Siebenzehntes Kapitel.
Die Heilung.

Eine übernatürliche Erscheinung an sich interessierte damals jedoch nicht so sehr, wie die wunderbare Heilung von irgend einer Not oder Krankheit. Dann erst zeigte sich der Heilige in seiner ganzen auch dem Einzelnen fühlbaren Macht. Sie war Probe und endgiltiger Beweis des Wunders. Hören wir darüber den Bischof von Tours: »Die Wunder, die unser Herr Gott durch den seligen Martin, seinen einst im Fleisch wandelnden Diener ins Werk zu setzen geruhte, läßt er täglich zur Stärkung des Vertrauens der Gläubigen sich wiederholen; denn jetzt stattet er dessen Grabhügel genau mit denselben Kraftthaten aus, die jener ausführte, als er auf Erden war. Wer wird nun noch an den früheren Wundern zweifeln, wenn er die Gnadengeschenke der gegenwärtigen Zeichen sich mitteilen sieht, wenn er sieht, wie Lahme sich aufrichten, Blinde das Augenlicht wieder finden, die Geister von den Besessenen ausfahren und jede andere Art von Krankheit durch die Mittlerschaft des Heiligen geheilt wird« [287-c].

1.

Gregor war von Natur nicht ohne Anlagen, dem volkstümlichen Wunderglauben, an dem er nun selbst in so reichem Maße teilnahm, kritisch gegenüber zu treten. Er, der unermüdliche Mirakelsammler, kann gelegentlich eine rein natürliche Anschauung einer Krankheit zur Schau tragen. Die große Epidemie vom Jahre 580 schildert er nicht viel anders, als es etwa ein gefühlvoller Beobachter heute thun würde: »Es hatten aber, die an dieser ansteckenden Ruhr litten, unter Erbrechen heftiges Fieber und einen gewaltigen Nierenschmerz, auch Kopf und Genick wurde ihnen schwer, und ihr Auswurf war von gelber oder mindestens grüner Farbe. Die gewöhnlichen Leute nannten die Krankheit innere Blattern, und nicht unzutreffend; denn wenn an den Schultern oder Schenkeln Schröpfköpfe gesetzt wurden, kamen Blasen heraus und brachen auf. Durch das Auslaufen des Eiters wurden viele geheilt. Aber auch Kräuter, die man sonst als Gegengift braucht, halfen als Trank eingegeben sehr Vielen. Die Krankheit brach im Monat August aus, zuerst unter den Kindern und raffte viele hinweg. Wir verloren die süßen, teuren Kleinen, die wir auf unserm Schoß gehegt, in unsern Armen gewiegt, denen wir mit eigener Hand Speise gereicht und sie mit ängstlicher Sorge genährt hatten; aber wir trockneten unsere Thränen und sprachen mit dem heiligen Hiob: ›Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gelobt‹ [288-a]. «

Als Vorsteher der Kirche von Tours und unermüdlicher Beobachter des Heilung suchenden Volkes erwarb sich Gregor zum mindesten eine sehr große Erfahrung und einen geübten Blick für die Beurteilung eines Krankheitsfalles. Einzelne seiner klinischen Schilderungen überraschen durch die Schärfe der Anschauung. Eine Pest beschreibt er so: »Die Bevölkerung von Tours war von einer ansteckenden Krankheit heimgesucht. Diese Krankheit bestand darin, daß der Kranke von heftigem Fieber ergriffen, ganz von Beulen und Bläschen bedeckt war. Die Beulen waren weiß und hart, ohne jede Weichheit, es wäre denn im Stadium des höchsten Schmerzes. Reif geworden, platzten sie und begannen auszufließen; dann klebten die Kleider am Leibe und der Schmerz nahm beträchtlich zu« [288-b]. Die Dyssenterie schildert er als Krankheit, deren Merkmal in unsichtbaren Bläschen bestehe [288-c]. Sehr genau hat er sich einen Kranken angesehen, der an einer Wandergeschwulst litt: »Ein an schwerem Fieber Erkrankter gab aus dem Munde eine giftige Flüssigkeit von sich und hatte heftigen Durchfall. Das Gift tobte in seinem Körper; der Kranke bekam in der Schamgegend eine Geschwulst, die auf unglaubliche Weise zu wandern begann und dann sichtbar bis zum Fuße niederstieg. Sie war so groß wie ein Gänseei. Vom Fuße stieg sie wieder aufwärts; ihr Durchgang durch die Lenden und Arme war von außerordentlichen Schmerzen begleitet, dann stieg sie in den Kopf; von dort begab sie sich auf der andern Seite wieder nach der Fußgegend, kehrte dort aufs neue um und fand sich zu der Stelle zurück, von wo sie ausgegangen war. Während ihrer Wanderungen durch alle Glieder wußte der Unglückliche nicht, was er mit sich thun und anfangen sollte; er konnte nur aufschreien und weinen. In der That, es war ein Anblick zum Erbarmen, solche Schmerzen, die sich eines armen Menschenleibes bemächtigt hatten« [289-a]. Einmal ist sogar das Schwinden des Wahrnehmungsvermögens nicht auf dämonische Besessenheit zurückgeführt, sondern einfach als Gehirnkrankheit aufgefaßt; das Gift aus dem Hautausschlag habe sich auf den Geist geschlagen [289-b]. Gut beobachtet ist auch der folgende Fall: »ein Pariser Schneidergeselle, der von der schwarzen Sucht, das heißt von einer Ansammlung erhitzten Blutes, befallen war und in Folge davon am Fieber erkrankte, hatte den ganzen Leib von Bläschen überzogen, so daß einige ihn geradezu für aussätzig hielten. Zu gleicher Zeit litt er an außerordentlichen Schmerzen und konnte mit dem einen Auge so wenig sehn wie mit dem andern« [289-c]. Die Dauer der Krisis bei einer Besessenenheilung wird auf zwei Stunden angegeben [289-d], und in der Bezeichnung der Krankheit äußert sich gelegentlich das ärztliche Bewußtsein: nach der Bauernsprache sei es das »fallende Weh«, weil man dabei umfalle; der medizinische Fachausdruck dagegen laute Epilepsie [289-e].

