Ein Leopard springt aus dem Gebüsch für das Fahrrad des Verfassers

Jagd- und Fangzug am Rufidji

Ehe man in einem Gebiet wie Deutsch-Ostafrika auf Jagd und Fang auszieht, muß man sich zunächst einmal über die dort herrschenden, von den europäischen gänzlich verschiedenen Landes-, Lebens- und Verkehrsverhältnisse klar sein. Hier spielen zum Erfolge einer Jagd ganz andere Faktoren mit als in Europa. In den zivilisierten Ländern zieht man ganz einfach mit Jagdschein, Büchse, Patronen, Jagdhund, Jagdtasche usw. los, fährt womöglich mit der Bahn, bequemen Jagdwagen oder Automobilen an Ort und Stelle, fährt abends nach Hause zurück oder bleibt schlimmstenfalls in einem Dorfe über Nacht, ohne Sorgen um Unterkunft, Nahrung und Sicherheit des Lebens. Nicht so in der afrikanischen Wildnis! Hier gibt es Steppengebiete, die wohl nie vom Fuße eines Europäers betreten wurden. Hunderte von Quadratkilometern sind gänzlich unbewohnt, denn bei höchstens 8 Millionen Einwohnern hat Deutsch-Ostafrika die doppelte Bodenfläche Deutschlands. Hier gibt es viele Meilen weit keinen Weg und keinen Steg, keine Eisenbahn, keine Post und keinen Telegraphen. In ganz Deutsch-Ostafrika gibt es bis jetzt nur zwei Bahnlinien mit einigen 100 Kilometern und ohne Abzweigungen im Betriebe, die von Tanga nach Moschi und an den Kilimandjaro führende Usambarabahn im Norden und die Mittellandbahn, welche die Verbindung zwischen Daressalam und dem Tanganikasee vermittelt. So heißt es denn marschieren! Man muß zu einer solchen Expedition Trägerkarawanen ausrüsten. Auf dem Marsche trifft man bald auf undurchdringlichen Urwald, bald auf dornige Buschsteppe, bald auf endlose Grasflächen, und plötzlich steht man dann wieder vor tiefen Tälern ohne Abstieg, oder steile Gebirgsrücken versperren den Weg. Da kann man keinen Bauer oder Wanderer nach Weg oder Richtung fragen, denn stunden-, ja tagelang trifft man keinen Menschen. Man ist allein und nur auf Kompaß und Karte angewiesen. Weite Strecken gibt es noch, die auf der Karte als weiße Flecken und unbekanntes Gebiet verzeichnet sind, weil die Gegenden von berufenen Forschern noch nicht betreten und infolgedessen auch noch nicht kartographiert worden sind.

Einen Jagdzug von mehreren Wochen in die afrikanische Wildnis zu unternehmen, heißt unter diesen Umständen zuerst einmal tief in den Geldbeutel greifen und eine gehörige Summe für das Unternehmen vorsehen, dann eine vollständige Karawane organisieren und für jedes Bedürfnis sich bis auf das Letzte und Kleinste zu versorgen. Ist man erst einmal mitten in der Wildnis, so ist die Möglichkeit, Vergessenes noch zu besorgen oder Verbrauchtes zu ersetzen, stets mit großem Zeitverlust verbunden. Nur wer selbst solche Jagdreisen mitgemacht hat, kennt die Schwierigkeiten, die sich bei einem derartigen Marsche bieten. Glücklich ist wohl der, welcher als Regierungsbeamter mit Polizeisoldaten oder Askaris reist und wenigstens sicher sein kann, auch im Innern Träger zu erhalten. Anders ist es jedoch bei dem Privatmanne, der ganz vom guten Willen der Dorfältesten und deren Stammesgenossen abhängt. Damit bin ich nun bei der Hauptschwierigkeit eines Jagdunternehmens in Ostafrika angelangt, nämlich bei der Trägerfrage.

Daß man in wegelosen Gegenden keinen Wagen zum Transport verwenden kann, ist ohne weiteres einleuchtend. Die Verwendung von Packtieren ist in einigen Landstrichen allerdings möglich, in den meisten jedoch deshalb nicht angängig, weil fast überall in den unter 1000 Metern Meereshöhe gelegenen Regionen die Tsetse-Fliege (Glossina morsitans) vorkommt und dort weder Zwei- noch Einhufer gehalten werden können, da der Stich dieser Fliege fast jedes Haustier infiziert und tödlich wirkt. Bis jetzt ist es der Wissenschaft noch nicht gelungen, ein sicheres Mittel gegen diese Landplage zu finden, und so können nur auf den Hochplateaus und in einigen wenigen anderen tsetsefreien Gegenden Rinder, Pferde und andere Haustiere gehalten werden.

Zur Fortschaffung von Lasten, Waren und Gepäck von der Küste nach dem Innern bleibt daher, abgesehen von den beiden genannten Bahnlinien, nur der Eingeborene als Träger übrig. Man muß sich also Neger vertragsmäßig dingen, um mit Gepäck ins Innere des Landes reisen zu können. Jeder Träger trägt im Maximum etwa 30 Kilogramm. Das Gepäck ist also in diesem Gewicht entsprechende Lasten zu zerlegen. Schwerere Gegenstände, die nicht auseinandergenommen werden können, müssen mit Tragstangen von zwei oder mehreren Trägern geschleppt werden. Da aber auch die Nahrung der Leute, Reis, Hirse oder Maismehl mitgeführt werden muß, und man pro Kopf und Tag etwa ein Kilo davon rechnen muß, so ist es klar, daß ein Marsch um so kostspieliger und schwieriger wird, je mehr Gepäck man mitnimmt und je weiter man sich von bewohnten Gegenden entfernt.

In Daressalam stellte ich nun meine Ausrüstung für die Reise nach dem Rufidji zusammen. Ich warb Träger an und besorgte den nötigen Proviant. Die Konserven werden für den Karawanentransport in Ostafrika in kleinen verschließbaren Kisten verpackt. Hierzu verwendet man mit Vorliebe die leeren Petroleumkisten, die sich zu diesem Zwecke vorzüglich eignen, da sie sehr leicht und handlich sind. Ein Träger wird immer eher zu einer vollgepackten Petroleumkiste greifen als zu einer größeren Last, selbst wenn letztere viel leichter ist. Sachen, die sich nicht in Kisten verpacken lassen, werden mit Sackleinwand und wasserdichtem Stoff umwickelt und dann mit Kokosstricken umschnürt.

Während meiner Reisevorbereitungen machte ich die Bekanntschaft eines Herrn, der als Leiter einer großen Baumwollplantage im Rufidji-Gebiet tätig war. Derselbe schlug mir vor, gemeinsam zu reisen, was ich auch annahm. Außerdem hatte ich mir bereits für meine Zwecke einen landeskundigen, mit den Eingeborenen und der Gegend am Rufidji vertrauten Mann, Herrn Petersen, gesichert, der mich im Utete-Bezirk erwartete.

Gemeinsam mit dem erwähnten Herrn brach ich eines Nachmittags von Daressalam auf. Die Karawane bestand aus 40 Trägern. Im Gänsemarsch ging es vorwärts, und bald hatten wir die Stadt hinter uns. Der Weg war gut und führte durch Palmenhaine und niedriges Buschwerk. Trotz der kühlen Seebrise herrschte doch eine drückende Hitze, so daß unsere Kakihemden bald durchgeschwitzt waren. Um die Träger an die Lasten und die Marschordnung zu gewöhnen, legten wir an diesem Tage nur wenige Kilometer zurück, dann hieß es: „Halt.“ Unter Kokospalmen wurden die Zelte aufgeschlagen, Brennholz herangeschleppt, „poscho“ (Tagesration der Neger) ausgegeben; bald prasselten lustige Feuer, auf denen sich die Schwarzen ihr Essen zubereiteten. Erfrischt nach einem Bade und eingenommener Mahlzeit setzten wir uns vor unsere Zelte und genossen noch für kurze Zeit den Anblick des prächtigen nächtlichen Tropenhimmels. Es war inzwischen stockfinster geworden. Eine Unmenge von Glühwürmchen begannen ihre Reigen und boten unseren Augen ein wundervolles Schauspiel. Die Zikaden verübten ihr lautes Konzert. Die verschiedensten Arten von Insekten wurden von dem Licht unserer Lampen angezogen, aber auch die Moskitos fingen an lästig zu werden. Die Wachen wurden aufgestellt und ihnen eingeschärft, die Wachtfeuer zu unterhalten und uns am Morgen rechtzeitig zu wecken. Bald lag alles im tiefen Schlaf.

