BOMBAY UND MABRUKI.

VIERTES KAPITEL.
DURCH UKWERE, UKAMI UND UDOE NACH USEGUHHA.

Ankunft im ersten Lager „Schamba Gonera“. — Das Thal des Kingani. — Eine Brücke wird über den Kingani geschlagen. — Der Uebergang. — Ich schiesse auf Flusspferde. — Ankunft in Kikoka. — Eine noch nie von einem Weissen bereiste Route. — Rosako, Grenzdorf von Ukwere. — Unverschämte Neugier der Wagogo. — Mein Wachhund Omar. — Insekten. — Die Tsetse-Fliege. — Die Tschufwa-Fliege; Gefrässigkeit derselben. — Anfang der Masika oder Regenzeit. — Tod des arabischen Pferdes. — Unterredung mit dem Häuptling von Kingaru. — Tod des Braunen. — Marsch nach Imbiki. — Ankunft in Msuwa. — Plagen des Dschungels. — Eine Sklavenbande in Ketten. — Kisemo. — Die Schönen von Kisemo. — Khamesi’s Desertion und Bestrafung. — Uebergang über den Ungerengeri. — Die Hauptstadt Useguhha Simbamwenni. — Die Sultanin. — Stürmischer Streit mit Shaw. — Afrikanisches Wechselfieber. — Abgesandte der Sultanin.

Von Bagamoyo nach:
 
 
St.
Min.
 
St.
Min.
Schamba Gonera 
 1
30 
Kisemo 
 4
30
Kikoka 
 3
40 
Mussoudi 
 4
20
Rosako 
 5
— 
Mikeseh 
 7
Kingaru 
 6
— 
Muhalleh 
 6
45
Imbiki 
 4
30 
Simbamwenni 
 3
Msuwa 
 4
30 
     

Ehe ich mit diesem Kapitel fortfahre, muss ich mich kurz bei meinen Lesern entschuldigen. Meine Wenigkeit steht voran in diesem Buche; ich bin genöthigt sie so darzustellen, wie sie wirklich war, nicht wie sie hätte sein sollen; wie sie sich betrug, nicht wie sie sich hätte betragen sollen; wie sie reiste, nicht wie sie hätte reisen sollen. Ich muss meines Gewissens halber alles genau berichten, wie es sich ereignet hat, und nach bester Fähigkeit die Ereignisse und Zufälligkeiten, wie sie bei der Expedition vorkamen, erzählen. Wie also auch der die Bequemlichkeit liebende Stubenhocker die Verdienste dieses Buches anschauen möge, so wird diesem doch gewiss grosses Lob und grosser Dank von Reisenden abgestattet werden, welche mir möglicherweise nach Ostafrika folgen, denn sie werden sofort sehen, welche nützlichen Lehren meine Glücks- und Unglücksfälle ihnen geben.

Am 21. März, gerade 73 Tage nach meiner Ankunft in Zanzibar, verliess die fünfte Karavane unter meiner Anführung und mit der Parole „Vorwärts“ die Stadt Bagamoyo auf unserer ersten Reise nach Westen. Als der Kirangozi die amerikanische Flagge aufrollte und sich an die Spitze der Karavane stellte, und Pagazis, Thiere, Soldaten und müssige Zuschauer sich in Reihen zum Marsche bereit gemacht hatten, sagten wir dem dolce far niente des civilisirten Lebens, dem blauen Ocean, der uns den Weg in die Heimat eröffnete, den hunderten von dunkelfarbigen Zuschauern, die sich versammelt hatten, um unsere Abreise mit wiederholten Musketensalven zu begrüssen, lebe wohl!

Unsere Karavane besteht aus 28 Pagazis mit Einschluss des Kirangozi oder Führers; aus 12 Soldaten unter Hauptmann Mbarak Bombay, welche 17 Esel und ihre Lasten zu beaufsichtigen haben; aus meinem jungen Dolmetscher Selim mit einem Esel und einem belasteten Karren; aus einem Koch und seinem Stellvertreter, der gleichzeitig Schneider und Gehülfe für alles ist und das graue Pferd führt; aus Shaw, dem ehemaligen Steuermann, der jetzt in einen Führer des Nachtrabs und Aufseher über die Karavane verwandelt ist und, mit einer nachenförmigen Kopfbedeckung und Wasserstiefeln versehen, auf einem guten Reitesel sitzt, und schliesslich aus mir selbst, auf einem herrlichen kastanienbraunen Pferde reitend (dem Geschenk des Herrn Goodhue, eines seit lange in Zanzibar lebenden Amerikaners), als „Bana Mkuba“, der „grosse Herr“, wie ich von meinen Leuten genannt werde, als Leiter, Reporter, Denker und Führer der Expedition.

Die verschiedenen Mitglieder der Karavane sind mir schon hinreichend bekannt; sie sind der Gegenstand meines Nachdenkens und Wählens gewesen und bisher habe ich keine Mängel an ihnen entdeckt, doch werde ich mich, da es zu weitläufig wird, ihre Charaktere zu beschreiben, einfach darauf beschränken, die Hauptpersonen nach ihrem Range hier aufzuzählen:

1. John W. Shaw, Nachhut und Aufseher. 2. Mbarak Bombay, Hauptmann der Soldaten. 3. Uledi (Speke’s Diener), Sergeant. 4. Mabruki (Burton’s Diener), Zeltwache. 5. Mabruki, der Kleine, Soldat. 6. Mabruk Salim, Soldat. 7. Zaidi, Soldat. 8. Kamna, Soldat. 9. Sarmian, Soldat. 10. Feradschi (ein Deserteur von Speke), Soldat. 11. Kingaru, Soldat. 12. Ambari, Soldat. 13. Selim (der Jüngling aus Jerusalem), arabischer Dolmetscher. 14. Bunder Salaam (aus Malabar), Koch. 15. Abdul Kader (ebenfalls aus Malabar), Schneider und Gehülfe. 16. Hamadi (Wangwana), Kirangozi. 17. Sarboko. 18. Dschafuneh. 19. Fardschalla. 20. Khamisi. 21. Asmani. 22. Tschamba. 23. Schubari. 24. Makoriga. 25. Khamis. Nr. 17–25 insgesammt Wangwana und mir als Pagazi dienend.

Es werden wol einige der Leute, welche hier aufgezählt sind, ganz andere Gewohnheiten und einen andern Charakter auf ihrem Wege nach Unyanyembé an den Tag legen, als ich mir vorstelle. Wir werden ihre Eigenthümlichkeiten besser beurtheilen, wenn wir erst in Tabora angekommen sind, wo eine allgemeine Musterung abgehalten und die Berichte der vier Karavanen, die uns vorausgegangen sind, entgegen genommen werden sollen. Im ganzen zählt die Expedition am Tage der Abreise 3 Weisse, 23 Soldaten, 4 Ueberzählige, 4 Hauptleute und 153 Pagazis, 27 Esel und 1 Karren, welche Zeuge, Perlen, Draht, Bootgeräthschaften, Zelte, Kochgeräthe, Schüsseln, Medicin, Pulver, Schrot, Musketen und Metallpatronen, Instrumente, kleine Lebensbedürfnisse, wie z. B. Seife, Zucker, Thee, Kaffee, Liebig’schen Fleischextract, Fleischconserven, Lichte u. s. w. transportiren, was alles in allem 153 Lasten ausmacht. Die Waffen der Expedition bestehen aus einem glatten, doppelläufigen Hinterlader, einer amerikanischen Winchesterflinte (einem sogenannten „Sechzehnschiesser“), einer gezogenen Henryflinte (auch Sechzehnschiesser), 2 Starr’schen Hinterladern, einem Jocelyn’schen Hinterlader, einer Elefantenflinte mit Kugeln, von denen 8 aufs Pfund gehen, 2 Revolvern mit Hinterladung, 24 Feuerschlossmusketen, 6 einläufigen Pistolen, einer Schlachtaxt, 2 Schwertern, 2 Dolchen (persische Kummers, die ich selbst in Schiras gekauft habe), einem Sauspiess, 2 vierpfündigen amerikanischen Beilen, 24 Hacken und 24 Metzgermessern.

Die Expedition ist sorgfältig ausgerüstet, nichts ist gespart worden, was sie brauchte, sondern für alles war gesorgt. Nichts war zu rasch gemacht, doch war alles mit der grösstthunlichen Eile, welche Mittel und Zweck gestatteten, gekauft, fabricirt und zusammengebracht. Wenn dieselbe ihre Aufgabe, recht rasch nach Udschidschi und zurück zu kommen, nicht löst, so muss das einem Zufall, der ausserhalb der Macht des Willens liegt, zugeschrieben werden. So viel über das Personal und den Zweck der Expedition, bis ihr Zielpunkt erreicht ist.

Wir verliessen Bagamoyo, von den Blicken vieler Neugierigen verfolgt, mit vielem Eclat und zogen dann eine enge Gasse hinauf, welche durch das dichte Laub zweier parallel laufenden Hecken von Mimosen fast in ein Dämmerlicht gehüllt war. Wir waren alle guten Muthes, die Soldaten sangen, der Kirangozi erhob seine Stimme in einem lauten, brüllenden Tone und liess die amerikanische Flagge flattern, welche allen Zuschauern sagte: „siehe da die Karavane eines Musungu!“ und mein Herz schien mir rascher zu schlagen, als es sich für das ernste Gesicht eines Führers passte, aber ich konnte es nicht zurückhalten, der Enthusiasmus der Jugend haftete mir noch an trotz meiner Reisen. Meine Pulse schlugen in voller Jugendkraft. Hinter mir lagen die Sorgen, welche mich mehr als zwei Monate gequält hatten. Ich hatte mein letztes Wort zu dem unehrlichen Sohn Hindostans, Sur Hadschi Pallu, gesprochen, hatte den letzten Blick auf die lärmende Masse von Arabern, Banyanen und Belutschen geworfen, den Jesuiten der französischen Missionsgesellschaft Lebewohl gesagt, und vor mir glänzte die Sonne der Verheissung auf ihrem Wege gen Westen. Um mich war alles lieblich; ich sah fruchtbare Felder, eine lachende Vegetation, merkwürdige Bäume; ich hörte das Zirpen der Heimchen, das Geschrei des Kibitz und das Summen vieler Insekten, welche mir alle zu sagen schienen: endlich bist Du auf dem Wege! Was konnte ich thun, als das Gesicht gegen den wolkenlosen Himmel erheben und rufen: „Gott sei Dank!“

