Vierzehntes Kapitel.
Der heilige Ort.

Auch in dem fränkischen Christentum ist der Begriff der Heiligkeit nicht in erster Linie ethischer, sondern kultischer Natur. Heilig ist, was dem Heiligen gehört. Aus diesem Grundsatz ergeben sich die beiden Haupteigenschaften des Heiligen: seine Güte und sein Zorn. Wer vertrauensvoll im Falle der Not seine Zuflucht an der Heiligenstätte sucht, den liebt der Heilige; wer sich dagegen an der Kirchenhabe vergreift oder den Heiligen sonst belästigt oder beleidigt, den haßt er. Da er sich zudem gegenüber den Herren der Erde und selbst dem Mächtigsten unter ihnen von vornherein und ausnahmslos als den stärkeren und überlegenen erweist, so bedeutet bei ihm Liebe zugleich Schutz und Zorn zugleich Vernichtung.

1.

Man fand es aber doch ratsam, dem Heiligen eine kräftige Tempelpolizei zur Verfügung zu halten. Am Juliansfeste betrachtete ein Mann aus dem Volke noch längere Zeit nach dem Gottesdienste die Kostbarkeiten rings herum, sah aber ein, daß er jetzt doch nicht unbeachtet stehlen könne, und verbarg sich darum in einem Winkel. Als es dunkel war, machte er sich an den umgitterten Hauptaltar, entwendet ihm ein mit Edelsteinen besetztes Kreuz, reißt zugleich Gardinen und Vorhänge von der Wand herunter und schnürt sie in ein Bündel zusammen, lädt es auf den Kopf, nimmt dann das Kreuz, das er auf den Boden geworfen hat, in die Hand und will von dannen, kann aber nicht hinaus; da legt er sich an dem früheren Schlupfwinkel schlafen, indem er das Bündel als Kissen unter den Kopf nimmt. Um Mitternacht nun, als die Wächterpatrouille ihre übliche Runde macht, fiel ihnen zuerst ein Lichtglanz wie von einem Sterne auf; es war einer von den Edelsteinen am Kreuze, der aufblitzte. Sie holte nun eine Kerze und fanden den Tempeldieb schlafend. Er wurde verhaftet und bekannte am Morgen früh; er sei unzählige Male in der Kirche herumgegangen, aber ohne einen Ausweg zu finden [249-a]. Von allen fränkischen Heiligen war es insbesondere Julian, der immer wieder und in jeder Form mit Eingriffen in seinen Besitz zu thun hatte: der eigentliche Raub- und Raufheilige. Jenes selbe Altarkreuz, das zwar nur vergoldet, aber rundum vergoldet war, wurde von einem Ruchlosen gestohlen, weil er meinte, es sei ganz aus Gold. Als er es aber in seinem Busen barg und er ein Stück weit gegangen war, drückte es ihn so sehr, daß er es kaum hätte noch weiter wegtragen können. Er hielt daher für klüger, es dem Heiligen gleich wieder zurück zu erstatten [250-a]. Wenn der Heilige sich nicht selber half, so konnte er immer auf irgend eine Unterstützung seitens eines Gläubigen rechnen. Nach der Heldenthat des Hillidius stahlen vier Flüchtige eine Schale und eine Urne. Die Schalen teilten sie in vier Stücke; die Urne dagegen überreichten sie König Gundobad, um sich seiner Gunst zu versichern. Die Klugheit der Königin Caretene rettete das Kirchengerät; sie machte dem Fürsten klar, er werde doch nicht die Gunst des Heiligen aufs Spiel setzen wollen, um eines leichten Gewinnes willen [250-b]. Sigivald, der mächtige Graf von Arvern, ließ sich in der Auvergne allerlei Unebenheiten gegenüber fremdem Besitz zu Schulden kommen. Unter dem Schein eines Tauschhandels schlug er auch seine Hand über ein Grundstück, das einst Bischof Tetradius von Bourges der Julianskirche vermacht hatte. Aber drei Monate später verfiel er einer Entkräftung und hütete das Bett. Seine Frau, die hierüber sehr traurig war, wurde indessen von einem Priester belehrt, ihr Mann werde gesund sein, sobald er eine Ortsveränderung vornehme. In der That ging es Sigivald wieder gut, kaum war er von seiner Villa wieder weggezogen [250-c]. Auch der Grundbesitz des Heiligen war vor frecher