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Tagebuch eines Schülers

Als Progymnasiast sollte man eigentlich anfangen, ein wenig ernsthaft über das Leben nachzudenken. Nun: Das gerade will ich versuchen. Einer unserer Lehrer heißt Wächli. Ich muß immer lachen, wenn ich an Wächli denke; er ist doch zu komisch. Er gibt immer Ohrfeigen, aber diese seltsamen Ohrfeigen tun gar nicht weh. Der Mann hat es noch nicht gelernt, richtige, gutsitzende Ohrfeigen zu geben. Er ist der gutmütigste, drolligste Mensch der Welt; und wie ärgern wir ihn! Das ist nicht edel. Wir Schüler sind überhaupt keine vornehmen Naturen; uns fehlt vielfach das schöne abmessende Taktgefühl. Warum stürzen wir uns mit unserem Witz eigentlich gerade über einen Wächli? Wir haben wenig Mut; wir verdienten einen Inquisitor zum Vorgesetzten. Ist Wächli einmal vergnügt und heiter, dann benehmen wir uns so, daß seine muntere, zufriedene Stimmung augenblicklich davonfliegen muß. Ist das richtig? Kaum. Ist er zornig, so lachen wir ihn nur aus. Ach, es gibt Menschen, die im Zorn so komisch sind; und gerade Wächli scheint zu dieser Sorte zu gehören. Des Meerrohres bedient er sich nur ganz selten; er ist sehr selten in solcher Wut, daß er nötig hat, zu diesem widerwärtigen Mittel zu greifen. Dick und groß ist er von Gestalt und sein Gesicht ist purpurrot angelaufen. Was soll ich noch sonst von diesem Wächli sagen? Im allgemeinen, scheint mir, hat er seinen Beruf verpaßt. Er sollte Bienenzüchter sein oder so etwas. Er tut mir leid.


Blok (so heißt unser Französischlehrer) ist ein langer, dürrer Mensch von unsympathischem Wesen. Er hat dicke Lippen und die Augen möchte man auch dick und aufgeblasen nennen; sie ähneln den Lippen. Er spricht boshaft und geläufig. Das hasse ich. Ich bin sonst ein ganz guter Schüler, aber bei Blok habe ich meistens nur Mißerfolge zu verzeichnen. Das kommt jedenfalls daher, daß dieser Mensch mir das Lernen verleidet. Man muß ein unempfindlicher Kerl sein, um bei Blok gut und brav dazustehen. Nie kommt er aus sich heraus. Wie verletzend ist das für uns Schüler, empfinden zu müssen, daß wir ganz außerstande sind, diese lederne Briefmappe von Mensch irgendwie ärgern zu können. Er gleicht einer Wachsfigur und das hat etwas Unheimliches und Schreckliches. Er muß einen häßlichen Charakter haben und ein abscheuliches Familienleben führen. Gott behüte einen vor solch einem Vater. Mein Vater ist ein Juwel: Das empfinde ich besonders lebhaft, wenn ich Blok betrachte. Wie steif er immer dasteht: so, als wenn er zur Hälfte aus Holz und zur Hälfte aus Eisen wäre. Wenn man bei ihm nichts kann, so höhnt er einen aus. Andere Lehrer werden doch wenigstens wütend. Das tut einem wohl, denn man erwartet es. Ehrliche Entrüstung macht einen so guten Eindruck. Nein, kalt steht er da, dieser Blok, und konstatiert Lob oder Tadel. Sein Lob ist schmierig, denn es erwärmt einen gar nicht; und mit seinem Tadel weiß man nichts anzufangen, denn er kommt aus ganz trockenem, gleichgültigem Mund. Bei Blok verwünscht man die Schule; er ist auch gar kein rechter Lehrer. Ein Lehrer, der die Gemüter nicht zu bewegen versteht ... Aber was rede ich da? Tatsache ist, daß Blok mein Französischlehrer ist. Das ist traurig, aber es ist eine Tatsache.


