Freilich giebt auch der Heilige selbst, so imposant er ist, Anlaß zu Vorbehalten. Es war ein großer, aber ein durchaus einseitiger Mensch. Neben seiner Milde und seinem weichen Herzen blieb für Enge und Starrheit immer noch Raum. Gewiß, es bedurfte ihrer, um in Gallien das durchzusetzen, was er im Auge hatte. Aber neben seinen Freunden Ambrosius und Hilarius, denen es doch an Festigkeit des Charakters auch nicht gebrach, fällt er durch seine ausschließlich praktische Bethätigung der Religion doch auf. Schriftliches hat er nicht hinterlassen; der von ihm erwähnte Brief [030-a] mag eine Rarität gewesen sein. Auch als Bischof fühlte er sich nicht berufen, an der theologischen Gedankenarbeit seiner Zeit teilzunehmen. Es war ihm durchaus wohl bei den dunkelmännischen Ansichten über das Weltende, die in den Zeiten der Märtyrerkirche lebendig gewesen waren, die dann zu Anfang des vierten Jahrhunderts Viktorinus von Pettau zum letzten Mal vertrat, die aber zu Martins Zeiten nach dem einstimmigen Urteil von Autoritäten wie Hieronymus und Augustin als falsch kurzer Hand beseitigt wurden [030-1]. Auch sein Hirtenamt hat er vorwiegend mönchischen Idealen unterstellt und ist damit zweifelsohne manchem Bedürfnis seiner Gemeinde nicht gerecht geworden. Die Hoheit seiner Demut steigerte sich bis an die Grenze des Gegenteils: er war ein Aristokrat der Bettler und Asketen. Und gar, daß in der Nähe des Weibes auch der Teufel nie weit sei, war für ihn ein Grundsatz, von dem er nicht abging. Für die rührende Gattenliebe, die es jenem alten Soldaten unmöglich machte, ohne seine Frau Gott zu dienen, hatte er vielleicht Verständnis, aber keine Duldung. Wer dagegen unbedenklich Familie und Welt dahinten ließ, war unter allen Umständen sein Mann. Wahrscheinlich bildeten seine Anhänger unter den Christen Galliens die Minderheit. Vielen blieb er sonderbar und unverständlich; andern war er eine komische Figur. Zwar sagt Severus [030-b]: »Seiner Widersacher waren glücklicherweise nur wenige; aber leider durchgehend Bischöfe, sonst Niemand. Es braucht kein Name genannt zu werden. Was hilfts aber, da Andere um uns her es ausschreien, daß die Ohren gällen«. Aber die Wahl seines Nachfolgers enthält doch einen bedeutsamen Fingerzeig; die Gemeinde von Tours berief seinen erklärten Feind Briccius zu ihrem Bischof. Man wollte bei aller Verehrung für Martin nicht schon wieder einen ›Heiligen‹ an der Spitze der kirchlichen Angelegenheiten.

Nichts desto weniger stand alt Frankreichs Kirche in Martins mächtigem Bann und Schatten jahrhundertelang. Nur eine schon bei Lebzeiten riesenstarke Natur konnte mit einem solchen Einfluß durchhalten. Das Geheimnis dieser persönlichen Kraft beruht in der eigentümlichen Wechselwirkung zweier sich entgegenstehender Pole, sozusagen einem Tagpol und einem Nachtpol. Der eine Herd seiner Erfolge war sein kräftiger, volkstümlich gesunder Erdinstinkt, ein frischer, energischer Trieb, Hand anzulegen und Greifbares zu schaffen. Was er als Mönchsvater, als Heidenmissionar und als Arzt ausgerichtet hat, quillt alles aus diesem freudigen Verlangen nach Arbeit und Wirksamkeit. Die Einrichtung und Leitung von Marmoutiers bei einer Zahl von gegen hundert Mitgliedern läßt auf ein hervorragendes organisatorisches Talent schließen, zumal es in so früher Zeit in Gallien erst nur sehr wenige Klöster gab, die man zum Muster nehmen konnte