In aller Frühe, gegen 3 Uhr, weckte mich der Koch: „Bwana kahawa tajari“ — Herr, der Kaffee ist fertig —. Schnell ging es hoch. Die Leute waren schon dabei, ihre Lasten zusammenzuschnüren, und nach Verlauf einer halben Stunde war die Karawane schon wieder auf dem Marsche, weil wir die Morgenkühle ausnutzen wollten. Es war noch dunkel, und nur einzelne Vogellockrufe zeigten an, daß sich der Morgen näherte. Ehe man sich versieht, ist’s heller Tag, denn die Dämmerung in den Tropen ist nur sehr kurz. Jetzt wird es in den Büschen und Bäumen lebendig. Bunte Vögel aller Art fliegen unter lauter Entfaltung ihrer Stimme umher; Webervögel, die ganze Baumkronen mit ihren kunstvollen Hängenestern bebaut haben, sind schon fleißig bei der Arbeit. Plötzlich ertönt ein lautes, langgezogenes „fai—fa“. Unwillkürlich bleibt man stehen und glaubt, irgendein Mensch habe gepfiffen, bis man inne wird, daß es eine Vogelstimme ist. Dann hört man wieder den Ruf einer Taubenart — tüh — tüh — tüh — usw. immer schneller und im Tone tiefer fallend. Sogar der Ruf des Kuckucks ertönt, man fühlt sich unwillkürlich in einen deutschen Frühlingsmorgen versetzt. Doch bald wird man eines anderen belehrt. Die Sonne steigt immer höher und höher, denn jetzt ist es hier Hochsommer, und glühend heiß sendet die Sonne ihre Strahlen auf uns nieder. Mittlerweile ist es 9 Uhr geworden, wir haben unseren ersten Rastplatz erreicht und lagern unter schattigen Bäumen. Die Temperatur steigt beständig und macht gar bald ihren erschlaffenden Einfluß auf Mensch und Tier geltend. Sogar die Vogelwelt hat ihr Konzert eingestellt. Ein jeder sucht sich ein schattiges Plätzchen zum Ausruhen, denn um 3 Uhr soll weiter marschiert werden. Nach der Rast begann der Weitermarsch, und als wir schließlich unser Nachtlager bezogen, hatten wir eine Tagesleistung von 40 Kilometern hinter uns.

Am zweiten Tage erreichten wir ein Negerdorf, wo wir vom Dorfältesten mit frischen Kokosnüssen bewirtet wurden, wie es allgemein üblich ist. In Europa kennt man nur die reife Kokosnuß, die nur selten etwas Kokosmilch enthält. Aber wer nach stundenlangem Marsche in tropischer Hitze eine frische Kokosnuß zur Labung erhält, weiß erst den Wert dieser Frucht zu schätzen. Das Innere der unreifen grünen Frucht ist noch mit dem flüssigen Kernsaft angefüllt, und gerade dieser Saft bietet den herrlichen, kühlen Trank mit dem teils herben, teils süßlichen Geschmack. Eine frisch geköpfte Kokosnuß enthält bis zu einem halben Liter Milchsaft; derselbe ist völlig keimfrei und also das Unschädlichste für einen Europäer, das er zu sich nehmen kann. Fügt man gar eine Dosis Whisky oder Kognak bei, so hat man einen wahren Göttertrank, der dem Magen vorzüglich bekommt.

Bei unserer Ankunft im Negerdorfe hatte der Dorfälteste unter mächtigen, schattigen Mangobäumen als Sitzgelegenheit eine „kitanda“ — Bettstelle — für die hohen Gäste herbeischleppen lassen, und ich wollte mich gerade darauf niederlassen, als mich mein Begleiter noch rechtzeitig beim Ärmel erwischte und mich von meinem Vorhaben abhielt. Warum er dies tat, sollte ich sofort erfahren. Er hieb mit einem Stocke mehrere Male auf die „kitanda“, wobei ein wahrer Regen von Wanzen niederging.

Nachdem wir einige Stunden Rast gehalten hatten, begaben wir uns auf die Pirsch, um ein Stück Wild zu erlegen. Die hier so häufig vorkommenden Rappen-Antilopen bekamen wir zwar oft zu Gesicht, leider aber nicht zum Schuß. Die Rappen-Antilope — Hippotragus niger Harris — ist eine große, gedrungen gebaute, dunkelbraun bis schwarz gefärbte Antilopenart. Beide Geschlechter tragen große, säbelförmig nach hinten gedrückte Hörner, die beim Männchen stärker sind als beim Weibchen. Die Tiere leben in Rudeln in dem lichten Baumsteppengürtel, der sich von der Küste an etwa 100 Kilometer weit ins Innere erstreckt.

Transport am Rufidji
Lager am Rufidji
Auf dem Marsche (links der Verfasser)
Ein Labetrunk auf dem Marsche

Am nächsten Nachmittag ging ich der Karawane voraus, eine dieser Rappen-Antilopenfährten verfolgend, und stieß dabei auf eine Herde Paviane — Papio cynocephalus L. —, von denen ich einige abschoß. Im Begriffe, zur Karawane zurückzukehren, bemerkte ich, daß ich durch das Kreuz- und Querlaufen in der Buschsteppe die Richtung verloren hatte. Ich stand nun ohne Karte und ziemlich ratlos da; es begann zu dunkeln und meine Lage wurde unangenehm. Glücklicherweise hatten einige Schwarze die Schüsse gehört und waren in der Hoffnung, ich habe ein Stück Wild erlegt, auf die Suche nach mir gegangen. Sie trafen mich und wir kehrten zur Karawane zurück, welche in einem naheliegenden Dorfe bereits Lager geschlagen hatte. Ermüdet von der Jagd, pries ich mich glücklich, daß es gute deutsche Konserven gab, und tat mich an einer Dose Frankfurter Wurst und einer Flasche Rotwein gütlich. Während wir noch aßen, erschien ein Bote mit einem Briefe für meinen Begleiter, der ihm die Nachricht brachte, daß einer seiner europäischen Angestellten heftig erkrankt sei, und ihn bat, möglichst rasch auf der Pflanzung zu erscheinen. So beschlossen wir sofort aufzubrechen und die Nacht durchzumarschieren, um gegen Morgen auf der Pflanzung einzutreffen. Den Trägern, die aus der Gegend der Plantage stammten, war es sehr recht, früher nach Hause zu kommen, und ich hatte, trotz meiner Müdigkeit, auch nichts dagegen, Zeit zu gewinnen. Wie gewöhnlich, marschierte ich der Karawane voraus und stieß plötzlich im Dämmerlicht auf frische Löwenfährten. Gerade bückte ich mich, um dieselben näher zu prüfen, als neben mir im Busch ein Löwe in großen Sätzen davonsauste. Ehe ich mich vom Schreck erholt hatte, war das Tier verschwunden. Ich erwartete die Karawane und teilte meinem Begleiter das Geschehene mit. Er bestätigte mir das Vorkommen von Löwen in dieser Gegend und war überzeugt, daß ich vorhin einen solchen verjagt hätte. So war ich ohne mein Zutun dem ersten afrikanischen Löwen in Freiheit begegnet. Unsere Neger hatten ebenfalls die Fährten schon bemerkt und waren voller Furcht, da es vorkommt, daß Löwen eine Karawane vorbeiziehen lassen, um sich auf die Nachzügler zu stürzen. Dagegen fühlen sich die Träger sicher, wenn ein Europäer mit der Büchse neben ihnen marschiert. Wir zündeten daher zwei Sturmlaternen an; mein Gefährte nahm mit seinem Gewehr die Spitze des Zuges und ich die Nachhut. Beim Weitermarschieren hörten wir das Gebrüll mehrerer Löwen in der nächtlichen Stille, und dies hatte zur Folge, daß die furchtsamen Träger beieinander blieben und feste vorwärts marschierten, so daß wir um 2 Uhr nachts auf der Plantage meines Begleiters eintrafen, wo wir uns todmüde der wohlverdienten Ruhe hingaben. Wir hatten von Montag nachmittag bis Sonntag vormittag einen Marschrekord von über 200 Kilometern aufgestellt. Am Morgen zeigte mir der Pflanzungsleiter seine Baumwollplantage und lud mich ein, einen Ruhetag zu machen; aber es drängte mich, zu Herrn Petersen zu gelangen, dessen Standquartier ich von hier aus in wenigen Marschstunden erreichen konnte. So verließ ich denn die Pflanzung „Panganya“ und setzte über den hier 500 Meter breiten Rufidji. Ein Einbaum, das ist ein Boot aus einem einzigen Baumstamm hergestellt, brachte das Gepäck und die Träger hinüber.

Der Rufidji mündet in einem dicht mit Mangrovenwald bewachsenen Delta gegenüber der Insel Mafia in den Indischen Ozean und ist der größte Fluß Deutsch-Ostafrikas. Seine Nebenflüsse bringen ihm alles Wasser von etwa ein Viertel der Oberfläche des Landes zu, so daß er die Gebiete Uhehe, Ubena, Usangu, Mahenge, einen großen Teil des Wagoni-Plateaus, Ussagara, Ujansi und Ukimbu entwässert. Wenn daher zur Regenzeit sein mächtiger Nebenfluß, der Kilomberu-Ulanga, der sein Wasser zum größten Teil aus den den feuchten Südostwinden am meisten ausgesetzten Ostabhängen des Randgebirges empfängt, seine Fluten heranwälzt, dann schwillt der Rufidji an und tritt weit über seine Ufer. Stellenweise wird er nun zum mächtigen See und gleicht dem Nil Ägyptens, monatelang große Gebiete überschwemmend; nur die höchsten Termitenhügel ragen dann gleich kleinen Inseln über die Wasserfläche empor und dienen oft Wasserböcken und anderem Wild als letzte Zuflucht, wenn sie von den Fluten überrascht werden.

