Ankunft in Tschunyo. — Bitterwasser. — Marenga Mkali. — Sechsunddreissig Stunden lang kein Wasser. — Gefährlicher Fieberanfall. — Ankunft in Ugogo. — Wüthender Pöbel. — Reichliche Lebensmittel in Mvumi. — Tribut an den grossen Sultan. — Der Sultan von Matamburu. — Marsch nach Bihawana. — Die Wagogo erhalten Peitschenhiebe. — Besuch des Sultans von Mizanza. — Die Wahumba sind ein stattlicher Menschenschlag. — Ankunft in Mukonduku. — Abreise. — Berathschlagung mit den Arabern über die einzuschlagende Route. — Streit und Trennung von denselben. — Sie folgen mir. — Ugogo ein Land voll Bitterniss. — Ankunft in Kiti. — Sultan bin Mohammed. — Halt in Kusuri. — Erschiessen eines Dieners. — Schlammfische. — Ruinen von Rubuga. — Amir bin Sultan. — Uebergang über das Mtoni. — Ankunft in Unyanyembé.
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Von Marenga Mkali nach
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St.
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Min.
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St.
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Min.
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Mvumi in Klein-Ugogo
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12
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30
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Matamburu
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4
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—
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Mvumi in Gross-Ugogo
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4
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—
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Bihawana
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4
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—
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Kididimo
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2
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—
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Mgongo Tembo
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3
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30
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Pembera Pereh
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10
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—
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Mgongo Tembo Mtoni
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3
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30
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Mizanza
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5
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30
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Nghwhalah Mtoni
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2
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40
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Mukondoku
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6
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30
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Madedita
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2
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30
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Munieka
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5
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—
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Central Tura in Unyamwezi
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3
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—
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Mabunguru Mtoni in
Uyanzi |
8
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—
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Kwala-Fluss
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7
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—
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Rubuga
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7
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15
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Kiti in Uyanzi
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6
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30
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Kigwa
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5
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—
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Msalalo
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6
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30
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Schisa
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7
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—
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Welled Ngaraiso
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3
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30
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Kwihara
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3
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—
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Kusuri
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3
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15
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Der 22. Mai sah Thani’s und Hamed’s Karavanen mit der meinigen in Tschunyo, 3½ Stunden von Mpwapwa, vereinigt. Der Weg von letzterm Ort läuft längs des Saumes des Mpwapwa-Höhenzuges. An drei oder vier Stellen geht er über vorspringende Ausläufer, welche sich von dem Hauptstock des Gebirges abtrennen. Der letzte dieser Bergausläufer, der sich durch einen erhabenen Querfirst mit dem Mpwapwa verbindet, schützt das Dorf Tschunyo, das an der westlichen Seite liegt, vor den Stürmen, welche von den tiefen Abhängen herabbrausen.
Das Wasser von Tschunyo ist ganz besonders schlecht, sodass es durch seine salzige, salpeterhaltige Beschaffenheit der Wildniss, welche Usagara von Ugogo trennt, den Namen Marenga Mkali, Bitterwasser, gegeben hat. Obgleich es ausserordentlich widerlich schmeckt, trinken es Araber und Eingeborene ohne Furcht oder schlechte Folgen zu verspüren, halten aber ihre Lastthiere sorgfältig von den Wassergruben fern. Da ich seine Natur nicht kannte und nicht genau wusste, welche Oertlichkeit mit dem Namen Marenga Mkali bezeichnet wird, liess ich die Esel wie gewöhnlich nach einem Marsch ans Wasser führen und die Folge davon war in hohem Grade verderblich. Was das furchtbare Moor von Makata verschont hatte, vernichteten die Wasser von Marenga Mkali. In weniger als fünf Tagen nach unserer Abreise von Tschunyo oder Marenga Mkali fielen ihnen fünf von den neun Eseln, die mir damals noch übrigblieben, zum Opfer und zwar gerade die fünf gesündesten. Das Wasser schien Harnverhaltung hervorzurufen, denn der Tod von dreien der Thiere war auf diese Ursache zurückzuführen.
Wir bildeten eine ganz imposante Karavane, als wir aus dem ungastlichen Tschunyo ungefähr 400 Seelen stark fortzogen. Dazu hatten wir viele Flinten, Flaggen, Hörner, Trommeln, und machten viel Lärm. Durch Scheikh Thani’s Erlaubniss wurde Scheikh Hamed und mir die Aufgabe zutheil, diese grosse Karavane durch das gefürchtete Ugogo zu führen. Dies war, wie man später sehen wird, eine sehr unglückliche Wahl.
Endlich lag Marenga Mkali, in einer Breite von mehr als 30 Meilen vor uns. Diese Entfernung musste innerhalb 36 Stunden zurückgelegt werden, sodass die Strapazen eines gewöhnlichen Marsches dadurch mehr als verdoppelt wurden. Von Tschunyo nach Ugogo findet man nicht einen Tropfen Wasser. Da eine grosse Karavane von z. B. 200 Seelen selten mehr als 1¾ Meilen in der Stunde zurücklegt, so beansprucht ein Marsch von 30 Meilen eine siebenzigstündige Entbehrung von Wasser und gestattet nur wenig Ruhe. Da Ostafrika meist unbeschränkte Wassermengen besitzt, sind Karavanen nicht gezwungen, aus Mangel an diesem Element zum Muschok Indiens oder dem Khirbeh Aegyptens ihre Zuflucht zu nehmen. Weil sie im Stande sind, die wasserlosen Districte in einigen langen Märschen zu passiren, lassen sie sich für diese Zeit an kleinen Kürbisflaschen voll Wasser genügen und weiden ihre Phantasie an den grossen Mengen, welche sie nach ihrer Ankunft an einem wasserreichen Ort trinken werden.
Der Marsch durch diesen wasserlosen District war sehr eintönig und mich packte ein gefährliches Fieber, welches mir die Eingeweide geradezu zu verzehren schien. Die Wunder von Afrika, welche sich hier in Gestalt von Zebras, Giraffen, Elenn und Antilopen zeigten, die über die strauchlose Ebene gallopirten, hatten für mich keinen Reiz und vermochten es nicht, meine Aufmerksamkeit von der schweren Erkrankung, die mich befallen hatte, abzulenken. Gegen das Ende des ersten Marsches war ich nicht im Stande, auf dem Esel zu sitzen. Auch ging es nicht an, da wir erst den dritten Theil des Weges durch die Wüste hinter uns hatten, vor dem nächsten Tage Halt zu machen. Es wurden daher Soldaten commandirt, mich in einer Hängematte zu tragen, und als die Terekeza am Abend zu Ende war, lag ich in einem lethargischen, völlig bewusstlosen Zustande da. In der Nacht ging das Fieber vorüber und um 3 Uhr morgens, als der Marsch wieder aufgenommen wurde, war ich gestiefelt und gespornt und wieder als Mtongi meiner Karavane anerkannt. Um 8 Uhr morgens hatten wir die 32 Meilen zurückgelegt. Die Wildniss von Marenga Mkali war passirt und wir waren nach Ugogo gekommen, das für meine Karavane ein gefürchtetes, für mich ein gelobtes Land war.
Der Uebergang von der Wildniss in dasselbe war sehr allmählich und leicht. Nur nach und nach wurde das Dickicht dünner; es dauerte lange, bis wir an abgeholztes Land kamen, und als es schliesslich da war, sah man nicht eher Zeichen der Cultur, als bis wir Kräuter und Pflanzen an einigen zur rechten Hand parallel mit unserer Route verlaufenden Bergabhängen erkennen konnten. Dann erst erblickten wir Nutzholz auf den Bergen und weite bebaute Felder, und siehe da, als wir über eine röthliche Erdwelle schritten, die von hohem Unkraut und Rohr bedeckt war, lagen nur wenige Schritt von uns entfernt, gerade quer über unserm Weg, die Matama- und Kornfelder, nach denen wir ausgeschaut; wir waren schon seit einer Stunde in Ugogo.
Der Blick war nicht, wie ich ihn erwartet. Ich hatte mir ein Plateau, mehrere hundert Fuss höher als Marenga Mkali liegend, und eine ausgedehnte Aussicht vorgestellt, die mir Ugogo und seinen Charakter sofort offenbaren sollten. Statt dessen waren wir aber, als wir das hohe Unkraut, welches das vor den bebauten Strecken kommende abgeholzte Land bedeckt hatte, durchzogen, mitten in noch höhere Matamahalme hineingerathen und mit Ausnahme des Blicks auf einige ferne Berge in der Nähe von Mwumi, wo der grosse Sultan lebt, das Haupt des Stammes, dem wir Tribut zahlen sollten, war die Aussicht sehr begrenzt.
In der Umgegend des ersten Dorfes bekamen wir jedoch einige charakteristische Züge von Ugogo flüchtig zu sehen. Da lag eine weite Ebene, bald flach, bald sich leicht erhebend, hier platt wie ein Tisch, dort zu schroffen Hügeln geformt, welche von zahlreichen unebenen, riesigen Felsblöcken starrten, die einer über dem andern aufgeschichtet lagen, als ob Kinder eines Titanengeschlechts hier Häuserbauen gespielt hätten. Wirklich bildeten diese Haufen runder, eckiger und zerrissener Felsen kleine Hügel für sich und sahen so aus, als ob ein jeder von ihnen durch irgendeine heftig wirkende Kraft von unten hinaufgeworfen worden sei. Namentlich war einer derselben in der Nähe von Mvumi so gross und hatte, da er durch die ausgestreckten Zweige eines riesigen Baobab etwas den Blicken entzogen wurde, so grosse Aehnlichkeit mit einem ungeheuren viereckigen Thurme, dass ich längere Zeit die Idee hegte, etwas besonders Interessantes, was sich merkwürdigerweise der Beobachtung meiner Vorgänger in Ostafrika entzogen, entdeckt zu haben. Ein genaueres Hinsehen zerstörte die Illusion und bewies mir, dass es ein grosser Felsenwürfel war, der ungefähr 70 Fuss nach jeder Richtung mass. Die Baobab sind auch in dieser Landschaft besonders hervorstechend, da kein anderer Baum in diesen bebauten Gegenden zu sehen ist. Man hatte sie wol aus zwei Gründen stehen lassen: erstens aus Mangel an geeigneten Beilen, Bäume von so grossem Umfange zu fällen, und zweitens, weil die Frucht des Baobab ein Mehl gibt, das bei Hungersnoth, wenn es nichts besseres gibt, auch geniessbar und nahrhaft sein soll.
