Achtzehntes Kapitel.
Der Glaube.

Der Glaube des fränkischen Volkes unter der Herrschaft der Merowinger ist ein Religionsgebilde, dessen Eigenart in der vollständigen Abwesenheit dogmatischer Produktion besteht. Die Vulgärreligion liegt entblößt da, ohne ideologischen Ueberbau. Das Studium des Volksglaubens konnte also hier vor sich gehen, ohne durch die Komplikationen behindert zu sein, die sich bei einem Nebeneinander von höherer und niederer Theologie unfehlbar einstellen. Doch ist das nicht der einzige Vorzug dieser Epoche. Auch ihre Frische und Beweglichkeit suchten ihresgleichen in der Kirchengeschichte; wo sonst nicht ohne Recht von Versteifung und Verknöcherung in Gewohnheiten und Formeln gesprochen wird, ist es hier eine durchaus junge und lebendige Religion, die sich mit Reliquienverehrung zufrieden gab.

Die mannigfachen Bestandteile dieser Religion, die es im folgenden noch kurz aufzuzeigen gilt, lassen sich nicht einheitlich ableiten. Aber die beiden Hauptbegriffe, die uns im Verlauf unserer Untersuchung immer wieder begegnet sind, dürfen als ausreichende Wurzeln des fränkischen Volksglaubens gelten: der Wunderglaube und der Heiligenglaube. Das Wunder bestimmt die fränkische Religionswelt stofflich, indem es ihr Leiblichkeit verleiht und ihre Atmosphäre bildet, der Heilige dagegen bestimmt sie vital, indem sie ihre eigentlichen Lebensfunktionen von ihm bezieht. Erst wenn diesen beiden leitenden Gedanken der gebührende Vorrang eingeräumt ist, dürfen die üblichen Fragen laut werden nach dem Verhältnis der Religion zum Welterkennen und zur Sittlichkeit.

1.

Nehmen wir zunächst den Glauben im weiten, umfassenden Sinn als Weltanschauung. In seinem gelehrten Werke »Der Sternenlauf« entrollt Gregor folgendes Weltbild [305-1]: »Die meisten Philosophen haben sieben Weltwunder beschrieben. Ich für mein Teil möchte mit einiger Abweichung ebenfalls sieben, wenn auch nicht ganz dieselben aufzählen: erstens die Arche Noahs; zweitens Babel und seine Schanzen; drittens der Tempel Salomos, seine Säulenhallen, sein Altar, seine Cherubinen, seine Bildsäulen, sein gepflasterter Boden und seine Thore; viertens das Grab der Perserkönige; fünftens der Koloß von Rhodos; sechstens das Theater von Heraklea; siebentens der Leuchtturm von Alexandrien. Diesen Erden- und Menschenwundern gegenüber stehen sieben Himmels- und Gotteswunder, von denen einige den Zweck haben, die Macht Gottes darzulegen, so die Sonne, der Mond, die Sterne, der Phönix, oder den Sündern das Höllenfeuer vor Augen zu führen: so der Aetna sowie der heiße Sprudel zu Grenoble. Diese Wunder werden so lange zurecht bestehen, bis dem Herrn die Auflösung der Welt beliebt. Erstens Ebbe und Flut im Meere; zweitens die Befruchtung des in die Erde gelegten Samenkornes, das Sankt Paul der Auferstehung unseres Leibes vergleicht; drittens der Phönix, der sich selbst auf seinem Nest verbrennt und dann aus seiner Asche aufersteht, auffallendes Vorbild eben der Auferstehung, die unsern Leib erwartet; viertens der Aetna; fünftens die Feuerquelle von Grenoble, die an der Hand nicht brennt und doch Kerzen und Dochte anzündet. Ein gewisser Hilarius hat hierüber ein Gedicht gemacht, in dem er nachweist, daß die ewigen Flammen unsern Leib noch verschonen, um ihn dann zu verzehren nach dem jüngsten Gericht, wenn er sich der Sünde überlassen hat; sechstens der befruchtende Lauf der Sonne; siebentens der Mond, den wir zunehmen und abnehmen sehen, dann die Sterne die im Osten auf und im Westen niedersteigen, die nördlichen bewegen sich in einer Kreisbahn statt einen gradlinigen Lauf zu befolgen, während die andern in der Mitte des Himmels stehen. Die einen sind das ganze Jahr sichtbar, die andern bloß einige Monate. Mit Gottes Erlaubnis will ich nun über den Lauf der Gestirne berichten für die, die nichts davon wissen, und soweit meine eigene Kenntnis dieser Dinge reicht. Ich werde die Benennungen, die ihnen Virgil und andere Dichter geben, bei Seite lassen und mich an die Namen halten, die sie in der Bauernsprache erhalten haben, oder an die, die durch die Stellung der Sterne selbst nahe gelegt werden, wie Kreuz, Sichel und andere. Mit diesen Zeilen verfolgte ich überhaupt keinen wissenschaftlichen Zweck noch kann es mir einfallen, die Zukunft zu erforschen; wohl aber will ich nachweisen, wie ein Tageslauf auf vernünftige Weise mit Gottes Lob auszufüllen ist, zu welchen Stunden nämlich der sich in der Nacht zum Gebet erheben soll, der mit Sorgfalt Gottesdienst halten will.« Hierauf macht Gregor allerhand illustrierte Angaben von astronomischen Beobachtungen rudimentärster Art, wie viele Stunden jeder Monat täglich Sonne hat, desgleichen wie viele Stunden jeder Monat nächtlich Mondschein hat. Der Mond geht im Sommer denselben Weg, den die Sonne im Winter gegangen ist und umgekehrt. Gregor gibt sodann mit roter Tinte die Stellung einiger Sternbilder am Himmel an und verweilt besonders bei den Kometen: Ein Haarstern zeigt sich nicht zu jeder Zeit, sondern nur etwa beim Tode eines Königs oder während eines Landesunglücks. Wenn sein buschiges Haupt mit einem strahlenden Diadem erscheint, ist das die Anzeige eines Todesfalls in der königlichen Familie. Ueberwiegt dagegen der rötliche Degen und tritt der Kopfstern zurück, so deutet es auf ein Landesunglück. So war es bei der Pest, die in der Auvergne wütete, und so kurz vor dem Tode König Sigiberts. Dann erläutert Gregor die Zeichen, an denen ein frommer Sinn den Gläubigen den Augenblick angebe, wo man sich für den Gottesdienst erheben soll. Er beginnt dabei nicht wie üblich im Monat März oder am Neujahrstag, weil die Zusammenstellung, die man im Monat März beobachte, bereits in einem andern Monat zustandekomme. Im September also ersteht der große Stern, der Rotstern, mit dem kleinen, der ihm vorausgeht. Gregor gibt die Psalmen an, die beim Aufgang dieses Sternes anzustimmen sind, ebenso im Augenblick, da die ›Sichel‹, der Orion, an demselben Orte angelangt ist, wo die Sonne am Tage um fünf Uhr steht; schließlich im Augenblick, da die ›Traube‹ aufgeht. Dementsprechend gibt Gregor für jeden folgenden Monat die Nachtpsalmen an sowie den dreifachen Zeitpunkt für die nächtlichen Vigilien. Gregors Weltanschauung und mit ihm die des fränkischen Volkes ist somit robust religiös, unphilosophisch religiös. Der Erkenntnistrieb gibt sich mit der Anerkennung von zweimal sieben Weltwundern zufrieden, und alles, was sich der Beobachtung ungesucht aufdrängt, unterstellt sich dem praktischen Bedürfnis, für die Verehrung Gottes eine möglichst geregelte, sozusagen naturgemäße Aeußerung zu finden.

