Eine Giraffe stößt die Trinkschüssel um, deren Inhalt sich auf den Träger ergießt

Giraffenfang im Meru-Gebiet

Der Dampfer „König“ hatte in Mombasa noch einige Tiere an Bord genommen und fuhr nun mit meinem großen Rufidji-Transport unter Aufsicht meines Kollegen nach Hamburg ab. Erleichtert atmete ich auf. Alle Tiere waren wohl und gesund an Bord untergebracht und befanden sich unter guter Obhut. Ich begab mich in mein Hotel zurück und legte mir meinen bereits ausgearbeiteten, neuen Plan nochmals zurecht, um sobald als möglich an die Ausführung desselben gehen zu können.

Lange schon war in mir der Gedanke gereift, einen großen Giraffen-Fangzug im Norden unserer Kolonie zu unternehmen. Bisher war die ostafrikanische Giraffe noch nie lebend nach Europa importiert worden. Die damals in den zoologischen Gärten vertretenen Giraffen stammten ausschließlich aus dem Sudan. Die Sudan-Giraffe weist mit ihren fahlgelben, gradlinigen Flecken auf hellem Untergrunde bei weitem nicht die frische Farbentönung auf wie die ostafrikanische Giraffe mit ihren kaffeebraunen, weinblattartigen Fleckenzeichnungen auf hellgrauem Grunde. Deutlich treten bei diesem schönen Tier der buntgefleckte Kopf, die weißgrauen Ohren und die gesprenkelten Beine hervor, während ihre sudanesische Schwester mehr monoton gefärbt ist. Ohne mich hervorzuheben, erfüllt es mich mit Stolz, als Ergebnis dieses Fangzuges die ersten Exemplare der ostafrikanischen Giraffe, und zwar der in der Masai-Steppe vorkommenden Art (Giraffa tippelskirchi Mtsch.) lebend nach Europa gebracht zu haben. Zum Fang selbst hatte ich mir das Meru-Gebiet, ein Dorado der Giraffen, ausersehen. Bemerken möchte ich noch, daß die in der Küstenregion lebende Giraffe (Giraffa schillingsi Mtsch.) nach Prof. Matschie eine besondere Spezies darstellt.

Zunächst begab ich mich mit der britischen Ugandabahn nach Voi, um von hier aus über eine etwa 70 englische Meilen weite wasserlose Strecke an die Grenze und in das deutsche Meru-Gebiet zu gelangen. Da zu jener Zeit die deutsche Usambarabahn noch nicht bis in diese Gegend vorgebaut war, so wurden alle Waren, die für das deutsche Kilimandjaro- und Meru-Gebiet bestimmt waren, in Mombasa ausgeschifft und mit der englischen Ugandabahn nach Voi befördert. Von dort mußten sie mit Eselfuhrwerken quer durch die Steppe transportiert werden. Die bequemen und sicheren Ochsenfuhrwerke der Buren konnten dazu nicht benutzt werden, weil auf dieser Strecke Tsetse-Gefahr herrschte. Esel sind zwar auch nicht sicher vor der Tsetse-Infektion, aber weit weniger empfindlich als Ochsen und Pferde. Ein Inder war auf die gute Idee verfallen, mit einem Lastauto die Beförderung von Gütern durch dieses Gebiet zu unternehmen. Ich machte mir dies zunutze und sicherte mir bei dem Chauffeur, einem Deutschen, gegen Geld und gute Worte einen Platz neben dem Führersitz. Der Wagen war angefüllt mit indischen Kaufleuten, Banjanen, Fundis (Handwerker), deren Familien und ihren Waren. Bequem hatten es diese Passagiere gerade nicht; Männer, Frauen und Kinder saßen auf und neben den Gepäckstücken wie Heringe zusammengepreßt. Das Auto fuhr frühmorgens um sechs Uhr ab, und bis zum Voi-Fluß ging alles ohne Unfall. Aber dort auf dem weichen Boden genügten die Kräfte des Benzinkastens nicht mehr, wir mußten absteigen und durch Schieben und Ziehen die fehlenden Pferdekräfte ersetzen, um die steile Böschung zu überwinden. In holperiger Fahrt ging es wieder weiter bis in die Nähe von Bura, wo die erste Haltestelle sein sollte. Kurz vor Bura, wo sumpfiges Gelände vorherrschte, war eine Art Damm aus Sand aufgeschüttet, auf dem das Auto dahinfuhr. Unter der Last des schwerbepackten Wagens gab der Damm auf der einen Seite nach, und ehe wir uns versahen, schlug der Karren um und die ganze Reisegesellschaft mit sämtlichem Gepäck lag im Sande. Glücklicherweise war kein Unglück geschehen, und trotz des erlebten Schreckens mußte ich herzlich lachen über den Anblick, wie die Inder und ihre vermummten jammernden Weiber und Kinder unter den Gepäckstücken hervorkrochen. Nun galt es, unser Fahrzeug wieder aufzurichten; dazu reichten aber unsere Kräfte nicht aus. Es wurden einige Inder in das nahe Dorf geschickt, um Schwarze zu Hilfe zu rufen. Wenn es schon für verständige Europäer nichts Leichtes ist, ein mehrere Tonnen schweres, umgestürztes Auto ohne Hebezeug wieder auf die Räder zu bringen, so war dies mit den ungeschickten Negern erst recht ein schweres Werk. Bewunderungswert war die Kaltblütigkeit unseres Chauffeurs; als sein Fuhrwerk auf dem Rücken lag, hatte er nur die lakonischen Worte: „So, da liegt er, ich mach’s auch so“; sprach’s und ließ den Worten die Tat folgen. Da ich ungeduldig war, vorwärtszukommen, machte ich mich allein mit den Indern und herbeigeeilten Negern daran, das Auto wieder aufzurichten. Mit Hilfe von Ästen und Baumstämmen gelang es nach vieler Mühe, den Wagen wieder in seine natürliche Stellung zu bringen. Er war so solide gebaut, daß der Chauffeur zu unserer Freude feststellen konnte, daß gar kein Schade geschehen war.

In Bura nahmen wir genügend Wasser auf, da wir jetzt die wasserlose und unbewohnte Serengeti-Steppe zu durchqueren hatten. Die Fahrt ging, alten Fahrrinnen folgend, durch das sanft ansteigende wellenförmige Gelände. Abwechselnd durchfuhren wir Dorn- und Buschsteppe, Einöden und weite Grasflächen. Unbarmherzig brannte die tropische Sonne auf das kleine, nur wenig Schutz bietende Segeldach des Autos herab. Der aufwirbelnde Staub, der Benzingeruch, dazu die schreckliche Hitze machten die Fahrt zur Last. Durch das herankommende Auto aufgeschreckt, sauste das Wild in hohen Fluchten über die Steppe.

In diesem Gebiete, das sehr wildreich ist und welches von der britischen Regierung zum Wildreservat erhoben wurde, fiel mir die häufig in Herden auftretende Kuhantilope, hier Kongoni genannt, besonders auf. Diese Antilope (Bubalis cokei Gthr.) hat die Größe eines kleinen Rindes, besitzt einen außergewöhnlich langen Kopf mit merkwürdig doppeltgekrümmten Hörnern und einen nach hinten zu abfallenden Rücken. Der Oberkörper ist hellbraun gefärbt, während die Unterseite hell hervorleuchtet. Für mich waren es interessante und abwechslungsreiche Bilder, diese Kongonis in ihren eigenartigen, hohen Sprüngen über die weiten Flächen flüchten zu sehen. Auch andere Wildarten kamen fortwährend zum Vorschein, um bald wieder zu verschwinden. Unter dem ihnen eigentümlichen Gekreische stoben ganze Ketten von Perlhühnern und Frankolinen vor unserem Auto in die Höhe. Gegen Abend hatten wir bereits eine höherliegende Region erreicht. Nach Einnahme eines einfachen Mahles und den nötigen Sicherheitsvorkehrungen gegen vierbeinige Räuber hüllten wir uns in unsere Decken und verbrachten die in dieser Höhenlage schon kalte Nacht unter freiem Himmel.