Die ersten Worte, die ich in Ugogo hörte, kamen von einem starkgebauten Wagogo-Aeltesten, der seine Heerde träge hütete, aber ein sichtliches Interesse an dem Fremdling bekundete, der in weissen Flanellkleidern, den in Ugogo höchst ungewöhnlichen Hawkes’schen Patent-Kork-Sommerhut auf dem Kopfe, vorbeizog.
„Yambo, Musungu! Yambo Bana, Bana!“ ertönte seine Stimme so laut, dass man sie eine ganze Meile weit hören konnte. Kaum hatte die Begrüssung stattgefunden, als das Wort „Musungu“ sein ganzes Dorf zu elektrisiren schien und die Bewohner andrer Dörfer, die hie und da nicht weit vom Wege lagen, nahmen, als sie die erste herrschende Aufregung bemerkten, an dem allgemeinen tollen Durcheinander theil, das alle plötzlich zu beherrschen schien. Meinen Weg vom ersten Dorf bis Mvumi betrachte ich als einen Triumphzug, denn ich wurde von einem wüthenden, aus Männern, Weibern und Kindern bestehenden Pöbelhaufen begleitet, die fast alle nackt, wie Mutter Eva waren, als sie die Welt zuerst im Garten von Eden erblickte. Sie zankten, stritten und stiessen sich, um den weissen Mann am besten sehen zu können, dergleichen man in diesem Theil von Ugogo noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Doch wurden die Ausrufe der Verwunderung, wie z. B. „Hi le“, die oft verwirrend an mein Ohr schlugen, von mir nicht mit Dank aufgenommen, da ich viele derselben für ungehörig hielt. Achtunggebietendes Schweigen und ein reservirteres Betragen würde mir mehr Hochachtung abgewonnen haben; aber ihr Mächte, die ihr in Usungu die Etikette regelt! — respectvolles Schweigen, zurückhaltendes Benehmen und Werthschätzung, das sind drei Worte, die man in dem wilden Ugogo nicht kennt.
Bisher hatte ich mich mit einem Bagdader Kaufmann verglichen, der unter den Kurden von Kurdistan herumziehend seine aus Damaszenerseide, Kefiyehs u. dgl. bestehenden Waaren verkauft; aber jetzt musste ich ein niedrigeres Bild wählen und mich für nicht viel besser als den Affen in der zoologischen Sammlung des Central-Parks halten, dessen komische Grimassen so ungeheures Gelächter bei den jungen New-Yorkern hervorrufen. Einer meiner Soldaten bat sie, ihr furchtbares Geschrei und Lärmen etwas zu mässigen, aber das böse Gesindel gebot ihm, stillzuschweigen, da es unwürdig sei, so mit den Wagogo zu sprechen. Als ich mich flehentlich in dieser Verlegenheit an die Araber um Rath wandte, sagte der alte, stets weltkluge Scheikh Thani: „Beachten Sie jene nicht; es sind Hunde, die nicht nur bellen, sondern auch beissen.“
Um 9 Uhr morgens waren wir in unserm Boma in der Nähe des Dorfes Mvumi, aber auch hierher kamen Mengen von Wagogo, um sich den Musungu etwas anzusehen, dessen Anwesenheit alsbald im ganzen District von Mvumi bekannt wurde. Zwei Stunden später hatte ich ihre Bemühungen, mich zu sehen, ganz und gar vergessen; denn trotz wiederholter Dosen von Chinin hatte mich das Mukunguru fest gepackt. Am nächsten Tage fand ein Marsch von acht Meilen von Ost- nach West-Mvumi statt, wo der Sultan des Bezirks wohnt. Die Menge und Mannichfaltigkeit der in unser Boma gebrachten Lebensmittel straften die Berichte über die Erzeugnisse von Ugogo nicht Lügen. Saure und süsse Milch, Honig, Bohnen, Matama, Maweri, Mais, Ghee, Erbsennüsse und eine Sorte von Bohnennüssen, die grossen Pistazien oder Mandeln sehr ähneln, Wassermelonen, Kürbisse, Muss-Melonen und Gurken wurden uns gebracht und bereitwilligst gegen Merikani, Kaniki, weisse Merikaniperlen und Sami-Sami oder Sam-Sam umgetauscht. Das Handel- und Tauschgeschäft, das vom Morgen bis zur Nacht vor sich ging, erinnerte mich an die unter den Gallas und Abessiniern vorkommenden Gebräuche. Im Osten mussten Karavanen ihre Leute mit Tuch aussenden, um bei den Dorfbewohnern Einkäufe zu machen. Dies war in Ugogo nicht nöthig, wo die Leute jeden Verkaufsartikel, den sie besassen, aus freien Stücken ins Lager brachten. Das kleinste Stückchen weissen oder blauen Tuchs, ja sogar ein abgetragenes, fadenscheiniges Lendentuch liess sich verkaufen und nützlich beim Einkauf von Nahrungsmitteln verwerthen.
Am Tage nach unserm Marsch war Rasttag. Wir hatten ihn dazu bestimmt, dem grossen Sultan von Mvumi den Tribut zu überbringen. Der kluge und vorsichtige Scheikh Thani übernahm die Erledigung dieser wichtigen Pflicht, deren Unterlassung ein Zeichen zum Kriege gewesen wäre. Hamed und Thani schickten zwei treue, mit den Eigenthümlichkeiten des Wagogo-Sultans genau vertraute, redegewandte Sklaven, die eine grosse Zungenfertigkeit und wirklichen Instinct für den unter den Orientalen üblichen Handel besassen, zu ihm. Sie trugen 6 Doti Tuch, nämlich 1 Doti Dabwani Ulyah und 1 Doti Barsati von mir, 2 Doti Merikani Satine von Scheikh Thani und 2 Doti Kaniki von Scheikh Hamed als erste Abzahlung des Tributs hin. Sie blieben eine ganze Stunde fort, kehrten aber, nachdem sie ihre Ueberredungskunst umsonst angewandt hatten, mit dem Verlangen nach mehr zurück, was Scheikh Thani mir in folgender Weise mittheilte:
„Ach, dieser Sultan ist ein sehr, sehr böser Mann. Er sagt, der Musungu ist ein grosser Mann, ich nenne ihn sogar einen Sultan. Der Musungu ist sehr reich, denn mehrere seiner Karavanen sind schon vorbeigezogen. Der Musungu muss 40 Doti bezahlen und die Araber jeder 12 Doti, denn sie haben reiche Karavanen. Es ist unnütz, dass Ihr mir sagt, Ihr bildet alle eine Karavane, denn wozu habt Ihr dann so viel Flaggen und Zelte? Geht und bringt mir 60 Doti, mit weniger bin ich nicht zufrieden.“
Nachdem ich dieses unverschämte Verlangen erfahren, gab ich Scheikh Thani zu verstehen, dass ich 20 mit Winchester-Repetir-Gewehren bewaffnete Wasungu habe und den Sultan zwingen könne, mir Tribut zu zahlen. Thani aber bat mich dringend, vorsichtig zu sein, damit nicht böse Worte den Sultan reizen und dazu veranlassen könnten, einen doppelten Tribut zu fordern, wozu er wol im Stande sei; „und wenn Sie den Krieg vorzögen, so würden alle Ihre Pagazi desertiren und Sie sammt Ihrem Tuch den Wagogo auf Gnade und Ungnade überlassen.“ Ich beeilte mich aber, seine Befürchtungen zu beschwichtigen, indem ich Bombay in seiner Gegenwart sagte, ich habe dieses Verlangen seitens der Wagogo vorhergesehen, daher 120 Doti Tributtuche beiseite gelegt und werde mich nicht für sehr beeinträchtigt halten, wenn der Sultan mir 40 Doti Tuch abfordere und ich sie wirklich bezahle. Deshalb solle er den Hongaballen aufmachen und von Scheikh Thani die vom Sultan gewünschten Tuche herausnehmen lassen.
Nachdem Scheikh Thani sich die Mütze der Ueberlegung aufgesetzt und mit Hamed und seinen treuen Bedienten zu Rath gegangen war, meinte er, wenn ich 12 Doti bezahlen wolle, von denen 3 von Ulyah-Qualität wären, werde der Sultan wol geruhen, unsern Tribut annehmbar zu finden, in der Voraussetzung, dass er durch die beredten Worte der Getreuen sich überreden lassen werde, der Musungu habe nichts weiter bei sich, als das Maschiwa (Boot), das jenem von keinerlei Nutzen sein werde, es komme was da wolle. Auf diesen klugen Rath, von dessen Weisheit er überzeugt war, ging der Musungu ein.
Die Sklaven entfernten sich, diesmal mit 30 Doti und unsern besten Glückwünschen, aus unserm Boma. Nach einer Stunde kehrten sie zurück mit leeren Händen, aber ohne Erfolg. Der Sultan verlangte von dem Musungu noch 6 Doti Merikani und 1 Fundo Bubu, von den Arabern und andern Karavanen dagegen noch 12 Doti. Zum dritten male gingen die Sklaven ins Tembé des Sultans ab, mit 6 Doti Merikani und 1 Fundo Bubu von mir und 10 Doti von den Arabern. Doch wiederum kehrten sie mit den Worten des Sultans zurück: „Die Doti des Musungu hätten zu kurzes Maass und das Tuch der Araber wäre von elender Beschaffenheit, daher müsse der Musungu ihm noch 3 gut gemessene Doti und die Araber 5 Doti Kaniki senden.“
Meine 3 Doti wurden sofort mit dem längsten Vorderarm, dem Kigogo-Maasse, ausgemessen und durch Bombay abgesandt, aber die Araber erklärten fast verzweifelt, sie wären ruinirt, wenn sie sich solchen Anforderungen fügten, und schickten nur 2 von den 5 Doti mit der inständigen Bitte an den Sultan, er möge das Bezahlte als gerechtes und billiges Muhongo ansehen und nicht noch mehr verlangen. Der Sultan von Mvumi war jedoch keineswegs geneigt, diesen Vorschlag in Erwägung zu ziehen, sondern erklärte, er müsse noch 3 Doti bekommen und zwar 2 von Ulyahtuch und 1 von Kitambi Barsati, die ihm denn auch, da er durchaus darauf bestand, unter den heftigsten Verwünschungen Scheikh Hamed’s und den verzweifeltsten Seufzern Scheikh Thani’s übersandt wurden.
