rom, um für das Kloster die Exemption vom Diöcesanbischof zu erwirken; aber noch vor Bertulfs Tode verließ er Bobbio und begab sich nach Gallien. Nur gegen das Versprechen, er werde Columbans Leben schreiben, ließen ihn die Mönche überhaupt ziehen. In Gallien widmete sich Jonas unter Leitung des Amandus der Mission der heidnischen Franken. Da er dabei meistens beschäftigt oder unterwegs war, konnte er erst nach drei Jahren, etwa 640, die versprochene Arbeit den Aebten Waldebert von Luxeuil und Bobolen von Bobbio überreichen. Jonas führte den Titel eines Abtes; wahrscheinlich aber hat er nie ein Kloster regiert, sondern in herrschaftlichen Diensten gestanden, wahrscheinlich als Beichtvater und Geschäftsträger der Königin Balthilde oder ihres jungen Sohnes Chlothar III.; im Jahre 659 finden wir ihn im Auftrage dieser Fürstin in Chalons.
Der bedenklichste Punkt in der Darstellung von Columbans Zeit und Wirksamkeit durch Jonas ist die unwahre, gehässige Zeichnung der klugen und energischen Königin-Regentin Brunichilde. Er, dem hierin sofort Fredegar und alle andern folgten, hat den Leumund der merkwürdigen Frau so entstellt, daß erst durch ehrliche Bemühungen in unseren Tagen eine gerechte Beurteilung [133-1] möglich wurde. Das übliche Visavis der gemeinen Stallmagd Fredegunde ist von vornherein abzuweisen. Brunichilde war kein Engel, aber noch weniger war sie eine Dirne. In ihrer kurzen Ehe mit Sigibert hat sie dessen Treue nicht getäuscht und auch ihre phantastische Heirat mit Merowech beschattet wohl ihre politische Klugheit in jungen Jahren, aber nicht ihre Frauenehre. Selbst der Haß der mönchischen Gegner wagt erst für ihr Greisenalter die schon darum unglaubliche Verdächtigung ihres Wandels. In der Politik hat sie unerlaubte Mittel nicht gescheut; aber nie ist sie, wie Fredegunde, mit Gift und Dolch umgegangen. Mehrfach übt sie Milde und Großmut, kauft in fränkische Kriegsgefangenschaft geratene Langobarden los, unterstützt wohlthätige Anstalten, ist freigebig gegen die Kirche und die Armen. Als Herrscherin wuchs sie zwar erst nach und nach in ihre Aufgabe hinein; dann aber verfolgte sie immer energischer, immer bewußter ihr Ziel: gegenüber einer zügellosen Interessenpolitik und einem Egoismus, dem nichts mehr heilig war, die Sache des Staates, der Reichseinheit, des Rechts, des Königtums. Da, während sie erst für den Sohn, dann für den Enkel und schließlich für den Urenkel die Herrschaft führte und jahrzehntelang immer aufs neue, zumal ohne eine verfassungsmäßige Sicherheit ihrer Frauenregentschaft, Kampf und Kampf gegen den australischen Adel ausfocht, fuhr ihr nun auch noch der hergelaufene Idealist in die Quere, als der ihr, von ihrem Standpunkt aus mit Recht, Columban vorkam. Gleichgiltigkeit oder gar Feindschaft gegen die Kirche darf man aber einer Brunichilde nicht vorwerfen, die Papst Gregor der Große zu seiner wesentlichsten Mitarbeiterin in den kirchlichen Angelegenheiten ihres Reiches herbeizog. Verblendung und niedere Parteileidenschaften hat die hohe Frau in die Blutmegäre der Sage verwandelt und zwar aus bloßem Haß, daß ihre staatsmännische Hand bei Lebzeiten die Kirche in so festen Zügeln gehalten hatte.
Dem Inhalte nach ist von Jonas Werken das Columbansleben weitaus das wichtigste. Obwohl es auf persönliche Erinnerung zurückgeht, ist es doch nur mittelbare Memorie, insofern Jonas den Columban ja nicht selber gekannt hat, aber eben doch in seinem ganzen Wesen durch ihn bestimmt war. Auch in den andern Schriften des Jonas tritt das Element der Memorie in den Hintergrund. Er ist nämlich nach Gregor einer der wenigen, die sich der Forschung widmen und mehr als eben ihren einen Heiligen beschreiben. Dabei zeigt sich aber deutlich von wie geringer Sorte diese damalige Art Forschung war. Auf der Reise nach Châlons rastete Jonas einige Tage im Kloster des heiligen Johannes von Reomaus [134-1]. Die Mönche baten den berühmten Hagiographen, ihnen niederzuschreiben, was sich über das äußere Leben des heiligen Stifters sowie über seine geistige Entwicklung durch seine Schüler bis auf ihre Tage in der Erinnerung erhalten hatte. Jonas willfahrte dem Gesuch und widmete die Schrift dem Abt Hunna. Zu dem Kloster hatte er keine anderen Beziehungen als die der eben genossenen Gastfreundschaft. Er war somit auch dem lokalen Stoff ein Fremder; überdies waren zweihundert Jahre seit der Geburt des Heiligen verflossen. Die mangelhafte Komposition und der dürftige Inhalt sind daher verständlich. Geboren war Johannes, nach Jonas, frommen Christen namens Hilarius und Quieta. Mit zwanzig Jahren faßte er den Entschluß, seine Heimat zu verlassen, und seinen religiösen Neigungen nachzugehen. Zuvor erbaute er jedoch ein kleines Oratorium in seinem Geburtsorte. Diesen Entschluß, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen, setzt Jonas in die Zeit, als der Konsul Johannes unter kaiserlicher Hoheit Gallien regierte. Offenbar hat Jonas gar nicht an einen Jahreskonsul, sondern an einen hohen römischen Verwaltungsbeamten in Gallien, wahrscheinlich an den Consularis der Lugdunensis Prima gedacht. Die Begebenheit muß vor die Zeit fallen, da die Burgunder bis in diese Gegend vorgerückt waren, also vor das Jahr 457; aber mag nun auch uns die genaue Zeitangabe entzogen sein, so hat Jonas in seiner Weise