Bubenhand nicht sicher. Ein Schäfer namens Ingenuus, Nachbar des Kirchengutes, verrückte die Grenzmark. Der Priester von Sankt Julian schickte einige Diakone und ließ ihm zu verstehen geben, er habe davon abzulassen. Aber Ingenuus holte seinen Pfeilbogen und trieb die geistlichen Unterhändler in die Flucht. In der nächsten Juliansmesse wurde er zu Brioude vom Blitz getötet [250-d]. Eine weitere Gewaltthat ließ sich Graf Beccon zu Schulden kommen. Eines Tages, als er seinen Jagdfalken steigen ließ, verflog sich der Vogel. Um jene Zeit fing der Schenkjunge von Sankt Julian einen anderen herrenlosen Falken. Sofort erklärte Beccon, es sei seiner, der Junge habe ihn ihm gestohlen. Der Jüngling wurde ergriffen, eingesteckt, und der Graf machte Miene, ihn hängen zu lassen. Da eilte der Priester tiefbetrübt zum Juliansgrabe, öffnete seufzend die Schreine und versuchte es mit zehn Goldstücken, die er dem Grafen durch zuverlässige Freunde anbot. Der aber lachte ihnen ins Gesicht und verlangte ein Lösegeld von dreißig Gulden. Er erhielt es. Aber Julian vergaß die Beschimpfung nicht, und als beim nächsten Jahresfeste auch der Graf den Gottesdienst besuchte und der Vorleser der Passion zum ersten Mal den Namen des Heiligen aussprach, brach der böse Mann an einem Schlaganfall zusammen und mußte nach Hause getragen werden. Obwohl er der Kirche dann alles schenken ließ, was er in jenem Augenblick an Gold und köstlichen Stoffen an sich getragen hatte und später noch viele andere Geschenke beifügte, so erlangte er doch bis zu seinem Tode den Gebrauch seiner Sinne nicht wieder [251-a]. Ein abtrünniger Priester, der in die Staatsverwaltung übergetreten war und sich seitens seiner Vorgesetzten mit Vollmacht versehen hatte, besichtigte die Schafherden, die auf den Bergen sömmerten, und stahl unter dem Vorwand der schuldigen Steuer die Widder eben der Herde, die im Namen des Heiligen gehalten wurde, zum Entsetzen der Hirten. »Rühre doch ja diese Widder nicht an?« riefen sie ihm zu. Er aber grinste höhnisch, indem er die Tiere von hinnen trieb: »Unsinn! Seit wann ißt denn Julian Hammelbraten?« Als er das nächste Mal Juliansgebiet betrat und am Grabe betete, befiel ihn der Fieberbrand, dem er erlag [251-b]. In den Juliansvigilien ließ sich Jemand einfallen, das Pferd eines Festbesuchers, das draußen stand, zu besteigen und damit davonzureiten. Er ritt die ganze Nacht, und als es dämmerte, dachte er: »So, nun werde ich wohl so meine dreißig Meilen von der Juliansbasilika entfernt, also vor Entdeckung sicher und bald zu Hause sein.« Aber mit Nichten. Als er die Gegend näher unterscheiden konnte, befand er sich nach wie vor in der Nähe des Fleckens von dem er ausgeritten war, und Leute liefen hin und her. Da zog er denn doch vor, abzusteigen, und den Gaul in aller Stille da wieder anzubinden, wo er ihn losgebunden hatte [251-c]. So gnädig diesmal Julian gegen den Dieb sich verhielt, so freundlich half er bei einem andern Pferdediebstahl dem Bestohlenen. Ein frommer Mann, der zum Feste gekommen war und die ganzen Vigilien mitgemacht hatte, konnte am Morgen sein Pferd nicht finden. Im Quartier, wo er es eingestellt hatte, war es nicht mehr, und als während zweier Tage keine Nachfrage helfen wollte, ging er hin und klagte sein Leid dem Heiligen: »O Heiliger, ich bin zu deinem Tempel gekommen, um dirs in aller Armut zu geben, wie ichs habe. Ich veruntreute nichts und beging auch sonst nichts Unrechtes. Warum bin ich aber dann um mein Gut gekommen? Gieb es mir bitte zurück. Ich kann es nicht entbehren.« Und siehe, kaum hatte er unter Thränen so gebetet und trat aus der Kirche, da sah er schon von weitem Jemanden, der sein Roß hielt. Eben hatte man es eingefangen [251-d].

