[Auszug.]
DR. KIRK AN EARL GRANVILLE.
(Erhalten am 22. Juli.)
„Zanzibar, 18. Mai 1872.
Ich habe die Ehre mitzutheilen, dass, nachdem wir die sichere Kunde erhalten, Dr. Livingstone befinde sich bei guter Gesundheit und im Besitz reichlicher Vorräthe, aber ohne die Absicht, jetzt Afrika zu verlassen, in dem dreissig Tagereisen von der Küste entfernten Unyanyembé, der Führer der zu seiner Aufsuchung und Unterstützung bestimmten Expedition, Lieutenant Dawson, zu der Ueberzeugung gekommen ist, dass seine Dienste als Hydrograph und gewandter Landvermesser unnütz geworden seien. Da Dr. Livingstone’s Sohn noch darauf besteht, sich zu seinem Vater zu begeben, und Lieutenant Henn unter diesen Umständen es kaum für rathsam hielt, ihn allein ziehen zu lassen, übernahm dieser das Commando, nachdem Lieutenant Dawson zurückgetreten war. Der Missionär Herr New, der sich der Expedition als Dolmetscher angeschlossen, erbot sich auch, mitzugehen, und die neue Expedition war zum Aufbruch bereit, als auch Herr New aus dem Grunde ablehnte, er könne bei reiflicherer Ueberlegung die zweite Stelle nicht annehmen. Seine Entlassung wurde sofort angenommen. Darauf begaben sich Lieutenant Henn, Herr W. O. Livingstone und die aus Eingeborenen bestehende Wachmannschaft auf das Festland von Afrika, wo die Güter schon unter Lieutenant Dawson zusammengebracht worden waren. Die Expedition war bereit aufzubrechen und unter Auspicien, wie sie wol nie besser gewesen, als Herr Stanley, der amerikanische Zeitungscorrespondent, der vor einem Jahre abgereist war, in Bagamoyo ankam. Herr Stanley verlor keine Zeit, Herrn Lieutenant Henn davon zu benachrichtigen, dass er Befehle von Dr. Livingstone habe, jede Expedition, die zu ihm stossen wolle, zurückzuschicken, und dass er und seine Expedition durchaus nicht willkommen, sondern Livingstone nur zur Last fallen würde, da er (Herr Stanley) eigenhändige Befehle des Doctors habe, die Leute und Vorräthe, deren er noch bedürfe, zu besorgen. Da es bei Lieutenant Henn’s Rückkehr in Zanzibar aus der ganzen Haltung von Dr. Livingstone’s offizieller Correspondenz ersichtlich war, dass ihm keine Hülfe, die nicht von Herrn Stanley, dem Agenten, dem er Vertrauen schenke, käme, willkommen sei, zog sich Lieutenant Henn natürlich zurück; Herr W. O. Livingstone aber bestand noch darauf, seinen Vater unter allen Umständen in Gesellschaft von Herrn Stanley’s Leuten aufzusuchen und es wurden ihm daher die Vorräthe anvertraut. Herr Stanley beeilte sich auch, die 500 Pfd. Sterl., wegen deren ihn Dr. Livingstone in einem Briefe, dessen Abschrift ich beilege, an mich gewiesen hatte, mir abzuverlangen. Ich theilte ihm darauf mit, dass ich derartige Fonds nicht besässe, da infolge Befehls von Euer Lordschaft alles der letzten Expedition übergeben worden und dass Herr W. O. Livingstone die ganze Verantwortlichkeit für dieselben habe. Herr Stanley vernichtete darauf einen Livingstone’schen Wechsel über die Summe von 500 Pfd. Sterl., der auf Bombay ausgestellt war. Herr W. O. Livingstone hat es nach Durchlesung der Briefe seines Vaters abgelehnt, Herrn Stanley’s Expedition zu seinem Vater zu begleiten, dagegen Herrn Stanley alles, was er an Vorräthen und