„Bliev gesund, mien Jung, un bring mi ’n por lüttje Nashörner mit, denn mokst mi ’ne groote Freud!“ Mit diesen halb ernsten, halb scherzenden Worten und mit einem kräftigen Händedruck verabschiedete mich der biedere alte Herr Hagenbeck zu meiner ersten Reise nach Ostafrika. Ich war erst kürzlich mit einem Transport von wilden Tieren in Hamburg eingetroffen und hatte den Stellinger Tierpark wiederum um eine Anzahl Vertreter der westafrikanischen Fauna bereichert. Das der Wissenschaft bisher nur aus den dürftigen Berichten Mortons und den wenigen von Büttikofer nach Europa gebrachten Häuten und Skeletten kaum bekannte Zwerg-Flußpferd (Choeropsis), dem ich schon lange auf der Spur war, befand sich zu meinem lebhaften Bedauern nicht darunter. Im Hinterland der Republik Liberia war ich auf die Fährte des sozusagen unbekannten Tieres gestoßen, und ich hatte all meinen Ehrgeiz daran gesetzt, um in den Besitz dieses pygmäenhaften Vetters des gewaltigen Hippopotamus zu gelangen, da wurde ich dicht vor dem Ziel plötzlich von einem hartnäckigen Sumpffieber befallen. So mußte ich wohl oder übel von meiner Pionierarbeit ablassen und sah mich zur Wiederherstellung meiner Gesundheit gezwungen, in die Heimat zurückzukehren. Daselbst hatte ich mich bald wieder erholt, frische Lebenskraft beseelte mich und begann mich zu neuer Tätigkeit anzuspornen. Nun sollte ich auf dem kürzesten Wege über Italien nach Ostafrika reisen, um auch aus diesem Gebiet verschiedene Wildarten für die weltbekannte Firma zu beschaffen. Mein Chef wußte wohl, wie schwer es ist, Nashörner, diese bislang so selten in die zoologischen Gärten gelangten Dickhäuter, einzufangen.
Auf der Durchreise besuchte ich in Rom den nach dem Stellinger Muster angelegten Tierpark, der, obwohl noch unvollendet, an Größe und an Schönheit alle meine Erwartungen übertraf.
In Neapel schiffte ich mich auf dem Dampfer „Kronprinz“ der Deutschen Ostafrikalinie ein. Die Reise führte durch das Mittelmeer, den Suezkanal, das Rote Meer und den Indischen Ozean. Nach 19tägiger Fahrt legten wir in Kilindini-Mombasa in Britisch-Ostafrika an. Es ist dies der Haupthafen der englischen Kolonie und er hat einen lebhaften Schiffsverkehr.
In halbstündiger Fahrt bringen kleine überdachte Trolleys, von Negern geschoben, den Reisenden samt Gepäck nach Mombasa, der eigentlichen Stadt. Die Fahrt durch das prächtige Grün ist für den, der 19 Tage auf der großen Wasserwüste verbracht hat, ein wahrer Hochgenuß, und besonders zur Blütezeit, wenn der herrliche Duft die Luft erfüllt, wirkt das Ganze geradezu berauschend.
Mombasa macht im Europäerviertel, wo moderne Hotels, Post und Telegraphengebäude, Schulen, Kirchen und Geschäftshäuser stehen, den Eindruck einer europäischen Stadt. Ruinen einer Burg aus dem 15. Jahrhundert sind die letzten Spuren früherer portugiesischer Herrschaft, und hohe arabische Steinhäuser künden von der ebenfalls entschwundenen Macht der Araber. Zwar flattert über dem Kastell noch immer die rote Flagge des Sultans von Sansibar, aber sie ist nur ein Zeichen der diplomatischen Courtoisie Großbritanniens. Zwei schmale saubere und gutgehaltene Straßen führen durch das Geschäftsviertel und berühren das Auge des Europäers angenehm; dagegen zeigen die von Indern und Negern bewohnten Viertel mit ihren engen, unebenen, schmutzigen, jegliche Hygiene entbehrenden Gassen so recht das Gegenteil.
Fast alle größeren Geschäftshäuser sind in den Händen von Europäern oder Indern, nur die kleinen Kaufläden sowie der Markt werden ausschließlich von Indern, Arabern und Suaheli-Negern betrieben. Ein buntes orientalisches Farbenspiel tritt uns hier auf dem Markt von Mombasa vor Augen. Die verschiedenartigsten Menschenrassen tummeln sich da zwischen den mannigfaltigsten Naturprodukten des In- und Auslandes. Berge von Maniokknollen, Bataten, Zuckerrohr, Kokosnüssen, Ananas, Orangen, Zitronen, riesigen Mangofrüchten usw. liegen neben den vom Hochland kommenden europäischen Gemüsen; Hühner, Tauben, Enten, frisches Rind- und Hammelfleisch werden neben allen möglichen Gewürzen Indiens und Arabiens verkauft.
Inmitten von all dem erheben sich notdürftig eingerichtete Geschäftsbuden. Hier hat ein indischer Barbier, der die Negerköpfe blank schabt, seinen primitiven Laden errichtet, dort steht ein arabisches Café neben dem Verkaufstisch, hinter dem ein Suaheli Fische feilbietet. Ein unbeschreibliches Durcheinander von Düften schwebt über dem Ganzen, die Nase des Europäers beleidigend, wohingegen sein Auge durch ein Bild von Farbentönen entzückt wird, wie es kaum die kühnste Malerphantasie sich träumen ließe.
So ohne weiteres konnte ich allerdings nicht auf Fang ausziehen, sondern mußte mir zunächst von den Behörden die notwendigen Papiere, Jagderlaubnis usw. verschaffen und mich mit den Landesverhältnissen vertraut machen, was mir auch in kurzer Zeit gelang. Unerwartet schnell sollte der sehnliche Wunsch des alten Herrn Hagenbeck in Erfüllung gehen. Erst kürzlich war ein Ansiedler aus dem deutschen Gebiet mit zwei jungen Nashörnern in Voi an der Ugandabahn eingetroffen und hatte in der Nähe der Station sein Lager aufgeschlagen. Auf diese Nachricht hin beschloß ich sofort mit dem nächsten Zuge dorthin zu reisen, um die beiden Dickhäuter für den Stellinger Tierpark zu erwerben.