Obschon es also an einer Anzahl elementarwissenschaftlicher Momente nicht fehlte, deuten nur schon Gregors eigene Gefühle bei Unwohlsein [289-f], ja sogar wenn ihm nur eine Fischgräte im Halse stecken blieb [289-g], darauf hin, wie für ihn die wirksame Hebung körperlichen Uebelbefindens nicht Sache einer Kunst, sondern einfach des Glaubens an den Heiligen war. Auch was sich in dieser Richtung bei ihm an Gelehrsamkeit bemerken läßt, weist nicht auf irgend welche ärztliche Schulung; die zuverlässigsten Verhaltungsmaßregeln zur Krankenpflege schienen ihm die zu sein, die man aus den Träumen bezog [289-h].

2.

Stellen wir kurz die verschiedenen Krankheiten zusammen, die am Heiligengrabe Heilung suchten und nach dem Dafürhalten der Zeit auch fanden, so besteht das Hauptkontingent aus Gliederkranken, sei es nun aus solchen, die ihre Glieder nicht mehr hatten, Krüppeln, oder aus solchen, die sie nicht gebrauchen konnten, Lahmen. Gregor veranschaulicht sie uns in folgenden Beschreibungen: Ein junger Mann, namens Sekurus, hatte von Mutterleib an eine Hand und einen Fuß verschrumpft und war auch im übrigen an allen seinen Gliedern so entstellt, daß er als Mißgeburt galt. Er war hörigen Standes. Als seine Herren sahen, er habe während sieben Jahren nichts geleistet, nahmen sie ihn auf den Arm und brachten ihn ans Heiligengrab, damit er wenigstens von Wohlthätern ernährt werde, er, der von seiner Hände Arbeit nicht leben konnte [290-a]. Ein Kind, wohnhaft in Tours, war in Folge einer langen und heftigen Krankheit an allen Gliedern geschwächt und konnte, als das Fieber geschwunden war, keinen Schritt mehr gehen. Seine Beine waren ineinander gewunden und konnten nicht getrennt werden [290-b]. Jemanden war die Hand so geschrumpft, daß die Nägel in die Innenfläche hineinwuchsen und infolge dessen beständige Eiterung stattfand [290-c]. Ein Diakon zu Poitiers versicherte, er habe sein Bein durch die Hinterlist eines bösen Geistes verloren [290-d]. Gregors Mutter hatte von der Geburt dieses ihres Sohnes her als Rest der Kindswehen noch immer ein plötzliches Reißen im Beinmuskel beibehalten, wie wenn ein Nagel in den Fuß getrieben würde. Der Schmerz war an einem Punkt so konzentriert, daß meistenteils die Kranke davon in Ohnmacht fiel. Die einzige Linderung brachte die Ofenwärme, wenn man das Bein längere Zeit dicht ans brennende Kamin hielt; nahm man dann an der gichtigen Stelle eine Salbung vor, so hörte der Schmerz ebenfalls für einige Zeit auf [290-e]. Theoda, die Tochter des Priesters Wiliachar, litt ebenfalls häufig an geschwollenen Füßen; schließlich verlor sie den Gebrauch des einen vollständig und mußte hinken [290-f]. Unter dem Gesinde eines der Kirchengüter war einer, der ging gebückt, wie wenn seine Hüfte entzwei wäre. Gegen die Erde zugekrümmt, konnte er sich durchaus nicht mehr aufrichten [290-g]. Ganz eigentümlich stand es aber um Gundulf von Tours, einen Jugendgespielen des Prinzen Günther und Pagen bei dessen Vater König Chlothar. Im Auftrag eben dieses Fürsten stieg er eines Tages auf einen Baum, um reifes Obst zu pflücken, fiel aber herunter, weil der Ast brach; sein Fuß schlug an einem Stein auf, seitdem hinkte er. Manches Jahr später, als er seinem Pferde die Ferse in die Weichen schlug und es stürzte und ihn abwarf, kam Gundulf um seinen andern Fuß. Er ließ sich nach Sankt Martin bringen. Ueber dem Gebete verschwand die Quetschung; er erhob sich geheilt vom Kirchenpflaster. Aber nun hinkte er freilich noch immer am andern Fuße, und das nun seit dreißig Jahren. Da überschlug er die Menge seiner Sünden und beschloß sich scheeren zu lassen und unter die Diener Martins zu gehen. Eine königliche Urkunde gestattete ihm, bei Lebzeiten alle seine Güter Sankt Martin zu verschreiben. Kaum war er in den geistlichen Stand eingetreten, so verlängerte sich sein Fuß, der über dem Knochenbruch eingegangen war, wieder zur normalen Länge. Seitdem konnte der Mann, der sich ehedem nur mühsam auf zwei Diener gestützt von der Stelle bewegte, wieder gehen wie er wollte [291-a]. Noch wäre mancher Fall körperlicher Gebrechlichkeit zu erwähnen: Chariwald, der einer einseitigen Körperlähmung wegen ein ganzes Jahr in Heiligtum verbrachte [291-b], der Gelähmte, der auf seiner Matraze von Bourges auf einem Wagen nach Sankt Martin transportiert wurde [291-c], Malulf, Bürger von Tours, der sich von einer grausamen Krankheit angefallen zu Bett legte und kaum atmen konnte und dessen Hände und Füße im Verlauf dieses Uebels einschrumpften, sodaß er fünf Jahre lang daran zu leiden hatte [291-d], das kleine Kind, das an allen seinen Gliedern und Sinnen abstarb, daß der Athem die einzige Bewegung in seinem Körper war [291-d]. Doch wollen wir nun zu den Blinden übergehen.