Geld brauchte, übergeben und die amerikanische Expedition ist gestern nach der Küste abgereist. Ich füge hier noch hinzu, da sonst vielleicht mein Betragen falsch dargestellt werden könnte, dass sich Herr Stanley, um Vorwürfen zu entgehen, die daraus entstehen könnten, dass seine Leute nicht rechtzeitig in Unyanyembé ankämen, an mich mit der Bitte gewandt hat, für ihren Abgang zu sorgen, nachdem er Zanzibar verlassen. Dieses habe ich sofort aufs bestimmteste abgelehnt und ihm gesagt, es sei mir unmöglich, mit Dr. Livingstone nach dem, was er gethan und gesagt habe, noch anders als in meiner officiellen Eigenschaft zu verhandeln. Herr W. O. Livingstone hat hier die überschüssigen Vorräthe der Expedition verkauft und wird seine Rechnung der Königl. Geographischen Gesellschaft einreichen.“
Aus dem Obigen ersieht man, dass Dr. Livingstone eine förmliche Klage bei Herrn Kirk einreicht und natürlich auch genöthigt ist, seinen Freund in der formellen Weise „Mein Herr!“ anzureden. Er fährt dann fort die Erfolge der verschiedenen von Zanzibar an ihn abgesandten Karavanen zu schildern und gesteht es in einer Nachschrift ein, dass er es sehr bedauere gezwungen zu sein, über so unangenehme Dinge zu schreiben.
In den Briefen Dr. Kirk’s, die es offenbar bekunden, dass er diese Klage übel aufnimmt, findet man, dass dieser darauf durch folgende gegen Dr. Livingstone und mich vorgebrachte Beschuldigungen erwidert:
1) Dr. Livingstone hat es „geflissentlich“ vermieden, die geringste Andeutung über seine Arbeiten während der letzten drei Jahre, wo er nichts von sich hat hören lassen, und in Bezug auf seine neuen Forschungen zu machen.
2) Herr Stanley hat besondere Instructionen, ja nichts über seine (zukünftige) Route oder Pläne bekannt werden zu lassen.
3) Früher geschriebene Briefe, in denen sich hierüber einige Nachrichten befanden, sind unterdrückt worden oder verloren gegangen.
4) Herr Stanley ist gezwungen gewesen, seine Leute in Sklavenketten marschiren zu lassen, um ähnliches Unglück zu vermeiden, wie das von Livingstone erduldete.
5) Dr. Livingstone verlangt in einem eigenhändigen Schriftstücke Ketten zu diesem Zweck (um Unglücksfälle zu vermeiden), für die Leute, die jetzt zu ihm ziehen.
6) Der Ton der officiellen Briefe Dr. Livingstone’s ist unhöflich und die persönlichen Insinuationen in Bezug auf mein und Herrn Churchill’s Betragen sind schimpflich.
7) Ich wundere mich, dass Dr. Livingstone ausgerüstet mit der Consularautorität nicht die Macht hat, dem Morden, dem Sklaven- und sonstigem Raube, der öffentlich von jungen Nassicks, britischen Schutzbefohlenen, verübt worden, ein Ziel zu setzen.
8) Herr Stanley hat keine Zeit verloren, Lieutenant Henn zu versichern, dass ein schriftlicher Befehl Dr. Livingstone’s ihn ermächtige, eine jede Expedition, die zu ihm stossen will, wieder zurückzuschicken.
9) Es geht deutlich aus der Haltung von Dr. Livingstone’s officieller Correspondenz hervor, dass er nur Hülfe, welche durch seinen vertrauten Agenten, Herrn Stanley, ihm zukommt, willkommen heissen werde.
10) Herr W. O. Livingstone hat, nachdem er seines Vaters Briefe durchlesen, es abgelehnt, Herrn Stanley’s Expedition zu seinem Vater zu begleiten.