Das erste Lager, Schamba Gonera, ungefähr 3¼ englische Meilen entfernt, erreichten wir in 1 Stunde 30 Minuten. Diese erste oder „kleine Reise“ lief verhältnissmässig sehr gut ab. Der Knabe Selim warf nicht mehr als dreimal mit dem Wagen um. Der Soldat Zaidi liess seinen Esel, der einen von meinen Kleiderkoffern und einen Munitionskasten trug, in einen Pfuhl schmutzigen Wassers fallen. Die Kleider mussten wieder gewaschen werden; der Munitionskasten war, Dank meiner Vorsicht, wasserdicht. Kamna war vielleicht mit der Kunst des Eseltreibens vertraut, hatte aber in seiner Freude über unsere Abreise bei seinen Liedern u. s. w. die Schwierigkeiten vergessen, mit denen ein Thier von reinem Eselsgeschlecht seiner Natur nach zu kämpfen hat, wie z. B. die Unkenntniss des richtigen Weges und die Unfähigkeit, der Versuchung zu widerstehen, Abstecher in die Tiefen eines Maniokfeldes zu machen; und der Esel, welchem die unter den Eseltreibern herrschende Sitte, einem Thiere einen Stock vor der Nase herumzuschwenken, nicht bekannt war und der die Richtung, die er einzuschlagen hatte, falsch auffasste, lief im vollsten Galop einen entgegengesetzten Weg hinauf, bis seine Ladung das Gleichgewicht verlor und er gezwungen war, zu Boden zu stürzen. Aber diese Zufälle waren nebensächlich, unbedeutend und gehörten zu einer ersten „kleinen Reise“ in Ostafrika. Hierbei kamen die Charaktere der Soldaten ein klein wenig zum Vorschein. Bombay erwies sich als ehrlich und vertrauenswürdig, aber etwas zur Saumseligkeit geneigt; Uledi schwatzte mehr als er arbeitete, während der fortgelaufene Feradschi und Mabruki Burton mit seiner unbrauchbaren Hand sich als treue und tüchtige Männer erwiesen, welche Lasten trugen, deren blosser Anblick die starkgliederigen Hamals von Stambul zum Seufzen gebracht haben würde.

Die Sattel waren ausgezeichnet und übertrafen alle Erwartungen. Das starke Hanfsegeltuch trug seine 150 Pfund, als ob es Leder gewesen wäre, und das Auf- und Abladen des verschiedenen Gepäcks wurde mit systematischer Eile betrieben. Kurz, es gab nichts zu bedauern; der Erfolg der Reise bewies, dass dieselbe nicht zu früh unternommen worden war.

Die folgenden drei Tage wurden dazu verwendet, die Vorbereitungen für die lange Landreise ganz zu vollenden und unsere Vorsichtsmassregeln gegen die Masika, die jetzt bedenklich nahe war, zu treffen, sowie unsere Rechnungen zu bezahlen. Die Soldaten und Pagazis benutzten noch die Zwischenzeit, um ihre Freundinnen zu besuchen, aber ich lasse mich auf die Chronique scandaleuse nicht ein.

Schamba Gonera bedeutet Gonera’s Feld. Gonera ist eine wohlhabende indische Witwe, die gegen die Weissen freundlich gesinnt ist. Sie exportirt viel Tuch, Perlen und Draht ins ferne Innere und importirt dafür wieder Elfenbein. Ihr Haus ist nach dem Muster der Stadthäuser gebaut und hat ein langes, schräg vorspringendes Dach, welches kühlen Schatten gibt, in dem sich die Pagazis gern aufhalten. Auf der südlichen und östlichen Seite desselben ziehen sich die bebauten Felder hin, welche Bagamoyo mit dem Hauptstapelartikel Ostafrikas, dem Matamakorn, versehen. Zur Linken wächst Mais und Muhogo, eine yamsartige Wurzel von weisser Farbe, die einige Maniok nennen. Wenn sie trocken ist, so macht man daraus Kuchen, die unsern Soldatenpfannkuchen ähnlich sind. Nach Norden zu windet sich gerade hinter dem Hause eine schwarze Sumpflache, eine buchtige Vertiefung, welche an ihren tiefsten Stellen stets Wasser enthält, die schlammige Heimat des Farrnkräuter und Binsen liebenden Kiboko oder Flusspferdes. Seine Ufer, die mit Zwergfächerpalmen, mit hohen Wasserbinsen, Akazien und Tigergras bedeckt sind, gewähren den zahlreichen Wasservögeln, Pelikanen u. dgl. Schutz. Dies Gewässer verfolgt erst eine nordöstliche Richtung und fliesst dann mit dem Kingani zusammen, welcher in einer Entfernung von 4 Meilen von Gonera’s Landhaus sich ostwärts dem Meere zuwendet. Nach Westen zu erstreckt sich eine Meile weit bebautes Land, worauf die alten, mit Waldgras und Sumpfrohr dicht bewachsenen Seeufer folgen, welche sich in länglichen, parallelen, bald abfallenden, bald zurückweichenden Wellenlinien dahinziehen. Auf dem Rückgrate dieser Landanschwellungen gedeiht der Ebenholz-, Calabassen- und Mangobaum.

„Sofari — sofari leo! — Pakia, pakia!“ (Eine Reise — eine Reise heute! — Macht euch auf den Weg — macht euch auf den Weg!) — ertönte am Morgen des vierten Tages, der in allem Ernst für die Abreise bestimmt war, die muntere Stimme des Kirangozi, welche ihren Widerhall fand in der meines arabischen Knaben Selim, des Tambourmajors, Dieners und Factotums. Als ich meine Leute zu ihrer Arbeit antrieb und kräftig mit half, die Zelte abzubrechen, beschloss ich in meinem Geiste, dass, wenn meine vorangeeilten Karavanen mir reinen Weg gemacht hätten, ehe drei Monate vergangen wären, Unyanyembé unser Ruheort sein solle. Um 6 Uhr morgens war unser zeitiges Frühstück abgemacht und die Esel und Pagazis zogen vom Lager Gonera ab. Selbst in dieser frühen Stunde hatte sich auf dem Lande eine ganze Menge neugieriger Eingeborener versammelt, denen wir das Abschieds-„Quahary“ herzlich zuriefen. Mein kastanienbraunes Pferd erwies sich mir als unschätzbar für den Dienst des Quartiermeisters eines Transportzuges; denn mit einem solchen musste ich mich vergleichen. Ich konnte zurückbleiben, bis der letzte Esel das Lager verlassen hatte, um nach einem Galop von wenigen Minuten mich wieder an die Front zu begeben und Shaw den Nachtrab zu überlassen.

Der Weg war ein blosser Fusspfad und führte über einen Boden, der, obgleich sandig, von merkwürdiger Fruchtbarkeit war und Korn und andere Pflanzen, die in ganz ungeschickter Weise gesäet und gepflanzt worden, hundertfältig hervorbrachte. Auf ihren Feldern bei nachlässiger Arbeit befanden sich Männer und Frauen in den allerspärlichsten Costümen, im Vergleich zu denen Adam und Eva in ihrer Feigenblatt-Bekleidung in vollem Staat gewesen sein müssen. Auch waren sie durchaus nicht darüber beschämt, dass Leute, die an kleiderlose lebendige Körper nicht gewöhnt waren, sie mit den Blicken verschlangen, und schienen es nicht zu begreifen, warum unmässige Neugierde durch mehr als blosses Interesse erwidert werden sollte. Sie verliessen ihre Arbeit, als die Wasungu sich näherten, — was für unnatürliche Wesen in Sonnenhüten, weissen Flanell-Jacken und Pferdestiefeln waren das! Wären die Wasungu begierig gewesen, die Umrisse der Anatomie und Physiologie zu studiren, welch reiches Feld des Studiums hätte sich ihnen hier geboten! Wir zogen an ihnen mit ernsten Gesichtern vorbei, während sie lachten und kicherten und mit ihren Zeigefingern auf dies und das hinwiesen, was ihnen sonderbar und komisch vorkam.

In etwa einer halben Stunde hatten wir das hohe Matama und die Felder von Wassermelonen, Gurken und Maniok hinter uns gelassen und befanden uns, nachdem wir ein Binsenmoor überschritten hatten, in einem offenen Walde von Ebenholz- und Calabassenbäumen. In seinen Tiefen befinden sich Hirsche in grosser Zahl und zur Nachtzeit wird er seines Grases wegen von den Flusspferden des Kingani besucht. Eine Stunde später waren wir aus den Wäldern herausgetreten und blickten über das breite Thal des Kingani, wo sich eine Scenerie, so unendlich verschieden von den Gebilden meiner dummen Phantasie, eröffnete, dass ich durch die angenehme Enttäuschung ganz ergötzt wurde. Hier streckte sich ein Thal vier Meilen nach Osten und Westen und ungefähr acht Meilen nach Norden und Süden aus, welches mit seinem reichen Boden dem blossen wilden Graswuchs überlassen war, was in der civilisirten Welt eine für die Viehzucht sehr werthvolle Wiese abgegeben hätte; umgeben war dasselbe von einem dichten Walde, der den Horizont nach allen Himmelsrichtungen hin verdunkelte, und eingehüllt von baumbewachsenen Berggipfeln.

Als sich unsere Karavane hören liess, sprangen die rothen Antilopen nach rechts und links und die Frösche hörten auf mit ihrem Quaken. Die Sonne schien heiss, und während wir durch das Thal schritten, spürten wir etwas von ihrer wirklich afrikanischen Glut. Ungefähr auf dem halben Wege durch das Thal kamen wir an eine Pfütze stehenden Wassers, die gerade auf der Strasse, welche die Karavane zog, einen sumpfigen Teich gebildet hatte. Die Pagazis gingen über eine rasch gebaute Brücke, die vor langer Zeit von einigen menschenfreundlichen Waschensi gezimmert worden war. Es war ein merkwürdiges Ding; rohe Baumäste ruhten auf sehr unsichern gabelförmigen Pfählen und es hatte offenbar schon früher die Geduld manches beladenen Mnyamwezi auf die Probe gestellt, wie jetzt die der Lastträger unserer Karavane. Unsere schwächern Thiere wurden abgeladen, da die Erfahrungen an der Schmutzlache zwischen Bagamoyo und Gonera uns diese Vorsichtsmassregel gelehrt hatten; aber dies verursachte keinen langen Aufenthalt, die Leute arbeiteten tüchtig unter Shaw’s Oberaufsicht.

