Zwölftes Kapitel.
Missionen und Translationen.

Den Grundheiligen trat eine Anzahl importierter Heiliger an die Seite, von denen die einen überhaupt aus dem Ausland stammten, die anderen von ihrer ursprünglichen Kultstätte aus in die Nachbarschaft oder in die weitere Heimat gelangten. Zwei Arten der Ausbreitung sind hiebei festzustellen, der Weg der Missionspredigt und der solidere der Reliquienübertragung. In noch heidnischen Gebieten gingen sie Hand in Hand, indem die Mission das Terrain für den Heiligen gewann und die Reliquie es ein für alle mal mit Beschlag belegte. In kirchlichen Gegenden dagegen, zumal in Bischofsstädten, wo es sich also um Eroberung neuen Gebietes nicht handeln konnte, ersetzte das Streben nach Kraftzuwachs den nun hinfällig gewordenen Drang nach Ausdehnung. Je mehr Heilige eine Stadt besaß, desto stärker war sie. Im übrigen trugen frommer Sammeleifer von privater Seite und ein mehr oder weniger naiver Handel mit heiligen Versatzstücken zur Abrundung des merowingischen »Allerheiligen« bei.

1.

Wieder kann die Verbreitung des Heiligennamens am besten bei Martin beobachtet werden. Tours und Umgebung besaßen zunächst vier namhafte Martinsheiligtümer; im Gegensatz zu der großen Grabeskirche, der Sepulkralstätte, drei Memorialorte, wo der Heilige sich bei Lebzeiten aufgehalten und dadurch den Platz für den späteren Kultus präpariert hatte, die Martinszelle bei der Stadtkirche innerhalb des Mauerrings von Tours [228-a] von der Sulpizius Severus in der That gesprochen hat, sodann sein Kloster Marmoutiers [228-b] und endlich die Zelle in Candes, wo er starb und mit der Zeit eine Martinsbasilika erstand. Wenn man auch, an diesem dritten Orte, den Leichnam nicht hatte behalten dürfen, so besaß man dort doch außer einer Kristallschale sein Sterbebett, das, einmal von dem Leichnam imprägniert, dann dieselben Qualitäten aufwies, wie das Grab [228-c]. Von kleineren Memorialorten nennt Gregor als Dörfer, wo Martin Kirchen gegründet habe, Langeais, Sonnais, Amboise, Chisseau, Saint Martin de Tournon und Candes [228-d]; ferner wurde das Gatiansgrab durch die Erinnerung, daß Martin einst dort gebetet hatte, größerer Verehrung teilhaftig, ebenso das Grab der Klausnerin Vitalina [228-e]. Die folgende Uebersicht [228-1] über die alten Martinskirchen geht, sofern sie sich nicht gelegentlich auf Gregor oder eine Inschrift stützen kann, auf späte sagenhafte Berichte zurück und sei darum hier ausdrücklich dafür ausgegeben, jedoch auch nicht gänzlich unterlassen, weil sie vielleicht im Detail, aber kaum in der Hauptsache irreleiten wird. In Glanfeuil wurde im Jahre 543 durch Sankt Maurus die erste Martinskirche der Diöcese Angers errichtet, desgleichen Ende des sechsten Jahrhunderts durch Bischof Badegisel zu Pontlieue [228-f] die hervorragendste der Diöcese Le Mans; im Jahre 616 vermacht Bischof Bertrand von Le Mans in seinem Testament diesem Martinsheiligtum wie auch der Viktorius- oder Peterskirche je fünf Goldstücke [228-2]. Die von Vendôme ersetzte ein älteres aus dem vierten Jahrhundert stammendes Gotteshaus. Die von Chartres hieß auch nach Briccius. Die von Orléans galt als Stiftung König Chlodewechs an Euspizius und Maximin. In Autun hatte Königin Brunichilde ihrem Patron im Jahre 599 eine mit Marmorsäulen, Edelholz und Mosaiken ausgestattete Kirche gestiftet, für die sie die Glückwünsche und Privilegien Papst Gregors des Großen empfing. In der Franche Comté war die Martinsmission namentlich von Columban betrieben worden. Nicht nur seine eigenen Klöster Luxeuil und Annagray, sondern auch Schülerkolonien wie das Deicolusklösterchen Lure in Burgund unterstanden Martin; älter war die Martinskirche zu Cavaillon, die aus dem sechsten Jahrhundert stammt [228-g]. Ebenso gehörten Martin die drei Hauptabteien der Diöcese Lyon Ainay, L’Isle de Barbe, Savigny und ihre Ableger. Im Wallis, bei Saint Maurice, auf der Stelle des alten Oktodurum, hat Theuderich II. das von ihm gestiftete Nonnenkloster nach Martin geheißen und dadurch den späteren Ortsnamen Martigny veranlaßt. Zu Limoges hatte der Martinsschwärmer Aridius eine eigentliche Martinskirche nicht eingerichtet [229-a]; das Kloster dieses Namens will vielmehr erst von Alicius, dem Bruder des Eligius an Stelle des elterlichen Hauses gegründet worden sein [229-1]. Poitou konnte sich rühmen, in Ligugé das erste von Martin in Gallien errichtete Kloster zu besitzen. Zu Saintes gründete im Jahre 589 Bischof Palladius eine Martinsbasilika [229-b]. Bourges besaß zu Gregors Zeit ein oder zwei Martinsbethäuser [229-c]. Die Gironde wurde früh mit Martinskirchen bereichert, jedoch geschah das nicht ohne in Marsas und anderen Ortschaften eine ältere Petersmission zu kreuzen [229-d]. In Bordeaux stiftete Bischof Leontius, der Gegner König Chariberts, das Martinsheiligtum und zwar im Judenviertel; auch Gregor erzählt [229-e], ein Priester sei von einem Juden auf der Schwelle dieser Kirche noch vom Besuch des Heiligen abspenstig gemacht worden. In Aquitanien führt sich die Martinskirche von Auch auf eine Stiftung Chlodowechs im Gothenkriege zurück. In Arles gehörte Martin das eine Seitenschiff der von Cäsarius gegründeten Kirche, aber außerdem noch eine Zelle und ein Kloster.

