So war der Kampf gekämpft, der Kampf zwischen Träumen und Wachen. Das Tageslicht der hellen Wirklichkeit hatte die Träume verscheucht. Die lieblichen Traumbilder Eichendorffs so gut wie die dem Alpdruck ähnlichen des Teufels-Hoffmann. Man hatte ins ländlich-dörfliche Stillleben hinein gegriffen so gut wie in das wechselvoll bewegte Leben der politischen Kreise; man kritisierte, was nur immer der Kritik Angriffsflächen bot: die Vornehmen des ostelbischen Adels, die Wucherkünste unredlicher Geschäftsleute, den Taumel, in welchen das rote Gold weite Schichten des deutschen Volkes versetzt hatte, aber man griff auch hinein in die streitenden Gedankenwelten, in denen alte und neue Zeit einander gegenüberzustehen schienen, und kritisierte Gedanken, die man nicht für richtig hielt, samt ihren Vertretern. Man ließ die Vergangenheit aufs neue erstehen und mühte sich, mit größerem oder geringerem Glück, mit gröberem oder feinerem Stift, die alten Zeiten des brandenburgischen Ländchens, der Stadt Berlin, des preußischen Volks, — aber auch die uralten Zeiten ägyptischer Kultur, griechischer Kunst und römischer Machtherrlichkeit so naturgetreu nachzubilden, als man es vermochte. Goethes Geist war in diesen Dichtern allen lebendig geworden.
Aber nicht bloß Goethes Geist bewies die Kraft, Spätere in seinen Bann zu zwingen. Auch jener andere Geist war nicht erstorben, der einst Jean Paul die fleißige Feder geführt hatte. Goethes Geist — so sahen wir — ist der Geist der dichterisch begriffenen und kunstvoll gezeichneten Wirklichkeit. Der Geist Jean Pauls aber läßt sich kurz als der Geist der poetischen Stimmung bezeichnen. Es fehlt nicht der Gedanke, es fehlt nicht die Wirklichkeit, es fehlt nicht die Kritik. Aber das sind alles keine regierenden Mächte. Das Regiment liegt in der Hand jenes wunderbaren Etwas, das sich jeder Definition entzieht, jenes verklärenden Hauchs, der über den Dingen liegt, manchmal sie leise verschleiernd, immer allzu harte Kanten, allzu scharfe Konturen abmildernd, — der Stimmung.
Selbstverständlich denke ich nicht daran, den Romanen, welche in der nachromantischen Zeit bisher uns beschäftigt haben, die Stimmung abzusprechen. Das sei ferne! Nur für manche derselben würde dies Urteil allenfalls zutreffen, so etwa für Gutzkow, vielleicht auch ein wenig für Freytag. Aber Immermanns Oberhof hat unfraglich seine ganz besondere Stimmung, die patriarchalisch-würdige und doch naturwüchsige Stimmung des alten Bauernhofs. Und wieviel Stimmung liegt in Spielhagens Landschaftsschilderungen, in seiner Erzählung von der hereinbrechenden Sturmflut! Nur eben — bei ihnen allen ist nicht die Stimmung das Ausschlaggebende, das Hauptsächliche, sondern das nüchterne wirkliche Leben.
Nun aber hat auch dieser Geist Jean Pauls, der Geist der herrschenden Stimmung, nicht lange schlafen können. Er hat eine fröhliche Auferstehung gefeiert. Ein Roman, eine Novelle ward dem deutschen Volke geschenkt, die man getrost als Stimmungsroman und -Novelle bezeichnen darf. Wir danken die Werke dieser Art nicht einem Meister allein; und, wie nur natürlich, die Novelle zeigt sich hier zahlreicher auf dem Plan als der Roman selbst. Aber auch er fehlt nicht; Wilhelm Raabe schuf ihn, und ihm stehen zur Seite der Novellist Theodor Storm und Peter Rosegger.
Ein merkwürdiges Buch, diese »Chronik der Sperlingsgasse«, die Raabe als erstes Werk seiner Muse 1857 in die Welt hinaussendete. Merkwürdig aber nicht wegen absonderlicher Ereignisse, die darin eine Rolle spielten. Von nervenaufregenden Schauergeschichten ist Raabe kein Freund. Auch was der Chronist der Sperlingsgasse erzählt, ist darum einfach und schlicht, beinahe alltäglich. Zwei Freunde, ein Student der Philosophie und ein Maler, und ein Kind, ein Mädchen ...... Der Student berichtet ganz knapp, was geschehen, wie er als Greis auf das Vergangene niederblickt:
»Ich sehe zwei Männer im Strom des Lebens kämpfen, ein Lächeln von ihr zu gewinnen; und ich sehe endlich den Einen mit keuchender Brust sich ans Ufer ringen und den schönen Preis erfassen, während der Andere weiter getrieben, willenlos und wissenlos auf einer kahlen, skeptischen Sandbank sich wiederfindet. — Ich sehe mich, einen blöden Grübler, der sich nur durch erborgte und erheuchelte Stacheln zu schützen weiß, bis er endlich, nach langem Umherschweifen in der Welt, hervorgeht aus dem Kampf, ein ernster, sehender Mann, der Freund seines Freundes und dessen jungen Weibes.«
Der glückliche Freund und sein junges Weib — sie beide rafft der Tod dahin. Dem einsamen Philosophen bleibt beider Kind, ein Mädchen; dessen Kindheit und erste Jugend, dessen Heranblühen und Heranreifen bis hin zur glücklichen Ehe bildet den weiteren Inhalt. Und jene ersten, ernst-bitteren Erfahrungen, jenes Ringen und Kämpfen in der Seele des Freundes, der die Heißgeliebte dem Freunde lassen muß, — das alles ist nicht beschrieben mit den glühenden Farben, die andere Dichter in Sturm und Drang, in psychologischer Analyse oder dramatischem Effekt dem gleichen Bild zu geben wissen würden und ähnlich hundertmal gegeben haben. Es ist ja alles, alles längst vorüber, als Hans Wachholder, alt und grau geworden, alle diese Erinnerungen auf die Blätter der Chronik niederschreibt. Er hat es alles verwunden; und wenngleich das, was er erlebt hat, ihm für Lebenszeit die Art seines Wesens mitbestimmt hat, in ihm wogt doch nichts mehr vom Sturm der Leidenschaft und vom Drang des Leids. Er fühlt es noch, aber er fühlt auch die Freude an dem frischen, jungen Leben, das unter seiner Hut aufgewachsen ist. Und selbst am Jahrestag des großen Schmerzes, da dem Freund die geliebte Gattin gestorben, kann nun zu dem Greis der Humor auf die Schwelle treten, seine Schellen schütteln, seine Pritsche schwingen und sagen:
»Lache, lache, Johannes, du bist alt und hast keine Zeit mehr zu verlieren.«
Was ist es also, was den Reiz der »Chronik« ausmacht, wenn es nicht die bewegende Schilderung einer bewegten Handlung ist? Ists doch ebensowenig die Weite des Gesichtskreises, der Zeiten und Welten, Völker und Länder umspannte! Nein, nicht in die Breite und Weite geht Raabes Dichten in diesem Buch; Zeitschilderungen sind hier nicht zu finden. Ebensowenig ist er irgendwie der Mann des historisch-getreuen Milieus. Kaum daß die Sperlingsgasse selber zu ihrem Recht kommt. Wenn er uns von ihr doch ein Bild gibt, so geschiehts nicht, um uns auf festen Boden zu stellen, sondern weil sie ihm lieb ist und weil sie seinem Schaffen von Wert ist. Sie liegt in einem älteren Stadtteil mit engen, krummen Gassen, in welche der Sonnenschein nur verstohlen hineinzublicken wagt. »Sie ist bevölkert und lebendig genug, einen mit nervösem Kopfweh Behafteten wahnsinnig zu machen und ihn im Irrenhause enden zu lassen; nun aber ist sie seit vielen Jahren eine unschätzbare Bühne des Weltlebens, wo Krieg und Friede, Elend und Glück, Hunger und Überfluß, alle Antinomieen des Daseins sich widerspiegeln.«
Zu diesem Satz nur noch ein paar andere, gleichfalls aus den der Sperlingsgasse gewidmeten wenigen Seiten! Sie zeigen den ganzen Raabe:
»Die Dämmerung, die Nacht produzieren hier wundersamere Beleuchtungen durch Lampenlicht und Mondschein, seltsamere Töne als anderswo. Das Klirren und Ächzen der verrosteten Wetterfahnen, das Klappern des Windes mit den Dachziegeln, das Weinen der Kinder, das Miauen der Katzen, das Gekeif der Weiber, wo klingt es passender, man möchte sagen dem Ort angemessener, als hier in diesen engen Gassen, zwischen diesen hohen Häusern, wo jeder Winkel, jede Ecke, jeder Vorsprung den Ton auffängt, bricht und verändert znrückwirft! — Horch, wie in dem Augenblick, wo ich dieses niederschreibe, drunten in jenem gewölbten Torwege die Drehorgel beginnt; wie sie ihre klagenden, an diesem Ort wahrhaftig melodischen Tonwogen über das dumpfe Murren und Rollen der Arbeit hinwälzt! — Die Stimme Gottes spricht zwar vernehmlich genug im Rauschen des Windes, im Brausen der Wellen und im Donner; aber nicht vernehmlicher als in diesen unbestimmten Tönen, welche das Getriebe der Menschenwelt hervorbringt!«
Das ist Raabes Art! Die Stimme Gottes im Getriebe der Menschenwelt! Er schreibt in bewegter Zeit. Kein Glück steht so fest, daß es nicht von einem Windhauch oder dem Hauch eines Kindes umgestürzt werden könnte. »In solcher Zeit ständen die Menschen am liebsten mit leeren, müßigen Händen, horchend und wartend; aber das ist nicht das Rechte. Es soll niemand sein Handwerksgerät, die Waffen, mit denen er das Leben bezwingt, in dumpfer Betäubung fallen lassen.« Die Waffen, mit denen man das Leben bezwingt, — von ihnen reden die Blätter der Chronik. Welche sind's? Die Stimme Gottes hören im Getriebe der Menschenwelt! Das Haupt senken vor der geheimnisvollen Macht, welche die Geschicke lenkt und ein Auge hat für das Kind in der Wiege und die Nation im Todeskampf ..... »Wie so viele Herzen fast brechen wollten, um ein neues Glück aufsprießen zu lassen! Das ist die große, ewige Melodie, welche der Weltgeist greift auf der Harfe des Lebens, und welche die Mutter im Lächeln ihres Kindes, der Denker in den Blättern der Natur und Geschichte wahrnimmt.«
Nicht in die Breite und Weite geht Raabes Art. Aber in die Tiefe. Allerdings auch nicht in die Tiefe psychologischer Feinarbeit und nicht in die Tiefe besonders interessanter Probleme. Aber in die Tiefe des Menschenherzens, des einfachen, schlichten Gemüts. Und in jene Tiefen, in denen man lernt, das Höchste zu verstehen: Menschenschicksal, Menschenleid, Menschenliebe. Zu verstehen — sage ich. Das Wort ist für Raabe zu kalt. Zu fühlen, zu erfassen, staunend und andächtig zu durchmessen, — das trifft besser das, was er will. Eben diese Kunst, Menschenleben aus der Höhe in die Tiefe und aus der Tiefe in die Höhe zu schauen, gibt Raabes »Chronik« ihre eigenartige Stimmung. Weisheit und Gemüt, Reflexion und Gefühl, Ernst und doch auch sprudelnder Humor bilden die Bestandteile dieses wunderbaren Etwas, das über dem Ganzen liegt.
Es gibt Menschen, welche für solche Stimmung gar keine Sympathie haben. Vielleicht sind sie in der Mehrzahl. Das 19. Jahrhundert war dieser Spezies nicht günstig. Sie werden an Raabe keine Freude haben. Und sie werden die Fehler auch seiner »Chronik« ihm deutlich vorhalten. Hat Raabe nicht selbst sich später kritisiert: er habe in der Chronik einen Greis Bilder und Gestalten in wallendes Gewölk zeichnen lassen? Ist nicht zu viel Traum in dem Buch? Geht nicht Vergangenheit und Gegenwart, Traum und Wirklichkeit oft so wirr durcheinander, daß die schlichtende Klarheit verloren geht? Ist nicht so viel Reflexion, so viel an Einzelgedanken eingeschoben, daß es manchmal schwer wird, den Faden festzuhalten, der das Alles verbindet? Ist nicht mancher Ausdruck manieriert, mancher Gedanke allzu pointiert? Fehlt nicht die Realistik oft mehr, als selbst dem Idealisten erlaubt ist? Sind die Wege, welche er seine Freunde gehen läßt, bis in der Sperlingsgasse ein neuer Bund geschürzt wird, nicht reichlich absonderlich? So fragen sie, die nach Wirklichkeit hungern. Und — sie haben nicht Unrecht. Was sie sagen, empfinde auch ich als richtig. Nur eben — man kann das zugeben und doch nicht unempfänglich sein für jene Höhe und Tiefe der Stimmung und Betrachtung, für jene feinen und zarten Gedankengewebe, die uns in alldem den Dichter weisen, den Dichter der Weisheit und des Gemüts, den Dichter der Stimmung.