In der Trockenzeit ist natürlich der Fluß viel niedriger; aber in den überschwemmt gewesenen Gebieten bleiben größere und kleinere Tümpel sowie seenartige Becken übrig, die zum Teil durch kleine Kanäle oder Gräben mit dem Flusse in Verbindung stehen; vorzügliche Laichplätze für die Fische und beliebte Tränkstellen für allerlei Wild.

Leider ist der Fluß nur auf 24 Kilometer Tallänge, von seiner Mündung aufwärts gerechnet, schiffbar, sodann stößt man auf die mächtigen Panganifälle und eine Reihe größerer und kleinerer Stromschnellen, die sich auf etwa 100 Kilometer Länge flußaufwärts hin erstrecken. So wird kaum jemals eine gute und billige Wasserstraße hergestellt werden können. Da der Strom eine große Menge Erde und Sand führt, so bilden sich häufig wechselnde Sandbänke, so daß zur Trockenzeit nur kleinere Heckraddampfer mit geringem Tiefgang auf dem Unterlauf verkehren können. Der ganze Fluß ist von Flußpferden belebt und infolge seines Fischreichtums von vielen Krokodilen bevölkert. Bei unserem Übersetzen waren die Eingeborenen ziemlich ängstlich, da, wie sie erzählten, vor kurzem erst ein Flußpferd ein Boot angegriffen und zertrümmert habe, wobei ein Insasse ertrunken sei. Jedoch gelangten wir ohne Unfall hinüber. Herr Petersen hatte sein Jagdlager an einem Bache errichtet. Der Weg dorthin führte durch Dörfer und Baumwollpflanzungen der Eingeborenen, und wir erreichten es erst nach einem dreistündigen Marsch. Petersen selbst war nicht zu Hause, aber ein zurückgelassener Brief benachrichtigte mich, daß er in einigen Tagen zurückkehren werde. Ich benutzte die Zeit, die Wildfauna zu beobachten und machte verschiedene Streifzüge. Enten, Gänse, Wasserhühner, Strandläufer, Reiher, Scharen von Pelikanen bedeckten das Wasser und die Sandbänke. An Großwild waren vorhanden: Elefanten, Flußpferde, Büffel, Rappenantilopen, Gnus, Kuhantilopen, Schwarzfersenantilopen, Warzenschweine, Buschböcke und Wasserböcke (Cobus ellipsiprymnus Ogilby). Der Wasserbock ist eine hirschgroße Antilope von dunkelbrauner Farbe mit weißen Streifen an den Hüften. Das Männchen trägt 80 Zentimeter lange, von den Wurzeln an zunächst nach hinten, später nach vorn gebogene Hörner. Von weitem gesehen erinnert diese Antilope, namentlich das Weibchen, außerordentlich an das heimische Rotwild. Für Küchenzwecke erlegte ich eine Schwarzfersenantilope oder Impala aepyceros suara Matsch. Diese mittelgroße Antilopenart ist hellbraun gefärbt und hat am Hinterlauf an Stelle der fehlenden Afterzehen schwarze Stellen. Die Männchen tragen lange leierartig geschwungene Hörner. Die hauptsächlich in lichter Buschsteppe rudelweise lebenden Tiere fallen dem Beobachter durch ihre oft über 2 Meter hoch ausgeführten Fluchten auf.

Nach zwei Tagen kehrte Herr Petersen zurück und wir trafen unsere Vorbereitungen zu einem großen Fangzug. Zu diesem Zwecke hatte Herr Petersen an einem Gewässer, dem Lukongo-See, bei der Ortschaft Utete eine zweite Jagdhütte aus Ästen, Flechtwerk und Lehm nach Art der dortigen Negerhütten errichtet und mit Palmwedeln bedeckt. Wir ließen uns vom Dorfältesten (Jumben) 20 Neger zur Verfügung stellen und zogen in vierstündigem Marsche nach Utete. Als wir den See erreichten, bot sich uns ein überraschender Anblick: Hunderte von Negern waren an einer Seite des Sees versammelt, damit beschäftigt, unglaubliche Massen von Fischen korbweise aus dem See herauszufischen, während ihre Weiber und Kinder die Fische langsam am Feuer rösteten. In flachen Schüsseln ließen sie die Eingeweide der Fische aus, um das darin enthaltene Fett zu gewinnen und füllten dies in mitgebrachte Kalebassen (Flaschenkürbisse). Der Lukongosee bildet eine der eben erwähnten Wassertaschen des Rufidjis, von dem der eine Abfluß während des niedrigen Wasserstandes trocken lag und so für die Fische einen geschützten Laichplatz darstellte. Zu bestimmten Zeiten des Jahres sind daher in solchen Wassertaschen unglaubliche Mengen von Fischen vorhanden, und da die Eingeborenen dies wissen, so kommen sie mit Weibern und Kindern von weither, um sich Vorräte von getrockneten Fischen und Fischfett zu bereiten. Aber auch die fischfressenden Vögel machten sich diesen Umstand zunutze, und Tag und Nacht hörten wir das Geschrei der vielen Schreiadler, Milane u. a. m. In dieses Konzert mischte sich des Abends das unheimliche Gelächter der Hyänen, sowie das Kläffen der Schakale. Die ganze Umgegend des Sees ist zu dieser Zeit verpestet von dem Geruch der Fische und der faulenden Abfälle.

Diese Negeransammlung kam uns für unsere Jagdzwecke sehr gelegen, denn wir konnten ohne Mühe 200 Mann als Treiber und Arbeiter mieten. Die Leute begleiteten uns um so lieber, als sie wußten, daß sie Gelegenheit bekamen, auch öfters Dörrfleisch zu bereiten, da wir ihnen von Zeit zu Zeit einige Stück Wild abschossen. Zunächst bauten wir für die zu fangenden Tiere Krale. Ein solcher Kral wird in der Art errichtet, daß man auf einem freien Platz ringsum die Erde etwas aufwirft und einen festen Zaun mit eingesteckten Ästen, Lianen und Dorngestrüpp macht. Fanggruben wurden ausgehoben und mit dünnen Ästen und Laubwerk verblendet. Um Tiere wie Antilopen lebend in unsere Gewalt zu bringen, hatten wir von den Eingeborenen große Netze aus Kokosfasern entliehen. Die zwei Meter hohen Netze wurden aneinandergeknöpft und morgens lange vor Sonnenaufgang in einem weiten Halbkreis aufgestellt. In einem großen, dem Netzbogen entgegengesetzten Halbkreise fingen nun unsere Treiber an, die Tiere mit Händeklatschen zu erschrecken und gegen die Netze zu treiben. Nach kurzer Zeit stürmten einige Wasserböcke gegen die Netzwand, die sie in ihrer Aufregung natürlich nicht sahen, und verfingen sich mit ihren Läufen und Hörnern in dem Hindernis. Sobald ein Tier sich verwickelt hatte, sprangen wir zu, fesselten es und brachten es auf Tragbahren in den nächsten Kral. Es war eine wildbewegte Jagd, gar mancher Stoß oder Schlag traf den einen oder anderen; die gefangenen Tiere stießen und schlugen wie rasend um sich, aber größere Unfälle ereigneten sich nicht; bis Mittag hatten wir bereits 11 Wasserböcke in unserer Gewalt. Nach kurzer Mittagsruhe erbeuteten wir noch 4 Wasserböcke, worunter sich ein alter befand, dessen Hinterschenkel durch eine Bleikugel vollständig vereitert war, weshalb er den Schwarzen als Nahrung geopfert wurde. Ich untersuchte die Wunde und fand die Bleikugel, die sich als deutsches Militärgeschoß Modell 71 erwies. Unser ausgezeichneter Jagderfolg gab Zeugnis von dem ungeheueren Wildreichtum dieser Gegend. Wir jagten bald auf der einen, bald auf der anderen Seite des Sees. Günstig für den Fang war der Umstand, daß der See ringsum von Busch- und Baumsteppe umgeben war. Um den langen Weg um den See herum abzukürzen, benutzten wir öfters einen Einbaum. Der riesige Reichtum an Fischen hatte natürlich auch eine Unmenge Krokodile angezogen. Als wir einmal um die Mittagszeit in brennender Sonnenhitze mit dem Einbaum über den See fuhren, konnte ich während der Fahrt nicht weniger als 27 Krokodile auf der kurzen Strecke zählen. Glücklicherweise waren die Tiere so vollgefressen und träge, daß sie kaum von uns Notiz nahmen und nur die nächsten beim Herannahen des Bootes untertauchten. So harmlos sind diese Panzerechsen nicht immer, namentlich nicht, wenn sie hungrig sind. Herr Petersen erzählte mir, daß erst kürzlich ein Herr auf dem Rufidji ein böses Abenteuer mit einem solchen Tiere erlebt habe. Er fuhr mit einem schmalen Boot ziemlich rasch mit der Strömung; vorn an der Spitze befand sich ein Schwarzer, der mit einem kurzen Ruder paddelte; in der Mitte saß der Europäer und am hinteren Ende einige Neger. Plötzlich tauchte ein Krokodil seitlich auf und schnappte nach dem vordersten Manne. Das Tier hatte nicht mit der Schnelligkeit des Bootes gerechnet; es stieß an die Bootswand an und wurde beiseite geschleudert, und so kamen alle mit dem Schrecken davon.