Ueberhaupt muss das Sultanat eines Districts in Ugogo sehr lohnend und eine prächtige Sinecure so lange sein, als der Sultan es mit feigen arabischen Kaufleuten zu thun hat, die sich scheuen, eine Spur von Unabhängigkeit und Selbstvertrauen an den Tag zu legen, um nur nicht noch mehr Strafe an Zeug zu zahlen. An einem Tage erhielt der Sultan von einem einzigen Boma 47 Doti, die aus Merikani, Kaniki, Barsati, Dabwani bestanden im Werthe von 35¼ Dollars, und ausserdem noch 7 Doti feiner Tuche (Rehani, Sohari und Daobwani-Ulyah), sowie 1 Fundo Bubu, im Werthe von 14 Dollars, zusammen also 49¼ Dollars, eine ganz anständige Summe für einen Mgogohäuptling.
Am 27. Mai schüttelten wir mit Freuden den Staub von Mvumi von den Füssen und setzten unsern Weg nach Westen fort. In der letzten Nacht waren fünf meiner Esel an den Wirkungen des Wassers von Marenga Mkali gefallen. Ehe ich das Boma von Mvumi verliess, ging ich, mir ihre Kadaver anzusehen, fand aber, dass ihr Fleisch von den Hyänen vollständig aufgefressen und die Knochen sich im Besitz einer grossen Schaar weisshalsiger Krähen befanden.
Als wir die zahlreichen Dörfer durchzogen und wahrnahmen, dass das ganze Land wie ein ungeheures Kornfeld aussah, und ferner die am Wege stehenden Leute zählten, die ihre gierigen Blicke am Musungu weiden wollten, wunderte ich mich nicht mehr über die Erpressungen der Wagogo. Denn offenbar durften sie blos ihre Hände ausstrecken, um sich den ganzen Reichthum meiner Karavane anzueignen, und ich fing an, besser von dem Volke zu denken, das seiner Kraft sich wohl bewusst, doch keinen Gebrauch von ihr macht, sondern intelligent genug ist zu begreifen, dass es in seinem Interesse liegt, Karavanen vorbeiziehen zu lassen, ohne eine Rechtsverletzung an ihnen zu versuchen.
Zwischen Mvumi und dem District des nächsten Sultans, Matamburu, zählte ich nicht weniger als 25 Dörfer, die über der lehmigen, farbenreichen Ebene ausgestreut lagen. Trotz der unwirthlichen Natur der Ebene waren sie besser gebaut, als irgendein Theil des Landes, das ich seit Bagamoyo gesehen hatte.
Als wir schliesslich in unserm Boma in Matamburu ankamen, erwarteten uns dieselben Gruppen neugieriger Leute, dieselben verwunderten Blicke, dieselben Ausrufe des Erstaunens, dasselbe Gelächter über Dinge, die sie an der Kleidung und Manier des Musungu lächerlich fanden, wie in Mvumi. Da die Araber „Wakonongo“-Reisende waren, die sie alle Tage sahen, waren diese vollständig befreit von den Belästigungen, die wir auszustehen hatten.
Der Sultan von Matamburu, ein Mann von herkulischer Gestalt und einem Kopf, der gut zu seinen Schultern passte, die sich mit denen des Milo vergleichen liessen, erwies sich als ein sehr verständiger Mann. Nicht ganz so mächtig wie der von Mvumi, besass er doch einen schönen Theil von Ugogo, etwa 40 Dörfer, und er hätte, wenn er dazu Lust gehabt, die feilen Seelen meiner arabischen Begleiter in derselben Weise, wie der von Mvumi, drücken können. Vier Doti Tuch wurden ihm als erster seiner Grösse dargebrachter Tribut hingesandt, die er anzunehmen versprach, wenn die Araber und der Musungu ihm noch vier schicken würden. Bei so billigem Verlangen wurde diese Angelegenheit bald zu jedermanns Zufriedenheit beendet, und nicht lange darauf liess Scheikh Hamed’s Kirangozi das Signal zum morgigen Marsche ertönen.
Auf Befehl eben dieses Scheikhs erhob sich der Kirangozi, um vor der versammelten Karavane eine Rede zu halten. „Worte, Worte von dem Bana!“ rief er aus. „Leiht mir Euer Ohr, Kirangozi! Hört es, Ihr Kinder von Unyamwezi! Morgen ist Reisetag! Der Weg ist krumm und schlecht, schlecht! Da liegen Dschungels und viele Wagogo sind darin verborgen! Wagogo tödten Pagazi mit Speeren und schneiden denen die Hälse ab, welche Mutumba (Ballen und Uschangaperlen) bei sich führen! Die Wagogo sind bei uns im Lager gewesen; sie haben Euere Ballen gesehen; heute Abend suchen sie die Dschungels auf; morgen wachet gut, o Wanyamwezi! Haltet Euch eng beisammen, bleibt nicht zurück! Die Kirangozi werden langsam gehen, damit die Schwachen, die Kranken und die Jungen mit den Starken Schritt halten können! Machen wir zweimal Rast auf dem Wege! Dieses sind die Worte des Bana (Herrn). Hört Ihr sie, Wanyamwezi?“ (Ein lautes bejahendes Geschrei erhebt sich aus allen Kehlen.) „Versteht Ihr sie wohl?“ (Wiederholter Zuruf.) „Dann Bas!“ Nach dieser Rede zog sich der beredte Kirangozi in die dunkle Nacht und seine Strohhütte zurück.
Der Marsch nach Bihawana, unserm nächsten Lager, war beschwerlich, führte uns durch ein ununterbrochenes Dickicht von Gummi- und Dorngebüschen, steile Berge hinauf und schliesslich über eine glühende Ebene, auf der die Sonne heisser und heisser wurde, wie sie sich dem Meridian näherte, bis sie schliesslich alles Leben aus der todten Natur herauszusengen schien und die ganze Landschaft in einer solchen weissen Glut dalag, dass sie den umsonst vor dem grellen Licht Schutz suchenden schmerzhaften Augen unerträglich wurde. Mehrere versandete Wasserläufe, auf denen manche Spur von Elefanten eingedrückt war, passirten wir auch auf diesem Marsche. Diese Strombetten neigten sich abwärts nach Südost und Süden.
In der Mitte dieser brennenden Ebene standen die Dörfer von Bihawana, die wegen der ungewöhnlichen Niedrigkeit ihrer Hütten fast gar nicht zu sehen waren. Sie erreichten nämlich nicht die Höhe des hohen ausgebleichten Grases, das in der übermässigen Hitze rauchend dastand.
Unser Lager befand sich in einem grossen etwa eine Viertelmeile von des Sultans Tembé gelegenen Boma. Bald nachdem ich im Lager ankam, wurde ich von drei Wagogo besucht, welche mich fragten, ob ich nicht unterwegs einen Mgogo mit einer Frau und einem Kinde gesehen hätte. Ich war im Begriff, ganz unschuldig ja zu sagen, als der vorsichtige und stets auf das Interesse seines Herrn bedachte Mabruki mich bat, ihm keine Antwort zu ertheilen, da die Wagogo mich wie gewöhnlich beschuldigen würden, jene beiseite gebracht zu haben und dafür eine Strafe von mir verlangen würden.
Wüthend über den Betrug, den sie mir eben spielen wollten, war ich im Begriff, meine Peitsche zu erheben, um sie aus dem Lager zu prügeln, als mir Mabruki wieder mit brüllender Stimme gebot, mich in Acht zu nehmen, denn jeder Schlag würde mich 3 oder 4 Doti Tuch kosten. Da ich keineswegs wünschte, meinem Zorn auf so kostspielige Weise Luft zu machen, so war ich gezwungen, ihn herunterzuschlucken, und die Wagogo kamen ohne Bestrafung davon.
Einen Tag hielten wir an diesem Ort, und dies war mir sehr lieb, da ich schwer am Wechselfieber litt, das in diesem Falle zwei Wochen dauerte und mich daran hinderte, mein Tagebuch vollständig zu führen, wie ich es sonst jeden Abend nach dem Marsche zu thun pflegte.
Der Sultan von Bihawana begnügte sich, obgleich seine Unterthanen übelgesinnt und zu Mord und Diebstahl bereit waren, mit 3 Doti Tuch als Honga. Von diesem Häuptling erhielt ich Nachrichten über meine vierte Karavane, die sich in einem Kampf mit einigen seiner geächteten Unterthanen ausgezeichnet. Meine Soldaten hatten zwei derselben getödtet, die, nachdem sie einigen Pagazi aufgelauert, einen Ballen Tuch und einen Beutel Perlen zu rauben versucht hatten. Da die Soldaten zur rechten Zeit herankamen, vereitelten sie diesen Versuch vollständig. Der Sultan meinte, es würden weniger Diebstähle unterwegs an den Karavanen verübt werden, wenn sie alle ebenso gut, wie die meinigen, bewacht würden. Mit dieser Ansicht stimmte ich von Herzen überein.
Das Tembé des nächsten Sultans, durch dessen Gebiet wir am 30. Mai marschirten, befand sich in Kididimo, und vier Meilen von Bihawana entfernt. Der Weg führte uns durch eine flache, längliche, zwischen zwei langen Bergkämmen befindliche Ebene, auf der sich zahlreiche, riesig gestaltete Baobab vorfanden. Kididimo sieht sehr traurig aus und selbst die Gesichter der Wagogo scheinen ein trauriges Gepräge von der allgemeinen sie umgebenden Freudlosigkeit angenommen zu haben. Das Wasser der Gruben in der Umgegend schmeckte nach warmem Pferdeurin, und zwei Esel erkrankten und fielen in weniger als zwei Stunden an den Wirkungen desselben. Der Mensch bekam davon Leibschmerzen, Uebelkeit und eine allgemeine Reizbarkeit des Organismus und rächte sich infolge dessen durch kräftige Verwünschungen gegen das Land und seinen albernen Herrscher. Ihren Höhepunkt erreichte indessen unsere Stimmung erst, als Bombay uns berichtete, dass der Kopf des Häuptlings, nachdem man über das Muhongo sich zu einigen versucht, sehr gross geworden sei, als er gehört habe, der Musungu sei angekommen und dass sich seine „Grösse“ nur verkleinern lasse, wenn er 10 Doti als Tribut bekäme. Obgleich die Forderung gross war, befand ich mich doch nicht in der Stimmung — schwach und fast ohne Energie, wie ich es von den wiederholten Anfällen des Mukunguru war — wegen dieser Summe Streit anzufangen. Daher wurde sie ohne viele Worte bezahlt. Die Araber hingegen brachten den ganzen Nachmittag mit Unterhandlungen zu und hatten schliesslich jeder 8 Doti zu bezahlen.