Am nächsten Morgen wurde ich bei Anbruch der Dämmerung durch ein prachtvolles Naturschauspiel überrascht. Alles war noch in Dunkel gehüllt, da sah ich in weiter Ferne die beiden schneebedeckten Gipfel des Kilimandjaro, den Kibo und Mawenzi, unter den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne aufleuchten. Wie gebannt stand ich und genoß das herrliche Bild. Allmählich wurde es heller und die Umrisse des imposanten Bergriesen wurden immer deutlicher sichtbar. Weithin schimmerten die beiden Gipfel, welche hoch über eine Wolkenschicht hinausragten. Zum ersten Male sah ich den Giganten der afrikanischen Berge und das Herz jauchzte mir vor Seligkeit über die überwältigende und zauberhafte Pracht, welche mir dieser Anblick bot. Dort drüben lag also das deutsche Gebiet, und mit Freuden begrüßte ich den König der deutsch-ostafrikanischen Bergwelt, der am vergangenen Tage noch durch einen Dunstschleier verdeckt gewesen war.

Masaihäuptlinge
Masaifrauen

Nach Einnahme eines frugalen Frühstücks setzten wir die Fahrt fort. Die warmen Sonnenstrahlen taten unseren durchfrorenen Gliedern recht wohl. In schlangenförmigen Windungen näherten wir uns immer mehr und mehr dem Kilimandjaro und somit der deutschen Grenze. Endlich, am Nachmittag, erreichten wir die britische Grenzstation Taveta, das Endziel unserer Autofahrt. Hier mietete ich für den Weitertransport meines Gepäcks einige Eselkarren und ließ sie unter Aufsicht meiner Schwarzen weiterfahren. Ich selbst fuhr auf meinem mitgebrachten Fahrrad bis zu einer in der Nähe des Himoflusses liegenden Ansiedlung voraus, wo ich in einer aus Baumstämmen und Lehm errichteten Hütte, dem „Hotel zum blauen Affen“, übernachtete. Hier trafen auch mehrere Buren aus Aruscha mit ihren eigenartigen Ochsenwagen ein. Sie besorgten den Frachtverkehr von Buiko, der damaligen Endstation der Usambarabahn, nach Aruscha. Die Buren sind groß in der Kunst, ihre Ochsen mit Wort und Peitsche zu leiten. An einen ihrer sogenannten „Treckwagen“ sind mindestens vierzehn oder mehr Ochsen gespannt. Jeder Ochse hat seinen Namen und kennt ihn ganz genau. Der Führer trägt eine ungeheuer lange, aus Giraffenhaut gefertigte Peitsche und ruft jedes lässige Tier an, diese Aufmunterung jeweils mit einem wohlgezielten Peitschenhieb unterstreichend. Einer dieser Buren hatte sich derartig heiser geschrien, daß er kein lautes Wort mehr hervorbringen konnte, und ich hatte Gelegenheit, ein merkwürdiges Hausmittel gegen Heiserkeit angewendet zu sehen. Der Bur verschluckte nämlich einige Löffel Petroleum mit Zucker und versicherte mir, daß diese den Frachtfahrern allgemein bekannte Medizin absolut sicher wirke. Das Hausmittel half auch wirklich. Hier in der Wildnis, wo auf weite Strecken weder Arzt noch Apotheke zu finden sind, ist es gut, wenn der Reisende oder Ansiedler einige medizinische Kenntnisse mitbringt und ebenso über eine kleine, richtig zusammengestellte Hausapotheke verfügt.

Die Eselkarren, welche mein Gepäck weiterführten, trafen gegen Morgen ein und letzteres wurde von einem Buren gegen Erlegung von 10 Mark pro 100 Pfund zur Weiterbeförderung nach Aruscha übernommen. Dieser hohe Frachtsatz ist bedingt durch die schlechten Straßenverhältnisse und weiterhin durch das Risiko des Zugtierverlustes infolge des Vorkommens der Tsetse-Fliege. Mir selbst ging das Ochsenfuhrwerk zu langsam, weshalb ich trotz der schlechten Wege bis Moschi, dem Sitze eines Bezirksamtes, wiederum das Stahlroß benutzte.

Unterwegs schon bemerkte ich, wie sich das Landschaftsbild zusehends veränderte. Drüben auf dem englischen Gebiet noch die dürre Grassteppe und hier üppige Vegetation! Überall traten Pflanzungen und Niederlassungen auf, besonders am Fuße des Kilimandjaros reihte sich eine Ansiedlung an die andere. Die dem Bergriesen vorgelagerte Hochebene gehört zu den fruchtbarsten und gesundesten der Erde. Bis zu 1500 Meter, den erloschenen Vulkan-Giganten hinauf, erstrecken sich ganze Wälder von Bananen, der Hauptnahrung der dort ansässigen Wadjagga-Neger. Die höher gelegenen Urwälder und ebenso die nachfolgende Bambuszone bieten einer großen Anzahl von Elefanten, Büffeln, Elenantilopen, Buschschweinen, Leoparden, Servalen und vielen anderen Tierarten sicheren Aufenthalt und reichliche Nahrung. Die buntgefiederte Vogelwelt ist außerordentlich reich vertreten, gleichfalls die in vielen prächtigen Arten vorkommenden Insekten, kurzum, wir fanden hier ein wahres Tierparadies, einen richtigen Naturpark, wie ihn die Regierung nicht besser zum Wildreservat bestimmen konnte.

In Moschi angekommen, stieg ich im Hotel von Dr. Förster ab und machte dem Bezirksamtmann meine Aufwartung. Auch traf ich einen Herrn, der gleichfalls den etwa 100 Kilometer langen Weg von Moschi nach Aruscha zu Rade zurücklegen wollte. So hatte ich angenehme Gesellschaft, und wir fuhren gemeinsam am nächsten Tage ab.

Auf dem anfangs wunderschönen, wenngleich etwas ansteigenden Wege kamen wir bei dem herrlichen, kühlen Wetter rüstig vorwärts. Wir passierten den Kikafu-Fluß, das Dorf Boma Nja-ngombe und machten am Sanja-Fluß kurze Rast. Unterwegs begegneten wir großen Schaf-, Ziegen- und Rinderherden, die von Masai-Hirten gehütet wurden; auch zahlreiche wilde Strauße sowie Herden von Zebras und Antilopen sahen wir äsend über die üppige Grassteppe ziehen. Nach und nach wurde der von den schweren Burenwagen zerfahrene Weg für uns immer schwieriger. Stellenweise machte die verwitterte Lavamasse, in welche wir bis zu den Knöcheln wie in Mehl einsanken, das Fahren mit dem Rad gänzlich unmöglich. Der aufwirbelnde aschenartige Staub bildete auf der schweißigen Haut eine graue Kruste und erschwerte uns auch das Atmen und Sehen. Wir näherten uns dem Meru-Berge. Nachmittags erreichten wir den Maji ya Tchai (suah. = Teewasser). Einige dort mit Transportwagen rastende Buren bewirteten uns mit einer Tasse Kaffee. Nach kurzem Aufenthalt ging es weiter zum Flusse Nduruma. Wir mußten dabei allerdings wiederum unsere Stahlrosse schleppen und konnten nur kurze Strecken fahren. Von hier waren nur noch etwa 25 Kilometer bis zu unserem Ziel (Aruscha) zurückzulegen. Es bot sich die günstige Gelegenheit, uns am Flusse von der Aschenkruste zu befreien und uns durch ein Bad zu erfrischen. Eben damit fertig, hörte ich Pferdegetrappel und plötzlich meinen Namen rufen. Von Moschi aus war nämlich meine Ankunft telegraphisch nach Aruscha gemeldet worden. So war nun die anstrengende Radtour glücklich zu Ende, da mir ein Wirt aus Aruscha mit zwei Maultieren entgegengeritten war. Nach einer guten Stärkung, die sich in der Satteltasche vorfand, ritten wir im scharfen Trabe Aruscha zu und trafen daselbst am Abend ein.