sie doch gemacht und damit durch chronologische Eingliederung des Gegenstandes diese Lebensbeschreibung der Befangenheit der Memorie entzogen. Johannes zog sich damals in die gebirgige Gegend zwischen Armançon und Serain, zwei Nebenflüsse der Yonne zurück. Er gründete hier sieben Milien von der Burg Semur en-Auxois entfernt, das Kloster, das heute nach seinem Stifter Moutiers Saint Jean genannt wird. Von einem Brunnen daselbst ging die Sage, daß vor der Ankunft des Heiligen ein Drache darin hauste, dessen Tod er durch Gebet und energische Durchstöberung des Brunnens bewirkt haben soll. Schon bei dieser Handlung war er von Genossen begleitet. Nachdem er die Leitung des neugegründeten Klosters übernommen hatte, hielt er bei seinen Untergebenen streng auf die Beobachtung der Regel. Der Ruf des frommen Mannes veranlaßte eine Pilgerfahrt um die andere. Und auch in demselben Maße, wie die Schaar seiner Mönche wuchs, nahm sein Selbstvertrauen ab, und es schien ihm jetzt zuträglicher für sein Seelenheil zu sein, andern zu dienen als zu befehlen. Ueberdies war er selber noch nicht ausgebildet in der Strenge klösterlicher Disziplin; was er davon wußte, hatte er sich als Autodiktat aus der Lektüre oder mündlichen Berichten angeeignet. Aus Demut und dieser Studien halber begab sich Johannes in Begleitung von zwei Genossen in die damalige Musteranstalt für mönchisches Leben, das Kloster Lerinum, dem Honoratus vorstand. Unerkannt weilte er hier in strengem Gehorsam gegen seine Obern anderthalb Jahre. Da führte ein Zufall seine Entdeckung herbei. Ein Fremder, der zu Besuch kam, erkannte ihn unter den arbeitenden Mönchen und erzählte den staunenden Lerinern, wer der schlichte Mönch sei, der die niedrigsten Dienste that. Das Gerücht von dieser Begebenheit kam dem Bischof Gregor von Langres zu Ohren, zu dessen Diöcese das Kloster des Johannes gehörte. Er sandte Mönche aus diesem Kloster mit zwei Briefen nach Lerinum: Honorat und dessen Mönche ersuchte er, der Rückkehr des Johannes nichts in den Weg zu legen und diesen forderte er auf, heimzukommen; der ernsten Mahnung seines Bischofs mußte der Heilige Folge leisten. Indessen kann diese auf den ersten Blick scheinbar glaubwürdige Episode so doch nicht stattgefunden haben, da Abt Honoratus von Lerinum und Bischof Gregor von Langres nicht Zeitgenossen, sondern etwa um ein Jahrhundert auseinander waren; davon abgesehen ist der Zug wahrscheinlich; denn da der größte Teil der Lebenszeit des Heiligen in das fünfte Jahrhundert fällt, so wird er wohl wie so viele andere Männer dieser Zeit ihre Ausbildung dort genossen haben. Nach seiner Rückkehr ließ sich Johannes wiederum die Leitung und Ausbildung seiner Mönche nach der Regel angelegen sein und wurde darin von einem Mönch namens Filomeris unterstützt. Die Regel, die der Heilige vor der Lerinenser Periode befolgte, hatte Jonas nicht näher bezeichnet; jetzt nennt er den Verfasser Macarius. Die erste Sorge der Brüder war, den mit dichtem Gebüsch bewachsenen Boden urbar zu machen, damit er ihrem Unterhalte diene. Mit Aexten bewaffnet begaben sie sich in die Wälder, hieben sie nieder, rodeten das Land aus und erschlossen es der Kultur. Als sie einmal auf den Ruf des Seniors gehorsam ins Kloster zurückkehrten und aus Bequemlichkeit die Beile draußen liegen ließen, stahl diese ein Dieb, so daß sie hernach die unterbrochene Arbeit nicht fortzusetzen vermochten. Johannes, ungehalten über diese Ausrede, fahndete nach dem Dieb und nahm ihm die Beute ab. Die Arbeit trug ihre harten Früchte. Wohlgefüllte Speicher schützten nicht allein die Mönche vor Not, sondern gestatteten auch die Unterstützung der Nachbarn bei Mißernte. Die Besorgung der Feldwirtschaft blieb aber nach wie vor Sache der Mönche. Auch ein Bild aus dieser späteren Zeit führt uns Jonas vor. Es ist Erntezeit; die reife Saat harrt der Schnitter. Die Mönche begeben sich truppenweise auf die Felder, um die Frucht zu schneiden. Erst der Eintritt der Nacht setzt ihren Mühen ein Ziel. Die fleißigen Brüder kehren jetzt in das Kloster zurück; nur einer, Claudius, bleibt auf Befehl der Vorsteher die Nacht über als Wächter bei der Frucht. Auch er versinkt in Schlaf, aber mitten in der Nacht erwacht er und macht sich Sorgen, daß die ermatteten Genossen die Gebetsstunde verschlafen würden. Da sieht er plötzlich eine strahlende Kugel den Himmel erleuchten. Während er noch betäubt ist von dem Wunder, hört er, wie der Hahnenschrei den kommenden Tag verkündet und zugleich Glockenläuten die Brüder zum Gebete ruft. Am Morgen erzählt er dem Abte sein nächtliches Erlebnis. Aber dieser warnt ihn vor Ueberhebung. Kein sündiger Mensch sei wert, die himmlischen Vorgänge zu schauen. Die freie Natur zogen diese Mönche der Klosterzelle vor. Nach Art der alten Streiter pflegte Johannes dem Gebet und Fasten im Walde obzuliegen, wo er dann mit den armen Leuten zusammentraf, die sich Waldfrüchte für ihren Unterhalt suchten. Als seine Mutter zum Kloster kam, um ihn nach langer Trennung wieder zu sehen, schlug er ihr diesen Wunsch ab; um sie nicht allzusehr zu betrüben, zeigte er sich ihr wenigstens von der Ferne; er ließ ihr aber ankündigen, sie würde ihn in diesem Leben nicht mehr sehen. Wie ganz anders wurde Sequanus empfangen, ein benachbarter Heiliger, der Gründer von Segestrum, heute Saint