Zwischen Kididimo und Nyambwa, dem District des Sultans Pembera Pereh, befindet sich ein weiter, langer Wald und Dschungel, der von Elefanten und Rhinozeros, Zebras, Hirschen, Antilopen und Giraffen bewohnt wird. Mit dem Morgengrauen des 31. aufbrechend, kamen wir in die Dschungels, deren dunkle von Büschen bewachsene Contouren ganz deutlich von unserer Laube in Kididimo sichtbar gewesen waren, und hielten nach zweistündigem Marsche Rast zum Frühstück an Pfützen süssen Wassers, die, umrahmt von frischen grünen Streifen, einen Hauptzufluchtsort für die wilden Thiere der Dschungels abgaben, deren frische Spuren sich zahlreich daselbst vorfanden. Ein enges, vom Laube dicht beschattetes Nullah bot einen vorzüglichen Schutz vor dem grellen Sonnenschein dar. Zur Mittagstunde, nachdem unser Durst gelöscht, unser Hunger gestillt und die Kürbisflaschen wieder gefüllt waren, begaben wir uns aus dem Schatten in die furchtbare Glut des heissen Mittags hinaus. Der Pfad schlängelte sich durch Dschungel und dünnen Wald hinein und wieder heraus in offene Striche von Gras, das wie Stoppeln weissgedörrt war, und zog sich dann durch Dickicht von Gummi- und Dornbüschen, die einen penetranten Geruch, gleich einem Viehstalle, von sich gaben. Dann ging es durch Gruppen ausgebreiteter Mimosen, Colonien von Baobab und einem an edlem Wild reichen Landstrich weiter, welches letztere zwar häufig von uns erblickt, doch vor unsern Gewehren ebenso sicher war, als ob wir uns auf dem Indischen Ocean befunden hätten, denn eine Terekeza, wie wir sie jetzt machten, lässt keinen Aufenthalt zu. Das letzte Wasser hatten wir zur Mittagszeit verlassen; bis zum Mittag des nächsten Tages konnten wir keinen Tropfen bekommen, und wenn wir nicht rasch und lange an diesem Tage marschirten, so würde der wüthende Durst alle Bande der Zucht entfesseln. So mühten wir uns tapfer sechs lange ermüdende Stunden hindurch ab und lagerten bei Sonnenuntergang; es blieb dabei noch ein Marsch von zwei Stunden vor uns, den wir eine Stunde nach Sonnenaufgang machen mussten, ehe wir an unser Lager Nyambwa kommen konnten. An diesem Abend bivuakirten unsere Leute unter den Bäumen, von einem meilenweiten dichten Walde umgeben, und genossen die kühle Nacht, ohne von Kopfbedeckungen oder Zelten beschützt zu sein, während ich mich die Nacht hindurch in einem Fieberanfalle wälzte und stöhnte.
Der Morgen kam und die lange Karavane oder vielmehr die Kette von Karavanen war schon in erster Frühe unterwegs. Es war derselbe Wald, der auf dem schmalen Pfade, den wir betraten, nur für einen Mann Platz hatte. Ebenso beschränkt war die Aussicht. Zur Rechten und Linken war der Wald dunkel und tief. Ueber uns befand sich ein heller Himmelsstreifen, an dem einzelne Regenwolken schwebten. Wir hörten nichts weiter als hin und wieder Töne eines fliegenden Vogels oder den Lärm der Karavanen, deren Leute sangen, summten oder sich unterhielten und laut aufjubelten, wenn sie der Gedanke überkam, dass wir uns Wasser näherten. Einer meiner Pagazi fiel ermattet und krank nieder und erhob sich nicht wieder. Der letzte der Karavane ging an ihm vorüber, ehe er todt war. Das war ein Glück, sonst hätten wir die Barbarei begehen müssen, ihn unbeerdigt liegen zu lassen, wo wir doch wussten, dass er todt sei.
Um 7 Uhr morgens schlugen wir in Nyambwa unser Lager auf und tranken das vorzügliche Wasser, das wir dort vorfanden, mit der Gier durstiger Kamele. Ausgedehnte Kornfelder hatten uns die Nähe von Dörfern verkündet, bei deren Anblick wir uns bewusst wurden, dass die Karavane ihren Schritt beschleunigte, weil sie sich dem Halteplatz näherte. Als die Wasungu in die bevölkerte Gegend zogen, beeilten sich Massen von Wagogo, sie anzusehen, ehe sie vorbei waren. Jung und Alt beiderlei Geschlechts drängte sich um uns, ein heulender Pöbelhaufen. Dieses übermässig demonstrative Wesen entlockte meinem Aufseher, dem frühern Seemann, die charakteristische Bemerkung: „Nun wahrhaftig, das müssen echte Ugogier sein, denn sie gaffen einen in einer Weise an, — mein Gott, sie hören gar nicht mit Gaffen auf! Ich hätte grosse Lust, ihnen ins Gesicht zu schlagen!“ Wirklich trieben es die Wagogo von Nyambwa noch toller als die übrigen Wagogo. Diejenigen, die wir bisher angetroffen, hatten sich damit begnügt, uns anzugaffen und zu schreien; diese aber überschritten alle Grenzen, und mein wachsender Zorn über ihre furchtbare Unverschämtheit machte sich darin Luft, dass ich den lärmendsten von ihnen am Nacken packte und ihm, ehe er sich von seinem Erstaunen erholen konnte, eine tüchtige Tracht Prügel mit meiner Hundepeitsche verabfolgte, was ihm nicht sonderlich behagte. Dies Verfahren rief aus der Masse der Gaffer eine ganze Flut von bösesten Schimpfworten hervor, wobei sie sich sehr eigenthümlich geberdeten; sie näherten sich nämlich wie wüthende Katzen und stiessen ihre Worte mit einem Geräusch, das halb Zischen, halb Bellen war, hervor. Ihr Ausruf lautete, um ihn phonetisch so gut wie möglich wiederzugeben, „Hahcht“, und wurde in einem grellen Crescendoton hervorgestossen. Sie traten vor und dann wieder zurück, mit der Frage: „Sollen die Wagogo wie Sklaven von diesem Musungu gepeitscht werden? Ein Mgogo ist ein Mgwana (freier Mann) und nicht daran gewöhnt, geschlagen zu werden. — Hahcht!“ So oft ich mich jedoch anschickte, meine Peitsche gegen sie zu schwenken, fand dieses renommistische Volk es gerathen, sich von dem zornigen Musungu in eine respectvolle Entfernung zurückzuziehen.
Da ich bemerkte, dass etwas männliche Machtentfaltung den Wagogo gegenüber noththat und mich diesmal von Quälereien befreite, so nahm ich, so oft sie das Maass überschritten, Zuflucht zu meiner Peitsche, deren lange Schnur wie eine Pistole knallte. Solange sie sich darauf beschränkten, ihre Zudringlichkeit blos durch Gaffen und gegenseitige Mittheilung ihrer Ansichten über meine Farbe und sonstiges Aeussere auszudrücken, schwieg ich philosophisch resignirt, um ihr Vergnügen nicht zu stören; wenn sie aber auf mich zudrängten und mir kaum gestatteten, mich fortzubewegen, dann bahnten alsbald ein paar tüchtige, rasche, rechts und links ausgetheilte Peitschenhiebe mir in zweckmässigster Weise den Weg.
Pembera Pereh ist ein komischer alter Mann von sehr kleinem Wuchs; er würde gar nichts zu bedeuten haben, wenn er nicht der grösste Sultan von Ugogo wäre und theilweise Macht über viele andere Stämme besässe. Obgleich ein so bedeutender Häuptling, ist er von allen seinen Unterthanen am schlechtesten gekleidet, stets schmutzig, stets mit Fett beschmiert, beständig unsauber um den Mund. Das sind aber blose Sonderbarkeiten. Als kluger Richter steht er ohnegleichen da und hat immer irgendeinen Kniff in Bereitschaft, um den muthlosen arabischen Kaufleuten, die alljährlich mit Unyanyembé Handel treiben, Tuch abzuzwacken, und entscheidet mit grösster Leichtigkeit Rechtsfälle, die über den Horizont eines gewöhnlichen Menschen gehen würden.
Scheikh Hamed, der erwählte Führer der vereinigten Karavanen, die jetzt durch Ugogo zogen, war von so kleiner, gebrechlicher Gestalt, dass er für eine Copie seines berühmten Prototyps „Dapper“ gelten konnte; was ihm an Grösse und Gewicht abging, machte er jedoch durch Thätigkeit wieder gut. Kaum waren wir in einem Lager angekommen, als man seine niedliche, lebhafte Gestalt von einer Seite des grossen Boma zur andern hin- und herhüpfen sah, unruhig Anordnungen treffend und alles und alle störend. Er liess keinen Ballen oder Packen unter seine Sachen oder nur in zu grosse Nähe derselben bringen, hatte eine Lieblingsmethode, seine Waaren aufzustellen, die regelmässig durchgeführt werden musste, und ein specielles Auge für den für sein Zelt am besten passenden Ort, den er von keinem andern beeinträchtigen liess. Man hätte denken können, dass er nach einem Tagesmarsch von 10–15 Meilen derartige Kleinigkeiten seinen Dienern überlassen würde; aber nein, nichts konnte in Ordnung sein, wenn er nicht selbst die Oberaufsicht darüber geführt hatte. Bei dieser Arbeit war er unermüdlich und scheute keine Anstrengung.
Scheikh Hamed hatte noch eine andere nicht ungewöhnliche Eigenthümlichkeit: da er kein reicher Mann war, so gab er sich unendliche Mühe, jedes Schukka und Doti so gut wie möglich zu verwerthen, und jede neue Ausgabe schien an seinem Herzen geradezu zu nagen. Er war stets bereit, wie er selbst sagte, über die hohen Preise von Ugogo und die Erpressungen seiner Sultane zu weinen. Aus diesem Grunde konnten wir mit Bestimmtheit annehmen, dass er, als Leiter der Karavane, unsern Aufenthalt in Ugogo, wo Nahrungsmittel theuer waren, so viel wie möglich abkürzen werde.