Die Fahrt auf der Ugandabahn bietet dem Reisenden viele abwechslungsreiche Bilder. Der Zug rollt zunächst durch einen herrlichen Palmenwald, der sich wie ein Gürtel die Küste entlang hinzieht. Eingeborenendörfer, deren Hütten im Schatten dunkelgrüner Mangobäume liegen, tauchen auf. Krausköpfige, nackte Negerkinder werden durch das Heranbrausen der Lokomotive aus ihren Spielen aufgeschreckt und laufen schreiend und winkend dem Zuge nach. Vereinzelt sieht man hier und da einige Ziegen grasen. Rinder bekommt man selten zu Gesicht, denn in diesem Landstrich herrscht die Tsetse-Plage, welche eine Großviehzucht unmöglich macht.
Die Station Machakos ist erreicht. Hier ist dem Passagier die letzte Gelegenheit geboten, sich mit Ananas, Bananen, Orangen und anderen Früchten für die Weiterreise durch die Steppe zu versorgen. Der Palmengürtel liegt nun hinter uns, das Landschaftsbild hat den Charakter der typischen Parklandschaft angenommen. Hier und da stehen einige mächtige Affenbrotbäume (Boabab) und dazwischen vereinzelt große Schirmakazien. Unangenehm macht sich der vom Zuge aufgewirbelte rote Staub bemerkbar, der durch die feinsten Ritzen der Türen und Fenster eindringt. Gegen das grelle Sonnenlicht werden graublaue Schutzfenster heruntergelassen. Nach etwa sechsstündiger Fahrt erreichen wir die Dornbuschsteppe. Sie ist charakterisiert durch dichten, fast undurchdringlichen Dornbusch, verwachsen mit Sansivieren und hohen Euphorbienarten. Gegen sieben Uhr abends ist die Station Voi erreicht.
Am nächsten Morgen in aller Frühe begab ich mich zum Lager des Ansiedlers. Wie jauchzte mir das Herz vor Freude, als ich im provisorisch hergerichteten Kral zwei prächtige Dickhäuter vor mir sah. Es war ein Pärchen etwa zweijähriger Doppelnashörner, und beide schon stark entwickelte Exemplare. Als Tierfänger konnte ich mich leicht in die Erzählung des Ansiedlers hineindenken; manche Strapazen und Gefahren hatte er zu überstehen gehabt, bis er die beiden Dickhäuter glücklich im Kral hatte. Gehört doch schon die Jagd auf Nashörner zu den gefährlichsten ihresgleichen; wieviel mehr steht das Leben des Jägers auf dem Spiel, wenn er diese kampfbereiten Tiere lebend in seine Gewalt bringen will. Sehr oft gerät der Tierfänger beim Fang in schwierige und lebensgefährliche Situationen. Auch ich habe in dieser Hinsicht manche kritische Episode erlebt, wie der Leser aus folgenden Kapiteln ersehen wird.
Wir wurden bald handelseinig, und so konnte ich nach Hamburg telegraphieren: „Schon im Besitz zweier Nashörner.“ Wenige Stunden später lief die Antwort ein: „Gratuliere, Hagenbeck!“ Da auf der Ugandabahn wöchentlich nur zwei Züge verkehrten, so nützte ich meinen Aufenthalt in Voi zu einigen Streifzügen in die Ebene aus, um die Tierwelt zu beobachten. Vorherrschend war in jenem Gelände die Dornbuschsteppe, aus der sich einige hohe Berge erhoben. Überall konnte ich ein reiches Tierleben feststellen; verschiedene Antilopenarten, Giraffen, Nashörner, Löwen und Leoparden, Wildschweine, Affen und eine Menge Vogelarten halten sich in der Steppe auf. Zahlreiche Wildwechsel und Fährten führten zum Voifluß, an den das Wild zur Tränke zog.
Der Transport der beiden Nashörner zur Küste bot keine besonderen Schwierigkeiten, da die Eisenbahn zur Beförderung der Tiere in Anspruch genommen werden konnte. Nicht immer so leicht wie hier gestaltet sich ein Tiertransport durch das wegelose Innere. Da muß mitunter in unwirtlichen Gegenden erst Schritt für Schritt der Weg gebahnt werden, über den sich die Karawane mühselig hinschlängelt. Solche Tierfang-Expeditionen verschlingen große Geldsummen, ohne daß sich dabei der Tierfänger dem Luxus mancher modernen Sportsjäger und Afrikareisenden hingibt; Extravaganzen sind für ihn von vornherein ausgeschaltet. Hier heißt es das Wild in der Natur zu beobachten und zu studieren, die Tiere lebend und unverletzt in seine Gewalt zu bringen, in Augenblicken der Gefahr entschlossen zu handeln und oft als erster mit Lebensgefahr für andere einzuspringen. Doch nicht genug damit: der Tierfänger soll seine Beute auch gesund und wohlbehalten zur Küste und von da in zivilisierte Länder bringen. Um dieses bewerkstelligen zu können, muß er reichliche Erfahrung in seinem Fache gesammelt haben. Die Pflege und Aufzucht exotischer Tiere ist eine Wissenschaft für sich, die nur ein ausgezeichneter Tierfreund sich anzueignen vermag. Jedes Tier muß individuell behandelt werden, soll dasselbe, das von einem Rudel oder Muttertier abgesprengt wurde, nicht zugrunde gehen. Auch steckt den meisten Tieren die ausgestandene Angst vom Einfangen noch in den Gliedern, und das Neue ihrer Umgebung versetzt sie zuweilen in einen solchen Zustand der Erregung, daß sie am Herzschlag tot zusammenbrechen. Allem diesem wird ein geschickter Tierfänger Rechnung tragen und seinen Pfleglingen alle Liebe und Sorgfalt angedeihen lassen. Eine Karawane wird auch stets eine Anzahl von Milchkühen, Ziegen sowie Milchvorräte mit sich führen, damit die Tier-„Babies“ genügend Nahrung bekommen. Ist aber eine wasserarme Gegend zu durchqueren, so muß reichlicher Wasservorrat auf den Lasttieren oder auf den Köpfen der Träger mitgeschleppt werden; dabei hat der Karawanenleiter auch sein Päckchen Sorge zu tragen, damit es den Tieren, aber noch mehr den Menschen an nichts gebricht. Die Anhänglichkeit vieler Tiere an Menschen, die ihr Vertrauen gewonnen haben, sowie ihr Gedächtnis für gute Behandlung ist mitunter ganz erstaunlich. Dies sind die Freuden des Karawanenleiters, die ihm über alle Sorgen und Strapazen hinweghelfen.