Habe ich zu lange bei der »Chronik der Sperlingsgasse« verweilt? Vielleicht. Aber ich will auch Raabes andere Romane alle, die großenteils noch den Jahren bis 1870 ihr Dasein danken, hier nicht besprechen. »Unseres Herrgotts Kanzlei« (1862) hat schon seine Erwähnung gefunden. Von den übrigen nenne ich nur: »Die Kinder von Finkenrode«, »Die Leute aus dem Walde«, »Der Schüdderump.« Aber eins muß doch noch neben die Chronik gestellt werden, nicht bloß, weil es berühmt geworden ist, sondern weil es Raabes Eigenart noch genauer erkennen läßt. Das ist »Der Hungerpastor«, erschienen 1864. Auch hier brauche ich den Gang der Handlung nicht im einzelnen zu entwickeln. Sie kennen ihn alle und haben ihn in frischer Erinnerung. Nur beleuchten möchte ich Ihnen ein wenig diese schöne und gute Gabe des Dichters. Und zwar nach drei Seiten hin.
Zuerst hinsichtlich der äußeren Handlung. Sie ist reicher als in der »Chronik«. Und nicht bloß reicher, auch mit vollendeterer Kunst gestaltet. Zwei Lebensschicksale sind neben einander gestellt. Da ist Moses Freudenstein, dessen Vater das Geld hat und der selber den Trieb hat, in der Welt vorwärts zu kommen, Moses Freudenstein, der zu eben diesem Zweck den Namen seiner Geburt in den des Theophile Stein umwandelt und die Religion seiner Väter mit der katholischen Konfession vertauscht. Moses Freudenstein steigt, steigt bis zum Geheimen Hofrat hinauf. Neben ihm aber steht Hans Unwirrsch, der Schuhmacherssohn, dessen Vater kein Geld hat und dessen Sohn eine ganz andere Sehnsucht im Herzen trägt, der es aber dafür auch längst nicht so weit bringt wie der Jugendgenoß, der doch aus derselben Kröppelstraße stammt. Lange geht er seines Weges als armer Kandidat und geplagter Hauslehrer, und zum Ende wird er ein armer Pfarrer in einsamem Dorf. Dieser zweite, Hans Unwirrsch, der Hungerpastor, beherrscht mit seinen Erlebnissen durchaus den Gang des Ganzen; im Grunde genommen ist dies Ganze nicht viel anderes als die Geschichte seiner Erfahrungen bis hin zur Zeit der Reife. Aber die Art, wie in dies Schicksal hinein das des Moses Freudenstein verwebt wird, wie beide einander gegenüberstehen von der Kindheit an bis ins Mannesalter, und zugleich die Kunst der Erzählung dessen, was Hans Unwirrsch erlebt, sie heben den »Hungerpastor« nach Seiten der Handlung hoch über die »Chronik der Sperlingsgasse.«
Zum Zweiten. Im Hungerpastor hat Raabe Charaktere geschaffen. Allerdings Charaktere, welche bestimmte Gesamtanschauungen vertreten. Weltanschauung steht gegen Weltanschauung, ähnlich wie in Heyses »Kinder der Welt.« Aber die Menschen, welche diese Anschauungen tragen, sind nicht auf Draht gezogen wie bei Heyse. Weder Moses Freudenstein noch Hans Unwirrsch. Vor allem der letztere nicht; das ist kein Gestell, an welches die Ansichten, sorglich abgestuft, angehängt werden. Hier ist Entwicklung aus Kindheit und Jugend, ja aus Heimathaus und Elternart heraus, aus dem Haus heraus, in welchem der Vater Schuhmachermeister bei der wassergefüllten Glaskugel, die das Licht der kleinen Öllampe auffängt und glänzender wieder zurückwirft, seinem Handwerk obgelegen hat. Zwei besondere Paten hat ihm der Vater mitgegeben: »Johannes soll er heißen wie der Poet von Nürnberg und Jakob wie der hochgelobte Philosophus von Görlitz, und wie zwei Flügel sollen ihm die beiden Namen sein, daß er damit aufsteige von der Erde zum blauen Himmel und sein Teil Licht nehme.« Der Junge zeigt sich in der Schule nicht besser als jeder andere Schlingel. Auch für ihn kommt die schöne Zeit der schmutzigen Hände, der blutenden Nasen, der zerrissenen Jacken, der zerzausten Haare. Aber es kommt auch die Zeit, da er als wahrheitsuchender Studiosus mit Moses Freudenstein über Gott und Welt und Vaterland disputiert, wo er dann von Moses scheidet, als dieser in die freie weite Welt geht, und schließlich in der Öde und Abgeschiedenheit einer Hauslehrerstellung auch die Wünsche seines Freundes Moses begreifen lernt. Es kommt die Zeit, in welcher die Liebe ihren Einfluß auf sein Herz gewinnt, anfangs mit Irrwegen, dann auf rechtem Weg sein Herz an das bescheidene Fränzchen Götz bindend. Was braucht es weitere Worte? Es ist ein volles, echtes Menschenleben, mit Irrungen und Wirrungen, mit Suchen und Finden, das in Hans Unwirrsch gezeichnet ist. Ja, die Tiefe der Charaktererfassung gemahnt an Gottfried Kellers »Grünen Heinrich« und andere Meisterwerke. Es ist Wirklichkeit, klare Wirklichkeit, wenn schon im Zauber der Poesie, die im »Hungerpastor« das Regiment führt. Auch darin, in der tiefwahren Charakterzeichnung, ist die »Chronik« weit übertroffen.