Augenkrankheit kommt in jener Zeit und Gegend auffallend oft vor. Unter den Medizinern der späten Römerzeit bilden die Augenärzte eine eigene Zunft von Spezialisten, deren Bestehen durch die vielen aufgefundenen Gildenstempel erwiesen wird. Die römischen Augenärzte dieseits der Alpen waren meistens Freigelassene. Sie folgten gewöhnlich den Militärstationen in Germanien, Gallien, Belgien und der Bretagne. Ihre Kur bestand zumeist in Anwendung von Salben, die sie selbst zubereiteten und verkaufen; das waren weiche Pomaden oder Pasten, die in einem Förmchen zu Stangen oder Plättchen gepreßt wurden und dann eben den Siegelstein des Fabrikanten aufgedrückt erhielten. Diese viereckigen Etiketten nannten den Namen des Arztes, seine Instrumente, seine Heilkräuter und die Krankheiten, auf die er sich verstand. Zur operativen Behandlung des entzündeten Auges wurde das Penicill angewendet, offenbar ein an einem Stäbchen befestigter kleiner Schwamm oder Wattebausch, mit dem man die eiterigen Ausflüsse aus der wunden Stelle ausdrückte [291-1]. Martin von Tours vollführte in dem kranken Auge seines Jüngers Paulin eine Incision mit diesem Instrument [291-e]. Die vielen Blindenkuren dagegen, die an seinem Grabe stattfanden, scheinen ohne Beihilfe derartiger Fachmittel rein nur durch psychische Einwirkung erfolgt zu sein. Die Krankheitsbilder, die Gregor von den Augenleiden entwirft, deuten auf Triefaugen, harmlosere Entzündungen, aber auch auf Staar und schwere Verletzungen. Die typische Formel einer Blindenheilung lautet: »Ein Blinder, der lange Zeit des Augenlichtes beraubt war, kam zum Feste. Er verrichtete sein Gebet und erlangte, während er sich vor dem Grabmal aufhielt, plötzlich die Sehkraft wieder« [292-a]. Damit ist nun freilich alles gesagt und nichts gesagt. Doch gewinnt durch andere gelegentliche Mitteilungen solch ein Bericht an Deutlichkeit, vor allem auch dadurch, daß unter der Hand zu verstehen gegeben wird, einige der sogenannt Blinden und dann wieder sehend Gewordenen hätten ein Minimum von Sehvermögen nie ganz eingebüßt gehabt [292-b]. Ein Landmann aus der Touraine hatte das Augenlicht auf chronischem Wege verloren durch eine jahrelange Entzündung, an die sich Staar und Lähmung der Augendeckel anschlossen, und da er nicht mehr sah, stieß er noch gar an einen hervorstehenden Holzspahn an, so daß ihm das eine Auge überhaupt ausfloß [292-c]. Ein erblindeter Diakon aus Chalons wollte erst Gregor gegenüber nicht recht mit der Sprache herausrücken, dann aber erzählte er: »Es sind sieben Monate her, daß es zur Frühmesse läutete und ich mich zur Kirche begab. Unterwegs stieß ich auf einen Freund; wir umarmten und küßten uns, und ich fing an mich zu erkundigen, wie es bei ihm zu Hause stehe. Schließlich versäumte ich den Kirchgang und setzte mich mit dem Bekannten zu einem Glase Wein. Als er sich empfohlen hatte, schlossen sich meine Augen und die Lider blieben kleben, sodaß ich sie nicht mehr öffnen konnte« [292-d].

Eine eigene Stellung nahmen die Irren ein. Im ganzen Altertum wurde an ihrem Zustande weniger die körperliche Erkrankung empfunden, als die Besessenheit von einem bösen Geiste, in der ja die Krankheit bestand. Wer aber ein außermenschliches Wesen beherbergte, und wenn es auch ein schlechtes war, wurde dadurch eben doch übernatürlicher Eigenschaften fähig. Die Besessenen kamen sozusagen als entartete Seher in Betracht und verfügten namentlich über ein sehr ausgeprägtes Witterungsvermögen gegenüber der nahenden Heiligengewalt. Bei Reliquientransporten oder Reliquienfunden, wenn die Gesunden sich entweder unwissend oder ratlos zeigten, wurde ihnen gewöhnlich durch die jäh hervorbrechenden Aufschlüsse von Wahnsinnigen aus der Verlegenheit geholfen. Die sprechendste Anekdote dafür hängt mit der Entdeckung des Solennisgrabes bei Tours zusammen. In der Kirche des Klosters von Maillé schienen zwar Sonntag für Sonntag an einer bestimmten Stelle kleine Lichtflämmchen, sodaß das Landvolk ringsum wußte, es sei hier etwas göttliches im Spiel. Sobald aber zwei Besessene jene Martinskirche betraten, klatschten sie in die Hände, schrieen und sprachen: »Hier ruht der hochselige Solennis in einer verborgenen Krypta. Grabt das Grab doch auf, ihr Freunde Gottes. Wenn ihr es gefunden, so bedeckt es mit Schleiern, zündet Fackeln an und spendet ihm die Verehrung, die ihr ihm schuldet. Es kommt dem Land zu gute, wenn ihr unsere Anweisung beherzigt«. Bei diesen Worten schickten sie sich an, unter lautem Geschrei die Erde mit ihren Fingernägeln aufzureißen; darauf hin kamen dann die Leute mit den Werkzeugen und nahmen die Ausgrabung vor [293-a]. Um nun zu den geheilten Besessenen überzugehen, so hatte namentlich einer, namens Paul, im Rufe gestanden, eine ganze Legion Dämonen zu beherbergen. In einem Anfall stürzte er sich einst von dem Gerüst, das bei der Martins Camera ausgerichtet war, wurde aber dank Martins Wunderkraft nur sänftiglich auf das Pflaster abgesetzt, ohne ein Glied zu brechen [293-b]. Ein anderer namens Landulf, aus der Gegend von Vienne, war lange vom Dämon der Mondsucht geplagt, der ihn auf die Erde riß, wo der Mann dann schäumte und wie tot dalag. Doch war er ruhiger, solange er im Atrium von Sankt Martin sich aufhielt. Sobald er einen Schritt hinaus that, bedrohten ihn die Geister mit klirrenden Waffen. Er hörte sie schimpfen und sagen: »Martin, dem du anliegst, kann nichts für dich thun, weil er unserer Botmäßigkeit unterstellt ist«. Aber er blieb unbeweglich, nur immer das Zeichen des Kreuzes schlagend, sodaß die Geister sich schließlich durch die dünne Luft mit schrecklichem Geräusch davon machten [293-c]. Auch die Trunksucht galt in ihren vorgeschrittenen Stadien als Besessenheit. Besonders in der Gegend von Bajeux trank man einen bösen Wein [293-1]. Ein weinschwacher Bürger dieser Stadt gelobte dem heiligen Martin jährlich seinen Besuch, nachdem ihm ein erster Aufenthalt am Heiligengrabe geholfen hatte. Er ließ sich sogar in den geistlichen Stand aufnehmen. Nach vier Jahren jedoch verfiel er wieder dem Trinken bis zur Tobsucht, wurde gefesselt nach Sankt Martin gebracht, wo ihn eine Kur von sechs Monaten abermals heilte. Als er sich dann neuerdings nicht hielt, sondern ins Trinken zurückfiel, verkam er in diesem Laster [293-a]. Auch starke psychische Zufälle, die aber weiter nicht auf Dämoneneinwirkung zurückgeführt werden, kommen vor. So lebte ein einfacher, gutgearter Mensch in Montlouis bei Tours jung verheiratet. Als er neben seiner Frau ruhte, ergriff ihn plötzlich mitten in der Nacht eine unerklärliche Angst; er springt aus dem Bett, irrt zitternd im ganzen Hause herum und verliert die Sprache. Durch Zeichen gibt er seiner Frau zu verstehen, er wolle nach Sankt Martin gebracht werden. Eine Kur von sechs Monaten gibt auch ihm die Gesundheit wieder [293-b]. Schon bei den kleinen Alltagsleiden begann der Bezirk des Wunderbaren. Die Gattin des Tribunen Animus, Mummola, hatte eines Nacht durch einen plötzlichen Schrecken den Gebrauch des einen Fußes verloren; ob sie sich ihn nun mit einem Fehltritt verstaucht hatte, oder ob eine vorübergehende Lähmung eingetreten sei, wird nicht gesagt; vielleicht war der Fuß überhaupt nur rechtschaffen ›eingeschlafen‹. Sie ließ sich nach Sankt Martin tragen, hielt den ganzen Rest der Nacht hindurch eine Votivkerze in der Hand, indes Gregor mit seinen Klerikern die Vigilien sang. Bei Tagesanbruch, als das Zeichen zur Matutin erschallte, trat sie auf den gebrechlichen Fuß auf; da war alle Schwäche geschwunden; die Frau konnte ohne jede Stütze nach Hause gehen. Schließlich begab man sich zum Heiligen selbst in Fällen, wo es sich um nichts weiter, als um eine kindliche Unart handelt. Eine Frau von Tours war in großer Sorge, weil ihr Mädchen immer nicht sprechen wollte. Endlich nahm sie das Kind mit in die Basilika, betete lange, zündete dann ein Rauchzäpfchen an und fragte die Kleine, ob der Weihrauch nicht wohl rieche. Das Kind sagte: »Wohl!« Da wusch die beglückte Mutter dem Töchterchen den Mund mit geweihtem Wasser aus und fragte, ob es nicht wohl schmecke. Wieder sagte das Kind: »Wohl!« [294-a] Das nannte man dann die Heilung eines stummen Mädchens. An innern Krankheiten werden genannt Magenübel, Brechreiz, Darmblutungen [294-b], auch Gelenkrheumatismus scheint vorgekommen zu sein [294-c]. Solche Kranke lagen dann meistens zugleich am Fieber darnieder. Ueber dessen Behandlung verlautet nur allgemein, Fieberkranke seien, wenn das Fieber besonders schlimm in ihnen wütete, den Tag über zwischen den Altar und das Heiligengrab gestellt worden; abends erhielten sie dann die mit Grabsteinpulver angemachte Mixtur, und beständig gab es solche, denen es darauf hin besser ging [294-d]. Wie muß es am Martinsgrabe erst bei einer Epidemie ausgesehen haben! Vielleicht war der geweihte Raum dann überhaupt für hochgestellte Patienten reserviert. Wenigstens wurde bei einer derartigen Gelegenheit die sterbende Gräfin Eborin daselbst in Behandlung genommen und durch Abwaschungen mit Osterreinigungswasser geheilt [294-e]. In Italien flüchtete man, wie Fortunat Gregor aus eigener Anschauung versicherte, bei einer Blatternepidemie stets in die nächste Martinskirche [294-f]. Hinsichtlich der Seuchen mag noch eins erwogen sein. Das Fieber wurde als Feuerwirkung im Körper aufgefaßt, und da Feuer, das höchste und reinste der Elemente, nicht Sitz niederer Dämonen sein konnte, ist Fieber, das Gegenteil von dämonischer Besessenheit, vielmehr ein Zuchtmittel in der Hand des Heiligen. Julian heizt seine Feinde wie einen Backofen [294-g], und sogar von dem sonst milden Martin klagt ein Fieberkranker, er verbrenne ihn. Schon in der römischen Medizinersprache hieß eine Pestart geradezu das »heilige Feuer« [295-1]. Indem aber der Heilige seinen eigentlichen Beruf als Krankheitsstiller verläßt und zum Krankheitserreger wird, sinkt er darum doch nicht auf die Stufe der Dämonen, da das von ihm verhängte Leiden als Strafe und Läuterung sittliche Zwecke verfolgt, während die Dämonen den Menschen aus Schadenfreude quälen.