Da Dr. Livingstone nicht hier ist und ich die obigen Beschuldigungen ebenso widerlegen kann, als ob er selbst in England wäre, und da ich an einigen der Beschuldigungen auch betheiligt bin, so ist es meine Pflicht, sie so deutlich wie möglich auseinanderzusetzen. Ich erwidere also in derselben Reihenfolge, wie oben die Behauptungen aufgeführt sind, Folgendes:
1) Dr. Livingstone hat es nicht geflissentlich vermieden, Aufschlüsse über seine zukünftigen Pläne oder frühern Arbeiten zu geben. Vielmehr hat er wiederholt Briefe geschrieben, von welchen ich Abschriften in seinem Tagebuche gesehen, welche Einzelheiten über seine Entdeckungen enthalten.
2) Ich habe nie besondere Instructionen erhalten, nichts über Dr. Livingstone’s zukünftige Route oder Pläne bekannt zu machen und zwar weder von Dr. Livingstone, noch von Herrn Bennett, was dadurch bewiesen wird, dass ich dem Correspondenten des „Daily Telegraph“, als er mich in Marseille besuchte, um Nachrichten zu bekommen, dieselben bereitwillig gegeben habe.
3) Briefe mit Nachrichten von Dr. Livingstone an Dr. Kirk und Lord Clarendon, die bald nach seiner Ankunft in Udschidschi geschrieben, wurden durch Kuriere nach Unyanyembé geschickt und von Sayd bin Salim in Empfang genommen. Sie sind also später „unterdrückt worden oder verloren gegangen“, nämlich auf dem Wege zwischen Sayd bin Salim in Unyanyembé und dem britischen Consulat in Zanzibar in der Zeit, wo ich mit Dr. Livingstone von Udschidschi nach Unyanyembé reiste.
4) Ich war nur dazu gezwungen, die wenigen widerspenstigen Leute und Deserteure in Ketten marschiren zu lassen, Leute, die beständig meine Expedition dadurch gefährdeten, dass sie unser Eigenthum auf dem Wege liegen liessen oder meutern wollten.
5) Dr. Livingstone hat mir, auf meinen Rath hin, versprochen, den moralischen Einfluss einer Kette auf Widerspenstige und Deserteure zu versuchen, wie ich es auch gethan; denn irgendein Strafmittel ist in Central-Afrika für die Unverbesserlichen ebenso nothwendig, wie die Gefängnisse in civilisirten Ländern.
6) Der Ton von Dr. Livingstone’s Briefen ist nicht unhöflich. Unhöflichkeit lag durchaus nicht in seiner Absicht; es sind nur formelle Beschwerden.
7) Wäre Dr. Livingstone selbst mit despotischer und königlicher Autorität versehen gewesen, so wäre er doch ebenso machtlos wie bei Consularautorität, wenn er nicht die Mittel hatte, sie mit Gewalt zur Geltung zu bringen. In den Wildnissen von Central-Afrika hätte er nicht britische Schützlinge mit der Todes- oder Gefängnissstrafe belegen können, wenn er auch die Autorität aller civilisirten Völker, aber nicht die Mittel besässe, dieselbe mit Gewalt zur Geltung zu bringen. Er konnte Uebelthäter eben nur entlassen.
8) Hier rathe ich den Lesern das Schlusskapitel zu lesen.
9) Es geht keineswegs aus der Haltung der officiellen Briefe Dr. Livingstone’s an Dr. Kirk hervor, dass er nur eine von Herrn Stanley ihm gesandte Hülfe willkommen heissen werde. Dr. Livingstone wusste gar nicht, dass das britische Publikum eine Hülfsexpedition für ihn organisirt habe. Da er dies nicht wusste, bat er mich, alles für ihn zu thun, was ich könne; die Leute und Vorräthe aber, deren er bedurfte, wurden ihm von Zanzibar einzig und allein aus englischem Gelde geschickt.