Außer Julian hatten auch kleinere Heilige sich besonders im Süden gegen allerlei Zumutungen zu wehren. Der Andreaskirche zu Agde nahm Graf Gomachar eines Tages ein Stück Land weg. Bischof Leo ging alsobald hin und machte dem Grafen Vorstellungen, aber ohne Erfolg; es war eben kein Katholik. Erst als er das Fieber und überdies Gewissensbisse bekam, ließ er den Bischof um Fürbitte ersuchen, er wolle das Land dann zurückgeben. Als es ihm aber auf das Gebet des Bischofs hin wirklich besser ging, sagte er zu den Seinen: »Bilden sich diese Römlinge nicht ein, ich sei krank gewesen, weil ich ihr Land wegnahm! Es war ja doch ein rein natürlicher Vorgang. Bei meinen Lebzeiten soll das Land nicht ihnen gehören«. Er ließ es wieder besetzen. Wieder kam der Bischof und riet ihm, die Rache Gottes nicht herauszufordern, erhielt aber zur Antwort: »Halt’s Maul, alter Mümmler, sonst laß ich dich auf einen Esel binden und durch die Stadt treiben, damit die Leute etwas zum Lachen haben«. Da ging der Bischof hin, verbrachte eine Nacht in der Kirche in gesteigertem Gebet, am Morgen aber zerschlug er alle Lampen mit einer Ruthe, die er in der Hand hatte und erklärte: »Hier wird kein Licht mehr angezündet, bis Gott an seinen Feinden gerächt ist«. Wieder wurde der Ketzer vom Fieber befallen, wieder ließ er zum Bischof schicken und versprach zum gestohlenen Landstrich einen andern gleich großen, wenn er gesund werde. Der Bischof aber erklärte, er habe gebetet, und ließ sich auch auf neue Anträge nicht mehr ein. Da kam der kranke Sünder auf einem Wagen angefahren und sagte dem geistlichen Herrn: »Da ich dir doch das Doppelte zurückerstatten will, kann deine Heiligkeit wohl ein Wort für mich einlegen«. Jener widersetzte sich; der Graf befahl, ihn in die Kirche zu treiben. Der Bischof betrat den heiligen Raum; in diesem Augenblick starb der gottlose Mann, und die Kirche kam wieder zu ihrer Sache [252-a]. In der Nazariuskirche zu Nantes brachte einst ein frommer Mann einen schön verzierten Gürtel, der mit schwerem Golde gefüllt war, und legte ihn auf dem Altare nieder mit der Bitte, der Heilige möge ihm dafür in seinen Geschäften behilflich sein. Kaum war er weg, so kam der Britannengraf Waroch mit einem Kameraden und hatten es auf das Weihgeschenk abgesehen. Er erzwang sich den Geldbeutel durch fürchterliche Drohungen vom Priester, dann ließ er sein Pferd in die Kirchenhalle führen, um dort aufzusitzen, ein neues schweres Vergehen. Aber beim Hinausreiten stieß sein Kopf am Querbalken an, sodaß er rückwärts mit zerschmettertem Schädel vom Pferde sank und starb[252-d]. Als König Sigibert in Paris einzog und die Vorstädte teilweise einäschern ließ, begab sich einer seiner hohen Offiziere nach der Dionysiuskirche, nicht um zu beten, sondern um von dort irgend etwas mit heimzunehmen. Die Thüren standen offen und Niemand hinderte ihn, die prachtvolle gestickte Grabesdecke mit dem Gold und Steinbesatz zu entwenden. Dafür fiel ihm aber dann sein Leibdiener, der zweihundert Goldstücke seines Vermögens am Halse hangen hatte, durch einen Fehltritt beim Besteigen des Schiffs ins Wasser und verschwand mit samt dem Geld auf Nimmerwiedersehen; auch jener starb, trotzdem er den Raub zurücktrug, innert Jahresfrist. Ein anderer, der auf demselben heiligen Grabe die darüber aufgehängte goldene Taube mit seiner Lanze abhängen wollte, glitt mit den Füßen aus, strauchelte über das aufstehende Bord des Grabes und fiel an einer so unglücklichen Stelle in seine Lanze hinein, daß er tot aufgehoben wurde [253-a]. Einige harmlosere Fälle von bestraftem oder gesühntem Diebstahl werden in Verbindung mit andern Heiligen erzählt. Die Kirche von Yzeures bei Tours, deren Patron nicht genannt wird, enttäuschte einen nächtlichen Einbrecher, weil er die Wertsachen zu gut verschlossen und daher nichts von Belang zu stehlen fand. »Nun gut«, sagte er, »so will ich doch wenigstens einige Kirchenfenster einschlagen; wenn ich das Blei der Fenster einschmelze, so kann ich damit immerhin zu einigem Gelde kommen«. Gesagt, gethan. Aber als er die Bleistücke zu Hause in den Tiegel warf und drei Tage lang Schmelzversuche anstellte, brachte er nur einige Kügelchen zustande, die er dann vorbeiziehenden Händlern verkaufte. Zugleich erwarb er sich den Aussatz dazu, der ihn jedes Jahr am Tag des Diebstahls mit einer unerträglichen Augenentzündung heimsuchte [253-b]. Ein Bäuerlein, das nur von seiner Hände Arbeit lebte, indem es nämlich mit seinem Pfluge zu Acker fuhr, kam eines Abends müde heim und kümmerte sich weiter nicht mehr um seine beiden Ochsen, sondern ließ sie weiden und zog sich in seine Hütte zurück. Am andern Morgen waren die Ochsen gestohlen. Der arme Mann sucht sie überall, in Wald und Feld, ja auf den Bergen; er kann nicht die geringste Spur entdecken. Weinend und klagend kehrt er zu Frau und Kindern zurück: »Weh mir! Denn ohne meine Ochsen müßt ihr dieses Jahr verhungern«. Aber ein Gebet am Grabe des heiligen Felix von Nola verhilft ihm zu seinem Eigentum zurück [253-c]. Der Diokletiansmärtyrer Sergius stand im Rufe, das ihm anvertraute Gut vor ungerechten Händen besonders gut zu verwahren. Es war einmal eine arme alte Frau, die hatte nur eben noch einige Hühner, die sie der Kirche im Notfall zur Verfügung stellte. Einst, als aus Anlaß des Festes der Zulauf besonders groß war, kamen zwei Männer, die bereits im Hinkommen auf die Hühnchen ein Auge geworfen hatten, und stahlen eins, schnitten ihm Kopf und Beine ab, rupften es und setzten es mit einem Topf Wasser übers Feuer, um es zu sieden. Das Wasser kochte und brodelte, allein das gestohlene Fleisch wurde nicht weicher. Das Wasser verdampfte, dem Hühnchen fiel es nicht ein, zarter zu werden. Oft betasteten sie es und versuchten, die Nägel einzukrallen, sie fanden es nur immer härter. Indessen rückten die Gäste an. Man deckt den Tisch, legt schneeweiße Leinen aus und sogar einen aus Federn gewobenen Tischläufer. Die Platte, die das Gericht aufnehmen sollte, ist so rein gewaschen wie möglich. Da, durch ein noch nicht dagewesenes Wunder, hat sich das Brathuhn versteinert; geniert mußte man vom Tisch aufstehen zur großen Beschämung der Gastgeber und zur großen Enttäuschung der Gäste [253-d].