Am nächsten Tage hatte ich einen Fieberanfall. Offenbar hatte ich mich auf meinem Jagdzug am Rufidji mit Malaria infiziert und bei meiner Radtour mich überanstrengt. Ich sollte einige Tage das Bett hüten, mochte aber nicht stilliegen, und so raffte ich mich auf, um die Vorbereitungen zum Giraffenfangzug zu treffen. Der Ritt zu einer etwa 10 Kilometer entfernt liegenden Burenfarm griff mich derart an, daß ich Schwindelanfälle bekam und, an meinem Ziele angekommen, die Besinnung verlor. Die guten Farmersleute brachten mich zu Bett und pflegten mich in rührender Weise 21 Tage lang, bis ich wieder ganz hergestellt war. Durch frische Milch, bekömmliche Nahrung und die herrliche Luft gelangte ich bald wieder zu Kräften. Jetzt galt es das Versäumte nachzuholen. Vor allen Dingen hieß es nun, die Expedition zusammenzustellen. Die erwähnte Farm wurde der Ausgangspunkt für den Giraffenfangzug. Auf ihr wollte ich die gefangenen Tiere zähmen und futterfest machen, denn ein frisch gefangenes Exemplar besteht selten die Seereise nach Europa. Zu diesem Zwecke wurden einige Gehege und Schutzdächer für die einzufangenden Tiere errichtet. Der ganze Fangzug war auf etwa sechs Wochen berechnet.

Was es heißt, eine solche Tierfangexpedition auszurüsten und zusammenzustellen, wird sich wohl mancher Leser kaum vorstellen können. Vor allen Dingen braucht man tüchtige und zuverlässige Leute sowie gute und schnelle Pferde. Wagen, Gespanne, Milchkühe und Ziegen für die einzufangenden jungen Tiere, Fanggeräte, Ausrüstung, Zelte, Proviant, Waffen und vieles andere mehr muß angeschafft werden, und alles dies ist mit großen Geldopfern verknüpft, ja mitunter sogar in manchen Gegenden überhaupt nicht zu beschaffen. Unter Mitwirkung meines Wirtes und dessen geländekundigen Freundes, welche beide am Fangzug teilnehmen wollten, konnte ich meine Vorbereitungen in kurzer Zeit vollenden.

Als Fanggebiet war die Gegend zwischen dem Meru-Berg und der ostafrikanischen Bruchstufe ausersehen. Die Entfernung zwischen ihnen beträgt etwa 100 Kilometer. Das Gelände weist mehrere isoliert stehende Bergkegel, wie z. B. Kitumbin und Mondul (Rascha-Rascha) auf. Vorherrschend in diesem Gebiet ist die typische Gras- und Buschsteppe, in der eingesprengt sich ausgedehnte Parklandschaften befinden. Diese Parklandschaften mit ihren großen Mimosenbeständen sind die Aufenthaltsplätze der Giraffen.

An einem Nachmittage setzte sich der ganze Troß, die nordöstliche Richtung einschlagend, in Bewegung. Wir bestiegen unsere Pferde und ritten der Karawane nach. Etwa 20 Kilometer von unserem Ausgangspunkt entfernt bezogen wir an einer Wasserstelle das erste Lager. Wir befanden uns in einer Höhenlage von etwa 1400 Metern, und die Nachtkühle machte sich deshalb stark bemerkbar. Der Unterschied der Temperatur zwischen der hiesigen Gegend und der am früher beschriebenen Rufidji-Fluß im Süden ist ein ganz gewaltiger. Hier das schöne kühle und moskitofreie Gelände, dort unten am Fluß die dumpfe, feucht-heiße Luft mit der schrecklichen Moskitoplage.

Am anderen Morgen in aller Frühe begann der Weitermarsch. Diesmal ritten wir der Karawane voraus. Ein wahrer Hochgenuß ist es, im taufrischen Morgen in die freie, unabsehbare Steppe hineinzureiten. Das Herz geht einem auf, wenn man nach den ersten Sonnenstrahlen von den hundertfältigen Stimmen der erwachenden Natur begrüßt wird. Soweit das Auge reicht, erstreckt sich die unendliche Gras- und Buschsteppe, belebt von vielen Vogelarten. Dicht vor uns auf dem Grasboden laufen große Ketten von Perlhühnern und rebhuhnfarbigen Frankolinen, hin und wieder sieht man einzeln oder auch zu mehreren die großen sowie die kleinen Trappen (Otis kori Burch. und Otis melanogaster Rüpp.) herumstolzieren. Kibitze steigen laut kreischend in die Höhe, um bald wieder in die Steppe einzufallen, auch der langbeinige Sekretär oder Schlangengeier (Serpentarius serpentarius Miller) ist schon eifrigst auf der Nahrungssuche. Öfters sieht man auch den kahlköpfigen Marabu stolz einherschreiten. Viele Singvögel lassen ihr Lied und Gezwitscher in den Morgen hinein ertönen. Auf dem Boden nach Würmern suchend oder auch in den Akazien sitzend, fallen besonders die Silberglanz-Stare durch ihr prächtiges Gefieder ins Auge. Witwenvögel, deren Männchen im schwarzen Hochzeitskleide prangen, flattern in kurzem, wellenförmigem Fluge über das hohe Steppengras. Weißwangige, graue Mausvögel klettern im Geäste der Bäume. Noch viel anderes gefiedertes Volk erfreut das Herz des Naturfreundes durch seine Stimmen, Farbenpracht und anmutigen Bewegungen. Die gesamte Vogelwelt nimmt von uns Reitern kaum Notiz und zeigt fast keine Scheu.

Die ganze Steppe ist kreuz und quer von vielen Wildwechseln durchfurcht, und man wird unwillkürlich in den Glauben versetzt, große Rinder-, Schaf- oder Ziegenherden hätten das Gelände durchzogen. Manche Wechsel sind ganz tief ausgetreten. Die vielen Oryx-, Elenantilopen- und Gnufährten verraten uns schon den großen Wildreichtum dieser Gegend; auch die dreizehigen Nashornfährten finden sich vor, und an den verbissenen Büschen sieht man, daß erst vergangene Nacht so ein Dickhäuter hier geäst hat. Nun zeigt sich das erste Wild. Wir reiten an großen Zebraherden vorüber, die uns alle den Kopf zudrehen und uns anäugen, ohne jedoch die Flucht zu ergreifen. Kleine Rudel von Thomsongazellen stellen sich uns spitz gegenüber und äugen nach uns herüber, während sie ihren Wedel fortwährend in possierlicher Weise hin und her bewegen. Da sehe ich am Boden einen länglichen, großen Tritt, die erste Giraffenfährte! Bald sehen wir mehrere, und wir haben unser Tätigkeitsgebiet erreicht. Ich war wieder in meinem Element und die herrliche Natur ließ mir nach überstandener schwerer Krankheit das Leben doppelt schön erscheinen.

In der Nähe eines großen Wassertümpels errichteten wir am Nachmittage unser Standlager und bauten in diesem Tierparadies einige Krale für die zu erwartende Beute. Vor allen Dingen hieß es nun zuerst die vor uns liegende Gegend zu erkunden, denn es gab in dem flachen Gelände viele versteckt liegende weitklaffende Erdrisse und steilwandige Schluchten, die dem jagenden Reiter, der das Gebiet nicht kennt, leicht verhängnisvoll werden konnten. Ein Sturz von Roß und Reiter in eine Tiefe von 15 Meter wäre wohl mit dem Tode gleichbedeutend. Indem wir an diesen Schluchten entlangritten, orientierten wir uns genau über deren Lage. Bei einem derartigen Erkundungsritt sichteten wir das erstemal ein Rudel von 11 Giraffen. Die Tiere waren aus der Parklandschaft herausgekommen und wechselten an dem Walde entlang. Es waren alles ausgewachsene Stücke, und ich genoß den herrlichen Anblick, die Riesen der Steppe nur auf wenige hundert Meter entfernt in ihrem wiegenden Paßgang vorbeiziehen zu sehen. Durch kleine Tritte im Sand wurde ich auf das Vorhandensein von Jungtieren aufmerksam, und ich war davon überzeugt, daß in dem vor uns liegenden Buschgelände auch Rudel mit solchen vorhanden sein mußten.