10) Herr W. O. Livingstone hat nicht nach Durchlesung der Briefe seines Vaters „es abgelehnt, Herrn Stanley’s Expedition zu seinem Vater zu begleiten“, sondern Herr Livingstone hat sich nur auf den freundschaftlichen, ärztlichen Rath des Dr. Kirk zurückgezogen, welcher meinte, dass es bei seinem damaligen schwächlichen Gesundheitszustand für ihn sehr unklug, wenn nicht gefährlich sei, den Versuch zu machen, nach Unyanyembé während des schlimmsten Monsuns, der je über Ost-Afrika hingezogen, zu gehen.
Ich schliesse mit der Hoffnung, dass die Empfindungen, welche Dr. Kirk jetzt gegen Dr. Livingstone zu hegen scheint, höflichern und duldsamern Platz machen werden, wenn letzterer heimkehrt, um dann die innige Freundschaft vollständig wiederherzustellen, welche früher den Verkehr zwischen diesen beiden alten Bekannten charakterisirte, als sie zusammen in den Regionen des Zambezi und Nyassa-Sees reisten und lebten. Ich glaube, ich kann seitens des Dr. Livingstone eine herzliche, freundliche Erwiderung auf diese Empfindungen in Aussicht stellen. Was mich betrifft, so würde mich nichts mehr freuen, als wenn wir allesammt wieder recht gute Freunde würden. Dr. Livingstone kennt die Gesinnungen, die ich für ihn hege, sehr wohl, und Dr. Kirk kann überzeugt sein, dass ich für ihn aufrichtige Bewunderung empfinde.
Das Folgende ist die allerletzte Nachricht von Dr. Livingstone (im Auswärtigen Amt am 19. October 1872 angekommen) und beweist genau, was ich gesagt habe, dass dieser gegen Dr. Kirk keine Unhöflichkeit beabsichtigt oder daran gedacht hat, sein Verfahren anzugreifen, und dass ich seine Empfindungen im vorhergehenden Absatz richtig gedeutet habe.
DR. LIVINGSTONE AN LORD GRANVILLE.
„Unyanyembé, 1. Juli 1872.
Mylord!
Ich muss daran erinnern, dass ich sehr grosse Unannehmlichkeiten dadurch erlitten, dass Sklaven statt Freier für mich engagirt worden sind. Dies hat mir volle zwei Jahre gekostet, mir ein unnützes Marschiren von 1800–2000 Meilen auferlegt, mich viermal der Gefahr eines gewaltsamen Todes ausgesetzt und ausserdem eine unbestimmbare Summe Geld gekostet. Gewisse Banyanen, indisch-britische Unterthanen, an deren Spitze ein gewisser Ludha Damdschi steht, scheinen uns ihre Sklaven für mehr als das doppelte Gehalt eines Freien betrüglicherweise aufgedrungen zu haben, und die sämmtlichen Sklaven waren von dem Gedanken erfüllt, dass sie mir nicht folgen, sondern mich zur Rückkehr zwingen sollten. Durch das Geld und die Waaren dieser Banyanen wird fast der ganze Sklavenhandel dieser Gegend vermittelt. Sie haben sich unehrlicher Agenten bedient, um die Karavanen zu führen und dies hat es zu Wege gebracht, dass ich zu vier verschiedenen malen ausgeplündert worden bin. Niemals wird ein Händler in dieser Weise beraubt. Ich habe eine Klage hierüber an Dr. Kirk abgesandt und in meinem Brief vom 14. November eine Copie desselben in der Hoffnung eingeschlossen, dass er, wenn es nöthig wäre, vom Auswärtigen Amte Unterstützung bekäme, damit mir Gerechtigkeit widerfahren und er die Sache rasch in Angriff nehmen könne, denn die Banyanen und ihr ungerechter Agent Scherif haben ihre Privathandelsspeculationen zwischen Dr. Kirk und mich zwischengeschoben und uns, ohne dass wir es wussten, dazu verführt, Sklaven zu brauchen, obwol wir uns dem widersetzt hatten, dass Kapitän Fraser dasselbe auf seiner Zuckerplantage thue. Ich bedauere es sehr, zufälligerweise erfahren zu haben, dass Dr. Kirk meine förmlichen Anklagen gegen die Banyanen als einen versteckten Angriff auf ihn selbst betrachtet hat; wenn ich dies vorhergesehen hätte, so hätte ich bestimmt alle meine Verluste stillschweigend ertragen. Ich habe niemals mit ihm Streit gehabt, obwol wir Jahre lang zusammen waren, und ich hatte keineswegs die Absicht, ihn zu beleidigen. Aber das öffentliche Interesse, das sich an dieser Expedition bethätigt, zwingt mich zur Veröffentlichung aller der Hindernisse, welche sich dem entgegengestellt haben, dass ihre Aufgabe nicht schon vollendet worden ist. Ich habe die Banyanen und ihre Agenten als die Ursache aller meiner Verluste dargestellt und gezeigt, dass der Gouverneur hier ihr hauptsächlichster Agent ist. Dies wird durch die Thatsache bestätigt, dass Scherif und die erste Sklavenbande jetzt bei ihm aufs bequemste in Mfutu leben, einem Dorfe, das etwa 12 Meilen von dem Ort, an dem ich dieses schreibe, entfernt ist.
