War der Heilige »von der Tiefe seines Grabes aus« [272-a] so wirksam, daß er durch die Reliquie die Kirche und durch das Amulet das Privathaus durchdrang, so müßte es befremden, sähen wir ihn halt machen und fänden nicht auch draußen in der Natur Spuren seiner Wirksamkeit. In der That, auch über Wolken, Luft und Winde herrschten die Heiligen; Feuerflammen waren ihre Diener. Und doch durften nicht ohne weiteres Naturwunder, die mit Heiligen in Beziehung stehen, auf den Einfluß der Reliquie zurückgeführt werden, obwohl eine derartige Einwirkung dabei auch eine Rolle spielt. Vielmehr stehen wir hier nun nicht mehr auf dem Boden der kultischen Verehrung, sondern auf dem Boden der mythischen Anschauung. Aber deshalb besteht, was von dem Mangel einer mythischen Begabung bei den Franken verlautet, doch zurecht. Die Franken waren ein Volk der That; über ihrem rastlosen Eifer in Dingen der staatlichen Ausbreitung und Einrichtung kamen ihnen die poetischen und träumerischen Eigenschaften ihrer politisch nicht so glücklichen Bruderstämme abhanden. Sie hatten hiefür einfach keine Zeit. Wo also andere Germanen schöpferisch waren, verhielten sie sich passiv und ließen sich eben gefallen, was ihnen in dieser Hinsicht zufiel. Waren sie jedoch in Dingen der höheren, genialen Legende im besten Fall Banausen, so ging es im Bereich des niederen Aberglaubens, der stets zu den vitalen Funktionen eines naiven Volks gehört, bei den Franken mindestens so lebhaft zu, wie anderswo. Solche niedere Mythologie entsprang nun keineswegs einer Naturanschauung, aber auch nicht dem Seelenkult, sondern wurzelt in den mannigfachen Erlebnissen, die der Mensch aus seinem Traumleben bezieht. Wurde nun dieser Aberglaube von der christlichen Kirche bekämpft und sollte durch den Heiligen glauben ersetzt werden, so nahm die Lage folgende Gestalt an: die Welt war von außermenschlichen Mächten erfüllt; diese gehörten zwei verschiedenen Lagern an, es gab gute Geister und gab böse Geister. Und wenn nun auch die Teufel und Kobolde sich keineswegs aus Feld und Wald verscheuchen ließen, so breitete sich doch die Befugnis der Heiligen über alle Bezirke der Natur aus. Für uns, die wir nun nachträglich in das alles hineinblicken, nehmen sich die christlichen Heiligen durchaus als die Störefriede und gewaltthätigen Eindringlinge aus, vor deren rücksichtslosem Auftreten die früheren Inhaber der Naturgewalt erschrocken auseinanderstoben. Und die Kraftherde, von denen aus der gewöhnliche Lauf der Dinge tagtäglich ins Wunderbare und Fabelhafte abgelenkt wurde, waren allerdings die Kirchen und Heiligenkapellen [273-1].
Obschon sich die fränkischen Heiligen weitaus in den meisten Fällen mit dem kleinen Spuck in Feld und Haus abzufinden hatten, so ragen doch ihre beiden Führer Martin und Julian in die Regionen der Lüfte hinan und weisen deutliche Ansätze zu fester mythischer Gestaltung auf. Und nicht etwa so, daß sie beide allein mit gemeinsamen Eigenschaften dastünden; vielmehr veranlaßt gerade die durchaus gegensätzliche Art in ihrem Verhalten zum Wetter, individuelle Züge daran hervorzuheben.
Als König Theuderich Arvern belagerte und die Umgegend von seinen Soldaten heimgesucht war, flüchteten die Bewohner sich und ihre Habe in die Julianskirche. Einer der Soldaten öffnete aber das Kirchenfenster, stieg ein und entriegelte die verrammelte Thür; seine Kameraden drangen nach, führten Leute und fahrendes Gut hinaus und teilten alles unter sich auf. Der König verurteilte die Tempelschänder zum Tode. Als aber jener Rädelsführer sich aus dem Staube machte, sandte Sankt Julian den feurigen Strahl vom Himmel, der ihn erschlug. Sei es um den Leichnam anständig zu bedecken, sei es um die Seele des Uebelthäters an die Stelle zu bannen und somit unschädlich zu machen, häufte man Steine auf ihn; aber auch das ehrliche Begräbnis sollte ihm versagt sein; denn wieder wurde unter Donner und Blitz von elementaren Gewalten der Steinhügel auseinander gerissen, sodaß die Leiche auch der dürftigsten Bestattung entbehrte [274-a]. Desgleichen widerfuhr einem andern Feinde des Heiligen. Als der einmal in Geschäften nach Brioude kam und sich vor dem Grabmal auf den Boden warf, befiel ihn sofort ein Fieber und gleich so stark, daß er nicht mehr aufstehen konnte. Endlich sagten seine Diener zu ihm: »Was ist dir nur heute? Sonst bist du doch mit Beten rasch zu Ende«. Er mußte weggetragen und ins nächste Haus gebracht werden. Dort auf dem Bette gestand er, der Heilige verbrenne ihn inwendig mit Feuer und gestand warum. Mit schwacher Stimme bat er, man möge Wasser über ihn gießen. Als das geschah, zischte von seinem Körper eine Dampfwolke auf wie von einem Ofen; seine Gliedmaßen wurden schwarz und die Anwesenden konnten den übeln Geruch kaum ertragen, der von dem Körper ausging [274-b]. Betrugen sich aber die Gläubigen sittsam, so wendete Julian seine Obmacht zu ihren Gunsten und ließ bei einem starken Wettersturm den Blitz zu einem Kirchenfenster ein über sein eigenes Grab hin zum andern Fenster wieder hinausfahren, ohne daß den Betern auch nur das leiseste geschah. Draußen zündete dann der Blitz einen Heustock an und erschlug mehrere Haupt Vieh [274-c].