In der nördlichen Reichshälfte ist Martins Verehrung nicht geringer. Zu Paris war zwar die alte Martinskapelle, errichtet an dem Orte, wo er den Aussätzigen geheilt hatte, früh in Verfall geraten, weil sie zu primitiv fast nur aus Flechtwerk bestand und wohl einmal auf wunderbare Weise einem Stadtbrand, aber nicht der langsamen Unbill der Zeit stand zu halten vermochte. Von Dauer blieb dagegen die spätere Basilika Saint Martin des Champs [229-f]. Alt und durch Beziehungen des Turoner Bischofs zu seinem Kollegen Viktrizius vielleicht historisch erklärt ist der Kult Martins in der Diöcese Rouen. Seine dortige Kirche war aus Holz und lag außerhalb der Stadtmauer; in der Landschaft sind noch die Ortschaften Martin-Eglise, Saint Martin-Le-Gaillard, Saint Martin de Foucarmont und Martigny Zeugen für die frühe Verehrung. Saint Martin de Seez will im Jahre 560 gegründet sein. Zu Amiens war die Kapelle zu Erinnerung an die Episode von dem halbierten Mantel im sechsten Jahrhundert von Nonnen bedient [229-g]. In Laon und Reims lagen die Martinskapellen vor der Stadt. Eine Memorialkapelle besaß Tonnere bei Langres. Martin soll dort einem alten Priester den lahmen Fuß geheilt haben, ohne erkannt zu sein [230-a]. Zu Verdun war die Andreaskirche mit Martin kombiniert worden, weil Bischof Agirich in der zweiten Hälfte des sechsten Jahrhunderts seinen Leuten die Wallfahrt nach Tours abnehmen wollte. In den Ardennen stammt Saint Martin d’Ivoy, von den Reliquien, die der Einsiedler Wulfilach aus Tours brachte [230-b]. Im Elsaß besitzt Colmar die bedeutendste alte Martinskultstätte.

2.