Da ich, wie ich in meinem obigen Briefe erwähnt habe, ausreichende Vorräthe besitze, die mich in den Stand setzen, in kurzer Zeit meine Arbeit möglichst zu beendigen, und da die erste und zweite Sklavenbande sich als so sehr ungenügend erwiesen hatte, war es mir sehr darum zu thun, dass nicht wieder Sklaven kommen sollten; ich bat daher Herrn Stanley, mir 50 Freie in Zanzibar zu miethen und für den Fall, dass er Sklaven begegne, dieselben wieder zurückzuschicken, ohne Rücksicht darauf, was für Ausgaben an sie gewandt worden seien. Diese wollte ich gern alle bezahlen. Ich hatte keine Idee davon, dass dies dazu führen würde, eine englische Expedition, die in grösster Freundlichkeit mir zu Hülfe geschickt worden, an ihrer Weiterreise zu verhindern. Ich bin vom aufrichtigsten, tiefsten Danke für die edle Anstrengung meiner Landsleute erfüllt und bedauere es sehr, dass meine Vorsichtsmassregeln gegen eine nochmalige Sklavenexpedition den selbstverleugnenden Eifer von Ehrenmännern gedämpft haben, die durchaus keine Spur vom Geiste von Sklaven an sich haben.
Wie ich jetzt auseinandersetzen werde, hätten sie mir jedoch wenig in der Richtung nützen können, die ich einzuschlagen beabsichtige. Besässen wir aber einen Telegraphen oder selbst nur eine Briefpost, so hätte ich ihnen Arbeiten nach einer andern Richtung vorgeschlagen, die dem Vorstande der Geographischen Gesellschaft genehm gewesen wäre.
Seit zwölf Monaten wird hier Krieg geführt. Derselbe ähnelt unsern kleinen Kaffernkriegen, bereichert aber niemanden. Aller Handel wird dadurch gehemmt und im ganzen Lande herrscht allgemeine Gesetzlosigkeit. Ich beabsichtige, diese Verwirrungen dadurch zu vermeiden, dass ich nach Süden nach Fipa gehe, dann um das südliche Ende des Tanganika und darauf über den Chambeze, dem Ufer des Sees Bangweolo entlang nach Westen ziehe. Wenn ich mich dann auf 12° südl. Br. befinde, so gedenke ich in gerader Richtung nach Westen an die alten Quellen zu gehen, von denen es heisst, dass sie an jenem Ende der Wasserscheide liegen, und mich von dort nach Norden zu den Kupferminen von Katanga zu wenden, die nur ungefähr zehn Tage südwestlich von den unterirdischen Höhlen sind. Von dort aus kehre ich nach Katanga zurück, das zwölf Tagereisen nach Südsüdwesten vom Ende des Lincoln-Sees liegt. Daselbst angekommen, werde ich der Vorsehung aufrichtig danken und über den Kamolondo-See nach Udschidschi und in die Heimat zurückkehren. Durch diese Reise hoffe ich den Theil des Landes, an dessen Erforschung mich die Sklaven gehindert haben, kennen zu lernen. Ich bin nämlich aus der Gegend des Zusammenflusses des Lomame mit Webb’s Lualaba zurückzukehren gezwungen worden. Der Lomame ist die Verlängerung des Lincoln-Sees in das centrale Seesystem — in Webb’s Lualaba. Die hier angedeutete Route macht meine Rückreise nutzbar, indem sie mich aussen, oder sagen wir südlich um alle die Quellen zusammen herumführt, wogegen die Route, welche durch Manyuema führt, nicht dazu taugen würde, um den Faden der