Hamed wird, so lange er lebt, der Sorgen und Plagen, die er in Nyambwa erlitten und des Tages gedenken, an dem wir daselbst ankamen. Sein Unglück kam daher, dass er, während er sich eifrigst im Lager etwas zu schaffen machte, seine Esel in die Matamafelder des Sultans Pembera Pereh hineingerathen liess. Stundenlang suchten er und seine Diener nach den abhanden gekommenen Eseln, kehrten aber unverrichteter Sache am Abend zurück, und er bejammerte, wie es nur ein Orientale thun kann, wenn er von harten Schicksalsschlägen heimgesucht wird, den Verlust seiner Muskat-Esel, die an 100 Dollar werth waren. Der ältere, erfahrenere und weisere Scheikh Thani rieth ihm, seinen Verlust dem Sultan anzuzeigen. Auf diesen weisen Rath hin schickte Hamed zwei Sklaven an den Sultan ab, die ihm die Nachricht zurückbrachten, Pembera Pereh’s Diener hätten die beiden Esel beim Fressen von unreifem Matama angetroffen und wenn ihr Besitzer nicht 9 Doti Tuch erster Qualität bezahle, so werde Pembera Pereh sie bestimmt zurückbehalten, um sich für das von ihnen gefressene Matama bezahlt zu machen. Hamed war in Verzweiflung. 9 Doti erster Klasse, die in Unyanyembé einen Werth von 25 Dollars repräsentirten, für Korn, das höchstens ½ Schukka werth war, erschien ihm als eine lächerliche Forderung; wenn er sie aber nicht bezahlte, so waren seine Esel im Werthe von 100 Dollars verloren. Er begab sich also zum Sultan, um ihm die Abgeschmacktheit dieser Entschädigungsforderung zu beweisen und zu sehen, ob er nicht mit einem Schukka davonkommen könne, einer Summe, die mehr als den doppelten Preis des von den Eseln verzehrten Korns betrage. Der Sultan aber sass bei seinem Pombé, war betrunken, was er gewöhnlich zu sein scheint, und zwar zu sehr betrunken, um auf ernste Dinge eingehen zu können. Darum lieh sein Stellvertreter, ein Unyamwezischer Renegat, dem Ansuchen sein Ohr. Bei den meisten Wagogohäuptlingen existirt nämlich ein Unyamwezi als rechte Hand, Premierminister, Rath, Henker, kurz als Individuum, das zu allem bereit ist, nur nicht fürs allgemeine Beste zu sorgen. Ein derartiger Unyamwezischer Harlekin pflegt ein so rastloser, unzufriedener Intriguant zu sein, dass man, sobald man hört, dass ein solcher Mensch der hauptsächlichste Rath eines Mgogohäuptlings ist, sich versucht fühlt, ihm persönlich zu Leibe zu gehen. Die meisten der an den Arabern verübten Erpressungen werden von diesen schlauen Renegaten in Scene gesetzt.
Scheikh Hamed fand den Unyamwezi viel hartnäckiger als den Sultan; das Minimum, wofür er die Esel auslösen konnte, sollte 9 Doti Tuch erster Qualität sein. An dem Tage blieb daher das Geschäft unerledigt und die folgende Nacht war, wie man sich denken kann, für Hamed eine schlaflose. Schliesslich jedoch erwiesen sich der Verlust, die schwere Geldstrafe und die schlaflose Nacht als verkappte Segnungen, denn gegen Mitternacht besuchte ein Mgogoräuber sein Lager und wurde bei dem Versuch, einen Ballen Tuch zu stehlen, von dem vollständig wachen und erzürnten Araber auf frischer That ertappt und sofort durch eine in nächster Nähe seines Ohrs vorübersausende Kugel zum Verschwinden gebracht.
Von jedem der Eigenthümer der Karavanen hatte der Unyamwezi für seinen betrunkenen Herrn 15 Doti sich zahlen lassen, und von den übrigen 6 Karavanen je 6 Doti, zusammen 51 Doti. Bei unserm Abmarsch am nächsten Morgen war er aber trotzdem nicht im geringsten geneigt, ein einziges Tuch von der Hamed auferlegten Strafe abzuziehen und der unglückliche Scheikh war daher genöthigt, die Forderung zu bezahlen oder seine Esel dazulassen.
Nachdem wir durch die Kornfelder Pembera Pereh’s gezogen, kamen wir auf eine weite, flache Ebene, welche horizontal wie ein Wasserspiegel ist und die Wagogo mit Salz versieht. Von Kanyenyi erstreckt sich dieses Salzfeld auf der südlichen Strasse bis jenseits der Grenze von Uhumba und Ubanarama und enthält viele grosse Teiche von salzigem Bitterwasser, deren niedrige Ufer von einem salpeterhaltigen Schaum bedeckt sind. Zwei Tage später, als ich die Höhenkette, die Ugogo von Uyanzi trennt, bestiegen hatte, bekam ich einen Umblick über die ungeheure mehr als 100 engl. Quadratmeilen umfassende Salzebene. Möglicherweise war es eine Täuschung, doch glaubte ich grosse Flächen graublauen Wassers zu sehen, und dies lässt mich annehmen, dass diese Saline nur eine Ecke eines grossen Salzsees ist. Die Wahumba, deren es von Nyambwa bis zur Grenze von Uyanzi viele gibt, theilten meinen Soldaten mit, es existire ein „Madschi Kuba“ in nördlicher Richtung.
Mizanza, unser auf Nyambwa folgender Lagerplatz, liegt in einem Palmenhain, ungefähr 13 Meilen von dem letztgenannten Ort. Bald nach meiner Ankunft musste ich mich unter wollene Decken begraben wegen eines neuen Anfalls von Wechselfieber, wie ich solches zum ersten mal während unserer Reise durch Marenga Mkali gehabt hatte. Ueberzeugt, dass mich eine Tagesrast, die mich in den Stand setzte, regelmässige Dosen des unschätzbaren Chinins zu nehmen, wiederherstellen werde, bat ich Scheikh Thani, Hamed einen Halt für den morgenden Tag vorzuschlagen, da ich völlig unfähig sei, die wiederholten Anfälle der bösartigen Krankheit, die mich rasch in ein blosses Skelett von Haut und Knochen verwandelte, ferner zu ertragen. Hamed, der sehr nach Unyanyembé eilte, um sein Tuch dort loszuwerden, ehe andere Karavanen auf dem Markt erschienen, erwiderte zuerst, er könne und wolle wegen des Musungu nicht halten lassen. Nachdem mir Thani diese Antwort mitgetheilt, ersuchte ich ihn, Hamed zu sagen, der Musungu wünsche weder ihn noch eine andere Karavane aufzuhalten, sondern es sei seine ausdrückliche Bitte, Hamed möge ohne Rücksicht auf ihn weiter marschiren, da er hinreichend mit Gewehren versehen sei, um allein durch Ugogo marschiren zu können. Aus welchem Grunde nun der Scheikh seinen Entschluss abgeändert und den dringenden Wunsch, weiter zu reisen, aufgegeben haben mag, jedenfalls erschallte an dem Abend sein Marschsignal nicht, sondern er war am nächsten Morgen noch da.
Früh am Morgen fing ich meine Chinindosen an, um 6 Uhr nahm ich schon die zweite, und bis 12 Uhr mittags hatte ich noch vier weitere genommen, im ganzen gegen 50 gut gemessene Gran, deren Wirkung sich in reichlichem, all mein Flanell-und Leinenzeug sowie die wollenen Decken durchnässendem Schweisse kundthat. Nachmittags erhob ich mich, wahrhaft dankbar, dass die Krankheit, die mich volle vierzehn Tage heimgesucht hatte, schliesslich dem Chinin gewichen war.
An diesem Tage zog unser hohes Zelt und die amerikanische Flagge, die immer von der Mittelstange herabflatterte, die Aufmerksamkeit des Sultans von Mizanza auf sich und wurde die Ursache eines Besuches, mit dem er mich beehrte. Da er unter den Arabern dafür berufen ist, Manwa Sera in seinem Kriege gegen Scheikh Sny bin Amer beigestanden zu haben, welchen letztern Burton und später Speke so sehr gepriesen, war er für mich natürlich ein Gegenstand besonderer Neugierde, zumal er der zweitmächtigste Häuptling in Ugogo ist.