3.

Die am Heiligengrabe befolgte therapeutische Behandlung ist schwerlich von jeder vernünftigen hygienischen Einsicht im heutigen Sinne verlassen gewesen: so wurde im Falle hochgradiger nervöser Erregung Entzug von Alkohol und Fleisch angeordnet; vier Monate lang ausschließlich vegetabilisches Regime führte dann die Heilung herbei [295-a]. Bei Verdauungsstörungen ließ man drei Tage fasten, bis der Appetit sich von selbst meldete und reizte ihn dann zugleich mit etwas Wein [295-b]. Gegen Bauchschmerzen wandte sogar ein Mann wie Gregor erst einige Bäder und warme Aufschläge an, und erst als es nach sechs Tagen nicht besser wurde, fiel es ihm ein, sich an Sankt Martin zu wenden [295-c]. Auch rechnete man die Frist zur Heilung nicht kleinlich nach; es durfte Jahre lang dauern und, wenn nötig, eins ums andere, nicht alles auf ein Mal: drei Jahre blind, dann vier Jahre in der Basilika und dann erst geheilt [295-d], oder zunächst gerade Glieder und dann gesunde Augen [295-e], oder nach sechs Jahren wird die lahme Hand gebrauchsfähig und nach weiteren zwei Jahren das Auge sehend [295-f].