Dagegen hatte Martin von Tours, gewissermaßen als Dank für seine große Nachsicht und Milde, unter Diebstahl seltener zu leiden: einmal freilich wurde auch seine Grabeskirche erbrochen und ausgeplündert. Ferner ließ König Charibert sich von gewissenlosen Ratgebern verleiten, die Martinsgüter von Nazelles mit Beschlag zu belegen und dort Marställe für sein Gestüte einzurichten. Kaum waren aber die Pferde dort untergebracht, so brach die Sucht unter ihnen aus, und als der König kein Einsehen haben wollte, starb er selber kurz darauf [254-a].

2.

Eine weitere Folge der Verehrung des heiligen Ortes stellt sich sodann in wohlthätigen Einrichtungen dar, die man heute unter christlicher Liebesthätigkeit zusammen zu fassen pflegt. Schon an der Armenmatrikel zu Sankt Martin in Tours tritt es deutlich zu Tage, daß das Bewußtsein, im Bannkreis des Heiligen, in dem von ihm durchwalteten Raum zu wirken und zu leben, die eigentliche Triebkraft der Pfleger und der Trost der dort Verpflegten ausmacht. Täglich wurden milde Gaben im Kreuzgang der Kirche abgegeben, weil es eine der Eigenschaften der Heiligen sei, ein solches Pfrundhaus mittelst der Liebesgaben der Gläubigen zu erhalten. Die dort aufgenommenen Hausarmen, die als Matrikelleute von den übrigen Armen unterschieden wurden [254-b], durften tagsüber an den Kirchenthüren um ein Almosen betteln; doch blieb immer einer als Portier zurück, um die eingehenden Spenden entgegenzunehmen. Freilich kam es dann einmal vor, daß ein Ungetreuer das Pförtneramt versah und einen ihm abgelieferten Drittelgoldgulden für sich behielt. Doch war bereits die Kunde von einer schönen Einnahme herumgeboten worden, und als die Armen um die sechste Stunde von ihren Ausgängen heimkehrten, die milde Gabe, die Martin ihnen wieder gesandt habe, zu empfangen, schwor jener, »bei diesem heiligen Orte und allen Tugenden Sankt Martins«, ein Pfennig sei alles, was eingelaufen sei; da brach er auch schon vom Schlage gerührt zusammen [254-c]. Die Julianskirche in Tours, sowie die Martinszelle von Candes hatten jede eine eigene Matrikel [254-d]. Die Vorsteherin der weiblichen Abteilung dieser letzteren Armenkongregation, war die Matrone Remigia, während Vinastis den Männern daselbst für Nahrung sorgte; ein solches freiwillig übernommenes Liebesamt wurde gewöhnlich von Laien bekleidet, die ein eigenes Leiden in die Nähe des Heiligen geführt hatte [254-e]. Da das Obdach natürlich nur einer beschränkten Anzahl Aufnahme zu gewähren erlaubte, wurden die, deren Anmeldung angenommen war, in eine Liste eingetragen, und danach hieß dann die ganze Anstalt Matrikel. Ohne eigentlich ein Spital zu sein, war sie doch eben vor allem auch Aufnahmeort für Gebrechliche und Krüppel jeder Art [255-a]; auch ein armer Taubstummer fand dort Unterkunft, der von seinen Brüdern um sein väterliches Erbe beschlichen worden war, und derweil er nicht reden konnte, ein Klapperinstrument erfand, um die Vorübergehenden auf sich aufmerksam zu machen [255-b].