Die beiden Nashörner, Bob und Marianne, brachte ich mit ihren Wärtern, zwei Masais, zur Küste. Dies war bei der Anhänglichkeit der Dickhäuter an ihre zwei schwarzen „Nurses“ äußerst einfach. Bis zur Bahnstation liefen Bob und Marianne wie Hunde ihren Wärtern nach. Sie folgten ihnen auch willig über die Rampe in den Bahnwagen, und fort ging die Reise nach Mombasa. Ein in der Nähe der Stadt liegender Platz mit wilder Vegetation war wie geschaffen zum Aufenthalt meiner beiden Nashörner. Der Besitzer dieses Platzes, ein liebenswürdiger Österreicher, der hier ein Hotel baute, stellte ihn mir gerne zur Verfügung und zeigte selbst das lebhafteste Interesse für meine Pfleglinge. Für die Bewohner von Mombasa war die Ankunft der beiden Nashörner ein außergewöhnliches Ereignis; alt und jung lief herbei, um die beiden Dickhäuter anzustaunen. Natürlich bekam ich von den Eingeborenen sofort den Namen „Bwana Kifaru“, die Suaheliworte heißen auf deutsch: Herr Nashorn. Die Schwarzen haben nämlich die eigentümlichen Gewohnheiten, jeden Europäer nach irgendeinem ihnen auffallenden Merkmale zu benennen und die europäischen Namen ganz zu ignorieren.
So anhänglich und sanft Bob und Marianne gegen ihre Wärter und auch bald gegen mich waren, so abweisend und grob konnten sie gegen allzu zudringliche und neugierige Besucher werden, und einige der letzteren machten trotz gutgemeinter Annäherungsversuche unangenehme Erfahrungen. Einer der ersten hierunter war der Eigentümer des Platzes selbst. Er pflegte, sooft er den Bau seines Hotels besichtigte, bei den Tieren vorzusprechen und ihnen Leckerbissen zu reichen. Eines Tages wollte er Bob kraulen, aber das Nashorn verstand die Handbewegung falsch und senkte prustend das Horn gegen ihn. Der Herr suchte sein Heil in schleunigster Flucht. Von Bob verfolgt, rettete er sich auf einen aufgeschütteten Sandhaufen, dessen lockeres Material dem schweren Nashorn glücklicherweise nicht erlaubte nachzukommen. Auch Marianne stürzte herbei und unterstützte ihren Gefährten, den Herrn auf dem Sandhaufen zu bewachen. Erst das Eintreffen des Wärters machte der tragikomischen Szene ein Ende. Willig folgten die Tiere dem Masai und ließen von ihrem erschreckten Opfer ab.
Da ich die beiden Nashörner gut untergebracht hatte und in angemessener Pflege wußte, konnte ich ohne Sorge mich nach weiteren Tieren umsehen. Zunächst reiste ich mit dem Dampfschiff von Mombasa nach Tanga in Deutsch-Ostafrika, weil mir von dort verkäufliche Tiere gemeldet wurden. Der Wechsel aus einer englischen in eine deutsche Kolonie ist sofort fühlbar. Während z. B. auf englischem Gebiet an der Ugandabahn aufwärts weite Strecken noch unbebaute Steppen sind und erst über 300 Meilen von der Küste entfernt bei der Hauptstadt Nairobi Farmbetrieb beginnt, sieht man auf deutschem Boden, wie Arbeitslust und Methode schon von der Küste an die Natur zur Produktion zwingt. Gleich bei Tanga fährt die Bahn durch Kokospflanzungen, bald aber wechseln diese mit Kautschukplantagen ab, welche aus prächtigen Bäumen bestehen, so daß man glauben könnte, durch einen wohlgepflegten deutschen Laubwald zu fahren. Dann folgen wieder meilenweit Sisal-Pflanzungen usw., kurz, wo man hinsieht, trifft man auf verständige Ordnung und methodische Arbeit. Auch fällt dem Besucher bei der Ankunft in Tanga, wenn er vorher das englische Mombasa besucht hat, das gesetzte und ruhige Benehmen der Bevölkerung wohltuend auf gegen das unverschämte lärmende und streitsüchtige Gebaren der Eingeborenen in Mombasa. Tanga ist ein sehr hübsch gelegenes Städtchen mit breiten baumbepflanzten Straßen und prächtigen Gebäuden, villenartigen Wohnhäusern, guten deutschen Hotels; ein vorzüglich eingerichtetes Hospital, Post- und Telegraphenamt nebst stattlichem Bezirksgebäude, verschiedene christliche Kirchen und Schulen, Banken und Geschäftshäuser geben Zeugnis von dem Aufblühen der Stadt. Die schwarzen Beamten der Post sprechen deutsch nebst Suaheli, der Landessprache. Der Dampfertag ist immer ein Festtag für die Bewohner der Stadt und wird abends durch ein Konzert der Negerschülerkapelle auf dem Bismarckplatz gefeiert. Alles kommt zu diesen Konzerten, um bei einem Glase Bier heimatlichen Weisen zu lauschen.
Von Tanga aus unternahm ich einige Streifzüge in das Usambaragebirge und an den Panganifluß. Hier konnte ich einen rechten Einblick gewinnen, welchen Schatz an Wild unsere Kolonie besitzt. Wohl wenige Länder der Erde haben einen derart reichhaltigen und verschiedenartigen Wildbestand aufzuweisen. In dem sich längs des Flusses hinziehenden Buschgelände tummeln sich die flinken und drolligen Meerkatzen. Diese meist auf Bäumen lebende Affenart ist dem Pflanzer bei weitem nicht so unsympathisch, wie die so schädlichen Paviane, welche in den Feldern durch Herausreißen und Vernichten der Kulturen große Verheerungen anrichten. Ein anderes dem Pflanzer verhaßtes Tier ist das Flußschwein. Diese Schweineart richtet ebenfalls in den Mais- und Maniokfeldern ungeheuren Schaden an. Nicht genug, daß sie sich vollfressen, zerwühlen und verwüsten sie alles, was ihnen in den Weg kommt. Der Pflanzer geht diesen Schädlingen zuleibe, wo er nur kann. Löwe und Leopard sind die einzigen Tiere, die unter den Schwarzkitteln aufzuräumen verstehen, weshalb die beiden sonst so gefürchteten Raubtiere vielfach den Schutz des Ansiedlers genießen.