Zunächst mußten wir nun die gefangenen Wasserböcke jeden einzeln in einen Kral bringen, denn die Tiere sind kurz nach dem Fang derartig aufgeregt, daß sie, sobald man mehrere zusammen läßt, sich gegenseitig anrennen und verletzen. Es galt ferner, der gefangenen Beute Futter und Trank zu verabreichen. Gras mußte geschnitten werden, primitive Holztröge als Trinkgefäße wurden ausgehauen, die Kralzäune ausgebessert und überwacht, kurz, es gab Arbeit in Hülle und Fülle. Auch mußten jeden Tag sämtliche Fanggruben nachgesehen werden.

Durch Zufall hatten sich darin zwei Gnus gefangen. Die Gnus (Connochaetes), von den holländischen Ansiedlern am Kap auch als „Wildebeest“ bezeichnet, bilden eine der zahlreichen Gattungen in der großen Familie der Antilopen. Die gedrungen gebauten Tiere haben die Größe eines jungen Rindes. Beide Geschlechter tragen Hörner, die in ihrem Aussehen an diejenigen der Büffel erinnern. Eigenartig sind der langbehaarte Schwanz und die pferdeartige Mähne. Mir waren bisher von dieser Gattung in Deutsch-Ostafrika nur zwei Arten bekannt, nämlich das Streifengnu (C. taurinus Burch.) und das Weißbartgnu (C. albojubatus Thos.). Das erstere findet sich in zumeist stärkeren Rudeln im Süden der Kolonie, das letztere schweift in oft riesigen Herden durch die Masaisteppe, bis zum Athi-River in Britisch-Ostafrika, der die Nordgrenze seines Verbreitungsbezirkes darstellt. Während nun die Decken der beiden genannten Arten einen blaugrauen Farbenton aufweisen, fiel mir bei meinen Gefangenen, zwei ausgewachsenen Bullen, auf, daß die Grundfarbe ihres Haarkleides mehr ins Bräunliche überging. Charakteristisch war ferner ein etwa fingerbreiter weißer Streifen, der sich quer über das Nasenbein hinzog und der sich von dem tiefschwarzen Vorderkopf besonders scharf abhob. Somit hatte ich berechtigten Grund zu der Annahme, daß es sich hier um eine neue, das heißt wissenschaftlich bisher für Deutsch-Ostafrika noch nicht nachgewiesene und beschriebene Spezies handle. Und mit dieser Vermutung sollte ich auch Recht behalten, denn als die Tiere später im Stellinger Park von Fachmännern untersucht wurden, wurden sie als Rufidji-Johnstongnu (Connochaetes johnstoni rufijianus) identifiziert, welche Art bis dahin nur in Britisch-Nyassaland bekannt war. Das Rufidji-Johnstongnu unterscheidet sich durch mehrere, sehr bezeichnende Merkmale von seinen südlichen Vettern. Der Leser wird es mir nachfühlen können, daß ich heute noch Genugtuung und Freude über diesen Fang empfinde, der es mir ermöglichte, auch meinerseits ein Scherflein zur Erweiterung unserer Kenntnisse der Zoographie des tropischen Afrikas beizutragen.

In kurzer Zeit hatten sich in den oben erwähnten Fanggruben zwei Flußpferde (Hippopotamus amphibius L.), die von den Eingeborenen „Kiboko“ genannt werden, gefangen. Die Fanggruben für diese Tiere legt man am besten auf ihren Wechseln selbst an, wenn man wirklich Erfolg haben will. Sie müssen für diese mißtrauischen Geschöpfe ganz unauffällig angelegt sein, und zwar nicht nur für ihre Augen, sondern auch für ihren feinen Geruchssinn. Bei der geringsten Veränderung des Weges scheut das Tier zurück und schlägt eine andere Richtung ein. Bei der Anlage meiner Fanggruben machte ich mir außer diesem auch noch folgende Erfahrung zunutze: Das Flußpferd hat eine außergewöhnliche Art, seine Losung abzugeben; es stellt sich dabei so, daß es rückwärts gegen einen Busch steht, und während es den Darm entleert, schlägt es in rasender Bewegung mit dem kurzen Schwanzstummel hin und her, so daß die Losung über den ganzen Busch und die nächste Umgebung geschleudert wird. Hierbei hatte ich bemerkt, daß die Tiere mit Vorliebe an ein und denselben Plätzen mehrmals ihre Losung abgeben. Infolgedessen legte ich die Fanggruben stets da an, wo neben dem Wechsel ein solcher Busch stand, denn durch den Geruch der eigenen Losung war es dem Tiere nicht möglich, eine fremde Witterung zu bemerken.

Nachdem wir also die zwei ersten Flußpferde, ziemlich ausgewachsene Exemplare, in den Fanggruben hatten, trat die wichtige Frage auf, wie diese gefährlichen und schweren Tiere ohne jede Hebevorrichtung in den vorher hergerichteten Tierkral an den See zu bringen seien. Den Flußpferd-Kral hatten wir sehr praktisch am See selbst angelegt, indem wir ein Stück Wasser nebst dem dazugehörigen Seerand durch fest eingerammte Palisaden eingefriedet hatten, um somit den Tieren möglichst ihre natürlichen Lebensbedingungen zu lassen. Es hieß also, wie gesagt, die Kolosse schnell aus den Fanggruben heraus- und in den vorbereiteten Kral hineinzubringen.

Tiertransport an Bord eines Dampfers
Idyll auf dem Transportdampfer, im Vordergrund ein Marabu

Ich habe in Europa am Biertisch öfters Ingenieuren das Rätsel aufgegeben: „Wie bekommen Sie ein etwa 2000 Pfund schweres Flußpferd aus einer 2½ Meter tiefen Grube ohne Hebewerkzeuge, ohne Stricke und ohne daß die Leute das Tier anfassen, heraus?“ Da habe ich von den meisten die Antwort bekommen, das gehe nicht und sei unmöglich. Es ist aber doch möglich und genau so einfach wie das Ei des Kolumbus. Man braucht nur Leute, Beil und Buschmesser, das sonstige Material liefert die Wildnis. Zuerst fällt man in der Nähe der Fangstelle Bäume und läßt aus deren Ästen etwa 2½ Meter lange Pfähle zurichten. Die geraden und langen Pfähle benutzt man zum Bau eines Kastens, mit den krummen und dem Buschwerk umgibt man die Grube mit einem starken Zaun, in welchem, dem Kopfe des Tieres gegenüber, eine Öffnung freigelassen wird. Nach Fertigstellung des Transportkastens, dessen einzelne Teile durch Rindenbast fest miteinander verbunden sind, wird derselbe mit seiner Öffnung vor das erwähnte Loch in der Umzäunung gestellt und durch einige Pfähle und Baststricke festgehalten, damit er beim Hineinschlüpfen des Flußpferdes nicht verschoben wird und kein Unglück passieren kann. Nunmehr kommt die Hauptsache: Man läßt von den Schwarzen Erde in die Fanggrube werfen. Das Tier, durch die herabfallenden Schollen getroffen, schüttelt und bewegt sich und stampft dabei die hineingeworfene lockere Masse fest. Nach und nach füllt sich die Grube an, das Hippo kommt immer höher und höher, sieht die Öffnung und stürmt in den Transportkasten hinein. Im selben Augenblick werden schon vorher bereitgehaltene Stangen durch die Rückseite des Kastens gesteckt und das Tier sitzt gefangen und wehrlos in demselben. Auf diese Art und Weise brachten wir auch die eben genannten Dickhäuter in unsere Gewalt. Soweit war alles gut, aber bis zum Flußpferdkral waren 4 Kilometer zurückzulegen. Da wir aber weder Wagen noch Hebezeuge, noch sonstige Transportmittel hatten, blieb nichts anderes übrig, als die schweren Lasten mit langen, unter dem Kasten durchgelegten Stangen durch die Muskelkraft unserer 200 Neger zu befördern. Es bedurfte vieler Stunden, mancher Schweißtropfen und etlicher Kreuzdonnerwetter, bis wir unsere Beute an Ort und Stelle hatten. Einmal im Krale, der ihren Bedürfnissen gemäß angelegt war, gewöhnten sich die Tiere bald ein und schienen sich bei der Leichtigkeit, mit der sie auch Futter, nämlich Gras, Hirse usw. an Ort und Stelle fanden, ganz wohl zu fühlen. Vielfach wird in Büchern behauptet, daß die Flußpferde nur in der Nähe des Wassers äsen. Ich habe jedoch des öfteren Flußpferde viele Kilometer weit von jeder Wasserstelle entfernt äsend angetroffen; allerdings führten von diesen Plätzen tief ausgetretene und stets wieder benutzte Wechsel zu den Tränken hin.