Seine. Dem Sonderling hatte es beliebt, in stockfinsterer Nacht seinen Besuch abzustatten. Heimlich betrat er die Kirche, um zu beten. Aber Johannes erhielt durch göttliche Offenbarung Kenntnis von dessen Ankunft. Er weckte einen Diener und ließ nun die Mönche durch Glockenschlag zusammenrufen, daß die dem Ankömmling die Pflichten der Gastfreundschaft erwiesen. Zur Messe war das Kloster des Johannes mit Andächtigen überfüllt, da alle seine Predigt zu hören wünschten. Der Heilige pflegt aber für die Laien besonders Messe zu lesen; denn er wünschte nicht, daß seine Mönche durch den Lärm der Menge gestört würden. Die Laien hatten also zunächst abzutreten und vor der Kirche zu warten. Das Kloster war ein Asyl für Bedrückte und die letzte Hoffnung für Schwerkranke. Ein Sklave, der einen Fehltritt begangen hatte, nahm die Vermittlung des Johannes in Anspruch, um von seinem Herrn Verzeihung zu erlangen. Der Heilige setzte auch einen Brief an diesen auf, aber seine Fürbitte wurde nur verächtlich aufgenommen. Sonst waren es vornehmlich Kranke, die dem Kloster zusprachen. Hatten sie dann durch den Heiligen ihre Gesundheit wieder erlangt, so blieben sie wohl auch aus Dankbarkeit gegen ihren Retter im Kloster. Auf der Rückkehr von dem Zuge nach Italien, den der hochstrebende König Theudebert über die Alpen unternommen hatte, befand sich unter den burgundischen Truppen ein Mann, der von heftigem Fieber geplagt wurde. Sein Bruder eilte zu Johannes und erbat sich von ihm geweihte Eßwaren, ersuchte auch den Heiligen, jenen in sein Gebet einzuschließen. Er erhielt ein Brot und fünf Obstfrüchte; man gab sie dem ungeduldig harrenden Kranken in drei Teilen mit Wein befeuchtet ein, und er genas zur Stunde. Das letzte Wunder des Johannes fällt in die Zeit, da eine schwere Seuche ganz Gallien verheerte. Ein Mann wird auf der Heimreise von Paris von der Krankheit befallen, indem sich ein böses Geschwür bildet. Sobald er nach Hause zurückgekehrt ist, läßt er sich Wasser aus dem Brunnen holen, den der Heilige geweiht hatte. Ein Diener bringt ihm das gewünschte mit dem Segen des Heiligen. Als er nun gläubig davon getrunken hatte, barst das Geschwür und er erlangte seine Gesundheit wieder. Gemeint ist die Seuche vom Jahre 543, die in Aegypten ihren Anfang nahm und sich über den ganzen Erdkreis verbreitete. Johannes stand in großer Verehrung bei den fränkischen Königen und beim Adel. In weltliche Geschäfte mischte er sich aber nicht. Er starb im Alter von sage hundert und zwanzig Jahren am 28. Januar sei es 544, sei es eines der folgenden Jahre. Ueber den Schluß der Vita, die sich noch mit den Nachfolgern und der Translation der Gebeine des heiligen Johannes beschäftigt, darf hier hinweg gegangen werden, und ebenso genügt für die übrigen Heiligenleben des Jonas eben die Erwähnung. Es sind sozusagen drei Nachträge zum Columbansleben; denn es handelt sich um Eustasius von Luxeuil, Columbans Vertrauensmann seiner Stiftungen in den Vogesen, um Attala und Bertulf, Columbans Nachfolger in der Abtswürde zu Bobbio und um Burgundofara, das junge Mädchen, das durch ihn zur Nonne geweiht worden war.
Dagegen verlangt hier eine Schrift nähere Beachtung, die nicht durch die Ueberlieferung, wohl aber durch ihre Sprache in die Nähe des Jonas gerückt wird: das Leben des Vedastes von Arras. Sie tritt anonym auf und ist nicht in der alten merovingischen Schriftsprache, sondern in jenem gekünstelten Latein geschrieben, das durch Jonas von Susa in Gallien eingeführt worden ist. Sämtliche Lieblingsausdrücke aus Jonas Schriften finden sich in dieser Vita wieder vor, der Sprachschatz ist der gleiche und fällt um so leichter ins Auge, als Jonas sich in seiner aus den verschiedensten Autoren zusammengestoppelten Sprache nicht frei bewegen konnte. Wie sollte nun aber der Italiener dazu kommen, das Leben eines Bischofs von Arras zu beschreiben? Es läßt sich indessen nachweisen, daß sich Jonas in der That in jener Gegend aufgehalten hat. Von Bobbio kommend schloß er sich dem heiligen Amandus an, der in der sumpfigen Niederung des Elno, im äußersten Norden des Landes sich angesiedelt hatte. Drei Jahre brachte Jonas daselbst zu, und da nach der Art jener Missionare auch er für größere Exkursionen den Wasserweg auf der Scarpe und Schelde zu benutzen pflegte und Arras an der Scarpe liegt, so kann Jonas wohl gelegentlich mit seinem Kahne in diese Stadt gelangt sein. Da mag er dann gebeten worden sein, das Leben des Lokalheiligen aufzuzeichnen und wird seine Aufgabe als federfertiger Mann in kürzester Frist erledigt haben, wie er ja auch für das etwas längere Johannesleben nur wenige Tage gebraucht hat. Auch diese Schrift ist flüchtig hingeworfen und dürftig im Inhalt. Den kümmerlichen Stoff hat Jonas sich dadurch etwas erweitert, daß er Chlodowechs Alamannenkrieg in das Leben verflocht und daran einige Kombinationen wagte. Ueber den vierzigjährigen Episkopat weiß er nur eine einzige Anekdote zu berichten. Wer indes auch sonst immer außer Jonas etwa der Verfasser gewesen sein könnte, Berichte von Augenzeugen hat er sicher nicht benutzt und außer Gregor auch keine schriftliche Quelle. Die Schrift spiegelt die Lokaltradition von Arras und fixiert somit, was man sich zur Zeit des Verfassers über den Heiligen daselbst erzählte. König Chlodowech, so hieß es, hatte