und wohl kaum eines, das solche Dimensionen aufwies. Ueber gehandhabte Zucht und erforderlichen Wandel verlautet allerlei, das die lockere Anlage eines Asketenvereins überbietend schon auf die ganze Strenge einer späteren Klosterregel hindeutet. Gründung und Einrichtung des einen Klosters war ja aber das geringste. Vor Martin, schreibt Severus [031-a], hatte nur eine kleine Anzahl oder im Grunde fast Niemand hier den Namen Christi angenommen. Einzig seiner Wirksamkeit, seinem Beispiel ist es zu danken, daß bald kein Ort mehr war, wo sich nicht in Hülle und Fülle Kirchen und Klöster erhoben. Deutlich zeigt sich Martins gewaltiger Wille in seiner Bekämpfung heidnischen Götzendienstes. Da setzte er immer aufs neue sein Leben ein. Er trat als Aufklärer auf, der Licht brachte und der überall durch die Ueberlegenheit seines Auftretens durchschlug. Staunenswert war aber seine Suggestionskraft gar gegenüber Kranken, die bei ihm Heilung suchten: zwei der frappantesten Fälle mögen hier mit Severus eigenen Worten unverändert folgen; zunächst das stumme und gelähmte Mädchen in Trier [031-b]: »Martin sah die Kranke und griff alsbald zu den ihm vertrauten Waffen gegen das Uebel; er warf sich zur Erde auf sein Angesicht und betete. Dann betrachtete er die Kranke und verlangte Oel. Nun segnete er das ihm dargereichte Oel und träufelte von der geheiligten Flüssigkeit in den Mund des Mädchens. Augenblicklich kehrte der Gebrauch der Zunge, die Sprache wieder. Und so belebte er durch seine Berührung der Reihe nach die einzelnen Glieder, bis die Genesene festen Fußes sich erhob und vor den Augen der staunenden Volksmenge erschien«. Einen Besessenen, der alle ihm Begegnenden anfiel und biß, heilte er in folgender Weise [032-a]: »er trat vor den Wütenden und befahl ihm ruhig zu sein. Der Besessene fletschte die Zähne, und sein geöffneter Mund schien beißen zu wollen. Als aber Martin ihm seine Finger in den Mund steckte und dazu sprach: Wenn du Macht hast, so verschlinge sie — da floh der Besessene davor zurück wie vor einem glühenden Eisen, um nicht in Berührung mit ihnen zu kommen. So wurde der böse Geist ohne Aufschub gezwungen, den Körper, dessen er sich bemächtigt hatte, zu verlassen, da ihm seine Qualen zu bleiben nicht gestatteten. Es floh der Satan zwar nicht durch den Mund, in dem ja die Finger des Heiligen staken, sondern durch einen andern, des unreinen Geistes vollkommen würdigen Ausgang aus dem Leibe des Besessenen, nicht ohne ekelhafte Spuren seines Entweichens zurückzulassen«. Aber Suggestion war nicht die einzige Form, in der Martin in seiner Wirksamkeit als Volksarzt den Krankheiten zu steuern suchte; vielmehr griff er gelegentlich auch chirurgisch ein [032-b]: »Paulinus wurde von einer Augenkrankheit befallen. In einem Auge hatte schon eine dichte Wolke die Pupille bedeckt; da kam er zu Martin. Dieser berührte ihm den Augapfel mit dem Wattebausch: der Schmerz ließ nach; die Sehkraft kehrte wieder«. Es kann somit kein Zweifel bestehen, das Geheimnis von Martins Erfolgen beruht auf seiner eminent praktischen Natur, auf seinem rastlosen und unermüdlichen Zugreifen, auf seiner Hilfsbereitschaft gegenüber den hundert Anliegen und Bedürfnissen der Stunde. Innerhalb seiner durch sein Mönchtum ihm gesteckten, allerdings nicht unbeträchtlichen Schranken war er grenzenlos vielseitig und versagte vor sogut wie keiner Anforderung.