Nachdem wir alles vorbereitet und uns gut orientiert hatten, wählten wir einen Hügelrücken, von wo wir eine vorzügliche Übersicht über die ganze Gegend besaßen, zum Ansitz. Die Pferde wurden in Deckung hinter dem Hügel bereitgehalten. Mit scharfen Gläsern beobachteten wir den Buschwald. Die langhalsigen Tiere sind in einem baumbewachsenen Gelände mit bloßem Auge äußerst schwer auszumachen, besonders wenn die Sonne im Zenit steht und das Wild sich im Schatten der Bäume befindet. In der heißen Tageszeit, etwa von 9 bis 3 Uhr, stehen oder liegen die Giraffen gewöhnlich im Schatten hoher Akazien. Dies ist die günstigste Beobachtungszeit. Stundenlang kann man mitunter sitzen, bis eine Giraffe den Kopf über den Baumkronen bewegt, wodurch man erst auf den Standplatz des Rudels aufmerksam gemacht wird. Zum Fang selbst ist aber die beste Zeit frühmorgens oder nachmittags, weil die Tiere um diese Zeit ihre Standplätze wechseln und durch freies Gelände ziehen.

Nun haben wir ein Rudel mit Kälbern gesichtet und es beginnen die spannendsten Momente. Schnell geht es an die Pferde, das Sattelzeug wird nachgesehen und so leicht als möglich bekleidet aufgesessen. Hinter Bäumen und Büschen stets in Deckung bleibend, geht es immer in abgekürztem, leisem Trab so nahe als möglich an die Tiere heran. Wir befinden uns 200 Meter von dem Rudel, und das zu fangende Jungtier ist schon genau auszumachen. Deutlich sehen wir es neben seiner Mutter an einem Busche äsen. Die Spannung steigert sich, jeder Nerv ist angespannt. Noch wenige Meter weiter herangekommen, da eräugen uns die Giraffen und die ganze Gesellschaft wendet sich zur wilden Flucht. Jetzt gibt es kein Halten mehr, die Pferde bekommen die Sporen, alles ist vergessen und die Gedanken und Augen sind einzig und allein auf die junge Giraffe gerichtet. Mitten in das Rudel sprengen wir hinein und versuchen das neben der Mutter flüchtende Junge von seinen Gefährten abzutrennen. Links und rechts sausen wir an den großen Tieren, über Hindernisse hinwegsetzend, vorbei und bald haben wir das Jungtier in ein offenes Gelände gedrückt; das Rudel flüchtet weiter und die Fangschlinge saust über den Kopf der jungen Giraffe. Sobald die Schlinge sitzt, versucht man mit dem Pferde vor die noch immer in voller Flucht sich befindliche Giraffe zu kommen und somit das Tier zum Stehen zu bringen. Schnell sind wir vom Pferde gesprungen, der zweite Reiter ist inzwischen auch herangekommen, und noch ein weiterer Fangstrick wird dem Tier über den Kopf geworfen. Die Giraffe zeigt sich jetzt zunächst völlig verdutzt, merkt aber bald ihre Lage, und unter lautem Blöken vollführt sie die tollsten Sprünge und versucht sich zu befreien. Sie schlägt mit Vorder- und Hinterläufen nach uns, und es heißt äußerst vorsichtig sein, daß man von den ersteren nicht auf den Kopf getroffen wird. Es ist mir vorgekommen, daß halsstarrige junge Bullen direkt auf mich losgingen und mit den Vorderläufen nach mir schlugen. Einmal wurde mir der Tropenhelm glatt durchgeschlagen. Vorsichtshalber habe ich mir später immer den Korkhelm mit Gras ausgefüllt. Die junge Giraffe darf nur mit sanfter Gewalt behandelt werden. Ein unvorsichtiger Ruck kann dem Tier leicht den langen Hals ausrenken oder gar brechen. Eine Giraffe muß innerhalb 3–4 Minuten gefangen sein, da sie sonst zu Tode gehetzt wird. Daß hierzu ausgezeichnete schnelle Pferde die erste Bedingung sind, braucht wohl kaum erst erwähnt zu werden. Die Giraffe ist ein überaus schnelles Tier und vermag auf der Flucht 8–900 Meter in der Minute zurückzulegen.

Weiber der Lembwa, ein mit den Masais vermischter Stamm
Die Masai zeichnen sich teilweise durch intelligente Gesichtszüge aus

Inzwischen ist weitere Hilfe herbeigeeilt und wir versuchen allmählich unseren Gefangenen nach dem Standlager zu führen. Hierbei stößt man mitunter auf große Schwierigkeiten, denn die Tiere sind häufig so störrisch, daß es unmöglich ist, sie von Ort und Stelle zu bringen. In derartigen Fällen wird das Tier gefesselt, auf einen Wagen geladen und zum Lager gefahren. Dabei kommt es aber allerdings auch vor, daß man sich mit einem gefangenen widerspenstigen Tier meilenweit vom Standlager entfernt befindet und von der Nacht überrascht wird. Der nachfolgende Wagen hat unsere Fährten verloren und kann uns infolge der einbrechenden Dunkelheit nicht mehr auffinden. Dann heißt es eben, das Tier die ganze Nacht über abwechselnd festzuhalten, während der eine oder andere für einige Stunden, den Sattel als Kopfkissen benutzend, sich auf den Steppenboden hinstreckt. Das sind Nächte, welche man erlebt haben muß und die zu den Freuden und Leiden des Tierfängers gehören. Manchmal aber gelang es uns, die gefangenen Giraffen ohne große Schwierigkeiten ins Lager zu führen. Der Charakter der Tiere ist eben gerade so verschieden wie beim Menschen. Das gleiche konnte ich auch im Lager beobachten, einige nahmen sofort die ihnen dargebotene Milch willig an, während andere tagelang jede Nahrung eigensinnig verweigerten. Welche Tricks man öfters anwenden muß, um die Tiere zur Aufnahme von Speise und Trank zu bewegen, ist schwer zu beschreiben.

Ein mir bekannter Herr war im Besitz einer jungen Giraffe. Dieser, unkundig wie er das etwa 2½ Meter hohe Tier zum Saugen bringen konnte — Gummilutscher hatte er nicht zur Hand —, war ratlos. Da kam er auf die Idee, die Giraffe an Ziegen saugen zu lassen. Zu diesem Zwecke errichtete er in einem Akazienbaume eine Stellage, in welche er die Ziege hinaufbefördern ließ, damit das langhalsige Geschöpf bequem an das Euter kommen konnte. Er brachte das Tier auch wirklich zum Saugen, trotzdem ging dasselbe aber bald ein. Die von mir gefangenen Giraffen habe ich nie an einem Gummilutscher saugen lassen. Es ist vorgekommen, daß eine junge Elenantilope das Sauginstrument verschluckt hatte und später in Hamburg daran einging, wie die nachträgliche Sektion erwies. Alle meine Tiere lehrte ich aus Schüsseln trinken. Dies ist eine recht mühselige Arbeit, und wahre Geduldsproben hatte ich dabei zu bestehen. Vorsichtig mit hochgehobenen Milchschüsseln nähert man sich dem Kopf der Giraffe. Endlich riecht sie die Milch und steckt natürlich das Maul so tief hinein, daß die Flüssigkeit in die Nasenlöcher dringt und das Tier sprudelnd und prustend den Inhalt über den Kopf und das Gesicht des Schüsselträgers ergießt. Das junge Tier kann noch nicht selbständig trinken und vollführt mit dem Kopf, ähnlich den Rinderkälbern, die saugenden und stoßenden Bewegungen. Man darf keine Mühe scheuen und es sich nicht verdrießen lassen, die Versuche immer wieder zu erneuern, will man seinen Pflegling am Leben erhalten. Alle Stunden muß wieder von vorne angefangen werden. Nach und nach werden die Versuche endlich von Erfolg gekrönt sein. Natürlich wird der zu entwöhnende Säugling dabei immer noch seinem Pfleger einige Sprudel Milch über den Kopf und das Gesicht schleudern. Aus Dankbarkeit wird einem auch manchmal die Giraffe mit ihrer langen, schleimigen Zunge über das Gesicht fahren. Auch ist es mir vorgekommen, daß, während ich die Schüssel hochhielt und ein Tier tränkte, die schon getränkten Stücke zudringlich herankamen und eines mich sogar mit seinen großen feuchten Lippen am Ohr packte und dort zu saugen versuchte. Sind die Giraffen einmal an die Milchschüssel gewöhnt, so wissen sie gar bald, wann ihre Futterzeit da ist. Hören sie nur die Schüsseln klappern, so stehen sie auch schon bereit und jede drängt sich vor, um die erste zu sein. Reinlichkeit, Mäßigkeit und Pünktlichkeit bilden die drei Hauptfaktoren bei der Aufzucht dieser sehr empfindlichen Geschöpfe. Eine Überfütterung ist leicht geschehen und das Tier kann davon schwer erkranken. Nicht bekömmliches Futter kann seinen Tod herbeiführen.