in Rheims dem Bischof Remigius den frommen Vedastes von Toul überlassen; dessen Zelle wurde nun in Rheims mit Vorliebe von den Vornehmen besucht; man liebte seinen sanften Mut und seine liebliche Rede. Remigius bestimmte ihn einem größeren Berufe und schickte ihn in den unwirtlichen Westen; als Bischof von Arras sollte Vedast die Bekehrung des fränkischen Volkes fördern. Die Stadt, vor fünfzig Jahren durch Attilas Hunnen zerstört, lag noch in Trümmern. Der neue Bischof nahm von einer Wüste Besitz. Als er zum Stadtthor kam und eintreten wollte, wurde er angebettelt; er sagte, mit irdischen Gütern sei er nicht gesegnet, aber er habe besseres zu geben. Die zwei Bittsteller wollten jedoch mit Gewalt das Geld, das er auf sich trug, abnötigen, sagten aber, als er wiederum seinen Ersatz für Gold und Silber pries, sie wollten dem also verlieb nehmen. Da sprach er: »Wenn euer Glaube meine Worte begleitet, so spendet die Gnade des Allmächtigen jedem von euch die alte Gesundheit«. Nun legte er die Hände über die Augen des einen, berührte die gelähmten Glieder des andern, machte das Zeichen des Kreuzes, blickte aufwärts gen Himmel, sofort gewann der Blinde das Gesicht, der Lahme den Gang wieder und jauchzend gingen sie beide heim. So gelangte er zur Kirche und trat ein. Da sah er sie ungepflegt und durch die Gleichgiltigkeit der heidnischen Bürger vernachlässigt, angefüllt mit Vipern und befleckt durch Kot und Lagerstätten wilder Tiere. Auch viele Häuser der Stadt waren unbewohnt und starrten vor Schmutz. In einem hauste ein Bär. Vedast vertrieb ihn und verbannte ihn ein für allemal über das Flüßchen Crinchon hinüber. Offenbar liegt doch hier die Sage von der Neustiftung des Bistums Arras durch Vedast in populärer Fassung vor. Auch über Vedasts politische Stellung mag mit der Lokalmemorie soweit getreu berichtet sein, daß Vedast zum Hofe Chlodowechs rege und freundschaftliche Beziehungen unterhielt, daß er dagegen mit Chlothar nur einmal gelegentlich in Berührung kam, an drittem Orte beim Gastmahl eines Großen namens Hozinus. Dort behandelt Vedast die Bierfässer nach Columbans Muster. Ueber seine Missionsthätigkeit verlautet, eine Gesamtbekehrung der Franken jener Gegend sei ihm nicht gelungen, dagegen hätte die Zahl der einzelnen Konvertiten steigend zugenommen.
In Luxeuil entwickelte sich unter dem Einfluß des Jonas eine hagiographische Thätigkeit bei den Mönchen, in die wir uns jedoch leider keinen zusammenhängenden Einblick verschaffen können. Vielfach handelte es sich um Ware von leichtfertigster und oberflächlichster Mache; so ist die Vita des Agilus von Resbay [140-1] wertloses Flickwerk. Die biographischen Thatsachen und Namen sind fast alle sei es dem Columbans- sei es dem Eustasiusleben entnommen; wirkliche Liebe zum Gegenstande verleugnet sich ja freilich nicht, aber da es sich um den Genossen eines schon beschriebenen Heiligen handelt, so glaubte sich der Schreiber weiterer Mühe möglichst überheben zu dürfen, und kopierte so viel ihm eben paßte; wenn er nur seinen Helden möglichst hoch hob. Seine Angaben verdienen daher auch da, wo sie selbständig scheinen nur geringen Glauben: wie leicht kann das scheinbar wahre eben nur unbewußte Kombination von Irrtümern des Verfassers sein; so seine Abordnung an den Hof nach Boucheresse als Gesandter des Klosters, seine Missionsreise mit Eustasius zur Bekämpfung einer Häresie des Bonosus, die sie zu den Bojen oder gar den Bayern und dann wieder nach Metz führte. Harmlose Züge aus dem Klosterleben von Resbay mögen echter sein: einmal holte der Abt einen armen Aussätzigen, der in der Winternacht draußen jammerte, auf dem Rücken herein, und bei einer Kirchweih, da es an Wein gebrach, gelang ihm ein zweites Wunder von Cana, sodaß die Mönche mäßig, das Volk aber übers Maß fröhlich wurden.
Nicht alle Schülerarbeit von Luxeuil ist so gering ausgefallen. So schrieb der Mönch Bobolen, kaum schon vor Jonas, sondern später als Abt von Bobbio, ein gewissenhaftes Lebensbild des heiligen Germanus, des Stifters von Moutiers-Grandval im Jura [140-2]. Germanus stammte aus einem Trierer Adelsgeschlecht und stand in engen Beziehungen zu Bischof Arnulf von Metz. Nach einem Aufenthalt im Kloster zu Remiremont trat er dann in Luxeuil unter Abt Waldebert ein. Diesem hatte der elsäßische Herzog Gundonius einige entlegene Grundstücke im Jura angewiesen. Waldebert besichtigte sie in eigener Person und schickte zunächst den Fridwald, einen Genossen des Columba, um den Klosterbau ins Werk zu rufen; Abt aber wird Germanus und ihm zugleich das Gotteshaus von Sankt Ursitz unterstellt. Er übernimmt die Obhut über die angrenzenden Thalschaften und ersetzt die alte Römerstraße von Pierre Pertuis, die über die Höhen gegen Glovelier hinführte, durch die an der Felsenwand abgesprengte Straße, die bis auf den heutigen Tag der Birs entlang das Thal durchzieht. Die Unruhen im merovingischen Reich, die in jener Gegend ums Jahr 666 zu einem Herzogswechsel führten, und Einfälle heidnischer Alamannen zerstörten leider die Thätigkeit des edeln Abtes. Er selbst wird, auf der Rückreise vom Besuche bei seinem neuen Landesherrn mit seinem Gefährten Randoald erschlagen. Die beiden Leichen wurden zuerst in die Kirche von St. Ursanne gebracht und dann in der Peterskirche des Klosters Münster beigesetzt.