Und dann zum dritten: auch der geistige Gehalt dieses Buchs ist erheblich tiefer. In der »Chronik« konnte man vielleicht von Betrachtungen über Menschenschicksale reden; die einzelnen Erlebnisse gaben mehr die Gelegenheiten, sie vorzubringen. Ganz anders im »Hungerpastor.« Hier schließen die Erlebnisse und Entwicklungen die großen Gedanken selbst in sich. Hier wachsen sie aus dem Herzen des Hans Unwirrsch und aus dem Verstande des Moses Freudenstein naturnotwendig heraus. Zugleich gewinnen sie dadurch an innerer Bedeutung und überzeugter Kraft. Vom Hunger handelt das Buch, von dem, was er bedeutet, was er will, und was er vermag; von der heiligen Macht des echten, wahren Hungers aber handelt es vor allem. Allerdings, auch der Hunger kommt darin vor, den Moses Freudenstein empfindet: der Hunger nach Glanz und Lust, nach Ehre und Ruhm, nach Macht und Ansehn. Aber für Raabe ist das der falsche Hunger; er läßt keinen Augenblick darüber im Zweifel, daß Moses sein Mann nicht ist. Ein anderer Hunger ists, von dem der Armenlehrer Silberlöffel redet, ehe er stirbt:
»Ich bin sehr hungrig gewesen. Hungrig nach Liebe bin ich gewesen und durstig nach Wissen; alles andere war nichts. Goldene Äpfel hängen lockend im Gezweig und schicken ihre Strahlen durch das Grün. O sie blenden so die Augen, die schönen, glänzenden Früchte. Die Hände habe ich ausgestreckt und habe mich zerrissen an den Dornen; — viele Tränen habe ich vergießen müssen um den goldenen Glanz im Grün. Im Schatten habe ich gesessen mein ganzes Leben durch, und doch war ich für das Licht geboren. Es ist hart, hart, hart, im Schatten sitzen zu müssen und Hungers zu sterben, während so schöne Augen leuchten in der Welt, während so holdselige Stimmen locken, — in der Nähe und ach aus so weiter, weiter Ferne. Ich habe auch Hunger gehabt nach der Ferne, aber im Schatten mußte ich bleiben, auf einen kleinen Raum im Schatten war ich gebannt. Ein goldener Regen umspielte mich oft, in Schauern fielen die leuchtenden Früchte nieder um mich und glänzten durch Grün und Blau; mir aber waren die Hände gefesselt, und nichts hatte ich als mein qualvolles Sehnen. Ich habe nichts, nichts erhalten von dem reichen Leben. Nur mein Sehnen ist mir zu teil geworden, und auch das geht nun zu Ende. Dunkel wirds vor den Augen, still vor den Ohren und im Herzen; ich werde satt sein — im Tode.«
Diesem Hunger ähnlich ist der, welchen Hans Unwirrsch von seinem Vater, dem Schuhmachermeister, geerbt hatte. Der Vater hatte Wissensdrang, viel Wissensdrang; er las, so viel er nur irgend konnte. Was er las, verstand er meistens auch; und wenn er aus manchem den Sinn nicht herausfand, welchen der Autor hineingelegt hatte, so fand er einen andern Sinn heraus oder legte ihn hinein, welcher ihm ganz allein gehörte und mit welchem der Autor sehr oft höchst zufrieden sein konnte. Und der Sohn? Auch er ist, wie Moses, ausgezogen nach dem Wissen und dem Glück; in dunkeln armen Hütten waren sie beide geboren und aufgewachsen, und der Glanz, der durch die Spalten und Ritzen der niederen Dächer fiel, hat sie gelockt. Lange hat er gemeint, eines Weges mit dem Freunde zu gehen; dann hat er den Irrtum gemerkt. »Mein Hunger ist nicht gestillt wie der seinige; ach, ich habe so oft nicht gewußt, was ich wollte, und weiß es auch jetzt oft noch nicht. Es ist ein wundersam Ding um des Menschen Seele, und des Menschen Herz kann sehr oft dann am glücklichsten sein, wenn es sich so recht sehnt.« Wie will man diesen Hunger definieren? Er hat viel Unbestimmtes; man darf sich dadurch, daß es ein Kandidat und Pastor ist, der ihn hegt, nicht etwa bestimmen lassen, ihm einen im engeren Sinn religiösen Inhalt zu geben. Im weiteren Sinn religiös ist er gewiß. Es ist die Sehnsucht nach allem Hohen und Guten, nach Wissen und Erkenntnis, aber auch nach Liebe und Treue, die Sehnsucht der Seele nach dem, was sie braucht. So redet Johannes Unwirrsch, der Kandidat, am Christmorgen im Dorfe Grunzenow im Geist zu seinem längst im Grabe ruhenden Vater:
»O Vater, Vater, es ist schwer, ein rechter Mensch zu sein und jedem Dinge sein rechtes Maß zu geben; wer aber mit der Sehnsucht danach in der Tiefe geboren wird der wird doch eher dazu kommen als jene, welche zwischen Gipfel und Niederung erwachen, und welchen das Oben wie das Unten gleich unbekannt und gleichgültig bleibt. Aus der Tiefe steigen die Befreier der Menschheit; und wie die Quellen aus der Tiefe kommen, das Land fruchtbar zu machen, so wird der Acker der Menschheit ewig aus der Tiefe erfrischt. O Vater, der Mensch hat doch nichts Besseres als dies schmerzliche Streben nach Oben, ohne dasselbe bleibt er immerdar Erde von Erde genommen, in demselben und durch dasselbe richtet er sich aus aller Leibeigenschaft des Staubes auf, in demselben reicht er, wie wenig es auch sei, was er erlange, allen himmlischen Mächten die Hand, in demselben steht er auf der winzigsten Scholle in dem engsten Kreise als Herrscher des unendlichsten Gebietes da, als Herrscher seiner selbst. Auch der Zweifel ist ja Gewinn in seinem Leben, und der Schmerz ist so edel — oft edler als das Glück, die Freude.«
Auch die Worte Jakob Böhmes, welche Raabe zitiert, sind für den Geist, der das Buch durchweht, für den Hunger, den der Dichter schildern will, charakteristisch:
»Denn das ist der Ewigkeit Recht und ewig Bestehen, daß sie nur einen Willen hat ..... Sie stehet wohl in viel Kraft und Wundern, aber ihr Leben ist nur bloß allein die Liebe, aus welcher Licht und Majestät ausgehet. Alle Kreaturen im Himmel haben Einen Willen, und der ist ins Herze Gottes gerichtet und gehet in Gottes Geist, wohl im Centro der Vielheit, im Wachsen und Blühen; aber Gottes Geist ist das Leben in allen Dingen.«
