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Flußgegend mit Turm

Im Turm, ganz hoch oben, brennt ein Licht. Es ist Nacht, und der Sturmwind braust. Die Amme tritt auf, den Regenschirm unter dem Arm. Nach ein paar Schritten gegen das Publikum zu bleibt sie stehen, ermüdet von langen Wanderungen, wie es scheint, zieht das rotgetüpfelte Schnupftuch aus der Rocktasche und hebt ein minutenlanges, rührendes Schluchzen an. Unter anderem putzt sie sich die platteingedrückte Katzennase, wie es alte Frauen, die weinen, zu tun pflegen. Sie hat sich von Hause aufgemacht, um die geraubte Muschi zu suchen, und sie sucht nun schon an die zehn Jahre lang. Sie spricht schon zehn verschiedene Sprachen, weil sie schon durch zehn fremde Länder gegangen ist. Zu Hause sitzt die vornehme Mama von Muschi und ißt beinahe nichts und trinkt nichts, denn sie will und kann sich nicht an den Schmerz gewöhnen, der ihr sagt, sie habe ihr einziges Kind verloren. Die Amme hat denn auch sogleich, ohne eine Miene zu verziehen oder ein überflüssig Wort zu reden, die groben Wanderschuhe angezogen und ist mit ihren alten Beinen bis zu diesem schauervollen Turm gelaufen. Überall hat sie gerufen: Muschichen, Muschichen. Manchmal sogar hat sie in ihrer Seelenangst geschrien: Müschibüschi, Müschimüschichen, und solches zärtliches, unsinniges, dummes Zeug mehr, und nie ist ihr geantwortet worden. Der Amme sind zu verschiedenen Malen von müßigen Witwern Heiratsanträge gemacht worden, auf der Reise, in der Herberge, aber sie hätte eher eine Ohrfeige annehmen mögen, als solch einen schmutzigen Heiratsantrag, der zu nichts gut war, als sie abzulenken von der großen, süßtraurigen Aufgabe ihres Lebens, nämlich, das Müschischüchen suchen zu gehen. Diese ihre Trauer kommt, wie sie so dasteht, beredt zum Ausdruck; jetzt aber wendet sie sich gegen den Turm und bemerkt das kleine Licht in der Höhe. Alsogleich sieht sie sich zu einem kräftigen Miauen veranlaßt, das sich so anhört, als frage sie das Licht etwas. Das Licht blinzelt nur ein ganz klein wenig, wie das schließlich von solch einem Licht auch gar nicht anders zu erwarten gewesen ist. Ist Muschi da oben? fragt die Amme. Keine Antwort. Sage mir doch, liebes Licht, weißt du, wo meine Muschi ist? Keine Antwort. Keckheit das, nicht einmal einer Amme aus vornehmem Haus zu antworten. Also denn nicht? Keine Antwort. Die Amme tritt vom Turm weg. Der Sturm bläst das freche, lieblose Licht aus. Wolken ziehen über die Bühne. Es darf dies als ein Bild entlegenster Einsamkeit gelten. Die Amme weint und macht sich bereit, weiterzugehen. Sie zieht an einem Zipfel den Rock hoch und wischt sich die Augen damit.