Alle diese Bedingungen können nur von gewissenhaften Leuten durchgeführt werden, und vor allen Dingen ist eine große Tierliebe erforderlich. Nur durch Güte und mit Ruhe gewöhnt man diese Sprößlinge der Wildnis an sich. Wenn man dabei einmal einen Schlag oder einen Tritt abbekommt, so darf man keinesfalls etwa mit der Nilpferdpeitsche dem Tiere gegenübertreten und es strafen oder es roh behandeln. Leute, die so handeln, sind nicht zum Tierfang und zur Zähmung zu gebrauchen. Große Beihilfe in der Pflege der Tiere fand ich in meiner Frau, die während meiner Abwesenheit die Pfleglinge treu versorgte und keine Mühe und Arbeit scheute. Ihr habe ich es zum großen Teil zu verdanken, daß ich so große Erfolge bei der Aufzucht der Tiere hatte und es mir deshalb vergönnt war, die ersten deutsch-ostafrikanischen Giraffen, Oryx- und Elenantilopen, Erdferkel und viele andere Vertreter der dortigen Fauna mehr, lebend und gesund nach Deutschland zu bringen.

Der Giraffenfang, wie ich ihn eben geschildert habe, verläuft natürlich nicht immer so glatt und programmäßig. An Reiter und Pferd werden große Anforderungen gestellt. Die Schnelligkeit der Pferde genügt noch nicht allein. Dieselben müssen auch mit dem Wilde vertraut sein und den Geruch der Giraffen vertragen können. Manche Pferde sind absolut nicht an Giraffen heranzubringen. Gewandtheit und Geistesgegenwart dürfen den Reiter bei einem derartigen tollkühnen Ritt keinen Augenblick verlassen, denn der Boden bietet dort viele Hindernisse. Umgestürzte Bäume, Büsche mit Schlinggewächsen, Dornen, Erdferkellöcher, Baue der Steppenschliefer (Heterohyrax mossambicus Ptrs.) und dergleichen mehr können das Pferd leicht zum Sturz bringen. Auf meinen Jagden bin ich selbst im vollen Galopp viermal mit dem Pferde koppheister gegangen, ohne glücklicherweise ernstlichen Schaden zu nehmen. Hinter einer Giraffe im hohen Grase herjagend, stürzte einmal einer meiner Begleiter kaum fünf Meter vor mir. Sein Pferd war mit den Vorderbeinen in ein Erdferkelloch geraten, überschlug sich, und Pferd und Reiter kollerten am Boden. Ehe ich mein Pferd abwenden konnte, sprang es in gewaltigem Satze über beide hinweg. Der Gestürzte blieb wie tot am Boden liegen. Nach einigen Minuten brachte ich ihn wieder zur Besinnung. Zum Glück konnte ich feststellen, daß er ohne schwere Verletzungen davongekommen war. Anstatt eine Giraffe hieß es nun sein scheugewordenes Pferd einfangen. Nach vierzehntägiger Pflege war mein Begleiter wieder so weit hergestellt, daß der Fang von neuem beginnen konnte. Ein anderes Mal war ich selbst der Leidtragende. Ich jagte mit dem Pferde hinter einem jungen Gnu. Den Lasso schon zum Wurf bereithaltend, flüchtete plötzlich das Tier über eine Steppenschlieferkolonie. Mein Pferd setzte über mehrere Löcher hinweg, brach aber mit beiden Vorderbeinen auf einmal in den Boden ein, so daß es regelrecht auf den Kopf zu stehen kam und sich überschlug. Hierbei wurde ich im Bogen aus dem Sattel geschleudert. Glücklicherweise schlug das Pferd nach der anderen Seite um. Der Sturz lief noch soweit gut ab; außer schweren Knieabschürfungen kam ich mit dem Bruche des rechten Mittelhandknochens davon. Wieder ein anderes Mal passierte es, daß Roß und Reiter in eine alte, von Eingeborenen angelegte Nashorngrube gerieten und beide so festgeklemmt saßen, daß sie buchstäblich ausgegraben werden mußten. Nicht allein Bodenhindernisse bereiten Schwierigkeiten, sondern auch Bäume mit herabhängenden Ästen können den Reiter leicht vom Pferde streifen; auch die mit Hackedorn und Sansivieren bestandenen Gelände erschweren den Fang ganz außerordentlich.

Ist man in ein Giraffenrudel hineingeritten, so heißt es sich sehr vorsehen, um von den gigantischen Tieren nicht überrannt zu werden. Zu Pferde sitzend kommt man sich neben einer ausgewachsenen Giraffe wie ein Zwerg vor. Bei einem Ritt in ein Rudel passierte es mir einmal, daß ich an die Seite eines alten 18 Fuß hohen Bullen kam, der neben mir dahinstürmte. Ich versuchte an dem Riesen vorbeizukommen, da bog der Bulle plötzlich seitwärts aus und streifte mich mit seinem langen Hals beinahe vom Pferde; nur durch ein schnelles Ducken und indem ich mich an Sattel und Mähne festhielt, blieb ich oben. Dazu erhielt mein Pferd von dem Vorderlauf der großen Giraffe einen Schlag auf die Hinterhand, daß es beinahe zusammenbrach.

Ich kann mich zu den wenigen Europäern rechnen, die es unternommen haben, Giraffen zu Pferde einzufangen. Wohl nur wenige Tierfänger werden auch in der Zukunft solche Fangzüge ausführen können, denn in den meisten anderen Gegenden, wo Giraffen zahlreich vorkommen, herrscht die Tsetse-Plage, die eine Jagd mit Pferden unmöglich macht.

Aus diesen kurzen Schilderungen wird der Leser ersehen, daß beim Fang lebender Tiere ganz andere Faktoren in Frage kommen als bei der Jagd mit der Büchse, für welche ich, soweit Giraffen dabei in Frage kommen, überhaupt nicht viel übrig habe. Ich halte es für keine große Tat, eine Giraffe aus purer Mordlust zu erlegen, und ich habe es auch nie übers Herz gebracht, meine Büchse auf dieses vornehme und harmlose Wild zu richten, obwohl ich jahrelang den großen Jagdschein besaß und somit das Recht hatte, jährlich zwei dieser Tiere abzuschießen. Für mich gibt es keinen größeren Genuß, als das Wild in der Freiheit zu beobachten, junge Tiere lebend und unversehrt in meinen Besitz zu bekommen, sie zu pflegen und aufzuziehen, damit sie in den zoologischen Gärten der Wissenschaft und der Förderung der Volksbildung solange als möglich erhalten bleiben können. Leider sind die Giraffen in den meisten zoologischen Gärten in so enge Gehege eingepfercht, daß der Beschauer ihre eigenartigen, natürlichen Bewegungen wohl kaum zu Gesicht bekommt. Die Folge davon ist, daß die Tiere mangels Bewegungsfreiheit verkommen. Wer in Ostafrika auf unserer Tierzuchtfarm die Giraffen in den großen ausgedehnten Gehegen bei ihren Spielen und Sprüngen bewundern konnte, dem werden diese Bilder unvergeßlich in der Erinnerung bleiben. Wohl manchem Direktor eines zoologischen Gartens würden vor Schreck, die wertvollen Tiere könnten bei ihrem tollen Spiel Hals und Beine brechen, die Haare zu Berge gestanden sein.