Wie nennen wir die beiden Anschauungen, die da so scharf einander gegenüber stehen? Man kann sie Materialismus und Idealismus nennen. Aber der Idealismus trägt in sich Liebe und Ewigkeit. Wird nun der »Hungerpastor« nicht eben dadurch zum Zeitroman? Ist er nicht das gerade Gegenstück zu dem später geschriebenen Heyseschen »Die Kinder der Welt«? Mag sein, daß man ihn auch dem Zeitroman zurechnen kann. Mehr gehört er doch zum Stimmungsroman. Er bringt nicht Gedanken, nicht Weltanschauungen, und nicht Systeme. Er schildert nicht Zeiten und nicht Menschen besonderer Zeiten. Er will den Hunger der Seele beschreiben, der von jeher in ihr war und der immer in ihr sein wird, er gehört nicht einer Zeit, sondern allen Zeiten. Es schwebt über ihm zu viel poetischer Hauch, zu viel Schimmer der Ewigkeit; und es ist weiter zu wenig nüchternes Nachspüren nach all den Winkelgängen der Zeitgedanken. Darum gehört er trotz alledem nicht zu Freytag und nicht zu Heyses »Kindern der Welt.« —
Stimmung! Wo fänden wir sie außer bei Raabe besser in voller Pracht als bei Theodor Storm? Ein Schleswiger ist Storm; zu Husum erblickte er 1817 das Licht der Welt. Schleswigsche Landschaft spricht in seinen Schöpfungen mit: das Land, die Ebene und nicht zuletzt das Meer, ja das weite, weite, tosende Meer. Novellen haben wir von ihm, aber keine Romane. Warum? Weil in ihm noch viel stärker entwickelt war, was doch auch Raabes Romane von den andern abhebt, jener Drang, der weniger auf Schilderung ausgeht, auf feine Zeichnung eines Weltbilds in künstlerischer Form, als vielmehr auf den Ausdruck dessen, was gerade die Seele bewegt, der lyrischen Stimmung. Ganze Novellen sind nichts als Gedichte, ein wenig ausgeführter und in Prosaform, aber eben Gedichte.
Aber auch diese alles beherrschende Stimmung kann recht verschiedene Nuancen haben. Nicht alle, nur einige dieser Nuancen möchte ich aufzuweisen versuchen, jede an einer einzelnen Novelle. Ich wähle zuvörderst »Immensee«, seine erste Novelle (1852), das Beispiel reinster Stimmungsdichtung in der Farbe herzinniger Wärme und zugleich sich bescheidender Resignation. Eine Kinderliebe wird geschildert. Reinhard und Elisabeth sind einander zugetan. Wunderbar zart ist diese Liebe beschrieben; es liegt ein Hauch darüber, den man zu zerstören fürchtet, wenn man es nur wagt, mit knappem Wort Einzelnes herauszuheben. Wer »Immensee« gelesen, erinnert sich wohl, wie Reinhard und Elisabeth im Wald Erdbeeren suchen gehen. Wunderbar lieblich, nicht wahr? Wenn Raabe an Jean Paul gemahnte, hier ist etwas vom Geist Eichendorffs zu spüren. Fast kommts zur Verlobung, da die Kinderliebe auch die Reifenden verbindet. Aber dann reicht Elisabeth doch dem anderen Bewerber die Hand. Warum? Mancher Dichter würde hier in die Posaune der Leidenschaften gestoßen haben; das Thema ist so dankbar, daß es sich mancher für große Worte und wuchtige Wirkungen auserkoren hat. Ganz anders Storm. Es ist ja ein Greis, der seine Jugenderinnerungen Revue passieren läßt, ganz wie in der »Chronik der Sperlingsgasse.« Und so verliert die Erzählung nirgends das Abgeklärte, Ruhige und Stille. Vielleicht bleibts in ihr sogar zu still. Fragen werden nicht beantwortet, die jedem Leser in den Sinn kommen. Warum läßt Reinhard seine Elisabeth über Jahr und Tag ohne Lebenszeichen, ohne Gewißheit? Kurz, sie gibt dem Drängen der Mutter nach; der andere hat Hab und Gut und auch Liebe. Dann aber kommt nach geraumer Frist auch Reinhard in der Vermählten Haus; und nun erst merken beide, wie schwer es ihnen ist, sich nicht zu haben. Das Ende ist Reinhards Scheiden und Verzicht; aber wie tiefe Wehmut klingt über dem Ende das Lied:
Nicht überall ist Theodor Storm so rein und so stark lyrischer Dichter wie in dieser und in ähnlichen Novellen. Es gibt andere, in denen schweigt der Dichter nicht, aber er hat nur sorglich geordnet und fein gestaltet, was bitterer Lebensernst ihm vorgeschrieben. Wohl war auch in »Immensee« Ernstes und Trübes, aber es drückt dort nicht; das Leben ist zum Gedichte geworden. Anders z. B. in »Carsten Curator.« Das ist die Geschichte eines braven, redlichen Mannes; der hatte als treuer Curator vieler Unmündigen und Unfähigen Geschäfte sicher geführt und war nur einmal in seinem Leben in der Leitung seiner eigenen Geschäfte unsicher geworden, das war damals, als er einen ungleichen Bund mit einem schönen Mädchen schloß, das zum Grundzug des Herzens den Leichtsinn hatte. Juliane hatte ihn in kurzer Ehe in manche Not gebracht; dann starb sie. Aber ein Kind hinterließ sie ihm, das war nach der Mutter geschlagen. Der Sohn wuchs heran und hatte des Vaters ganze Liebe, aber er lohnte sie durch Leichtfertigkeit und Schuldenmachen. Ohne viel Worte kommt zu ergreifendem Ausdruck das Leid, das der Vater um den Sohn trägt, dem er die Hilfe doch niemals versagen mag. Auch die Pflegetochter, sein Liebstes nach dem Sohn, opfert sich und ihre Habe dem Pflegebruder, den sie liebt. Das Unheil läßt sich trotzdem nicht aufhalten; der Leichtsinn führt den Bankrott herbei und endlich, am Tag, da die Schleuse gebrochen ist und die Flut sich durch die Gassen wälzt, bringt ihn Leichtsinn oder Absicht oder beides zusammen in den Tod. Der Vater aber findet mit der verwitweten Pflegetochter eine gemeinschaftliche Heimat für seine letzte schwere Zeit — dort, wo die letzten kleinen Häuser mit Stroh gedeckt sind.
