Zur Einführung. Bemerkungen über sibirische Möglichkeiten

Die Geschichte ist im Grunde eine einzige Aufeinanderfolge neuer Völkermöglichkeiten. Die Erde ist den Menschen gegeben, aber die Menschen, die Völkerbildungen, sind der Erde aufgegeben. Rassen schieben sich auf ihr durcheinander und erzeugen neue Rassen, Nationen prallen aneinander, tauchen hoch und verschwinden. Und erst dadurch, daß diese Rassen und Nationen sich äußern in Kulturen, ändert sich der Anblick der Erde. Mit dem Entstehen von Kulturen brechen Landschaften auf zu ihrer höchsten Blüte, und mit ihrem Untergange zerfallen sie in Sand und Öde. So kann man die Geschichte der Erde an ihren Völkern erkennen. Und wenn man von einem Lande, das noch nicht in die Geschichte eingetreten, doch gleichwohl vorhanden ist, voraussagen soll, ob es eine Zukunft haben wird, und welche Zukunft, so kann man die Antwort bereits herauslesen aus der Art seiner Bevölkerung. Klima, Fauna, Flora, oder was ein Volk sonst an Eigentümlichkeiten in einem Lande vorfindet, sind ihm immer nur Mittel zu seiner Kultur. Das Volk selbst dagegen ist die seelische Macht, die diesen Zweck nicht nur erreicht, sondern auch ursprünglich schafft. Und seine Zukunft kann stets nur die Vergrößerung seiner angeborenen Volksart sein, und ihre Übertragung und Anwendung auf die allgemein geschichtlichen Vorgänge und Zufälle, die es im Wandel der Entwicklung kreuzen wird. Natürlich kann es sich dabei nicht um die genaue Vorausbestimmung einzelner Daten handeln, sondern nur um die einer bestimmten Haltung, die das Volk in allen Wechselfällen einnehmen wird. Seine Art zu fühlen, zu denken, zu handeln kündigt sich früh schon an und ist dann bis zu einem gewissen Grade nicht nur unverlierbar, sondern auch bestimmend für alle Zukunft. Und ebenso scheint die Art seiner großen Männer, seiner Helden und Genies, bereits vorgebildet zu sein, nicht dem Namen und dem Geburtstag, wohl aber der Seele nach. In dem Sinne dieser Zusammenhänge sind dann die ersten aufgezeichneten Äußerungen, die wir aus einem jungen Volke heraus haben, oder mehr noch, von einem bereits höher stehenden Standpunkte aus über das Volk, so ungemein bezeichnend. Man kann ohne weiteres sagen, daß Tacitus in der „Germania“ bereits den Charakter nicht nur der Germanen überhaupt, sondern gerade auch der Deutschgermanen, im Gegensatze zu den Europagermanen der Völkerwanderung, ein- für allemal festgelegt hat. Doch ist das immerhin eine Feststellung, die wir heute, auf dem Wege des Rückschlusses, von einer Gegenwart und Wirklichkeit gewordenen Zukunft aus auf die Vergangenheit vornehmen. Einen Einblick in einen werdenden Rassecharakter dagegen können wir haben, wenn wir sehen, wie die Art der jüngsten Rasse, der Yankees, schon in den ersten Aufzeichnungen über sie, etwa im „Leben“ Franklins, mit einer unbedingten Formung, und man könnte hier wirklich sagen Vorformung, sich typisch aufbaut. Und gar in die Zukunft können wir schauen, in das Wachstum eines Volkes hinein, von dem heute kaum mehr schon vorhanden ist, als die anthropologischen Bestandteile, wenn wir Dostojewskis „Aufzeichnungen“ aus seiner sibirischen Zeit unter dem Gesichtswinkel lesen, daß auch Sibirien einmal eine Kultur haben wird, und daß das Volk, das sie zu schaffen berufen ist, nicht nur die Russen sein werden, und erst recht nicht die verschiedenen Turan-, Altan- und Mongoloidvölker, Sibiriens Urbevölkerung, sondern auch hier wieder die sich entwicklungsgeschichtlich ergebende Rassenmischung, das dereinstige Volk der Sibirier.