Größeren Umfang nahm ein anderes Liebeswerk an, die Patronage der Gefangenen. Es mag in jenen unablässigen Kriegsläuften einem dringenden Bedürfnis der Nächstenliebe entsprochen haben. Auch hier sind alle derartigen Unternehmungen aufs innigste mit einem Heiligennamen verknüpft, wenn es gleich die Natur der Sache mit sich brachte, daß wenigstens nicht alle Hilfe auf Kirchenboden vor sich ging und daß hier mehr dem unmittelbaren Eingreifen zugeschoben wurde, als grundsätzlichen Verfügungen. Ein Schelm kam mehrfacher Diebstähle wegen an den Galgen. Als letzte Gunst bat er, noch beten zu dürfen und warf sich mit seinen auf den Rücken gebundenen Händen leidenschaftlich auf die Erde, indem er den Namen Martins anrief. Dann wurde er aufgeknüpft und die Soldaten zogen ab. Er bewegte noch immer seine Lippen zum Versuche, ob er nicht doch noch den Namen Martins aussprechen könne; auch fielen bereits die Fesseln von Händen und Füßen; aber hängen blieb er zwei Tage lang, bis von ungefähr eine Nonne des Weges kam und ihn noch lebend vom Galgen hob. Nach Sankt Martin überführt, antwortete er auf allgemeines Befragen, wie er denn überhaupt nun noch am Leben sei: »Der heilige Martin hat mich dem Tode entrissen und hierher gebracht. Aber es fehlte wahrhaftig nur noch wenig« [255-c]. In Tours lagen vier Mann in Ketten und durften nichts zu essen bekommen. Da thaten sie sich zusammen und flehten einträchtig zu Sankt Martin, dessen Fest eben damals war, um Befreiung. Der Stock, in dem ihre Füße eingezwängt waren, that sich auf, die Ketten fielen ihnen ab. Sofort liefen sie davon, rissen die Thüre aus und begaben sich in die Kirche des Heiligen [255-d]. Und war die Gefangenschaft gar noch gegen das Recht, so half Martin um so sicherer. Ein junges Mädchen, Tochter freigelassener Eltern, wurde durch die Söhne ihres früheren Herrn noch zur Leibeigenschaft angehalten. Als sie daraufhin kurzer Hand den Dienst aufsagte, wurde sie in Ketten gelegt. Da weinte sie nun, daß sie nicht auch ans Martinsfest gehen könne. Alsobald konnte sie die Füße vom Stock frei machen, und als sie, nach der Kirche eilend, über die Schwelle trat, fielen ihr auch die Ketten von den Händen [255-e]. Ebenso wurde ein Mann, der zahlungsunfähig geworden war, von seinem Gläubiger nicht nur eingesteckt, sondern auch über die Maßen hart behandelt. »Verhungern laß ich dich«, rief jener ihm zu, »damit sich’s die andern gesagt sein lassen«. Unterdessen wurden draußen auf dem Wege nach Soissons Martinsreliquien unter Gesang vorübergetragen, sogleich wurde der Gefangene frei und konnte zur Kirche gehen [256-a]. Ein ander Mal galt Martins Gnade wieder zwei Gehenkten. Der erste, ein Höriger des Bürgers Genitor von Tours, war eines leichten Diebstahls wegen verurteilt und flehte auf dem Wege zum Richtplatz insgeheim: »Befreie mich, heiliger Bekenner Martin, von der drohenden Gefahr«. Als er gehenkt und allein gelassen war, erhob sich ein Wind, und er hörte eine Stimme sagen: »Laßt uns ihn frei machen«. Und siehe da, der Galgen, an dem er hing, wurde mit einer großen Scholle Erde umgelegt wie ein entwurzelter Baum. Der zweite hatte allerdings viel auf dem Gewissen, aber er hatte Buße gethan und wurde nun dennoch gehenkt. Doch riß der Strick. Er wurde noch einmal gehenkt. Da kam der Abt des benachbarten Klosters, eilte zum Grafen, der drei Meilen entfernt war und bat den Verurteilten frei [256-b]. Ein Gefangener hatte in Tours bereits eine Zeit lang gesessen und sollte nun auf Befehl des Richters nach dem andern Loireufer deportiert werden. Auf dem Fähreschiff war es den Wächtern plötzlich, als schlage sie Jemand auf den Kopf, sie stürzten; der Gefangene, der wohl wußte, daß ihm Martin half, konnte sich frei machen und die Kirche gewinnen [256-c]. Auch sonst erfuhren Gefangene immer wieder Martins hilfreiche Hand [256-d]. Und in Reims durfte sich Gregor, als er zum Besuche König Childeberts II. dort eintraf, von einem Gefängniswärter zu seinem himmlischen Herrn aufrichtig gratulieren lassen: da solle er nur hinsehen; die Dielenbretter seien mit Quadersteinen beschwert und die Thür mit einem eisernen Riegel und mit einem eisernen Schloß verrammelt gewesen, und doch seien die Gefangenen mit Martins Hilfe durch das Dach entkommen! [256-e]

Martin war nur der Hauptpatron der Gefangenen; auch andere Heilige nahmen sich ihrer an. Julian befreite einen auf Fürbitte von dessen Frau [256-f], Saint Quentin einen Gehenkten vom Galgen auf die Fürbitte eines mitleidigen Priesters [256-g], und die Viktormesse in Mailand galt als Freinacht für die Gefangenen zur Flucht [256-h]. Aus alledem dürfen wir auf ausgedehnte Ansprüche der damaligen Geistlichkeit schließen, für Gefangene einzutreten und einen Druck zu Gunsten ihrer Begnadigung auszuüben. Gewiß hatte das Uebelstände zur Folge, wenn schließlich jeder Geistliche oder wenigstens jeder Bischof und Abt die weltliche Gerechtigkeit in ihrem Lauf aufhalten konnte. Aber man vergesse nicht, wie damals das Recht gerade von den weltlichen Machthabern, die seine Hüter sein sollten, mit Füßen getreten wurde. Wenn die merowingischen Könige zum Mord ihre Zuflucht nahmen, aus purem Belieben ohne vorhergegangenes gerichtliches Verfahren und dabei dreist auf ein ihnen zustehendes »Recht« pochten [257-1], so mag man sich in jener Zeit der allgemeinen Willkür doch die Priester noch eher gefallen lassen, die gelegentlich eine verdiente Kerkerhaft oder eine gesetzmäßige Hinrichtung gewaltsam hintertrieben. Und gar wenn es in der feinen unaufdringlichen Weise unseres Gregor geschah: er kam eben von Sankt Martin zurück, da stürzte sich auf dem Petersplatz ein Gefangener vom Pferde hinunter zu seinen Füßen, erklärte ihm, er fühle sich unschuldig, worauf der Bischof mit dem begleitenden Gerichtsbeamten sprach und der Gefangene auf der Stelle frei gegeben wurde [257-a].