Gegenüber Julian, dem aggressiven Gewitterheiligen, dem der Blitz als Waffe zu Gebote stand, ist Martin der Schutzheilige vor Feuer- und Wetterschaden. Kerzenwachs aus der Martinsbasilika löscht einen Brand und schützt gegen Hagel. Ein Gefäß mit Martinsgrabsteinpulver erweckt einen Gegenwind und schützt das Wohnhaus der Kirche vor der Feuersbrunst; desgleichen kann der Bischof von Tours, nachdem alles Wasserspritzen nichts half, ein brennendes Haus löschen, einfach indem er ein goldenes Kreuz mit Martinsreliquien, das er auf sich trug, in die Höhe hält [274-d]. Ebenso stillt Martin die Stürme auf der See und auf Strömen und schützt so als Windheiliger vor Wassernot [275-a]. Ein ander Mal jedoch, als er durch eine rechtzeitige Ueberschwemmung der Loire eine Eroberung von Tours verhindert, schützt er durch Wasser [275-b]. Ueberhaupt ist er Schutzherr vor jeglicher Gefahr. Als Ammonius, der ›Agent‹ der Martinsbasilika in angeheitertem Zustand beim Nachhausegehen einen Rain hinunterfällt, ruft er, während er, wie es heißt, »ohne Flügel hinunterflog«, Martin an; so wird sein Sturz durch die Baumäste, gemildert und schadlos gemacht [275-c]. Und wenn gelegentlich auch einmal ein gewisser Desiderius von Arvern Martin offensive Eigenschaften zuschrieb, indem er sich beklagte, Martin habe ihm sein Haus angezündet, nun so war das eben ein Besessener, der so sprach [275-d]. Vielmehr gilt von den beiden Hauptheiligen, denen Herrschaft über die Elemente zustand, die Regel fast ohne Ausnahme, daß Julian damit angreift, während Martin davor schützt.
Zur Erklärung darf man die verschiedene Herkunft der beiden zu Hilfe nehmen. Julian ist durchaus sagenhaft; es ist wahrscheinlich, daß überhaupt der Mars- und Merkurdienst, der in Brioude seine besondere Stätte hatte [275-e], aus Gegensatz dem dortigen Julianskult seinen Inhalt gab und Sankt Julian seine außergewöhnliche Popularität von jener Volksgewohnheit aus heidnischer Zeit her bezog, daß er somit eigentlich zu dem allem nichts als seinen Namen beigetragen, seine Qualität eines Sturmheiligen dagegen eben einfach von Merkur-Wodan übernommen hat [275-1]. Jedenfalls ist Mars-Merkur eine lückenlose Umschreibung für Wodan, insofern Mars die Tiuzelemente des Kriegshelden und Merkur die ursprünglichen Wodanseigenschaften eines Wind- und Totengottes wiedergibt. Ob freilich bei Martin wirklich die Erinnerung an sein Lebenswerk und die darin bekundete Hingebung den milden Charakter seines kultischen Andenkens bestimmte, wird durchaus nicht ohne Vorbehalt zu behaupten sein; vielmehr muß auch bei ihm an den verwandten Zug in der germanischen Mythologie hingewiesen werden, an die hilfreiche Güte, mit dem sie Wodan und seinen Vorläufer, den großen Himmelsgott, bedenkt.
Sonst aber soll man sich wie gesagt hüten, das Arbeitsfeld der fränkischen Heiligen in den Regionen des oberen Mythus zu suchen. Sie flogen nicht weit aus und flogen nicht hoch; ihr praktisches Wesen und ihr Verständnis für die Anliegen des Werktags machte sie jedoch zu Freunden des kleinen Mannes. Dann aber handelt es sich auch bei Wind, Feuer und Wasser gar nicht mehr um das physikalische Element, das sie darstellen. Am ehesten noch wirkt das Feuer rein elementar. Wind und Wasser jedoch kommen vor allem als die Behausungen neidiger und bösartiger Wichte in Betracht. Freilich, als der Klausner Hospizius in Villefranche bei Nizza gestorben war, nahm ein beim Begräbnis anwesender Andächtiger eine Hand voll Erde vom Grabhügel und mischte sie unter rohe Asche, die er mit sich führte. Er wollte nach Lerinum, bestieg aber ein Schiff, das direkt nach Marseille fuhr und die Insel nicht anlief. Auf der Höhe von Lerinum stand nun das Schiff, ein jüdisches Kauffahrteischiff, plötzlich still, obwohl der Wind alle Segel schwellte. Die Juden wußten sich vor Staunen nicht zu fassen; da sagte jener: »Ich führe Reliquien des seligen Hospizius mit mir und wünsche in Lerinum auszusteigen. Ich getraute mich nicht, dies zu sagen; nun aber weiß ich, daß Wunderkraft euer Schiff aufhält, solange ihr euch nicht bequemt, mich ans Land zu setzen«. Wohl oder übel entschlossen sich jene, den Curs zu ändern, und kaum hatten sie die Segel umgestellt, so hob sich die Lähmung des Windes, und als der Passagier glücklich in Lerinum gelandet war, hinderte nichts mehr das Schiff am freien Lauf seiner Bestimmung zu [276-a]. Sonst aber verschmäht es selbst der große gute Martin nicht, gegen den Windzauber boshafter Luftgeister gnädig beizustehn. Ein Bürger von Bajeux hatte zu viel Wein getrunken und wurde nun gar noch auf dem Heimweg von einem Wirbelwind so stark umnebelt, daß er vom Pferde fiel und von den Seinen bewußtlos aufgehoben wurde. Dann aber befiel ihn Tobsucht; er mußte gefesselt werden, zweifelsohne von dem bösen Wicht besessen, der in der Windhose haust. Nach langer Kurzeit in der Martinsbasilika ging er gesund von dannen [276-b]. In zwei andern Fällen waren von einer Windhose Ueberfallene blind geworden [276-c]. Martin half sowohl dem Knaben aus Limoges, als dem überseeischen Fremdling; jener war zwölf Jahre blind gewesen, dann bewirkte der inbrünstige Besuch beim Grabe plötzlich den Blutaustritt aus den Augen, der ihn heilte, während dieser, bereits drei Jahre blind, noch vier Jahre im Heiligtum zubringen mußte, bis er endlich sah. Sowohl das Kind eines Knechtes in Anjou, das auf der Straße spielte, als auch ein junges Mädchen von Tours Namens Viliogundis waren beim Tanzspiel durch aufgewirbelten Staub um das Sehvermögen gekommen, sie fanden es jedoch wieder bei dem Heiligen [276-d]. Hier verhält sich Martin überall schützend, indem er den Schaden des heimtückischen Dämons, der in der Windhose spuckt, wett zu machen weiß.
