In dieser kurzen Skizze von Cäsarius Lebensgang sind allerdings die Mitteilungen der Doppelvita aus andern Quellen ersten Ranges ergänzt und gelegentlich sogar berichtigt; aber diese liefert doch den fortlaufenden Zusammenhang, ohne den ein Gesamtbild undenkbar wäre. Immerhin sind die exakten chronologischen Daten, die uns die Vita zu erschließen ermöglicht, von ihr als einer echten Memorie nur vermittelt, nicht aber selbst geliefert. Die zweite Vita, die sich überhaupt mehr der innerlichen Wirksamkeit des Cäsarius zuwendet, gibt dementsprechend keinen einzigen Anhaltspunkt zu chronologischer Fixierung. Dagegen enthält die erste von den drei Bischöfen verfaßte Schrift nicht weniger als zwölf historisch sichere Zeitangaben: doch beweist sie ihren Charakter einer Memorie eben dadurch, daß nicht sie selbst die Jahreszahlen ausdrücklich mitteilt, sondern diese, ohne äußere kalendarische Mittel zu Rate zu ziehen, auf inner biographischem Wege umschreibt.
Um aus unserer Uebersicht über die spätlateinischen und altgallischen Heiligenmemorien die Summe zu ziehen, muß vor allem erinnert werden, die erste und wichtigste unter ihnen sei zugleich ohne Vorgänger, sondern der unvermittelte Urheber der ganzen Gattung. Das Martinsleben des Sulpicius Severus ist nämlich von den Heiligenschriften des Rufinus unabhängig und wohl überhaupt etwas älter als sie, indem es 400–402, während diese 402–404 verfaßt sind. Höchstens der gemeinsame Einfluß des Hieronymus kann sich spürbar machen. Im Unterschied von Hieronymus gebührt dem weit weniger begabten Rufin das Verdienst, christliche Einsiedler des Morgenlandes auf Grund wirklicher Kenntnisse geschildert zu haben. Er hat es hauptsächlich auf die Darstellung einmal der Seelenkämpfe und dann der Wunderkraft abgesehen. Ein langjähriger Aufenthalt in Aegypten hatte ihn mit der Gedankenwelt und den Lebensgewohnheiten der Mönchskolonien vertraut gemacht und er verdient als Berichterstatter Zutrauen, da er von Natur nicht eben an einem Uebermaß von Erfindungsgabe litt. Zwar kleidet er seine Erzählung in die damals beliebte Form der Reisenovelle, aber schon nach dem ersten Kapitel versagt die Kunst. Er bleibt ein trockener Aufzähler, ohne alle Mannigfaltigkeit des Ausdrucks. Auch wuchert es von Wundergeschichten: Kranke werden geheilt, wilde Tiere in den Dienst der Menschen gezwungen, Räuber entwaffnet, ein heidnisches Idol samt seinen auf einer Prozession begriffenen Begleitern auf die Stelle gebannt und anderer Dinge mehr [073-1]. Obwohl eigene Anschauung den Schilderungen zu Grunde liegt, kann doch von eigentlichen Memorien in dem hier entwickelten Sinne nicht die Rede sein.
Andrerseits ist der Memoriencharakter jener andern ausschließlich römischen Gattung von Heiligenlitteratur nie ganz abhanden gekommen, die im Unterschied von der ausführlichen Einzelvita eine ganze Sammlung kürzerer Lebensskizzen enthält. Mit Rufin anhebend, fand sie ihre Krönung im Dialogenwerk Gregors des Großen. Auch ihm fehlt es nicht an memorienhaften Zügen und darum auch nicht an echtem Leben. Wer verweilte nicht mit stiller Freude vor jenem italienischen Idyll, von dem sich der Papst hatte erzählen lassen, dem demütigen Bischof Bonifacius von Ferent [073-a], der seinen Leuten die verhagelte Weinernte wieder einbringt, der zwölf Goldstücke, den Erlös vom verkauften Pferde seines Neffen, diesem stiehlt und den Armen schenkt, sie aber dann wieder zusammenbetteln muß, um nicht als Dieb dazustehen, den vorüberziehenden Gothen ein Faß Wein auf den Weg mitgibt, in Jesu Namen die Kohlraupen aus seinem Garten scheucht und mit demselben Mittel einem Fuchs das geraubte Huhn abjagt!