Das alles betrifft den Vertrieb des Andenkens an den Nationalheiligen im Reiche selbst. Aber die Rolle, die er bei der Ausbreitung seines Namens über die Grenzen hinaus übernahm, ist fast noch mehr dazu angethan, ihn als fränkischen Reichsapostel ins Licht zu setzen. Von ausländischen Martinskirchen im Süden nennt Gregor eine nicht näher bezeichnete italienische und eine zweite in Ravenna [230-c], auf der iberischen Halbinsel das Martinskloster zwischen Saguntum und Carthagena in Spanien [230-d] und die Martinskirche in Portugal [230-e]. In Belgien sind Liege und Tournai die Centren des ausgedehnten Martinskultus; doch ist hier zu erinnern, daß ein gleichnamiger Lokalkultus, der sich auf den älteren und ganz sagenhaften Bischof Martin von Tongern bezog, in den universalen des Reichsmartin aufgegangen und also in ihm enthalten sein mag. Die ebenfalls nicht geringe Verbreitung des Namens in Holland ist auf die angelsächsische Mission zurückzuführen, die ihn entweder vom Reiche entlehnte oder, was nicht ausgeschlossen ist, von den Inseln herüberbrachte; wahrscheinlich war Martin eben schon im siebenten Jahrhundert drüben verehrt; seine ansehnlichste Kirche, Saint-Martin-Le-Grand in London, wird auf König Witfred von Kent ums Jahr 700 zurückgeführt. Ist dies und diese ganze Martinsausbreitung auf der nördlichen Reichsgrenze nun aber nur spärlich aufgehellt und muß auch von vornherein zugegeben werden, daß wir im einzelnen für die östlichen Gebiete nicht besser unterrichtet sind, so tritt doch bei der Martinsmission am Oberrhein und unter den Alemannen, Schwaben und Thüringen ein neues merkwürdiges Moment in den Kreis unserer Kenntnis ein. Sie war nämlich Reichsmission [230-1]. Der im Jahre 580 verstorbene, aus Ungarn stammende Erzbischof Martin von Bracara in Portugal rühmt dem Heiligen von Tours in einem Gedichte nach: »Mancherlei wilde Völker gewinnst du unter Christi milden Bund. Alamannen, Sachsen, Thüringer, Ungarn, Rugier, Slaven, Naren, Sarmaten, Daten, Ostgoten, Franken, Burgunder, Dacier und Alanen freuen sich unter deiner Führung Gott erkannt zu haben. Deine Wunderzeichen bewundernd, hat der Sueve gelernt, auf welchem Wege er wandeln soll«. Mag nun bei den meisten der aufgezählten Völkerschaften die Martinsmission nur in der Einbildung des begeisterten Jüngers stattgefunden haben, kann auch ferner nicht ohne einiges Recht vermutet werden, das katholische Christentum habe in Thüringen bereits viel früher Fuß gefaßt [231-1], so trifft obige Mitteilung auf die Alamannen um so mehr zu, als auch aus einer byzantinischen Quelle ähnliches verlautet. Als sich unter der Regierung König Theudeberts das Bistum Augsburg von dem Metropolitanverband mit Aquileja loslöste und an die fränkische Kirche anschloß, muß die Kirche in Alamannien wenigstens in den Grundlagen von Regierungs wegen organisiert gewesen sein; damit hängen auch die wahrscheinlich ebenfalls im sechsten Jahrhundert erfolgten Bistumsverschiebungen von Windisch nach Konstanz und von Augst nach Basel zusammen. In Windisch nun weihte noch Bischof Ursinus die von ihm erbaute Kirche dem heiligen Martin; die betreffende Inschrift ist erhalten. Weitere Spuren leiten aber auf die Annahme, diese Martinsmission sei nicht bischöflichen, sondern direkt königlichen Ursprungs gewesen. Kolumbans Missionsreise zeigt im allgemeinen, daß die Missionierung Alamanniens von einem fränkischen König angeregt wurde, und spätere Erinnerung nennt König Dagobert als den eifrigsten und erfolgreichsten Förderer dieser Bekehrung auf amtlichem Wege, als der er für die Friesen durch zeitgenössische Berichte beglaubigt ist. Sachliche Schlüsse gestatten noch tiefere Folgerungen. Das den Alamannen abgenommene, von Franken besiedelte Land wurde als Krongut betrachtet. Die Ansiedler hatten dem Könige die Osterstufe zu entrichten. In Ostfranken hießen die amtlichen Sammelstellen Königshöfe, ein noch heute häufiger Ortsname. Aber diese Plätze wurden nicht nur befestigt, sie erhielten auch Kirchen. Diese waren nun, wie sich noch für eine große Anzahl Dörfer nachweisen läßt, Martinskirchen. In Alamannien geschah dasselbe. Der Dienst des heiligen Martin kam mächtig empor, zumal allem nach die Kirche nicht nur im Krongut, sondern auch auf den alten römischen Niederlassungen, ja überhaupt so ziemlich jede Unterpfarrei nach Martin zu heißen kam. Vielleicht sind überhaupt die Martinskirchen der meisten Rheinstädte von Chur bis gegen Aachen, und nicht die betreffenden Kathedralen daselbst, die Centren des ältesten Stadtbildes gewesen, wie das zum Beispiel für Basel außer Zweifel steht [232-1].