Wie der Wind, so das Wasser. Doch stellt sich dieses von vornherein in zwei Formen dar, deren eine, die Quelle, schon von alters her als wohlthätiger Zufluchtsort aufgesucht wurde, während Fluß, See und Meer ausschließlich Sitze böser Gewalten waren. Beiden aber, und das ist die Hauptsache, wohnten Geister inne. Orientalische Sagen bilden eine Art Vorspiel. Zwar darf beim Jordan, dem heiligen Strome der Christen, von einem Flußgott keine Rede sein; aber dem Wasser war doch so viel Urteil und Willenskraft eigen, daß beim üblichen Volksbad an Epiphanien es vor den Füßen eines verbrecherischen Weibes wegfloh, durch diesen Entzug der Sühne Argwohn erregte und so die achtfache Kindsmörderin zum Geständnis zwang [277-a]. Ebenso entzieht sich das Taufwasser im Wunderbecken von Osser einem Diebe [277-b]. Desgleichen fließt das Meer am Clemenstage an der Stelle drei Meilen weit vom Lande zurück, wo der heilige Clemens mit einem Anker am Halse ins Meer geworfen worden war [277-c]. In Brioude entsprang eine glänzende, reiche Warmquelle an eben dem Orte, wo Julian enthauptet worden war [277-d]. Sie war heilsam gegen Sonnenstich und Fieber selbst in schweren Fällen [277-e]. Auch sie hatte der unermüdliche Aridius aufgesucht und eine kleine Flasche voll daraus geschöpft; bevor er nach Hause kam, war das Wasser in allen seinen Eigenschaften zu Balsam geworden [277-f]. Derselbe Aridius von Limoges fand ja auch das Wasser eines Brunnens heilkräftig, den der heilige Martin gegraben hatte; und wie Sankt Martin einst aus dürrem Erdreich eine Quelle herausgebetet hatte, so vollbringt er seit seiner Erhöhung immerfort solche Quellenwunder. Bei Limoges war durch bösen Zauber eine nützliche viel ausgeschöpfte Quelle verschwunden und entsprang dann wieder mitten in einem Sumpfe, wo kein Mensch sich ihrer bedienen konnte. Da ging man mit Clemensreliquien zu Werke, und die gaben ihr den alten Ursprung wieder [277-g]. Indes steht weniger die Wohlthat der Quellenerweckung als der Schutz gegen Gefahr bei den Beziehungen der Heiligen zum Großwasser im Vordergrunde. Zu Ostern wollte eine Fähre bei Tours Wallfahrer über die Loire setzen, da kommt der Winddämon einhergefahren; das Fahrzeug schlägt um. Aber Martin rettet alle, da sie alle zu ihm flehen [277-h]. Als gefährdete Girondeschiffer von der Mitte des Stromes aus die ängstlich erspähte Kirche des heiligen Romanus zu Blaye endlich am Ufer erblicken, sind sie auch schon außer Gefahr [277-i]. Ein Kaufmann aus Trier erzählte der Aebtissin Agnes aus Poitiers, er sei zum Salzhandel mit einem Schiffe in Metz gewesen, und habe an der Moselbrücke Abends sich in seinen Kahn schlafen gelegt und dazu gesagt: »Herr Martin, dir empfehl ich mich selbst, meine Säcke und das Schiff«. Am andern Morgen erwachte er in Trier; das Fahrzeug hatte führerlos abwärts getrieben und weder an den hochgehenden Fluten noch an den felsigen Uferklippen Schaden gelitten [278-a]. Auch an jenen Bauern ist hier wieder zu erinnern, der einen Cleriker bei sich über Nacht hatte und ihn am andern Tage bat, sein Morgenbrot zu segnen. Da er geweihte Speise im Leibe hatte, konnten ihm dann auch, als er über die Schiffbrücke fuhr, die ihm auflauernden Flußgespenster zu ihrem Leidwesen nichts anhaben. Flußheiliger war auch Genesius von Arles. Er hatte einst bei Lebzeiten die Rhone durchschwommen und wurde, als eine Schiffbrücke weggerissen worden war, von den Bedrohten mit Erfolg um Hilfe angerufen [278-b]. Einen fast theoretischen Ausdruck findet diese Anschauung von der Notwendigkeit des Heiligenschutzes gegenüber den Wassergeistern in einem Wort, das dem heiligen Andreas in den Mund gelegt wird: »Der Feind des Menschengeschlechts haust überall, ob nun auf dem Badeplatz oder auf dem schiffbaren Flusse« [278-c].