Alsbald erreichten wir den trüben Kingani, der wegen seiner Flusspferde berühmt ist, und gingen durch das Schilfmoor längs seines rechten Ufers, bis uns durch einen engen Graben, der einen unmessbar tiefen schwarzen Schlamm enthielt, geradezu Halt geboten wurde. Die Schwierigkeit, die uns dieser darbot, war sehr gross, obgleich er kaum 8 Fuss breit war. Man konnte nämlich die Esel und vor allen Dingen die Pferde nicht dazu bringen, die beiden Stangen zu überschreiten, wie es unsere zweibeinigen Lastträger thaten. Auch konnte man sie nicht in den Graben treiben, weil sie dort rasch untergegangen wären. Die einzige Möglichkeit, ihn mit Sicherheit zu überschreiten, war durch eine Brücke, welche in diesem conservativen Lande Generationen lang als das Werk der Wasungu bestehen würde. So begaben wir uns denn an die Arbeit, da wir es nicht vermeiden konnten, und bauten mit den amerikanischen Aexten, welche unzweifelhaft die ersten waren, deren Streiche in diesem Theile der Welt gehört wurden, eine Brücke. Man kann sich darauf verlassen, dass sie rasch gemacht wurde, denn wo der civilisirte Weisse sich einfindet, muss jede Schwierigkeit weichen. Die Brücke bestand aus 6 starken Bäumen, die über den Graben geworfen wurden. Kreuzweis über diese wurden 15 Packsättel gelegt, welche wiederum mit einer dicken Grasschicht bedeckt wurden. Alle Thiere gingen sicher hinüber, und sodann begann zum dritten mal an diesem Morgen das Weiterwaten.

Der Kingani fliesst hier nach Norden, und unser Weg lag an dem rechten Ufer entlang. Nachdem wir eine halbe Meile in der Richtung durch ein Dickicht von ungeheuern Binsen und üppigen Schlingpflanzen gegangen waren, kamen wir an eine Fähre, wo die Thiere wieder einmal abgeladen werden mussten; und wahrhaftig, als ich die tiefen, schlammigen Wasser des Flusses sah, wünschte ich mir Mosis Zauberstab, oder was ebenso gut gewesen wäre, Aladdin’s Ring, denn dann hätten wir uns ohne weitere Mühe auf dem andern Ufer befunden; aber da ich keine dieser Gaben besass, so ertheilte ich den Befehl, sofort hinüberzugehen, denn es war ein übles Ding, sich angesichts dieser sehr irdischen Aussicht nach überirdischen Mitteln zu sehnen.

Kingwere, der Nachenruderer, der uns von seinem Dickicht-Versteck auf der andern Seite erblickte, beantwortete höflich unsere Hallohs und brachte seinen grossen ausgehöhlten Baum geschickt über die Wirbel des Stromes an den Ort, wo wir auf ihn warteten. Während ein Theil unserer Gesellschaft den Nachen mit unsern Gütern belud, machten andere ein langes Seil zurecht, welches den Thieren um den Hals befestigt wurde, um sie durch den Fluss aufs andere Ufer hinüberzuziehen. Nachdem ich zugesehen hatte, dass die Arbeit ordentlich angefangen wurde, setzte ich mich in einen ausrangirten Nachen, um mich damit zu unterhalten, die dicken Schädel der Flusspferde mit meiner glatten Flinte No. 12 zu bearbeiten. Das gezogene Winchester-Gewehr vom Kaliber 44, das mir Herr Edward Joy Morris, unser Gesandter in Constantinopel geschenkt hatte, berührte sie nur leise und that ihnen ungefähr so viel Schaden, wie die Schleuder eines Knaben, aber in Bezug auf Präcision war es vollkommen, denn zehnmal der Reihe nach traf ich die Scheitel der Thiere zwischen den Ohren. Ein altes Thier, das sehr altklug ausschaute, wurde sogar von einer dieser Kugeln dicht am rechten Ohr leicht getroffen, anstatt jedoch wie die andern, unterzutauchen, drehte es ruhig den Kopf auf die andere Seite, als ob es fragen wollte, warum verschwendet Ihr diese werthvollen Patronen auf uns? — Die Antwort auf diese stumme Frage „seiner Weisheit“ bestand in einer Kugel von ⁵⁄₄ Unzen Gewicht aus dem glattläufigen Gewehr, welche hochdieselbe vor Schmerz aufbrüllen liess; nach einigen Augenblicken erhob sich das Thier wieder und wälzte sich in seinen Todesqualen. Da sein Gestöhn so jammervoll war, enthielt ich mich alles weitern unnützen Blutvergiessens und liess die Amphibienhorden in Ruhe.

Selbst während der kurzen Zeit unsers Aufenthalts an der Fähre gewannen wir einige Kenntnisse über diese ungeschlachten Bewohner der afrikanischen Gewässer. Wenn sie nicht durch fremde Laute gestört werden, so versammeln sie sich in dem seichten Wasser auf den Sandbänken und setzen den Vordertheil ihres Körpers dem warmen Sonnenschein aus, wobei sie, wenn sie schläfrig ruhen, einer Heerde grosser Schweine sehr ähnlich sehen. Wenn sie durch den Lärm eines Eindringlings aufgeschreckt werden, so werfen sie sich rasch in die Tiefe, peitschen das Wasser zu einem gelben Schaum und zerstreuen sich unter der Oberfläche desselben; alsbald lassen sich die Köpfe einiger wieder sehen und spritzen das Wasser aus den Nasenlöchern heraus, um Athem zu schöpfen und vorsichtig um sich zu blicken. In dieser Lage sieht man nur ihre Ohren, Stirn, Augen und Nasenlöcher, und da sie rasch wieder untertauchen, so gehört eine feste Hand und ein rascher Griff dazu, um sie zu schiessen. Ich habe verschiedene Vergleiche in Bezug auf ihr Aussehen, wenn sie in dieser Weise schwimmen, anstellen hören. Einige Araber sagten mir, sie sähen wie todte Bäume aus, die den Fluss hinabschwimmen; andere, welche irgendwo Schweine gesehen hatten, glaubten, sie ähnelten solchen, aber meiner Ansicht nach sehen sie mehr wie schwimmende Pferde aus. Ihre grossen Nacken und spitzen Ohren, weiten Augen und geöffneten Nasenlöcher sprechen mehr für diesen Vergleich.

Nachts suchen sie das Lager auf und wandern mehrere Meilen weit ins Land hinein, indem sie sich an den üppigen Gräsern desselben weiden. Bis vier Meilen von der Stadt Bagamoyo — der Kingani ist acht Meilen von derselben entfernt — sieht man ihre breite Fährte. Oft, wenn sie nicht durch Menschenstimmen erschreckt werden, machen sie einen Angriff auf die üppigen Kornhalme der eingeborenen Landbauer, und ein Dutzend der Thiere genügt, um auf einem grossen Felde eine ungeheuere Verwüstung anzurichten. Daher waren wir nicht erstaunt, als wir bei unserm Aufenthalt an der Fähre von den Besitzern der Kornfelder laute Hallohrufe hörten, wie es die rothwangigen Pächterjungen Englands thun, wenn sie die Krähen vom jungen Weizen verscheuchen.

Die Karavane war mittlerweile mit ihren Ballen, Gepäckstücken, Eseln und Leuten glücklich hinübergegangen. Ich hatte daran gedacht, am Ufer zu campiren, um mich mit der Antilopenjagd zu amüsiren, mir das Fleisch derselben zu verschaffen und dadurch meine Ziegen zu schonen, von denen ich eine Anzahl lebendig mit mir führte; aber dank dem Schrecken und der Furcht, welche meine Leute vor den Flusspferden empfanden, musste ich bis an die Vorposten der Belutschgarnison von Bagamoyo, die sich in einem kleinen, vier Meilen vom Fluss entfernt liegenden Dorfe namens Kikoko befand, weiter eilen.

Das westliche Ufer des Flusses war bedeutend besser als das östliche. Die Ebene erhob sich eine Meile lang allmählich, wie der Strand eines Badeortes, bis sie in einem sanften, abgerundeten Bergrücken gipfelte, und bot nicht die Schwierigkeiten dar, welche uns auf der andern Seite belästigt hatten. Dort gab es keine jener ungeheuern Schmutzmassen und schwarzen Kothlachen mit den überhohen Gräsern. Es fehlten die miasmenreichen Dschungels mit ihren schädlichen Ausdünstungen. Die Landschaft war gerade so, wie man sie vor einem englischen Herrenhause findet, eine schöne ausgedehnte, mit Rasen belegte Ebene, auf der genug Gebüsch vorhanden ist, um eine angenehme Abwechselung hineinzubringen. Die Strasse führte, nachdem sie über eine offene Fläche gegangen, durch einen Hain junger Ebenholzbäume, wo Perlhühner und ein Hartebeest sichtbar wurden; dann wandte sie sich mit den charakteristischen grossen Krümmungen eines Ziegenpfades eine Reihe von Landwellen hinauf und hinab, umsäumt von dem dunkelgrünen Laub des Mango- und den spärlichern und heller gefärbten Blättern des grossen Calabassenbaumes. Die Thalsenkungen waren mit hohen mehr oder weniger dichten Dschungels gefüllt und hier und da öffnete sich eine Lichtung, die selbst zur Mittagszeit von dünnen Gängen hoher Bäume beschattet wurde. Bei unserer Annäherung flohen Heerden grüner Tauben, Dohlen, Ibisse, Turteltauben, Goldfasanen, Wachteln und Moorhennen, Krähen und Habichten in Schrecken davon, während hin und wieder ein einsamer Pelikan sich flügelschlagend entfernte.

Auch hatte dieser belebte Anblick seine Antilopenpaare und Affen, welche wie australische Känguruhs dahinhuschten; diese waren hier von bedeutender Grösse, mit kugelrunden Köpfen, weissen Brüsten und langen am Ende buschigen Schweifen.

Wir kamen in Kikoka um 5 Uhr nachmittags an, nachdem wir unsere Packthiere viermal auf- und abgeladen, eine tiefe Pfütze, eine Schlammquelle und einen Fluss passirt und elf Meilen zurückgelegt hatten.

Die Ansiedlung von Kikoka besteht aus einer Anzahl Strohhütten, die nach keinem architektonischen Stil, sondern in einer Mischform gebaut sind, die von trägen Ansiedlern aus der Mrima und Zanzibar erfunden worden, um soviel Sonnenschein wie möglich von dem durch vorspringende Dächer beschatteten Aeussern und dem Innern des Hauses abzuhalten. Eine Quelle und einige Brunnen versehen sie mit Wasser, das, obgleich süss, nicht besonders gesund oder appetitlich ist, da grosse Mengen verwester Stoffe durch den Regen hineingewaschen werden, dort liegen bleiben und sich dann weiter zersetzen. Man hat einen schwachen Versuch gemacht, die Gegend zu lichten, um Platz für den Ackerbau zu gewinnen, aber anstatt sich der schwierigen Aufgabe des Abholzens der Dschungels zu unterziehen, benutzen die Ansiedler lieber offene Waldplätze, von denen sie nur das Gras beseitigen, sodass sie blos den Boden zwei bis drei Zoll tief aufzuhacken brauchen, um den Samen hineinzuwerfen und mit Bestimmtheit auf Ertrag rechnen können.