Anhangsweise muß hier auch einer litterarischen Erscheinung gedacht werden, die ohne Heiligenleben zu sein, verwandten Inhalt hat und ohne sich über ihre Herkunft offen auszuweisen, wahrscheinlich auch in dem irischen Vogesenkloster zu Hause ist: das sogenannte hieronymische Märtyrerverzeichnis [141-1]. Es ist unverkennbar gallische Arbeit und in seiner ältesten Gestalt in den beiden Jahren 627/628 geschrieben worden.
Der Verfasser war weniger ein gelehrter, als ein sehr fleißiger und wißbegieriger Mann. Er benützte ein altes orientalisches, wahrscheinlich von einem Arianer abgefaßtes Martyrologium aus der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts, das seinerseits auf der Martyriensammlung des Eusebius von Cäsarea beruhte. Für Afrika ist ein vorwandalischer Kalender benutzt, für Rom ein römischer, der während der Jahre 312 bis 422 geführt wurde. Im übrigen hat der Verfasser unermüdlich Namen und Festtage gesammelt und in die Kalendertabelle eingetragen, sodaß ein antiquarischer und ein currenter Teil zu unterscheiden ist oder, anders eingeschätzt, ein ausländischer und ein gallischer Teil. Durch die zunehmenden lokalen Einträge erhielt das Werk den überwiegend nationalen Anstrich, den es jetzt hat. Und auch dann noch scheidet es sich in zwei Exemplare, von denen das eine das Festverzeichnis von Luxeuil, das andere bei den Kirchen von Auxerre und Autun verbreitet und vervollständigt wurde; endlich scheint es auch nach Aquitanien gekommen und dort mit Zusätzen versehen worden zu sein. Mit Auxerre hat der Verfasser persönlich nichts zu thun, alles deutet darauf hin, daß er Mönch von Luxeuil war und dort geschrieben hat. Die bayrische Heilige Afra von Augsburg, die in römischer Zeit von ihrem nicht eben anständigen Berufe sich bekehrte und Märtyrerin geworden war, ist nicht weniger als viermal im Verzeichnis erwähnt. Wenn es mit der Missionsthätigkeit des Abtes Eustasius in Bayern seine Richtigkeit hat, so mag er ihren Kultus in Luxeuil eingeführt haben; denn ohne die Lechbrücke bei Augsburg zu überschreiten, konnte der burgundische Wandersmann Bayern nicht betreten. Sonst hat unsere Martyrologe nicht das leiseste Bedürfnis zu Notizen über das Leben seiner Heiligen. Das nackte Schema der Tabelle genügte ihm durchaus. Bei ihm handelt es sich nun also ausschließlich um gelehrte Systematik trockensten Stils, während ja gerade deren Verbindung mit der memorienhaften Anekdote das Werk Gregors so anziehend und so wertvoll macht.
In jener Zeit, da die Macht der Dynastie zusehends zerbröckelte, kündet sich dasjenige der Adelsgeschlechter, das die Merowinger schließlich stürzen und ablösen sollte, auch dadurch als das moralisch höhere an, daß sein Stammvater der Gemeinschaft der Heiligen angehört. Arnulf von Metz ist von einem ihm untergebenen Mönche nach eigener Anschauung und Mitteilungen der Dienerschaft geschildert worden. Der Schreiber war freilich der merkwürdigen Doppelgestalt des Staatsmanns und Laien nicht gewachsen; ihn interessiert durchaus einseitig der Asket und der Wunderthäter, als der Arnulf gegen das Ende seiner Tage sowohl seine weltlichen als seine geistlichen Befugnisse vernachlässigte. In seiner Jugend hatte er sich unter den jungen Adeligen am Hofe durch sein intelligentes Wesen ausgezeichnet. Er füllte zunächst eine militärische Stellung aus, trat dann aber in die königliche Verwaltung und hatte schließlich sechs Grafschaften unter sich. Er war bereits Gatte und Vater, als die nähere Bekanntschaft mit dem heiligen Romarich ihn mitten am Hofe für das mönchische Ideal gewann. Im Begriff, in Lerinum einzutreten, nahm er die Wahl als Bischof von Metz an und legte auch seine weltlichen Aemter zunächst noch nicht nieder. Chlothar II. betraute ihn mit der Regierung Austrasiens unter der nominellen Herrschaft des noch minderjährigen Prinzen Dagobert. Dann aber hielt ihn kein König mehr. Er zog sich in seine Stiftung, Romarichs Kloster Remiremont oder Habendi, zurück und lebte dort Gott und den armen Leuten.
Das dann folgende Zeitalter der Königin Balthilde, an Heiligen nicht reicher als andere, hat für deren gleichzeitige Beschreibung jedoch mehr einzelne Kräfte aufgebracht, als bisher gewöhnlich gewesen war. Die Fürstin selbst ist zunächst von einer nicht übel berichteten geistlichen Zeitgenossin unter dem unmittelbaren Eindruck ihres Wandels kunstlos und treuherzig geschildert worden. Sie war eine angelsächsische Prinzessin, aber kriegsgefangen nach dem Festland verschlagen worden und unter das Gesinde des fränkischen Majordomus Erchinoald geraten. Dieser wollte sie heiraten; doch wußte sie sich den Bewerbungen des Witwers zu entziehen; ob sie dabei bereits in bewußter Absicht mit der glänzenderen künftigen Stellung rechnete oder ob die Heirat eine mehr oder weniger sachliche Kombination des Leiters der Politik Erchinoald war, Balthilde wurde die Gattin Chlodowechs II., dem sie drei Erben Chlothar, Childerich und Theuderich schenkte. Nach dem Tode des Königs im Jahre 657 führte sie für Chlothar die Regentschaft und förderte in dieser hohen Stellung die Kirche, konnte sich aber in den Hofintriguen nicht halten und wurde ins Kloster getrieben. Ihre Liebesthätigkeit galt besonders den christlichen Sklaven; sie kaufte viele los, am liebsten Angelsachsen. Sie lebte in Chelles als die niedrigste der Nonnen und starb an einem Unterleibsleiden im Jahre 680. Das andere von ihr gestiftete Kloster war Corbie. Als der von ihr daselbst eingesetzte Abt noch lebte, wurde ihr Lebensbild wahrscheinlich in Chelles verfaßt nach dem Muster von Fortunats Leben der Radegunde; später glättete ein etwas besserer Skribent das unbeholfene Latein dieser Erinnerungen an die andere merowingische Königin, die sich um ihre Krone noch den Heiligenschimmer hinzu erworben hatte.