Andere kleinere Heilige verstanden sich auf Regen- und Schneewunder. Als Bischof Namacius von Arvern die Agricola- und Vitalisreliquien, die er sich aus Bologna hatte besorgen lassen, in feierlicher Prozession einholte, zog sich eine Wetterwolke zusammen, und ein Platzregen ging mit größter Heftigkeit nieder; eine Jucharte im Umkreis der Reliquien dagegen fiel nicht ein einziger Tropfen und zwar bewegte sich dieser Freibezirk mit der Prozession von der Stelle [278-d]. Zu Utrecht blieb das Servatiusgrab unberührt, als es eines Nachts haushoch schneite [278-e].
Nicht nur die Elemente, auch das organische Leben auf der Erde erschienen dem Naturmenschen begeistet. Unter Umständen schrieb man schon dem Stein eine Seele zu; jedenfalls aber den Pflanzen sagte man ein geisterhaftes Wesen nach, einen Dämon, dessen Leben an das Leben der Pflanze gebunden war; mit ihr wird er geboren, mit ihr stirbt er. In ihr hat er seinen gewöhnlichen Aufenthalt, sie ist gleichsam sein Körper, und doch erscheint er vielfach auch außer ihr in Thier- und Menschengestalt und bewegt sich in Freiheit neben ihr [278-1]. Wie sehr nun der fränkische Heiligenkult auch auf dieses volkstümliche Bedürfnis eintrat, zeigt die große Rolle, die in ihm das Floramirakel spielt.
Wie manchem Heiligen, gleichviel ob hoch oder niedrig ist ein Pflanzenwunder eigen; schlug ja doch schon die Dornenkrone Christi täglich neu aus und sproßte am Sockel der Christusstatue, die ihm das blutflüssige Weib zu Cäsarea Philippi errichtet hatte, ein Kraut mit der Eigenschaft der Mantelfransen Christi, nur schon bei bloßer Berührung zu heilen [279-a]. Als Florentian der Major Domus König Childeberts als Gesandter bei König Miro von Spanien weilte, erzählte ihm dieser den Vorfall selber [279-b]. Zu der Martinskirche dort führt eine Weinlaube hin, und als der König einst zur Kirche ging, mahnte er seine Leute noch ausdrücklich: »Rührt mir ja keine der Trauben an; sie gehören Sankt Martin«. Aber sein Hofnarr dachte hinter ihm hertänzelnd: »Was scheert mich das, sobald sie mir schmecken«. Bitter büßte er; seine Hand erstarrte und er kam auch seelisch so herunter, daß er sich selbst mit keinen Witzen und Possenkünsten mehr aufhelfen konnte. Erst des Königs heißes inbrünstiges Gebet vor dem Altar verlieh ihm die Gesundheit wieder. In der Julianskirche zu Brioude hörte der Tempelhüter Urbanus eines Nachts ein Geräusch, als öffne sich die Thüre und nach dem Verlauf einiger Stunden ein anderes, diesmal, als werde die Thüre geschlossen. Er stand auf, machte Licht und ging zum Heiligengrabe. Was bekam er da zu sehen? Die Steinplatten des Grabes waren mit schimmernden Rosen überstreut, großen, roten Rosen von ungewöhnlich starkem Duft. Sie waren frisch gepflückt; sie mußten in der Stunde selbst gebrochen worden sein. Ehrfurchtsvoll sammelte der Sakristan die Blumen, brachte sie in Sicherheit und verwandte sie zur Heilung von Gebrechen. Einen Besessenen aus Tours, der in Brioude zu Besuch war, purgierte der Rosenabsutt von seinem Dämon [279-c]. Die Laurentiuskirche in der italienischen Burg Brionas besaß einen wunderbaren Balken in ihrem Dachgerüst, der bei der Reparatur als zu kurz sich erwies und dann auf das heiße Gebet des Priesters vom Patron mit eigener Hand berührt und verlängert worden war. Ein Spahn von diesem Holze half vom Zahnweh [279-d]. Bei der Beerdigung des Bischofs Gallus in der Laurentiuskirche von Arvern bemächtigte sich die Nonne Meratina einer Erdscholle und hegte sie in ihrem Garten so lange mit Begießen, bis es Rasen gab; auch dieses Gras war heilkräftig. Eine der Blumenspenden auf dem Grabe des Gallus heilte unter anderem den Vorsänger und nachmaligen Presbyter Valentinus [279-e]. In Arles wurde der Maulbeerbaum, unter dem Sankt Genesius geköpft worden war, von den zudringlichen Gläubigen zum Stumpf abgeplündert [279-f]. Ein anderer heiliger Genesius, der von Bigorre in den Pyrenäen, hatte bei Lebzeiten einen dürren Kastanienbaum [279-g] zum