Das Fangergebnis von wenigen Wochen in diesem Revier war folgendes: 2 Flußpferde, 15 Wasserböcke, 2 Johnston-Gnus, 1 Kuhantilopenbulle, 20 Schwarzfersenantilopen und mehr Paviane als uns lieb waren. Alle diese Tiere hatten wir natürlich nicht an einem und demselben Platze gefangen, sondern in verschiedenen Gegenden erbeutet. Auch an der ersten Jagdhütte Petersens hatten wir Krale angelegt und die Tiere auf die beiden Lagerplätze bei Utete und bei Jaroilo verteilt.

Bei dem fabelhaften Wildreichtum dieses wohlgewählten Fangplatzes hatte ich in kurzer Zeit die Tiere, die ich dort hatte fangen wollen, beieinander und konnte sie in den zweckentsprechenden Kralen verläßlichen Leuten zur Pflege übergeben. Es hieß nun, sich die nötigen Bretter, Werkzeuge und Nägel zu besorgen, um regelrechte Transportkästen für die Europareise herzustellen. Dies ist mitten in der Wildnis eine schwierige Sache, da weder Bahnen noch Straßen das Herbeischaffen der Sachen erleichtern. Da Herr Petersen eine Reise nach Mohoro zu machen hatte, so begleitete ich ihn, in der Hoffnung, vielleicht dort zu finden, was ich brauchte.

Auf dem Rufidji verkehrt zweimal im Monat der kleine Regierungsdampfer „Tormondo“, und zwar auf der Strecke von Salale an der Küste bis in die Nähe der großen Pangani-Fälle. Daher richteten wir es so ein, daß wir ihn zu unserer Reise wenigstens ein Stück weit bis Kilindi benutzen konnten. Auf dieser kurzen Fahrt hatte ich die Gelegenheit, den Fluß und die hier auftretende Tierwelt zu beobachten. Der ganze Rufidji ist von Flußpferden belebt, und an den hochgelegenen Uferstrecken sieht man deutlich, wie ihre Wechsel in tiefen Rinnen bis zum Flusse führen. Die Tiefe dieser Rinnen ist dadurch bedingt, daß sie täglich von den schweren Dickhäutern benutzt werden. Kann man sich unbemerkt vor Sonnenuntergang an eine Gruppe von Flußpferden heranschleichen, wenn sie eben das Wasser verlassen haben, so erlebt man ein hübsches Schauspiel: Die Tiere sind sehr mißtrauisch, sie sichern stets beim Heraustreten aus dem Wasser und verlassen nur ganz langsam und vorsichtig das nasse Element. Fällt nur ein Schreckschuß, so machen sie schleunigst kehrt und flüchten wieder so rasch wie möglich in das Wasser zurück. Urkomisch ist es dann zu sehen, wie die Kolosse, die schon oben an der Rinne angelangt sind, laufend und rutschend auf der schiefen Ebene plumpsend in das Wasser sausen, wo sie minutenlang untertauchen. Ihre Nüstern sind zu diesem Zwecke verschließbar wie eine Ventilklappe. Tauchen sie dann wieder auf, so stoßen sie den lang angehaltenen Atem mit starkem Drucke aus, so daß das Wasser hoch aufspritzt. Während des Tages liegen die Tiere meistens träge im Wasser, nur die Schädeldecke, Ohren und Nasenlöcher ragen über die Oberfläche heraus. Man sieht keine Bewegung, als hier und da ein schnelles Kreisen der kurzen Ohren. Bisweilen, namentlich in den oben erwähnten Tümpeln, findet man ganze Herden bei munterem Spiel. Dabei bringen sich die Tiere mit ihren schrecklichen Hauern oft große Verwundungen bei, wie manchmal an den Wunden der gefangenen und erlegten Stücke festzustellen ist. Zur Brunstzeit, wenn die mächtigen Bullen untereinander kämpfen, muß es wohl gefährliche Wunden absetzen. Aus den mächtigen Hauern werden von den Indern wunderschöne Schnitzarbeiten gemacht. Es ist Elfenbein, aber mit einer sehr harten Glasur überzogen. Für einen guten Schützen ist es keine Kunst, an einem Tümpel von sicherem Versteck aus beliebig viel Exemplare zu erlegen, aber kein weidgerechter Jäger wird sich dieses zweifelhafte Vergnügen machen, sondern höchstens sogenannte Aasjäger, deren es leider auch gibt.

Oft habe ich die Strecke Panganya-Utete in einem Einbaum zurückgelegt. Unterwegs tauchten häufig in allernächster Nähe Flußpferde auf. Waren wir dicht genug herangekommen, so verschwanden sie wieder unter Wasser. Mitunter fuhr das kleine Fahrzeug direkt darüber hinweg. Die Neger zeigten darüber nur wenig Angst. Allem Anschein nach sind Tiere und Menschen hier sehr miteinander vertraut. Für mich war es natürlich kein angenehmes Gefühl, in solch einem wackeligen Boot über die riesigen Dickhäuter hinzufahren.

Daß die Flußpferde mitunter recht bösartig und angriffslustig werden können, habe ich selbst einigemal erlebt. In Kilwa hatte ich seinerzeit 6 Flußpferde, die sich in einem Gehege mit Bassin befanden. Ich war damit beschäftigt, die Dickhäuter mit List in ihre Transportkästen zu locken, was mir auch bei 4 Stück nach einigen Tagen gelang. Die beiden anderen Tiere, besonders aber das eine von ihnen, ein starker Bulle, machte mir andauernd Schwierigkeiten. Acht Nächte hatte ich schon bei großer Moskitoplage auf den Kästen zugebracht. Der Bulle war so schlau, daß er nur so weit in den Kasten hineinging, um das Futter ergreifen zu können, dasselbe dann herauszerrte und draußen verzehrte. Ich kam also nie dazu, die Falltür herunterzulassen. Die Zeit drängte, denn der Dampfer, welcher den Transport mitnehmen sollte, war in den nächsten Tagen fällig. Da besuchte mich, vom Rufidji kommend, Herr Petersen. Er meinte, es sei am besten, er ginge in den Kral, um das Tier aus dem Wasser zu treiben, vielleicht laufe es dann in den Kasten. Gesagt, getan! Ich hielt die Schiebetür hoch und mein Freund begab sich in den Kral. Kaum war er in der Mitte angelangt, als das Tier aus dem Wasser mit offenem Rachen auf ihn zustürzte. Natürlich ergriff Herr Petersen schleunigst die Flucht und lief auf meinen Kasten zu. Ich ließ die Schiebetür fallen, und meinem Zugreifen gelang es, den Bedrohten noch mit knapper Not in Sicherheit zu bringen. Jetzt war das Tier natürlich so aufgeregt, daß ich mich schon mit dem Gedanken trug, es für den nächsten Transport zurückzulassen, aber in der Nacht hatte einer meiner Boys meinen Posten für einige Minuten eingenommen und in dieser kurzen Zeit den wilden Satan gefangen. Im allgemeinen überläßt man solche Arbeit Negern nicht, denn ein zu frühes Herunterlassen der Falltür kann das Tier schwer verletzen und dessen Verlust herbeiführen.

Einen zweiten ähnlichen Vorfall erlebte ich in Stellingen beim Ausladen der Flußpferde. Ein 1,17 Meter hoher Bulle wollte durchaus nicht aus dem Transportkäfig. Wir halfen natürlich etwas nach. Einer der Wärter, der die Schiebetür zum Bassin öffnen wollte, kletterte rittlings auf der Mittelwand des Kastens entlang. Das Flußpferd, welches auf der gegenüberliegenden Seite an der Wand stand, bemerkte dies, stürzte mit offenem Rachen auf den Mann zu und schnappte nach dessen Bein, indem es förmlich an der Wand hochsprang. Der Wächter konnte sich nur durch das schnelle Hochziehen des Beines vor einem schweren Unfall retten. Auch Herr Petersen erzählte mir von einem Unglücksfall, bei welchem ein wütendes Flußpferd einen Neger glatt durchgebissen habe.