Wir finden auch in dieser Erzählung manche Seite, über der feinster dichterischer Stimmungsreiz liegt. Aber es ist in ihr längst nicht soviel Schilderung, nicht soviel beschauliches Ausruhen, nicht soviel Schwelgen in Empfindung und Gefühl. Wohl grüßt uns traut das alte Haus an der Twiete, das schmale Wohnzimmer mit dem Alkovenbett, in dem Vater und Mutter des Hausherrn zum letzten Schlummer sich niedergelegt, mit der Silhouette von Carstens einfachem, sittenstrengem Vater. Wohl klingt es wie Jugendlust, wenn von dem Birnbaum die Rede ist, der die Freude der Nachbarskinder und zugleich eine Art Familienheiligtum war. Aber solche Stimmungsbilder bleiben vereinzelt; hier redet das Leben selbst eine deutliche, ernste Sprache. Hier sinds nicht die Worte, sondern die Geschehnisse, welche das Herz bewegen. Wohl spielt auch hier die Landschaft ihre Rolle; die Flutgefahr gestaltet die letzte Szene dramatisch bewegt; aber hier ist kein romantisches Träumen in Wald und Feld, am See und auf der Heide: Menschen nur und Taten, welche diese Menschen tun, beherrschen Szene um Szene. Auch hier ist Herzenswärme, innige Liebe, nachwirkende Leidenschaft; aber von alledem wird wenig gesprochen; nur die Taten zeugen davon. Und so sind denn auch diese Taten nach Motiven und Folgen, diese Menschen nach Anlagen und Charakteren schärfer herausgearbeitet als beispielsweise in »Immensee.« Hier haben sich Wirklichkeit und Stimmung vermählt, und keins von beiden hat dabei gelitten.
Und nun zudritt und zuletzt eine knappe Skizze von Storms letzter Novelle »Der Schimmelreiter.« War der Grundton von »Immensee« träumerisch, der von »Carsten Curator« realistisch-ernst, so klingt im »Schimmelreiter« noch eine ganz andere Folge von Tönen an; die Novelle neigt nach dem Phantastischen, ja nach dem Schauerlichen hin. Gleich die Worte der Einführung versetzen in diese Stimmung. Er habe, so erzählt er, die berichteten Ereignisse vor reichlich einem halben Jahrhundert im Hause seiner Urgroßmutter in irgend einer alten Zeitschrift gelesen. »Noch fühl' ich es, gleich einem Schauer, wie dabei die linde Hand der über Achtzigjährigen mitunter liebkosend über das Haupthaar ihres Urenkels hinglitt.« Die Geschichte führt an die Nordsee. Auf dem Deich, dicht am Wattenmeer, in später Oktober-Nachmittagsstunde, strebt ein Reiter dem ersehnten Quartier zu. Die gelbgrauen Wellen schlagen unaufhörlich mit Wutgebrüll an den Deich hinauf. Schwarze Wolkenschichten machen es zeitweise pechfinster.
»Jetzt aber kam auf dem Deiche etwas gegen mich heran; ich hörte nichts; aber immer deutlicher, wenn der halbe Mond ein karges Licht herabließ, glaubte ich eine dunkle Gestalt zu erkennen, und bald, da sie näher kam, sah ich es, sie saß auf einem Pferde, einem hochbeinigen hageren Schimmel; ein dunkler Mantel flatterte um ihre Schultern, und im Vorbeifliegen sahen mich zwei brennende Augen aus einem bleichen Antlitz an.
Wer war das? Was wollte der? — Und jetzt fiel mir bei, ich hatte keinen Hufschlag, kein Keuchen des Pferdes vernommen; und Roß und Reiter waren doch hart an mir vorbeigefahren!«
Nachher im Wirtshaus am Deich, wo des Hochwassers wegen Wacht gehalten wird, hört er die Geschichte des unheimlichen Reiters. Hauke Haien ist es, der Deichgraf. Eines kleinen Mannes Sohn, hatte Hauke es durch zähen Fleiß und durch die Liebe der schönen Elke zum Nachfolger und Schwiegersohn des reichen Deichgrafen gebracht. Ihm stehen große Pläne vor der Seele. Einen neuen Deich will er bauen, ins Wattenland hinein; durch den soll ein neues großes Stück Land vor des Meeres Dräuen gesichert und der Benützung erschlossen werden. Das gewaltige Werk gelingt; der neugewonnene Koog trägt des stolzen Hauke Haien Namen. Aber sieh da! Wo der neue feste Deich an den alten stößt, entsteht eine böse, gefahrdrohende Stelle. Bei wiederkehrender, rasender Sturmflut wollen die Leute den neuen Deich, seinen Deich durchstechen, um so sicher den alten Damm und das Hinterland zu retten. Hauke verhinderts; aber der alte Deich birst wirklich, und die Fluten brechen herein. Sein Weib kommt zu Wagen ihm, dem Deichgrafen entgegen; die Fluten reißen Weib und Kind, Roß und Wagen dahin. So reitet Hauke selbst auf seinem Schimmel in wahnsinnigem Entschluß in die Fluten hinein. »Noch ein Sporenstich; ein Schrei des Himmels, der Sturm und Wellenbrausen überschrie; dann unten aus dem hinabstürzenden Strom ein dumpfer Schall, ein kurzer Kampf.« Seitdem reitet der tote Hauke Haien auf seinem Schimmel bei jeder hohen Flut; und wohin er reitet, dort bricht der Damm.
