Zweites Buch.
Das Heiligengrab.

Die Heiligenleben sind nun aber nur die eine Seite der auf uns gelangten Ueberlieferung. Die andere, wie sie denn überhaupt niemals gelehrter Natur war, tritt dem Besucher von Frankreich auf Schritt und Tritt im öffentlichen Leben entgegen und ist so trivialer Art, daß heute kaum Jemand mehr an ihre ursprüngliche Bedeutung zu denken sich bemüßigt fühlt: Place Saint Martin, Boulevard Saint Germain, Porte Saint Denis, Bibliotheque Sainte Genevieve. Es handelt sich dabei um die säkularisierten Reste eines sepulkralen Andenkens, das dem schriftstellerischen Andenken zur Seite ging, wenn nicht gar vielfach, als die primäre Instanz, ihm zur Grundlage diente. Von einander unabhängig sind die beiden Formen der Tradition jedenfalls nicht gewesen. Da aber hier und dort die Heiligen zu einem guten Teil ganz andere sind, geht schon daraus hervor, daß die kultische Ueberlieferung sich nicht vollkommen deckt mit der litterarischen, sondern bei einem halben Zusammenhang mit ihr zur andern Hälfte eigene Wege geht.

Als Organisation ist das kultische Andenken allerdings ein Werk des Priesterstandes; aber der Substanz nach haben wir es hier durchaus mit einer naiven Schöpfung der Volksseele zu thun. An sich ist das Material ausgedehnter und schwerer zu überschauen, als der in zahlreichen, aber immerhin zählbaren zeitgenössischen Viten vorliegende litterarische Traditionsstoff; und doch wird die Darstellung der wesentlichen Erscheinungsformen des Heiligenkultus sich ungefähr auf die Hälfte des Umfanges zusammendrängen lassen, den die Schilderung der merowingischen Heiligenschreibung für sich in Anspruch nahm. Hiefür ist der hauptsächliche Grund folgender: dort galt es immer aufs neue Rücksicht zu nehmen auf originale persönliche Art mit all der Verästung und komplizierten Linienführung eigenen Lebens, die in der kurzen Spanne zwischen Geburt und Tod immer wieder neu und immer wieder anders war; und damit nicht genug, galt es dann noch dem Auswachsen persönlichen Andenkens ins Riesenhafte und Mythische nachzugehen, der Teilnahme armseliger Einzelleben an den kolossalen Naturgestaltungen ganzer Völker. Auf dem Gebiete, das wir nun betreten, wird uns ja teilweise ähnliches begegnen; aber das wird dann nur ein Hinübergreifen, ein partielles Sichdecken sein. Der Unterschied ist weit beträchtlicher als die Uebereinstimmung, und in dieser Differenz liegt das entscheidende Wesen. Nicht auf frommen Vorstellungen ruht hier das Schwergewicht, sondern auf frommen Handlungen. Und während die Ansätze zu Kristallisationen der Vorstellungen zwar dort nicht fehlen, aber stets auseinandergespült werden durch das beständig zuströmende originale Leben, das, wenn auch noch so bescheiden, aus jeder wirklichen Heiligenexistenz quoll, so stehen hier breit und beherrschend nicht individuelle Mächte im Vordergrunde, sondern Gattungen, Typen. Gewiß fehlte das Persönliche nicht, aber es fehlte als primäre, aus eigener Wurzel bezogene Triebkraft und spielt sich statt dessen nur parasitenhaft auf der Rinde der Gattung ab. Nicht das Moment der Entwicklung, sondern das Moment der Stetigkeit überwiegt nun.

Nie ist in der abendländischen Geschichte eine ganze Volksmasse religiös so imprägniert gewesen, wie die Franken unter den Merowingern, sobald wohlverstanden von dem normalen Volksleben im Staate die Rede ist, nicht von momentanen Impulsen wie den Kreuzzügen oder der Reformation, und sobald ferner ›religiös‹ unter Verzicht auf den sittlichen Gehalt lediglich die Furcht vor Gott bedeutet. Um dem Wesen eines solchen enormen und formlosen Klumpens von Religiosität mit unserer Erkenntnis beizukommen, haben wir den Stoff unter drei Stichbegriffe verteilt: Name, Kraft und Wunder. Volkstümlich ausgedrückt, handelt es sich bei dieser Einteilung um die Schale, um den Kern und um die Wirkung des Kernes auf den, der ihn verschluckt hat.

Unsere Quelle ist nun fast ausschließlich Gregor von Tours in seinen acht Büchern der Mirakel. An Vollständigkeit darf uns hier nicht so viel gelegen sein, als an einer möglichst typischen Einsicht in den Sachverhalt; und da wird man sich zweimal besinnen, ehe man irgend eines der andern keineswegs seltenen Zeugnisse in die Nähe einer Aussage Gregors erhebt. Er bedient uns hier mit der andern Seite seiner hagiographischen Qualitäten, ein Unterschied, dessen er sich wohlverstanden selber bewußt ist; spricht er doch gelegentlich ausdrücklich von einer Differenz zwischen dem Andenken an die historische Person und dem Kultus an ihrem Grabe [211-a].