Einen unvergeßlichen Anblick gewährt es, ein Giraffenrudel durch die freie Steppe mit donnerndem Gepolter über den von der Sonne hartgebrannten Boden flüchten zu sehen. In mehreren meterweiten Sätzen, dabei den langen Hals wellenförmig auf und nieder senkend, sausen die Riesen dahin. Durchqueren sie ein niedriges Buschgelände, so wird man unwillkürlich an Boote erinnert, die auf wellenbewegter See auf und nieder schaukeln.

Viele Abbildungen, die mir zu Gesicht gekommen sind, zeigen die flüchtende Giraffe mit ausgestrecktem Wedel. Dies ist grundfalsch. Ich habe stets beobachtet und genau festgestellt, daß die sich zur Flucht wendende Giraffe zuerst ihren, unten mit einer langen schwarzen Haarquaste versehenen Wedel fest seitwärts auf ihre Hinterkeule legt und denselben während ihrer Flucht dort festhält. Nie habe ich bemerkt, daß eine Giraffe auf der Flucht mit dem Schwanze peitschend um sich schlägt, wie zum Beispiel die Gnus es tun. Oft bin ich beim Fange minutenlang neben flüchtenden Giraffen geritten, und immer hatten die Tiere, und selbst ihre Jungen, den Wedel fest auf den Oberschenkel gepreßt.

In vorliegendem Abschnitt sind einigemal Erdferkellöcher erwähnt worden. Diese für den Reiter so gefährlichen Löcher werden von einem Tiere bewohnt, dem sogenannten Erdferkel (Orycteropus wertheri Mtsch.) — siehe Bild —, das trotz seines Namens absolut nichts mit einem Ferkel zu tun hat, sondern zur Ordnung der zahnarmen Tiere (Edentaten) gehört. Das mausgrau gefärbte Erdferkel ist dünn behaart, besitzt große löffelartige Ohren, einen starken langen Schwanz und erreicht ein Gewicht bis zu 200 Pfund. In der rüsselartigen langen Schnauze befindet sich eine wurmartige, weit hervorstreckbare Zunge. Das Erdferkel ist ausschließlich ein Nachttier und Höhlenbewohner. Die außerordentlich stark bekrallten Vorderfüße ermöglichen es dem Tiere, sich schnell in die Erde zu vergraben und auch in die fast steinharten Termitenhaufen einzudringen, deren Bewohner seine Hauptnahrung bilden. Mit der langen schleimigen Zunge leckt es in den zertrümmerten Bauen der Termiten herum, wobei die Insekten an der Zunge kleben bleiben. Eigentümlich an dem Tiere ist auch sein charakteristischer Mäusegeruch. Es vermag sich nur mit den krallenbewachsenen Vorderbeinen zu verteidigen, ist aber sonst ein sehr harmloses Tier. Zu beißen vermag es überhaupt nicht, da es keine Zähne, sondern nur einen Schmelz besitzt. Die Schnauze kann es nur ganz wenig öffnen. Tagsüber ruht das Tier tief in seinem Bau versteckt und kommt erst nach Einbruch der Dunkelheit zum Vorschein. Es ist aus seinem Bau sehr schwer herauszugraben, da es sich, will man seiner habhaft werden, immer tiefer einbuddelt. Jedoch gelang es mir, einen Vertreter dieser Spezies in meinen Besitz zu bekommen und es lebend und wohlbehalten nach Europa zu bringen. Die Pflege und Wartung ist nicht so schwierig, da das Tier Milch, rohe Eier und feingeschabtes Fleisch gern aufnimmt. Zur Wohnung muß es einen Kasten mit zwei Abteilungen bekommen, von denen eine, seiner nächtlichen Lebensweise entsprechend, vollkommen dunkel gehalten sein muß. In der Mittelwand befindet sich in halber Höhe ein großes Loch, das dem Bewohner ermöglicht, in die Futterabteilung zu gelangen. Pünktlichkeit und Sauberkeit müssen am Platze sein; das Futter wird abends und morgens dem Tiere vorgesetzt und darf auf keinen Fall so lange stehen, daß es säuert. Daß das Erdferkel so selten in unsere zoologischen Gärten gelangt, liegt wohl zum größten Teil an der Unkenntnis in der Futterpflege.

Genau dieselbe Pflege und Behandlung erfordern die zu derselben Ordnung gehörenden Schuppentiere (Manis temmincki Smuts). Auch diese habe ich mit der gleichen Futtermethode gesund und wohlbehalten nach Europa gebracht.

Schon nach wenigen Tagen waren wir im Besitze zweier junger, kräftiger Giraffen, die bereits eine Höhe von drei Metern aufwiesen. Wir verlegten jetzt unser Standlager etwa 30 Kilometer näher der Bruchstufe zu. Nachdem wir unsere Beobachtungsposten auf erhöhten Hügeln eingenommen hatten, begann für uns die Arbeit von neuem. In dieser Gegend stellte ich das besonders häufige Auftreten der Giraffengazelle (Lithocranius walleri Brooke) fest. Durch das Glas sah ich oft Rudel von 5–8 Stück an einem Busche äsen. Hierbei stellen sich die Tiere in possierlicher Weise auf die Hinterläufe, um mit dem langen ausgestreckten Hals die hochsitzenden Blätter zu erreichen. Die Giraffengazelle ist eine mittelgroße, sehr schlank gebaute Antilope. Nur die Männchen tragen Hörner, welche stark geringelt und leierförmig gewunden sind. Die Tiere kommen vorzüglich in der dornbewachsenen Steppe vor. Sie sind äußerst flink und gewandt und deshalb nicht mit dem Pferde einzufangen. Später, im Jahre 1914, gelangte ich im Somalilande doch in den Besitz einiger Giraffengazellen. Leider verhinderte mich der Ausbruch des Krieges, dieselben nach Europa zu bringen. Der Stellinger Tierpark kann sich rühmen, die so seltenen Gazellen schon im Besitz gehabt zu haben.

Schwieriger Flußübergang, Kikafu
Durchquerung des Kikafu mit Ochsenfuhrwerk

Nachdem wir das Standlager noch einige Male verlegt hatten, stellten wir den weiteren Fang von Tieren ein. Wir waren bereits im Besitze von acht Giraffen, und ich konnte mit dem Resultat wohl zufrieden sein. Natürlich konnte das anstrengende Jagen nicht täglich ausgeführt werden, die Pferde mußten ab und zu ihre Ruhetage haben und auch die Witterungsverhältnisse machten uns mitunter einen Strich durch die Rechnung. Namentlich möchte ich der hier so häufig mit großer Stärke auftretenden heftigen Gewitterstürme Erwähnung tun. Besonders eine Nacht wird mir nicht aus der Erinnerung kommen. Wir hatten eine frisch gefangene Giraffe in unser provisorisch hergerichtetes Lager eingebracht, als bei Einbruch der Dunkelheit ein furchtbares Gewitter losbrach. Es folgte Schlag auf Schlag, die ganze Gegend schien von den zuckenden Blitzen wie in ein Flammenmeer gehüllt. Um das junge Tier zu schützen, holte ich es schnell entschlossen aus dem noch ungedeckten Kral, fesselte es und legte es unter das Sonnensegel vor dem Zelt. Ich mußte mit einigen Schwarzen die ganze Nacht hindurch den Kopf der Giraffe festhalten, damit das geängstigte und zitternde Tier, welches sich natürlich zu befreien versuchte und mit dem langen Hals hin und her schlug, sich nicht verletzte. Das furchtbare Gewitter in Begleitung von wolkenbruchartigen, kalten Regengüssen hielt an und wollte nicht weichen. Mit Sehnsucht erwartete ich den Anbruch des Morgens, denn meine beiden weißen Begleiter lagen im Innern des Zeltes krank darnieder. Der eine hatte einen schweren Fieberanfall, während der andere an einer Vergiftung litt, die er sich dadurch zugezogen hatte, daß er unwissenderweise Zitronensäure in seine verzinnte Wasserflasche gegossen und davon getrunken hatte. Endlich ließ das Unwetter nach und der langersehnte Morgen brach an. Der in der Nähe des Lagers befindliche Wassertümpel hatte sich in der Nacht in einen kleinen See verwandelt und überall tummelten sich Sporengänse und Wildenten auf seiner Oberfläche.