3.

Uebrigens flüchteten die glücklichen Gefangenen, denen der Heilige die Ketten abgestreift hatte, nicht aus bloßer Dankbarkeit in die Kirche, kaum waren sie frei. Sie wußten, daß ihnen dort keine weltliche Macht etwas anhaben durfte.

Das Asylrecht schränkte die Befugnisse der Staatsgewalt in erheblichem Grade ein. Der Schutz des kirchlichen Asyls schwächte die Friedlosigkeit regelmäßig. Die Acht oder Friedlosigkeit vernichtete allerdings die gesamte Rechtssphäre dessen, der ihr verfiel. Er konnte von Jedermann bußlos verwundet und erschlagen werden. Er verlor die Rechte der Sippe und der Familie; denn er hörte auf, Geschlechtsgenosse, Ehemann und Vater zu sein, sodaß sein Weib als Witwe, seine Kinder als Waisen behandelt wurden. Ueberdies bedeutet die Acht Verfolgung, öffentlich gebotene Verfolgung. Als Feind allen Volkes durfte der Friedlose nicht nur, sondern sollte er von jedermann verfolgt und getötet werden. Floh nun ein Geächteter in die Kirche, so konnte seine Auslieferung nur unter Zusicherung des Lebens und der Glieder erfolgen. Die fränkische Gesetzgebung ersetzte in solchem Falle Acht durch Verbannung [257-2].

In selteneren Fällen floh auch eine ganze Volksmenge in die Behausung des Heiligen; im Kriege kam es gewöhnlich vor, daß beim Ueberfall eines Dorfes die Kirche von flüchtigem Volk und dessen Fahrhabe besetzt war [257-b]. Auch konnte die Zufluchtsstätte in den kleinen Rechtshändeln des Tages täglich von kleinen Leuten aufgesucht werden, und auch den gewöhnlichen Bürger schützte dann der Heilige vor Gewaltthat [258-a]. Aber seine eigentliche, große, geschichtliche Rolle spielte das Asylrecht in den Kämpfen der mächtigen Herren! Bald war der eine Feind hilflos in der Kirche, bald der andere [258-b]. Welche Schauspiele des heißen, des wildesten Lebens trugen sich zu, wenn da die Leidenschaften auf dem Gipfel der Erregung aneinander schlugen! Daß dann der Heilige schließlich wenig mehr bei dem Handel zu sagen hatte und sein Schutz mehr durchbrochen als beachtet wurde, wie hätte das anders sein können! Die Priesterschaft that bei solchen Auftritten eben ihre Pflicht, suchte zu dämpfen und zu mildern, soviel als möglich war, nicht ohne sich dabei mutig allerlei unangenehmen Zwischenfällen auszusetzen. So sehr es nur immer anging, gönnte man dann dem Heiligen das Wort zu einer Manifestation; als nach dem Tode Sigiberts Graf Ruccolen an der Spitze der Leute von Le Mans vor Tours erschien und mit sofortiger Einäscherung von Sankt Martin drohte, falls nicht die in der Kirche verborgenen Flüchtlinge von den Diakonen herausgebracht wurden, da wurde mit großer Genugthuung bemerkt, daß in dem Augenblick, da Gregor mit der ganzen Geistlichkeit um Abwendung dieser Gefahr betete, eine zwölf Jahre lang gelähmte Frau sich wieder aufrichten konnte [258-c]. Doch was vermochten in derartigen Momenten solche episodischen Heiligenzüge vor dem rücksichtslosen und brutalen Gebahren der profanen Welt.