Die Russen werden innerhalb dieser Rassenmischung nur die Bringer der Kultur Sibiriens sein, so, wie sie die politischen Eroberer des Landes waren. Freilich ist das ungeheuer viel, da die Russen der Kultur Sibiriens damit von vornherein den allgemeinen Rassencharakter, einen slavischen und allgemein arischen, zu geben vermögen – ganz wie einst die einbrechenden Aryas dem Industale den indischen, die Griechen Griechenland den hellenischen, die Römer Italien den lateinischen, die Germanen Mitteleuropa den germanischen Rassecharakter gegeben haben. Und geradeso, wie die geschichtlichen Arier in allen Ländern andere waren, als die frühgeschichtlichen, wie die Deutschen heute nicht mehr Germanen sind, sondern eben Deutsche, wird dann auch das Volk der Sibirier ein anderes sein, als das Volk der Russen, von dem es urväterlicherseits abstammt. Es wird ihm zunächst noch ähneln, wie heute etwa der Yankee noch dem Engländer in Äußerlichkeiten – zu denen vorläufig auch die Sprache gehört – ähnelt oder sogar gleich ist. Aber immer weiter werden sich dann die beiden Völkerbildungen voneinander entfernen. Die Gewalt der Jahrhunderte und die Not der Zeiten wird ganz verschiedene Kraftherde mit ganz verschiedener Kraftrichtung aus ihnen machen. Die politische Loslösung und Verselbständigung wird früher oder später hinzutreten. Und schließlich wird Russen und Sibirier nur noch dasjenige verbinden, was überhaupt unzerstörbar im Völkerleben ist: das Rassenhafte, das gemeinsam Slavische, und namentlich auch, im Gegensätze zu der umgebenden chinesischen und japanischen Welt, das gemeinsam Arische. Die Gründe aber einer so andersartigen Entwicklung werden teils die allgemein geschichtlichen, teils seelische gewesen sein. Die geschichtlichen Gründe kennen wir. Sie liegen in der andersartigen Vergangenheit Sibiriens. Kosakenscharen haben das Land einst erobert. Iwan dem Grausamen wurde es geschenkt. Und früh schon war fast wichtiger als seine Erschließung durch Handel und Hände Arbeit seine Verwendung als Verbannungsort. Nach Sibirien entledigte man sich der Hunderttausende von Opfern, die Rußlands dunkle und verzweiflungsvoll suchende Geschichte forderte. Russen, Polen, Finnen, Esthen, Letten, Deutsche, Schweden, ferner Angehörige der Donau-, Wolga- und Kaukasusvölker sammelten sich in den sibirischen Kolonistenstädten. Und es ist wohl ohne weiteres klar – hier gehen die geschichtlichen Gründe in die seelischen über –, daß die Bestandteile, die auf diese Weise abgestoßen wurden, auch den Persönlichkeiten nach andere sein mußten, als die, welche abstießen. Hinzukamen Bauern, welche in der Heimat darbten und nun sich aufrafften und freiwillig gingen, ferner Abenteurer, Kaufleute, Händler. Alles in allem kamen nach Sibirien die roheren, aber auch tätigeren und entschlosseneren Elemente, während die gefügigeren und feineren, aber auch untätigeren und minder entschlußkräftigen in Rußland zurückblieben. Und gesiebt und gewägt wurden die ersteren dann noch nach den Gesetzen der Auslese und der größeren Erhaltung der stärkeren Rasse. Die Schwächeren gingen unter oder paßten sich an. Die Stärkeren erhielten sich und schlugen artbestimmend in der Bevölkerung durch. „Es ist ja doch das allerbegabteste, allerstärkste Volk in unserem ganzen russischen Volke!“ rief Dostojewski aus, als er seine „Aufzeichnungen“ schloß – begeistert, und zugleich fast verzweifelnd bei dem Gedanken, daß eine so gewaltige Kraft vertan werden mußte in Gefängnissen und Strafanstalten. Er bedachte in dem Augenblick nicht, daß die Kraft, wenn sie auch oft für Jahre und Jahrzehnte gebunden bleibt in Unfreiheit und angewiesen ist auf eine scheinbar unnütze Beschäftigung, gleichwohl ihre Fortsetzung findet in der Freiheit und in dem ungeheuren Spielraum, den gerade Sibirien dem Menschen läßt. Für Dostojewski war ein Haus des Todes und des Abschlusses, was in Wirklichkeit eines des Lebens und der Zukunft ist. Solange die Verschickten in Fesseln sind, geht ihre Arbeit