Ein andermal wurden wir in der Nähe des Merus von einem heftigen Gewittersturm mit starken Hagelböen überrascht. Wir befanden uns in freiem Gelände. Nirgends auf der weiten Fläche war Schutz zu finden und nur mit großer Mühe vermochten wir die ängstlichen Pferde zu halten. In wenigen Minuten war, so weit das Auge reichen konnte, alles weiß mit Hagel bedeckt. Nach einer Stunde aber war die Winterlandschaft verschwunden und die Sonne schien wieder warm auf uns durchfrorene Reiter herab.

Die Ruhetage der Pferde verbrachten wir mit der Jagd. Gewöhnlich pirschten wir auf einige Stunden in der Umgebung des Lagers umher. Bei einem solchen Pirschgang sahen wir uns plötzlich einem kapitalen Nashornbullen gegenüber. Derselbe machte Miene, uns anzunehmen, und es gab kein Ausweichen mehr. Ein wohlgezielter Kopfschuß ließ ihn auf der Stelle verenden. Die herbeigeeilten Schwarzen zerwirkten die unerwartete Beute und das Wildbret wurde ins Lager gebracht. Ich begnügte mich mit den Hörnern als Jagdtrophäe, aber auch eine Suppe aus Nashornfleisch verschmähte ich nicht. Ein solches Gericht aus würfelförmig geschnittenen Fleischstückchen wird ohne Wasserzugabe mit Zwiebel, Pfeffer und Salz gedämpft. Genossen wird nur die Brühe, die ich vorzüglich fand. Die ausgedämpften Fleischstücke sind zu zähe. Dagegen schmeckt das Fleisch der am Feuer gerösteten Rippen ausgezeichnet.

Nun erwartete mich eine weitere mühselige Arbeit. Die Tiere mußten aus den zerstreut liegenden Kralen geholt werden, um sie alle auf der Farm, dem Ausgangspunkt der Expedition, vorläufig unterzubringen. Zu diesem Zwecke begab ich mich mit einigen Schwarzen zu dem am weitesten abgelegenen Kral bei Engaruka an der Bruchstufe, um die beiden dort befindlichen Giraffen abzuholen. Die Tiere befanden sich daselbst unter der Aufsicht einiger Masais. In Engaruka angekommen, konnte ich wieder einmal deutlich sehen, was es heißt, gefangenes Wild unter der Obhut von Schwarzen zurückgelassen. Obwohl sechs Kühe genügend Milch lieferten, so sahen die Tiere recht mager und heruntergekommen aus, desto wohlgemästeter aber waren ihre schwarzen Wärter. Anstatt die Milch den Giraffen zu geben, hatten sie es für besser befunden, sie selbst zu trinken. Die Masais sind zwar tüchtige Viehzüchter und große Haustierfreunde, für Wild aber haben sie gar kein Interesse. Ich machte mich daran, den Giraffen Halfter anzulegen, was begreiflicherweise die scheuen und ängstlichen Tiere sehr erregte. Sie schlugen dabei mit ihren Vorder- und Hinterläufen derart um sich, daß es gar manchen Schlag und Tritt absetzte.

Es ist keineswegs leicht, gehalfterte Giraffen zu führen, da sie bald hartnäckig stehen bleiben, bald langsam trotten und manchmal zum rasenden Galopp ansetzen oder gar kehrtmachen und zurücklaufen. Man hat dabei seine Mühe und Not, in der wegelosen Steppe die Richtung einzuhalten. Für die kurze Strecke von 10 Kilometer brauchten wir einen ganzen Tag. Die folgende Nacht mußten wir wohl oder übel unter freiem Himmel verbringen und die Tiere an den Leitseilen festhalten.

Bei Anbruch des Morgens ereignete sich noch ein heiterer Zwischenfall. Ein Teil meiner Leute hatte sich todmüde um das Lagerfeuer am Boden zur Ruhe hingestreckt. Ich hielt mit den übrigen Schwarzen die Giraffen, welche in kurzer Entfernung vom Lager ästen, an den Leitseilen fest. Plötzlich ertönte aus dem Lager der Ruf: „Simba! Simba!“ (Löwe! Löwe!). Noch nie habe ich schlafende Neger so schnell hochkommen sehen wie an diesem Morgen. Ich sah im Dämmerlicht in der Richtung, wo die Schwarzen hindeuteten, weiter nichts als meinen Hund, der um uns herumstreifte und jetzt wieder in gerader Richtung auf das Lager zulief. Der Hund sah allerdings in den aufsteigenden Bodendünsten bedeutend größer aus, wie er in Wirklichkeit war, und konnte deshalb von einem schlaftrunkenen Neger leicht für einen Löwen gehalten werden. Unter allgemeiner Heiterkeit fing der vermeintliche Löwe an zu bellen und die Sache war aufgeklärt.

Die Morgenkühle ausnützend, zogen wir weiter und erreichten das Lager am Nachmittage. Den beiden Giraffen ließ ich ganz besondere Pflege angedeihen, und zu meiner Freude erholten sie sich bald.

Nachdem wir nach und nach alle gefangenen Tiere zusammengeholt hatten, konnte der Abmarsch zur etwa 60 Kilometer entfernt liegenden Farm beginnen. Auf dem Marsche konnte ich zwei der sonst selten zu Gesicht kommenden Honigdachse (Mellivora sagulata Hollister) beobachten. Ich war vom Pferde gestiegen und suchte einen Lagerplatz für die nachkommende Karawane. Da hörte ich in allernächster Nähe ein eigentümliches Geknurre und sah, wie sich zwei afrikanische Vettern unseres heimischen Grimmbartes balgten. Anscheinend befanden sie sich in der Ranzzeit. Es war höchst interessant, diese auf den Rücken hellgrauen, an den Seiten mit weißen Längsstreifen versehenen Tiere bei ihrem Spiele zu beobachten. Indessen kam mein Begleiter heran und ich machte ihn auf die beiden Dachse aufmerksam. Kaum hatte er die Tiere erblickt, da rief er mir laut zu: „Passen Sie auf, die beißen!“ und sprang auf sein Pferd. Durch dieses laute Rufen wurden die Dachse auf mich aufmerksam und tatsächlich kam der eine auf mich zu. Ich merkte nun, daß die Sache ernst wurde und gab einen Schuß mit Vollmantel auf ihn ab. Die Kugel durchschlug die eine Vorderpranke und die Brust, trotzdem kam er noch einmal auf mich zu, so daß ich ihm noch einen Schuß geben mußte. Inzwischen war der andere herangekommen und machte gleichfalls Miene, mich anzunehmen; auch dieser erhielt einen Schuß, der gleichfalls glatt durchging, jedoch keine tödliche Wirkung hatte. Zum Glück waren inzwischen zwei meiner Hunde herangelaufen, die sich so lange mit den zählebigen Gesellen herumbalgten, bis meine Schwarzen kamen und sie mit Knüppeln totschlugen. Die Buren behaupten, daß jeder Dachs den Jäger ohne weiteres annehme und ihn an der Ferse zu fassen suche, um die Sehnen durchzubeißen. Daher hatte auch mein Begleiter sein Heil in der Flucht aufs Pferd gesucht.

Nach achttägigem Marsch durch die Steppe trafen wir endlich mit all den Tieren wohlbehalten auf der Farm wieder ein. Während der fast zweimonatigen Abwesenheit hatten wir 8 Giraffen, einige junge Zebras, Oryx- und Elenantilopen und verschiedene andere Tiere gefangen. Ich konnte mit dem Ergebnis des Fangzuges wohl zufrieden sein. Wie der Leser aus diesem Resultat ersieht, sind die Giraffen lange nicht so selten, wie häufig in den Büchern geschrieben und auch sonst wohl behauptet wird, zumal ich doch nur ein verhältnismäßig kleines Gelände durchstreifte. Viele Giraffenrudel kamen mir zu Gesicht, die ohne Begleitung von Jungen waren, denn die Giraffen sind Tiere, die nicht an eine bestimmte Paarungszeit gebunden sind und infolgedessen auch keine bestimmte Setzzeit haben.