An Großwild konnte ich einen prächtigen Kaffernbüffel aus dem Schumewalde, Bubalus caffer rufuensis Zukowsky, erstehen. Das kraftstrotzende schwarzbraune Tier, mitten in einer Rinderherde äsend, repräsentierte mit seinem starken Gehörn, dunkeln Lichtern, zottiger Decke und langbehaarten Ohrrändern so recht die Stärke und das bösartige Aussehen seiner Sippe. Der Büffel wurde nebst anderem afrikanischen Wild zur Küste transportiert. Ich bestieg in Tanga wieder das Schiff, und nach 24stündiger Fahrt über Sansibar ankerte der Dampfer in Daressalam.
Daressalam, die Hauptstadt Deutsch-Ostafrikas, der Sitz des Gouverneurs, ist nicht nur die schönste Stadt der Kolonie, sondern hat auch den besten Hafen der ganzen Ostküste. Von Norden kommend, nähert sich das Schiff dem weißen Strande der Küste. Zwei vorgelagerte Inseln heben sich deutlich vom Hintergrunde ab. Palmengruppen und weiße Gebäude beleben das Bild. Das Schiff fährt links an den besagten Inseln vorbei und läuft durch eine ungefähr 150 Meter breite Einfahrt in den Hafen. Ein herrliches Panorama entfaltet sich plötzlich: prachtvolle Kirchen, Regierungsgebäude, Villen und andere Baulichkeiten der Europäer schimmern mit ihren weißen Mauern und roten Dächern durch den grünen Gürtel der Kokospalmen.
Der Eindruck am Lande entspricht dem Bilde, welches man vom Schiffe aus sieht. Saubere, breite, mit Akazienbäumen bepflanzte Straßen führen durch die Stadt. Denkmäler erinnern an die Verdienste unserer Helden in Kolonie und Heimat. Überall herrscht reges und geselliges Leben. Durch die Straßen flitzen flinke Rikschas, die man sonst nur im fernen Osten sieht, jene leichten zweirädrigen, von Farbigen gezogenen Wagen. Hotels, Klubs, Geschäftshäuser, eine Brauerei, eine Eisfabrik und sonstige Betriebe sorgen für die Bedürfnisse der Europäer. Auch im Eingeborenen- und Inderviertel herrscht trotz der bunten Abwechslung Ordnung und Reinlichkeit. In der Umgebung der Stadt wechseln Palmenhaine mit saftigen Rasenflächen und gut gepflegten Pflanzungen ab. Die Stadt befindet sich im vollen Aufblühen. Handel und Verkehr haben sich in den letzten Jahren über Erwarten gut entwickelt.
Allerdings finden wir hier an der Küste nicht die gleich günstigen klimatischen Verhältnisse, wie solche im Innern auf den Hochländern im Norden herrschen. Der Europäer kann aber auch hier bei entsprechender Tätigkeit (schwere körperliche Arbeit ist hier selbstverständlich für den Weißen ausgeschlossen) lange Jahre leben, ohne an seiner Gesundheit Schaden zu erleiden, sofern er nur die wenigen leicht zu befolgenden sanitären Vorsichtsmaßregeln beachtet (Chinin-Prophylaxis, Mäßigkeit im Alkoholgenuß usw.). Selbst die früher so gefürchtete Malaria hat infolge des heutigen hohen Standes der modernen Tropenhygiene fast alle ihre Schrecken verloren. Man kann ruhig sagen, daß die gewöhnlich auftretenden Tropenkrankheiten, von denen auf die Dauer wohl kein Kolonist gänzlich verschont bleibt, bei weitem nicht so gefährlich sind, wie man meistens anzunehmen pflegt.
Hier in Daressalam begünstigte mich das Glück. Unser Stellinger Tierpark besaß zwar einige indische Elefanten, hatte aber noch keinen afrikanischen aufzuweisen. Ein solches Tier konnte ich hier auf sonderbare Weise erwerben. „Jumbo“, ein etwa anderthalbjähriger Elefant, war mit Beschlag belegt und stand in Obhut des Polizeiwachtmeisters Fritz. Um den Hals trug der Dickhäuter nolens volens ein schwarz-weiß-rotes Band mit dem bekannten Siegel, welches der Gerichtsvollzieher an gepfändete Sachen anzulegen pflegt.
Auf der Boma (Bezirksamt), woselbst er untergebracht war, wurde Jumbo als Wasserpumper abgerichtet. Freilich war er so schlau, gleich aufzuhören, wenn er genügend Wasser für sein eigenes Ich heraufbefördert hatte. Das vollkommen zahme Tier wurde auch zu allerhand anderen Diensten, z. B. als Plakatträger, verwendet. Auf seinen Gängen durch die Stadt plünderte er oft genug die Marktkörbe der Neger, was jedesmal ein großes Hallo gab; als echter Afrikaner hatte Jumbo ebenfalls eine besondere Vorliebe für Pombe (Bier der Eingeborenen), aber auch für europäisches Bier. Deswegen trieb er sich am liebsten vor den Hotels herum, um dort die Bierreste auszutrinken. Er nahm es auch gar nicht so genau, gelegentlich seinen Rüssel über den Kopf eines ahnungslosen Gastes hinweg in dessen frisch gefülltes Bierglas hineinzustecken; ehe sich’s nun der erschreckte Gast versah, war sein Glas bis auf den Boden leer. Obwohl Jumbo unter polizeilicher Aufsicht stand, brachte es diese doch nicht so weit, ihrem Schutzbefohlenen den Unterschied von Mein und Dein beizubringen. So ohne weiteres konnte ich allerdings nicht in den Besitz des Elefanten gelangen; erst nach Hinterlegung der festgesetzten Summe und durch die unermüdliche Unterstützung eines Rechtsanwaltes war es mir möglich, Jumbo bei dem bald folgenden Abtransport der erworbenen Tiere noch mitnehmen zu können. Inzwischen war ich noch im Morogoro-Gebiet tätig gewesen und konnte dem schon recht ansehnlichen Transport noch eine Anzahl Buschböcke, Hyänenhunde und andere Tiere hinzufügen. Das Einsetzen der Regenzeit machte einen erfolgreichen Fangzug vorläufig unmöglich. Dazu lief noch von der britischen Regierung ein Verkaufsangebot für einen indischen Elefanten ein, weshalb ich mich wieder in das englische Gebiet begab. Dieser Elefant war vor einem Jahre von der Kolonialregierung als Lasttier in das Ugandagebiet importiert worden. Der Versuch hatte aber den Erwartungen nicht entsprochen, und so konnte ich das Prachtexemplar erwerben.