Neumann, genannt Neumeli: wer möchte sich nicht wälzen vor Lachen, wenn von diesem Lehrer die Rede ist? Neumann ist unser Turnlehrer und zugleich unser Schönschreiblehrer; er hat rotes Haar und finstere, vergrämte, spitze Gesichtszüge. Er ist vielleicht ein sehr, sehr unglücklicher Mensch. Er ärgert sich immer so wahnsinnig. Wir haben ihn vollständig in unserer Hand, wir sind ihm vollkommen überlegen. Solche Menschen, wie er, flößen keinen Respekt ein; zuweilen Furcht, nämlich dann, wenn sie vor Zorn den gesunden Verstand zu verlieren scheinen. Er kann sich gar nicht ein bißchen beherrschen, sondern jagt scheinbar alle seine Empfindungen bei jeder kleinsten Gelegenheit in ein Loch hinab, in den Ärger. Gewiß geben wir ihm Ärgeranlaß. Aber warum hat er so lächerlich rotes Haar? So vortreffliche Pantoffelheldmanieren? Einer meiner Schulkameraden heißt Junge; er will Koch werden, sagt er. Dieser Junge hat einen so herrlich ausgeprägten Hintern. Muß er nun Rumpfbeuge machen, so tritt der Hintere von Junge noch toller zum Vorschein. Da lacht man eben; und Neumann haßt das Lachen furchtbar. Es ist ja auch etwas Scheußliches, solch ein ganzes, ineinandertönendes und gellendes Klassengelächter. Wenn eine ganze Klasse nur so herauslacht: zu was für Mitteln muß dann ein Lehrer greifen, um sie zu besänftigen? Zur Würde? Das nützt ihm gar nichts. Ein Neumann hat überhaupt keine richtige Würde. Ich liebe die Turnstunde sehr und den lieben Junge möchte ich küssen. Man lacht so gern unmäßig. Zu Junge bin ich artig; ich mag ihn sehr gern. Ich gehe oft mit ihm spazieren; und dann reden wir vom bevorstehenden, ernsten Leben.


Rektor Wyß ist eine baumlange Erscheinung von soldatischer Haltung. Wir fürchten und achten ihn; diese beiden soliden Empfindungen sind ein bißchen langweilig. Ich kann mir die Rektoren von Progymnasien jetzt gar nicht mehr anders vorstellen als so, wie dieser Rektor Wyß aussieht. Übrigens: zu prügeln versteht er ausgezeichnet. Er nimmt einen aufs Knie und haut einen fürchterlich durch; nicht gerade barbarisch. Die Prügel von Wyß haben etwas Ordnungsgemäßes; man hat, während man diese Hiebe zu kosten bekommt, das angenehme Gefühl, es sei eine vernünftige, gerechte Strafe. Dadurch geschieht nichts Entsetzliches. Der Mann, der so meisterlich prügeln kann, muß gewissermaßen human sein. Ich glaube das auch.


Eine ganz sonderbare Figur und ein seltenes Lehrerexemplar, wie mir scheint, ist Herr Jakob, der Geographielehrer. Er gleicht einem Einsiedler oder einem sinnenden alten Dichter. Er ist über siebenzig Jahre alt und hat große, leuchtende Augen. Er ist ein schöner, prachtvoller Alter. Sein Bart reicht ihm bis auf die Brust herab. Was muß diese Brust nicht schon alles empfunden und gekämpft haben! Ich, als Schüler, muß mir unwillkürlich Mühe geben, so etwas in Gedanken mitzuerleben. Es ist grauenhaft, zu denken, wie vielen Jungen dieser Mann schon die edle Geographie eingeprägt hat. Und viele dieser Jungen sind jetzt schon erwachsene Menschen; sie stehen längst mitten im Leben und mancher von ihnen wird seine Geographiekenntnisse vielleicht haben brauchen können. An der Wand, dicht neben dem alten Jakob, den wir übrigens Kobi nennen, hängt die Landkarte, so daß man sich Jakob ohne dazugehörige Landkarte gar nicht mehr vorstellen kann. Da sieht man das zerrissene, vielfarbige und vielgestaltige Europa, das breite, große Rußland, das unheimliche, weit sich ausdehnende Asien, das zierliche, einem schöngeschwänzten Vogel ähnliche Japan, das in die Meere hinausgeworfene Australien; Indien und Ägypten und Afrika, das einen sogar auf der körperlosen Karte dunkel und unerforscht anmutet, dann Nord- und Südamerika und die beiden rätselhaften Pole. Ja, ich muß sagen, ich liebe die Geographiestunde leidenschaftlich; ich lerne da auch ganz mühelos. Es ist mir, als sei mein Verstand ein Schiffskapitänsverstand: so glatt geht es. Und wie weiß der alte Jakob durch Einflechten von abenteuerlichen Geschichten aus Schulung und Erfahrung diese Stunde interessant zu machen! Dann rollen seine alten, großen Augen vielsagend hin und her und es ist einem, als kenne dieser Mann alle Länder und alle Meere der Erde aus eigener Anschauung. In keiner anderen Stunde strotzen wir Schüler so von mitempfindender Phantasie. Hier erleben wir jedesmal etwas, hier horchen wir und sind still; freilich: ein alter, erfahrener Mensch redet zu uns und das zwingt eben zur Aufmerksamkeit ganz von selber. Gottlob, daß wir hier im Progymnasium keine ganz jungen Lehrer haben. Das wäre nicht zum aushalten. Was kann ein junger Mann, der selber kaum erst das Leben geschaut hat, mitzuteilen und anzuregen haben? Ein solcher Mensch kann einem nur kalte, oberflächliche Kenntnisse beibringen oder er muß dann eine seltene Ausnahme sein und durch sein bloßes Wesen zu bezaubern wissen. Lehrer sein: Das ist jedenfalls schwer. Gott, wir Schüler machen ja solche Ansprüche. Und wie abscheulich wir eigentlich sind! Sogar über den alten Jakob machen wir uns zuzeiten lustig. Dann wird er fürchterlich zornig; und ich kenne nichts Erhabeneres als den Zorn dieses alten Schulmeisters. Er zittert an allen seinen gebrechlichen Gliedern furchtbar und unwillkürlich schämen wir uns nachher, ihn gereizt zu haben.