Blühen gebracht, und seit er im Himmel war, freute sich das Volk auf seinen Tag, weil dann am Grabstein eine gepflückte verwelkte Lilie und ihr nach beliebige andere welke Blumen neu aufblühten. Offenbar war diese Art Blumenwunder lokale Spezialität; denn auch auf dem Severusgrab des angrenzenden Tarbes blieb das Jahr durch eine dürre Lilie liegen, um dann am Tage des Heiligen sich zu verjüngen [280-a]. Ebenso erbetete sich das Volk von Merida alljährlich am Tag der heiligen Eulalia, dem zehnten Dezember, daß ihre drei Bäume von unbekannter Art vor aller Augen wunderbar erblühten [280-b]. Auf dem Baudiliusgrab zu Nimes stand ein Lorbeer; er hatte sich durch die Wand gebrochen, die Krone wuchs im Freien weiter [280-c]. In Embrun lagen unbekannt irgendwo heilige Leichen; der kleine Mann, der zufällig im Besitz des Aeckerchens war, machte mit dem dort wachsenden einzigen Bäumchen die besten Geschäfte, weil jeder Kranke, er mochte leiden an was er wollte, unfehlbar gesund wurde, sobald er von den Birnen aß. So wurden die Reliquien entdeckt, das Gärtchen expropriiert, der Birnbaum umgehauen, eine Kirche auf dem Platz errichtet, und dem jammernden Besitzer blieb nichts übrig, als sich scheeren zu lassen, um von nun an der Kirche Priester zu sein [280-d]. Mit Salbeiblättern vom Grabe des Ferreolus und Ferrucio in Besançon heilte die Schwester Gregor’s ihren schwerkranken Mann [280-e], während das Tranquillusmoos von Dijon, wie dieser unser Gewährsmann selbst erprobte, den Pustelausschlag an den Händen vertrieb [280-f]. Bei Chinon grub der Verwalter einer ehemaligen Einsiedelei die aus einem selbst gepflanzten Baum des verstorbenen Heiligen gezimmerte Ruhebank ein, um sie nicht der Profanation auszusetzen; im Frühling wuchsen an der Stelle Sträucher von fünf bis sechs Fuß Höhe [280-g].
So bot für den auszurottenden heidnischen Baumkultus der Heiligenkultus mannigfaltigen Ersatz.
Tiere werden von den Heiligen meist zu Botendiensten verwendet, oder erweisen sich sonst als deren Organe, wobei immer mehr oder weniger die Vorstellung mit unterläuft, eine ehemalige Menschenseele walte im Tiere. Als die Burgunder Brioude eroberten und sich Hillidius von Le Velay auf sie warf, umflatterte ihn immerfort eine weiße Taube und reizte und führte ihn so lange, bis er die Tempelräuber hinausgetrieben hatte [280-h]. Bei Thiers fanden Kühe das verborgene Grab des heiligen Genesius [280-i]. Wie oft wurden nicht Reiter, einfach weil ihre Pferde nicht weiter wollten, dazu gezwungen, bei einer Kapelle abzusteigen und zu beten [280-k]. Ein Weinpanscher war reich geworden; da kam ein Falke entriß ihm das Geld mit der roten Börse und warf es in die Saône [281-a]. Abgesehen von solchen gelegentlichen Mittlerdiensten macht sich der Einfluß des Heiligen im Tierreiche auch um seiner selbst willen geltend. Alle Tiere verlieren ihre Wildheit, wenn sie in Brioude in die Basilika des heiligen Julian geführt werden; Gregor von Tours berichtet es als seine eigene Beobachtung, wie die wildesten Stiere dann zu Lämmern wurden [281-b]. In Auch kehrten wild gewordene Bienen, als der heilige Martin angerufen wurde, sofort in den Garten des Besitzers zurück, und das gewonnene Wachs erwies sich wie es scheint heilkräftig gegen Rückenschmerzen [281-c]. Ein Dieb der Immenkörbe aus dem Nonnenkloster von Amiens erfuhr der Bienen Rache, die ihm indessen von aufgestörten unheiligen Bienen wohl genau in gleicher Weise widerfahren wäre [281-d]. Gegen Viehseuche holte Jemand Oel aus den Lampen der Martinsbasilika, bestrich sich damit den Finger und zeichnete dann an Stirn und Rücken die kranken Tiere mit dem Kreuzeszeichen; ja er machte eine Salbe und strich sie ihnen ein, mit vollem Erfolge [281-e]. Endlich darf auch an die unverletzliche Tempelheerde des heiligen Julian erinnert [281-f] und zugleich auf die weißen Rosse Wodans hingewiesen werden, die von den alten Deutschen auf Staatskosten in Hainen nur zu göttlichem Dienste gehegt wurden [281-1].