Zwischen dem indischen Elefanten (Elephas indicus L.) und dem afrikanischen (Loxodonta africana Blbch.) besteht ein großer Unterschied. Der afrikanische Elefant hat bedeutend größere Ohren als der indische. Die Stirn des afrikanischen Elefanten ist flach, während sie beim indischen gewölbt ist. Die Stoßzähne des Afrikaners sind stärker entwickelt als die des Inders. Beim ersteren tragen beide Geschlechter Elfenbein, während bei dem letzteren solches den Kühen fehlt, bei den Bullen häufig auch nicht vorhanden ist. Die Rückenhöhe des afrikanischen Elefanten ist bedeutend höher als die des indischen.
Die Behörde sandte mir laut Vereinbarung den indischen Elefanten „Futki“ mit seinem Mahut (indischen Wärter) nach Mombasa. Dieser Riese war entschieden das verwöhnteste und kostspieligste Tier unter meinen Schützlingen. Außer 20 Pfund Reis pro Tag verschlang er noch große Mengen von Zuckerrohr und Bananenstauden und brauchte täglich sein Bad. Tagsüber bestreuen sich die Elefanten mit Erde und Sand, um sich gegen die Fliegen zu schützen. Zusammen mit der Hautfeuchtigkeit bilden diese Erde- und Sandteilchen allmählich eine richtige Borke auf der Haut, die durch Wasser und kräftiges Scheuern wieder abgerieben wird. So wurde Futki täglich in Mombasa an einen Brunnen in der Nähe des deutschen Konsulats geführt, dort kniete er nieder: einige Schwarze schöpften Wasser aus dem Brunnen und schütteten es über den Koloß, während der Wärter auf ihm stehend die Haut mit einem Besen richtig abschruppte. Ich hatte für Futki einen günstigen Platz bekommen, und zwar in allernächster Nähe des Aufenthaltsortes meiner Nashörner. Ein mächtiger Mangobaum stand da, an den das große Tier angebunden wurde und wo es Schutz vor der brennenden Sonne fand. Natürlich war der Platz beständig von Gaffern umlagert, besonders von den Indern der niederen Klasse. Nach einem alten indischen Glauben gibt das Durchkriechen unter dem Leib eines Elefanten dem Weibe Fruchtbarkeit. Viele Inder brachten deshalb schleunigst ihre vermummten Weiber herbei und ließen sie unter den Elefanten durchkriechen, so daß beständig ein Unglück zu befürchten war; auch die Elefantenlosung wurde säuberlich von den Indern weggeholt. Wahrscheinlich war auch hier irgendein religiöser Grund mit im Spiel.
Einige Wochen später konnte ich den beiden Nashörnern „Bob“ und „Marianne“ noch einen Stammesgenossen zugesellen, dem sein natürlicher Suaheliname „Kifaru“ (Nashorn) beigelegt wurde. Es war ein junger Bulle und ein wenig kleiner als Marianne. Seine Unterkunft verursachte eine interessante Szene. Der Neuankömmling wurde von Bob und Marianne mit lautem Gepruste begrüßt und zunächst mit einem Angriff beehrt. Nachdem einige tüchtige Rippenstöße als gegenseitige Begrüßung ausgewechselt waren, befreundeten sich die Tiere rasch, und schon am Abend schliefen sie in friedlicher Eintracht nebeneinander.
Es war erstaunlich, wie flink und gelenkig sich die drei Tiere trotz ihres schweren und plumpen Körpers beim Spiele zeigten. Stundenlang ergötzten sich die Besucher an ihrem Treiben. Zu den ständigen Besuchern zählte auch ein Pater aus der benachbarten Missionsstation. Der Hochwürdige trat eines Morgens, als die Wärter nicht zugegen waren, in das Gehege der Nashörner ein, um seine Lieblinge zu besuchen. Auf einmal wandten sich Bob und Marianne schnaubend gegen den verdutzten Herrn, dem nichts anderes übrigblieb, als mit hochgeschürzter Soutane Reißaus zu nehmen. Das Komische des Auftrittes erhöhte sich noch, als der Pater auf dem Wege der Flucht an einem Ehepaar vorbeilief, auf welches nun die beiden Nashörner zustürzten. Der zärtliche Ehemann ergriff mit seinen langen Beinen schleunigst die Flucht und ließ seine Lady stehen, die nichts weiter tun konnte, als ihren grellen Sonnenschirm als Schutz vor sich zu halten. Die herbeieilenden Wärter erschienen gerade noch zu rechter Zeit, konnten die Tiere beruhigen und die Dame aus ihrer peinlichen Lage befreien.
Es war nun die höchste Zeit geworden, die vielen verschiedenen Transportkästen für die Reise nach Hamburg herzustellen. Große Mengen von Nahrungsmitteln aus dem Tier- und Pflanzenreiche mußten für die verschiedenen Tiere beschafft werden. Alles dieses erforderte große Umsicht und war mit vielen Unkosten, Mühe und Arbeit verbunden.