3.

Werfen wir nun noch einen Blick auf andere Missionen, zunächst im Reiche selbst. Von einheimischen Heiligen kommt, um auch hier bei der Autorität Gregors zu bleiben, Julian von Brioude im Hinblick auf kultische Ausbreitung Martin am nächsten. Seine ältesten Filialen finden sich zu Tours [232-a], Saintes [232-b], Limoges [232-c], Reims [232-d] und Paris [232-e]; auch Saint Julien Vibracensis [232-f] und zu Pernay [232-g], sowie Saint Julien in Correze und Saint Julien de l’Escay fußen auf frühen Spuren. Andere bekanntere Ableger von Grundheiligen sind Saturnin in Tours [232-h] und in der Vaucluse, Symphorian in Bourges [232-i] und in Thiers [232-k]. Die nach Germanus geheißenen Kirchen zu Lembron und zu Tours [232-l] gehören, erstere sicher, die zweite wahrscheinlich, dem älteren, dem von Auxerre. Eine kleine Ortschaft wie Thiers besaß, neben der Symphorianskirche, noch eine dem Genesius von Arles gewidmete. Merkwürdiger zu wissen wäre jedoch, was für Grundheilige gleich Martin zu Heidenmissionen verwendet wurden; sein ehemaliger »böser Geist« Briccius tritt später einträchtig mit ihm als Kapellenpatron am Rhein und in Ostfranken auf. Und von Poitiers scheint geradezu unter dem Namen des Hilarius eine natürlich bescheidenere Parallelmission nach Alamannien gewandert zu sein. Diese Annahme entspringt vor allem dem Bestreben, Sankt Fridolin gerecht zu werden. Die historisch unbrauchbare Fridolinsvita des sogenannten Balther ist vielleicht die Zusammenschweißung zweier Heiligensagen [232-2]. Die eine, die Gründungssage des Stiftes Säckingen, das sich auf einen aus dem lothringischen Schottenkloster Helera oder Sankt Avold stammenden Mönch unsicheren Namens, Fridold oder Fridoald, zurückführte; er war erst im Birsthale thätig gewesen, hatte dann aber nach Ankunft des Germanus sich einen Wirkungskreis am Rhein gesucht. Säckingen besaß aber eine Heiligenkreuzkirche. Das deutet nach Poitiers, dem Herd der eigentlichen Fridolinssage. Fridolin hieß ein Hauptförderer des Hilariuskultus daselbst. Doch thut seine Sage vielleicht des guten zu viel, wenn sie ihn zum Zeitgenossen König Chlodowechs stempelt. Aber darin mag sie recht haben, daß dieser Fridolin nicht nur sich um Bau und Umbau der Hilariusstätten zu Poitiers verdient machte, sondern auch eben die Hilariusmission mit seinem Beispiel anregte. Er griff zum Wanderstab, hängte sich die Reliquienkapsel um und wirkte für den Namen seines Patrons von Lothringen bis nach Rätien; wenigstens läßt die Vita eine Hilariuskirche in Lothringen, eine zweite in den Vogesen, eine dritte in Straßburg, und schließlich gar noch eine in Chur von ihm gegründet werden. So wären denn Hilarius und Martin, wie sie in der That die christlichen Grundheiligen des alten Frankreich in des Wortes tiefstem Sinne gewesen sind, auch nach ihrem Erdenleben auf gemeinsamer Wanderschaft zu Missionszwecken ins Gebiet des Elsaßes und der Schweiz gelangt. Dort hat sich ihnen mit der Zeit noch Remigius angeschlossen, gewiß ebenfalls ein hervorragender fränkischer Grundheiliger. Doch handelt es sich für seine Mission um spätere Spuren. Diese organisierten Missionen zur Bekehrung der Germanenstämme im Osten gingen aus dem Herzen des Frankenreichs hervor; Tours, Reims, Soissons, Paris erscheinen als die Herde; denn außer den genannten finden wir auch sonst eine Reihe von Grundheiligen speziell aus Neustrien, zwar nicht mit ganzen Missionen, aber mit einzelnen Kirchen im eroberten Lande vertreten; Antolian von Clermont in Plattenhardt, Medardus von Soissons in Ostdorf, Lupus von Troyes in Wilflingen. Der Eifer zur Ausbreitung des Christentums äußerte sich in Alamannien geradezu fieberhaft, zumal gewiß alsbald private oder lokale Unternehmung mit der staatlichen Initiative wetteiferte. Wenn sich zum Beispiel in der Altstadt Rottweil eine Kirche des Pelagius, des Grundheiligen der Diöcese Windisch-Constanz findet, so deutet das auf eine ähnliche Lokalmission, wie etwa im Reiche selbst, in der Diöcese Châlons, vom Lupentiusgrabe aus der Marne entlang nicht weniger als zwölf Louventkirchen erstanden.