Es ist nicht möglich, in ein paar Worten alle Hauptzüge der reichbewegten Handlung anzudeuten: jene gespenstische Erscheinung draußen auf der Hallig, ein Pferdegerippe, das doch in dunkler Nacht Leben bekommt. Hängts zusammen mit dem abgetriebenen Schimmel, den Hauke Haien von einem fremden Manne kauft und der dann in seinem Stall ein stattliches Roß wird, — das Roß, welches ihn nachher in die stürmende Flut trägt? Das Kind, das ihm als das einzige geboren wird und das zeitlebens ein Kind bleiben muß, weil Gott ihm den Verstand versagt hat, ist es die Strafe für die Art, wie Hauke sein totkrankes Weib von Gott erbetet hat: »Ich weiß ja wohl, Du kannst nicht allezeit, wie Du willst, auch Du nicht; Du bist allweise; Du mußt nach Deiner Weisheit tun — o, Herr, sprich nur durch einen Hauch zu mir!«?
So weben die Gewalten der Meereswogen und die abergläubischen Meinungen der Küstenbewohner ein unheimliches Gebilde von Wirklichkeit und Traum. Aber es sind keine sanften, ruhigen Träume, die hier umgehen; hier ist alles groß, alles packend, alles grausenhaft. Die rasch fortschreitende, meisterhaft zusammengefaßte Handlung erhöht den Eindruck: ein Kunstwerk von phantastischer Schöne ist erwachsen, dem doch der realistische Anhauch nicht fehlt; der Dichter selbst gibt kritische Andeutungen, übrigens so fein, daß die Stimmung nicht gestört, nur geklärt wird.
Mit diesen drei Skizzen sind nicht entfernt alle Wandlungen der dichterischen Stimmung beschrieben, die in Storms Novellen sich finden. Wie er auch außer »Immensee« skizzenhafte, träumerische Bilder geschaffen hat (z. B. »Psyche«, »Ein stiller Musikant«), so auch solche, in denen das Leben selbst obenan steht (z. B. »Hans und Heinz Kirch«, »Bötjer Basch«); aber in wieder anderen kommt auch ein humoristischer Zug zur Geltung, der (z. B. »Die Söhne des Herrn Senator«) freilich auch wieder von tiefem Ernst begleitet ist; und mehr als eine seiner Novellen greift in die Schatzkammern der Geschichte, um längst vergessene Zeiten zum Reden zu bringen. Überall bleibt Storm im kleinen Rahmen; das einzelne Menschenschicksal beschäftigt ihn; der Zeiten Gewoge berührt ihn nicht. Er ist nicht Politiker und nicht Dogmatiker, er kennt nicht den Trieb, zu agitieren oder zu meistern, abzubilden oder zu kritisieren, — er dichtet, aber er webt in sein Dichten treu des Menschenherzens echte Art hinein.
Raabe und Storm! Sind wir damit am Ende? Jener warme Hauch lyrischer Empfindung, der über ihren Dichtungen liegt, ist allerdings in den Schöpfungen anderer aus dem Ende des 19. Jahrhunderts selten zu finden. Oder, wo er sich zeigt, ist er doch mehr Zugabe als beherrschendes Element. Aber lassen Sie mich noch einen Erzähler Ihnen nennen, bei dem dies eigentümliche Etwas, das wir »Stimmung« nennen, nicht immer, aber jezuweilen so stark wird, daß man ihn dann wohl neben Raabe und Storm stellen kann: Peter Rosegger. Manches, was er geschaffen, kommt in anderem Zusammenhange zur Sprache; man kann ihn ja zugleich unter die Vertreter der Heimatkunst, ja des Naturalismus rechnen; und sogar dem Symbolismus läßt sich sein »Gottsucher« zuzählen. Aber in diesem letztgenannten Buch, dazu in ähnlichen kommt auch Stimmung, lyrische Stimmung zum Durchbruch. Noch stärker geschieht das, und zwar hier in beherrschender Weise, in den von Stifter beeinflußten »Schriften des Waldschulmeisters.« Auch hier liegt ein Gedanke zu Grunde; die Lyrik macht den Erzähler nicht tot. Verlassen hausen die Waldleute in einsamem Tal, im »Winkel.« Nach dem Felstal zu, meinen sie, sei die Welt mit Brettern vernagelt. Nach der Ebene zu kommen sie selten. Stundenweit ist die nächste Kirche; die Waldleute lassen nur die Mädchen dort taufen, die Buben nicht, damit sie nicht erst registriert und später fürs Militär gesucht werden. Was ist ihnen Kirche? Was Schule? Sie kümmern sich um keinen und keiner kümmert sich um sie. Sie sind hergezogen von Aufgang und Niedergang — wesweg', das weiß der Herrgott. Zumeist sind es wohl Bauersleut' von den vorderen Gegenden herein, die sich in die Wälder geflüchtet haben, um der Wehrpflicht zu entrinnen. Gibt auch Gesellen unter ihnen, denen man in der dunklen Nacht nicht gerne begegnet. Wildschützen sind sie alle ..... Beweibet sind die meisten, aber jeder hat die Seine nicht vom Traualtar geholt. In dies Tal »im Winkel« kommt durch den jungen Waldschulmeister langsam und mühsam Ordnung und Sitte, Kirche und Schule, kurz alles das, was wir »Kultur« nennen. Jahr um Jahr bleibt er dort bei den Waldleuten, Jahr um Jahr freut er sich am Erfolg seines Tuns, Jahr um Jahr trägt er mit den Waldleuten Mühe und Arbeit, Freud und Leid. Aber es kommt die Zeit, wo die Leut' ihn bei Seite schieben, wo er dem neuen jungen Pfarrer nicht mehr genug tun kann, und wo der Dechant, nachdem er die Schule visitiert, ihn beim Fortgehen nicht gesehen hat.
»Und seit fünfzig Jahren bin ich nicht mehr aus diesen Wäldern gekommen.
Und die Waldleute entstehen, leben und vergehen dahier und steigen in ihrem ganzen Lebenslauf nicht ein einzigmal auf den Berg, wo man die Herrlichkeit kann sehen, und am hellen Wintertag das Meer.