Statt aller weiteren theoretischen Erwägungen sei hier von den prachtvollen Schilderungen dieser Art aus der Frankengeschichte die erregendste und schönste als Beispiel mitgeteilt. Als Eberulf vernahm, daß ein für alle mal an Königsmördern ein Exempel statuiert werden solle, flüchtete er in die Martinskirche nach Tours. Da es nun erforderlich schien, ihn hier zu bewachen, ergriffen die von Orléans und die von Blois die günstige Gelegenheit und bezogen abwechselnd die Wache. Nach vierzehn Tagen kehrten sie dann mit vieler Beute zurück, indem sie, man denke, mitten im Frieden und im eigenen Lande, Zugvieh, Schafe und was sie wegbringen konnten, mit sich nahmen. Die aber dem heiligen Martin Vieh entführten, gerieten unter sich selbst in Händel und erstachen sich gegenseitig. Die Tiere wurden darauf zurückgegeben. Indessen teilten sich verschiedene Leute in Eberulfs Güter; sein Gold, sein Silber und die Kostbarkeiten fielen der öffentlichen Plünderung anheim. Was ihm von Krongut übertragen gewesen war, wurde für den Staatsschatz eingezogen, seine Pferde-, Schweine- und Rinderherden konfisziert. In seinem Haus, das er widerrechtlich vom Kircheneigentum sich angeeignet hatte und das man nun voll Getreide, Wein und Schinken fand, ließ man nur noch die nackten Wände zurück. Das war gerechte Vergeltung; denn als er noch in Freiheit war, ließ er seine Pferde und Schafe auf die Saatfelder und in die Weinberge der armen Leute treiben, und wenn sie, deren saure Arbeit er zu Grunde richtete, ihr eigenes Vieh hinausführten, ließ er sie sogleich von seinen Leuten niederhauen. Besonders aufsäßig war er den Verwaltern der Hauptkirche, eignete sich durch einen Scheinkauf widerrechtlich von ihren Gütern an, ja er vollführte in der Vorhalle der Martinsbasilika Mordthaten, stellte dort Saufgelage an und warf einen Priester, der ihm keinen Wein mehr geben wollte, da er schon betrunken war, auf eine Bank nieder und traktierte ihn mit seinen Fäusten derart, daß dieser verschieden wäre, wenn ihn nicht die Aerzte durch Schröpfköpfe gerettet hätten. Statt im Asyl Martins manierlich zu werden, überhäufte er Gregor mit Vorwürfen und gelobte, wenn er jemals wieder beim Könige in Gnaden angenommen sei, werde er alles rächen, was er erdulde. Er hielt, aus Furcht vor dem Könige, sein Nachtlager in der Sakristei der Martinskirche, und wenn der Priester mit den Schlüsseln fortgegangen war und die übrigen Pforten verschlossen hatte, kamen durch die Thüre der Sakristei die Töchter des Eberulf mit seinen andern Kindern in die Kirche, sahen sich die Wandgemälde an und kramten im Schmuck des heiligen Grabmals herum, was den Brüdern sehr anstößig war. Als der Priester dies in Erfahrung gebracht hatte, schlug er Nägel an der Thüre ein und schob die Riegel von innen vor. Da Eberulf nach seinem Abendessen, schon vom Wein trunken, dies bemerkte und Gregor mit seinen Klerikern in der Kirche eben Psalmen sang, brach jener wütend herein und überhäufte den Bischof mit seinen Schimpfreden. Fluchend warf er ihm vor, man verwehre ihm den Zutritt zu den Fransen der heiligen Grabdecke, deren Berührung ihn bei einem Ueberfall schützen sollte. Mit freundlichen Worten suchte ihn Gregor zu beruhigen, und als der gute Zuspruch nichts gegen den Wütenden vermochte, schwieg er still. Da wandte jener seine Flut von Schmähungen gegen einen Priester und geberdete sich wie verrückt, sodaß die Geistlichkeit, um weiteres Aergernis zu vermeiden, die Vesper abbrach und die Kirche verließ. Indessen schickte der König Gunthram einen gewissen Claudius ab und sprach: »Wenn du dich aufmachst, den Eberulf aus der Kirche schaffst und entweder mit dem Schwerte erlegst oder mir in Banden bringst, so will ich dich zu einem reichen Manne machen; aber nimm dich in Acht und füge ja der heiligen Kirche keinen Schaden zu«. Da eilte jener, verwegen und habgierig, wie er war, zuerst nach Paris, denn sein Weib war aus dem Gebiete von Meaux, und trachtete darnach, wie er die Königin Fredegunde sprechen könne. »Wenn ich sie spreche«, meinte er, »werde ich auch von ihr einen hübschen Lohn gewinnen; denn ich weiß, sie ist Eberulf gram«. Auch kam er wirklich zu ihr und erhielt sofort große Geschenke und viele Versprechungen überdies, wenn er Eberulf aus der Kirche schaffe und töte oder listig in Banden schlage oder ihn auch in der Vorhalle der Kirche selbst niederstoße. Darauf kehrte er nach der Burg Dun zurück und forderte hier den Grafen auf, ihm dreihundert Mann zu geben; seinem Vorgeben nach um die Thore der Stadt Tours zu bewachen, in Wahrheit um mit ihrer Hilfe Eberulf zu töten. Und während der Graf der Burg die Leute noch aufbot, zog Claudius selbst gegen Tours. Auf dem Wege