Nach Eintreffen des Überseedampfers „Herzog“ bewegte sich die ganze Karawane nach Kilindini, woselbst die Tiere in ihren bereitgehaltenen Transportkästen auf das Schiff verladen wurden; nur der indische Elefant Futki konnte in seiner Riesenkiste nicht transportiert werden. Er wurde an den Kai geführt und mit einem angelegten Bauchgurt durch einen Kran auf den Leichter hinabgelassen. Der Leichter wurde längsseit des Dampfers bugsiert und auf gleiche Weise wurde hier der große Dickhäuter mittels Schiffswinden an Bord befördert, wo sein Transportkasten bereit stand. Während des ganzen Verschiffungsvorganges saß der indische Wärter auf dem Nacken des Elefanten, um das Tier zu beruhigen. Trotz dieser Vorsichtsmaßregeln ließ sich der Riese die Schwebefahrt nicht ohne energischen Widerstand gefallen. Besonders beim Übernehmen auf den Dampfer, als ihn einige Male die Kranketten unsanft berührten, und er mit dem Kopf gegen die Bordwand stieß, geriet er in Wut und begann ein ohrenbetäubendes Trompeten. Das aufgeregte Tier schlug mit dem Rüssel und mit den Beinen um sich, und es bedurfte der ganzen Geschicklichkeit des Mahuts, ihn einigermaßen zu beruhigen. An Bord wurde dem Elefanten der Bauchgurt abgenommen, worauf er mit großer Mühe in seinen Transportkasten gebracht wurde. An völlige Bewegungsfreiheit gewöhnt, begann der Dickhäuter, sobald der Kasten geschlossen war, mit all seinen ungeheuren Kräften sein Gefängnis zu sprengen. Trotzdem er an Vorder- und Hinterbeinen gefesselt war, und trotz der starken Konstruktion des Kastens, gelang es ihm, seinen Käfig teilweise zu zertrümmern, so daß uns nichts anderes übrigblieb, als das aufgeregte Tier zu befreien und ihm einen isolierten Platz an Deck zu suchen, wo seiner erwachten Zerstörungswut jeder Gegenstand fehlte. Endlich konnte ich aufatmen, denn während des ganzen Verladungsvorganges war ich in beständiger Furcht, daß jemand aus den umdrängenden schaulustigen Fahrgästen von dem erregten Tier verletzt werden könnte.
Jetzt kamen noch die Nashörner zur Verladung. Auch diese waren sehr aufgeregt und gebärdeten sich wie toll in ihren Kästen. Um die Tiere etwas zu beruhigen, wollte ich die beiden schwarzen Wärter bis zur Abfahrt des Dampfers mit an Bord nehmen. Dies stellte sich aber als das schwerste Stück Arbeit der ganzen Verschiffung heraus. Waren die beiden aus dem Innern stammenden Wilden schon von maßlosem Staunen erfüllt, als sie das erstemal das unendliche Meer und die darauf schwimmenden Riesenschiffe sahen, so wollten sie um keinen Preis ein solches Zauberschiff besteigen. Es bedurfte meiner ganzen Überredungskunst und Autorität, um die wie Kinder vor Furcht weinenden Männer ins Boot und auf den Dampfer zu bringen. Vielen Spaß machte uns allen das Benehmen der beiden Masais an Bord. Furcht, Neugierde und Erstaunen wechselten in ihrem lebhaften Mienenspiel. Alles für sie Unbegreifliche, besonders die elektrische Beleuchtung und das einfache Ein- und Ausschalten derselben jagte ihnen eine abergläubische Furcht ein. Nachdem die beiden Schwarzen zum letztenmal ihre Pfleglinge, die Nashörner, gefüttert und beruhigt hatten, entließ ich sie reich beschenkt in ihre Heimat.
Es ist schon schwer auszudrücken, welche Sorgen einem Transportbegleiter auferlegt werden, wenn er die der Wildnis entrissenen Tiere gesund nach Europa bringen will. Ganz abgesehen davon, daß die meisten derselben an ein ihnen fremdes Futter gewöhnt werden müssen, hat das Wild in den nur wenig Raum gewährenden Transportkisten und unter den klimatischen Einflüssen schwer zu leiden. Das Rollen des Schiffes übt auch auf die meisten Tiere seine Wirkung aus. Sie werden seekrank und können durch Nahrungsverweigerung leicht eingehen. Gerade deshalb, weil an den Tieren beim Transport nicht die richtige Sorgfalt und verständnisvolle Pflege angewendet worden ist, sind so manche Exemplare nicht lebend nach Europa gekommen. Auch ich hatte meine liebe Not mit der Aufwartung aller meiner Pfleglinge, bei welcher mir der mitgenommene Mahut und einige Leute eifrigst zur Hand gingen. Manchmal hieß es entschlossen zuzugreifen, um Unheil vorzubeugen. Der Postdampfer „Herzog“ war wirklich wie in eine Arche Noah verwandelt. Außer den Elefanten und Nashörnern waren viele Kästen mit Antilopen, darunter eine prächtige Elenantilope, Busch-, Ried- und Sumpfböcke, ein Kaffernbüffel, Affen, Krokodile, Schlangen, Strauße und Vögel aller Art teils an Deck und teils in den Schiffsräumen untergebracht. Am meisten Sorge machte mir ein Colobusaffe. Diese Affenart ist wegen ihrer Empfindlichkeit gegen Nahrungswechsel äußerst schwierig zu transportieren. Das Tier gelangte aber wohl und gesund in Hamburg an.
Die kritischsten Stunden waren für mich dann, wenn wir einen Hafen anliefen. Der Verkehr und Tumult an Deck, sowie das Rasseln der Winden und Ketten beim Ein- und Ausladen der Frachtgüter versetzte die Tiere stets in große Aufregung. Ich war daher froh, wenn wir wieder auf See waren und die Tiere dann sich allmählich beruhigt hatten. An kleinen Zwischenfällen, teils ernster, teils heiterer Art, sollte es auch auf dieser Fahrt nicht fehlen.
Es gab eine komische Szene, als unsere beiden Elefanten sich beim Morgenspaziergang an Deck einander begegneten. Da der große indische Elefant ein sehr gutmütiges Weibchen war und Jumbo ein junger Bulle, so war keine Feindseligkeit zwischen beiden Tieren zu befürchten. Jumbo näherte sich dem großen Elefantenweibchen und beschnüffelte es, wollte sich aber weiter nicht mit der indischen Gefährtin abgeben. Futki aber schien von der mangelnden Galanterie des jungen Herrn nicht erbaut zu sein, sondern wünschte offenbar nähere Bekanntschaft zu machen; als ihm Jumbo daher die Kehrseite zudrehte, packte Futki ihn mit dem Rüssel am Hinterbein, worauf Jumbo vor Schreck in ein jämmerliches Trompeten ausbrach. Darauf brummte Futki verächtlich und ließ den kleinen Afrikaner laufen. Derselbe nahm Reißaus und wollte nichts mehr von der großen Dame wissen.