Doch sind dies nur matte Spuren, daß es damals denn doch auch schon ein wenig zuging, wie bei uns. Davon abgesehen hüllt sich das Heilverfahren überall in eine dicke Kruste abergläubischer Praxis. Das Hauptgewicht lag auf der ausgedehnten Amuletbehandlung. Aerztliches Eingreifen des Priesters kam vor, aber als Ausnahme; es mußte schon ein hervorragender Mann sein, der sich eine derartige Vermittlung der Heiligenkraft zutrauen durfte; ein Aridius von Limoges: am Martinsfest des Jahres nahm er eine gelähmte Frau vor, die acht Jahre erfolglos in der Vorhalle der Martinskirche auf dem Schiebwagen gelegen hatte, und touchierte ihren Gliedern das Kreuzeszeichen auf, nicht ohne selbst den heilkräftigen Strom zu spüren, der durch seine Hand hindurch auf die Kranke übergeströmt sei [295-g]. Sonst aber galt es als ein erstes Erfordernis, der Hilfe des Heiligen durch ärztliche Weisheit in keiner Weise vorzugreifen. Eine Zungen- und Lippengeschwulst an ihm selber schätzte Gregor als eine Folge allzu heftigen Blutandranges ein; aber er that nichts, um ihn durch ein natürliches Mittel, etwa durch Schröpfen zu vermindern, sondern er ging hin, leckte das Grabgeländer ab, küßte den Tempelvorhang und hatte seitdem nie mehr an diesem Uebel zu leiden [296-a]. Am wirksamsten erwies sich das Einnehmen von Amuletstoffen, obenan des Grabsteinpulvers. Es war die Allerweltsmedizin, stillte Fieber [296-b], half gegen die Ruhr [296-c], trieb Bandwürmer ab [296-d]; wem es pur widerstand, dem gab man es mit Wein angemacht [296-e]. Auf Reisen führte Gregor stets eine Schachtel davon auf sich [296-f]. Aber auch das Abwaschwasser von der Osterreinigung des Grabaltars [296-g] und Salbung mit dem Oel der Kirchenlampen [296-h] wirkte heilsam. Die Kraftsphäre dieser heiligen Essenzen war unbeschränkt. Weihwasser und Lampenöl gemischt heilten an einer Seuche erkranktes Vieh [296-i], während zum Grabsteinpulver sogar ein königlicher Kanzler mit Erfolg seine Zuflucht nahm [296-k]. Zur Steigerung der Wirkung verfiel man gelegentlich selbst auf kombinierte Amuletbehandlung, indem Grabsteinpulver innerlich und Fransen der Grabsteindecke als Halsumschlag verwendet wurden [296-l].

In den beiden fränkischen Hauptheiligtümern stellt sich nun aber noch eine höchst merkwürdige Einrichtung dar, die geradezu als das Substrat der bisher kurz geschilderten Heilpraxis betrachtet werden darf. Neben dem Armenhaus, der sogenannten Matrikel, finden wir räumlich davon wohl kaum unterschieden, ein regelrechtes Hospital. Aber wir würden irre gehn, wenn wir es für eine Heilanstalt in dem uns gewöhnlichen sanitarischen oder humanitären Sinne hielten. Vielmehr müssen wir an die uralte antike Sitte des Tempelschlafs erinnern, und an die ihr zu Grunde liegende Vorstellung von einer heilsamen Inkubation der Gottheit gegenüber dem Schläfer. Von der Julianszelle in Brioude wird erzählt, ein Weib namens Fedamia, das vollständig gelähmt und verwachsen war, sei von den Verwandten nach der Basilika gebracht worden, um dort wenigstens mit Betteln ihren Unterhalt zu erwerben. Als sie nun nach achtzehn Jahren Krankheit während einer Sonntagsnacht in dem an die Kirche anstoßenden Säulengange »dekubierte« und indessen das Volk die hochheiligen Vigilien sang, wurde sie in ihrem Halbschlummer von einem Mann durch eine Vision angefaßt und zur Rede gestellt, warum sie nicht gleich den andern dem nächtlichen Gottesdienste beiwohne. Sie antwortete, sie sei an allen Gliedern lahm und könne keinen Schritt thun. Da unterstützte sie der Mann und führte sie bis an das Heiligengrab. Dort angelangt ergoß sie sich, immer fort schlafend, im Gebete aus und ihr war, es falle eine förmliche Kettenlast ihr von den Gliedern. Und als die Ketten klirrend zu Boden fielen, erwachte sie von dem Geräusch und fühlte sich mit einem Mal genesen. Also stand sie vom Bett auf und schritt zum Erstaunen aller Anwesenden laut danksagend in die Kirche. Später liebte sie es, wenn sie die Heilung erzählte, beim Aeußeren des Mannes zu verweilen, der ihr erschienen war: es sei ein Riese gewesen, mit glänzendem Kleide, mit vornehmem Gebahren, er habe freundlich gelächelt; sein langes blondes Lockenhaar habe freilich auch einige graue enthalten; frei sei er einhergeschritten, hell habe seine Stimme geklungen; seiner Anrede hätte niemand widerstanden und seine Haut habe wie Lilien geschimmert; aus Tausenden heraus wolle sie ihn wieder erkennen, auf den ersten Blick. Kurzum, die Schilderung wollte kein Ende nehmen. Darauf hin erschien es denn doch diesem und jenem nicht ganz unmöglich, es könnte ihr der selige Märtyrer erschienen sein [297-a]. Ein gewisser Anagildus, der taubstumm war und blind dazu, lag auch in der Säulenhalle von Sankt Julian in Brioude; als er ein volles Jahr vor dem heiligen Tempel »dekubiert« hatte, wurde er endlich von der Heilkraft des seligen Märtyrers heimgesucht [297-b]. Zu Sankt Martin in Tours wurden noch öfters, wenn auch nicht immer an so charakteristischen Fällen, Tempelschlaf bemerkt. Ein Taubstummer, namens Theodomundus, kam täglich zum Tempel, kniete nieder zum Gebete, indem er indes nur die Lippen bewegte, aber so inbrünstig, daß er während seiner stummen Worte meistens weinte; im übrigen bettelte er mit den andern Armen, dies drei Jahre lang. Eines Tages stellte er sich aus Liebe zu Gott getrieben, vor den heiligen Altar und stand da, Augen und Hände zum Himmel erhoben. Da brach aus seinem Munde ein Blutstrom mit Eiter. Er spie ihn auf die Erde, holte tief Athem und hustete blutende Körper aus, sodaß man hätte meinen sollen, sie seien ihm mit einem Instrument in der Kehle ausgeschnitten worden. Auch hing ihm nun der Schleim in blutdurchsetzten Fäden von den Mundwinkeln. Da wurden die Banden des Trommelfells und des Kehlkopfes plötzlich gelöst; wieder erhob er Augen und Hände zum Himmel und brach, des Sprechens noch unkundig, immerhin in die Worte aus: »Ich danke dir vielmals, hochseliger Herr Martin«. Die Königin Chrotechilde interessierte sich für diese Heilung; sie nahm sich des armen Jünglings an und ließ ihn in einer Schule unterrichten. Er zeichnete sich dort durch sein gutes Gedächtnis aus und konnte den ganzen Psalter auswendig [297-c]. Später wurde er Priester und lebte noch lange im Dienste von Sankt Martin. Ein Referendar König Chlothachars, Charigisel, der an Händen und Füßen die Gliedersucht hatte, gebrauchte während zweier bis dreier Monate die Dekubationskur; nach Ablauf dieser Zeit wurde er vom seligen Kirchenherrn heimgesucht und erlangte an seinen schwachen Gliedern aufs neue die Gesundheit. Später war er königlicher Kammerherr und bedachte sowohl die Bürgerschaft von Tours als die Diener der Martinsbasilika mit reichen Wohlthaten [298-a]. Veranus, der Sklave eines Gregor unterstellten Geistlichen, der seinem Herrn besonders in Verwaltungsgeschäften an die Hand ging, wurde wahrscheinlich wegen der Feuchtigkeit seines Amtsstübchens von Gicht befallen und konnte nicht mehr gehen. Ein ganzes Jahr waren die Schmerzen sehr stark und dehnten sich immer weiter aus; schließlich war die Lähmung ziemlich allgemein. Da entschloß sich sein Herr, den das Schicksal seines Hörigen bekümmerte, zur Tempelkur, ließ ihn nach Sankt Martin bringen, that ein Gelübde und sprach: »Wenn du ihn heilst, frömmster Herr Martin, so will ich ihn noch am Tage selbst frei geben; dann soll er die Tonsur erhalten und deinem Dienste gewidmet sein«. Der Sklave wurde nun also dem Heiligen zu Füßen gelegt, und als er fünf Tage daselbst ohne sich zu rühren gelegen hatte, wurde er am sechsten Tage vom hypnotischen Schlaf befallen; im Schlummer hatte er die Vision, als ob ihm in seinem Bett ein Mann den Fuß strecke. Er fuhr auf und konnte alle Glieder rühren. Nun empfing er also Freiheit und Tonsur und gehörte zu Gregors Zeiten der niederen Geistlichkeit von Sankt Martin an [298-b]. Ein junges Mädchen namens Chrodechilde, das nach dem Tode ihres Vaters auf einem Grundstück bei Le Mans lebte, wurde blind. Auf Befehl König Chilperichs und noch zu Lebzeiten der heiligen Radegunde, trat sie ins Nonnenkloster zu Poitiers ein und wurde von jener selber nach dem Schrein hingeführt, der die heilige Kreuzreliquie birgt, dann nahm sie an den Vigilien teil. Als die Nonnen morgens die Kirche verließen, blieb sie noch auf dem Boden ausgestreckt liegen und schlief ein. Da, im Traum, war ihr, jemand thue ihr die Augen auf, das eine sei bereits geheilt und auch im andern spüre sie etwas, und plötzlich wachte sie über dem Geräusch einer sich öffnenden Thüre auf, und sah nun in der That mit dem einen Auge wieder. Diesmal war es also nicht eine Vision, sondern einfach die Nähe der Reliquie ohne Gesichtsvermittelung gewesen, was den hypnotischen Schlaf herbeiführte [298-c]. Das gewöhnliche bleibt jedoch die Erscheinung eines Greisen im Traum, der dann »alle Glieder in sanfter Handauflegung touchiert« [298-d]. Auch wird angegeben, der Patient werde von dem mediumistischen Trancezustand plötzlich, unerwartet, zu seinem großen Schrecken, überfallen und etwas über zwei Stunden darin fest gehalten [299-a]. Trat die Heilung nicht am Grabe ein, so konnte ausnahmsweise der hypnotische Schlaf auch verspätet ausbrechen, wenn der Kranke den heiligen Ort bereits wieder verlassen hatte. So war eine Frau mit steifgewordenen Fingern von Tours unverrichteter Sache abgezogen, ohne aber sich in ihrem Glauben an die Heilung beirren zu lassen; im ersten Nachtquartier, am Ufer des Cher, als sie Gott unter Thränen dafür dankte, daß sie wenigstens noch am Leben sei und ans Martinsgrab habe gelangen dürfen und daraufhin einschlief, empfing sie die Heimsuchung des Mannes »mit den Haaren weiß wie Schwanenpelz, im Purpurmantel, in den Händen ein Kreuz«; er öffnete ihr sachte die Hand; sie erwachte: das Blut floß ihr von der Hand; die verbogenen Finger waren nun gerade. Anderseits konnte sich unter Umständen eine derartige heilsame Inkubation sogar von der vorausgegangenen Imprägnierung am heiligen Ort dispensieren. Alpinus, Graf von Tours, wurde jahraus, jahrein von einem Fußleiden geplagt und verlor über den Schmerzen sogar den Schlaf. Aber mitten in seinen Leiden hörte er nicht auf, Martin um Hilfe anzurufen. Da versank er unversehens in Schlummer. Ihm nun, dem königlichen Beamten erschien der Heilige in Soldatenuniform. Mit freundlicher Miene kam er auf ihn zu, lächelte und machte das Kreuzeszeichen über dem kranken Fuße. Sofort war jeder Schmerz verschwunden, und gesund konnte der Graf sein Bett verlassen [299-b].