Nehmen wir sodann Glauben im engeren Sinn als dogmatisches Bekenntnis, so ergibt sich auch hier ein unkompliziertes, primitives Ideenbild, das positiv durch die orthodoxen Symbole und negativ durch die beiden Gegensätze des Arianismus und des Judentums bestimmt wird. Die negative Bestimmung tritt viel schärfer ins Licht, weil es sich um einen realen konfessionellen Haß gegen Andersgläubige handelt. Eine Katholikin, die einen Ketzer zum Mann hatte, erhielt den Besuch eines streng katholischen Priesters. Da sagte sie zu ihrem Mann: »Wenn du mich lieb hast, so soll Freude im Hause sein, wir wollen ihm ein Essen geben, das sich sehen lassen darf«. Der Mann hatte nichts dagegen; als aber nun noch ein arianischer Priester ihn besuchte, rief er fröhlich: »Desto besser. Zwei Pfaffen aufs Mal, für jeden Glauben einen«. Bei Tische saßen die Arianer rechts, das katholische Paar links, die Frau auf einem Stühlchen neben dem Sessel des Priesters. Der Gatte raunte dem Ketzer zu: »Nun wollen wir auf Kosten dieses römischen Priesters uns lustig machen. Sobald eine Schüssel auf den Tisch kommt, so mache rasch das Zeichen des Kreuzes drüber, und während der Andere traurig dasitzt und zusieht und nicht essen darf, wollen wir uns gütlich thun«. Jener erwiderte, er sei einverstanden. Zuerst kam Gemüse; der Ketzer machte sein Kreuz und bediente sich. Die Frau verwahrte sich gegen diese Beleidigung ihres Priesters. Dieser erhielt nun seine eigene neue Portion, aber beim zweiten und dritten Gang gefiel sich der Ketzer in denselben Witzen. Als nun als viertes Gericht eine Casserole mit einer brennenden Fruchtomelette kam, Rühreier, etwas Mehl, Dattelschnitze und entsteinte Oliven, und der Arianer sie wieder ohne weiteres herunterschlang, verbrannte er sich elend den Magen, stieß einen Seufzer aus seinem qualmenden Munde und gab mit einem schrecklichen Geräusch alsobald seinen Geist auf. Man trug ihn vom Tisch in ein Grab und deckte Erde darüber. Da rieb sich der katholische Priester die Hände: »Gott hat seine Diener gerächt«. Und zum Gastgeber sich wendend: »So. Nun wünsche ich zu essen« [307-a]. Ein ander Mal kamen zwei Geistliche, ein Rechtgläubiger und ein Ketzer überein, es auf ein Gottesurteil ankommen zu lassen, da sie sich sonst nicht einigen konnten. Aber auch der Orthodoxe hatte Angst. Er schmierte sich den Arm, mit dem er den Ring aus dem kochenden Wasser holen sollte, mit Oel ein, lief von einem Heiligengrab zum andern, begab sich aber um drei Uhr auf den Markt, wo es an Schaulustigen nicht fehlte. Jeder von den beiden wollte höflicherweise dem Andern den Vortritt lassen; schließlich mußte der Diakon heran und entblößte zitternd seinen Arm. Da erhob der Gegner ein Geschrei und wollte nicht gelten lassen, daß jener sich gesalbt habe; das sei Magie, die Sache sei null und nichtig. Während sie nun aber stritten, kam ein italienischer Diakon aus Ravenna des Weges, und als er vernahm, um was es sich handle, machte er rasch seinen Arm frei und fuhr in den Kessel. Ueber eine Stunde lang hatte er im Wasser zu tasten und zu suchen, weil der Ring so klein und leicht war, daß er immer wieder entwischte, und immerfort wurde unter dem Kessel geheizt. Er aber zog den Ring heraus ohne das geringste verspürt zu haben; da jedoch der Arianer großmäulig behauptete, er wolle seinen Glauben auf dieselbe Weise bewähren, war sein Arm gesotten, als er ihn wieder herauszog [308-a]. Ein spanischer König wollte einen katholischen Priester aus Gallien, den man aufgefangen hatte, durch schmeichelhafte Versprechungen zum Uebertritt bewegen, aber dieser entgegnete ihm, seine Geschenke seien Mist für ihn. Als man ihn dann geißelte, spürte er nur die ersten drei Hiebe [308-b]. In mehreren Varianten wurde auch die Geschichte herumgeboten, arianische Priester hätten Leute bestochen, Blindheit und nachherige von ihnen bewirkte Heilung zu simulieren; diese seien dann aber zur Strafe wirklich blind geworden [308-c]. Die katholische Kirche in Rioms war von den Gothen in Beschlag genommen worden. Sie schickten sich an, dort in der Charwoche auf ihre Weise Kindertaufen vorzunehmen, damit das Volk desto eher in die Falle gehe. Der katholische Geistliche, der sich frevelhaft aus seinem Heiligtum verdrängt sah, ging einfach in den anstoßenden Betsaal der Ketzer und taufte dort. Von den ketzerisch getauften zwanzig Kindern überlebte übrigens keines die Woche nach Ostern [308-d]. Dogmatische Erörterungen ersetzte ein Beweis der Kraft, wie man ihn drastischer nicht denken kann. Alles wurde, wenn immer möglich handgreiflich vor den Augen dargelegt. Das marmorne Taufbecken in Osser in Spanien hatte Kreuzesform; am Gründonnerstag wird es geleert und die Röhren versiegelt; zu Ostern hat es sich dann von selbst gefüllt. Die westgothischen Könige benutzten den Teich aber zur Pferdeschwemme oder ließen nach geheimen Kanälen graben, um das Wunder als Betrug aufzudecken [308-e]. Und als bei der Belagerung Saragossas durch Childebert und Chlotar die arianischen Einwohner mit dem Rock des heiligem Vinzenz eine Mauerprozession unternehmen, da zogen sich die Frankenkönige von der Stadt zurück, weil eine katholische Reliquie auch in ketzerischen Händen nichts an Kraft verlor [308-f]. Gegen nur arianische Wunder dagegen war man kritisch und deckte die Schliche unbarmherzig auf.

Nicht weniger schroff waren die Beziehungen zur Judenschaft. Der Haß war auch hier gegenseitig; kein Teil blieb dem andern etwas schuldig. Auch hier fehlt es an bezeichnenden Histörchen nicht. Der Knabe eines jüdischen Glasers, der mit Christenkindern in die Schule ging, wurde einst bei einer Meßfeier in der Marienkirche aus Versehen zur Kommunion zugelassen. Frohlockend sprang er heim zu seinem Vater, den er gerade bei der Arbeit traf, und erzählte ihm unter Liebkosungen, jetzt habe er vom Fleisch und vom Blut Jesu Christi gegessen. Wütend versetzte dieser: »Nun du mit diesen Kindern kommuniziert hast, in Verachtung deines väterlichen Glaubens, so zwingst du mich ein grausamer Rabenvater zu werden, da ich doch den dem Gesetz Mosis zugefügten Schimpf nicht ungerächt lassen darf«. Darauf warf er sein Kind in den glühenden Schmelzofen. Die Mutter kam herbei, warf sich vor Schmerz ihren Kopfputz auf den Boden, zerraufte ihr Haar und schrie so herzzerreißend, daß die christlichen Nachbarn herbeiströmten. Als man aber den Ofen aufriß, befand sich das Kind völlig unverletzt; unter allgemeinem Beifall wurde es hervorgezogen. Dagegen wurde nun der alte Jude ins Feuer gesteckt und verbrannte sofort. Der Junge aber erzählte auf Befragen, dieselbe Frau mit einem Kind auf dem Arm, die er heute in der Kirche gesehen habe, hätte ihren Mantel über ihn gedeckt und ihn so vor den Flammen gehütet [309-a]. In einer katholischen Kirche sah ein Jude ein Christusbild an der Wand hängen und sagte: »Das also ist der Verführer, der uns erniedrigt hat, mich und meine Rasse«. Da es Nacht war, durchbohrte er das Bild, riß es von der Wand und nahm es unter seinem Mantel mit nach Hause, um es zu verbrennen. Aber o Wunder, die Wunde, die er dem Bilde geschlagen hatte, blutete; als er zu Hause Licht machte, sah er sich blutüberströmt; Furcht ergriff ihn. Er versteckte das Bild in einem Winkel; aber die Blutspuren von der Kirche zu seinem Hause führten zu seiner Entdeckung. Die Christen brachten das Bild wieder in die Kirche zurück und steinigten den Bösewicht [309-b]. Um so erfreulicher war es, gelegentlich auch bei einem ungetauften Juden aufrichtigen Heiligenglauben zu finden, und der heilige Domitius, den er anrief, stand auch keinen Augenblick an, ihn von der Ischias zu heilen. Aber wie man es nie allen Leuten recht machen kann, so waren nun wieder die Christen nicht zufrieden. Sie zerschellten die Kirchenlampen und riefen: »Wir, die Gott in Wahrheit bekannt haben, sind noch nicht gesund, indessen dieser Beschnittene geheilt von dannen geht« [309-c]. Als jedoch ein Jude in Bordeaux einem Priester abriet, in der Martinskirche Heilung vom Schüttelfrost zu erwarten, da ja Martin längst in der Erde liege, und wie andere Sterbliche zu Staub zerfallen sei, und ein Toter doch den Lebenden nicht helfen könne, da wurde seine Unkenntnis offenbar; denn der Priester genas nach Genuß von Kerzenasche, während der Jude selbst am selben Fieber über ein Jahr lang krank blieb [309-d]. Ueber das Diskussionsniveau bei Auseinandersetzung von Katholiken und Juden belehrt auf das anschaulichste ein Erlebnis Gregors. Er besuchte König Chilperich auf dem königlichen Meierhof zu Braine, als dieser eben nach Paris übersiedeln wollte, und war im Begriff sich zu verabschieden. Da trat gerade ein Jude ein, namens Priskus, mit dem der König viel verkehrte; von ihm pflegte er die kostbaren Sachen zu kaufen. Chilperich nahm ihn freundlich beim Kraushaar und wandte sich an den Bischof mit den Worten: »Bischof, komm; hier gibt’s etwas zu bekehren«. Der Jude aber sträubte sich. Da sprach der König: »O über diesen harten Kopf und dieses allezeit ungläubige Geschlecht, das es nicht begreift, daß der Sohn Gottes ihm verheißen ist durch die Stimmen seiner Propheten, das es nicht einsieht, daß die Geheimnisse der Kirche in seinen Opfern vorgebildet sind«. Als er solches sprach, sagte der Jude: »Gott bedarf weder eines Weibes noch eines Sohnes; auch läßt er keinen neben sich herrschen, wie er durch Moses spricht: Seht ihr nun, daß ich allein es bin und kein Gott neben mir ist? Ich kann töten und lebendig machen, ich kann schlagen und kann heilen«. Da sagte der König: »Gott hat aus seinem Schooße geistiger Weise den ewigen Sohn gezeugt, der Zeit nach nicht jünger, der Macht nach nicht minder, denn der, von dem er spricht: Aus deinem Schooße habe ich dich gezeugt vor dem Morgenstern. Diesen den vor der Zeit geborenen, sandte er in den letzten Zeiten als Heiland in die Welt, wie der Prophet spricht: Er sandte sein Wort und errettete sie. Wenn du aber meinst, daß er nicht selbst zeuge, so höre deinen Propheten, der da spricht aus dem Munde des Herrn: ›Sollte ich andere lassen die Mutter brechen und selbst nicht auch gebären? Dies sagt er von dem Volke, das durch den Glauben zu ihm neu geboren wird‹«. Darauf erwiderte der Jude: »Konnte wohl Gott Mensch, konnte er vom Weibe geboren, konnte er geschlagen und zum Tode verurteilt werden?« Da der König hierauf nichts zu sagen wußte, mischte sich Gregor ein und sprach: »daß der Herr, der Sohn Gottes, Mensch wurde, geschah nicht weil es für ihn, sondern weil es für uns notwendig war; denn den von der Sünde gefesselten und der Gewalt des Teufels unterworfenen Menschen hätte er nicht erlösen können, ohne menschliche Gestalt anzunehmen. Ich will mich nicht berufen auf die Evangelien und den Apostel, denen du nicht glaubst, sondern auf deine heiligen Schriften, daß ich dich mit deinen eigenen Waffen schlage, wie man liest, daß einst David den Goliath tötete«. Und nun tritt Gregor, meistens an Hand der hiefür althergebrachten Schriftstellen, den Weissagungsbeweis an für Christi Person und Werk. Darauf erwiderte der Jude: »Wie kann es für Gott eine Notwendigkeit geben, solches zu leiden«. Gregor antwortete: »Ich habe dir schon gesagt, Gott schuf den Menschen ohne Sünde, aber durch die List der Schlange ward er verführt und übertrat Gottes Gebot. Deshalb ward er aus dem Paradiese vertrieben und ihm die Mühen der Welt auferlegt. Aber durch den Tod Christi, des eingeborenen Gottes, ist er mit Gott dem Vater wiederum versöhnt worden«. Der Jude sagte: »Hätte Gott denn nicht Propheten oder Apostel senden können, die den Menschen auf den Pfad des Heils zurückführten, ohne sich selbst zum Fleische herabzulassen?« Wieder ließ Gregor eine lange gelehrte Antwort ergehen, aber der unglückliche Jude wurde nicht zum Glauben bewogen. Da wandte sich der König an den Bischof und bat ihn um den Segen. »Ich werde zu dir sprechen«, sagte er, »was Jakob zum Engel des Herrn sprach, der mit ihm redete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn«. Nach dem Segen verabschiedete sich Gregor und der König stieg zu Pferde [311-a].