In der Vorstellung jener Zeit war es von den Tieren zu den Werwölfen und anderem Gespensterspuk nicht weit. Wenn nun aber die bösen Geister den Menschen nicht bloß plagen, sondern ihm sogar zu Gesichte kommen, so bleibt auch der Heilige nicht mit allerhand Verkleidungen zurück oder hinterläßt wenigstens Spuren, er sei persönlich dagewesen. Die beiden Greise, die den Leichnam des heiligen Julian bestatteten werden wieder zu Jünglingen [281-g], indessen ein Bürger von Orleans, der am Avitusfeste arbeiten geht, weil ja doch der gefeierte Heilige einmal selbst Handwerker gewesen sei, mit umgedrehtem Hals das Gesicht zur Erde gekehrt in seinem Weinberg aufgefunden wird [281-h]. Aus der Basilika des heiligen Felix zu Narbonne hatte ein Dieb ein Pack mit kostbaren Sachen gestohlen. Unterwegs gesellt sich ein Mann zu ihm, dem er Vertrauen schenkt und den Schatz zeigt; ja er schlägt ihm vor, die Sachen zu verkaufen und halbpart zu teilen. Der Fremde sagt, er habe in verschiedenen Gegenden viele Freunde und selbst ein großes, zum Verbergen geeignetes Haus; dort solle er die Schätze wenigstens vorerst deponieren. Arglos folgt ihm der Dieb, ohne es zu merken, wieder in die Basilika und giebt somit die entwendeten Kostbarkeiten eben dort ab, wo sie herkommen. In diesem Augenblick ist sein Begleiter verschwunden [281-i]. In solchen Fällen muß es noch offen bleiben, ob der Heilige selbst die Verkleidung übernommen hat oder ob er sich eines Zwischenträgers bediente. Um zu den unzweifelhaften eigenen Manifestationen des Heiligen überzugehen, muß zunächst der populären Sehenswürdigkeiten gedacht werden, wo sich das Andenken buchstäblich versteinert hat. An der Martinsquelle bei Ligugé befand sich ein Stein, der die Hufspur des weiland von Martin gerittenen Esels bewahrte, während bei Dijon, in Blei gefaßt, die Fußabdrücke des heiligen Benignus reichlich mit Wein und Mostspenden bedacht wurden [282-a]. Immerhin haben solche antiquarische Zeichen hinter aktuellen, lebendigen zurückzutreten. Der Heilige machte seine Einwirkung auf die verschiedenste Weise geltend; zunächst rein als Kraftäußerung: der heilige Helius hält in Lyon einen Leichenräuber nicht nur so lange an seinem Grabe fest, bis Leute nahten, sondern bis der Richter dem Strafwürdigen wenigstens das Leben geschenkt hatte [282-b]. Nicetius von Lyon läßt das Dach einstürzen, auf dem ihn sein früherer Diakon lästert [282-c]. Ebenso äußert Sankt Vincenz in Toulouse, ohne persönlich zu erscheinen, lediglich seine Kraft, als er zu Wahrung seiner Würde, einen in der Kirche begrabenen Verbrecher Antoninus zweimal mit samt dem Sarkophag nächtlicherweile an die Luft setzt [282-d]. Eine Steigerung zeigt sich bereits in mehr oder weniger bestimmten Gesichts- und Gehörwahrnehmungen. Auditionen sind seltener, kommen aber vor. So hörte eine schwerbekümmerte Mutter, die sich über den Tod ihres Sohnes nicht trösten konnte, zur Linderung ihres Schmerzes seine Stimme im Chor der Mönche von Agaunum mitklingen [282-e]. Ebenso vernahm man in der Dorfkirche von Bouliac bei Bordeaux im Psalmengesang des Klerus auch die mitwirkenden Stimmen zweier Priester, die einst in großer Heiligkeit gelebt hatten und einander gegenüber begraben lagen [282-f]. Während des Leichenbegängnisses des Nicetius von Lyon hörte ein blinder Knabe jemanden ihm ins Ohr flüstern: »Schlüpfe unter den Sarg während er einhergetragen wird, so wirst du gesund«. Er fragte seinen Führer, wer mit ihm spreche, dieser aber sah niemanden. Dennoch meldete sich die Stimme ein zweites und ein drittes Mal [282-g]. Als ein Lahmer, der nachts vor der Juliansbasilika in Brioude auf einem Wagen lag, diese plötzlich von innen heraus erleuchtet sah und aus der Halle vielstimmigen Gesang erklingen hörte, fühlte er sich darob gesunden [282-h]. Lichtwunder sind zahllos. Am Grabe des Stremonius in der Basilika von Issoire sieht Bischof Cautinus von Clermont, dessen Kammer an die Kirche stieß, helles Licht und eine Menge weiß gekleideter Kerzenträger und Sänger [282-i]. Nantes hatte zu Chlodowechs Zeiten eine Belagerung auszuhalten, und als sie sechzig Tage gedauert hatte, schienen dem Volk in mitternächtiger Stunde auf einmal Männer in weißen Kleidern, Kerzen in der Hand, aus der Kirche der Märtyrer Rogatian und Donatian zu kommen; zur gleichen Zeit kam ein zweiter gleicher Chor zur Similianskirche heraus. Sie begegneten sich und begrüßten sich, beteten gemeinsam und dann ging jede Schaar wieder den Weg zurück, den sie gekommen war. Alsobald wurde die feindliche Phalanx von einem solchen Schrecken ergriffen, daß sie sofort das Feld räumte. Diese Vision war nämlich dem Höchstkommandierenden namens Chillon begegnet. Er war noch Heide, ließ sich aber darauf hin sofort taufen [283-a]. Eine ähnliche Lichterscheinung mit ähnlicher Wirkung wollte die Stadt Bazas während ihrer Belagerung durch die Hunnen erlebt haben. Allerdings durchzog der Bischof der Stadt jede Nacht die Straßen mit einem Bittgang. Aber im feindlichen Lager bemerkte man Schaaren weißgekleideter Leute, die auf der Stadtmauer entlang zogen unter Psalmengesang und Kerzenbeleuchtung. »Sind die Menschen verrückt?« rief der König aus. »Sie, die Belagerten, machen sich über uns lustig und feiern zum Voraus einen Triumphzug.