Die bewegte Zeit nach ihrem Abschiede von der Welt wäre für uns unaufgehellt ohne die Lebensbeschreibungen des Leodegar von Autun. Von diesem ist nun freilich weder die eine von einem Insassen des Klosters St. Symphorian zu Autun, noch die andere von dem Abt Ursinus von Ligugé verfaßt; beide stammen vielmehr aus dem neunten Jahrhundert, gehen aber die eine als einfältige Kompilation, die andere als raffinierte Fälschung auf eine alte zeitgenössische Quelle zurück, von der kürzlich ein Bruchstück gefunden wurde [143-1]. Dieser ungenannte Augenzeuge schilderte eine Menge wichtiger Staatsbegebenheiten und lokalgeschichtlicher Details aus den sechziger und siebziger Jahren sehr ausführlich und packend; er verrät genaue Personen- und Ortskenntnis. Das Staats-, Kirchen- und Gerichtswesen ist ihm vertraut. Er tritt mit Pathos für seinen Helden ein und schreibt offenbar in höherem Auftrag. Seine Darstellung ist eigenartig und enthebt sich der strengen chronologischen Reihenfolge, indem er die Thatsachen pragmatisch gruppiert und nachträgliche Ereignisse gelegentlich einfach vorwegnimmt, sobald sie ihm den faktischen Beweis für etwas eben erzähltes zu enthalten scheinen [143-2]. Leodegar oder Saint Leger [143-3], vornehmer Leute Kind, war in der königlichen Palastschule erzogen worden, war dann behufs weiterer Ausbildung zu seinem Onkel, dem Bischof Dedo von Poitiers gekommen und wurde mit zwanzig Jahren Diakon. In der Stellung eines Archidiakons zeichnete er sich nicht nur durch Rednergabe, sondern auch durch Kenntnis des weltlichen Rechts aus und hielt als Richter wie als Lehrer die ganze Diözese Poitiers in Frieden. Danach oder daneben bekleidete er im Maxentiuskloster bei Compiegne die Abtswürde. Als guter Kopf blieb er bei Hofe nicht unbeachtet, und gar sein persöhnliches Auftreten imponierte den großen Herren geistlichen und weltlichen Standes vollends. So brachte er es im Jahre 659 zum Bischof der königlichen Residenz Autun und that sich nun als energischer und scharfblickender Politiker auf. Aus Anlaß der Königswahl gerieten er und der allgewaltige Hausmeier Ebroin an einander. Ebroin war nicht gewöhnt, daß man ihm die Stirne bot. Ueberdies hatte Leodegar Burgund hinter sich, und der Majordomus stammte aus Neustrien. Er ließ daher die königliche Pfalz für Burgund sperren; da der Zutritt zum Hofe jedoch von höchster politischer Bedeutung und den Großen für den Betrieb ihrer Interessen schlechterdings unumgänglich war, lag, wie in Geßlers aufgestecktem Hute, vielleicht in dem Verbot die Falle versteckt, gegen die Vornehmen, die das Verbot verletzen mußten oder aus Stolz verachteten, einen Vorwand zu gewinnen. Leodegar kehrte sich daran nicht: kaum war König Chlothar gestorben, so eilte er mit seinen Anhängern in den Palast. Gegen Ebroins Kandidaten Theuderich, Chlothars dritten Bruder, erhob er Childerich auf den Thron. Durch die rücksichtslose Bestrafung der unbotmäßigen Junker hatte sich Ebroin viele Feinde geschaffen und war sogar einer Verschwörung gegen sein Leben auf die Spur gekommen. Jetzt entschied das Glück gegen ihn: die Mehrzahl der Edeln ließen den rechtmäßigen Thronfolger Theuderich fallen, konstituierten sich und erhoben Childerich von Austrasien zum König. Ebroins Anhang wurde zersprengt; er selbst stellte sich Childerich, verzichtete auf seine Habe und bat nur, sein Dasein im Kloster fristen zu dürfen. Sein Vermögen wurde infolge dessen geplündert und sein Leben, vor allem auf die Fürbitte Leodegars hin, ihm geschenkt. Er wurde nach Luxeuil geschickt. Auch Theuderich wurde geschoren und der Obhut des Abtes zu Saint Denis übergeben. In Burgund übernahm nun, ohne thatsächlich Majordomus zu sein, Leodegar als Leiter des Palastes die Regierung. Seine Politik bedeutete thatsächlich eine Kräftigung des Adels gegenüber der Krone, deren beste Stütze ein energischer Majordomus damals noch war. Die von Ebroin behauptete Machtstellung sollte unmöglich werden. Das Programm, das er Childerich unterbreitete, betraf lauter Punkte, die auf eine Beschränkung der Hausmeierschaft hinauslief: Ausschluß der Erblichkeit, Wechsel unter den Großen, ohne feste Amtsdauer, abhängig von der Adelsmehrheit; jeder Vornehme sollte womöglich einmal ans Ruder kommen. Dieser Bund mit dem Weltadel war nicht nur vom Standpunkt der Königstreue aus bedenklich, er führte ihn, den Bischof, auch zu einem Gegensatz gegen die Kirche. Bischof Prajektus von Arvern, Saint Prix, hatte Streit mit dem Patricius Hektor von Marseille, weil dieser die Tochter einer frommen Arverner Dame Claudia geraubt hatte und nun nach dem Tode der Schwiegermutter deren Vergabungen an die Armen beim Könige anfocht. Leodegar nahm sich des Grafen an und setzte die förmliche Vorladung des Bischofs vor Königsgericht durch. Anfangs weigerte sich Saint Prix am Samstag vor Ostern in Rechtssachen Rede zu stehen, es sei auch gegen das Gesetz. Dann, als man ihn zwang, appellierte er aber sehr geschickt an die Königin Imnichild, deren hohem Schutz er hiemit die Interessen der Kirche anvertraue. Und als er nun gar erzählte, wie man ihn unter Bürgenzwang zu der auch sonst mühseligen Reise nach Autun genötigt habe und es sich herausstellte, daß dies hinter dem Rücken des Königs geschehen war, da hatte er gewonnen Spiel: König und Königin entschuldigen sich bei ihm, alle Bischöfe und Großen ersuchen ihn, die Ostervigilien zu halten und Messe zu lesen für das Heil des Königs und den Frieden der Kirche. Für Leodegar war das der Sturz. Er entflieht mit Hektor. Diesen läßt der König verfolgen, fangen und hinrichten. Auch Leodegar wird auf der Flucht ergriffen. In dem Gericht, das die Ersten des Palatiums über ihn hielten, wurde ihm geradezu, wenn auch wahrscheinlich mit Unrecht, ein Komplott gegen den König zur Last gelegt. Das Urteil lautete einstimmig auf lebenslängliche Klosterhaft. So kam er nun seinerseits nach Luxeuil zu Ebroin. Die alten Feinde mögen sich dort gefunden und