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Simon. Eine Liebesgeschichte

Simon war zwanzig Jahre alt, als ihm eines Abends in den Sinn kam, er könnte so, wie er gerade im weichen grünen Moose am Wege lag, fortwandern und Page werden. Dies sprach er sehr laut in die Luft hinauf zu den Tannengipfeln, welche, ich weiß nicht ob es wahr oder erlogen ist, ihre scheinheiligen Bärte schüttelten und ein stummes, tannzapfenartiges Gelächter anstimmten, welches unserem Mann auf die Beine half und ihn antrieb, sofort das zu werden, wozu ihn eine unbändige Lust anfeuerte. Jetzt hat er sich erhoben und marschiert ins Blaue oder Grüne hinein, ohne sich um eine geographische Richtung zu kümmern. Kümmern wir uns ein wenig um sein Äußeres. Er hat lange, für einen angehenden anmarschierenden Pagen viel zu lange Beine, welche seinem Gang etwas Tölpelhaftes geben. Seine Schuhe sind schlecht, seine Hose ideal zerrissen, sein Rock voller Flecken, sein Gesicht ist ein unzartes Gesicht und sein Hut, um auf das oberste zu kommen, kommt langsam in eine Form hinein, in die ihn unsorgfältige Behandlung und geringer Stoff mit der Zeit bringen müssen. Er, der Hut, sitzt auf ihm, dem Kopf, wie ein verschobener Sargdeckel, oder wie der blecherne Deckel auf einer alten rostigen Bratpfanne. Wirklich, der Kopf ist beinahe kupferrot und hat nichts gegen einen gebratenen Vergleich einzuwenden. An Simons Rücken (wir, die Erzählung, gehen jetzt immer hinter ihm her) hängt eine alte wüste Mandoline und wir sehen, wie er dieselbe in die Hand nimmt und darauf zu zupfen anfängt. O Wunder. Welch einen silbernen Klang birgt dieses alte magere Instrument. Ist es nicht, als wenn liebliche weiße Engel auf goldenen Geigen spielten! Der Wald ist eine Kirche und die Musik, welche tönt, wie die eines alten ehrwürdigen italienischen Meisters. Wie zart er spielt, wie weich er singt, dieser rohe Bengel. Wahrhaftig, wir verlieben uns in ihn, wenn er nicht bald aufhört. Er hört auf und wir haben Zeit, uns auf neuen Atem zu besinnen.

Wie seltsam, dachte Simon, als er aus dem Wald heraustrat und bald wieder in einen neuen hineinkam, wie seltsam, daß die Welt keine Pagen mehr hat. Hat sie denn etwa keine schönen, großen Frauenzimmer mehr? Wohl nicht, denn ich besinne mich, die Poetin unserer Stadt, der ich meine Gedichte zusandte, war dick, behäbig und majestätisch genug, um eines beweglichen Pagen zu bedürfen. Was tut sie wohl jetzt. Denkt sie wohl noch an mich, der ich sie anschwärmte? Mit solchen Gedanken und Empfindungen brachte er es ein Stück Weg weiter. Die Wiesen schimmerten, als er neuerdings aus dem Wald heraustrat, wie ausgeschüttetes Gold, die Bäume darauf waren weiß, grünlich, grün, und so saftig, daß er lachen mußte. Die Wolken lagen träge und breit am Himmel wie ausgestreckte Katzen. Simon streichelte in Gedanken ihr farbiges weiches Fell. Dazwischen lag Blau von wunderbarer Frische und Feuchte. Die Vögel sangen, die Luft zitterte, der Äther triefte von Wohlgerüchen und in der Ferne lagen felsige Berge, zu denen unser Bursche nun geraden Wegs hinlief. Schon fing der Weg an zu steigen und schon fing es an, zu dunkeln. Simon griff wieder in die Mandoline, auf welcher er Zauberer war. Die Erzählung setzt sich hinten wieder auf einen Stein und horcht ganz verblüfft. Unterdessen gewinnt der Verfasser Zeit, auszuruhen.