Ich muss hier bemerken, dass die Route, die ich eingeschlagen, noch nie von einem Weissen früher betreten worden ist. Wenn sich meine Leser auch die Mühe geben wollen, die Route festzustellen, die Burton und Speke und später Speke und Grant eingeschlagen haben, so wird sich herausstellen, dass ein grosser Unterschied zwischen mir und meinen Vorgängern vorliegt. Auf der Karte von Burton ist das Land im Umfange von fünf Längengraden im Westen von Bagamoyo ganz ohne Städte, Dörfer und Ansiedlungen. Durch meine Reisen ist dieser Mangel ausgefüllt und so wird allmählich das grosse Herz Afrikas besser bekannt. Auch beanspruche ich, dass was auf dieser den Weissen bisher unbekannten, von ihnen nicht erforschten Route entdeckt worden ist, so wenig es auch sein mag, als meine Entdeckung angesehen werden möge. Ich bringe diese Bitte deshalb hier an, weil ein gewisser, viel gereister Herr in Zanzibar, der seit einigen Jahren dort wohnt, es versucht hat, mich davon abzubringen, diesen Weg einzuschlagen, indem er sagte, dass eine solche Reise völlig ohne Interesse sein würde, da das ganze Land genau bekannt sei. Hierbei leiteten ihn die hochherzigsten Motive, da er wünschte, dass ich den Rufidschifluss hinaufginge, damit dieser den Geographen bekannt werde. Von Herzen gern hätte ich dies gethan, aber die Umstände verboten es mir, dies zu versuchen. Ich hatte eine bestimmte Aufgabe zu lösen, war kein Entdeckungsreisender, sondern bemühte mich, meine Pflicht in der raschesten und kürzesten Weise zu erfüllen. Wenn diese rascheste und kürzeste Weise mich einen wohlbekannten Weg führte, den schon drei Herren vor mir bereist hatten, von denen ein jeder das veröffentlicht hat, was er davon kennen gelernt, so ist das nicht meine Schuld; da es sich aber herausgestellt hat, dass ich auf diese Weise auf einen unbereisten Weg, durch ein bisher unbekanntes Land kam, so ist das um so glücklicher für mich. Ich habe die Rufidschiroute als mit meinen Mitteln völlig unausführbar ausgeschlossen, und es vorgezogen, den Weg durch Ukwere, Ukami, Udoe, Useguhha, Usagara und Nord-Ugogo zu wählen. Der Erfolg und die Dauer meines Marsches beweisen, dass ich nicht besser hätte verfahren können, da dies der directe Weg nach Westen ist.

Am nächsten Tag machten wir in Kikoka Halt, da die vierte Karavane, welche blos aus Wanyamwezi bestand, sich als ein grosses Hinderniss für ein schnelleres Fortkommen erwies. Maganga, ihr Führer, versuchte es auf verschiedene Weise, mir mehr Tuch und Geschenke abzupressen, obwol er schon mehr als die drei andern Führer zusammen gekostet hatte; aber seine Anstrengungen fruchteten weiter nichts, als dass ich ihm einen Lohn versprach, wenn er so rasch wie möglich nach Unyanyembé käme, damit ich ungehindert weiter könne.

Am 27. bald nach 7 Uhr morgens brachen wir unser Lager ab, nachdem die Wanyamwezi fort waren. Das Land hatte denselben Charakter wie das zwischen dem Kingani und Kikoka; es war anziehendes, in allen seinen Gebilden schönes Parkland.

Ich ritt voran, um uns Fleisch zu verschaffen, wenn sich eine Gelegenheit dazu bieten sollte, fand aber keine Spur von Dickicht oder Wild. Gerade vor uns, im Westen, dehnten sich die Landwellen, die sich bald hoben, bald senkten und wie die vielfach vergrösserten Furchen eines Feldes parallel verliefen. Jeder Bergrücken hatte einen mit Buschwerk bewachsenen Punkt oder einen dünnen Strich dicht belaubter Bäume, bis wir ganz in die Nähe von Rosako, unserm nächsten Halteplatz, kamen, wo sich das eintönig wellige Land veränderte und in einzelne Hügel, die mit dichten Gebüschen bewachsen waren, verwandelte. Auf einem derselben liegt, in undurchdringliches Dunkel dorniger Akazien eingehüllt, Rosako, das von dieser natürlichen Befestigung umgürtet wird und an ein anderes nach Norden gelegenes Dorf stösst, das in ähnlicher Weise geschützt ist. Zwischen beiden senkt sich ein äusserst fruchtbares und an Producten reiches Thal, das von einem kleinen Bach durchschnitten wird, welcher das Wasser von demselben und den darumliegenden niedrigen Hügeln ableitet.

Rosako ist das Grenzdorf von Ukwere, während Kikoka im äussersten Nordwesten von Uzaramo liegt. Wir zogen in dies Dorf und besetzten den mittlern Theil desselben mit unsern Zelten und Thieren. Der Dorfhäuptling brachte mir eine Kitanda oder eine viereckige, leichte Bettstelle, ohne Behänge, Fransen oder sonstige überflüssige Zierathen, die aber trotzdem ebenso bequem ist, als wenn sie mit dergleichen versehen wäre, für meinen Gebrauch ins Zelt. Die Thiere wurden unmittelbar, nachdem sie entlastet waren, auf die Weide getrieben und die Soldaten machten sich Mann für Mann an die Arbeit, die Bagage zusammenzupacken, damit der während der Masikazeit stets drohende Regen keinen unersetzlichen Schaden anrichte.

Unter andern Versuchen, die ich in Afrika anzustellen gedachte, hatte ich mir auch vorgenommen, die Wirkungen eines guten Wachhundes auf unmanierliche Menschen zu beobachten, welche durchaus darauf bestanden, zu ungehöriger Zeit in mein Zelt zu kommen und so meine Werthsachen in Gefahr brachten. Besonders wünschte ich die Wirkung seines Bellens auf die starken Wagogo zu beobachten, welche, wie mir einige Araber erzählten, die Thüren der Zelte auszuheben und, ob man das nun wünschte oder nicht, hineinzutreten pflegen, die über die Furcht, welche sie einflössen, lachen und dann wol sagen: „Hihi, Weisser, ich habe niemals ein Dir ähnliches Wesen früher gesehen. Gibt es noch viele Deinesgleichen? Woher kommst Du?“ Ebenso nehmen sie wol die Uhr weg und fragen mit munterer Neugierde: „Wozu ist das, Weisser?“ worauf man ihnen natürlich erwidert, dass es die Stunden und Minuten angäbe. Aber der auf seine Tapferkeit stolze Mgogo, welcher noch unmanierlicher als ein wildes Thier ist, antwortet dann wol mit einem beleidigenden Schnaufen: „O Du Narr!“ oder „Du bist ein verdammter Lügner!“ — Ich hatte also an einen Wachhund gedacht und mir auch in Bombay einen guten angeschafft, nicht nur zum treuen Begleiter, sondern auch um mir solche Leutchen vom Halse zu halten.

Aber bald nach unserer Ankunft in Rosako stellte es sich heraus, dass der Hund, der wegen seines türkischen Ursprungs Omar hiess, fehlte; er hatte sich während eines Regensturmes von den Soldaten entfernt und war verloren gegangen. Ich schickte also Mabruki-Burton nach Kikoka zurück, um ihn aufzusuchen. Am folgenden Morgen, als wir gerade im Begriff standen, Rosako zu verlassen, kam der treue Bursche mit dem Hunde zurück, den er in Kikoka gefunden hatte.

Vor unserer Abreise am folgenden Morgen brachte mir Maganga, der Führer der vierten Karavane, die traurige Nachricht, dass drei seiner Pagazis krank wären und er bat mich deshalb um etwas „Dowa“ (Medicin). Obgleich ich kein Arzt bin und in keinerlei Beziehung zu dieser Kunst stehe, hatte ich einen gut gefüllten Medicinkasten, ohne den kein Reisender in Afrika leben kann, gerade für einen derartigen Unfall bei mir. Ich besuchte also Maganga’s Kranke und fand, dass einer eine Lungenentzündung, ein anderer das Mukunguru (afrikanische Wechselfieber) und der dritte ein venerisches Leiden hatte. Sie dachten alle, dass sie sterben müssten und schrien laut: „Mama, Mama!“ obwol sie alle erwachsene Männer waren. Offenbar konnte die vierte Karavane an dem Tage nicht weiterziehen. Ich befahl also dem Maganga, mir sobald wie möglich nachzueilen und setzte meine eigene Marschroute fort.

Ausser in der Nachbarschaft der Dörfer, durch welche wir bisher gekommen, waren nirgends Spuren von Cultur. Das zwischen den verschiedenen Stationen sich ausdehnende Land ist eine Wildniss wie die Wüste Sahara, obgleich es ein viel angenehmeres Aussehen hat. In der That, hätte der erste Mensch zur Zeit der Schöpfung auf seine Welt geblickt und in ihr die Schönheit gefunden, welche diesem Theil Afrikas eigen ist, so hätte er sich nicht zu beklagen gehabt. Er würde in den tiefen Dickichten, die wie Inseln in einem Meere grünen Grases liegen, Schutz vor der Mittagsonne und einen sichern Zufluchtsort für sich und die Gattin während der schrecklichen Dunkelheit gefunden haben. Am Morgen hätte er auf dem sanft abfallenden Rasen spazieren gehen, sich seiner Frische freuen und seine Waschungen in einem der vielen kleinen Flüsse, die ihm zu Füssen fliessen, vornehmen können. Er bedarf ja nur eines Obstgartens. Schöne, tiefe, kühle Wälder umgeben ihn und in ihrem Schatten spazieren so viele Thiere, als man nur wünschen kann. Tagelang kann man hier nach jeder der vier Himmelsrichtungen gehen und wird stets dieselbe Scene erblicken.