Endlich noch einige Geschichten, die zeigten, mit wie mancherlei Umständen solch eine Krankengeschichte auch damals verbunden war. Aquilinus, der mit seinem Vater in den Wäldern jagen ging, wurde plötzlich von einem Schrecken befallen. Es war ein Herzanfall, der ihn fast von Sinnen brachte. Seine Eltern glaubten natürlich an diabolische Besessenheit und nahmen nach Bauernbrauch ihre Zuflucht zu Zauberern und Quacksalbern mit ihren Angehenken und Tränken. Als es aber nichts half, suchten sie bei Sankt Martin Hilfe und sprachen: »Der kann die Nachstellungen zu nichte machen; sie kommen von einem Schattengott, der in einer falschen Religion verehrt wird«. So brachten sie also den Verstörten an das Martinsgrab, wo er es seinem Gebet an Inbrunst nicht fehlen ließ. Der Schrecken hob sich von hinnen; sein Verstand kam ihm wieder. Er kehrte nicht mehr zu seinen Eltern zurück, sondern blieb zu Sankt Martin [299-c]. Gregors Onkel, Bischof Gallus von Clermont, pflegte oft zum Juliansheiligtum nach Brioude zu gehen, und einst im Sommer, als er der Hitze wegen die Schuhe auszog, und barfuß ging, trat er sich einen Dorn tief in den Fuß. Er bat den Heiligen um Hilfe und vollendete schwer hinkend den Weg zu dessen Grabe. In der dritten Nacht empfand er die heftigsten Schmerzen; er wirft sich an der geweihten Stätte hin und geht dann schlafen. Als er aufwacht, ist das Geschwür ausgelaufen, er sieht den Dorn nicht mehr und sucht ihn in seinem Lager, bis er ihn hat, und noch als Bischof pflegte er im engeren Kreise gerne die Narbe zu zeigen, das Zeichen der ihm zu teil gewordenen Juliansheimsuchung [300-a]. Ein Mädchen, das vor ungesundem Thränenandrang fast blind geworden war, wurde von seinem Vater nach Tours gebracht. Dieser, überdies ein freigebiger Mann, ließ den Pfründern von Sankt Martin zu essen und zu trinken geben. Während nun die Matrikelleute regaliert wurden, schrie das junge Mädchen plötzlich, es bekomme heftigen Kopfschmerz und wünsche zu schlafen. Als es dies gethan und auch das Freimahl zu Ende war, brachte man das Mädchen vor den Altar, wo alsobald der Thränenstrom versiegte und die Augen klar wurden [300-b]. Ein blindes Mädchen von Lisieux war zu Tours nicht sehend geworden, trotzdem es die Augen inbrünstig am Vorhang gerieben hatte, aber es hörte nicht auf zu beten und zu hoffen. Als es bei seinen Eltern auf dem Schiff stand, um heimzukehren, strich es sich plötzlich übers Gesicht und sagte dann: »Ist das dort die Martinskirche [300-c]? « Auch konnte das Zusammentreffen mehrerer Kundgebungen zu belebten Szenen führen. So war eine Frau von ihrer Gliederlähmung geheilt worden, legte sich nun aber aufs neue vor die Martinsschwelle und wollte so lange da liegen bleiben, bis sie auch das Gesicht wieder erlangt habe. In diesem Augenblick schrieen einige Verrückte, sie würden gepeinigt, der heilige Martin sei nahe [300-d].