Es ist ein mühseliges Geschäft, Geschichten erzählen. Immer hinter solch einem langbeinigen, mandolinenspielenden romantischen Bengel herlaufen und horchen, was er singt, denkt, fühlt und spricht. Und der rohe Schurke von Page läuft immer und wir müssen hinter ihm herlaufen, als ob wir wahrhaftig des Pagen Page wären. Hört weiter, geduldige Leser, wenn ihr noch Ohren habt, denn jetzt machen bald verschiedene Personen ihre untertänigsten Reverenzen. Es wird lustiger. Ein Schloß zeigt sich; welch ein Fund für einen burgruinensuchenden Pagen. Nun zeige deine Kunst, Kind, oder du bist verloren. Und er zeigt sie. Er singt die Dame an, welche sich auf dem Balkon im ersten Stock zeigt, mit so süßer, lügenhafter Stimme, daß das Herz der Dame notwendigerweise gerührt wird. Wir haben ein dunkles, märchenhaftes Schloß, wir haben Felsen, Tannen, Pagen, nein, nur einen Pagen, ja, unsern Simon, welcher in diesem Augenblick alle lieblichen Pagen der Welt in seiner zierlichen, oben beschriebenen Person vereinigt. Wir haben Gesang und Mandolinenton, wir haben Süßigkeit, welche der Knabe seinem Instrument zu entlocken weiß. Es ist bereits Nacht, Sterne schimmern, Mond brennt, Luft küßt, und wir haben, was wir unbedingt haben müssen, eine milde, weiße, herablächelnde Dame, welche mit der Hand heraufwinkt. Der Gesang hat im Herzen der Frau Platz genommen, denn es ist ja ein so einfacher, lieber, süßer Gesang. »Komm herauf, lieber, süßer, schöner, gefühlvoller Knabe!« Wir hören noch das Jubilieren, das Schluchzen vor Freude, das einen kurzen Augenblick aus der Kehle von dem glücklichen Kerl die Nacht durchdringt; wir sehen seinen Schatten verschwinden, und nun ist draußen alles Stille und Schatten.

Der Verfasser grübelt nun aus seiner gequälten Phantasie hervor, was seine Augen nicht mehr sehen dürfen. Die Phantasie hat durchdringende Augen. Keine zehnmetrige Mauer, kein noch so schwarzer giftiger Schatten hemmt ihren Blick, der Mauern und Schatten wie ein Netz durchsieht. Der Page flog die breite, teppichbelegte Treppe hinauf und wie er oben ankam, stand seine gnädige Herrin im schneeweißen Kleid am Eingang und zog Simon mit der Hand hinein, auf welche derselbe seinen heißen Atem hauchte. Alle die Händeküsserei zu beschreiben, die nun folgt, erlasse man uns. Keine Stelle der schönen Arme, Hände, Finger, Fingernägel blieb von den gierigen roten Lippen ungeküßt, und diese Lippen schwollen ganz auf bei dem galanten Geschäft. Deshalb, jetzt merken wir, haben Pagen stets solche wie zwei Seiten eines Buches aufgeschlagene Lippen. Lesen wir ruhig, was die Sprache darin weitererzählt.

Die Frau, nachdem sie dem Knaben Einhalt geboten, erzählte ihm in vertraulicher Weise, etwa so, wie man zu einem klugen anhänglichen und treuen Hund spricht, daß sie sehr einsam sei, daß sie nachts immer auf dem Balkon stehe, daß die Sehnsucht nach einem unsagbaren Etwas sie keine angenehme gedankenlose Stunde verbringen ließe. Sie strich Simon das rauhe Haar von der Stirne weg, berührte seinen Mund, tastete an seinen glühenden Wangen und sagte mehrere Male hintereinander: »Lieber, guter Knabe! Ja, du sollst mein Diener, mein Knecht, mein Page sein. Wie hübsch du gesungen hast. Wie treu deine Augen sehen. Wie schön dein Mund lächelt. Ach, einen solchen Knaben wünschte ich mir schon lange zum Zeitvertreib. Du sollst um mich herumspringen wie ein Reh und meine Hand soll das zierliche kleine unschuldige Reh streicheln. Ich will mich auf deinen braunen Leib setzen, wenn ich müde bin. Ach ...« Hier errötete denn doch die hohe Frau und sah lange verschwiegen in einen dunklen Winkel des Zimmers, welches sehr prächtig schien. Dann lächelte sie wohlwollend, und stand, wie sich selbst beruhigend, auf und nahm beide Hände Simons in eine von den schönen ihrigen. »Morgen kleide ich dich als Pagen an, lieber Page. Du bist müde, nicht wahr?« und lächelte und aus dem Lächeln küßte ihm gute Nacht entgegen. Sie führte ihn hinauf in einen, wie es schien, hohen Turm, in ein kleines, reinliches Gemach. Dort küßte sie ihn und sagte: »Ich bin ganz allein. Wir wohnen hier ganz allein. Gute Nacht!« und verschwand.

Als Simon am folgenden Morgen hinunterging, stand die weiße Frau, wie wenn sie schon lange geduldig wartete, an der Türe. Sie reichte ihm Hand und Mund und sagte: »Ich liebe dich. Ich heiße Klara. Nenne mich so, wenn du mich begehrst.« Sie gingen in ein kostbares, ganz mit Teppichen ausgefüttertes Zimmer, welches eine Aussicht in einen dunkelgrünen Tannenwald hatte. Hier lagen auf der reichgeschnitzten Lehne eines Stuhles schwarzseidene Pagenkleider. »Diese ziehe nun an!« — O, was für ein dummglückliches ehrlichbegeistertes Gesicht muß nun unser Kaspar, Peter oder Simon machen! Sie deutete ihm, sich darin umzukleiden, ging schnell hinaus, kam lächelnd nach zehn Minuten wieder hinein und fand Simon als den schwarzseidenen Pagen wieder, wie sie sich in träumerischen Stunden wohl einen solchen mochte phantasiert haben. Simon sah sehr hübsch aus in dem Kleid; seine schlanke Gestalt paßte vorzüglich in die enge Gefangenschaft der Pagentracht. Er benahm sich auch sofort sehr pagenmäßig, schmiegte sich schüchtern und doch unbewußt an den Leib der Frau. »Du gefällst mir,« lispelte sie. »Komm, komm!«