Mit Leib und Seele Mönch hatte er nun aber seinem eigentlichen Wesen nach nicht im Diesseits Posto gefaßt. Seine Heimat war das Jenseits; dort holte er seine Kräfte. Auch ist Martin ein so einheitlich geschlossener und runder Charakter, daß seine transcendentalen Gewohnheiten nicht unvermittelte Seitensprünge, sondern natürliche Ergänzungen zu seinem Tagewerk bilden müssen. Schon seine Zeitgenossen merkten den Unterschied seines ›Bete und Arbeite‹ von der apathischen Kontemplation der orientalischen Mönche. Er entfaltete keine Schwingen, um sich in ein seliges Wolkenheim zu erheben; solche Flüge pflegen Enttäuschung und Abspannung gegenüber der Erde zur Folge zu haben, und diese Erschlaffung kannte Martin nicht. Vielmehr senkte sich die höhere Weltschicht für ihn zur harten Wirklichkeit nieder, vermengte sich mit ihr, ging in sie über, weshalb Martin, ohne seine seelische Verfassung anders einzustellen, nur allein im Zufall des täglichen Wandels bald auf der Erde der Menschen und bald sozusagen auf einer Erde der Geister sich befand. Die beiden Hemisphären dieser seiner Doppelwelt lösten sich für ihn unversehens aneinander aus; jetzt sprach er mit wem es war und im Handumdrehen mit Engel oder Teufel. Selten sind Vorstellungen, die wir als illusorisch ansehen, in solcher Verdichtung gesehen und geglaubt worden, wie von ihm. Der Rarität halber mögen die wichtigsten Stellen hier in Severs Wortlaut folgen [033-a]: »Es ist ausgemacht, daß ihm Engel öfters erschienen und er selbst selige Gespräche mit ihnen führte.« Was den bösen Geist betrifft, so war er für Martin sichtbar und er erkannte ihn in seiner natürlichen Gestalt oder in seinen tausend Verkleidungen, unter denen die Geister der Finsternis sich zu verhüllen pflegen. Er erkannte ihn unter jeglichem Bilde. Aus Verdruß darüber, den Blicken des Heiligen nicht entgehen zu können, noch ihn in seine Schlinge zu bekommen, rächte sich oft der Teufel, indem er ihm einen Streich nach dem andern spielte. Eines Tages, als der Heilige in seiner Zelle betete, erschien ihm der Böse, um und um in hellstrahlendes Purpurlicht gehüllt, um durch den Glanz die Täuschung zu vollenden, am Leibe ein Königsgewand, ein Diadem von Gold und Edelsteinen auf dem Haupte und an den Füßen golddurchwirkte Schuhe. Sein Antlitz war gewinnend, die Züge lauter Liebe, die Lippen lauter Lob; nichts verriet den Satan. Martin war auf den ersten Anblick ganz betroffen. Kein Wort, tiefes Stillschweigen auf beiden Seiten. »Martin, kennst du den, der vor deinen Augen ist?« redete endlich der Satan ihn an. »Ich bin Christus; ich wollte, bevor ich auf die Welt niederstieg, mich dir zeigen«. Martin antwortete nichts. Der Teufel verstieg sich ein anderes Mal zu seiner unverschämten Behauptung: »Martin! Wie! Du schwankst zu glauben, was du siehst? Ich bin Christus«. In diesem Augenblick offenbarte aber der heilige Geist die Wahrheit und ließ Martin erkennen, daß unter dieser Hülle der böse Geist sich verberge. »Der Herr Jesus«, sagte er, »hat nicht gesagt, daß er in Purpur mit einer glänzenden Krone wieder erscheinen werde; wenn ich Christus nicht in der Gestalt und dem Aeußern, in dem er gelitten hat, sehe, wenn ich seine Wundmale nicht schaue, so glaube ich nicht, daß er es ist«. Auf diese Worte hin verschwand das Gespenst, und ein Rauch erfüllte plötzlich die Zelle mit einer Pestluft, die deutlich genug den bösen Geist erkennen ließ. Diese Begebenheit, die wir soeben erzählten, hörte der Schreiber dieser Zeilen aus des Heiligen eigenem Munde; nehme sich daher Niemand heraus sie für eine Fabel anzusehen. Nichts gewährt besser einen Einblick in den grobkörnigen Realismus von Martins Glaubenswelt, als dieser sein Umgang mit dem Teufel: da zeigt sie sich in ihrer ihm eigentümlichen Beschränkung. Das begriffliche Element ist ziemlich vollständig eliminiert zugunsten des visionären; alle theologischen Werte sind gewissermaßen umgebogen in theooptische. Das große augustinische Problem von Sünde und Gnade findet bei Martin eine Analogie, die beinahe humoristisch anmutet: der Syllogismus vom Posse non peccare zum Non posse peccare entspricht bei Martin einer ganz anderen Gleichung; ebenso unphilosophisch als gemeinverständlich hieß es für ihn: die Welt ist des Teufels, daher die Sünde in ihr; man bekehre den Teufel, so hört die Ursache der Sünde auf, die Welt wird Gottes. Das ist freilich eine Logik sehr auf eigene Faust, nicht eben stichhaltig gegenüber Gründen, aber umso handfester, um im Leben etwas auszurichten. Daß ein solcher Glaube Martins innerstem Wesen zu Grunde lag, zeigen wieder Severs eigene Worte am unmittelbarsten: »Man hörte oft Anklagen und Vorwürfe, die die Schaar der bösen Geister dem Heiligen in den verschiedensten Tönen machte; aber der Heilige wußte, daß sie logen, und ließ sich durch diese Vorwürfe in keiner Weise rühren. Mehrere seiner Schüler versicherten, der Teufel habe ihm eines Tages die bittersten Vorstellungen gemacht: das Kloster gewähre einigen Menschen Unterkunft, die durch jede Art von Verirrung die Taufgnade verloren und noch nach ihrer Bekehrung Aufnahme gefunden hätten; zu gleicher Zeit enthüllte er die Fehler eines jeden einzeln. Martin widerlegte diese Beschuldigungen: die alten Sünden seien durch die Werke eines besseren Lebens ausgewischt und durch die Barmherzigkeit Christi seien die Sünden denen verziehen, die fortan nicht mehr sündigten. Der Teufel wollte widersprechen und behauptete, die Schuldigen hätten keinen Anspruch auf Erbarmen. Da aber, so erzählt man sich, rief Martin aus: ›Wenn du, Elender, einmal aufhören wolltest, die Menschen zu versuchen und in dieser Stunde, da der Tag des Gerichtes vor der Thüre steht, anfingest, deine Verbrechen zu bereuen, so hätte ich Gottvertrauen genug, um durch meine Fürbitte dir Christi Barmherzigkeit zu erlangen.‹ O du gütiger Himmel, was für ein unerhörtes Vertrauen, so etwas zu versprechen, was nicht einmal Christus selbst jemals versprochen hat!« Die ekstatischen Fähigkeiten Martins äußern sich meistenteils als persönliche Auseinandersetzungen, als eigene innere Seelenkämpfe. Doch fehlt die reine Sehergabe nicht ganz [034-a]: er sagt dem Kaiser Maximus den Sieg über Valentinian, aber auch dessen nach Jahresfrist erfolgenden Tod voraus. Sonst vermischen sich seine telepathischen Eigenschaften gleich mit Visionen: das Wissen um den Unfall eines Knechtes spielt sich drastisch als Teufelsvision ab, während die Kenntnis der Verhandlungen auf dem Konzil von Nimes in derselben Stunde ihm ebenfalls visionär vermittelt wird. Das bildlose Aufblitzen einer Eingebung entsprach seiner Natur nicht.

Martin war Romane. Aber wie er sein ganzes Leben an der Nordgrenze des Reiches verbrachte, so hielt er sich auch gegenüber dem geistigen Besitz der versinkenden Antike am äußersten Rande. Seine Rusticität in Dingen der Bildung, auch der theologischen, erlaubte ihm fast wieder den Enthusiasmus des Urchristentums: bald ging die Welt unter, also galt es für Christus noch zu wirken, was möglich war. So ist es ihm gelungen, die christliche Religion, die bis dahin nur in den großen gallischen Städten Gastrecht genoß, im Lande dauernd einzubürgern, und das nur durch die riesige Energie, die ihn befähigte, der asketischen Lebensweise in einem so rauhen Klima die Existenz zu sichern. Ohne Mönche läßt sich die Christianisierung Galliens nur schwer vorstellen; das Werk, so hart angefochten es war, bewies gerade den Feinden gegenüber seine Ueberlegenheit; denn im fünften Jahrhundert verdankte der gallische Klerus seine innere Vertiefung und äußere Geschlossenheit doch zum guten Teil den Anregungen, die von mönchischen Metropoliten auf ihn ausgingen. Und als dann die Franken kamen, war es nicht am wenigsten der großartige Eindruck der als Klerus und Mönchtum organisierten Kirche, der den Uebertritt Chlodowechs veranlaßte. Martins Erdenleben hat im Verlauf der Jahrhunderte eine merkwürdige Bestätigung erfahren, indem nichts so sehr als eben seine Wirksamkeit das eigentümlich rohreligiöse, paganistische Wesen des merowingischen Christentums vorgebildet, ja geradezu begründet und ermöglicht hat. Martin ist der Standardheilige der Merowinger. Mit seinem kräftigen Reduktionsinstinkt gegenüber den Geistesfinessen der alternden Antike erscheint er als erste, unerläßliche Voraussetzung einer der wichtigsten und schwierigsten geschichtlichen Entwickelungen aller Zeiten: der Bekehrung der germanischen Welt zum römischen Christentum.