« Er ließ in der Stadt Vorstellungen erheben. Aber man begriff nicht, worauf er anspielte; denn auf den Mauern war, daß man wußte, Niemand zugegen gewesen. Eine zweite ähnliche Erscheinung bewog ihn, die Belagerung aufzuheben: »Wenn diese Leute nichts von dem bemerkten, was mir erschien, so folgt daraus, daß ihr Gott sie beschützt« [283-b]. Daß ein Heiliger bei Reliquienkombination sich dann tatsächlich in Person zu den andern Genossen gesellt, sahen wir früher; die Vorstellung an sich grenzte ans Visionäre und wuchs sich bei der geringsten Steigerung zur Vision aus. Deshalb haben wir das schönste Beispiel von einem förmlichen Heiligenkonzil für hieher aufgespart; Gregor erzählt wörtlich: Die Besessenen die zum Grabe kommen, geben oft genug Beschimpfungen von sich gegen den Heiligen Gottes, weil er andere Heilige zu seinem Namensfest einlade: »Warum, o Julian, rufst du Fremde herbei? Da ist der Ungar Martin, unser beständiger Feind, der drei Tote aus unseren Schlupfwinkeln zurückgeholt hat. Da ist Privat von Gevaudan, der seine Schafe nicht den Barbaren überließ, wie es in unserem Sinne stand. Da ist Ferreol von Vienne, dein Genosse, den du uns zur Strafe sendest und den andern zum Schutz. Was brauchst du den Symphorian von Autun, den Saturnin von Toulouse? Du hast geradezu ein Konzil von Heiligen versammelt; Qualen der Hölle verursacht es uns«. In dem sie diese Dinge vorbrachten, malten sie so anschaulich die Heiligen den Menschen vor Augen, daß Niemand deren Gegenwart an Ort und Stelle mehr bezweifelte [284-a]. Noch intimer gestaltete sich das Verhältnis zur andern Welt, sobald es nicht beim Anschauen blieb, sondern ein wirklicher Verkehr sich einstellte, zumal wenn dazu die Initiative von oben ergriffen wurde. In Autun befand sich ein Kirchhof neben der Stephansbasilika. Zwei nächtliche Beter hörten in dieser Kirche Gesang und sahen übernatürliches Licht. Einer der Sänger naht sich ihnen und sagt: »Ihr thut schweres Unrecht unsere nächtlichen Zusammenkünfte zu belauschen. Wenn ihr nicht sofort geht, so müßt ihr sterben«. Der eine ließ es sich gesagt sein; der andere, der blieb, starb wenige Tage später [284-b]. Als Bischof Trojan von Saintes in Begleitung eines Subdiakons die heiligen Stätten der Umgegend besuchte, erschien ihm ein großer Lichtglobus gleichsam vom Himmel herab; der Bischof ließ seinen Diener zurück und näherte sich dem Licht, das seinerseits auf ihn zukam; dann bückte er sich zur Erde und sagte: »Segne mich, bitte, seliger Priester!« Jener antwortete: »Segne du mich, Priester Gottes Trojan!« Darauf küßten sie sich, sprachen miteinander und unterhielten sich lange. Aus der Ferne sah der Subdiakon wie angedonnert zu und sah, wie das Licht auf demselben Wege wie es gekommen war, wieder verschwand. Als der Bischof zurückkam, sagte er: »Dir will ich’s sagen, du darfst es aber nicht weiter sagen. Den heiligen Martin von Tours habe ich gesehen; er selbst hat mit mir gesprochen. Hüte dich, die Geheimnisse Gottes auszuplaudern« [284-c].
Alle diese Geschichten, so eigenartig sie zum Teil sind, entstanden nur unter dem Bann einer Vorstellung, der Vorstellung von der Macht des Heiligengrabes. Sie waren durchweg durch eine psychische Ursache hervorgerufen. Nun fehlen aber auch einzelne Beispiele nicht, daß eine solche Vorstellung in seltenen Fällen auch geradezu durch eine physische Reizung hervorgerufen wurde. Damit betreten wir ein außerordentlich interessantes Gebiet der vergleichenden Religionsforschung [284-1]. Von Alters her ersuchte man auf unnormalem Wege Erkenntnis zu gewinnen, die auf normalem nicht erhältlich war. Die verbreitetste, wirksamste und interessanteste Art dieser Versuche ist das merkwürdige psychologische Phänomen, das man in seinen verschiedenen Erscheinungsformen unter dem Begriff der Kristallschauung zusammenfaßt. Das Gesichtsbild wird auf mannigfache Weise hervorgerufen, meistens durch das Anstarren von Wasser in einem Glasgefäß, so bei den Indianern, bei den Afrikanern von Fez und nach einem von Augustin aufbehaltenen Zeugnis Varros auch bei Römern. Die Maoris gebrauchen zum selben Zweck Blutstropfen, die Egypter Tinte, und wilde Stämme in Australien eine polierte Steinkugel. In allen Erdteilen finden sich Spuren dieses von primitiven Religionen gehandhabten Phänomens; doch wurde es als eine der unzähligen Formen des Aberglaubens so lange nicht weiter beachtet, bis eine englische Dame auf Grund von Selbstexperimenten es methodisch untersuchte und der gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnis die Thatsache einverleibte, daß vollständig gesunde Leute, die entsprechende Veranlagung vorausgesetzt, in Glaskugeln lebende Landschaften oder sich bewegende menschliche Figuren wirklich erblicken [285-1]. In der alten Kulturwelt findet sich diese psychische Fähigkeit in den Händen von Zauberern und Aerzten ausgebeutet, und schon die ersten christlichen Synoden bekämpften die Krystallschauer, da ja doch unter den Specularii gewiß niemand anders zu verstehen sein wird, als eben diese Spiegelwahrsager. Nun belehrt uns aber Gregor, wie so mancher andere sei auch dieser heidnische Brauch von der Kirche zweckmäßig übernommen und entweder wie in Bethlehem zur Unterstützung einer lokalen Wallfahrtssage oder wie in Bazas zur handgreiflichen Illustration des Trinitätsdogmas verwendet worden. Nicht als kirchliche Institution, sondern als unwillkürliche private Wahrnehmung erweist sich der dritte Fall, wo ein durch das Glasgefäß der Hostie hervorgerufenes Hellgesicht in naiver und unklarer Form vorlag und dann die den Umständen entsprechende nächstliegende Auslegung erfuhr. Diese drei Vorfälle erzählt Gregor in folgender Weise.