Bei Kilindi verließen wir den Dampfer und hatten noch drei Stunden bis Mohoro zu marschieren. Auf diesem Wege kamen wir durch zwei Negerdörfer, wo uns merkwürdige Baumhütten auffielen. Auf jedem stärkeren Baum befand sich etwa 2–3 Meter über dem Boden eine Art Plattform aus Ästen und Zweigen hergestellt und ringsum von Wänden aus Flechtwerk umgeben. Wir sahen, daß die Neger ihre Ziegen und Schafe die Nacht über hier unterbrachten, um sie gegen Löwen und andere Raubtiere zu sichern. In Mohoro konnte ich von einem Europäer einen zweirädrigen Transportkarren ausleihen. Dieser Mann erzählte mir ebenfalls, daß in der ganzen Umgebung große Löwenplage herrsche und ihm erst kürzlich aus einem Kral zwei Ziegen von Löwen geraubt worden seien. Leider fand ich in Mohoro das für meine Transportkästen nötige Material nicht, konnte aber von hier aus in Daressalam alles telegraphisch bestellen, mit der Weisung, sämtliche Sachen mit dem Hauptdampfer nach Salale zu schicken, von wo sie der zurückkehrende kleine Flußdampfer bis oberhalb Utete herauf transportieren konnte. Herr Petersen und ich konnten die 14 Tage bis zur Rückkehr des Dampfers nicht nutzlos verlieren und kehrten daher in dreitägigem Marsche direkt nach Utete zurück. Zugtiere waren für meinen Karren nicht zu haben; so mußten eben meine Träger herhalten, die sich bei der ihnen ungewohnten Arbeit möglichst ungeschickt anstellten, so daß ich meine liebe Not hatte und der Marsch in dem wegelosen Gelände stark verzögert wurde. Wie ich schon vorher erwähnt, herrschte in der ganzen Gegend Löwenplage, und wir trafen auf dem Wege zwei von ihren Bewohnern gänzlich verlassene Negerdörfer. Anstatt ihr Dorf zu befestigen, hatten die Eingeborenen vorgezogen, in eine andere Gegend zu ziehen. Am dritten Tage kamen wir durch eine Landschaft, wo überaus viele Mangobäume in voller Reife standen. Die Früchte und Zweige dieses Baumes bilden eine Lieblingsnahrung der Elefanten, von deren Anwesenheit viele niedergebrochene Äste und verstümmelte Bäume Zeugnis ablegten. Der Elefant trägt zur weiteren Verbreitung des Mangobaumes bei, weil die Keimkraft der verschluckten Fruchtkerne durch die Verdauungssäfte des Riesen nicht beeinträchtigt wird.

Mit der Losung kommen die Kerne zur Erde, werden oft von den Tieren selbst in den Boden getreten, und an allen Stellen, wo dies geschieht, fangen in der Regenzeit die Kerne an zu keimen, so daß allenthalben Mangobäume hervorwachsen. Fast überall, wo die nötigsten Lebensbedingungen da sind, findet man in unserer Kolonie den Mangobaum, dessen Frucht eine große Rolle in der Volksernährung spielt.

Erst spät am Abend des dritten Tages langten wir in Utete an. Leider waren während unserer Abwesenheit durch die Nachlässigkeit einiger Wächter mehrere der gefangenen Tiere eingegangen. Wir schafften energisch Ordnung und eilten nach dem zweiten Tierlager in Jaroilo, etwa 5–6 Stunden von Utete entfernt. Der Weg dahin führte an mehreren Tümpeln vorbei, in welchen überall Flußpferde vorkamen. In einem größeren Gewässer konnte ich bis 60 Stück zählen, deren Spiel ich, im Busche gedeckt, während unserer ganzen Rastzeit beobachten konnte. Will man ein Exemplar erlegen, so muß es durch Genick- oder Kopfschuß geschehen, was für einen geübten Jäger vom festen Lande aus kein Kunststück ist. Sitzt der Schuß richtig, so sinkt das verendete Stück sofort unter, um erst nach geraumer Zeit durch den Auftrieb der Zersetzungsgase wieder an der Oberfläche zu erscheinen. Nun gibt es ein großes Fest für die Neger, eifrig überwachen sie die Wasserfläche, und sobald das tote Tier auftaucht, stürzen sie hinein und ziehen den Kadaver ans Land, wo nun das Zerlegen beginnt. Was von dem Fleisch nicht gleich verzehrt werden kann, wird durch Räuchern oder Trocknen konserviert, das Fett wird ausgebraten und in Kalebassen (Kürbisschalen) gefüllt. Sowohl Fleisch wie Fett sind auch für einen Europäergaumen genießbar. Ich begnügte mich mit der Erlegung eines starken Bullen, von welchem ich den Schädel mit seinen gewaltigen Hauern sowie die schwere Schwarte als Trophäe behielt. Das Wildbret überließ ich unseren Negern, die denn auch mit aller Gründlichkeit daran gingen, sich den leckeren Braten zu Gemüte zu führen. Was dann noch übrigblieb, räumten Aasgeier und Marabus auf. Interessant war es immer, das kluge Gebaren der Marabus zu beobachten. In würdevoller Ruhe stehen diese Philosophen abseits der schreienden und sich um die Beute streitenden Aasgeiergesellschaft. So oft nun ein Fleischfetzen beiseite fliegt, stelzt der nächste der großen Kropfstörche rasch hinzu, faßt den Brocken, wirft ihn hoch und fängt ihn mit seinem Schnabel wieder auf, um das Stück im Kropf verschwinden zu lassen.

Vom Verfasser importierte Flußpferde in Carl Hagenbecks Tierparadies
Verfasser mit zwei jungen Nashörnern in Mombasa
Bob und Marianne mit einem Masai