Man begreift, daß der Jude unbekehrt von dannen ging; er dachte dogmatisch schärfer als der gute Gregor. Auch in Streitgesprächen mit Arianern siegte dieser durch sein männliches entschiedenes Auftreten, aber nicht durch die Wucht seiner Gründe, so respektabel auch seine bei diesen Anlässen sich bekundende Bibelbekenntnis sich ausnahm [311-b]. Mit demselben schönen Pathos stellt er an die Spitze seiner Schriften sein orthodoxes Bekenntnis von der vollen Gottheit Christi [311-c]. Wohl ist auch ihm Christus der Endzweck des Lebens. Aber Erlösung und Reinigung durch Christi Blut sind ihm Nebensache. Christus hat sich bei seinem Tode überhaupt passiv verhalten; in Gregors Augen war Christi Leiden keine That Christi; es war ein an ihm begangenes Verbrechen. Die Auferstehung dagegen, sie zeigte ihn in seinem Wesen, als den Oberwunderthäter, als den Siegeshelden und himmlischen Herrscher. Und hier konnte eine nationale Auffassung des Christentums einsetzen, die Christus als Herzog und das fränkische Volk als seine Dienstmannen ansah. Das war dann aber kein Christuschristentum mehr, sondern eben das fränkische Heiligenchristentum [311-1]. Mochte man auch gelegentlich versichern, alle Wunder der Heiligen gehörten Christus, seien göttliche Thaten und unterstünden Gott [311-d], es war trotz alledem etwas anderes und kräftig eigenes, das sich der theologischen Religionspraxis als untheologisches Volkschristentum entgegensetzte. Und die Theologie sah sich gezwungen, halt zu machen; an Kraft, sich aufzumachen und auszubreiten, hat es ihr gerade damals nicht gefehlt, denn am Mittelmeerrande des alten Gallien hatte sich die Diskussion der abendländischen Theologie gesammelt und, als Beweis ihrer Tüchtigkeit, das apostolische Symbol hervorgebracht. Eine geradezu elementare Macht muß also das sich ihr entgegenstemmende Bedürfnis nach einem undogmatischen Volksglauben gewesen sein; infolge von Sankt Martins Verbreitung des Christentums im gallischen Lande war es nun überall aus der Erde gestiegen. Gregor spricht von Christus als dem Einwohner der Heiligen [311-e]: ja, aber es handelte sich um das Erdgeschoß im Himmel; wozu mühsames Treppensteigen in spekulativen Hochbauten? Wenn man nur unter Dach war!

2.