In Bethlehem wurde ein großer Sodbrunnen gezeigt, an dem die Jungfrau Maria Wasser geschöpft haben soll. Wer öfters hineinsieht, kann dort ein Wunder sehen, nämlich den Stern, der einst den Weisen erschien; aber nur die Herzensreinen werden dessen gewürdigt. Wenn die Gläubigen nahen und sich über den Rand hinbücken, werden ihre Häupter mit einem Leintuch bedeckt. Wer nun verdienstlich genug ist, der sieht den Stern an der einen Wand des Brunnens auftauchen und über das Wasser hinwandern und an der andern Wand verschwinden, genau wie sich am Himmel die Sterne wirklich bewegen. Und obwohl viele hinsehen, wird er doch nur von denen erblickt, die den besonderen Sinn dafür haben. Gregor kannte einige Pilger, denen die Schauung geglückt war, und sein Diakon berichtete ihm, ihrer fünfe hätten sie zusammen geschaut, aber nur zwei davon hätten es wirklich gesehen [286-a]. Da in diesem unserm ersten Fall allerdings immer von vornherein der Stern geschaut werden soll und somit die Spontaneität der Vision durch die Lokaltradition unterbunden ist, könnte man zur Not auch bloß an ein gelegentliches blitzartiges Aufzucken des ruhigen Brunnenspiegels aus der oder jener natürlichen Ursache denken; doch scheint die Art des Berichtes bei Gregor dagegen zu sprechen. Keinerlei Zweifel dieser Art dürfte jedoch gegenüber dem zweiten und dritten Beispiel möglich sein: in Bazas fielen von der Höhe der Kirche auf den Altar drei kristallhelle Tropfen nieder, die sich zu einer Perle vereinigten. Man sah darin ein Symbol der heiligen Dreifaltigkeit, ließ die Kristallperle in ein kostbares kreuzförmiges Gestell aus reinem Golde fassen und bot sie dem Volke zur Adoration dar. Von den Beschauern sahen sie nun die Unschuldigen hell und die Schuldigen dunkel, so lautet der Bericht [286-b]; wir dürfen die Worte, ohne sie irgendwie zu vergewaltigen, getrost dahin umschreiben, daß die Schaustellung der unverwandt betrachteten Glaskugel eben die dafür Empfänglichen in den der Krystallschauung eigenen hellsehenden Zustand versetzte, während die Unempfänglichen eben nicht ›hell‹, sondern nur ›dunkel‹, das heißt gewöhnlich sahen und keine Veränderung ihres Wahrnehmungsvermögens erfuhren. Als drittes erzählt Gregor, er habe als junger Mensch einmal dem Gottesdienst in einem Dorfe bei Clermont beigewohnt; der Diakon, der das Hostiegefäß zum Altare bringen sollte, stand im Rufe, sich fleischlich vergangen zu haben. Deshalb ließ sich das heilige Gefäß von dem Unreinen nicht berühren; es schwebte in der Luft vor ihm her zum Altare. Das Wunder wurde jedoch nicht von allen Anwesenden, sondern nur von vier Personen wahrgenommen, einem Priester und drei Frauen, unter denen sich auch Gregors Mutter befand. »Ich war damals bei dieser Festlichkeit anwesend«, erzählt Gregor, »aber dies zu schauen ward ich nicht gewürdigt [286-c]. «
Dieses fremdartige Phänomen der Anwendung von Hallucination im Kultus scheint übrigens im Orient noch hie und da sich ereignet zu haben. Der Marienbrunnen zu Bethlehem ist wohl der berühmteste, aber kaum der einzige Visionswasserspiegel gewesen. Auch in der Isidorskirche auf der Insel Scio soll ein Licht wie eine brennende Kerze von den Gläubigen öfters gesehen worden sein; Gregor kannte einen Priester, der bestätigte dieses Licht vom Rande des Sodbrunnens aus öfters betrachtet zu haben [286-d]. Auch brauchte es ja nicht eine Wasserfläche zu sein; so ging von dem heiligen Grabe in Jerusalem die Rede, oft erstrahlten einzelne seiner Schollen auf ganz natürliche Weise [287-a]. Im Abendlande findet sich außer dem Kristalltropfenkreuz in Bazas keine Spur von dem Dasein einer derartigen kirchlichen Institution. Da jedoch die natürliche Reaktion der hiefür Empfänglichen gegebenen Falles auch hier die Erscheinung herbeigeführt haben, so mag Kristallvision ab und an vorgekommen, dann aber einfach als Lichtwunder dargestellt und daher für uns nicht mehr erkennbar sein. Schon vom heiligen Martin wird erzählt, beim Celebrieren des Meßopfers habe seine Hand zu strahlen angefangen; auf Kristallvision weist dabei der Umstand, daß auch dort unter den Zuschauern zwei Parteien sich bildeten; die einen beteuerten, das Wunder mit ihren eigenen Augen wirklich gesehen zu haben, die andern ebenso entschieden, sie hätten nichts gesehen [287-b].