aber fing er nach der Sitte der Franken an, auf Vorbedeutungen zu achten; doch meinte er, sie seien ihm ungünstig. Zugleich fragte er auch bei vielen an, ob die Macht des heiligen Martin sich neuerdings an Wortbrüchigen kund gegeben habe, und ob einen sofort die Rache ereile, wenn man denen, die ihre Hoffnung auf den Heiligen setzten, Leid anthue. Ohne die Leute von Chateau Dun abzuwarten, begab er sich sofort zu der heiligen Kirche, machte sich an Eberulf und hob an, ihm zu beteuern und ihm bei allen Heiligen und der Wunderkraft des seligen Bischofs, an dessen Grabe sie ständen, zu schwören, Niemand werde ihm treulicher in seinen Sachen beistehen als er, so könne er seine Händel mit dem Könige leicht zu einem guten Ende führen. Sich selbst sagte er: »Fange ich ihn nicht durch falsche Schwüre, so bekomme ich ihn nicht in meine Gewalt«. In der That faßte Eberulf auf die vielen Eide, in der Kirche, im Säulengange und an andern heiligen Stellen Vertrauen. Er selbst hatte die Sakristei mit einer Wohnung in dem an die Kirche anstoßenden Gebäude vertauscht. Dort zechten er und Claudius mit einigen Bürgern von Tours. Nach dem Mahl gingen er und Claudius in der Vorhalle auf und nieder und gelobten sich unter Eidschwüren Liebe und Treue. Plötzlich sagte Claudius: »Ich möchte wohl noch einen Trunk in deiner Wohnung thun, falls du süß gewürzte Weine hast oder die Güte haben solltest, einen starken Wein zu beschaffen.« Eberulf freute sich: daran fehle es nicht; und er schickte seine Diener aus, einen nach dem andern, stärkere Weine zu holen, italienische Weine. Als nun Claudius ihn allein und von seinen Dienern verlassen sah, hob er seine Hand gegen die Kirche auf und sprach: »Hochheiliger Martin, laß mich bald mein Weib und meine Kinder wieder sehen«. Der entscheidende Augenblick war da. Der Elende wollte hier in der Vorhalle morden, fürchtete aber doch die Macht des heiligen Bischofs. Da griff einer unter den Dienern des Claudius, ein handfester Mensch, zu, packte Eberulf von hinten mit kräftigen Armen, bog ihm die Brust zurück und hielt ihn so zum Todesstoße bereit. Claudius zog das Schwert aus dem Wehrgehänge und holte aus. Aber auch Eberulf hatte seine Waffe entblößen können und war zum Stoße fertig. Als nun Claudius die Rechte erhob und ihm einen Hieb in die Brust versetzte, stieß auch er behende ihm die Spitze des Schwertes in die Achselhöhle, zog das Schwert wieder an sich, holte abermals aus und hieb Claudius den Daumen ab. Darauf eilten dessen Diener mit Schwertern herbei und verwundeten Eberulf des weiteren. Er suchte ihren Händen zu entwischen und zu fliehen, obwohl er schon ganz entkräftet war. Da entwanden sie ihm das Schwert, versetzten ihm einen tüchtigen Schlag auf den Kopf, das Gehirn spritzte heraus, er brach zusammen und war tot. Vom Heiligen verdiente er nicht gerettet zu werden; denn er hatte sich niemals darauf verstanden, ihn gläubig um Beistand anzurufen. Claudius jedoch eilte voll Furcht zu der Zelle des Abtes und verlangte Schutz. Der Abt hatte Bedenken. Da rief Claudius: »Ein ungeheures Verbrechen ist begangen und kommst du uns nicht zu Hilfe, so sind wir verloren«. Bei diesen Worten stürmten die Diener Eberulfs mit Schwertern und Lanzen heran, und da sie die Thüre verriegelt fanden, schlugen sie die Glasscheiben der Zelle ein, warfen ihre Lanzen durch die Fenster in der Wand und durchbohrten Claudius, der schon halb entseelt war, mit dem Speere. Seine Diener aber verkrochen sich hinter der Thüre und unter die Betten. Den Abt nahmen zwei Geistliche in die Mitte und zwischen den Spitzen der Schwerter kam er nur mit Mühe und Not lebend von dannen. Die Thüren wurden geöffnet; die Masse der Kämpfenden drang herein. Auch machten sich einige von den Hausarmen der Kirche und den andern Almosenempfängern daran, das Dach der Zelle abzureißen, da hier eine solche Greuelthat geschehen war. Besessene und armes Volk liefen mit Steinen und Knütteln herbei um die Beschimpfung der Kirche zu rächen. Die Flüchtlinge wurden aus ihrem Versteck hervorgezogen und grausam erschlagen. Der Fußboden der Zelle schwamm in Blut. Ihre Leichname wurden herausgeschleppt und blieben nackt und bloß auf der kalten Erde liegen. Die Mörder aber entwischten während der Nacht mit der Beute. Als dieser unerhörte Skandal sich zutrug, war der Bischof eben sechs deutsche Meilen weit über Land gegangen. Auch der König geriet bei der Nachricht in gewaltigen Zorn, beruhigte sich aber, als er genaue Kunde erhielt. Eberulfs bewegliche und unbewegliche Habe und was dieser von seinen Vorfahren ererbt hatte, schenkte der König seinen Getreuen. Das Weib des Unglücklichen fiel arm und bloß der Martinskirche zur Last [261-a].