Die gefangenen Tiere sollten sich von dem überstandenen Marsche erholen, daher ließ ich sie frei in ihren geräumigen Gehegen herumlaufen. Viele meiner Leute, die mich auf dem Fangzug begleitet hatten, wollten in ihre Dörfer zurückkehren und ich mußte sie entlassen. Die neu angeworbenen Wärter waren leider noch nicht mit dem Wilde vertraut und zeigten sogar Furcht vor den Giraffen. Es bedurfte geraumer Zeit, bis diese Neulinge angelernt waren und mit ihren Pflegebefohlenen umgehen konnten.

Als die Tiere sich genügend erholt hatten, gedachte ich den Transport zunächst nach der etwa 150 Kilometer entfernten Station Kahe an der Usambarabahn zu bewerkstelligen, aber heftige Regengüsse verzögerten meine Absicht mehrmals. Die Anzeichen der Regenzeit hatten sich in diesem Jahre etwas verfrüht eingestellt. Trotzdem hoffte ich, den Tiertransport noch bis zur Küste zu bringen. Nun sollte ich aber auch einmal erfahren, daß das Glück wandelbar ist, und wenn mir bisher vieles geglückt war, so mißlang mir diesmal alles. Ich hatte Pech, schwarzes Pech! Welchen Aufwand von Energie, Muskel- und Nervenkraft, welchen Kapitalwert und welches Risiko ein solcher Transport bedingt, wurde mir hier wieder einmal richtig klar.

Als nach den ersten Regentagen trockenes Wetter eintrat, hielt ich den Zeitpunkt für den Aufbruch gekommen, da oft im Anfang der Regenzeit die Niederschläge aussetzen und mehrere Tage lang schönes Wetter ist. Alles war bereit und wir konnten rasch abziehen. Die Giraffen, die auf der Farm durch die gute Pflege und durch die verhältnismäßig große Bewegungsfreiheit wieder verwöhnt geworden waren, stellten sich so bockbeinig wie möglich an und wollten nichts von gezwungener Führung wissen. Wir vermochten sie kaum aus den Kralen herauszubringen. Als aber die erste Giraffe glücklich bis zum Tor gebracht war und das offene Gelände vor sich sah, da stürmte sie unaufhaltsam darauf los und die anderen folgten nach. Ich selbst führte mit mehreren Negern und einem Ansiedler das stärkste Tier voraus; jede Giraffe wurde links und rechts an Stricken geführt, deren stärkste an einer Koppel am Halsansatz befestigt waren. Wollte man eine ungezähmte Giraffe nur vermittels eines Kopfhalfters führen, so würde gar leicht durch einen ungeschickten Ruck der Hals verrenkt werden. Trotz seiner Länge hat nämlich der Hals der Giraffe nur sieben Wirbel, wie dies bei allen Säugetieren, mit Ausnahme der Faultiere, der Fall ist. Man kann sich daher denken, wie lang ein solcher Halswirbel sein muß und wie leicht durch einen verkehrten Ruck ein Ausspringen eines Gelenkes oder eine Verzerrung der Halssehnen verursacht werden kann. Als nun, wie gesagt, als erstes das von mir geführte stärkste Tier zum Laufe ansetzte, fielen die Neger durch den Ruck zu Boden, ließen natürlich ihre Seile los und mein Begleiter und ich wurden unwiderstehlich mit fortgerissen, aber wir hielten fest. Während des rasenden Laufes strauchelte mein Gefährte an einem Wassergraben, fiel und ließ nun ebenfalls los. So wurde ich allein weitergeschleift, bis das Tier endlich erschöpft stehen blieb und mein Begleiter mir wieder zur Seite war. Als ich rückwärts blickte, sah ich, daß sich die anderen sieben Giraffen nach allen Richtungen hin in der Steppe zerstreut hatten. Da sie aber kleiner und schwächer waren als die meinige, so hatten die Schwarzen sie festhalten können. Wir bugsierten die widerspenstigen Tiere langsam wieder auf den Weg. Hier trotteten sie bald vorwärts, bald liefen sie zurück oder brachen rechts und links in den Bruch aus, so daß wir von morgens 7 Uhr bis abends 6 Uhr kaum acht Kilometer von den 150 zurückzulegenden absolviert hatten. Ich tröstete mich damit, daß der erste Tag einer Safari bekanntlich immer der schlimmste ist, da Tier und Mensch sich an den Marsch gewöhnen müssen, und so machte ich in Aruscha halt. Für die Ernährung der jungen Giraffen waren zehn Milchkühe mitgenommen worden, die der Karawane vorausgeschickt waren und unterwegs überall weideten. Wie in vielen Gegenden lassen sich die afrikanischen Milchkühe nicht melken, ohne daß ihre Kälber daneben stehen. Auch muß die Milch erst von dem Kalbe ausgesaugt werden, bevor man melken kann. Während wir uns damit abplagten, hatten die Neger nicht richtig aufgepaßt und die Kälber hatten ihren Müttern alle Milch ausgesogen. Als wir nun in Aruscha lagerten, waren die Euter leer und ich hatte keine Nahrung für meine armen Tiere. Was tun? Reine Milch zu bekommen war unmöglich, denn die in der Umgegend wohnenden Schwarzen halten die Milchgefäße nicht rein, so daß die Milch sofort säuert und deshalb den empfindlichen Giraffen nicht gereicht werden durfte. Schließlich gelang es mir, von ansässigen Europäern einige wenige Liter zu erhalten, aber bei weitem nicht genug für meine Giraffen. Da hieß es eben Milch pantschen! Ich nahm Maismehl und kochte mit Wasser und Milch eine richtige Suppe, die auch begierig von den müden und hungrigen Tieren genommen wurde. In einem Gehege beim Bezirksamt konnte ich die Tiere einstellen und endlich an mich selbst denken, nachdem ich den ganzen Tag, ohne einen Bissen zu mir zu nehmen, in beständiger Sorge und Aufregung verbracht hatte. Gerade war ich eingeschlafen, als der Regen in Strömen losbrach und meine letzte Hoffnung zunichte machte. Den folgenden Tag regnete es unaufhörlich, und auf telegraphische Anfrage in Moschi kam die Meldung, daß überall der Regen eingesetzt habe und die Flußfurten unpassierbar seien. So blieb mir nichts übrig, als schleunigst meine Tiere zur Farm zurückzubringen, wenn ich noch etwas von ihnen retten wollte, denn vier der wertvollen Giraffen waren durch die Witterungsunbilden und die Kälte bereits eingegangen. Am Nachmittage, als das Wetter sich etwas aufklärte, traten wir mißmutig den Rückweg nach der Farm an. Am Abend aber hatten wir nur wenige Kilometer zurückgelegt, da wir durch einen meiner großen Ochsenkarren, der eine ganze Menagerie trug (Nashorn, Warzenschweine, Affen, Vögel usw.), aufgehalten wurden. Auf dem grundlosen Weg war das schwere Fuhrwerk an einer Stelle bis zu den Achsen eingesunken, und die vorhandenen Kräfte genügten nicht, ihn wieder flott zu machen. Der Polizeiwachtmeister von Aruscha erbarmte sich meiner und kam mit 50 Soldaten und Sträflingen zur Hilfeleistung heran. Wir mußten den Wagen ausgraben und durch unterlegte Knüppel wieder flott machen. So konnten wir die Farm nicht mehr erreichen und mußten die Nacht wachend im Freien verbringen und die Tiere an Stricken festhalten. Um mein Unglück voll zu machen, setzte zur Zeit des Mondaufganges abermals heftiger Regen ein. Die Giraffen hatten sich niedergetan und wurden mit allen verfügbaren Decken vor dem Regen geschützt, während wir versuchten, ein Lagerfeuer zu unterhalten und uns bis zum Morgengrauen etwas zu wärmen. Erst um 10 Uhr morgens konnten wir die Tiere auf der Farm wieder unterbringen. Schweren Herzens telegraphierte ich das Mißgeschick nach Hamburg und erhielt Order, den Abtransport aufzugeben und günstigere Zeit abzuwarten.