Zerlegt man das Christentum des fränkischen Volkes in seine einzelnen Bestandteile, so findet sich wohl nicht das kleinste Bruchstück, das in dem Maaße neu wäre, sich nicht anderswo schon vorzufinden. Lediglich auf ihre Substanz hin geprüft, bleibt diese merowingische Heiligenreligion durchaus ein Gebilde zweiter Hand. Wenn Gregor mit seiner Heiligengelehrsamkeit von morgenländischen und römischen Quellen und Vorbildern abhängig war, so ist das keineswegs zufällig, sondern deutet für seinen Gegenstand, die fränkische Volksreligion, auf dasselbe Verhältnis zum Auslande. Alles darin ist auswärts bereits da, also Import oder Imitation. Da es sich immerhin um Christentum handelt, wird freilich der Zusammenhang mit dem Mutterland Palästina natürlich. Aber dieses Verhältnis zum Urchristentum zeigt so sehr allenthalben das byzantinische Gepräge, daß dieses rege Interesse am Evangelischen sich schon gänzlich in der Vermummung des orientalischen Vulgärchristentums darstellt. Suchen wir uns kurz zu vergegenwärtigen, was man den Franken vom apostolischen Zeitalter etwa beibrachte. Die Person Christi wurde weniger durch die Predigt als durch die bildliche Darstellung vermittelt: »Der Glaube, der sich uns rein erhalten hat bis auf den heutigen Tag«, schreibt Gregor [312-a], »steigert die Liebe zu Christus so sehr, daß die Gläubigen, denen sein Gesetz ins Herz gegraben ist, auch sein Bild vor Augen haben wollen zum Andenken an seine Verdienste, vermittelst von Gemälden, die sie in ihren Kirchen und in ihren Häusern aufhängen«. Als das Urbild galt die Christusstatue, die das blutflüssige Weib aus Dankbarkeit in Paneas gestiftet habe. Gregor ließ sich von mehreren Augenzeugen berichten, das Gesicht des Bildwerks glänze [312-b]. Von Jerusalem aus hat man Christusamulete durch die ganze Welt hin versandt: um die Martersäule gespannte Schnüre, besonders aber kleine Erdtorten, die aus einer angefeuchteten Scholle des heiligen Grabes zurecht geknetet und dann gedörrt wurden [312-c]. Das Urchristentum stand nach Gregor unter Leitung der Zwölfapostel und der Jungfrau Maria; der im Orient eben erblühte Marienkult findet hier seinen ersten Wiederhall. Gregor ist der erste Schriftsteller, der von der Auferstehung der Maria und ihrer leiblichen Erhebung aus dem Grabe ins Paradies zu sagen weiß [312-d]; von ihren Wundern berichtet er, sie habe das nach ihr geheißene Kloster in Jerusalem von Nahrungsnot befreit [312-e]; auch habe Kaiser Konstantin ihr eine prächtige Basilika mit Säulengängen errichtet [313-a]. Unter den Aposteln tritt Gregor auf sieben näher ein: Jakobus, der Bruder des Herrn habe sich sein Grab am Oelberg selber bereitet und übrigens schon vorher Zacharias und Simeon darin bestattet gehabt [313-b]; Petrus habe aus Demut die Gewohnheit angenommen, seinen Scheitel kahl zu scheeren; in Rom zeige man noch zwei ausgehöhlte Steine an der Stelle, wo er mit Sankt Paul im Gebet gegen Simon Magus auf den Knien gelegen habe; das dort sich sammelnde Regenwasser heile. Die Peterskirche des Vatikan sei von vier Kolonnaden getragen, sechsundneunzig Säulen, mit den vier Altarsäulen hundert im Ganzen, nicht gerechnet die vier, die den Grabesbaldachin tragen. Wer am Petersgrabe, das unter dem Hauptaltar liegt, beten will, öffnet das Gitter, naht sich dem Grabe und hat seinen Kopf durch ein Guckfenster zu strecken. Bei der Gewinnung des Petersamuletes ist es Sitte, den Seidenlappen vor- und nachher zu wägen, um mit der Gewichtsdifferenz die Echtheit des Glaubens zu beweisen. Andere nehmen den Gitterschlüssel mit sich und lassen zum Ersatz einen goldenen zurück [313-c]. Sankt Paul wurde in Rom enthauptet, auf den Tag ein Jahr nach dem Martyrium Sankt Peters. Aus seiner Leiche floß Milch und Wasser; warum denn nicht Milch, bei ihm, der die ungläubigen Völker im Schooße trug und zur Welt brachte, sie aufzog mit Geistesmilch bis zum Genuß der festen Speise heiliger Schrift? Nach seinem Tode, um wenigstens ein Wunder von ihm zu nennen, hielt er einen vom Teufel verführten Menschen ab, sich das Leben zu nehmen [313-d]. Der Evangelist Johannes, der Busenjünger des Herrn, stieg lebendig ins Grab hinein und befahl, ihn mit Erde zuzudecken. Noch heute scheidet sein Grabmal eine Art weißen Mannas aus; dieses Mehl wird als Arznei durch die ganze Welt versendet. Noch zeigt man in Ephesus auf einem Berge eine Burgruine mit vier Mauern ohne Dach; dort schrieb er sein Evangelium und bat Gott, doch nicht regnen zu lassen, bis er damit zu Ende sei, und so fällt denn bis zum heutigen Tage dort kein Regen und zeigt sich keine Wolke. In Ephesus ruht auch Maria Magdalena ohne jedes Gewand, in ihrem Grabe [313-e]. Am Tage des Apostels Andreas quillt nicht nur Mannamehl, sondern auch Oel mit Nektarduft aus dessen Grabe zu Patras, wo er gekreuzigt wurde. Das Maß dieser Festernte gibt das Orakel ab für den Feldertrag des ganzen Jahres. In eben dieser Andreaskirche brauchte Mummolus, der als Gesandter König Theudeberts zu Kaiser Justinian nach Konstantinopel kam, den Tempelschlaf gegen Blasensteine; nachdem er an seinem Aufkommen verzweifelnd bereits sein Testament gemacht und mit Siegel und Unterschrift hatte versehen lassen, hatte er sich nach einem tüchtigen Arzte erkundigt und zur Antwort erhalten, warum er es denn nicht mit dem himmlischen Arzte versuche. So ließ er sich denn an das Andreasgrab bringen und lag dort auf dem Kirchenpflaster gebettet, als er um Mitternacht, da alles schlief, plötzlich das Bedürfnis empfand, sein Wasser zu lösen. Er stieß daher einen seiner Sklaven an, verlangte mit schwacher Stimme ein Geschirr und gab nun unter großer Anstrengung einen so stattlichen Stein von sich, daß es ein ordentliches Geräusch gab, als er in das Gefäß fiel. Schmerzen und Fieber hörten auf; der Herr konnte gesund und wohl das Schiff zur Heimfahrt besteigen [314-a]. Der Apostel Thomas erlitt das Martyrium in Indien. Später wurde er nach Edessa in Syrien überführt und dort bestattet; doch erhob sich über seiner früheren Ruhestätte in Indien ein Kloster mit einer prächtigen Kirche; ihr »ewiges Licht« genießt den Vorzug, daß es nie gespiesen zu werden braucht, und nie auslöscht; das weiß Gregor von einem gewissen Theodor, der dort war. Andrerseits verdient die Thomasmesse von Edessa wegen des ungewöhnlichen Zudrangs Erwähnung: von überallher finden sich dort Leute um zu beten und Geschäfte zu machen; dreißig Tage lang kann jedermann kaufen und verkaufen ohne Steuer zahlen zu müssen, den ganzen Monat März hindurch; dann stechen auch die Insekten nicht, und das Wasser, das man sonst hundert Fuß tief aus dem Boden herauspumpen muß, reicht nun bis wenige Fuß unter die Oberfläche. Sind aber die Festtage vorüber, so meldet sich das Ungeziefer wieder, werden die Steuern eingetrieben, erreichen die Brunnen den üblichen Tiefstand; zu gleicher Zeit gießt dann auf Gottes Befehl ein Platzregen herab und reinigt das gesamte Revier um den Tempel herum von dem Schmutz und all den Ueberbleibseln, die durch die Massen der Festbesucher veranlaßt waren [314-b]. Bartholomäus hatte ebenfalls in Indien gewirkt und dort sein Grab gefunden. Nach Jahr und Tag wurde aus Anlaß einer Christenverfolgung sein Sarkophag von Heiden ausgegraben und in einem Bleisarg dem Meere übergeben, indem sie sagten: »Nun wird er uns doch die Bevölkerung nicht mehr aufwiegeln«. Aber die Meereswellen ließen die köstliche Fracht nicht untergehen, sondern trugen sie auf wunderbaren Wegen nach den liparischen Inseln [314-c]. Von Stephanus dagegen weiß Gregor keine orientalische, sondern nur fränkische Traditionen anzugeben [314-d]. Auch für die nachapostolische Zeit fehlt es nicht an morgenländischen Sagen. Von der schönsten, der Siebenschläferlegende, hat Gregor neben seiner wörtlichen Uebersetzung der syrischen Passion noch einen Auszug der Geschichte folgen lassen [314-e]. Außer den im fränkischen Reich durch Reliquien vertretenen heiligen Georg [314-f] und Sergius [314-g] nennt er im Zusammenhang außerdem die Aerzte Cosmas und Damian [315-a], Phokas [315-b], Domitius [315-c], Isidor von Scio [315-d] und Polyeuktes. Des letzteren Kirche in Konstantinopel mit ihrem von der Matrone Julia gestifteten Golddach reagierte speziell auf Meineidige; war auch damit die Eigenschaft einiger fränkischer Kirchen vorgebildet [315-e], so legen ferner die achtundvierzig Märtyrer von Armenien die Vermutung nahe, die Zählung der genau ebenso starken Märtyrerschaar von Lyon beeinflußt zu haben, deren historische Bestandteile bei Euseb Gregor im übrigen in Rechnung bringt [315-f]. Endlich erzählte man sich im Frankenreich auch von dem wunderbaren Asketen Simeon, der in einer Kirche zu Antiochien auf einer Säule lebte und so frauenscheu war, daß er nicht einmal seiner eigenen Mutter erlaubte, ihn anzusehen [315-g]: in diesen beiden Zügen fand er gemäßigte Nachahmer auf gallischem Boden.

Aber was wollen solche Einzelheiten noch besagen, wo die Thatsache der Abhängigkeit und Nachahmung, Gesamterscheinung gegen Gesamterscheinung gehalten, sich so unabweislich überzeugend aufdrängt. Des öftern muß es natürlich eine offene Frage bleiben, in wie weit nun wieder das morgenländische Gut durch römische Hände gegangen war. Für einzelne Urheilige wie Peter und Paul liegt ja der römische Ursprung der Legende auf der Hand. Hiezu kommen jedoch nur einige wenige Heiligensagen lateinischer Färbung. Die merkwürdigste darunter ist der italienische Schulmeister Cassianus, der von seinen Schulkindern mit den Schiefertafeln tot geschlagen und mit den Kielfedern tot gestochen wird [315-h]; hier wie auch sonst [315-i] gelegentlich hält sich Gregor an Prudentius. Die Sage jedoch von dem sich liebenden Märtyrerpaare Chrysanthus und Daria hat Gregor aus alten Akten, die Anekdote von dem in ihrer Katakombe versuchten Diebstahl dagegen wohl aus mündlichen Berichten [315-k]. Nicht zu den Märtyrern, sondern zu den Bischöfen gehört von seinen italienischen Heiligen Paulin von Nola [315-l]. Im Unterschied etwa zu Euseb von Vercelli, der für ihn vor allem kultisch in Betracht kommt [315-m], schildert Gregor jenen seinem Erdenleben nach, nicht in seinen posthumen Wirkungen. Viel wichtiger ist, daß in Italien sich im sechsten Jahrhundert dieselbe Gestaltung der Dinge vollzog, wie in Gallien. Der römische Gregor faßt gleich seinem fränkischen Namensvetter in seinem persönlichen Glauben eine ganze Entwicklung zusammen, und vergleicht man sie beide, so besteht der allerdings fundamentale Unterschied wohl nur in dem Dasein und dem Mangel einer höheren Theologie, die, wo vorhanden, durch ihre Probleme den christlichen Materialismus zu einem Kampf zwischen den Engeln und dem Teufel abdämpfte, dagegen, wo sie fehlte, die nur unzureichend maskierte Götterwelt der Heiligen friedlich gewähren ließ. In diesem Mangel einer augustinischen Fragestellung reichen sich dann eben das byzantinische und das fränkische Christentum die Hand: es herrscht zwischen ihnen ein Einvernehmen über Rom hinweg; ein Heiligenglaube der von höherer Theologie überhaupt nicht geniert wurde, fühlte sich bewundernd zu der Theologie hingezogen, die selbstvergessen ihre höheren Interessen an einen solchen Heiligenglauben verlor. Doch war die Liebe der fränkischen Kirche zu Byzanz gewissermaßen eine Liebe ohne Einwilligung der Eltern; der römische Einfluß blieb unbedingt maßgebend. Es hat sich in der fränkischen Kirche kein Gegensatz zu Rom auszubilden vermocht, in dem man die siegreiche Werbung des Orients erkennen könnte; nur sofern die römische Erlaubnis nicht gefährdet schien, ist byzantinisches Gut zu den Franken gedrungen. Daraus erklärt sich dann auch die prinzipielle Stellung, die das fränkische Christentum zu den Reliquien einnahm. Morgenland und Abendland empfanden in einem wesentlichen Punkte unversöhnlich verschieden; im Osten gestattet man die Zerstückelung der Leiber, in Rom war sie streng verboten [316-1]. In diesem Hauptpunkte hält man sich nun bei den Franken durchaus auf die römische Seite; wenigstens ist nirgend von einer Zerstreuung der Glieder eine Spur wahrzunehmen. Dagegen sieht man dem Morgenlande unverfängliche Dinge wie Tempelschlaf und Krystallvision oder löbliche Einrichtungen wie die Xenodochien ab [316-2]. Auch in den Bildern hätte man es gerne nachgeahmt; aber der Respekt vor römischer Gesinnung ließ diesen Gelüsten nur geringen Raum; wenige fränkische Kirchen hatten Bilder [316-a], und von diesen mußte zum Beispiel der Christus in der Kirche von Narbonne bezeichnenderweise mit einem Leintuch verhängt werden [316-b]. Endlich machte die Stellung der fränkischen Heiligen eine Verwendung der Engel durchaus überflüssig: indessen fing man vereinzelt an, statt zu den Heiligen auch zu den Engeln zu beten [316-c], und der Wunderthäter unter den drei Erzengeln Gregors des Großen, Michael, taucht bei Gregor von Tours erst schüchtern, aber bald darauf ebenbürtig unter den fränkischen Heiligen als ihresgleichen auf.