4.

Ob auch nur in einem dieser unzähligen Fälle Heilung wirklich eingetreten sei, dürfen wir in dieser Bestimmtheit von Ja oder Nein nicht wissen wollen; denn ärztliche Diagnosen des Krankheitsbefundes liegen nicht vor. Gregor interessierte es wenig, an was nun gerade der Kranke litt. Erst der geifernde Wutausbruch des Tobsüchtigen, der jähe Blutaustritt aus dem erblindenden Auge, der mark- und beinerschütternde Schrei des aufs äußerste gesteigerten Schmerzes erwecken seine nähere Aufmerksamkeit, zumal er ja in der Krisis weniger den Höhepunkt der Krankheit fürchtet, als den Eintritt der Heilung begrüßt. Ueber die Art, wie die Krankheits- und Heilungsberichte aufgezeichnet worden sind, gesteht er: »Die von mir erzählten Thatsachen brauchen nicht unglaubwürdig zu scheinen, weil nicht alle Personen mit Namen aufgeführt werden. Das kommt daher, daß sie von dannen gehen, sobald der Heilige Gottes ihnen die Gesundheit wieder geschenkt hat und manchmal geschieht das in größter Heimlichkeit; niemand ist dann sozusagen dabei gewesen. Wenn verlautet, die Wunderkraft des heiligen Bischofs sei wieder erschienen, dann lassen wir die Tempelhüter kommen und nehmen Kenntnis von dem, was sich zugetragen hat; doch sind sie nicht immer in der Lage, Namen zu nennen; bei den Fällen jedoch, die wir selber sehen und untersuchen konnten, geben wir gewöhnlich gleich die Namen mit an [301-a]. « Aber um das Urteil über diese Krankenheilungen deutlich abzugrenzen, gibt uns doch Gregor den Maßstab gelegentlich selber in die Hand; er erzählt von einem verwachsenen Tagelöhner, der auch nach der »Heilung« seine Arbeit nicht wieder aufnehmen konnte, sondern nur immer am Heiligengrabe selbst sich gesund fühlte [301-b]. Wenn aber damit der Heilungsprozeß auf das Gebiet der subjektiven Gefühle verlegt wird, und somit von Wundern im Sinn übernatürlichen Geschehens zu reden keine Veranlassung besteht, so liegt andrerseits doch auch keine Notwendigkeit vor, eine ganze Reihe rätselhafter und höchst verwunderlicher Vorgänge in Abrede zu stellen, besonders heute nicht mehr, wo die Forschung gewisse, auf rein nervösem Wege entstandene organische Veränderungen im Körper, Katalepsen, nicht nur als mögliche Thatsache unumwunden zugesteht, sondern wo auch die Erscheinungsformen solcher seelisch-leiblichen Zustände immer mannigfacher und reichhaltiger in den Bereich experimenteller Beobachtung sich eindrängen [301-1]. Wer das genügend bedenkt, wird einem berichterstattenden Augenzeugen wie Gregor im weitesten Umfang freie Hand lassen dürfen, ohne seiner eigenen gewissenhaften und kritischen Abwägung das mindeste zu vergeben. Ueberdies räumt auch heute gelegentlich ein ehrlicher Arzt von selber ein, seine Heilerfolge seien zum größeren Teil nicht aus seine Kunst, sondern aus das ihm vom Kranken entgegengebrachte Vertrauen zurückzuführen. In einem nicht zu unterschätzenden Maße ist es also der Glaube, der wirklich zur Gesundung helfen, zur nicht eingebildeten, sondern thatsächlichen Heilung bedeutend beitragen kann.

Ueber das Sankt Martin und seinen Mitheiligen gewidmete Maß von Glaubenskraft und Glaubensinbrunst wird man sich nun aber nicht leicht übertriebenen Vorstellungen hingeben können. Wenn die Hilfebedürftigen »den Füßen des Heiligen« nahten, befanden sie sich meistens in ungeheuchelter, hochgradiger Aufregung, vergossen Thränen und gaben sich leidenschaftlichen Gebeten hin. Man mag die Heilungsanekdoten beliebig aufgreifen, es wird kaum eine sich finden, wo nicht der Glaube des Geheilten hervorgehoben, dagegen manche, wo dieser Glaube geradezu als Ursache der Heilung hingestellt wird [302-a]. Dabei öffnet sich uns oft ein Blick in soziale Verhältnisse, die durch ihre Aermlichkeit auf ein gesteigertes Verlangen nach Heilung und auf eine gesteigerte Dankbarkeit schließen lassen; so bei jenem Krüppel Baudulf von Gennes, der vom Heiligen geheilt zu werden wünschte, um seinem armen Vater nicht länger zur Last fallen zu müssen, sondern selber sein Brot verdienen zu können [302-b]. Selbst wenn im Falle von Unmündigkeit die nötige Fähigkeit zum Glauben eben nicht vorhanden ist, kann das kranke Kind gerettet werden, weil der Vater glaubt [302-c]. Seine Rückwirkung hatte dieser starke Glaube in der Vorstellung, daß die Heilung für den Genesungsmoment die persönliche Mitleidenschaft des Heiligen in sich schließe. Der Prokurator Placidus in Ravenna, der daselbst im Martinsnonnenkloster dekubierte, hielt den Heiligen ab, nach Gallien zurückzukehren [302-d]. Ein Lahmer zweifelt nicht, daß seine Schmerzen eine Kraftwirkung Martins sind, und schreit: »O Martin, um Gesundheit habe ich Dich angerufen, nicht um Qualen« [302-e]. Auch im Fall einer unbestreitbaren Berührung mit einem biblischen Wunder ist die Anekdote bei Gregor deswegen durchaus nicht als Kopie und somit als erfunden zu betrachten; wenn eine Frau von Clermont beim Küssen der Altarfransen plötzlich vom Blutfluß geheilt wird, so braucht der Einfluß der evangelischen Erzählung durchaus nicht in der erst nachträglichen Bildung des Geschichtchens zu bestehen, vielmehr kann jene Frau durch ihren unerschütterlichen Glauben an die parallele zwischen ihr und dem Weib im Evangelium sich in der That gesund suggeriert haben [302-f].