Forschungen wieder aufzunehmen. Jene bringt mich auch ausserhalb des Bereichs des von Udschidschi oder von der Küste aus betriebenen Sklavenhandels und Blutvergiessens, was die Manyuema jetzt zu rächen anfangen. Wenn ich mich jetzt zurückzöge, wie ich es von ganzem Herzen zu thun wünschte, so würde ich mir bewusst sein, die Entdeckung der Quellen unbeendet gelassen zu haben und alsbald einen Nachfolger zu bekommen, der die Nichtigkeit meiner Ansprüche nachweisen würde. Und was noch schlimmer wäre als das, die Banyanen und ihre Agenten, von denen ich glaube, dass sie sich verschworen haben, alle meine Pläne zu vereiteln, würden wesentlich ihre Absichten durchgesetzt haben. Ich kenne jetzt schon viele von den Völkerschaften, mit denen ich ganz freundschaftlich verkehre, nachdem ich in der Gegend weit gereist bin und den Irrthum verbessert habe, zu dem ich dadurch verführt wurde, dass der Chambeze von den Portugiesen und Andern Zambesi genannt wird. Ich möchte sehr gern die Basañgo besuchen, die nahe an meinem Wege wohnen, werde mich aber doch auf sechs bis acht Monate beschränken, um das Versäumte wieder gut zu machen. Vor ungefähr fünf Generationen ist ein Weisser in die Hochlande von Basañgo gekommen, die gerade im Osten von der Wasserscheide liegen. Derselbe hatte sechs Begleiter, welche jedoch alle starben, und schliesslich wurde dieser Führer, Tscharura genannt, zum Haupt der Basañgo gewählt. In der dritten Generation hatte er 60 kräftige Speerträger zu directen Nachkommen. Dies lässt auf eine ebenso grosse Zahl weiblichen Geschlechts schliessen. Sie sind von sehr heller Farbe und leicht daran zu erkennen, dass es niemandem, ausser der königlichen Familie, gestattet ist, Korallenperlen zu tragen, wie sie Tscharura eingeführt hat. Ein Buch, das er mitgebracht, ist erst vor kurzem verloren gegangen. Das Interesse des Falls liegt in seinem Zusammenhange mit der berühmten Theorie Darwin’s über die Entstehung der Arten, denn er beweist, dass eine verbesserte Varietät, wofür wir Weissen uns doch bescheidentlich halten, nicht dem ausgesetzt ist, durch grosse Zahlen, wie einige gemeint haben, überwuchert und vernichtet zu werden.
Zwei Mazitu-Häuptlinge leben in der Nähe der Route. Ich würde sie sehr gern besuchen und für die Engländer Gerechtsame zu erlangen suchen, wie sie den Arabern von Seyd Madschid gewährt worden sind, bin aber jetzt viel zu reich, um mich unter Diebe zu begeben. Zu einer andern Zeit hätte ich getrost hingehen können, weil nach dem schottischen Sprichwort „niemand die Hosen eines Hochschotten stiehlt“. Wenn es einigermassen gut geht, so hoffe ich in acht Monaten von jetzt ab wieder in Udschidschi zurück zu sein. Sollte jemand die Klugheit meiner Entscheidung in Frage ziehen oder mich im Verdacht haben, wenig Liebe für meine Familie zu empfinden, indem ich diese letzte Reise unternehme, so kann ich mich vertrauensvoll um Billigung an den Vorstand der Königl. Geographischen Gesellschaft wenden, der den Gegenstand vollständig versteht.