Als die Thüre des Zeltes aufgemacht worden, damit der alte Herr eintreten könne, erstaunte er über die Höhe und innere Einrichtung desselben so sehr, dass er das schmierige Barsatituch, das seinen einzigen Schutz gegen Nachtkühle und Tageshitze bildete, aus Zerstreutheit herunterfallen liess und dadurch den ungeweihten Blicken des Musungu seinen traurigen, gealterten Körper zeigte, der früher von gewaltiger, imponirender Gestalt gewesen sein musste. Sein Sohn, ein Jüngling von ungefähr 15 Jahren, der dies bemerkte, beeilte sich im Gefühle seiner Kindespflicht ihn auf seine Nacktheit aufmerksam zu machen, worauf der Alte, mit albernem Kichern über den Vorfall, sein spärliches Kostüm wieder aufnahm und sich hinsetzte, um weiter zu kauen und seine Bewunderung über das Zelt und die merkwürdigen Dinge, die zu den eigenen Effecten des Musungu gehörten, in kindischer Weise an den Tag zu legen. Ein warangischer Soldat, der zum ersten mal die glänzende Pracht des kaiserlichen Palastes von Byzanz zu Gesicht bekommen, hätte über dieselbe nicht erstaunter sein können als der Sultan von Mizanza über die Ausrüstung meines Zeltes. Nachdem er in einfältiger Verwunderung den Tisch angeglotzt, auf dem einige Steingutwaaren sowie die paar Bücher standen, die ich bei mir führte, und die Hängematte besichtigt, von der er meinte, sie sei durch eine Zaubervorrichtung aufgehängt, wie auch die meinen Kleidervorrath enthaltenden Koffer angeschaut, rief er aus: „Hi le! Der Musungu ist ein grosser Sultan, der von seinem Lande hergekommen ist, um Ugogo zu sehen!“ Dann betrachtete er mich und gerieth abermals in das grösste Erstaunen über meine blasse Hautfarbe und mein schlichtes Haar, wobei er die Frage aufwarf: „Wie in aller Welt kann er so weiss sein, da doch die Haut meiner Landsleute von der Sonne schwarz gebrannt ist?“
Nun liess ich ihm meinen Korkhut zeigen, den er sich zu seinem und unserm grossen Vergnügen auf den wolligen Kopf setzte. Hierauf kamen die Gewehre, namentlich das wundervolle Winchester-Repetirgewehr an die Reihe, das, um seine mörderischen Eigenschaften zu beweisen, dreizehnmal in rascher Aufeinanderfolge abgefeuert wurde. War er vorher erstaunt gewesen, so wurde er es jetzt noch tausendmal mehr und sprach seine Meinung dahin aus, dass die Wagogo vor dem Musungu nicht Stand halten könnten, da wo sich ein Mgogo sehen lasse, eine solche Flinte ihn bestimmt tödten müsse. Schliesslich liess ich ihm die übrigen Feuerwaffen bringen und den Mechanismus jeder einzelnen auseinandersetzen, bis er in Enthusiasmus über meine Macht und Reichthum ausbrach und mir erklärte, er wolle mir ein Schaf oder eine Ziege zusenden und mein Bruder sein. Ich dankte ihm für diese Ehre und versprach ihm, alles anzunehmen, was er mir schicken wolle. Auf Scheikh Thani’s Rath, der als Dolmetscher fungirte und mir sagte, Wagogohäuptlinge dürften nicht mit leeren Händen entlassen werden, schnitt ich ein Schukka Kaniki ab und beschenkte ihn damit. Dies Geschenk schlug er jedoch aus, nachdem er es untersucht und gemessen, und zwar aus dem Grunde, dass der Musungu als grosser Sultan sich doch nicht so gemein machen könne, ihm nur ein Schukka zu geben. Nach den zwölf Doti, die er als Muhongo von den Karavanen bekommen hatte, schien mir dies etwas stark, da er mir jedoch ein Schaf oder eine Ziege zu schenken im Begriff stand, kam es am Ende auf ein Schukka mehr nicht an.
Bald darauf zog er ab und schickte mir seinem Versprechen gemäss ein grosses, schönes, breitschwänziges, sehr fettes Schaf, mit der Meldung zu: „Ich müsse ihm, da ich jetzt sein Bruder sei, drei Doti gutes Tuch senden.“ Da der Preis eines Schafes nur 1½ Doti beträgt, so schlug ich dasselbe und die Ehre der Brüderschaft aus, weil die Gaben alle nur einseitig seien und ich, der ich ihm Muhongo bezahlt und ein Doti Kaniki geschenkt habe, nicht noch mehr Tuch ohne entsprechendes Entgeld fortgeben könne.
An diesem Nachmittag fiel noch einer meiner Esel, und zur Nacht kamen die Hyänen in grosser Zahl, um sich an dem Leichnam gütlich zu thun. Ulimengo, der Jäger und beste Schütze unter meinen Wangwana, stahl sich heraus und hatte das Glück zwei zu erschiessen, die mit zu den grössten ihrer Art gehörten. Die eine mass 6 Fuss von der Nasen- bis zur Schwanzspitze und 3 Fuss um den Leib.
Am 4. Juni brachen wir unser Lager ab und schlugen, nachdem wir etwa drei Meilen nach Westen gezogen und an mehrern Salzwasserteichen vorbeigekommen waren, die Richtung nach Nordwesten ein, am Saum der Kette niedriger Hügel vorüber, die Ugogo von Uyanzi trennen.
Nach einem Marsch von drei Stunden hielten wir eine kurze Zeit in Klein-Mukondoku, um dem Bruder des Beherrschers des eigentlichen Mukondoku Tribut zu zahlen. Drei Doti genügten dem Sultan, dessen District nur zwei Dörfer enthält, die meist von Wahumbahirten und Ueberläufern von den Wahehe bewohnt sind. Die Wahumba leben in kegelförmigen Hütten, die mit Kuhmist beworfen und wie die Tatarenzelte in Turkestan geformt sind.
Die Wahumba sind, soweit ich sie gesehen, ein schöner, wohlgestalteter Menschenschlag. Die Männer sind geradezu stattlich, hochgewachsen, und haben kleine Köpfe mit bedeutend vorspringendem Hinterhaupt. Man sieht sich umsonst nach einer dicken Lippe oder platten Nase unter ihnen um, im Gegentheil ist der Mund besonders zart, klein und schön geschnitten. Sie haben eine griechische Nase, und zwar ist dieser Zug so allgemein, dass ich sie sofort die Griechen Afrikas nannte. Ihre untern Extremitäten haben nicht die Schwere wie bei den Wagogo und andern Stämmen, sondern sind lang, wohlgestaltet und rein, wie die der Antilopen. Ihr Hals ist lang und dünn und der kleine Kopf ruht anmuthig auf demselben. Von Jugend auf Athleten, als Hirten auferzogen und unter sich heirathend, halten sie ihre Rasse rein. Jeder von ihnen könnte daher ein gutes Modell für den Bildhauer abgeben, der einen Antinoos, Hylas, Daphnis oder Apollo in Marmor darstellen wollte. Die Frauen sind in ihrer Art ebenso schön, wie die Männer. Sie haben eine reine Ebenholzhaut, die nicht kohlschwarz, sondern von tintenfarbigem Ton ist. Ihre Zierrathen bestehen aus spiralförmigen Messingringen, die von den Ohren herabhängen, aus Halsbändern von demselben Material, und einem spiralförmigen Messinggürtel um die Lenden, der dazu dient, ihre Kalb- und Ziegenfelle festzuhalten, die, um den Körper gefaltet, von der Schulter herabhängen, eine Hälfte der Brust bedecken und bis an die Knie reichen.
Die Wahehe können die Römer Afrikas genannt werden.
Nachdem wir eine Stunde gehalten, nahmen wir unsern Marsch wieder auf und kamen nach vier Stunden im eigentlichen Mukondoku an. Dieser äusserste Theil von Ugogo ist sehr bevölkert; die Dörfer, welche die Mitteltembé umgeben, wo der Sultan Swaruru lebt, zählen nicht weniger als 36. Die Leute kamen massenhaft heraus, um sich die wunderbaren Männer anzuschauen, deren Gesichter weiss, deren Körper so eigenthümlich bekleidet, und deren Waffen so merkwürdig waren. Namentlich erregten die Flinten ihr Erstaunen, die so rasch knallten, dass man kaum an den Fingern abzählen konnte, und sie sammelten sich zu solchen Haufen und heulten so wild, dass ich einen Augenblick glaubte, es stecke noch etwas anderes als blose Neugier hinter dieser Bewegung, die solche Massen an die Strassen lockte. Ich hielt und fragte, was los sei, was sie wünschten und warum sie solchen Lärm machten? Ein stämmiger Kerl, der meine Worte für eine Erklärung von Feindseligkeiten hielt, spannte sofort seinen Bogen; so rasch aber, wie er seinen Pfeil aufgelegt, war auch mein treues mit 13 Schüssen geladenes Winchestergewehr gerichtet und wartete nur darauf, den Pfeil fliegen zu sehen, um die bleiernen Boten des Todes in die Menge zu entsenden. Diese jedoch verzog sich so rasch, wie sie gekommen war und liess den stämmigen Thersites mit zwei oder drei unentschlossenen Stammesgenossen in Pistolenschussweite von meiner angelegten Flinte stehen. Ein solch plötzliches Auseinanderlaufen des Pöbels, der noch einen Augenblick vorher überwältigend an Zahl war, veranlasste mich, mein Gewehr zu senken und in ein herzliches Gelächter über die schmähliche Flucht dieser Helden auszubrechen. Die Araber, die ebenso sehr über ihre lärmende Zudringlichkeit beunruhigt waren, kamen jetzt, um einen Waffenstillstand zu schliessen, was ihnen zu jedermanns Befriedigung gelang. Einige erklärende Worte genügten, um den Pöbel noch zahlreicher als vorher zurückkehren zu lassen; und der Thersites, der die Ursache der augenblicklichen Störung gewesen, sah sich genöthigt, sich vor dem Druck der öffentlichen Meinung beschämt zurückzuziehen. Nun kam ein Häuptling heran, der, wie ich später erfuhr, der zweite nach Swaruru war, und hielt dem Volke seine Behandlung des weissen Fremdlings vor.
„Wisst Ihr nicht, Ihr Wagogo, dass dieser Musungu ein Sultan (Mtemi, ein sehr hoher Titel) ist? Er ist nicht nach Ugogo gekommen, wie die Wakonongo (Araber), um Elfenbeinhandel zu treiben, sondern nur uns zu sehen und uns Geschenke zu bringen. Warum belästigt Ihr ihn und seine Leute? Lasst sie in Frieden ziehen! Wenn Ihr ihn zu sehen wünscht, kommt näher, aber höhnt ihn nicht. Möge der Erste, der eine Störung verursacht, sich in Acht nehmen; unser grosser Mtemi wird es dann erfahren, wie Ihr seine Freunde behandelt.“ Dieses Stückchen rhetorischer Kraftanstrengung seitens des Häuptlings wurde mir an Ort und Stelle von dem alten Scheikh Thani übersetzt. Nachdem ich dies vernommen, bat ich den Scheikh, den Häuptling wissen zu lassen, dass ich, nachdem ich geruht, mich freuen werde, ihn in meinem Zelt zu empfangen.