Wer wird es der fränkischen Kirche verargen wollen, daß sie aus dieser ihrer wirksamsten und volkstümlichsten Funktion nach Kräften Kapital schlug? Zunächst indem sie die Heilungen zu einer Art Reklame benutzte. Zwar mag es seine natürlichen Gründe haben, daß an den großen Festen auch die meisten Heilungen vorkamen; bei ungewöhnlichem Zudrang wurden eben auch mehr Leidende gesund. Aber es wird doch wohl auch etwas nachgeholfen worden sein. Uebrigens schon an den hohen Festtagen des Kirchenjahres überhaupt wurden Heilerfolge besonders bemerkt, für Weihnacht und Epiphanien [302-g] wie für Palmsonntag und Gründonnerstag [302-h]. Aber die Martinsfeste, das Mitte November, wie das Anfangs Juli, durften sich eben doch weitaus der meisten Wunder rühmen, für das Julifest 589 werden zwölf Lahme, drei Blinde, fünf Besessene und eine lahme Frau als Heiltriumph erwähnt [302-i], für das Julifest des Jahres zuvor ein Krüppel, eine blinde Frau und drei Besessene [302-k]. Da die großen Heiligenmessen stets einige Tage umfaßten, wird der Zeitpunkt auch näher bestimmt: Heilung am dritten [303-a], am vierten Tage [303-b], in der Festnacht [303-c] oder der Heilungsprozeß habe genau die drei Festtage ausgefüllt [303-d]. Oder es wird ein auffälliges Zusammentreffen bei gemeinsamen Heilungen hervorgehoben: zwei Blinde mit genau denselben Spezialsymptomen der Krankheit und genau derselben Spezialart der Heilung [303-e], oder der Lahme von Auxerre, der Lahme von Orleans und der Lahme von Bourges [303-f]. Namentlich aber pflegen der Höhepunkt der Messe oder der Augenblick, wo der Vorleser das Heiligenleben zu lesen beginnt, sowie der Moment der Reliquieninstallation die Heilung zum Austrag zu bringen [303-g]. Auch zu Ehren eines Besuches von Belang, etwa eines fremden Bischofs, konnte sich das Wunder ereignen [303-h].

Und bei der Reklame ließ man es nicht bewenden. Unter der Hand bedeuteten diese Kurerfolge für die Kirche einen nicht zu unterschätzenden Machtzuschuß. Was lag denn auch für eine dankbare Seele näher, als auf die Heilung hin sich dem Heiligen zu verschreiben und in den geistlichen Stand einzutreten; wie oft kam das vor! [303-i] Bedenklicher waren die auf Grund der Heilung erzwungenen Freilassungen vom hörigen Stande, weil es sich da um einen kirchlichen Uebergriff auf das Gebiet des Rechts handelte; gewöhnlich wurde unter Berufung auf die Heilung der Loskauf durch Kirchenmittel durchgesetzt [303-k]. Die näheren Umstände machten zwar philantropische Beweggründe in den Vordergrund rücken. Der Besitzer einer Sklavin wurde durch deren Heilung bewogen, sie zum halben Preise freizugeben und unter der entsprechenden Einbuße eine andere Sklavin zu kaufen [303-l]; oder, eine widerrechtlich verkaufte Frau, hieß es, ist krank geworden, um dann in Tours mit der Gesundheit auch die Freiheit ihres Standes wieder zurück zu erlangen [303-m]; oder eine Frau von Poitiers wurde kirchlicherseits losgekauft, weil sie trotz der Heilung arbeitsunfähig war [303-n]; ja man konnte auf den Einwand hin, hinweisen, ein Krüppel, der sich unter den Bettlern aufgehalten hatte, sei nach seiner Heilung auf seinen Wunsch hin, frei entlassen, das Wunder also nicht in eigennütziger Weise ausgebeutet worden [303-o]. Die Priesterweihe wurde sogar von Geheilten nur aus Dankbarkeit übernommen; ohne sich weiter irgendwie verpflichtet zu haben, kehrte er nach Hause zurück [303-p]. Das alles ist schön und gut und mag im einzelnen Fall durchaus richtig sein. Aber im allgemeinen steht doch unbestreitbar als Thatsache da, daß gerade unter Berufung auf Heilungen die Kirche die Sphäre ihres Einflusses beständig zu erweitern trachtete. Sie deckten ihr den Rücken, all diese Armen, Kranken, Gefangenen und Unfreien, die sie nährte, kleidete, gesund machte und losgab. Aber während durch das Asylrecht und die Gefangenpatronage nur die Strafrechtspflege beeinflußt, also nur ein vorübergehender Rechtsakt sistiert wurde, griff eine zur Gewohnheit werdende kirchliche Auslösung von Hörigen tiefer, weil sie einem permanenten Druck auf einen zurechtbestehenden sozialen Zustand gleichkam.

Alles in allem ging es somit menschlich zu, auch bei den Heilungen. Aber diese Eigenschaft des Heiligengrabes als eines Kurortes wirft doch ein außerordentlich merkwürdiges Licht auf die religiösen Vorgänge in der Volkspsyche, zumal bei den alten Franken, wo Treu und Glauben zu Gott und seinen Heiligen noch nicht an schamlosem Priesterbetrug und der stumpfen Gleichgiltigkeit der Menge zu Schanden wurden.