So sehr ich auch wünschte, nach Unyanyembé weiterzueilen, so wurde ich doch durch eine Herzensangst um die Ankunft meiner von der vierten Karavane transportirten Güter zurückgehalten, welche, ehe meine Karavane neun Meilen marschirt war, den höchsten Grad erreicht hatte und mich veranlasste, dort ein Lager aufzuschlagen. Der von mir erwählte Platz lag in der Nähe eines sich lang hinziehenden Quells, der während der Regenzeit viel Wasser hat, da er den Abfluss für zwei ausgedehnte Bergabhänge bildet. Kaum hatten wir unser Lager aufgeschlagen, eine Boma von dornigen Akazien und andern Baumzweigen gebaut und umpfählt, sodann unsere Thiere auf die Weide getrieben, als wir eine ungeheuere Zahl der verschiedenartigsten Insekten bemerkten, welche eine Zeit lang für uns zu einer neuen Quelle von Besorgnissen wurden, bis sie durch eine genaue Untersuchung der verschiedenen Arten zerstreut wurden.

Da die Jagd, welche ich nach mehreren Insektenarten anstellte, höchst interessant war, so füge ich meinen Bericht darüber hier an, von welchem Werthe er auch sein möge.

Meine Absicht beim Einfangen dieser Arten bestand darin, festzustellen, ob sich das Genus Glossina morsitans der Naturforscher oder die Tsetse (bisweilen Setse genannt) Livingstone’s, Vardon’s, Cumming’s und Kirk’s, die den Pferden tödlich sein soll, darunter befände. Ich wünschte mir meine beiden Pferde womöglich zu erhalten; aber Dr. Kirk hatte mit der doctrinären Begeisterung eines Mannes, der ein Steckenpferd reitet, den Tod meiner Pferde infolge der Tsetsefliege bestimmt vorausgesagt, von der er behauptete, dass sie in grosser Zahl im Lande von Bagamoyo vorhanden sei. Bis zu diesem Tage war ich fast zwei Monate in Ostafrika gereist und hatte noch keine Tsetse gesehen, und meine Pferde hatten, anstatt abgezehrt zu sein — denn das ist eins der Symptome des Tsetsebisses — bedeutend zugenommen. Drei verschiedene Arten Fliegen suchten Schutz in meinem Zelt und bildeten zusammen einen beständigen Chor von Tönen, wobei die eine den tiefen Bass, die andere den Tenor und die dritte einen schwachen Contra-Alt zum besten gab. Der erste derselben rührte von einer gefrässigen und wilden Fliege her, die einen Zoll lang war und einen Leib hatte, der im Stande war, eine erstaunliche Masse Blut aufzunehmen.

Nach den schrecklichen Befürchtungen, welche mir Dr. Kirk’s Behauptungen über die Tsetse beigebracht hatten, musste ich diese für die Tsetse halten und wählte sie daher zuerst zur Untersuchung, welche mit grösster Umsicht vorgenommen wurde. Ich liess eine derselben sich auf meine Flanellgamaschen, die ich als Négligé im Lager trug, niedersetzen. Kaum hatte sie das gethan, als sie das Hintertheil erhob, den Kopf senkte und ihre Waffen, die aus vier haarähnlichen Sticheln bestanden, aus dem sie verdeckenden rüsselartigen Beutel zog; sofort fühlte ich einen Schmerz wie den, der durch einen geschickten Lanzettschnitt oder eine feine Nadel erzeugt wird. Ich liess sie sich vollsaugen, obgleich dies für meine Geduld und mein naturhistorisches Interesse eine schwere Prüfung war. Ich sah ihre Bauchtheile sich von der Fülle des Mahls ausdehnen, bis sie zur dreifachen Grösse des frühern Umfangs angeschwollen waren, worauf sie mit Blut beladen aus freien Stücken wegflog. Als ich meine Flanellgamaschen aufrollte, um mir die Quelle anzusehen, woraus die Fliege das Blut gesogen hatte, entdeckte ich, dass sie sich etwas über dem linken Knie befand und als scharlachrothe, über dem Einstich zurückbleibende Perle charakterisirte. Nachdem ich das Blut weggewischt hatte, ähnelte die Wunde einer durch einen tiefen feinen Nadelstich verursachten; seit dem Abgang der Fliege war aller Schmerz verschwunden.

Nachdem ich ein Exemplar von dieser Fliege gefangen hatte, stellte ich einen Vergleich zwischen ihr und der Tsetsefliege an, wie sie Dr. Livingstone in seinen „Missionary Travels and Researches in South-Africa“ (London 1868, S. 56, 57) beschrieben hat. Es waren zwischen ihnen so viele Unterscheidungspunkte vorhanden, dass es ganz unwahrscheinlich ist, dass diese Fliege die wirkliche Tsetse ist, obgleich meine Leute einstimmig erklärten, dass ihr Biss Pferden wie Eseln tödlich sei. Eine kurze Beschreibung der Tsetse würde so lauten: „Nicht viel grösser als eine gewöhnliche Hausfliege, fast von derselben Farbe, wie die braune Hausfliege, der Hintertheil des Körpers zeigt gelbe Querstreifen. Sie gibt ein sonderbares Gesumme von sich und ihr Biss ist tödlich für Pferde, Ochsen und Hunde. Auf den Menschen wirkt der Biss nicht, ebensowenig auf wilde Thiere. Wenn man sie auf der Hand saugen lässt, so macht sie mit der Mittelzinke von drei Theilen, in welche sich der Rüssel spaltet, einen Einstich, zieht dieselbe dann etwas heraus und nimmt, während die Kinnbacken in rasche Bewegung gerathen, eine scharlachrothe Farbe an; dem Biss folgt ein leichtes Jucken.“ Die Fliege, welche ich beobachtet hatte, wird von den Eingeborenen Mabunga genannt. Sie ist viel grösser als die gewöhnliche Hausfliege, reichlich ein Drittel grösser als die gewöhnliche Honigbiene und hat eine bestimmter markirte Farbe; ihr Kopf ist schwarz, mit einem grünlichen Schimmer. Der Hintertheil des Körpers ist durch eine weisse Linie ausgezeichnet, welche der Länge nach von der Verbindungsstelle desselben mit dem Vorderkörper hinabläuft, und auf jeder Seite dieser weissen Linie befinden sich zwei andere, von denen die eine scharlachroth, die andere hellbraun ist. Was ihr Summen anbetrifft, so hat es nichts Eigenthümliches, sondern man könnte es für das einer gewöhnlichen Biene halten. Als ich sie fing, machte sie verzweifelte Anstrengungen, sich zu befreien, versuchte aber gar nicht zu beissen. Diese Fliege griff mit etwa zwanzig andern mein graues Pferd an und biss es so arg in die Beine, dass diese wie in Blut gebadet aussahen. Daher ist es wol möglich, dass ich etwas rachsüchtig war, als ich mit mehr als dem blossen Eifer eines Entomologen daranging, zu entdecken, was für Eigenthümlichkeiten ihre Gebisswerkzeuge hätten.

Um das Bild dieser Fliege meinen Lesern so ähnlich wie möglich vorzuführen, kann ich ihren Kopf mit einem ganz winzigen Miniaturbild eines Elefanten vergleichen, denn sie hat einen schwarzen Rüssel und ein paar hornige Fühlhörner, die an Farbe und Krümmung Elefantenzähnen ähnlich sind. Der schwarze Rüssel ist jedoch blos eine hohle Scheide, welche, wenn sie nicht beisst, vier röthliche, scharfe Lanzetten umschliesst. Unter dem Mikroskop unterscheiden sich diese vier Lanzetten durch ihre Dicke; zwei davon sind sehr dick, die dritte ist dünn, aber die vierte, opalfarbige und fast durchsichtige, ist ungemein fein. Diese letztere muss der Sauger sein; wenn die Fliege im Begriff ist zu beissen, so fassen die beiden Fühlhörner den Theil, die Lanzetten werden aus der Scheide gezogen und im Nu ist der Einschnitt bewerkstelligt. Dies halte ich für die afrikanische „Pferdefliege“.

Die zweite Fliege, welche den Tenorlaut von sich gab, ähnelte an Grösse und Aussehen mehr der Tsetse. Sie war sehr flink, und drei Soldaten brauchten fast eine Stunde dazu, um ein Exemplar zu fangen; als es schliesslich gefangen war, stach es sehr gierig in die Hand und hörte mit seinen Angriffen gar nicht auf, bis es mit einer Nadel durchstochen war. Diese Fliege hatte 3–4 weisse Querstreifen auf dem Hintertheil ihres Körpers; ihre Beisswerkzeuge bestanden aus zwei schwarzen Fühlhörnern und einem opalfarbigen Stichel, der sich unter dem Halse einschlagen liess. Wenn sie beissen wollte, wurde dieser Stichel gerade herausgeschoben und die Fühlhörner umgaben ihn eng. Nach dem Tode verlor die Fliege ihre charakteristischen weissen Streifen. In diesem Lager haben wir nur ein Exemplar dieser Gattung gesehen.

Die dritte Fliege, welche „Tschufwa“ heisst, hatte einen schwachen Altton, war um ein Drittel grösser als die Hausfliege und hatte lange Flügel. Obwol dieses Insekt die schwächsten Töne von sich gab, so leistete es doch das meiste und richtete den grössten Schaden an. Pferde und Esel strömten von Blut, bäumten sich und schlugen vor Schmerzen mit den Hufen um sich. Es war so erpicht darauf, sich nicht eher vertreiben zu lassen, als bis es sich zur Genüge vollgesogen hatte, dass man es leicht abthun konnte; und dieser schreckliche Feind des Viehes vermehrte sich immer an Zahl. Die drei genannten Arten sind nach den Eingeborenen dem Vieh tödlich; und das ist wol der Grund, warum so grosse Flächen vorzüglichen Weidelandes keinerlei Hausvieh aufweisen und nur ein paar Ziegen von den Dorfbewohnern gehalten werden. Diese letztere Fliege hat sich mir später als die Tsetse herausgestellt.

Am zweiten Morgen hielt ich es für gerathener, auf die vierte Karavane zu warten, statt weiter vorwärtszugehen. Burton hat für mich ausreichende Erfahrungen in Bezug auf die Versprechungen der Banyanen von Kaole und Zanzibar gemacht; er musste elf Monate warten, ehe er die versprochenen Gegenstände erhielt. Da ich überhaupt nicht sehr viel mehr als elf Monate auf meine ganze Reise zu verwenden gedachte, so wäre es ein absoluter und nicht wieder gut zu machender Ruin gewesen, wenn ich durch meine Karavane so lange in Unyanyembé zurückgehalten werden sollte. Ihre Ankunft erwartend, widmete ich mich den Freuden der Jagd. Ich muss gestehen, dass ich darin noch ein Neuling war, obgleich ich in den Ebenen von Amerika und Persien mit gejagt hatte; ich konnte mich indess immerhin als nicht schlechten Schützen ansehen und zweifelte nicht, dass, wenn ich mich in einer Wildgegend und in entsprechender Nähe des Wildes befände, ich einiges ins Lager bringen könnte.