Hätte ich vorher wissen können, dass diese letzte Expedition herkommen würde, um mich aufzusuchen, so würde ich sie als Zweigexpedition benutzt haben, um den Victoria-See zu erforschen, zu welchem Zweck die gewählten Seeoffiziere ohne Zweifel vorzüglich geeignet gewesen wären. Das Skelet eines Bootes, das Herr Stanley hier gelassen hat, hätte ihren Zwecken dienen können und sie hätten das ganze Verdienst einer unabhängigen Forschung und ihrer Erfolge gehabt. Ich bin längere Zeit in Gesellschaft von drei intelligenten Sanheli gereist, die je drei, sechs und neun Jahre in dem östlich vom Victoria-See belegenen Lande gelebt haben, der dort Okara, hier aber Mkara genannt wird. Sie haben mir drei oder vier Seen beschrieben, von denen nur der eine seine Gewässer nach Norden entsendet. Okara scheint der eigentliche Victoria-See zu sein. Ungefähr aus seiner Mitte gibt er einen Arm nach Osten ab, welcher Kidette heisst, in den eine Menge Reusen gelegt und wo viele Fische gefangen werden. Er ist drei Tagereisen zu Boot lang und verbindet sich mit dem See Kavirondo, der wol nicht ein See, sondern nur ein Arm des Okara genannt zu werden verdient. An demselben lebt ein sehr schwarzes Volk, das Vieh hält. Weiter nach Osten befinden sich die Masai. Südöstlich von Kavirondo liegt der See Neibasch oder Neybasch; dessen südlichem Ufer entlang sind sie drei Tage gereist und von dort aus haben sie den Berg Kilimandscharo gleichfalls im Südosten gesehen. Der See hatte keinen Ausfluss. Als fern im Norden von Kavirondo liegend beschrieben sie den See Bariñgo (nicht Bahr Ngo). Ein Fluss oder Flüsschen, der Ngare na Rogwa heisst, fliesst in denselben von Süden oder Südosten. Sein Name bezeichnet, dass er etwas salzig ist. Bariñgo entsendet einen Fluss nach Nordosten, welcher Ngardabasch heisst. Das Land im Osten und Norden von Bariñgo heisst Burukineggo und man erzählt sich, dass dort Gallahs mit Kamelen und Pferden leben; meine Berichterstatter haben sie aber nicht gesehen. Ich gebe ihre Nachrichten nur so, ohne ihren Werth zu untersuchen. Ihr Zweck war das Plündern und sie konnten wol kaum in Bezug auf die Zahl der Seen im Irrthum sein, wo nach unserer Annahme sich nur einer befindet. Der Okara oder eigentliche Victoria-See ist der grösste und enthält viele sehr grosse Inseln. Ich habe nicht den geringsten Wunsch, in seine Nähe zu gehen weder jetzt noch in Zukunft, sondern wünsche nur meine eigene Aufgabe gut zu Ende zu führen und glaube, dass ich wol einige Ausdauer für mich in Anspruch nehmen darf. Wenn mir jedoch der Auftrag würde, noch irgendwo sonst hinzugeben, so würde ich mich bestimmt auf grosse Kränklichkeit oder dringende Privatangelegenheiten berufen. Man hat mir nachgesagt, dass ich unter den Arabern wie einer derselben lebe; dies kann nur heissen, dass ich auf gutem Fusse zu denselben stehe. Sie nennen mich oft den „Christen“ und ich habe nie diesen Charakter in irgendeiner Beziehung verleugnet.