4.

In den kultischen Tauschverkehr einheimischer Namen mischte sich indessen die Reliquieneinfuhr aus dem Orient, aus Italien und aus Spanien. Wo es sich nicht um Namen handelt, die im Neuen Testament stehen, sind durchweg Märtyrer gemeint. Aus dem orientalischen Heiligenkonvent der diokletianischen Verfolgung haben sich vier in der fränkischen Kirche schon im sechsten Jahrhundert angesiedelt, Georg mit einigen Gotteshäusern in der Auvergne, bei Limoges und bei Le Mans [233-a], Moritz außer in Agaunum mit der Stadtkirche in Tours [233-b], wo er, immerhin durch Agaunensische Reliquien, geradezu Titelpatron war, dann noch Cyricus, Saint Cirgue, mit einer Kirche in Arvern und Sergius mit einer nicht näher bezeichneten Kirche [233-c]. Die Cyricusreliquien hatte entweder der Abt Abraham aus dem Morgenlande gebracht oder, falls das Kloster schon vorher bestand und bereits in diesem Besitze war, haben offenbar die entsprechenden Verbindungen Abraham gerade nach Clermont geführt [234-a]. Italien lieferte zunächst seinen erlauchtesten Märtyrer, den heiligen Laurentius. Die ihm gewidmete Kirche in Paris wurde schon zur Zeit Childeberts von Mönchen unter dem Vorsteher Domnolus bedient und lag an einem Arm der Seine [234-b]; die Lorenzkirche zu Clermont beherbergte den Leib des Bischofs Gallus; sie lag südlich der Stadt [234-c]. Die übrigen italienischen Märtyrer, die so früh in Frankreich Verehrung fanden, stammen aus Oberitalien, dessen Metropole Mailand auch sein Heiligenpaar Gervasius und Protasius zur Verfügung stellte und im alten Tours an ausgezeichneter Stelle innerhalb des Mauerrings verehrt sehen durfte; Martin selbst hatte diese Reliquien seiner Zeit mitgebracht [234-d]. Der andere Mailänder Nero-Märtyrer, der Knabe Nazarius, besaß bei Nantes an der Loire Kirche und Kloster [234-e], während die Nazariusreliquien zu Embrun von den Einwohnern als autochton in Anspruch genommen wurden. Aus Spanien kam der Diokletiansmärtyrer Felix von Girone und wurde zu Narbonne schon im fünften [234-f] Jahrhundert verehrt; doch tritt er hinter seinem Landsmann, dem berühmteren Diokletiansmärtyrer Vincenz von Saragossa zurück [234-g]. Dieser war der Primarpatron von Saint Germain des Prés in Paris, wo der Stifter, König Childebert I, Bischof Germanus von Paris und ein Prinz begraben liegen [234-h]. Er besaß überdies zu Tours eine in der zweiten Hälfte des sechsten Jahrhunderts ihm erbaute Kirche [234-i] und eine bei Agen, wo man bereits sich fragte, ob er am Ende nicht hier, auf gallischem Boden, das Martyrium erlitten habe [234-k]. Auch sonst fehlen Anzeichen nicht, daß sich Vincenz vollständig im Frankenreich eingebürgert und auch die letzte Spur des Ausländers verloren habe: nimmt er doch, gleich einem Grundheiligen, an der Germanenmission im Osten teil, wie seine Kirchen in Schwenningen, Fronhofen und Grunbach beweisen.