Nachdem wir durch das hohe Gras der Ebene eine Weile lang gegangen waren, erreichten wir zwischen dichtem Schilf gelegene Lichtungen. Ohne Erfolg spähte ich hier nach guten Verstecken und Schlupfwinkeln, kam aber schliesslich auf eine Spur, welche von kleinen Antilopen und Hartebeests reichlich betreten war, der wir folgten. Sie führte mich in ein Dickicht und einen Wasserlauf entlang, der dasselbe durchschnitt; aber nachdem ich ihm eine Stunde lang gefolgt war, kam ich von demselben und beim Versuch, ihn wieder aufzufinden, auch von meinem Wege ab. Hier leistete jedoch mein Taschenkompass gute Dienste und mit seiner Hülfe steuerte ich auf die freie Ebene zu, in deren Mitte das Lager stand. Aber es war furchtbar schwere Arbeit, sich durch ein afrikanisches Dickicht durchzudrängen, das den Kleidern und der Haut gleich verderblich war. Um rasch fortzukommen, hatte ich ein paar Flanellgamaschen angezogen und die Füsse in Segeltuchschuhe gesteckt. Wie sich erwarten liess, fasste, ehe ich ein paar Schritte weit gegangen war, ein Zweig der Acacia horrida, die nur eins unter hundert ähnlichen Uebeln bildet, das rechte Bein meiner Gamaschen am Knie und riss es fast rein ab, worauf ein stämmiger Kolquall mich an der Schulter fasste und mir als unvermeidliche Folge einen zweiten Riss beibrachte. Ein paar Schritt weiter verunzierte eine stachelige Aloepflanze durch einen weitern Riss das andere Bein meiner Gamaschen und fast unmittelbar darauf strauchelte ich gegen einen Convolvulus von der Stärke einer Mastenstrickleiter und fiel der Länge nach auf ein Bett von Dornen. Auf allen Vieren, wie ein Hund auf der Fährte, war ich nun gezwungen weiter zu wandern. Mein Sonnenhut wurde mit jeder Minute schlechter, meine Haut mehr und mehr verletzt, meine Kleider bei jedem Schritt mehr zerrissen. Ausser diesen Uebeln gab es eine stechende ätzende Pflanze, welche neben ihren starken Gerüchen mir schmerzhaft ins Gesicht schlug und einen dem durch Cayennepfeffer verursachten ähnlichen, brennenden Schmerz hinterliess. Die in dem undurchdringlichen Dickicht eingeschlossene Atmosphäre war heiss und erstickend, der Schweiss rann mir aus allen Poren und machte meine Flanellfetzen so nass, als ob ich durch ein Regenbad gegangen wäre. Als ich schliesslich wieder in die Ebene gelangt war und frei athmen konnte, gelobte ich mir im Geist, dass ich nie wieder ins Innere afrikanischer Dschungels zu dringen versuchen würde, wenn es nicht eine dringende Nothwendigkeit erheischte.

Trotz der grausamen Risse in meinen Kleidern und meiner Hautwunden konnte ich nicht umhin, als ich über die grosse wellenförmige in liebliches Grün gekleidete Ebene blickte, die von schönen im Frühlingslaub prangenden Wäldern begränzt wurde, und die kleinen über die weite Fläche verstreuten Gebüschinseln betrachtete, die Schönheit der Gegend zu bewundern. Täglich gewann das Land in meiner Werthschätzung, denn bisher fühlte ich nur, dass ich erhaltenen Befehlen nachkam, und wie ungesund es auch sein mochte, so war ich doch verpflichtet, weiterzugehen; aber aus Furcht vor dem schrecklichen Fieber, das mir durch die Fieberaussichten, die das bittere Buch des Kapitän Burton in meiner Phantasie angeregt hatte, noch schrecklicher wurde, gelobte ich mir, nicht einen Fuss breit von meinem Wege abzugehen.

Soll ich Dir sagen, lieber Leser, was die „Lake Regions of Central Africa“ und später die Berichte europäischer Kaufleute in Zanzibar mir für Vorstellungen vom Innern beigebracht hatten? Es waren die eines ungeheuern Sumpfes, der rings vom Fieber eingehüllt wäre, und zwar von einer Art gelben Fiebers, welches, wenn es mich nicht tödtete, mich doch so an Körper und Geist schwächen würde, dass ich für die Zukunft ein hülfloser Idiot bliebe. In diesem Sumpf, welcher sich über mehr als 200 Meilen ins Innere erstreckt, spielten eine Masse Nilpferde, Krokodile, Alligatoren, Eidechsen, Schildkröten und andere Kröten, und die Miasmen, welche sich aus der ungeheuern Schlammflut sich zersetzender und verwesender Massen erhoben, waren so dick und so heftig deprimirend, wie der trübselige, Selbstmord erzeugende londoner Nebel. Im Vordergrunde dieses schauerlichen Bildes befanden sich stets in meinem Geiste die Gestalten der armen Burton und Speke, von denen der erstere infolge dieses Fiebers ein vollständiger Invalide geworden und der andere in seinem Gehirnleben dauernd angegriffen war. Den bittern Fieberton in Kapitän Burton’s Buch hatte ich als die Folge seiner afrikanischen Krankheit angesehen. Aber seit meiner Ankunft auf dem Festlande hatte sich der düstere leichentuchartige Vorhang mit jedem Tage mehr verzogen und die trostlose Aussicht aufgeklärt. Wir waren jetzt zwei Monate auf ostafrikanischem Boden und kein einziger meiner Leute war krank geworden. Ja, die Europäer hatten an Körperfülle zugenommen und ihr Appetit war stets in ausserordentlich gutem Zustande.

Der zweite und dritte Tag verging ohne irgendeine Nachricht von Maganga. Daher wurden Shaw und Bombay ausgesandt, um ihn mit aller möglichen Beschleunigung heranzubringen. Am vierten Morgen kehrten sie von dem langsamen Maganga und seinen langsam nachziehenden Leuten begleitet zurück. An ihn gerichtete Fragen waren nur im Stande, ihm die Entschuldigung zu entlocken, dass seine Leute zu krank gewesen wären und er gefürchtet hätte, ihre Kräfte eher auf die Probe zu stellen, als bis sie ganz im Stande wären, die Strapazen auszuhalten. Ausserdem machte er den Vorschlag, ich möchte doch, da er sich noch einen Tag in dem Lager aufhalten müsse, nach Kingaru voranziehen und dort bis zu seiner Ankunft im Lager bleiben. Auf diesen Rath hin brach ich mein Lager ab und zog nach dem fünf Meilen entfernten Kingaru.

Auf diesem Marsche wurde das Land hügeliger, und die Karavane stiess zuerst auf Schilfmoor, was unserm Wagen bedeutende Mühe verursachte. Pisolithischer Kalkstein trat in Schichten und Geröllen hervor; wir fingen an, uns einzubilden, dass wir uns einem gesunden Hochlande näherten, und als ob dieser Gedanke sich bestätigen sollte, wurden im Norden und Nordwesten die purpurnen Kegel von Udoe sichtbar und über allen ragte der Dilima-Pic etwa 1500 Fuss hoch über der Meeresfläche empor. Aber bald darauf senkte sich der Weg wieder in ein kesselförmiges, grünes, von hohem Korn bewachsenes Thal und bog sich leicht von Nordwesten nach Westen durch ein Land, das sich abermals in wellenförmigen Linien dahinzog.

In einer der zwischen diesen länglichen Bodenanschwellungen befindlichen Niederungen stand das Dorf Kingaru mit einer Umgebung, die in ihrem Aeussern auf Wechsel- und andere Fieber hindeutete. Vielleicht machten die dicken Regenwolken und überhängenden Bergfirsten mit ihren dichten, durch das Dunkel traurig aussehenden Wäldern den Ort unangenehmer als gewöhnlich; jedenfalls waren die ersten Eindrücke keineswegs angenehm, die ich von dieser rasenbekleideten, von dunkeln Wäldern eingeschlossenen Thalsenkung und der nahe gelegenen tiefen sumpfigen Wasserrinne empfing.

Ehe wir unser Lager in Ordnung bringen und die Zelte aufschlagen konnten, kam der schreckliche Vorbote der Masikazeit in hinreichenden Strömen herab, um die junge, glühende Liebe, die ich in letzter Zeit für Ostafrika an den Tag gelegt hatte, zu dämpfen. Trotz des Regens jedoch arbeiteten wir weiter, bis unser Lager fertig, das Eigenthum vor Wetter und Dieben in Sicherheit gebracht war, und wir mit Ergebung zusehen konnten, wie die Regentropfen den Boden in einen äusserst zähen Schlamm verwandelten und aus unserm Lagergrunde kleine Seen und Flüsse bildeten.

Gegen Abend, nachdem das unangenehme Schauspiel seinen Höhepunkt erreicht hatte, hörte der Regen auf, und die Eingeborenen kamen aus den in den Wäldern gelegenen Dörfern schaarenweise mit ihren Verkaufsartikeln ins Lager. Ihnen voran erschien, als ob er dazu verpflichtet wäre, der Sultan — Beherrscher oder Häuptling — des Dorfes mit 3 Maass Matama und ½ Maass Reis, die er mich mit väterlichem Lächeln anzunehmen ersuchte. Aber unter seiner lachenden Maske, den triefenden Augen und der gefurchten Stirn liess sich ein ränkevolles, äusserst schlaues Wesen erkennen. Unter derselben Maske, die dieser schelmische Aelteste angenommen hatte, antwortete ich: „Der Häuptling von Kingaru hat mich einen reichen Sultan genannt. Wenn ich das bin, warum kommt dann der Häuptling nicht mit einem reichen Geschenk zu mir, damit er ein ebenso reiches Gegengeschenk empfangen könne?“ Darauf erwiderte er abermals mit einem gezwungenen Lächeln seines runzligen Gesichts: „Kingaru ist arm und es gibt im Dorfe kein Matama.“ Worauf ich entgegnete, ich werde ihm, da kein Matama im Dorf vorhanden sei, ein halbes Schukka oder ein Meter Tuch geben, was genau seinem Geschenk entspräche, und wenn er sein kleines Körbchen für ein ordentliches Geschenk halte, so würde ich mein Zeug gleichfalls als ein solches bezeichnen. Mit dieser Logik musste er sich zufriedengeben.