Nachdem wir in dem Khambi angekommen, das in Ugogo immer um einen grossen Baobab ungefähr eine halbe Meile vom Tembé des Sultans entfernt liegt, drängten sich die Wagogo in so grosser Zahl ins Lager, dass Scheikh Thani sich entschloss, alles zu versuchen, um diese Plage loszuwerden oder sie doch zu mildern. In seinem besten Anzuge begab er sich zum Sultan, um diesen um Schutz gegen sein Volk anzurufen. Der Sultan war sehr betrunken und beliebte zu sagen: „Was willst Du, Du Dieb? Du bist hergekommen, um mir Elfenbein oder Zeug zu stehlen. Mach’, dass Du fort kommst, Dieb!“ Der verständige Häuptling aber, den wir eben dem Volke Vorwürfe wegen seiner Behandlung der Wasungu machen hörten, winkte Scheikh Thani, zum Tembé hinauszukommen und begleitete ihn an das Khambi. Das Lager war in grossem Aufruhr; die neugierigen Wagogo hatten fast das ganze Terrain für sich in Anspruch genommen; es war nirgends Platz, sich zu bewegen. Die Wanyamwezi stritten sich mit den Wagogo, die Waswahili-Diener schrien laut, die Wagogo drückten ihre Zelte zusammen und das Eigenthum ihrer Herren wäre in Gefahr, während ich, im Zelte bei meinem Tagebuche beschäftigt, mich um den Lärm und die Verwirrung draussen so lange nicht kümmerte, als sie sich auf die Wagogo, Wanyamwezi und Wangwana beschränkten.
Der Anwesenheit des Häuptlings im Lager folgte jedoch eine so tiefe Stille, dass ich mich bewogen fühlte hinauszugehen, um zu sehen, wodurch sie veranlasst sei. Derselbe machte wenig, aber treffende Worte. Er sagte nämlich: „In Eure Tembés, Wagogo, in Eure Tembés! Warum kommt Ihr her, um die Wakonongo zu belästigen? Was habt Ihr mit ihnen zu schaffen? Macht, dass Ihr in die Tembés kommt! Jeder Mgogo, der in dem Khambi angetroffen wird, ohne Fleisch und Vieh verkaufen zu wollen, soll dem Mtemi Zeug oder Kühe bezahlen. Fort mit Euch!“ Mit diesen Worten ergriff er einen Stock und trieb die Hunderte aus dem Khambi, die ihm wie Kinder gehorchten. Während der zwei Tage, die wir noch in Mukondoku halt machten, sahen wir nichts mehr vom Pöbel, sondern hatten Frieden.
Das Muhongo des Sultans Swaruru wurde mit weniger Worten abgemacht, denn der Häuptling, der für den Sultan als Premier-Minister fungirte, nahm, nachdem er durch ein Doti Rehani Ulyah von mir erfreut worden, den gewöhnlichen Tribut von sechs Doti an, von denen nur eins aus Zeug erster Qualität bestand.
Jenseits Mukondoku blieb nur noch ein Sultan übrig, dem Muhongo zu zahlen war, und dies war der Sultan von Kiwyeh, dessen Ruf so übel ist, dass Karavanenführer, welche Macht über ihre Pagazi haben, selten durch Kiwyeh ziehen, sondern die Strapazen grosser Märsche durch die Wildniss der Rohheit und den unverschämten Forderungen des Häuptlings von Kiwyeh vorziehen. Die Pagazi hingegen, die ausser den zu tragenden Lasten keine Verantwortlichkeit oder sonstige Beschwerlichkeit davon haben, sondern im Fall eines feindlichen Angriffs ihre Beine brauchen und davonlaufen können, marschiren lieber durch Kiwyeh, als dass sie Durst und Strapazen einer Terekeza aushalten. Und oft siegte die Vorliebe der Pagazi ob, wenn ihre Herren furchtsame, unentschlossene Leute, wie Scheikh Hamed, waren.
Der 7. Juni war der Tag, der für unsere Abreise von Mukondoku bestimmt war; daher kamen die Araber am Tage zuvor in mein Zelt, um mit mir über den einzuschlagenden Weg zu berathschlagen. Nachdem wir die Kirangozi der verschiedenen Karavanen und die ältern Wanyamwezi-Pagazi zusammengerufen hatten, erfuhren wir, dass es drei Wege von Mukondoku nach Uyanzi gäbe. Erstens einen südlichen, der aus den oben angeführten Gründen gewöhnlich gewählt wurde und über Kiwyeh führte. Gegen diesen erhob Hamed Einwendungen. „Der Sultan wäre schlecht“, sagte er, „er verlange bisweilen 20 Doti von einer Karavane; unsere Karavane würde etwa 60 Doti zu bezahlen haben. Der Weg über Kiwyeh ginge also durchaus nicht an. Ausserdem“, meinte er, „müssen wir eine Terekeza machen, um nach Kiwyeh zu gelangen, und dann werden wir es nicht vor übermorgen erreichen.“ Zweitens gab es einen Mittelweg. Auf diesem sollten wir am nächsten Tage in Munieka ankommen; am darauf folgenden Tage würde eine Terekeza von Mabunguru Nullah bis zu einem Lager in der Nähe von Unyambogi stattfinden müssen, und nach zwei Stunden würden wir am darauf folgenden Tage in Kiti sein, wo es viel Wasser und Nahrungsmittel gäbe. Da aber keiner der Kirangozi oder Araber diesen Weg kannte und er nur von einem meiner alten Pagazi beschrieben wurde, meinte Hamed, er vertraue die Führung einer so grossen Karavane nicht gern einem alten Mnyamwezi an und möchte deshalb lieber etwas genaueres über den dritten Weg hören, ehe er sich entscheide. Dieser ging nördlich und führte die ersten beiden Stunden lang an zahlreichen Wagogodörfern vorüber, dann würden wir durch Dschungels und nach einem Marsche von drei Stunden nach Simbo kommen, wo zwar Wasser, aber kein Dorf sei. Wenn wir am darauf folgenden Morgen früh aufbrächen, so hätten wir sechs Stunden zu reisen, um an eine Wasserpfütze zu kommen. Nach kurzer Rast an diesem Orte würde uns ein Nachmittagsmarsch von fünf Stunden an einen Ort bringen, der nur drei Stunden von einem Dorfe entfernt sei. Da dieser letztere Weg vielen bekannt war, sagte Hamed: „Scheikh Thani, sagt dem Sahib, dass ich diesen für den besten halte“. Nachdem mich Scheikh Thani davon benachrichtigt, sagte ich ihm, meine Karavane werde, da ich mit ihnen durch Ugogo marschirt sei, sie auch ferner begleiten, wenn sie sich entschlössen, über Simbo zu gehen.
Nachdem man nach vielfachen Verhandlungen über die Wege übereingekommen war, bestimmte ich die Lage der verschiedenen Punkte mit dem Kompass. Man wird sich erinnern, dass ich gesagt habe, wir hätten Mukondoku nach einem dreistündigen, direct von Mizanza nach Westen gehenden Marsche erreicht und seien darauf ungefähr 4¼ Stunde Nord zu West an dem Saume einer Hügelkette gereist, die sich aus der Umgegend von Kanyenyi Nord zu West an der Grenze von Uhumba hinzieht und als Grenzlinie zwischen Ugogo und dem anliegenden Lande der Wayanzi dient. Mukondoku befindet sich nur zwei Meilen von der östlichen Seite dieser Bergkette; Kiwyeh liegt südsüdwestlich von Mukondoku und von dort hat man einen Marsch von sieben Tagen nach Kusuri. Die Richtung von Simbo ist nordnordwestlich, von dort nach Kusuri hat man sechs Tage zu marschiren. Hieraus geht deutlich hervor, dass der kürzeste Weg der über Kiti ist, und der einzige Einwand gegen denselben bestand darin, dass er keinem der Araber und Kirangozi bekannt war.
Unmittelbar nach dieser unter den Häuptern stattgehabten Discussion in Bezug auf die Vortheile der verschiedenen Wege erhob sich eine unter den Pagazi, welche auf ein hartnäckiges Geschrei gegen den Weg über Simbo hinauslief, da er eine lange Terekeza bedinge und wenig Aussicht auf Wasser darbiete. Die Abneigung gegen den Weg über Simbo theilte sich alsbald allen Karavanen mit und wurde durch Berichte über eine Wildniss, die sich von Simbo nach Kusuri hinziehe, vergrössert, in der man weder Nahrungsmittel noch Wasser bekommen könne. Hamed’s Pagazi und die der arabischen Diener erhoben sich wie ein Mann und erklärten, sie könnten den Marsch nicht einschlagen, und wenn Hamed darauf bestände, so würden sie ihre Packen niederlegen und er möge dann dieselben allein tragen.
Hamed Kimiani, wie er von den Arabern genannt wurde, stürzte nun zu Scheikh Thani und erklärte ihm, er müsse den Weg über Kiwyeh wählen, da sonst seine sämmtlichen Pagazi weglaufen würden. Dieser erwiderte darauf, ihm seien alle Wege gleich und werde Hamed überall hin folgen, wohin es ihm zu gehen beliebe. Dann kamen sie in mein Zelt und benachrichtigten mich von dem Entschluss, zu dem die Wanyamwezi gekommen seien. Sofort rief ich meinen alten Mnyamwezi, der mir den günstigen Bericht abgestattet hatte, noch einmal in mein Zelt und befahl ihm, mir eine genaue Schilderung des Weges über Kiti zu geben. Dieser lautete so günstig, dass ich Hamed erwiderte, ich sei der Herr meiner Karavane. Sie habe dorthin zu gehen, wohin ich es dem Kirangozi befehle, nicht aber, wohin die Pagazi wollten. Wenn ich ihnen zu halten befehle, so müssten sie halten, und wenn ich einen Marsch anordnete, müsste ein Marsch stattfinden, und da ich ihnen gut zu essen und nicht viel zu arbeiten gäbe, so möchte ich wol den Pagazi oder Soldaten sehen, der mir nicht gehorche. „Sie hatten sich eben entschlossen, über Simbo zu reisen, und wir hatten das abgemacht. Nun sagen Ihre Pagazi, sie wollen über Kiwyeh gehen oder weglaufen. Gehen Sie über Kiwyeh und zahlen Sie Ihre 20 Doti Muhongo. Ich und meine Karavane werden morgen den Weg über Kiti einschlagen, und wenn Sie finden, dass ich einen Tag früher in Unyanyembé bin als Sie, so wird es Ihnen schon leidthun, dass Sie nicht denselben Weg genommen haben.“
Diese Erklärung von mir hatte die Wirkung, abermals Hamed’s Ansichten umzustossen, denn er sagte sofort: „Das wird denn doch wol der beste Weg sein, und da der Sahib entschlossen ist, ihn einzuschlagen und wir alle zusammen durch das schlechte Land der Wagogo gereist sind, Inschallah, so wollen wir auch jetzt alle denselben Weg ziehen!“ Da der gute alte Thani keine Einwendungen dagegen erhob und Hamed sich entschlossen hatte, so gingen sie beide wohlgemuth aus dem Zelt, um diese Nachricht ihren Leuten mitzutheilen.