Doch bedeutet der Versuch beinahe einen Widerspruch in sich selbst, in der fränkischen Heiligenverehrung römische Bestandteile und Parallelen noch insbesondere nachweisen zu wollen. Ist sie doch selber ihrem eigentlichen Wesen nach ganz und ohne Rest römisch. Damit greifen wir zu Ende unserer Darstellung wieder auf deren Anfang zurück. An einigen römischen Heiligenviten aus der vorfränkischen Zeit haben wir den Hauptimpuls für die Entstehung der fränkischen Heiligenwelt erkennen lernen in der lebensvollen Erinnerung an die Wirksamkeit bedeutender Mönchsbischöfe aus dem Ende des vierten bis zu Anfang des sechsten Jahrhunderts. Allen voran Sankt Martin. Auch uns, die wir seinem Einfluß doch gänzlich entrückt sind, ist er ein Rätsel geblieben. Die merkwürdige Combination eines stahlharten Willens und eines kindlich weichen Herzens reichen zur Erklärung seiner wunderbaren Erscheinung nicht aus. Wir mußten ihn als Visionär gelten lassen, ihm eine uns fremde, unbekannte Welt einräumen, aus der er nach einem außerkörperlichen Zwischenleben Seelen wieder in ihre Körper zurückrief, verschollene Geister zur Rede stellte, Engel empfing und namentlich immer und immer wieder den Teufel auf sich einstürmen sah. Eine ekstatische Ader wirkte auch in seinen bedeutenden Zeitgenossen: Ambrosius von Mailand nahm durch Verzückung an Martins Begräbnis teil, und Severin von Köln, — sein Erzdiakon hatte es auf Tag und Stunde hin notiert — hörte in Martins Todesstunde einen himmlischen Chor singen [317-a]. Als aber auf dieses starke, produktive Geschlecht ein epigonenhaftes rezeptives folgte, erwies es sich der Ahnen würdig, indem es zu münzen verstand, was jene gruben. Die fränkische Kirche stand im ersten Jahrhundert ihres Bestehens vor der Aufgabe, die von starken und ungewöhnlichen Naturen ausgegangene Anregung in eine Organisation umzusetzen, deren Betrieb auch mit mittelmäßigen und alltäglichen Kräften ohne Schädigung des Gehaltes von statten gehen konnte. Sie hat diese Aufgabe gelöst, glänzend gelöst.

Zunächst dadurch, daß sie das Andenken des verstorbenen Heiligen kultisch zu bannen verstand und den im Tode allerdings geschwundenen aktiven Einfluß der heiligen Person halbwegs durch den mit der Verehrung gegebenen passiven zu ersetzen wußte. Die Heiligsprechung entsprach noch durchaus der Quintessenz des hinterlassenen Andenkens: genoß ein Heiliger bei Lebzeiten das Vertrauen des Volkes, so sicherte man ihm diesen Besuch, auch wenn er tot war. Doch gab es Ausnahmen: der Lebenswandel von einst konnte gegenüber den dem Leichnam gespendeten Ehren zu Zweifeln berechtigen; dann fehlt es aber auch an der schuldigen Rechenschaft nicht; Für und Wider werden gewissenhaft abgewogen, und ein Ueberwiegen der Vorteile hat dann zu der übrigens noch rein naiven, nicht gesetzlich regulierten Canonisation geführt. So geschah es mit Sankt Sigismund. Er hat, sagte man sich, allerdings seinen Sohn töten lassen; aber er that Buße zu Agaunum, stiftete dort den täglichen Kirchengesang, bereicherte die Abtei sowohl mit Mobilien als mit Immobilien; dann wurde er ja doch auf grausame Weise ermordet und eben in Agaunum beigesetzt, das Hauptzeichen aber, daß er der Gemeinschaft der Heiligen angehört, sind die Ereignisse an seinem Grabe; wenn Fieberkranke die zu seinen Ehren gelesenen Messen mit Andacht hören und eine Spende bringen, werden sie alsbald gesund [318-a]. Im allgemeinen bestätigte die Kirchenleitung stillschweigend den durch die Volkspraxis geschaffenen Bestand an Heiligen, und es ist für Heilige kein Fall von nachträglichem einschneidendem Widerruf bekannt, wie er für den Leumund von Laien gelegentlich vorkam, so gegenüber einer abgefeimten Heuchlerin, die unter dem Deckmantel der Frömmigkeit ihrer Habsucht fröhnte und auf eine bischöfliche Untersuchung hin nach ihrem Tode noch gebrandmarkt wurde [318-b].

Die Atmosphäre, deren die so geschaffene Heiligenverehrung zur Existenz dringend bedurfte, wird aus zwei menschlichen Seelenvermögen gespiesen, die wir infolge dessen in der Merowingerzeit in sehr ausgebildeter Form vorfinden: einer lebhaften Sensibilität für alles Ungewöhnliche, Wundersame, Sonderbare und einer ausgebildeten Traumphantasie. Die eigentliche Kraft des Wunderglaubens beruht auf dem spontanen Wunder; dieses ist der plötzlich auftretende, unbegreifliche Gewaltsakt, der den natürlichen Verlauf durchkreuzt und ihm eine neue Richtung gibt. Je stärker ein Heiliger ist, um so unerschöpflicher wird er an spontanen Wundern sein. Da aber der Dichtigkeitsgrad des Wunderglaubens nicht durch die aktiven Wunderthaten, sondern durch die Aufnahmsfähigkeit der Empfänger bestimmt wird, und die Wunderluft viel weniger daraus entsteht, ob wirklich Wunderbares geschieht, als daraus, ob es für wunderbar gehalten wird, so ist das Weiterblühen des Heiligenkultes keineswegs ausschließlich Fortdauer des von den Wunderthätern ausgegangenen Anstoßes, sondern mindestens ebenso sehr Mitwirkung einer in der Laienwelt gepflanzten Empfänglichkeit. Zu dieser beständig zurecht bestehenden Rezeptionsfähigkeit der Menge hat die Geistlichkeit vor allem durch die Fertigkeit beigetragen, mit der sie die Umdeutung der Zufälligkeiten des Tages vornahm. Als der Tempelräuber einen Fehltritt und infolge dessen den tödlichen Fall in seine Lanze thut, ruft Gregor: »Niemand wird zweifeln, daß das ein Gottesurteil war und nicht ein Spiel des Zufalls« [318-c]. Ein Priester der Landschaft Poitou, namens Pammichus saß mit Freunden bei Tische und wollte eben trinken, als eine Fliege ihn umsummte und sich durchaus auf das Glas setzen wollte. Er jagte sie mit der freien Hand weg; aber sie näherte sich immer wieder. Da schöpfte er Verdacht, es möchte eine Arglist des bösen Feindes sein. Er hob das Glas in seiner Linken hoch empor und schlug mit der Rechten das Zeichen des Kreuzes. Alsobald teilte sich die Flüssigkeit in vier Teile, schäumte über und goß sich auf die Erde aus: also war es in der That satanische Tücke gewesen [319-a]. War somit der Geist durch die Engels- und Teufelswelt lebhaft beschäftigt, so verstärkte es noch die Wirkungskraft dieser Welt auf das Leben, daß sie sich in den Träumen fortsetzte. Es wäre unrichtig, die Bedeutung der Traumvorstellungen für die Heiligenwelt in Abrede zu stellen, zumal sogut wie nachgewiesen ist, daß die niedere Heidenmythologie aus dem Traum überhaupt geboren wurde, allerdings aus dem pathologischen Traum, dem Alpdrücken [319-1]. Dem trat entgegen die lichte, helle, friedliche Traumerscheinung des Heiligen und stellte sich der schwarzen Gespensterwelt erlösend entgegen. Gregor erzählt von einem Fieberkranken, als die Nacht kam, in der ein Schüttelfrost zu erwarten stand, sei ihm eine schreckliche Nachtmäre erschienen; sie kam auf ihn los und sagte ihm: »Nun ist wieder Zeit dich zu schütteln. Warum willst du das leugnen. Laß es zu, wie gewöhnlich«. Der Kranke hatte nämlich Grabsteinpulver eingenommen, alsobald erschien aber ein Mann mit glänzendem Gesicht, schneeweißem Haar und freundlichem Benehmen und sagte: »Zittere nicht; mache über deiner Stirne nur das ehrwürdige Kreuzeszeichen, so wirst du alsobald gesunden« [319-b]. Wie gering aber für das damalige Empfinden der Unterschied von Traum und Wirklichkeit war, zeigt sich daran, daß derselbe unbekannte ehrwürdige Greis, der uns in zahlreichen Traumbildern vorkam, auch plötzlich unter die wirkliche Volksmenge getreten und sich als Sankt Martin zu erkennen gegeben haben soll [319-c]. War es aber wirklich so, daß die Traumbegebenheit hinter dem wachen Zustand an Realität nicht zurückblieb, kam daher die Heiligenerscheinung genau so in Betracht wie einst bei Lebzeiten die persönliche That, so war auch die kurze Dauer der Erdenzeit keine Schranke mehr für das spontane Wunder, vielmehr konnten in unbeschränkter Zahl irdische und himmlische Kraftthaten für die Sache der Heiligen wirksam sein.