freilich Sibirien so gut wie verloren. Aber das Geschlecht der Verschickten, der Befreiten und ihrer Kinder und Kindeskinder, das bildet und zeugt dann die sibirische Bevölkerung, und gibt ihr eine Muskulatur und vor allem eine Sinnesart, die nur der asiatische, nicht der europäische Russe besitzt. Aus dieser Bevölkerung heraus, aus der Durcheinanderwürfelung ihrer Nationalitätenbestandteile, die dann die besten Rassebestandteile naturgemäß an die Oberschicht und hier wiederum an die vordersten Stellen wirft, ist heute schon gar manches an Menschenkraft und Menschenwillen, gar manches, was in Rußland noch immer still und gebunden liegt, in Sibirien schöpferisch und frei geworden. Die Bebauung und Durchsittung des Landes gehört selbstverständlich vor allem hierhin. Aber auch die Durchquerung des ungeheuren Gebietes durch die transsibirische Eisenbahn, die zwar von Rußland unternommen, aber von sibirischer Volkskraft und -arbeit getragen wurde, war eine wesentlich sibirische Tat, die in die Geschichte Sibiriens gehört und denn auch gerechterweise vor allem ihm zugute kommen wird. Nicht minder war der russisch-japanische Krieg ein Ereignis, das, wenn überhaupt einen Slaven, dann doch nur den Sibirier, und gerade den sibirischen Soldaten, volklich und heimatlich ergriff, und das jedenfalls nicht Rußlands, sondern immer nur Sibiriens Zukunft und Schicksal anging. Rußland wird schließlich doch immer europäische Macht bleiben und seine politischen Reibflächen und theokratischen Ziele im Balkan und in der Beherrschung Konstantinopels und höchstens noch seine mystischen Berührungen in Indien haben. Sibirien dagegen ist – man kann nicht sagen eine europäische, und man kann nicht sagen eine asiatische Macht, – sondern, jenseits des Ural und diesseits des Himalaja gelegen, von Natur durchaus bestimmt, eine Macht für sich zu sein. Rußland, das ist der tiefe Konservativismus des Slaventums. Sibirien dagegen, das ist der Umschlag dieses Konservativismus in sein Gegenteil, und die Aufsammlung und Auflösung all der revolutionären Elemente, die Rußland abstößt. Das Tiefste, was Rußland geben wird, das wird es, aus dem latenten Quietismus des Russen heraus, immer im Psychologischen und Religiösen geben. Das Beste dagegen, was Sibirien zu geben haben wird, das wird, aus der Pionierhaftigkeit seiner Bevölkerung heraus, immer Leben sein, Werk, Arbeit und eine vielleicht sogar sehr bedeutende Kultur.


Dostojewski hatte noch nicht den sibirischen Standpunkt. Sein eigener nationaler Standpunkt war der panslavistische, und die Möglichkeit, daß der Ural einmal zwei slavische und gleichwohl völlig verschiedene Kulturwelten scheiden würde, lag außerhalb seines geschichtsphilosophischen Denkens. Er hat seine „Aufzeichnungen“ vom russischen Standpunkt aus geschrieben, und mit den russischen ohne weiteres den slavischen gleichgesetzt. Russen sind für sein Bewußtsein die Menschen, die er schildert, nicht künftige Sibirier. Und geschildert hat er sie in seiner Güte als begabt mit jener tiefen und völlig amoralischen Menschlichkeit, die wohl noch lange Sibiriern und Russen gemeinsam verbleiben und sie am längsten von anderen Nationalitäten und Rassen unterscheiden wird. Aber trotzdem geht bereits ein Unterschied durch die „Aufzeichnungen“ hindurch: schon stößt man in allem Sibirischen überall auf frische seelische Neuwerte und ahnt den Augenblick, in dem sie einmal sich selbst überlassen werden können. Von den besonderen sibirischen Aufgaben freilich erfährt man in den „Aufzeichnungen“ noch nichts, sondern nur von der besonderen Volksart. Kein sibirisches Programmbuch hat Dostojewski mit ihnen gegeben, sondern nur ein erstes anthropologisches und psychologisches Dokument für Sibirien. Trotzdem war es von innerer Schicksalsmäßigkeit, daß Dostojewski überhaupt nach Sibirien kam. Dadurch lernte der größte Russe das Land einer großen slavischen Zukunft kennen und drückte es aus – und zusammen mit dem Lande die Zukunft.

Moeller van den Bruck.