Am Lagerplatz in Jaroilo stellten wir ebenfalls die etwas gelockerte Ordnung wieder her und ruhten uns von den Strapazen der letzten Tage aus. Die hungrigen Schwarzen baten um Wild, und wir gedachten am nächsten Morgen, dem ersten Weihnachtsfeiertage, einen Festbraten zu schießen. Trotz der vielen Ratten, die in der Jagdhütte auf den Mattendecken unserer Moskitonetze die ganze Nacht herumtanzten, schliefen wir fest und ungestört. Der Feiertag zeigte am Morgen ein trübes Gesicht; es regnete, so daß wir keine rechte Lust hatten, bei der Nässe auf die Jagd zu ziehen. Als jedoch der Regen nachließ, meinte Herr Petersen, wir müßten Fleisch haben, in der Nähe der Hütte wäre Wild genug und wir hätten höchstens eine Stunde zu gehen. Er war seiner Sache so sicher, daß er mir sogar abriet, die Büchse mitzunehmen; er selbst versah sich mit seiner 9,3-Büchse, während ich nur eine leichte Vogelflinte mitnahm. Wider Erwarten hatten wir nach einer Stunde Marsch weder einen der sonst so häufigen Wasserböcke, noch anderes Wild angetroffen, und als wir in eine Lichtung kamen, in der ein Tümpel lag, beschlossen wir uns zu trennen und das Wasser rechts und links zu umgehen. Als wir uns wieder trafen, war unsere Verwunderung groß, denn weder mein Gefährte noch ich hatte ein Stück Wild zu Gesicht bekommen, nicht einmal einen Vogel hatte ich angetroffen. Nun schlug Herr Petersen vor, in einem großen Bogen zurückzukehren, an einem anderen Tümpel sei sicherlich Wild zu finden, wenigstens doch ein Wasserbock oder eine Schwarzfersenantilope. Wir waren noch keine 20 Schritte in der angeschlagenen Richtung gegangen, als einer der uns begleitenden Neger uns leise anrief und lautlos auf einen dunklen Punkt unter einem Baume deutete. Infolge des Nebels konnten wir nur erkennen, daß dort ein Stück Großwild stand. Herr Petersen glaubte ein Johnston-Gnu vor sich zu haben, legte an und schoß. Das Tier zeichnete stark, sprang gleich wieder auf und flüchtete. Wir eilten an den Anschuß, wo die Fährte auf einen mächtigen Büffel deutete. Herr Petersen frohlockte und meinte, es könne nur ein alter Einzelgänger sein, der außer einem prachtvollen Braten in seinem Schädel und Gehörn eine wundervolle Jagdtrophäe abgäbe. Wir verfolgten die Fährte, und ich war der festen Überzeugung, daß dies gefahrlos sei, denn mein Kamerad hatte sich stets als ein erfahrener Jäger und sicherer Schütze gezeigt. Endlich sichteten wir den Bullen in 150 Meter Entfernung, aber sobald er uns eräugte, schlug er einen Haken in dem Moment, wo Petersen die Büchse zum zweiten Schuß anlegte. Der Büffel verschwand im Busch. Wir gingen ihm nach in der Meinung, daß das schwerkranke Stück sich in der Nähe ins Wundbett legen würde. Ich war etwa 100 Meter vorausgelaufen und sah mich um, als plötzlich der Büffel, der unbemerkt hinter dem Busch zurückgekommen war, in wütendem Angriff mich seitlich annahm und, ehe ich die geringste Bewegung machen konnte, überrannte, so daß mir sekundenlang die Sinne vergingen. Glücklicherweise hatte das angeschweißte Tier sich im Anlauf verrechnet und mich nur gestreift. Als ich wieder zur Besinnung kam, lag ich unter dem stillstehenden Büffel zwischen dessen Hinter- und Vorderläufen, — eine keineswegs beneidenswerte Situation. In einem raschen Sprung suchte ich in den Busch zu entkommen. Sofort drehte sich mein Gegner um und drückte mich mit seinem Hinterteil in den Busch hinein, wo ich mit den Händen einen kleinen Baum erreichen konnte und im instinktiven Selbsterhaltungstrieb hinaufkletterte. Der Baum war höchstens armdick, und seine kleine Krone, deren Zweige ich herabbiegen konnte, verbarg mich nur unvollkommen; ich hing an dem Baume wie an einer Turnstange und hatte keinen Ast als Stütze. Herr Petersen mochte etwa 40–50 Schritte hinter mir geblieben sein; ich hatte ihm, als ich plötzlich den Büffel erblickte, zugerufen: „Hier ist er, schieße!“ Ob er nun, als ich vom Büffel überrannt wurde und auf Sekunden die Besinnung verlor, schoß oder nicht, kann ich nicht sagen. Ich fand nur später in seinem Gewehr eine leere Patronenhülse, ein Zeichen, daß er nicht repetiert hatte. Sei es, daß Petersen in der Aufregung diesen für einen erfahrenen Jäger unverzeihlichen Fehler begangen hat, sei es, daß er beim Angriff des wütenden Tieres auf die kurze Entfernung keine Zeit mehr dazu fand, ist ebenfalls unaufgeklärt geblieben, da wir später den schwerkranken Büffel nicht mehr finden konnten. In dem Augenblick, wo ich auf den Baum kletterte, sah der Bulle, als er sich drehte, Petersen und stürzte sich in rasender Wut auf ihn. Die Szene, der ich nun von meinem Zufluchtsorte aus wehrlos und hilflos zuschauen mußte, ist das Schrecklichste und Schauderhafteste, was wohl einem beherzten Manne zu sehen beschieden sein kann. Der Büffel warf Petersen nieder und suchte ihn auf seine Hörner zu bringen, indem er ihn am Boden hin und her schob, den ganzen Platz aufwühlend. In wenigen Sekunden hingen dem Ärmsten die Kleiderfetzen vom Leibe. Glücklicherweise schien er die Besinnung verloren zu haben, denn ich hörte nichts als das laute Schnaufen des Büffels. Endlich ließ dieser von dem anscheinend leblosen Körper ab und blieb etwa in 20 Meter Entfernung von mir stehen. Es war tatsächlich ein alter Einzelgänger mit einem prachtvollen Kopf und kapitalen Gehörn. Nun dachte ich: „Jetzt kommt die Reihe an dich,“ doch der Büffel nahm mich in meinem Versteck nicht wahr. Eine merkwürdige psychologische Tatsache, die mir allerdings erst später auffiel, war die, daß ich, obwohl ich den sichern Tod vor Augen sah, keinerlei Furcht empfand, sondern nur eine grenzenlose Wut, ohne Waffe zu sein und meinen Freund nicht rächen zu können. Unsere beiden schwarzen Gewehrträger waren natürlich spurlos verschwunden, was meinen Ingrimm noch erhöhte. Ich konnte aber nichts machen, als mich ganz stille zu verhalten, um die Aufmerksamkeit der Bestie nicht auf mich zu lenken; denn, wenn der Büffel mich bemerkt und den Baum auch nur gestreift hätte, wäre ich heruntergefallen und ihm wehrlos preisgegeben gewesen. Während letzterer schnaufend hartnäckig mir gegenüber stehen blieb und mir von der Anstrengung des Festhaltens am Baum die Glieder anfingen einzuschlafen, überlegte ich, was zu tun sei. Hinter mir, etwa 10 Meter entfernt, befand sich ein hoher bewachsener Termitenhügel, und hinter diesem ein großer Baum. „Kannst du den Hügel erreichen, ohne daß dich der Büffel bemerkt, so bist du gerettet!“ So überlegte ich. Wie ich freilich allein von da in der mir unbekannten Gegend mich zu unserem Lager zurückfinden sollte, von wo wir morgens im Nebel weggegangen waren, wußte ich nicht. Die Sonne brannte mir unbarmherzig auf den bloßen Schädel und die von dem Büffel getroffenen Stellen meines Körpers schwollen an und schmerzten; ich merkte, daß ich es nicht mehr lange in der schrecklichen Lage aushalten könne. Da sah ich plötzlich Petersen, der ganz nackt und wie tot dalag, sich aufrichten und sich gegen einen Baum schleppen, wo er niederkauerte. Mit schwacher Stimme rief er: „Schulz, schieß’ ihn tot!“ Der Arme wußte nicht mehr, daß ich gänzlich ohne Waffe selbst hilflos dem Büffel preisgegeben war. Welche Verzweiflung mein Herz durchwühlte bei dem Flehen meines todwunden Freundes, können Worte nicht schildern. Gerade wollte ich ihm zurufen, er solle sich ruhig verhalten, als der Bulle ihn wiederum erblickte und mit neuer Wut auf ihn zustürzte. Er schleuderte ihn seitlich vom Baume weg und mit einer blitzschnellen Drehung nahm er ihn auf die Hörner, warf ihn hoch und fing ihn dicht an meinem Baume mit dem Kopfe wieder auf. Das Krachen der zerbrechenden Knochen ging mir durch Mark und Bein. Es war zum wahnsinnig werden; ich klammerte mich an den einen Trost, daß der Arme nicht mehr leiden könne, sondern tot sein müsse. Der Büffel warf den toten Körper ein zweites Mal im hohen Bogen durch die Luft in einen Busch abseits meines Baumes und ließ seine Wut von neuem an ihm aus. Diesen Augenblick benutzte ich, glitt rasch vom Baume herab und lief hinter dem Busch nach dem erwähnten Termitenhügel, wobei ich über einen lang im hohen Grase liegenden Schwarzen stolperte, der sich lautlos und zitternd in demselben versteckt hatte. Mein erstes Wort war: „Schnell, such’ die Gewehre!“ Doch der Neger weigerte sich, vor Furcht zitternd, sie zu holen, während er mir die Termiten von den Kleidern ablas, die ich in meiner Aufregung gar nicht bemerkt hatte. Ich erkletterte den Termitenhügel und hielt Umschau. Der Büffel war nicht mehr zu sehen und schien sich entfernt zu haben. Jetzt kroch ich auf allen Vieren zu der Unfallstätte zurück, um selbst die Gewehre zu holen, die dort liegen mußten. Nach kurzem Suchen fand ich sowohl mein Gewehr als auch die Büchse Petersens und einen Speer nebeneinander auf dem Boden liegend. Sofort ergriff ich die Büchse und repetierte, wobei, wie schon oben bemerkt, eine leere Patrone herausfiel. Es waren noch zwei Patronen im Magazin, so daß ich zu der Ansicht kam, daß, wie gesagt, Petersen entweder keine Zeit mehr gefunden hatte zu schießen, oder aus Furcht, mich selbst zu treffen, in dem kritischen Moment nicht geschossen hatte. Ich kehrte auf den Termitenhügel zurück in der Hoffnung, den Büffel noch zu schießen, aber weit und breit regte sich nichts. Der Bulle hatte seine Wut erschöpft und war offenbar in das Wundbett gewechselt, denn ich hatte deutlich gesehen, daß er stark aus der Hüfte schweißte. Nun befahl ich dem ganz verstörten Schwarzen, seinen Kameraden herbeizurufen, was er durch Nachahmen eines Vogellockrufes tat. Einen der Neger schickte ich sofort nach dem Lager zurück, um meine eigene Büchse und Leute mit einer „Kitanda“ (Negerbettstelle) als Tragbahre für den Leichnam Petersens herbeizuholen. Inzwischen hielt ich auf dem Termitenhügel traurig die Totenwache und vertrieb die bereits in Scharen herankreisenden Aasgeier durch einen Schuß. Nie im Leben werde ich diesen traurigsten aller Weihnachtstage vergessen. Endlich kamen die Schwarzen mit der Tragbahre an und wir machten uns auf die Suche nach dem Leichnam. Als Petersens Diener beim Zurückbiegen eines Busches plötzlich die Leiche seines Herrn erblickte, verzerrte sich sein Gesicht vor Entsetzen. Der teilweise zerfetzte Körper bot einen fürchterlichen Anblick. Wir legten die Überreste meines armen Kameraden auf die Tragbahre, bedeckten sie mit Zweigen und langsam bewegte sich der traurige Zug nach dem Lager zurück. Sofort verfaßte ich einen Bericht an die deutsche Regierung und sandte ihn durch Eilboten nach Mohoro. Überallhin hatten die Neger bereits durch Trommelschlag das Unglück in die nächsten Dörfer gemeldet, und die Eingeborenen strömten massenhaft im weißen Kanzu, ihrem Feierkleide, zur Leichenfeier herbei. Wegen der tropischen Hitze mußten wir den Toten rasch begraben, denn es trat schon nach wenigen Stunden Verwesung ein. Ich wusch die Leiche und wickelte sie in Bettlaken ein. In der Nähe der Jagdhütte ließ ich ein tiefes Grab ausheben, in welches wir meinen armen Freund zur ewigen Ruhe betteten. Da kein Sarg vorhanden war, deckten wir einige Strohmatten über die Leiche und schaufelten die Erde wieder auf, während die Schwarzen nach ihrer Sitte in einer mir unverständlichen Weise sangen und tanzten. Das Grab ließ ich mit Dorngebüsch einzäunen zum Schutz gegen Schändung durch Hyänen und Schakale. Später ließ ich von Utete Steine holen und baute eine Pyramide mit einem schlichten Holzkreuz über der Ruhestätte auf. Ringsherum pflanzte ich Mangobäume und beauftragte den Dorfältesten des nächsten Dorfes mit der Beaufsichtigung des Grabes.