Unser Zeichenlehrer heißt Lanz. Lanz sollte eigentlich unser Tanzlehrer sein; er kann so prächtig hin und her hüpfen. Apropos: warum erhalten wir keinen Tanzunterricht? Ich finde, man tut gar nichts, uns zur Anmut und zu einem schönen Benehmen zu bewegen. Wir sind und bleiben sehr wahrscheinlich die reinen Flegel. Um auf Lehrer Lanz zurückzukommen: er ist unter den Lehrern der jüngste und zuversichtlichste. Er bildet sich ein, wir hätten Respekt vor ihm. Mag er selig werden mit diesem Gedanken. Übrigens kennt er gar keinen Humor. Er ist kein Schullehrer, sondern ein Dresseur; er gehört in den Zirkus. Das Hauen macht ihm, wie es scheint, seelisches Vergnügen. Das ist brutal: wir haben daher Ursache, ihn zu necken und zu verachten. Sein Vorgänger, der alte Herr Häuselmann, genannt Hüseler, war ein Schwein; er mußte das Unterrichtgeben eines Tages aufgeben. Dieser Hüseler erlaubte sich ganz sonderbare Dinge. Ich selbst fühle noch immer auf meiner Wange seine alte, knöcherne, widerwärtige Hand, mit welcher er in der Stunde uns Jungen gestreichelt und geliebkost hat. Als er sich dann herausnahm, was keine Feder beschreiben kann, wurde er seines Amtes enthoben. Nun haben wir Lanz. Jener war abscheulich, dieser aber ist eitel und grob. Kein Lehrer! Lehrer dürfen nicht so von sich selbst eingenommen sein.


Unser lustigster und kühnster Schulkamerad heißt Fritz Kocher. Dieser Kocher steht meist in der Arithmetikstunde von der Bank auf, hebt den Zeigefinger dumm in die Höhe und bittet Herrn Bur, den Rechenlehrer, ihn doch hinausgehen lassen zu wollen; er habe den Durchlauf. Bur sagt dann, er wisse schon, was Fritz Kochers Durchlauf zu bedeuten habe, und ermahnt ihn, ruhig zu sein. Wir anderen lachen dann natürlich gräßlich; und (o Wunder!) hier steht ein Lehrer, der einfach mitlacht. Und sonderbar: das flößt uns fast augenblicklich Achtung und Vorliebe für diesen seltenen Mann ein. Wir verstummen mit Lachen, denn Bur versteht es meisterlich, unsere Aufmerksamkeit sofort wieder für die ernsten Dinge zurückzugewinnen. Sein Lehrerernst hat etwas Bezauberndes und ich glaube, das kommt daher, daß Bur ein Mann von außerordentlicher Aufrichtigkeit und Charakterstärke ist. Wir lauschen auf seine Worte gespannt, denn er kommt uns fast rätselhaft klug vor; und dann ist er nie ärgerlich, er ist, im Gegenteil, immer lebhaft, fröhlich und munter, da dürfen wir das glückliche Gefühl haben, seine Schulpflicht sei diesem Mann angenehm. Das schmeichelt uns eben ganz gewaltig und wir glauben, ihm dankbar dafür sein zu müssen, daß er in uns keine Lebensverbitterer und Quälgeister erblickt, und führen uns brav auf. Wie komisch kann er sein, wenn es ihm darum zu tun ist! In solchen Fällen empfinden wir aber auch, daß er sich nur uns zu Liebe ein wenig verwandelt, um uns einen billigen, unschädlichen Spaß zu gönnen. Wir sehen, daß er fast ein Künstler ist; wir merken, daß er uns achtet. Er ist ein prächtiger Kerl. Und wie man bei ihm faßt und lernt! Er weiß den unkörperlichsten, unsinnlichsten Dingen Form, Sinn und Inhalt zu geben, daß es eine wahre Freude ist. Den Fritz Kocher, den ein anderer Lehrer verdammen und verfolgen würde, hat er gern wegen der unglaublichen Gerissenheit seiner Einfälle. Das scheint mir bedeutend, daß ein so tüchtiger, erfahrener Mann mit der spitzbübischen Lümmelhaftigkeit sympathisieren kann. Es muß eine noble, große Seele in Bur stecken. Er besitzt Güte und Heiterkeit. Daneben ist er sehr energisch. Er macht uns fast alle in verhältnismäßig kurzer Zeit zu schneidigen Rechnern. Dabei behandelt er die Dümmeren unter uns schonend. Diesen Bur zu ärgern, würde uns nie einfallen; sein Auftreten läßt gar nicht an so etwas auch nur denken.