vertragen haben. Nun hatte der austrasische Hausmeier Wulfoald, der durch Leodegars Maßnahmen gegen den Majordomat direkt betroffen gewesen war, in allen drei Reichen die Zügel in den Händen. Mit der Palastrevolution, die zu Childerichs Sturze führte, war dann aber auch die Macht dieses neuen Hausmeiers zu Ende. Leodegar und Ebroin langten vielleicht gemeinsam in Autun an. Ebroin mußte bereits in der folgenden Nacht wieder fliehen, indessen Leodegar für einige Zeit die herrschende Stellung in Burgund aufs neue besaß. Er entschloß sich nun mit Leudesius, dem andern Führer der Adelspartei, für Theuderich II., den er früher entthront hatte. Die Wirren im Lande waren unbeschreiblich. Und Ebroin gelang es, sich in Austrasien zu kräftigen; sein Einfall in Burgund war siegreich. Er ehrte seinen früheren Schützling, den jetzigen König, der vor ihm flüchtete, als seinen Herrn, tötete Leudesius und übernahm wieder seine Machtstellung von ehemals. Die Reihe kam nun an Leodegar, den alten Feind, den alten Unglücksgenossen. Ebroin ließ Autun durch zwei seiner Heerführer belagern. Der Bischof sah, daß er sich nicht halten konnte. Er verschrieb den aufgesammelten beträchtlichen Parteifonds für Kirchen und Armenzwecke, versöhnte sich mit seinen Feinden und kapitulierte, aber erst nach versuchtem Kampfe. An der Spitze der gesamten Geistlichkeit schritt er hinaus, unter Psallieren, mit den Kreuzen und allen Reliquien. Er wurde als Hochverräter geblendet, unter Klosterbann gestellt und später hingerichtet. Schlau, ehrgeizig, sonst aber kein schlechter Mensch ist er jedenfalls, sobald und solang er Politik trieb, ein kurioser Heiliger gewesen.
Zwei Weltheilige im besten Sinne sind dagegen Saint Eloi und Saint Ouen, die im Verhältnis von Meister und Schüler stehend, mit ihrer Lebenszeit ziemlich ein ganzes Jahrhundert umspannen. Eligius [146-1], keltischer Abkunft, ist in Chatelat bei Limoges im Jahre 588 geboren. Sein Vater hieß Eucherius, die Mutter Terrosia. Um seiner künstlerischen Anlagen willen gab man ihn noch bei sehr jungen Jahren in Limoges dem Goldschmied Bobbon in die Lehre; dieser Bobbon war königlich fränkischer Münzmeister. So erlernte Eligius sowohl die Juwelier- als die Prägekunst. Er that sich dann in Limoges selbständig auf, erwarb sich in der Stadt selbst und in der Umgegend ein Ansehen, das über jeden Zweifel erhaben war. Von Limoges siedelte er nach Paris über und trat dort in Beziehungen mit einem Schatzmeister Chlothars II., einem redlichen Manne. Bobbon benutzte die erste Gelegenheit, die sich bot, seinen Schützling dem Könige vorzustellen. Der Fürst war eben im Begriff, einen Thron mit Gold und Edelsteinen anfertigen zu lassen, wußte aber nicht, wen er mit dem Auftrag betrauen sollte. Auf Bobbons Empfehlung, daß einzig Eligius hiezu fähig sei, ließ Chlothar das Gold und die Steine diesem einhändigen. Eligius führte das Werk mit der größten Gewissenhaftigkeit aus. Der König wußte sich vor Erstaunen nicht zu fassen; wie man denn nur mit so wenig Material so prächtiges habe liefern können. Das kam daher, Eligius war ehrlich gewesen, während die andern Handwerker jener Zeit es nicht anders wußten, als zu unterschlagen, und nachher vorgaben, diese Einbuße sei beim Feilen und Einschmelzen nicht zu vermeiden. Einen solchen Mann wußte Chlothar zu schätzen. Er machte ihn zu seinem Minister und während dreier Regierungen vermochte sich Eligius dieses Vertrauen seiner Landesherren zu bewahren. Eligius war ein Mann von hohem Wuchs und blühender Gesichtsfarbe. Und nicht nur sah er gut aus, er benahm sich auch fein. Er trug einen schönen Bart und langes, wallendes Haar, er pflegte seine Hände, an denen namentlich die feine Bildung der Finger auffiel; seine Gesichtszüge hatten etwas weiches, evangelisches; sein Auge blickte klug und treu. Seit er am Hofe verkehrte, richtete er auch sein äußeres Auftreten danach ein: er trug prächtige Kleider, mit Gold und kostbaren Steinen, wie die großen Persönlichkeiten des Zeitalters. Später wurde er einfacher und ersetzte die kostbaren Stücke seiner Garderobe durch bescheidenere, um die dadurch erzielte Ersparnis Armen und Kranken zuzuhalten. Eligius war im damaligen Frankenreich ein hervorragender Mann geworden, als Künstler wie als Staatsmann. 635 entsandte ihn Dagobert I., um bei Judicaël, dem König der Bretonen einen heikeln Auftrag zu erfüllen, dessen er sich mit allem Geschick entledigte. Fünf Jahre später wurde er zum Priester geweiht und zum Bischof von Noyon erhoben. Von da an überwog bei ihm die geistliche Wirksamkeit. Namentlich machte er sich die Bekehrung der Friesen zur Aufgabe. Er starb zu Noyon im Geruch der Heiligkeit, in der Andreasnacht 659, einundsiebzig Jahre alt, unter der allgemeinen Teilnahme des ganzen Reiches und besonders auch der Königin Balthilde. Gleichzeitig mit Eloi’s Erhebung zum Bischof von Noyon war dem Kanzler Dagoberts das Bistum Rouen zugefallen: es war Audoen, der Schüler des Eligius, der auch dessen Leben beschrieb. Dieser fand dann selber wieder einen Schilderer seines Leben. Von drei Edelleuten aus Soissons den Gebrüdern Ado, Dado und Rado war Ado Mönch, Rado ein hoher Finanzbeamter, Dado dagegen, eben unser Audoen, erst ebenfalls Höfling unter Chlothar II. und Dagobert, wobei er in den zwanziger Jahren Eligius kennen lernte. Auch ihn führte Neigung, Lebenswandel, königliche Gunst und der Einfluß des Meisters in die bischöfliche Laufbahn. Ums Jahr 640 war es, daß er in dieser Eigenschaft nach Rouen kam. Er unternahm große Reisen. Als er Spanien betrat, fiel zum ersten Mal seit sieben Jahren ein lauer Regen. Er wallfahrtete nach Rom. In Köln wirkte er auf den Frieden zwischen Neustrien und Austrasien hin. Auf der Heimreise stirbt er bei Paris 683 und wird feierlich nach Rouen überführt. Reliquien von ihm kommen nach England. Sein Lob singt überdies ein künstliches Akrostich in Kreuzform, wahrscheinlich das Werk seines Amtsnachfolgers Ansbert [147-1].