Von den an Beinen, Brust und Hals erlittenen Quetschungen durch den Büffel fühlte ich mich zerschlagen, dazu kam die Nachwirkung der seelischen Erregungen, so daß ich in einen Zustand völliger körperlicher und moralischer Erschöpfung verfiel. Mein Zustand war begreiflich, saß ich doch hilflos und allein, meines Gefährten beraubt, in der afrikanischen Wildnis, selbst kaum einige Worte der Eingeborenensprache kennend und meilenweit von jedem Europäer entfernt. Das Pflichtgefühl allein half mir über alles hinweg. Ich mußte und wollte den begonnenen Fangzug beenden. So raffte ich mich denn auf und machte mich an die Arbeit. An verschiedenen Orten warteten die gefangenen Tiere auf den Abtransport nach Europa. Der Dampfer, der sie nach Salale bringen sollte, war für den 17. Januar fällig, und ich mußte das Problem lösen, ohne Petersens Hilfe die ganze Arbeit des Kistenbauens und des Transportes aus den Tierlagern nach dem Flusse mit meinen wenigen Suaheliworten in der kurz bemessenen Zeit allein zuwege bringen. Hätte ich diesen Flußdampfer verpaßt, so hätte mein Tiertransport auch den Europadampfer nicht mehr erreicht und wäre während der drohenden Regenzeit überhaupt nicht mehr zum Abtransport gekommen. Das ganze Unternehmen wäre verloren gewesen, weil die Plätze, wo unsere Tierkrale lagen, zur Regenzeit vom Rufidji überschwemmt werden. So raffte ich meine letzte Energie auf und machte mich ans Werk.

Zunächst besuchte ich die Tierkrale, lehrte die Neger, wie sie die Tiere pflegen müssen und ging auch an den zweiten Platz bei Utete, um die dortigen Tierkrale zu revidieren und die inzwischen durch den Flußdampfer herbeigebrachten Materialien für die Transportkästen vom Flußufer nach dem Lagerplatze schaffen zu lassen. Ich fand einen jungen Neger, der ein weniges von der Schreinerei verstand, ließ auf den Köpfen der Träger alles nach dem Lager schleppen, und hier wirkten wir tagelang von morgens bis abends mit Säge und Hammer, bis alles Material verarbeitet war. Dabei stellte sich heraus, daß ich bei weitem nicht genügend Holz hatte, um Transportkästen für alle Tiere zu bauen. Ich half mir damit, daß ich für die kleinen Tiere hohe Körbe aus Lianen flechten ließ und nur den Boden derselben aus Brettern herstellte. Diese Körbe dienten bis zum Abtransport der Tiere den Wächtern, welche die Feuer gegen Raubgesindel unterhalten mußten, als Nachtlager, da sie sich in ihnen selbst vor Löwen sicher fühlten. Kaum war die Arbeit fertig, als mir die Wächter des Flußpferdkrales von Utete meldeten, daß der Fluß bereits bedenklich steige und daß sie fürchteten, die Flußpferde möchten über die Einfriedigung entkommen. Sofort brach ich nach dorthin auf. Die Nacht überraschte uns, und nicht nur den Schwarzen, sondern auch meinen erregten Nerven wurde es unheimlich in der von Großwild und Löwen belebten Gegend. In stockdunkler Nacht kamen wir an der dem Lager gegenüberliegenden Seite des kleinen Sees an, von wo aus der Flußpferdkral mit einem Einbaum zu erreichen war. Dröhnend schallte der zum Überholen verabredete Schuß über die Seefläche. In demselben Augenblick stürzten dicht neben uns zwei starke Flußpferde, die am Ufer geäst hatten, ins hochaufspritzende Wasser, uns einen gehörigen Schreck einjagend. Es dauerte lange, bis das Boot herüberkam, und als der Fährmann von den zwei aufgestörten Dickhäutern hörte, die sich in den See geflüchtet hatten, bekam er Angst und weigerte sich zurückzufahren; aber ich wollte hinüber und er mußte sich fügen. Die Überfahrt ging denn auch ganz glatt vonstatten. Es stellte sich heraus, daß die schwarzen Wärter übertrieben hatten, und ich sah, daß die Einfriedigung der Flußpferde ganz gut noch einige Zeit selbst bei weiterem Steigen des Sees zum Festhalten der Hippos genügte, so daß ich beruhigt zum ersten Tierlager zurückkehren konnte. Der erste Europäer, der mir wieder zu Gesicht kam, war ein Regierungsbeamter, Herr H., der, in amtlichen Geschäften auf einer Plantage weilend, von dem Tode Petersens gehört hatte und nun kam, um den Tatbestand aufzunehmen, wodurch mir eine große Last vom Herzen fiel. Herr H. übernahm auch die Regelung der Hinterlassenschaft und ließ Petersens Effekten abtransportieren. Einige Tage später traf Herr Regierungsrat Graß, der bei einem Jagdausflug ebenfalls von dem Unglücksfall gehört hatte, bei mir ein. Ich schilderte ihm meine Lage und er überließ mir in liebenswürdiger Weise zwei Polizisten (Askaris). Es waren gute und treue Leute, die mir sehr zustatten kamen und die Schwarzen in gehörigem Respekt hielten. Komisch war anzusehen, wie sie mit Wasser und Glasstückchen ihre Kopfhaare abrasierten. Herr Regierungsrat G. und ich hätten gerne den Unglücksplatz aufgesucht, um nach dem Verbleib des Büffels zu forschen. Es war mir aber unmöglich, die Stelle wiederzufinden, und die Schwarzen weigerten sich in abergläubischer Furcht, den Ort zu zeigen und ihn zu betreten. Herr Regierungsrat Graß schoß ein kapitales Gnu und zog dann weiter, nachdem er den beiden Askaris eingeschärft hatte, jedem meiner Befehle nachzukommen. Mit Hilfe der handfesten Unterstützung dieser beiden Askari ging alles wie am Schnürchen. Ich brachte alle meine Tiere in die Kästen und ließ sie mit den nötigen Instruktionen für Pflege und Fütterung in den Händen der schwarzen Wärter, diese wieder unter Aufsicht eines Askaris zurück. Hierauf eilte ich nach dem zweiten Lagerplatz bei Utete und bereitete auch dort alles zum Abtransport vor. Nun war die Frage, wie ich die zum Teil sehr schweren Kisten bis zu der etwa eine Stunde entfernten Anlegestelle des Dampfers bekäme. Die kleineren Kisten wurden samt ihrem lebenden Inhalt auf Tragstangen und auf den Schultern der Neger zum Einladeplatz an das Flußufer gebracht. Die Beförderung der schweren Flußpferdkasten dagegen hätte ungeheure Mühe gekostet, da der Weg über felsiges Gelände ging. Ich fand eine bequemere Route. Der See hatte einen kleinen Abflußgraben nach dem Rufidji zu, der aber mit Rohrbinsen und hohen Papyrusstauden verwachsen und während der Trockenzeit nicht befahrbar war. Jetzt aber, wo das Wasser stieg, dachte ich mir, daß die Boote der Eingeborenen nach dem Abhauen des Schilfes durchkommen könnten. Flugs nahm ich einen Einbaum, fuhr vom Flußpferdkral gerade über den See in den Abfluß hinein und ließ von den Schwarzen mit den Buschmessern einen Weg bahnen. Als wir uns nach zwei Tagen glücklich durchgearbeitet hatten und an einer Stelle, wo der Abfluß sich gehörig verbreitert hatte, zum Flusse durchstießen, wollte ich sehen, ob wir leicht an das Flußufer herankommen könnten, und ließ die beiden jungen Schwarzen, die den Einbaum paddelten, in die Strömung hineinfahren. Diese war aber so stark, daß die Ruderer die Herrschaft über das Boot verloren und wir mitten in ein Rudel spielender Flußpferde hineintrieben. Hätten wir eines der Tiere angerannt, so wäre es uns wohl schlecht ergangen. Schließlich gelang es unseren gemeinschaftlichen Anstrengungen, aus der Strömung und der gefährlichen Nähe der Dickhäuter herauszukommen und die gesuchte Sandbank, die Anlegestelle für den Dampfer, zu erreichen. Somit hatte sich meine Idee, die Flußpferde auf dem Wasserwege zum Einladeplatz des Dampfers zu bringen, als ausführbar erwiesen, und wir machten uns sofort ans Werk, dieselbe in die Praxis umzusetzen. Natürlich mußte zuerst die Schilfwildnis mit dem Buschmesser auf der ganzen Länge des Abflusses in einen breiten Weg gelichtet werden; sodann wurden drei Einbäume zusammengebunden und die Flußpferdkästen auf ihnen durch die schmale Wasserstraße des Seeabflusses bis zu der Sandbank am Rufidji gebracht. An einem Sonnabendnachmittag hatten wir endlich alle Tierkästen auf der Sandbank gelandet, und sie verblieben hier unter der Aufsicht der Wärter und eines Askaris.