5.

Unter den im Frankenreich importierten Heiligennamen sind die Urheiligen nicht nur zahlreich vertreten, sie sind auch wichtig wegen mancher Eigentümlichkeit, die es noch kurz zu erwähnen gilt. Johannes der Täufer ist schon im sechsten Jahrhundert in der fränkischen Kirche populär. Er nahm insofern eine eigenartige Stellung ein, als seine Heiligtümer, vielleicht um den Vorläufer auch symbolisch anzudeuten, fast ausnahmslos nicht selbständige Bauten, sondern kleinere Dependenzgebäude der Kathedralen oder anderer Hauptkirchen sind, von denen sie allerdings manchmal eine gewisse Entfernung trennte. Baptisterium, ihre geläufige Bezeichnung, heißt gewiß nicht nur Taufkapelle, sondern gewiß ebenso wohl Täuferkapelle und wenn dort auch in der That vorzugsweise die Taufen stattfanden, so steht das mit dem Schutzpatron wohl am ehesten in dem Zusammenhang, daß man unter der Obhut dessen, der den Heiland getauft habe, auch die weiteren Taufen vornehmen wollte.

Am lehrreichsten stellen sich die den Täufer betreffenden Heiligtümer im alten Tours dar [235-a]. Dort stand vor alters in der Stadtkirche das Baptisterium. Obschon es nun durch den Brand 561 nicht zerstört wurde, erbaute man daneben ein neues mit Johannes- und Sergiusreliquien. Dann aber besaß auch die vor den Mauern gelegene Martinskirche eine Johanneskapelle vor ihrem Eingang, wie jene ja auch sonst, ohne Kathedrale zu sein, den Rang eines Münsters einnahm. In Dijon stieß die Täuferkapelle an die bischöfliche Wohnung an und hieß bald so, bald Johanneskirche [235-b]. Doch konnten unabhängig vom Taufgebrauche Johanneskirchen, dann also nicht Baptisterien, auf dem üblichen Wege, nämlich durch die betreffenden Reliquien entstehen, so die zu Bazas [235-c], während umgekehrt diese Reliquien nicht zwingend den Namen im Gefolge hatten; in Maurienne ließ König Gunthram für Johannesreliquien ein Gotteshaus bauen mit dem Zwecke, sie dort zu bergen, zugleich aber verfügte er, diese Kirche nicht nach Johannes, sondern nach dem heiligen Ysychius zu heißen [235-d].

In Tours stand überdies eine vierte Kirche in Beziehung auf den Täufer, indem sie gemeinsam ihm und der Maria gewidmet war, ebenfalls vor den Thoren, in unmittelbarer Nähe von Sankt Martin [235-e]. Daneben besaß Tours innerhalb der Mauern eine nur der Maria gewidmete Kirche [235-f], die ihrerseits wieder von der Stadtkirche zu unterscheiden ist, so daß in dieser ältesten Zeit in Frankreich Notre Dame und Kathedrale noch nicht ohne weiteres zusammenfallen. Drei alte Marienkirchen finden wir in Lyon, Poitiers und Toulouse [235-g]. Von der ersten ist jede Spur verschwunden; die zweite, Pfarr- und Begräbniskirche des Frauenklosters vom heiligen Kreuz, hieß später nach ihrer Erbauerin Radegunde, und die dritte, an der alten Stadtgrenze unweit der Garonne, jetzt Notre Dame de la Dourade, hieß so nach einem vergoldeten Muttergottesmosaik, das dort verehrt wurde. Keine echte Urkunde eines merowingischen Königs nennt eine Nur-Marienkirche. Erst um die Mitte des achten Jahrhunderts werden sie häufiger, indessen Maria bei mehrnamigen Kirchen schon früh an erster Stelle figuriert.