Jumbo war auf dem Vorderdeck untergebracht. Die Schiffsmannschaft mußte, um in ihre Räume zu gelangen, jedesmal an ihm vorübergehen. Der Elefant streckte jedem Vorübergehenden zutraulich den Rüssel entgegen, denn er wußte aus Erfahrung, daß jedermann ihm etwas zu geben pflegte. Er wurde auch hier von den Matrosen mit Zuckerstücken, Brot und Früchten reichlich versehen. Eines Tages aber warf ihm ein boshafter Araber ein Stückchen Eis in den aufgesperrten Schlund. Da die kolbenförmige Zunge des Elefanten es ihm unmöglich macht, einen Gegenstand, der einmal zwischen die vorgestreckte Zunge und den Schlund geraten ist, wieder auszuspeien, so mußte Jumbo den Eisbrocken verschlucken und erschrak mächtig durch das unbekannte, vom Eisstückchen erzeugte Kältegefühl. Er merkte sich aber den Missetäter, und eines Morgens, als wir Jumbo etwas herumlaufen ließen, kam ihm gerade der bewußte Araber mit einem Teekessel in den Weg. Jumbo entriß ihm denselben und goß sich ohne weiteres den Inhalt in den Rachen. Der zu heiße Trank verbrannte ihm aber das Maul, und wütend schleuderte er den Teekessel zu Boden. Da er an eine neue Tücke des Arabers glaubte, stürzte er sich wütend auf denselben, und nur dem Umstand, daß der Mann sich blitzschnell auf eine in der Nähe befindliche Treppe flüchten konnte, verdankte er seine Rettung vor dem Rüssel Jumbos. Dieser Vorfall veranlaßte mich, den Elefanten auf dem Achterdeck unterzubringen, damit er nicht ganz verdorben würde und kein weiterer Unfall vorkäme. So gutmütig die klugen Tiere sind, so bösartig können sie durch stetes Necken und Quälen werden. Dabei haben sie ein ganz außerordentliches Gedächtnis sowohl für gute als auch für schlechte Behandlung. Ein anderes Mal hatte ich nach einem recht anstrengenden Tage mich gerade zu Bett begeben, als der Steward mich mit den Worten heraustrommelte: „Kommen Sie schnell, Jumbo ist los und läuft an Deck herum!“ Auf einen solchen Fall vorbereitet, griff ich aus dem Zuckerpaket eine Handvoll Zuckerstücke und brachte ohne Mühe Jumbo, der in den Speisesaal eingedrungen war, auf seinen Platz zurück. Mit Hilfe einiger Leute der Schiffsmannschaft baute ich nun rasch eine Art Kral, um dem Tiere ein wenig Bewegungsfreiheit zu lassen, es aber am Herumlaufen zu hindern. Wir schleppten die schweren Transportkisten der Nashörner, des Büffels usw. heran und stellten sie um Jumbo herum auf, im Glauben, daß sie mit ihrem lebenden Inhalt schwer genug seien, um den Elefant als Zaun zu dienen. Gerade war ich wieder am Einschlafen, als ich zum zweitenmal geweckt wurde. „Jumbo ist wieder los!“ Wieder ging’s an Deck, wo mir Jumbo freudig entgegengrunzte und mir mit Hilfe des zu erwartenden Zuckers wieder gehorsam an seinen Platz folgte. Diesmal wurde er aber mit Tauen gefesselt. Bei diesem Ausbruch hatte Jumbo den ersten Schiffsingenieur, der in tiefem Schlafe in seiner Kabine lag, zu Tode erschreckt. Bei seiner Entdeckungsreise war der Elefant nämlich an dessen Kabine vorbeigekommen und hatte seinen Rüssel durch das offene Fenster hineingestreckt und im Dunkeln herumgetastet. Der Ingenieur, einen warmen Luftzug über seinem Gesicht fühlend, hatte instinktiv die Hand erhoben und war in Berührung mit dem Rüssel gekommen. Blitzschnell kam ihm der Gedanke, eine der Riesenschlangen befinde sich in seiner Kabine, und voller Schrecken fuhr er aus seinem Bett. Jumbo aber war durch die Berührung mit seiner Hand selbst erschreckt und trompetend abgezogen, während dem Ingenieur klar wurde, mit wem er es zu tun hatte.
Da in der Freiheit die Elefanten nachts äsen, so ist es erklärlich, daß sie besonders gern während der Nacht Unfug anstellen. Auch Futki trieb manchmal Allotria. Eines Nachts fiel ihm ein, die zum Schutze gegen die Sonne aufgespannten Segeltücher zu zerreißen; ein anderes Mal machte er sich an einer Winde zu schaffen. Er ergriff einen Hebel und bog die Stange krumm, als wenn sie Draht gewesen wäre. Der Schiffsschmied hatte eine Stunde Arbeit, um sie wieder auszurichten. Das ging aber Futki gegen den Strich, er ergriff die Stange zum zweitenmal und brach sie mit einem kräftigen Ruck in der Mitte entzwei. Es blieb nichts anderes übrig, als ihn beständig zu überwachen und ihn von Zeit zu Zeit spazieren zu führen. Dies geschah zur Freude der Passagiere, die den Riesen mit allerlei Leckerbissen bedachten. Besonders hatten die Kinder eines mitreisenden Oberstabsarztes mit Futki Freundschaft geschlossen, so daß ich bei der Gutmütigkeit des Tieres dem sehnlichen Wunsch der Mädchen, auf dem Elefanten spazieren zu reiten, nachkommen konnte.
Die drei Nashörner waren durch die lange Seefahrt oft sehr erregt, so daß ich sie nur selbst füttern konnte. In ihrer ärgerlichen Stimmung boxten sie mir manchmal den Futternapf aus den Händen, so daß die kostbare Milch über den Boden floß. Dies bereitete allerdings den zusehenden Passagieren ein großes Vergnügen, bekam aber mir und meinen Kleidern weniger gut.