Die große Überlegenheit des kirchlichen Wunder- und Heiligenglaubens über den vulgären heidnischen Aberglauben beruht in dem persönlichen Moment des gepflegten Andenkens an die Erdenspuren eines einst einflußreichen Menschen, das denn doch ein unvergleichlich höheres Gepräge trug, als die Erinnerung an die Nachtschrecken des Alptraums, so wirklich man diese auch verspürt hatte, und bei aller poetischen Ausschmückung. Dem entspricht die Verachtung, mit der die katholischen Geistlichen auf Zauberer und Wahrsager herabsahen. Wenn sie mit ihnen zu thun bekommen, handelt es sich meistens um eine Confrontierung von Heiligenkraft und Dämonenohnmacht; es kam eben noch oft genug vor, daß besonders Leute vom Lande im Fall von Gemütskrankheit sich zur Austreibung des Dämons erst an die Hexenmeister und Quacksalber wandten. Ein solcher Heilkünstler murmelt dann Zaubersprüche, wirft die Loose, hängt Halsbänder um und verspricht die Rückkehr des Lebens, während er doch selbst durch sein Gebahren den Tod herbeiruft. Sobald wirklich Angehenk und Amulet, Zaubertrank und Heiligenmedizin, Beschwörungsformeln und Kreuzeszeichen, in Wettkampf mit einander traten, dann stellte es sich immer sofort heraus, wem die Heilkraft innewohnte [320-a]. Desgleichen gegenüber Aerzten von Beruf, denen man an sich ein gewisses Ansehen nicht versagte; aber mit dem Heiligen verglichen forderten sie zum Mitleid heraus: »Was vermögen sie denn mit ihren Instrumenten? Es ist mehr ihres Amtes Schmerz hervorzubringen, als ihn zu mildern; wenn sie das Auge aufsperren und mit den spitzen Lanzetten hineinschneiden, so lassen sie jedenfalls die Qualen des Todes vor die Augen treten, ehe sie wieder zum Sehen verhelfen. Und sobald nicht alle Vorsichtsmaßregeln genau befolgt werden, ist es überhaupt mit dem Sehen ein für allemal vorbei. Unser lieber Heiliger dagegen hat nur ein Stahlinstrument, das ist sein Wille, nur eine Salbe, das ist seine Heilkraft« [320-b]. Und seinem Hausarzt erklärt Gregor, als er selber doch so darnieder lag, daß man bereits seine Beerdigung vorbereitete: »So; du hast nun alle Hilfsmittel deiner Kunst erschöpft, du hast alle Kräfte und Säfte aufgebraucht; aber die Mittel dieser Welt helfen dem nicht, der dem Tode verfallen ist. Mir bleibt nur noch eins übrig; ich will dir das große Mittel nennen: nimm Steinpulver vom Grabe Martins und mach es mir an« [320-c]. Auch zum Selbstbewußtsein, das damals die Geistlichen gegenüber den Anmaßungen der weltlichen Machthaber oft bitter nötig hatten, hätte ihnen ihr Heiligenglaube nicht verhelfen können, wäre er Illusion gewesen. Wenn Leo, der Kanzler des Westgothenkönigs Alarichs II, die Felixkirche zu Narbonne teilweise abtragen ließ, weil sie die Aussicht des königlichen Palastes hinderte [320-d], wenn Eustasius von Poitiers Bischof Eufronius von Tours um den Grundbesitz von dessen Vetter Baudulf brachte [320-e], wenn Leudast der Graf von Tours einen jungen Pariser Handwerker am Heiligengrabe festzunehmen befahl, weil er wohl seinen Lehrherren entlaufen sei [320-f] und was der zahllosen Gewaltthaten dieser Art mehr sind, immer konnte dann der Bischof, dem die Einsprache oblag, sich zuversichtlich sagen, hinter ihm stehe der Heilige und werde ihn nicht im Stiche lassen. Doch machte man mit diesem Bewußtsein auch dann Ernst, wenn es Entsagung forderte; offenbar führte die Ehrfurcht vor der dem Heiligen schuldigen Würde dazu, daß wenigstens sein direkter Vertreter sich der Ehe enthielt, und so entließ ein Geistlicher, der Bischof wurde, seine Frau [321-a], während beim niederen Klerus der Cölibat ein unerfüllter Wunsch der Konzilien blieb. Selbst reine Versehen, wie sie überall mit unterlaufen können, wurden durch den Heiligen in Person ausgeglichen, treu stand er zu seinen Untergebenen, so bei dem Erzdiakon Johannes von Nimes, der in Verwechselung mit dem in der That schuldigen Erzpriester dieses Namens verhaftet worden war, dann aber im Verlauf der Folgen dieses Vorfalls den Bischofsstuhl der Stadt bestieg [321-b].

