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6. Der schöne Platz

Die Geschichte, obschon ich an ihrer Wahrscheinlichkeit zweifle, hat mir, als man sie mir erzählte, viel Freude bereitet; und ich gebe sie, so gut ich kann, hier zum besten, unter der einzigen Vorbedingung jedoch, daß man mich bis zum Ende nicht durch Gähnen unterbreche: Es waren einmal zwei Lyriker, von denen der eine sich Emanuel nannte, welcher ein sehr nervöser, sensibler, junger Mann war. Der andere, mehr gröberer Natur, hieß Hans. Emanuel hatte sich einen Winkel im Walde ausgefunden, der vor aller Welt verborgen war, und wo er sehr gerne zu dichten pflegte. Zu diesem Zwecke schrieb er artige und unbedeutende Verslein in ein Notizbuch, welches er von seinem Großvater geerbt hatte, und schien mit diesem seinem Berufe sehr zufrieden zu sein. Und wahrlich, warum hätte er es nicht sein sollen? Die Stelle im Wald war so still und angenehm, der Himmel über derselben so heiter und blau, die Wolken so unterhaltend, die Bäume des gegenüberliegenden Randes so abwechselnd und von so gesuchter Farbe, die Wiese so weich, der Bach, der diese einsame Waldwiese bewässerte, so erfrischend, daß Herr Emanuel ein Narr hätte sein müssen, wenn er etwas anderes als sich glücklich gefühlt hätte. Der Himmel lachte zu seinem unschuldigen Gedichtemachen ebenso blau und schön herab wie auf die Waldbäume; und der Frieden dieses Idylls schien so unzerstörbar, daß die Störung, die nun sogleich herantreten wird, wie das Unglück in der Woche, sehr unglaublich erscheinen muß. Die Sache ist aber folgende: Ich habe euch Hans schon genannt. Hans, dieser zweite Lyriker, trieb sich einmal, selber getrieben vom Zufall, in dem Walde und in der Nähe des einsamen Platzes umher und entdeckte bei dieser Gelegenheit den Winkel und dessen Bewohner, den Bruder Emanuel. Sofort erkannte Hans in Emanuel, obschon sie sich nie zuvor gesehen, den Dichter, so wie ein Vogel den andern sofort erkennt. Er schlich sich hinter ihn und, um die Geschichte kurz zu machen, versetzte ihm einen tüchtigen Schlag auf die Wange, daß jener laut aufschrie und ohne sich weiter umzusehen nach dem, welcher ihn also traktiert hatte, die Beine springen ließ und zwar so schnell, daß er im Augenblick nicht mehr zu sehen war. Hans triumphierte! Er durfte hoffen, seinen Nebenbuhler auf ewig von der schönen einträglichen Stelle verjagt zu haben und er sann gleich darüber nach, wie er wohl am wirksamsten die Lieblichkeit dieser einsamen Waldgegend darzustellen habe. Auch er hatte ein Notizbuch bei sich, welches voller Verse, schlechter und guter, war, die er nächstens zu veröffentlichen hoffte. Dieses Buch zog er nun hervor und fing an, darin allerlei Gedankenlosigkeiten hineinzukritzeln, wie Lyriker zu tun pflegen, um sich in die geeignete Stimmung zu bringen. Er schien aber viele Mühe zu haben, die ruhige milde Schönheit seiner errungenen Landschaft in zarte Silben zu zwängen, so daß etwa noch ein Schimmer von Lebendigkeit hervorgucken mochte; und wie er dabei war, sich auf solche Weise abzuplagen, erstand ihm von vorne oder von hinten eine neue Plage, die derart war, daß sie auch ihm dieses Paradies, welches er wie ein Hund dem andern abgekläfft hatte, verleiden mußte. Es zeigte sich eine dritte Person auf dem Schauplatz in Gestalt einer Dichterin. Hans, der, erschreckt durch das Geräusch, aufblickte, erkannte sie sogleich als eine solche, verlor keine Zeit mit Galanterien, sondern verschwand wie sein Vorgänger im Augenblick. — Hier stockt die gute Erzählung und ich billige und begreife ihre Ohnmacht vollkommen, da ich ebensowenig wie sie imstande wäre, hier fortzufahren, wo alles Weitergehen in den Abgrund der Nutzlosigkeit führen müßte. Denn wäre es etwa nichts Nutzloses, noch das Gebaren der Dichterin herzuleiern, wo schon zwei Dichter abgesungen sind? Ich begnüge mich, zu berichten, daß die erstere an der Schönheit des Waldplatzes nichts Schönes und an der Seltenheit desselben nichts Seltenes fand und ebenso geräuschvoll verschwand als sie aufrückte. Mag der Teufel Poet sein.