Sie spielten nun Tag für Tag Herrin und Page, und befanden sich wohl dabei. Simon war es ernst. Er dachte, er habe nun seinen eigentlichen Beruf gefunden, worin er auch sehr recht hatte. Ob es der gnädigen Frau mit ihrer Gnade ernst war, daran dachte er keinen Augenblick, und darin hatte er auch wieder sehr recht. Er nannte sie Klara, wenn er um ihren wollüstigen Leib dienend beschäftigt war. Er fragte sonst nichts, denn das Glück, o Leser, hat keine Zeit zum lange Herumfragen. Sie ließ sich ruhig, als wie von einem Kind, von ihm abküssen. Einmal sagte sie zu ihm: »Du, ich bin verheiratet, mein Mann heißt Aggapaia. Nicht wahr, ein teuflischer Name. Er wird bald zurückkehren. O, wie fürchte ich mich. Er ist sehr reich. Ihm gehört das Schloß, die Wälder, die Berge, die Luft, die Wolken, der Himmel. Vergiß den Namen nicht. Wie heißt er schon?« Simon stotterte: »Akka — —, Akka — —.« »Aggapaia, mein lieber Knabe. Schlafe ruhig darauf aus. Der Name ist kein Teufel.« — Sie weinte, als sie dies sagte.

Es vergingen wieder einige Tage und als eine Woche oder zwei verlebt waren, saßen sie, Frau und Page, eines Abends, als es schon dunkel zu werden begann, auf dem Balkon des Schlosses. Die Sterne funkelten wie verliebte Ritter hinunter auf das seltsame Paar: die modern gekleidete Frau und den spanisch kostümierten Pagen. Der griff, wie er immer abends zu tun pflegte, in die Saiten seiner Mandoline und die Erzählung streitet mit mir über den Punkt, was süßer gewesen sei, das Spiel der behenden Finger, oder die stillen Frauenaugen, welche auf den Spieler herabsahen. Die Nacht schwebte wie ein Raubvogel umher. Das Dunkel nahm zu, da hörten sie beide einen Schuß fallen im Wald. »Er kommt, Teufel Aggapaia ist in der Nähe. Bleibe ganz ruhig, Knabe. Ich stelle dich ihm vor. Du hast nichts zu fürchten!« Dennoch runzelte, die dies gesagt hatte, die Stirn, ihre Hände zitterten, sie seufzte und mischte ein kurzes Lachen unter die Flut von Beängstigung, welche sie zu verbergen bemüht war. Simon betrachtete sie ruhig; unten sagte jemand: Klara! Die Frau antwortete mit einem lieblich klingenden, sonderbar hohen »Ja«. Die Stimme erwiderte und fragte: Wen hast du da oben bei dir sitzen? »Mein Reh ist's; mein Reh!« Wie das Simon hörte, sprang er auf, umarmte das zitternde Weib und schrie hinunter: »Ich bin's, Simon! Mehr als zwei Arme braucht es nicht, um dir zu beweisen, du Schurke da unten, daß ich ein Bursche bin, der nicht mit sich Spaß treiben läßt. Komme nur herauf, ich stelle dir meine geliebte Herrin vor!« Teufel Aggapaia, welcher wohl merkte, daß er im Augenblick ein sehr dummer, hintergangener, gehörnter Teufel sein müsse, blieb unten stehen, scheinbar, um den Angriff zu überlegen, den eine so gefährliche Lage, wie die, vor welcher er stand, erforderte. »Ein blinder, kalter, achselzuckender, frecher Schuft da oben. Meine Überlegenheit ist zweifelhaft. Ich muß überlegen, überlegen, überlegen.« Die Nacht auch, das seltsame Benehmen der Frau, die Stimme des »Buben da oben«, das rätselhafte Etwas, wofür der Teufel kein Wort fand, hießen den Teufel blindlings überlegen. Überlege, wimmerten die Sterne, überlege, schnarrten die Nachtvögel, überlege, schüttelten unklar und doch deutlich genug die Tannengipfel heraus ... »Er überlegt,« sang siegesfroh des Pagen frische Stimme. Er überlegt noch heute, der arme schwarze Teufel Aggapaia. Er klebt an seiner Überlegung fest. Simon und Klara sind Mann und Weib geworden. Wie? sagt später einmal die Geschichte, welche hier atemringend der Ruhe bedarf.