Das Standesbewußtsein äußert sich nun aber nicht zum wenigsten auch darin, daß man auf Ordnung hielt in Ausübung des Wunderglaubens. Gemeint ist damit nicht die aristokratische Miene, mit der einige Altrömer gelegentlich die triviale Meßcelebrierung eines Franken als unelegant belächeln [321-c]. Noch weniger darf man darunter Sittenzucht im Klerus verstehen; der Priester, Eparchius, der im Rausch die Weihnachtsmesse celebrierte [321-d], ist noch ein gnädiges Beispiel angesichts der von Gregor in der Frankengeschichte geschilderten infulierten Raufbolde, Schlemmer und Schufte wie Badegisel von Le Mans [321-e], Salonius von Embrun und Sagittarius von Gap [321-f], Eonius von Vannes [321-g], und Cautinus von Clermont [321-h], nicht zu vergessen der aufständischen Nonnen von Poitiers [321-i], gegen die Militär aufgeboten werden mußte. Aber diese Verwilderung der Sitten, die in der Kirche womöglich noch schlimmer war, als unter den Laien, führte die asketischen Kreise zu einer ungesunden Steigerung ihrer Ansprüche an sich selbst; gegen das gottlose Treiben der Welt, wo überhaupt nur noch Meineid, Raub und Mord zu finden sei, suchte man mit einem manchmal geradezu verrückten Fanatismus anzukämpfen. Und da nun setzte eine vernünftige Einsicht aus ernst gesinnten Kreisen haltgebietend ein. Eine Langobarde, Wulfilaich mit Namen, ein Jünger des Aridius von Limoges, that sich aus Verehrung für Sankt Martin bei Trier als Säulenheiliger auf; aber die Bischöfe ließen seine Säule zerstören mit der Begründung, ein geringer Mann wie er könne sich nicht mit Symeon von Antiochien vergleichen; auch erlaube das rauhe Klima diese Art Askese nicht, er habe wie andere Aebte bei seinen Mönchen zu wohnen [321-k]. In Bordeaux ertrotzte ein überspannter zwölfjähriger Knabe, Anatolius, von seinem Herrn die Erlaubnis, sich als Klausner einzuschließen. Acht Jahre lange lebte er in einer unterirdischen Kirche in einem Loch eingemauert, und erkrankte denn auch am Verfolgungswahn; eine Martinskur in Tours hatte nur vorübergehenden Erfolg. Ein anderer Klausner in der Bretagne, Winnoch, lebte nur von Kräuterwurzeln und kleidete sich in Felle, schien auch den Weinkrug zum Munde zu führen, als berühre er ihn nur mit den Lippen und trinke nicht; da aber fromme Leute ihm oft volle Weinkrüge brachten, gewöhnte er sich leider endlich doch an den Trunk und fing an, sich dem Weine zu ergeben, daß man ihn meistens nur betrunken sah. Er mußte schließlich als gemeingefährlich eingesperrt werden; doch führte das seine Besserung nicht herbei [322-a]. Solche Extravaganzen mißverstandener Heiligkeit machen die seltsame Maßregel eines Abtes in Bordeaux verständlich: er hatte bereits bei der Aufnahme eines Novizen Bedenken erhoben, der Dienst an diesem Orte sei hart; doch hatte der Jüngling sich bescheiden eingeführt und bekam eines Tages zur Erntezeit Getreide zu überwachen, das zum Trocknen an der Sonne lag. Plötzlich brach ein Regen los; Hülfe zu holen, war zu spät, also betete der junge Mönch, es möchte doch kein Tropfen auf das Getreide fallen. In der That blieb der Weizen verschont, während es ringsum strömte. Abt und Mönche, die herbeieilten, sahen das Wunder, und sahen den Bruder im Gebete auf dem Sand hingestreckt. Auch der Abt warf sich hinter ihm zur Erde nieder. Dann aber rief er ihm zu, aufzustehen, ließ ihn ergreifen und geißeln, indem er zu ihm sprach: »Du mußt nämlich, mein Sohn, in der Furcht und dem Dienste Gottes demütig wachsen, nicht aber mit Zeichen und Wunderkräften dich rühmen«. Er ließ ihn darauf sieben Tage in eine kleine Zelle einsperren und wie einen Schuldigen hungern; denn eitle Ruhmsucht könnte seiner Seele schaden. Der junge Mann fiel in Folge dessen sehr gut aus und wurde ein Mönch von größter Ergebenheit und fast ohne jeden Anspruch ans Leben [322-b]. Desgleichen verfuhr ein anderer Abt gegenüber einem Mönche, von dem ihm hinterbracht worden war, er strebe mit ungewöhnlicher Heftigkeit nach einem heiligen Wandel und liege nach vollbrachter allgemeiner Bußandacht noch zu harten persönlichen Uebungen abseits in einer Dornhecke auf den Knien. Er folgte ihm das nächste Mal verstohlen, um ihn zu beobachten, und gewahrte nun in der That, daß dem Bruder während des Gebets leichte Flammen aus den Mundwinkeln fuhren, die dann in leisem Feuerdampf sich um dessen Haupt sammelten, ihm das Haar steif aufsträubten, ohne es jedoch anzusengen und schließlich als unendliche Lichtsäule gen Himmel stiegen. Aufs höchste erstaunt über diese unzweifelhafte Begabung zum Heiligen, ließ der Abt jedoch nicht das geringste merken, sondern legte dem Bruder von nun an besonders harte Demütigungen auf, damit solch ein schönes Wundertalent nicht der Eitelkeit zum Opfer falle [322-c].

3.

Die auf den Gebieten der Politik, des Rechts, der Verfassung und der Bewirtschaftung so verwickelte Frage, was damals unter den Merowingern römisch und was germanisch war, ist für das fränkische Christentum einfach genug zu beantworten: römisch war, wie man es gab, und deutsch war, wie man es aufnahm. Allerdings wäre die vom Christentum überwundene heidnische Volksreligion noch auf ihre keltischen und ihre germanischen Bestandteile hin näher ins Auge zu fassen, falls eine genügende Ueberlieferung eine solche Untersuchung ermöglichte. Das ist aber kaum der Fall. Ueber die ungefähre Verteilung des Gemeinsamen und des Unterschiedlichen wird schwerlich hinauszukommen sein. Versuchen wir es auf Grund der wenigen uns zugänglichen Berichte.

Unter den altgallischen Kultstätten war die berühmteste der Tempel Vasso Galatä bei Arvern [323-1], ein monumentaler Bau, mit doppelten Mauern, innen von kleinen Steinen, außen von ausgehauenen Quadern; die Wand war dreißig Fuß dick und nach innen mit Marmor und Mosaik ausgelegt; auch der Fußboden war von Marmor und das Dach oben mit Blei gedeckt. Dieses Heiligtum war indessen schon durch den Alamannenherzog Chrok verwüstet worden; Gregor hat nur die Ruine in Augenschein genommen [323-a]. Ein anderes Asyl des Heidentums war der Göttersee von Alenc im Pays de Gévaudan gewesen. Dort hatten die Bauern dem See Spenden dargebracht, indem sie Leintücher und Kleiderstoffe, sogar wollene, hinein warfen; doch konnten sich das nur die Reichen erlauben, die Armen warfen Käse, Wachskuchen, Brod und sonst Gegenstände jeder Art hinein. Sie kamen auf ihren Wagen hergefahren, packten ihren Proviant aus, schlachteten und thaten sich drei Tage lang gütlich. Am vierten Tage pflegte ein Gewitter nieder zu gehen. Der Angriff der Kirche auf diese Kultstätte wurde wahrscheinlich ums Jahr 535 durch den Bischof der Gegend geführt. Er ging mit Reliquien seines Namenspatrons Hilarius von Poitiers vor und errichtete ihm am Seeufer eine Kirche. Nach ihrer Bekehrung pflegten die Bauern ihre ehemalige Göttergabe nun dem Heiligen zuzuwenden [323-b]. Endlich muß keltischen und kann nicht deutschen Ursprungs jener Ernteumzug sein, den schon hundert Jahre vor der fränkischen Invasion Martin von Tours bekämpft hat. Gregor schildert offenbar denselben Kultgebrauch des näheren: in Autun soll sich das Bild der Göttin Berecynthia befunden haben. Man führte es auf einem Wagen in den Feldern umher für die Wohlfahrt der Felder und Weinberge und tanzte jauchzend darum herum. Es war Cybele, die Mutter der Götter, die man von einem Schleier umwallt durch die Saaten trug. Bischof Simplicius von Autun unternahm den Kampf dagegen; als das Bild umgeworfen dalag und nicht mehr von der Stelle gebracht werden konnte, entschieden sich vierhundert Anwesende für die Ohnmacht ihres bisherigen Glaubens und meldeten sich beim Bischof zur Taufe [324-a]. Reste des längst in sich selbst ersterbenden Druidentums und Teile der auch in die Provinzen gedrungenen gemischten Heeresreligion waren es also, was im Lande selbst der christlichen Mission entgegenstand. Für die Städte römischer Verfassung kam eine eigentliche Missionierung nicht mehr in Betracht, zumal ja meistens der Bischof zugleich auch ihr Herrscher war. Dort lag das Verhältnis vielmehr so, daß sich Ueberreste von Heidentum in konservativen Adelsfamilien und bei Gebildeten vorfanden, während der kleinere Bürgerstand rein christlich war [324-b]. Was die Franken von sich aus mitbrachten, war wohl nicht vor Alter brüchig und hinfällig, aber doch zu scheu und zu kampfesungewohnt, um einem wohlberechneten Anlauf dauernd Widerstand zu leisten. »Jenes Geschlecht«, schreibt Gregor von den alten vorchristlichen Franken, »war wahnsinnigen Götzendiensten noch immer von Herzen zugethan; Gott war ihnen gänzlich unbekannt. Sie bildeten in Wäldern und an Gewässern, von Vögeln und Tieren und andern Naturmächten bestimmte Gestalten, die sie gleich Gott anzubeten und mit Opfern zu versehen pflegten« [324-c]. Nach Gregor war also das fränkische Heidentum ein Bilderdienst, Naturmächten in Tiergestalt gewidmet. Er scheint mehr die kleinere Religion, die Stammesreligion im Auge zu haben. Doch findet sich bei ihm auch eine Schilderung eines großen Heiligtumes, das ohne Zweifel Wodan gewidmet war; denn Mars-Mercur läßt keine andere Deutung zu. Dieser Wodanskult in der Auvergne kann nun, wenn fränkischen Ursprungs, nur jünger sein, als das zu Kaiser Maximus Zeiten gestiftete Juliansmausoleum. Seine Pflege etwa heidnischer gebliebenen Burgundern oder Westgothen zuzuschreiben, wäre gewagt. Und doch ist Julian der einherstürmende Wetterheilige Wodan auf den Leib geschnitten. Es bleibt ein Ausweg: in vorfränkischer Zeit mußte Julian einem römischen Merkurdienst opponieren, der dann von den eindringenden heidnischen Franken übernommen und aufgefrischt wurde. Doch lassen wir Gregor erzählen. Der Mars- und Merkurtempel in Brioude, berichtet er, stand neben der Julianskirche. Bei dem Schwerttanz vor der heidnischen Bildsäule geschah es einmal, daß ein junger Gladiator sich seinem Gegner nicht gewachsen fühlte, darum plötzlich entsprang, an die Zelle des Märtyrers flüchtete und die Thür hinter sich zuriegelte. Der Gegner wollte die Thürpfosten umreißen, klemmte sich aber die Hand so schmerzhaft ein, daß er abließ. Ein christlicher Priester kam von ungefähr zu diesem Vorfall; er nahm die günstige Gelegenheit wahr und leitete die Bekehrung der Heiden ein. Am vierten Tage brachte er sie auf seine Seite durch das Gebet, mit dem er ein Gewitter heraufbeschwor und wieder verscheuchte. Nun wurde auch der geklemmte Jüngling seine Schmerzen los, und die anwesenden Heiden wurden getauft auf den Namen der heiligen Dreieinigkeit [325-a].