Herr von Bergen war früher unser Turnlehrer; jetzt ist er Versicherungsagent. Möge er gute Geschäfte machen! Er hat wohl selbst gefühlt, daß er zum Erzieher nicht taugt. Eine hochelegante Erscheinung. Was aber nützen einem Schuljungen gutsitzende Hosen und kleidsame Röcke? Er war übrigens nicht schlecht; er gab nur zu gern »Tatzen«. Der Sohn eines Schlächtermeisters mußte dem Herrn von Bergen immer die arme kleine Tatze darhalten, um einen scharfgezogenen, beißenden Meerrohrhieb darauf zu empfangen. Ich erinnere mich noch, und nur zu deutlich, wie mich das empörte. Ich hätte damals dem fein gekleideten, parfümierten Quäler den Kopf abschlagen mögen.


Ich will meine Galerie sehenswerter Lehrerbilder mit Doktor Merz abschließen. Merz ist unter sämtlichen Lehrern scheinbar der gebildetste, er schreibt sogar Bücher; aber dieser Umstand hindert seine Schüler nicht, ihn von Zeit zu Zeit lächerlich zu finden. Er ist Geschichts- und zugleich Deutschlehrer; er hat einen übertrieben hohen Begriff von allem, was klassisch ist. Klassisch ist aber bisweilen auch sein Betragen. Er trägt Stiefel, als wenn er in die Schlacht reiten wollte; und in der Tat: es setzt oft in der Deutschstunde wahre Schlachten ab. Er ist klein und unscheinbar von Figur; nimmt man dazu die Kanonenstiefel, so muß man lachen. »Junge, setz dich. Du hast eine Fünf!« Junge setzt sich; und Herr Merz notiert eine grimmige, das Zeugnis entstellende Fünf. Einmal hat er sogar der ganzen Klasse eine große, allgemeine Fünf gegeben und dazu geschrien: »Ihr widersetzt euch, Schurken? Ihr wagt, euch gegen mich aufzulehnen? Moser, bist du der Rädelsführer? Ja oder nein?« Moser, ein tapferer, von uns beinahe vergötterter Junge, erhebt sich vom Platz und sagt in grollendem, unsäglich komischem Ton, er lasse sich nicht Rädelsführer sagen. Wir sterben vor Lachen, wir wachen wieder von diesem schönen Tod auf und sterben ein zweites Mal. Merz aber scheint seinen klassischen Verstand verloren zu haben; er gebärdet sich wie unsinnig, er rennt verzweiflungsvoll mit seinem Gelehrtenkopf gegen die Wand, er fuchtelt mit den Händen, er schreit: »Ihr vergiftet mir das Leben, ihr verderbt mir das Mittagessen, ihr macht mich verrückt, ihr Halunken, die ihr seid! Gesteht es: Ihr trachtet mir nach dem Leben!« Und er wirft sich der Länge nach auf den Boden. Wie schrecklich! Man sollte es nicht für möglich halten. Und wir, die wir ihm das Mittagessen verderben und versalzen, wir erhalten von ihm die edelsten Anregungen. Wenn er von den alten Griechen erzählt, leuchten seine Augen hinter den Brillengläsern. Sicher begehen wir ein großes Unrecht, den Mann zu so wilden Auftritten zu veranlassen. In ihm vereinigt sich Schönes und Lächerliches, Hohes und Dummes, Vortreffliches und Klägliches. Was können wir dafür, daß die Zahl Fünf uns keinen sonderlichen Schrecken einzujagen vermag? Sind wir verpflichtet, vor heiliger Scheu zu sterben, wenn einer von uns das »Glück von Edenhall« von Ludwig Uhland rezitieren muß? »Setz dich, du hast eine Fünf!« So geht es zu in der Deutschstunde. Wie wird es im späteren Leben zugehen? Das frage ich mich.