Je mehr wir uns der nordischen Heimat näherten, desto kühler wurde es, und die an die afrikanische Wärme gewöhnten Tiere mußten gegen das rauhe Klima geschützt werden. Da war es nun ein schwieriges Problem, in dem beschränkten Raum des Schiffes geschützte Stellen für alle Tiere zu finden. Wir hatten unsere liebe Not, aber dank des freundlichen Entgegenkommens von Kapitän und Offizieren wurde Rat geschaffen. Am empfindlichsten gegen die Kühle zeigte sich der indische Elefant. Wir mußten ihn daher im Zwischendeck unterbringen. Da es auf den Seiten zu niedrig für die Höhe Futkis war, so richteten wir ihm einen Platz auf der Ladeluke her, deren Deckbretter mit Segeltuch überzogen wurden. Während der Nacht zerriß der Elefant dieses Segeltuch in Fetzen und begann die einzelnen Planken der Ladeluke aufzuheben und in den Raum zu werfen. Als mich der erschreckte Mahut morgens um vier Uhr herbeigeholt hatte, stand Futki nur noch auf drei Beinen auf den übriggebliebenen Planken, mit dem vierten pendelte er in der Luft. Jeder Fehltritt hätte das Tier in die drohende Tiefe befördert. Schleunigst ließ ich den ersten Offizier in Kenntnis setzen, und erst nach mehrstündiger Arbeit gelang es wieder, alles in Ordnung zu bringen. Ich blieb zur Beobachtung in der Nähe, und als der Elefant wiederum am Rande seines Standplatzes nach einem Segeltuchzipfel suchte, um sein Zerstörungswerk fortzusetzen, erhielt er einen kräftigen Schlag auf sein Greiforgan. Nachdem ich nun wußte, wo er anfing, ließ ich den ganzen Rand seines Standplatzes von dem Mahut mit der Losung des Elefanten belegen. Das half prompt, denn sobald das Greiforgan, das zugleich ein sehr empfindliches Riechorgan ist, die Losung berührte, fuhr es mit Abscheu zurück. Nach mehreren gleichen Erfahrungen in allen Richtungen gab das Tier endlich die Zerstörungsversuche auf.
Nach 28tägiger Seereise liefen wir in die Elbmündung ein. Ich hatte den Verlust nicht eines einzigen Tieres zu beklagen. Alle waren wohl und gesund. Dies meldete ich telegraphisch von Cuxhaven aus meiner Firma, damit sie alle Vorbereitungen zum Abtransport treffen konnte. Inzwischen ließ ich alle Transportkästen an Bord bereitstellen, jedoch verspätete sich unsere Ankunft in Hamburg, und ehe der Dampfer am Amerikakai festlag, war es bereits dunkel geworden. Der alte Herr Hagenbeck, der schon längst unsere Ankunft erwartet hatte, kam sofort an Bord und begrüßte mich aufs herzlichste. Er gab seiner Freude über den schönen Transport dadurch Ausdruck, daß er mir wiederholt die Hand drückte, und seine schlichten Worte: „Bis doch en ganzen fixen Kerl!“ waren mir lieber als alle anderen Anerkennungen, die mir gezollt wurden.
Das Ausladen der Tiere konnte wegen der vorgerückten Stunde nicht mehr vor sich gehen. Der Nachtkühle wegen mußten sie wieder an ihre geschützten Plätze gebracht werden. Dabei wäre uns beinahe der indische Elefant verunglückt. Beim Herablassen in den Laderaum versäumte der die Winde bedienende Mann die kleine Übersetzung der Bremse einzuschalten. Als nun beim Ausschalten der Zahnräder die Last abgelassen werden sollte, war die Bremswirkung nicht stark genug, und das gewaltige Tier sauste mit großer Geschwindigkeit in die Tiefe. Hätte es nicht instinktiv seinen Kopf und seinen Rüssel eingezogen, so wäre ihm letzterer von der scharfen Kante der Ladeluke glatt abgeschnitten worden. Es war wirklich ein Glück zu nennen, daß der Elefant unverletzt ankam und nur durch das starke Aufprallen auf seine Beine heftig erschreckt wurde, was zur Folge hatte, daß er die ganze Nacht sehr aufgeregt blieb und von Bauchgurt und Kran nichts mehr wissen wollte. Am nächsten Morgen begann das mühevolle Ausladen. Waren die Tiere schon durch die Veränderung ihrer Plätze gestört worden, so wurden sie noch mehr erregt und gereizt durch die fremde Umgebung und die unzähligen Zuschauer, die sich unaufhörlich herandrängten und uns die Arbeit erschwerten. Namentlich bis wir Jumbo und Futki glücklich aus dem Schiffe hatten, wurde mancher Schweißtropfen vergossen. Futki war von den vorher gemachten Erfahrungen über Bauchgurt und Winde derart erbost, daß es lebensgefährlich wurde, ihm nochmals damit zu kommen. Durch unsere Geduld und Geschicklichkeit gelang auch dieses Kunststück, und bald bewegte sich eine große Karawane von Transportkästen nach Stellingen.
Die nächsten Tage machte ich noch die zugewiesenen Wärter mit den Eigentümlichkeiten der einzelnen Tierarten in bezug auf Futter, Gewohnheiten und Charakter vertraut. Nur bei genauer Kenntnis dieser Dinge ist es möglich, Erkrankungen zu verhüten, die meist durch zu raschen Futterwechsel hervorgerufen werden.
Als ich zum ersten Male in das Gehege der Nashörner trat, senkte Kifaru zur Begrüßung prustend den Kopf. Mein äußerlich veränderter Mensch schien ihm nicht zu gefallen, und erst als er meine Stimme hörte, erkannte er mich als seinen Freund. Am meisten war ich überrascht über den Feinschmecker Futki; ich fand ihn inmitten seiner indischen Kameraden große Mengen von Steckrüben und Schwarzbrot vertilgen, ein Futter, das er auf dem Schiffe beharrlich und stolz verschmäht hatte. Offenbar hatte das gute Beispiel seiner Kameraden und ihre Gesellschaft seinen Sinn gemildert. Jumbo, der Afrikaner, zeigte sich jedoch unverträglich und wurde isoliert, auch gewöhnte er sich nur langsam an die neue Umgebung und das neue Futter. Es sei noch erwähnt, daß Jumbo der erste aus Deutsch-Ostafrika importierte Elefant war, der nach Deutschland gelangte.
Liebe alte Bekannte sah ich wieder, auch meinem berühmt gewordenen westafrikanischen Schimpansen „Moritz“ stattete ich einen Besuch ab. Ich dachte kaum, daß er mich nach so langer Abwesenheit wiedererkennen würde. Doch wie ich ihn beim Namen rief, flog er mir grunzend an den Hals. Lange sollte ich jedoch nicht in der Heimat weilen. Mit unwiderstehlicher Gewalt zog es mich zurück zum schwarzen Kontinent, um in den Urwäldern und Steppen Ostafrikas große Tierfangzüge zu unternehmen, die ich im folgenden schildern werde.