Eine eigene Skizze einer Längenaufnahme, welche ich an Sir Thomas MacLear an der Königlichen Sternwarte am Cap geschickt habe, ergibt 27° östl. als die Länge des grossen Flusses Lualaba und die Breite von 4° 9′ südl. Er verläuft ungefähr zwischen 26° und 27° östl. L. und liegt daher nicht so weit westlich, wie es meine Rechnung, die ich ohne Uhr in dichten Wäldern und zwischen gigantischem Gras ausführte, festgestellt hatte. Es ist daher weniger wahrscheinlich, dass es der Congo ist, und ich könnte wol auf demselben mit Baker zusammentreffen. Mit Bezug auf die alten Quellen kenne ich schon die vier Ströme, die ohne Frage in der Nähe von oder an dem westlichen Ende der Wasserscheide entstehen. Herr Oswell und ich hörten etwa im Jahre 1851, dass der Kafue und Liambai (der Obere Zambesi) an einer Stelle entsprängen, obwol wir damals etwa 300 Meilen davon entfernt waren. Die beiden Flüsse Lomame und Lufira kommen aus derselben Gegend; der einzige Punkt, der noch zweifelhaft, ist die Entfernung ihrer Quellen voneinander und diesen möchte ich sehr gern feststellen. Ich schicke astronomische Beobachtungen und eine Kartenskizze durch einen Eingeborenen an Sir Thomas MacLear. Die Karte ist sehr unvollständig, weil mir alle bequemen Mittel für das Zeichnen derselben fehlten und keine Lage sollte als festgestellt oder veröffentlicht betrachtet werden, bis sie auf dem Observatorium von neuem berechnet worden ist.
Es ist ziemlich viel Gefahr dabei, so zu verfahren, doch nicht so viel, wie wenn ich die Sache meinem Freunde, dem Gouverneur, vertraute. Eine frühere kartographische Skizze, eine Menge astronomischer Beobachtungen und fast alle meine Briefe sind hier verschwunden; aber es ist besser, dass sie den Gefahren des Transports durch einen Eingeborenen ausgesetzt sind, als dass sie mich über zahllose Gewässer begleiten. Die Furcht, mein Tagebuch ganz und gar zu verlieren, hat mich dazu geführt, es Herrn Stanley anzuvertrauen, damit meine Tochter es bis zu meiner Rückkehr verwahre, und ich hoffe, dass es sicher angekommen ist. Ich warte hier nur, bis meine 50 Leute eintreffen. Die natürliche Besorgniss, die ich für die Sicherheit meines Sohnes Oswell empfinde, der durch die zwischen diesem kalten Hochland und der Küste liegenden Fieberdistricte reist, wäre um das Dreifache vermehrt worden, wenn die Herren von der Marine mitgekommen wären.
Zum Schluss erlauben Eure Lordschaft, dass ich Ihnen sowie dem Vorstande und den Mitgliedern der Königl. Geographischen Gesellschaft sowie allen denen meinen herzlichsten Dank sage, die freundlichst in irgendwelcher Weise dazu beigetragen haben, für meine Sicherheit zu sorgen. Ich fühle es aufrichtig, dass niemand in der Welt mehr Ursache zu dem tiefsten Danke hat, als
Ihr gehorsamster Diener
DAVID
LIVINGSTONE,
Ihrer Majestät Consul in Inner-Afrika.“
[Ergänzend sei hier erwähnt, dass die von H. M. Stanley in Zanzibar organisirte neue Expedition am 12. August 1872 in Unyanyembé eintraf, worauf Dr. Livingstone am 25. August eine neue Reise nach dem Bangweolo-See antrat. Er ging dem südöstlichen Ufer des Tanganika-Sees entlang und um dessen Südende in das Land des Cazembe, wo er den Ufern des Bangweolo-Sees an der Nord-, Ost- und Südseite folgte. Am 1. Mai 1873 erlag er im Dorfe Tschitambo’s in Ilala der Dysenterie. Seine treuen Diener, unter der Führung von Susi[10], trugen die Leiche nach der Ostküste, von wo sie nach England übergeführt und am 18. April 1874 in der Westminster-Abtei zu London beigesetzt wurde.]