Endlich noch ein Missionarsleben. Der Mönch Baudemund aus dem Kloster Elnon bei Tournai schildert die Wirksamkeit seines Meisters Amandus [147-2] folgendermaßen: er wurde zu Ende des sechsten Jahrhunderts in Aquitanien nahe der Meeresküste geboren und war vornehmer Abkunft. Als junger Mann trat er in das Kloster auf der Insel Oia, verzichtete in der Folge auf sein väterliches Erbe und ließ sich am Martinsgrabe von Tours zum Priester weihen. Dann übergiebt er sich Austregisöl und dessen Obersthelfer Sulpizius Pius; und verbringt dort in einer Zelle nicht weniger als fünfzehn Jahre. Vierunddreißig Jahre alt, reiste er nach Rom, später ein zweites Mal; dann widmet er sich endgiltig der Bekehrung der Heiden zunächst in belgischen Landen. Er verläßt sich bei dieser Bekehrung nicht auf seine Wunderkraft, sondern ruft den austrasischen König an, die Taufe zwangsweise mittelst Königsbann durchzuführen. Nicht um selbst geschützt zu sein, drang er auf staatliche Mission der Heiden, sondern weil er Mitleid hatte mit ihrem Irrsal und wohl erkannte, wie wenig sein Märtyrertod auszurichten vermöge, wie viel dagegen die Staatsgewalt. Er erwirkte durch Bischof Aichar von Noyon Briefe und Bannbefehle von König Dagobert. Doch trotz des Königszwanges stieß er auf den härtesten Widerstand; er wurde immer wieder zurückgestoßen, ja sogar in die Schelde geworfen. Amand sucht bei dem fränkischen Grafen Dotto in Tournai, vor dessen Instanz Rechtshändel zu erledigen waren, einen notorischen Dieb vom Galgen freizubitten; aber da der Graf als pflichttreuer Beamter seine Schuldigkeit that und ungeachtet der humanen Einmischungen eines Unberufenen eben hängen ließ, wie das Gesetz es vorschrieb, sagt Baudemund von ihm, er sei grausamer gewesen als irgend ein reißendes wildes Tier. Dann sucht sich der todesmutige Amand, in der ausgesprochenen Absicht, zum Märtyrer zu werden, ein neues Missionsfeld bei den Slaven. Er drang über die Donau nach Baiern vor, kehrt dann aber zurück, nachdem er nur wenige getauft hatte und keinen weiteren Erfolg absah. Ohne die königliche Macht als Rückhalt war eben mit der Mission nichts. »Einstweilen«, heißt es weiter, »hatte sich König Dagobert mehr als recht war, der Frauenliebe ergeben. Vom Schmutz der Lüste einer Entzündung verfallen, bekam er keine Nachkommenschaft und betete zu Gott, er möge ihm einen Sohn geben, der ihm im Reiche folgen könne«. Nun hatte der Heilige früher den König wegen seiner Todsünden zur Rede gestellt und war deshalb verbannt worden. Als jedoch der ersehnte Thronfolger geboren wurde, veranlaßte der König eine Versöhnung in Clichy und nahm der Heilige nach einigen Einwänden die ihm zugemutete Pathenschaft an. Später wurde er, von diesem seinem Täufling König Sigibert III. und den Bischöfen gezwungen, den erledigten Stuhl von Mastricht wider Willen anzunehmen. Dort predigt er drei Jahre in einem Wanderleben, fordert aber auch diesmal durch seine schroffe unnachsichtliche Art vielfach den Widerspruch der andern Geistlichen heraus und warf ihnen schließlich das Bistum wieder vor die Füße. Er zog sich auf die Insel Calloo in der Scheldemündung zurück. Vergeblich hatte ihn sein Freund Papst Martin von diesem extremen Schritt abgemahnt und aufgefordert, den Widerstand durch Strafen zu brechen. Zugleich bittet der Papst den Heiligen, bei Sigibert Unterstützung des heiligen Stuhles gegen Byzanz zu erwirken, der erste Versuch eines Papstes mit Hilfe des Frankenstaats den Byzantinern als Haupt der ganzen abendländischen Christenheit entgegenzutreten. In diesen Jahren versuchte der Heilige ebenfalls vergeblich die Wasconen zu bekehren, also nun diesmal ganz anderswo, an der Südgrenze des Reiches, gegen die Pyrenäen hin. Erst wirkt er außerhalb des fränkischen Teiles von Wasconien, muß sich aber auch dann wieder aus Mangel an Erfolg ins Gebiet der Franken zurückziehen. Unermüdlich ist er im Gründen von Klöstern und kann es bis an sein Lebensende nicht überwinden, daß man Vogelschau trieb oder einen Baum als Idol anbetete. Ungebeugt starb er im Jahre 684.