1. April. Heute hat die Expedition einen Verlust erlitten durch den Tod des grauen arabischen Pferdes, das mir Seyyid Barghasch, der Sultan von Zanzibar, geschenkt hatte. Gestern Abend bemerkte ich, dass das Pferd leidend war. Da ich mich dessen erinnerte, was mir Dr. Kirk, der britische Consul in Zanzibar, so häufig versichert hatte, nämlich dass Pferde im Innern von Afrika wegen der Tsetsefliege nicht leben könnten, liess ich es öffnen, um den Magen, von dem ich meinte, dass er krank sei, zu untersuchen. Ausser vielem unverdauten Matama und Gras fanden sich 25 kurze, dicke, weisse Würmer vor, welche wie Blutegel in der Wandung des Magens steckten, während die Därme von zahlreichen langen weissen Würmern wimmelten. Ich bin überzeugt, dass weder Mensch noch Vieh mit einer solchen Masse schädlicher lebender Wesen im Innern lange existiren kann.

Damit der todte Kadaver das Thal nicht verpeste, liess ich das Pferd ungefähr 20 Meter von der Lagerstätte tief in die Erde vergraben. Aus dieser kleinen Veranlassung machte der Dorfhäuptling Kingaru ungeheuern Lärm. Er hatte sich nämlich mit seinen Collegen, den Häuptlingen der benachbarten Dörfer, die ungefähr zwei Dutzend aus Zweigen geflochtene Hütten repräsentirten, über die beste Methode berathschlagt, wie er den Musungu um ein oder zwei ganze Doti Merikani strafen könne, und war dabei schliesslich zu der Ueberzeugung gelangt, dass die Beerdigung eines todten Pferdes in ihrem Grund und Boden, ohne vorgängige Erlaubniss, ein schreckliches und strafwürdiges Vergehen sei. Indem er sich also über die unverzeihliche Unterlassung sehr entrüstet stellte, beschloss Kingaru, vier junge Leute an den Musungu zu schicken und ihm sagen zu lassen: „Da Ihr Euer Pferd in meinem Boden begraben habt, so mag es gut sein; es kann da bleiben, aber Ihr müsst mir zwei Doti Merikani dafür bezahlen.“ — Als Antwort wurde den Boten aufgetragen, ihrem Häuptling zu sagen, ich zöge es vor, die Sache mit ihm selbst von Angesicht zu Angesicht zu besprechen, wenn er so gut sein wolle, mich noch einmal in meinem Zelte zu besuchen. Da das Dorf nur einen Steinwurf von unserm Feldlager entfernt war, kam der runzlige Aelteste in ein paar Minuten wieder an die Thür meines Zeltes und etwa die Hälfte der Einwohnerschaft folgte ihm.

Das nun folgende Zwiegespräch, welches so stattfand, wie es hier aufgezeichnet, wird dazu beitragen, den Charakter der Leute zu kennzeichnen, mit denen ich ungefähr ein Jahr lang im Verkehr stehen sollte.

Weisser: „Sind Sie der grosse Häuptling von Kingaru?“

Kingaru: „Huh-uh. Ja.“

Weisser: „Der grosse, grosse Häuptling?“

Kingaru: „Huh-uh. Ja.“

Weisser: „Wie viel Soldaten habt Ihr?“

Kingaru: „Wieso?“

Weisser: „Wie viel Kriegsleute habt Ihr?“

Kingaru: „Gar keine.“

Weisser: „Nun, ich dachte, Ihr würdet tausend Mann bei Euch haben, da Ihr einem so starken Weissen, der viel Gewehre und Soldaten hat, eine Strafe von 2 Doti für das Begraben eines todten Pferdes auferlegt.“

Kingaru (etwas verwirrt): „Nein, ich habe keine Soldaten. Ich habe blos ein paar junge Leute.“

Weisser: „Warum kommt Ihr denn und macht uns diese Unruhe?“

Kingaru: „Ich habe es nicht gethan, sondern meine Brüder, die mir sagten: «Komm her, komm her, Kingaru, sieh, was der weisse Mann gethan hat. Hat er nicht von Deinem Grund und Boden Besitz ergriffen dadurch, dass er sein Pferd ohne Deine Erlaubniss in Deinem Erdreich begraben hat? Komm, geh hin und sieh, mit welchem Rechte er das gethan.» Daher bin ich hergekommen, um Euch zu fragen, wer Euch die Erlaubniss ergeben hat, meinen Boden als Begräbnissplatz zu benutzen.“

Weisser: „Ich bedarf keines Menschen Erlaubniss, um das zu thun, was recht ist. Mein Pferd ist krepirt. Hätte ich es in Euerm Thal liegen lassen, um daselbst zu verfaulen und die Luft zu verpesten, so hätte Krankheit Euer Dorf heimgesucht, Euer Wasser wäre ungesund geworden und die Karavanen würden hier nicht anhalten, um Handel zu treiben, denn sie würden sagen: «Dies ist ein unglücklicher Ort, lasst uns fortziehen.» Aber genug davon; ich höre, Ihr wollt nicht, dass das Pferd in Euerm Boden beerdigt sei. Der Fehler, den ich begangen, lässt sich leicht wieder gutmachen. Im Augenblicke sollen meine Soldaten es wieder ausgraben und den Boden so zudecken, wie er früher war, und das Pferd soll da liegen bleiben, wo es gestorben ist.“ (Bombay laut zurufend): „Heda, Bombay, nimm Soldaten mit Hacken, um mein Pferd aus der Erde herauszugraben. Schleppt es dahin, wo es gestorben ist und macht alles bereit für unsern morgen früh stattfindenden Marsch.“

Kingaru schreit nun mit bedeutend erhobener Stimme und vor Erregung wackelndem Kopfe: „Akuna, akuna, Bana! Nein, nein, Herr! Möge der weisse Mann nicht zornig werden. Das Pferd ist todt und liegt jetzt begraben. Mag es da liegen bleiben, weil es schon da ist, und lasst uns wieder gute Freunde sein.“

Nachdem der Scheikh von Kingaru auf diese Weise zur Vernunft gebracht war, boten wir einander ein freundschaftliches Quahary und ich blieb allein, um über meinen Verlust nachzudenken. Kaum war eine halbe Stunde verstrichen — es war 9 Uhr abends geworden und das Lager schon halb im Schlummer, — als ich ein tiefes, von einem der Thiere herrührendes Gestöhne vernahm. Als ich mich danach erkundigte, welches Thier leidend war, war ich erstaunt zu erfahren, dass es mein Brauner sei. Mit einer Stallglaslaterne besuchte ich dasselbe und bemerkte, dass der Schmerz im Magen sass, aber ob er von irgend einer giftigen Pflanze, die es auf der Weide gefressen oder von einer sonstigen Krankheit herrühre, konnte ich nicht ermitteln. Das Pferd gab reichliche Mengen einer dünnflüssigen Substanz von sich, die aber in ihrer Farbe nichts eigenthümliches hatte. Seine Schmerzen waren offenbar sehr gross, denn es stöhnte wahrhaft kläglich und sträubte sich heftig. Ich blieb die ganze Nacht auf in der Hoffnung, dass es nur die vorübergehende Wirkung einer unbekannten schädlichen Pflanze sei, aber nach einem kurzen, schweren Todeskampfe krepirte auch dieses Pferd am nächsten Morgen um 6 Uhr, genau 15 Stunden nach dem andern. Als wir den Magen öffneten, stellte sich heraus, dass der Tod durch das nach Innen erfolgte Aufplatzen eines Krebsgeschwürs bedingt war, das den grössten Theil der Magenwand ergriffen und sich 1–2 Zoll nach dem Mageneingang hinauf erstreckt hatte. Der Inhalt des Magens und der Gedärme war von dem gelben schleimigen Ausfluss des Geschwürs geradezu überschwemmt.

So hatte ich meine beiden Pferde verloren und zwar innerhalb des kurzen Zeitraums von fünfzehn Stunden. Bei meiner beschränkten Kenntniss der Veterinärkunde, welche zwar durch die vorliegenden positiven Beweise, die mir die Section der beiden Magen darbot, erweitert wurde, kann ich es kaum wagen, der Behauptung des Dr. Kirk zu widersprechen und etwa meinerseits behaupten zu wollen, dass Pferde doch im Stande sind, Unyanyembé zu erreichen und bequem durch diesen Theil Ostafrikas reisen können. Sollte ich aber in Zukunft jemals dazu Gelegenheit haben, so würde ich nicht zaudern, mir vier Pferde mitzunehmen; doch würde ich bestimmt vor dem Kaufe mir alle Mühe geben, genau festzustellen, ob sie vollständig gesund und fehlerfrei sind, und den Reisenden, die ein gutes Pferd gern haben, möchte ich zurufen: „Versuchen Sie es weiter und lassen Sie sich nicht durch meine unglücklichen Erfahrungen entmuthigen.“

Der 1., 2. und 3. April gingen vorüber und wir hörten und sahen nichts von der stets zurückbleibenden vierten Karavane. Mittlerweile vermehrte sich die Zahl unserer Unfälle. Ausser dem Verlust der kostbaren Zeit infolge der Verkehrtheit des Führers der andern Karavane und dem Verlust meiner beiden Pferde, benutzte ein mit Bootgeräthschaften beladener Pagazi die Gelegenheit und desertirte. Ferner wurde mein Dolmetscher Selim von einem heftigen Anfall von Wechselfieber befallen. Ihm folgte alsbald der Koch, dann der Hülfskoch und Schneider Abdul Kader, schliesslich ehe der dritte Tag vorbei war, hatte Bombay Rheumatismus, Uledi (der frühere Diener Grant’s) Halsentzündung, Zaidi den Fluss, Kingaru das Mukunguru, Khamisi, ein Pagazi, litt an Schwäche der Lenden, Fardschallah bekam ein Gallenfieber, und ehe die Nacht einbrach, hatte Makoviga Durchfall. So schien mein beabsichtigter Sturmlauf nach Unyanyembé und rasches Durchschreiten der furchtbaren Seegegend dazu bestimmt, ziemlich ähnlich wie der rasche Lauf auf Magdala zu endigen, den Dr. Austin, von der Londoner „Times“, dem Sir Robert Napier in Abessinien so dringend anrieth. Von einer Truppe von 25 Mann war einer desertirt, 10 befanden sich auf der Krankenliste, und es wurde somit die Vorahnung, dass die übel aussehende Umgegend von Kingaru uns Unglück bringen werde, zur vollen Wahrheit.