Das Meer! Wie wird es da leicht und weit im Herzen! Dort zieht ein Kahn, steht ein Jüngling darin, der winkt ....«
So ist er denn am Christtag hinaufgestiegen auf die Spitze des grauen Zahns, hoch über den Gletschern. Und dort oben ist er geblieben. Man findet bei dem Toten nur ein Stück Papier mit den wenigen Worten:
»Christtag. Ich habe bei Sonnenuntergang das Meer gesehen und das Augenlicht verloren.« —
Dieser Gang der Erzählung ist klar und deutlich innegehalten. Es ist kein romantisches Träumen, was in dem Buche regiert; die Umrisse des wirklichen Lebens sind überall scharf gezeichnet. Auch hier fehlt realistische, ja naturalistische Derbheit nicht. Auch Gefühlsschwärmerei treibt der Waldschulmeister in seinen Schriften nicht; er erzählt von nichts als vom Leben, vom wirklichen Leben und von der wirklichen Welt. Und dennoch — welche Stimmung über dem Ganzen! Urwaldfrieden umfängt uns, frische urtümliche Schöpfung umwebt uns. »Wie er einzieht durch die Augen und Ohren und all die Sinne, der liebe, der schöne Wald, so mag ich ihn genießen,« schreibt der Waldschulmeister. Wie läßt er ihn uns mitgenießen! Kaum Schöneres in unserer Literatur als diese Schilderung des Urwaldfriedens: »Urwaldfrieden, du stille, du heilige Zuflucht der Verwaisten, Verlassenen, Verfolgten — Weltmüden; du einziges Eden, das den Glücklosen noch geblieben!« — Auch jeder der anderen Abschnitte ist ein prächtiges Kabinettstück urechter Stimmung. Bei den Hirten — zur lieben Sommerszeit ist es da oben gut sein. »So sind sie denn gut und froh, und ich, — wahrhaftig und bei meiner Treu, ich bins mit ihnen.« — Anders bei denen, die buchstäblich von der Erde, von dem Gestein heraus ihr Brot graben. Von den Bäumen schaben sie es herab, aus dem alllebendigen Ameishaufen wühlen sie es empor, — die Waldteufel. — Wunderbar ists im Felsentale, wo allein noch die Kiefer kampfesmutig die steilen Lehnen hinanklettern will, um zu wissen, wie es da oben aussieht bei dem Edelweiß, bei den Alpenrosen, bei den Gemsen. Aber die gute Kiefer ist keine Tochter der Alpen, balde faßt sie der Schwindel und sie bückt sich angstvoll zusammen und kriecht mühsam auf den Knien hinan, mit ihren geschlungenen, verkrüppelten Armen immer weiter vorgreifend und rankend, die Zapfenköpfchen neugierig emporreckend, bis sie letztlich in den feuchten Schleier des Nebels kommt und in demselben planlos umherirrt zwischen dem Gestein.
Aber es ist nicht bloß Naturstimmung, was hier regiert. Viel mehr als in Stifters Studien, die Rosegger beeinflußt haben, pulsiert hier warmes, lebendiges Leben: die Menschen werden lebendig! Die Hirten wie die Waldleute, die Holzer dazu, der Pecher und der schwarze Mathes und der seltsame Einspanig, der Berthold und die Aga und wie sie alle heißen. Aber keins für sich, keins bloß in seiner Menschheit, jedes als Teil der Waldgemeinde im Winkel, als Kind der Einsamkeit, als Schöpfung des Tals da droben, an das niemand in der Welt denkt. Stimmung regiert — einheitliche, wunderbar naturwüchsige Stimmung. Nachempfinden kann sie nur, wer sie selber einmal empfunden hat, in einem stillen Alpental, wo die Bäche rauschen, wo der Wald uns umfängt, wo die Berge zum Himmel ragen, wo die Menschen die Art ihrer Heimat tragen ....
Sind wir nun mit dieser Stimmungsdichtung wieder in den Bereich der Romantik gekommen? Sind die Raabe und Storm die einfachen Fortsetzer der Linie Novalis — Eichendorff — Hoffmann? Keineswegs. Mag man sie als Neuromantiker bezeichnen, — eben das Neue in dieser Romantik ist doch stark genug, um ein ganz anderes Urteil über diese Erscheinungen zu rechtfertigen als über diejenigen der älteren Romantik. Dies charakteristische Neue liegt in dem realistischen Einschlag, besser noch: in der durchaus realistisch gefaßten Grundlage aller dieser Romane und Novellen. Raabe, Storm, Rosegger und ihre Genossen haben die Dinge dieser wirklichen Welt stimmungsvoll angesehen und stimmungsvoll geschildert. Aber sie haben nie, wie ihre romantischen Vorgänger, die Gesetze dieser Welt außer Geltung gesetzt, nie bloß träumend geschaute himmlische Gefilde beschrieben. Ich deutete schon an, daß selbst der phantastische »Schimmelreiter« die kritischen Ansätze selber bietet. Die übrigen Novellen Storms mögen manchmal die harten Lebenserfahrungen, die schweren Kämpfe, die bitteren Stunden, die Nachtseiten des Lebens ein wenig abgemildert darstellen, — mit der Wirklichkeit selbst kommt er nie in Streit. Von Raabe gilt das erst recht. Sogar die »Chronik der Sperlingsgasse« gibt überall natürliches Leben. Somit hat auch diese Stimmungsdichtung sich dem beherrschenden Grundzug der Literatur des 19. Jahrhunderts nicht entzogen; auch sie hat der Wirklichkeit ihr volles Recht gegeben. Ja sie wird eben dadurch zum glänzendsten Beweis für den überall durchdringenden Wirklichkeitssinn. Und darum bezeichnet diese Dichtung keinen Rückschritt, erst recht keinen Rückfall. Vielmehr stellt sie nur eine besondere Art dar, die Wirklichkeit anzuschauen: mit poetischer Kraft, mit sinnendem Bedenken, mit starkem Mitempfinden.
Es sind ja nur kleine Miniaturbildchen aus dem großen Weltbild, welche Storms Novellen zeichnen. Raabe gibt größere Bilder; aber auch sie können sich hinsichtlich der Weite und Breite nicht mit den Zeitromanen messen. Indes was diese Dichtung weniger beiträgt zur umfassenden Kenntnis des Weltbereichs, das trägt sie mehr bei zur inneren Durchdringung, zum tiefgreifenden Verständnis desselben.
Und so grüße ich auch diese Dichter, die in der Erzählung den Leser über ruhig-nüchterne Betrachtung, über Kampf und Streit hinausheben, die Dichter, die unser Volk auf die Höhe feinsinnigen Verständnisses des Weltgeschehens führen und die den Brunnquell deutschen Gemüts ausschöpfen!