Einen tieferen Einblick in die Eigenart des vom Heiligentum überwundenen germanischen Heidenglaubens eröffnet uns nicht Gregor selbst, sondern sein von ihm unter den zeitgenössischen Heiligen aufgeführter Mitbischof, der in der That höchst merkwürdige Martin von Bracara in Portugal. Er stammte aus Ungarn, wie der große Martin auch, und hatte sich im Orient zum Gelehrten ausgebildet. Um 550 begab er sich aus dem Morgenland nach Portugal, und zwar zur See, über das ganze mittelländische Meer und den atlantischen Ozean, um die damals sich vollziehende zweite Bekehrung der Sueven zum Katholizismus zu fördern. Diese hing mit dem Reliquienbezug König Chararichs am Martinsgrabe von Tours zusammen. Nahe bei Bracara in Dumio stiftete Martin ein Kloster und wurde dessen Abt. Von da konnte er auf den Hof am leichtesten einwirken. Noch unter Chararich wurde Dumio zum Bistum erhoben mit Martin als Bischof. 572 ist er Erzbischof der Residenz und Vorsitzender des Konzils. Er galt der fränkischen Geistlichkeit für hervorragend gebildet und starb nach dreißigjähriger Wirksamkeit im Jahre 580. Die Verse, die er seinem großen Landsmann und Namensherrn in größter Bewunderung gewidmet hat, standen zu Sankt Martin in Tours über der südlichen Kirchenthüre angeschrieben [325-b]. Dieser Martin von Bracara hat nun einen Traktat verfaßt, betitelt: »Die sittliche Hebung des Landvolks« [325-1], und erwähnt darin allerlei heidnische Gebräuche und Kultgewohnheiten der Deutschen. Sie verehren Wochengötter durch die Benennung der Wochentage nach Mars, Mercur, Jupiter, Venus und Saturn, die doch keinen Wochentag geschaffen haben, sondern gottlose Griechen waren. Sie beginnen das Jahr mit Januar, während die Welt doch zu Tag- und Nachtgleiche begonnen habe: »Gott schied zwischen Licht und Finsternis«, und zwar im Frühling, da vom Sprossen und Keimen des Grases die Rede sei. Gleich den römischen Paganalien im Januar, wo Tellus und Ceres von den Bauern des Gaues gebeten wurden, die Feldfrüchte vor schädlichen Tieren wie Ameisen und Feldmäusen zu bewahren, hatten die Germanen einen Tag, der den Motten und Mäusen heilig war. Auch denke man an Apollo den Mäusetöter und an Zeus, den Fliegenabwehrer. »Ist es menschenmöglich«, ruft Martin aus, »daß ein Christ statt Gott Motten und Mäuse verehrt. Denn wenn Motten und Mäusen nicht auf das zuvorkommendste Kufen und Näpfe hingestellt werden oder Brod und Pfannkuchen, so holen sie es sich selbst und schonen dann in keiner Weise die Vorräte, die sie doch gerade beschützen sollen.« Eine Art Vulkanalien, aber ein Kalenderfest, an dem man auch die Tische mit Maien schmückt, ist das Neujahrsgelage; ihm liegt der Glaube zu Grunde, wenn man sich am Jahresanfang mit Speise und Trank gütlich thue, werde man das ganze Jahr hindurch in Ueberfluß leben. Gemeint ist die Julzeit, die zwölf Nächte von Weihnacht bis Epiphanien. Ferner achtet man ängstlich auf den Ruf der Waldkäuze; man bekränzt Häuser und Thüren mit grünen Sträußen zur Abwehr von Gefahren, »steckt Maien«, wie das Volk sagt; man beobachtet die Fußstapfen, den Abdruck der Sohle auf dem Erdboden; man gießt Wein über den Baumstamm, legt Obst darauf und wirft Brod in die Quellen: der »Julklotz«. Zu Hause sprechen die Frauen über ihre Gewebe den Namen der Minerva aus: das Anrufen der Frau Holle beim Spinnen. Der Freitag gilt besonders glücklich zum Heiraten und um eine Reise anzutreten. Man bespricht Kräuter und wendet allerlei Zauberformeln da an, wo der Christ Symbol und Vaterunser zu Hilfe nimmt. Man steckt an Felsen, Bäumen, Quellen und Kreuzwegen Lichter auf und achtet auf das Nießen. Wenn nun das Landvolk von der Nichtigkeit dieser Gewohnheiten überführt war, so schritt man möglichst rasch zur Taufe, womöglich schon an den Kindern. Wie es dabei zu ging, schildert Martin in seiner Ansprache ebenfalls: »Ihr Gläubigen also, die ihr im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes zur Taufe Christi zugelassen seid, bedenkt, was für einen Vertrag ihr im Taufakt mit Gott eingegangen seid. Und als ihr euch bei der Taufe euern Namen geben ließet, Peter, Johann oder sonst einen, da wurdet ihr vom Priester gefragt: ›Wie willst du heißen‹? Du antwortetest, wenn du schon reden konntest, und wenn nicht, antwortete der Pathe für dich, der dich aus der Taufe hob: ›Johann soll er heißen‹. Da fragte der Priester: ›Johann, schwörst du ab dem Teufel und seinen bösen Geistern, all seiner Verehrung und seinem Götzendienst, all seinem Raub und Betrug, all seiner Anzucht und Trunkenheit und allen seinen bösen Werken. Ja oder nein‹? Und du antwortetest: ›Ja, ich schwöre ab‹. Darauf fragte dich der Priester: ›Glaubst du an Gott, den allmächtigen Vater‹. Du antwortetest: ›Ich glaube‹. ›Und an Jesus Christus‹? Folgt die spanische Symbolform. Antwort: ›Ja‹. Und an den heilgen Geist? ›Ja‹« [327-a].

Durch die Taufe wurde für den Kelten oder Germanen sein bisheriger Götterglaube Dämonenglaube. Denn die Existenz und Macht der von ihm gestürzten Götzen hat das alte Christentum nirgendwo und zu keiner Zeit geleugnet. Es bestritt nicht, daß die Götter seien, aber es bestritt, daß sie Götter seien: Teufel waren es und Teufelskinder. Die Wesen, bei denen man früher Hilfe gesucht hatte, lehrte die Kirche nun fliehen und fürchten, indem sie überall ihr schlimmes Walten erkannte. Krankheit war Teufelswerk, mochte der Dämon nun in der Staubwolke sitzen und blenden [327-b] oder Hand und Fuß lähmen [327-c] oder mit den Nachwehen eines Erdbebens Verstand und Körperkraft rauben [327-d]. Ein Mädchen konnte friedlich am Webstuhle sitzen. Da überfiel sie der Dämon und sie wurde stumm [327-e]. Ein Schafhirt lagerte an der Quelle; plötzlich ging er lahm, wurde den Bettlern übergeben und zog zehn Jahre und mehr im Lande herum [327-f]. In Voultegon, einem Dorf der Poitou, meinten in einer Sonntagsnacht zwei kleine Kinder, die in demselben Bett schliefen, plötzlich die Morgenglocke läuten zuhören; sie standen auf und gingen nach der Kirche. Im Vorhof sahen sie einen Chor singender Frauen und waren entsetzt; denn sie erkannten, daß es eine Bande Gespenster war. Da warfen sie sich zur Erde, versäumten jedoch, sich zu bekreuzen, und so wurde das eine blind, das andere konnte nicht mehr gehn [327-g]. Schon die harmlosen Unfälle eines Bezechten wurden dem Bösen aufs Kerbholz geschrieben [327-h]. Vollends ein Selbstmörder handelte nicht aus freiem Willen, sondern weil er von den Klauen eines schmutzigen Gespenstes geklemmt wurde, das dem Teufel ähnlich sah. Bereits hatte der unglückliche den Strick am Balken befestigt und zögerte nur, sich die Schlinge umzulegen; denn er fühlte Reue und rief einen Heiligen an; da raunte ihm der Teufel ins Ohr: »Vorwärts, spute dich; vollende was du begonnen hast«, und wollte ihm den Kopf in die Schlinge drücken [327-i]. So häufig immerhin Dämonen ins menschliche Leben eingreifen, kennt Gregor nur eine Gattung näher und nennt sie mit besonderem Namen: die Mittagsdämonen oder Tagalpen [327-1]. Sie lauern um Mittag selb sieben den Menschen hinter Felsblöcken an der Straße auf und werfen sie dann mit Steinen, sodaß mehrere der Getroffenen den Verletzungen erliegen [327-k]. Ihre Nachstellungen verursachen bald ein hinkendes Bein [327-l], bald eine Lähmung der Zunge [327-m]. Als ein telepathisches Weib in Paris den großen Stadtbrand vorhersagte, drei Tage, ehe er ausbrach, hielt man sie für vom Mittagsteufel besessen und lachte sie aus [328-a].