Am 4. April erschienen Maganga und seine Leute, nachdem sie sich uns durch Musketenschüsse und Hornsignale, den in diesem Lande gewöhnlichen Zeichen der Annäherung einer Karavane, angemeldet hatten. Seine Kranken waren bedeutend besser, aber sie brauchten noch einen Tag Ruhe in Kingaru. Nachmittags kam er, um Angriffe auf meine Freigebigkeit zu machen, indem er mir Einzelheiten über die herzlosen Betrügereien erzählte, welche Sur Hadschi Pallu gegen ihn verübt hätte; aber ich sagte ihm, ich könne, seit ich Bagamoyo verlassen, nicht mehr freigebig sein. Wir wären jetzt in einem Lande, wo das Tuch viel mehr werth sei; auch hätte ich nicht mehr Zeug, als ich für meinen und meiner Leute Unterhalt brauchte, und er und seine Karavane hätten mir mehr Geld und Mühe gekostet, als die drei übrigen — was auch der Fall war. Mit dieser Entgegnung musste er sich zufriedengeben, aber ich löste wieder seine Zweifel über die Geldangelegenheit, indem ich ihm versprach, dass er, wenn er rasch mit seiner Karavane nach Unyanyembé weiterzöge, keine Ursache haben solle, sich zu beklagen.

Am 5. April hatten wir die Genugthuung, die vierte Karavane vor uns her verschwinden zu sehen mit dem erwünschten Versprechen, dass wir sie diesseits von Simbamwenni gewiss nicht wieder erblicken sollten, wenn wir auch noch so rasch folgten.

Am folgenden Morgen schlug ich, um meine Leute aus ihrer krankhaften Stumpfheit aufzurütteln, einen ermunternden Alarm mit einem eisernen Kochlöffel auf einer Zinnpfanne, wodurch ich anzeigte, dass wir im Begriff standen, ein Sofari zu unternehmen. Nach der ausserordentlichen Heiterkeit zu urtheilen, mit der meinem Aufruf entsprochen wurde, hatte dies eine sehr gute Wirkung. Schon vor Sonnenaufgang waren wir in der Lage aufbrechen zu können. Nach unserm Abzug stürzten die Dorfbewohner von Kingaru mit der Schnelligkeit von Habichten heraus, um sich Lumpen oder Abfälle, die wir zurückgelassen hatten, zu sammeln.

Der lange Marsch von 15 Meilen nach Imbiki bewies, dass unser verlängerter Aufenthalt in Kingaru meine Soldaten und Pagazis völlig demoralisirt hatte. Nur wenige von ihnen hatten Kraft genug, um Imbiki vor der Nacht zu erreichen. Die andern, welche bei den beladenen Eseln waren, erschienen erst am nächsten Morgen in einem bejammernswerthen Zustande des Geistes und Körpers. Khamisi — der Pagazi mit den schwachen Lenden — war weggelaufen und hatte zwei Ziegen, das Zelt für die Waaren und die ganze persönliche Habe von Uledi, welche aus seinem Besuchs-Dischdascheh, einem langen Hemde nach arabischem Schnitt, 10 Pfund Perlen und einigen feinen Zeugen bestand, mitgenommen. Uledi hatte ihm dies in einem Anfall von Grossmuth anvertraut, während er des Pagazi’s Last, nämlich 70 Pfund Bubuperlen, getragen hatte. Diese Veruntreuung durfte nicht unbeachtet bleiben, auch konnte man Khamisi nicht heimkehren lassen, ohne dass ein Versuch gemacht wurde, ihn zu fassen. Daher wurden Uledi und Feradschi ausgeschickt, um ihn zu verfolgen, während wir in Imbiki blieben, um den heruntergekommenen Soldaten und Thieren Zeit zur Erholung zu geben.

Am 8. setzten wir unsere Reise fort und kamen in Msuwa an. Dieser Marsch wird als der angreifendste von allen in der Erinnerung unserer Karavane lebendig bleiben, obwol die Entfernung nur zehn Meilen betrug. Er führte fortwährend durch Dschungeldickicht, nur unterbrochen von drei dazwischen liegenden Waldwiesen von beschränkten Dimensionen, die uns drei Athmungspausen in der grässlichen Reisearbeit durch das Dickicht gewährten. Der Geruch, der den wilden Pflanzen desselben entströmte, war so durchdringend, so stechend scharf, und das aus den verwesten Pflanzenstoffen entstehende Miasma so dicht, dass ich jeden Augenblick erwartete, ich und meine Leute würden in akuten Fieberanfällen hinstürzen. Glücklicherweise jedoch gesellte sich dieses Unglück nicht noch zu dem Uebelstande, dass wir die häufig fallenden Packete auf- und abzuladen hatten. Es zeigte sich, dass sieben Soldaten für die Besorgung von fünfzehn beladenen Eseln auf einer Reise durch die Dschungels entschieden zu wenig waren; denn wenn der Pfad nur einen Fuss breit ist und von einer von Dornen und Schlinggewächsen starrenden Mauer zu beiden Seiten eingehegt wird, wenn vorspringende Aeste quer über ihn laufen, sowie Bündel von starren Zweigen, spitz wie Nägel alles aufhalten, was mehr als vier Fuss hoch ist, so kann man vernünftigerweise annehmen, dass vier Fuss hohe Esel mit einer Last, welche von einem Ballen zum andern vier Fuss misst, Unglück haben mussten. Solches Unglück ereignete sich häufig und zwang uns alle paar Minuten, die Sachen wieder in Ordnung zu bringen. Dies hatten wir so oft zu thun, dass die Leute ganz unmuthig wurden und man ihnen scharf zureden musste, damit sie sich an die Arbeit machten. Als ich Msuwa erreichte, war niemand bei mir und den zehn Eseln, die ich trieb, als Mabruki der Kleine, welcher, obwol gewöhnlich etwas dumm, wie ein Mann bei seiner Arbeit blieb. Bombay und Uledi waren weit hinten mit den abgemattetsten Eseln. Shaw hatte den Karren zu besorgen und machte sehr trübe Erfahrungen dabei; wie er mir sagte, hatte er ein ganzes Wörterbuch stürmischer Schimpfreden, wie sie den Matrosen bekannt sind, verbraucht und noch ein neues, selbst extemporirtes erschöpft. Er kam nicht vor 2 Uhr am nächsten Morgen an und war vollständig abgetrieben. Ich zweifle wirklich, dass der frömmste Geistliche es hätte vermeiden können, über seine eigene Thorheit hierher zu kommen, zu fluchen, wenn er unter solchen Umständen, mit so häufig wiederkehrenden Störungen, und einer solchen Sisyphusarbeit ausgesetzt, durch diese Dschungels hätte reisen müssen. Wie habe ich mich doch auf diesem schweren Marsche nach meiner frühern bequemen Lebensweise, nach der angenehmen Ruhe in meinem behaglichen Lehnstuhl in Madrid gesehnt! Wer zuerst vom Reisen behauptet hat, dass es blos für Narren paradiesisch sein könne, muss sicherlich durch die Erlebnisse eines ähnlichen Tages zu diesem Ausspruch veranlasst worden sein.

Wiederum wurde in Msuwa Halt gemacht, damit unsere Thiere sich erholen konnten. Der Häuptling des Dorfes, ausser in der Farbe ein Weisser in jeglicher Beziehung, schickte mir und meinen Leuten das fetteste breitschwänzige Schaf seiner Heerde und fünf Maass Matamakorn. Das Hammelfleisch war ausgezeichnet, unvergleichlich schön. Für sein rechtzeitiges, uns so nothwendiges Geschenk gab ich ihm zwei Doti und amüsirte ihn damit, dass ich ihm den wundervollen Mechanismus des gezogenen Winchester-Gewehrs und meiner Hinterlader-Revolver auseinandersetzte.

Er und seine Leute waren intelligent genug, um die Nützlichkeit dieser Waffen in der Noth zu begreifen und deuteten mit ausdrucksvollen Pantomimen die mächtige Wirkung derselben gegen blos mit Speer und Bogen bewaffneten Massen an, indem sie ihre Arme so ausstreckten, als ob sie eine Flinte hielten und mit derselben einen grossen Kreis umschrieben. „Wahrlich“, sagten sie, „die Wasungu sind viel klüger als die Waschensi. Was für Köpfe haben sie! Was für wunderbare Dinge machen sie! Man sehe nur ihre Zelte, ihre Gewehre, ihre Uhren, ihre Kleider und das kleine rollende Ding (den Karren) an, das mehr als fünf Menschen transportiren kann, — que!“

Am 10. marschirte meine Karavane von Msuwa ab, nachdem sie sich von der furchtbaren Anstrengung des letzten Tages erholt hatte. Von den gastfreien Dorfbewohnern wurden wir, soweit ihre Vertheidigungspfähle reichten, begleitet und dort mit einstimmigen „Quaharys“ verabschiedet. Ausserhalb des Dorfes versprach der Marsch weniger schwierig zu sein als zwischen Imbiki und Msuwa. Nachdem die Strasse durch eine hübsche kleine Ebene gegangen war, welche ein trockener Graben oder Mtoni durchschnitt, führte sie an ein paar bebauten Feldern vorüber, wo uns die Ackerbauer wie bezaubert, nur durch starres Anglotzen begrüssten.

Bald darauf stiessen wir auf ein Schauspiel, das in diesem Theile der Welt gewöhnlich ist, nämlich auf eine gefesselte Sklavenbande, die nach Osten zog. Die Sklaven sahen durchaus nicht niedergeschlagen aus, sondern schienen im Gegentheil von dem philosophischen Humor erfüllt, den der muntere Diener Martin Chuzzlewit’s an den Tag legt. Wäre es nicht um die Ketten gewesen, so hätte man nur mit Schwierigkeit den Herrn vom Sklaven unterscheiden können; die physiognomischen Züge waren dieselben. Das milde Wohlwollen, mit dem sie uns anblickten, war auf allen Gesichtern gleichmässig zu sehen. Die Ketten waren schwer und hätten auch Elefanten fesseln können, aber da die Sklaven ausser denselben nichts zu tragen hatten, konnte ihr Gewicht nicht unerträglich sein.

Auf diesem Marsch gab es wenig Dickicht und obgleich die Packete an einigen Stellen Unfälle erlitten, so waren diese doch nicht so bedeutend, dass wir dadurch erheblich aufgehalten worden wären. Um 10 Uhr vormittags campirten wir mitten in einer Gegend, die eine imposante Aussicht auf grünen Rasen und Wald darbot, über die sich ein wolkenloser Himmel wölbte. Wir hatten unser Lager wieder in der Wildniss aufgeschlagen und, wie es bei Karavanen Sitte ist, zwei Schüsse abgefeuert, um den Waschensi, die Korn verkaufen wollten, anzuzeigen, dass wir zum Handel bereit seien.