Noch seltener finden sich Heiligtümer, die ausdrücklich Christus geweiht sind. Erst am Ende der Merowinger Zeit tauchen die ersten Erlöserkirchen auf: Sankt Salvator in der Provence, in der Diöcese Bourges und in Tegernsee [236-a]. Früher, aber nur vereinzelt, finden sich Kirchen, die nach dem vornehmsten Christusattribut, dem heiligen Kreuz heißen, die erste und berühmteste bleibt die von Poitiers. Die Radegunde des siebenten Jahrhunderts, Königin Balthilde, baute in Chelles eine gleiche, und überdies enthielt die dortige Georgsbasilika in der Seitennische rechter Hand einen Heiligen-Kreuz-Altar [236-b]. Auch in Metz stand um 600 eine Kirche dieses Namens [236-c], und selbst die von Säckingen könnte schon aus dieser früheren Zeit stammen [236-d].

Von den zwölf Aposteln steht natürlich auch hier obenan Petrus. In Paris gründeten Chlodowech und seine Gemahlin die Peterskirche, in der sie dann auch nebst ihrer Tochter Chlotilde und den beiden ermordeten Enkeln begraben lagen. Diese Kirche hieß genauer »Heiligenapostelkirche«, war also Peter und Paul gewidmet [236-e]. Sie enthielt das Stadtheiligtum, das Genovefagrab. Auch die Peterskirchen von Rouen und Tours nahmen später die einstige Protektion der Königin Chrotechilde in Anspruch [236-f]. Doch war die Peter- und Paulskirche oder auch nur Peterskirche in Tours älter, da sie der Martinsrestaurator Perpetuus errichtet hat [236-g]. Die Johanneskirche in Lyon, die eine Krypta mit mehreren Gräbern besaß, also kaum eine Taufkapelle gewesen sein wird, könnte dem Evangelisten gewidmet sein [236-h], angesichts der Beziehungen der Stadt zum Johannesschüler Polykarp, dessen Tag übrigens in der fränkischen Kirche gefeiert wurde [236-i], keine unwahrscheinliche Annahme; nachweisbar sind Kirchen für Johannes den Evangelisten sonst frühstens vom siebenten Jahrhundert an. Arvern besaß eine Andreaskirche; sie wurde im Pestjahre 563 gestiftet [236-k]. Die größte Verehrung von allen Urheiligen genoß aber damals keiner von den genannten, sondern dem Interesse am Martyrium entsprechend der Erzmärtyrer Stephan. Die älteste Stephanskirche war wohl die von Tours, die schon Ende des sechsten Jahrhunderts als von den Altvordern errichtet galt [236-l]; sie lag nur wenige Schritte vor der Stadtmauer. Die andere große Stephanskirche, die in Arvern, war ums Jahr 460, von der Witwe eines Bischofs errichtet worden und beherbergte später den Quintiansleib [236-m].

Gleich den Grundheiligen haben auch die Urheiligen ihren Anteil an der staatlichen Mission im heidnischen Osten. In ihrem Gefolge erscheinen hier überdies der Erzengel Michael [237-a] und der Apostelschüler Clemens [237-b]. Beide werden zwar schon bei Gregor als Heilige angerufen und Michael mit Martin in Verbindung gebracht; von ihren Kirchen dagegen verlautet bei ihm noch nichts. Die Michaelskirchen sind meistens Adjudanten der Martinskirchen: offenbar handelte es sich darum, nicht nur den Donar, sondern auch Tiuz durch einen Gottesritter zu ersetzen, und so rief man den Michael herbei, da ja Georg im Frankenreich bleibend nicht Fuß gefaßt hat. Mit den Martins- und Michaelskirchen erscheinen die Stephanskirchen fast in regelmäßiger Verbindung, wobei dann auch noch mit den Baptisterien der Täufer zu seinem Rechte gelangte. Begleitet war Stephan des öfteren eben von Clemens, der jedoch nicht direkt aus Rom, sondern aus Nordfrankreich zugewandert kam.

Damit sei die dürftige Skizze über die merowingischen Kirchen im Grundriß ihrer Ausbreitung abgeschlossen. Zur vollständigen Lösung der Aufgabe müßten nicht nur alle Quellen, Urkunden und Briefe inbegriffen, sondern vor allem auch archäologische Hilfsmittel in ausgedehnterem Maße zugezogen werden.