Am 7. Juni wurden die Karavanen, die dem Anschein nach einstimmig darüber waren, dass man über Kiti reise, wie gewöhnlich von Hamed’s Kirangozi geführt. Kaum waren wir jedoch eine Meile gegangen, als ich bemerkte, dass wir den Weg über Simbo verlassen, die Richtung nach Kiti eingeschlagen, aber durch einen schlau gewählten Umweg uns jetzt rasch dem vor uns liegenden Bergpass näherten, der den Zutritt zu dem höher gelegenen Plateau von Kiwyeh gestattete. Sofort liess ich meine Karavane halten, den alten Pagazi, der über Kiti gereist war, kommen und fragte ihn, ob wir jetzt nicht nach Kiwyeh gingen. Er bejahte die Frage. Nun rief ich meine Pagazi zusammen und liess ihnen durch Bombay sagen, der Musungu ändere nie seine Entschlüsse ab; da ich beschlossen, meine Karavane solle über Kiti marschiren, so müsse sie dies auch thun, ob die Araber mitkämen oder nicht. Darauf hiess ich den Alten seine Last aufnehmen und dem Kirangozi den richtigen Weg nach Kiti zeigen. Da legten denn die wanyamwezi’schen Pagazi ihre Ballen nieder und es gab Anzeichen einer Empörung. Den Wangwana-Soldaten wurde hierauf der Befehl ertheilt, ihre Flinten zu laden, sich zur Seite der Karavane aufzustellen und den ersten Pagazi, der einen Desertions-Versuch machen würde, niederzuschiessen. Ich selbst stieg ab, ergriff meine Peitsche, ging auf den ersten Pagazi, der seine Last niedergelegt, zu und befahl ihm, dieselbe wieder aufzunehmen und zu marschiren. Weiter brauchte ich nicht zu gehen; ohne Ausnahme marschirten sie alle dem Kirangozi nach. Ich stand im Begriff, Thani und Hamed Lebewohl zu sagen, als Thani mir sagte: „Warten Sie ein wenig, Sahib, ich habe genug von diesem Kinderspiel, ich werde mit Ihnen gehen“, und er liess auch seine Karavane der meinigen folgen. Hamed’s Karavane war inzwischen dicht an den Engpass gelangt; er selbst befand sich eine ganze Meile hinter derselben und weinte wie ein Kind über unsere Desertion, wie er es zu nennen beliebte. Da ich Mitleid mit seiner üblen Lage empfand — denn er war fast von Sinnen, wenn er an den erpressungssüchtigen, rohen Sultan von Kiwyeh dachte —, rieth ich ihm, seiner Karavane nachzueilen und dieselbe an eben diesen Sultan zu erinnern mit Hinweis auf den Umstand, dass die übrigen den andern Weg eingeschlagen hätten. Bevor ich den Pass von Kiti erreicht hatte, sah ich auch, dass uns Hamed’s Karavane nachfolgte.
Der Weg den Berg hinauf war uneben und steil; ausserordentlich spitze Dornen peinigten uns schwer. Die Acacia horrida war hier schrecklicher denn je, die Schotendorne streckten ihre Zweige aus und hielten die Lasten auf, und die Mimosa mit ihrem regenschirmartigen Dach beschattete uns zwar vor der Sonne, verhinderte aber ein rasches Fortkommen. Steile, durch vieles Klettern glatt gewordene Vorsprünge von Syenit und Granit mussten wir hinaufsteigen; ferne Schüsse, die durch den Wald ertönten, vermehrten die Unruhe und allgemeine Unzufriedenheit, und wäre ich nicht unmittelbar hinter meiner Karavane gewesen und hätte jede ihrer Bewegungen beobachtet, so wären meine Wanyamwezi bis auf den letzten Mann desertirt.
Obwol die Höhe, die wir erstiegen, kaum 800 Fuss über der Salzebene, die wir eben verlassen, lag, so brauchten wir doch zwei Stunden, um heraufzukommen.
Nachdem wir das Plateau erreicht und die grössten Schwierigkeiten überwunden, hatten wir einen verhältnissmässig guten Weg, der durch Dschungel, Wald und kleine offene Striche führte, die uns nach weiteren drei Stunden nach Munieka brachten, einem kleinen Dorf, das inmitten einer fruchtbaren, bebauten Lichtung von einer Colonie von Unterthanen Swaruru’s von Mukondoku bewohnt wird.
Als wir in dem Lager angekommen, hatte ein jeder seinen guten Humor und zufriedene Stimmung wieder bekommen, mit Ausnahme von Hamed. Zufälligerweise hatten Thani’s Leute das Zelt desselben zu nahe an den Baum gestellt, um welchen Hamed’s Ballen zusammengepackt lagen. Ob der kleine Scheikh den ehrlichen alten Thani für fähig hielt, einen davon zu stehlen, ist unbekannt, gewiss aber ist, dass er sich über die grosse Nähe des Zeltes seines besten Freundes wüthend geberdete, bis Thani den Befehl gab, dasselbe 100 Meter weiter zu transportiren. Selbst dieses Verfahren befriedigte, wie es schien, Hamed nicht, denn es wurde Mitternacht, wie mir Thani erzählte, ehe Hamed kam, um ihm die Hände und Füsse zu küssen und ihn fussfällig um Verzeihung zu bitten, die ihm natürlich Thani, eine gutmüthige Seele, gern gewährte. Hamed gab sich jedoch nicht eher zufrieden, als bis er mit Hülfe seiner Sklaven des Freundes Zelt wieder dorthin hatte schaffen lassen, wo es ursprünglich gestanden.
In Munieka kam das Wasser aus einer tiefen, in einer Syeniterhebung befindlichen Senkung und war klar wie Krystall, kalt wie Eiswasser, ein Hochgenuss, den wir seit Simbamwenni nicht gehabt hatten.
Jetzt befanden wir uns an der Grenze von Uyanzi oder „Magunda Mkali“, dem heissen Grunde oder heissen Felde, unter welchem Namen es besser bekannt ist. Wir waren bei dem von Wagogo bewohnten Dorfe vorübergezogen und im Begriffe, den Staub von Ugogo von unsern Füssen zu schütteln. In dieses Land waren wir voll Hoffnung eingetreten, indem wir es für ein liebliches Land, in welchem Milch und Honig fliessen, gehalten hatten, waren aber schwer enttäuscht worden; denn es war uns ein Land voll Galle und Bitternissen, voll Sorgen und Plagen geworden, wo uns auf Schritt und Tritt Gefahren drohten und wir den Launen betrunkener Sultane ausgesetzt gewesen. Kann es dann Wunder nehmen, dass wir uns alle in diesem Augenblicke sehr glücklich fühlten? Trotz der vor uns liegenden Aussicht auf ein Land, das wir für eine wirkliche Wildniss hielten, wurde unsere gute Stimmung nicht vermindert, sondern gestärkt, denn die Wildniss in Afrika ist in vielen Fällen freundlicher, als das bevölkerte Land.
Der Kirangozi blies sein Kuduhorn viel fröhlicher an diesem Morgen, als er in Ugogo zu thun pflegte. Wir standen im Begriff, in Magunda Mkali einzutreten. Um 9 Uhr morgens, drei Stunden, nachdem wir Munieka verlassen, und zwei Stunden, seitdem wir die äussersten Grenzen von Ugogo hinter uns hatten, hielten wir in Mabunguru Nullah. Das Nullah läuft südwestlich, nachdem es seinen Ursprung in den Bergketten, die Ugogo von Magunda Mkali trennen, verlassen hat. Während der Regenzeit muss es wegen der ausserordentlichen Steilheit seines Bettes kaum passirbar sein. An den Syenit- und Basaltblöcken, welche seinen Lauf hemmen, sieht man Spuren der Gewalt des Stromes. Ihre unebenen Ecken sind geglättet und es befinden sich tief ausgehöhlte Becken im Felsenbette, die in der trockenen Jahreszeit als Wasserbehälter dienen. Obgleich das in ihnen enthaltene Wasser schleimig und grünlich aussieht und von Fröschen stark bevölkert wird, ist es doch durchaus schmackhaft.
Zu Mittag nahmen wir unsern Marsch wieder auf, die Wanyamwezi jubelten und sangen, die Wangwana-Soldaten, Diener und Pagazi wetteiferten mit ihnen, was Lärm und Geschrei betraf, und liessen den dunkeln Wald, den wir passirten, von ihren Stimmen widerhallen.
Die Landschaft war viel malerischer, als wir sie seit Bagamoyo gesehen hatten. Der Boden erhob sich in grössern Wellen, hier und da traten Hügel hervor und grosse Berge von Syenit, welche dem Walde ein sonderbares, zauberhaftes Aussehen verliehen. Aus der Ferne schien es fast, als ob wir uns einem Stückchen England, wie es während der Feudalzeit ausgesehen haben mag, näherten, so sonderbare, phantastische Gestalten nahmen die Felsen an. Hier erhob sich abgerundetes Geröll übereinander, das scheinbar keinem Windstoss hätte widerstehen können; dort thürmte es sich wie stumpfe Obelisken, welche die höchsten Bäume überragten; hier wiederum nahm es die Gestalt mächtiger in Glas verwandelter Wogen an; dort bildete es ein kleines Häufchen zerrissener, zerklüfteter Felsmassen, während es anderwärts zu grossartigen Bergen anschwoll.
Um 5 Uhr nachmittags hatten wir 20 Meilen zurückgelegt und das Signal zum Halten erscholl. Schon um 1 Uhr morgens, als der Mond noch schien, hörte man Hamed’s Horn und Stimme durch das ganz stille Lager tönen und seine Pagazi zum Marsch wecken. Offenbar war Scheikh Hamed vollständig verrückt geworden, warum sollte er sonst zu so früher Stunde so wüthend auf den Marsch erpicht sein? Der Thau fiel schwer und man war durchfröstelt; von allen Seiten antwortete ein unheilvolles Gemurmel tiefer Unzufriedenheit dem frühen Allarmruf. Da wir jedoch annahmen, dass er bessere Kunde erhalten als wir, beschlossen Scheikh Thani und ich, uns danach zu richten, ob er durch den Verlauf der Sache gerechtfertigt war oder nicht.