Aus der Vorgeschichte des modernen Romans.

Man hat dem 19. Jahrhundert tausend Titel gegeben, um seine neuen Errungenschaften anzudeuten. Es ist das Jahrhundert der Technik, das Jahrhundert der Naturwissenschaften. Aber es ist auch das Jahrhundert des Romans, dieses so beschriebenen Romans. Freilich die Anfänge des Romans, ja eine Art Vorblüte desselben sind schon älteren Datums.

Was ists, das in mittelalterlicher Zeit Singen und Sagen des deutschen Volkes regiert? Ritterliches Wesen, kraftvolles Heldentum, ruhmreiche Taten beherrschen die Phantasie. Wer wagt es, von Bürgerleben oder harter Bauernarbeit viel zu reden? Rittertum, etwa noch mit Weisheit verbunden, füllt mit seinem Glanze die Welt. Dies Weltbild reflektiert sich in jenem ältesten poetischen Roman unserer Literatur, den ein Mönch, dessen Namen wir nicht kennen, etwa um die Mitte des 11. Jahrhunderts im bayrischen Kloster Tegernsee geschrieben hat. Noch kleidet sich seine Dichtung in das fremdländische Gewand lateinischer Hexameter. Aber der Held Ruodlieb ist ein deutscher Ritter. Ein König, in dessen Heer er große Taten getan, gibt ihm zwölf Weisheitslehren; und Ruodlieb hat sie im Lauf der Erzählung wahrscheinlich alle zwölf selbst erprobt; — sicher ist es nicht, weil nur Bruchstücke des Werkes auf uns gekommen sind.

Lange bleibt Ruodlieb in seiner Art allein; aber als dann ähnliche Schöpfungen zahlreicher erwachsen, ist es noch immer das Rittertum, welches die Situation beherrscht. Freilich nicht mehr allein das ritterliche Heldentum, sondern zugleich die ritterliche Liebe. Kreuzzugsabenteuer spiegeln sich wieder in den deutschen Versen von Floris und Blancheflur. Der heidnische Königssohn Floris entbrennt in Liebe zu Blancheflur, der Tochter eines christlichen Kriegsgefangenen. Blancheflur wird in ein anderes Land verkauft; Floris sucht und findet sie bei einem Fürsten der Sarazenen. Er weiß in den Turm zu gelangen, in dem sie gefangen gehalten wird, und erfreut sich ihrer Liebe bis — zum Tag der Entdeckung. Ihre treue Liebe siegt auch über den Grimm des Fürsten, der sie vereint zur Heimat ziehen läßt. Dies Liebespaar, in deutschen Versen besungen, ist typisch für jene Zeit und für zahlreiche andere ähnlich gefeierte Paare. Tristan und Isolde werden von Eilhart von Oberge, in vollendeter Gestalt von Gottfried von Straßburg besungen. Was für ein Bild jener suchenden und fragenden, religiös-ernsten und zugleich naiv-heldenmäßigen Ritterzeit gibt Wolfram von Eschenbachs berühmter Parzival!

Die Wandlung der Zeiten läßt sich trefflich in den Wandlungen der romanartigen Dichtung verfolgen. Das Rittertum tritt zurück; aber die naive Freude am Äußerlich-Großen und Wunderbaren nicht. Freilich, man zehrt im 14. und 15. Jahrhundert von der Vergangenheit; noch ist das Neue nicht in klarem Werden. Diese Epoche ist die Zeit der sogenannten »Volksbücher«. Die Stoffe der höfischen Epen verarbeiten sie in ungebundener Rede, aber auch andere Gegenstände ziehen sie herbei, — freilich mehr neue Namen als neue Gedanken. Sie greifen, um ihre Helden zu wählen, in die fernste Vergangenheit zurück, bis in die Zeiten des trojanischen Kriegs oder Alexanders des Großen. Aber sie verschmähen zum gleichen Zweck auch nicht die Gestalten der Karolingerzeit; und schließlich fehlen Helden wie Fortunatus mit seinem Glückssäckel nicht. Wunderbare Taten gewaltiger Männer, traurige und fröhliche Schicksale tugendhafter Frauen werden immer wieder behandelt. Alles in allem kein Fortschritt, vor allem nicht in der Schärfe der Zeichnung des gegenwärtigen Weltbildes; eher verflacht der Roman, weil die Neigung zum Abenteuerlichen die zum Wirklichen überwiegt.

Das Bürgertum tritt mit dem ausgehenden Mittelalter viel stärker hervor als je zuvor. Erst fühlt es sich noch in der Notwendigkeit, den eigenen Wert und die eigene Geltung gegenüber den Ritterbürtigen zu erzwingen. Aber bald wird es zum ausschlaggebenden Faktor. So lassen denn die Romane des Reformationszeitalters — genannt seien vor allem die des Jörg Wickram — jene Kluft zwischen Rittertum und Bürgertum noch hervortreten; aber die Liebenden pflegen, wenn Standesunterschiede sie trennen, eben diese Kluft glücklich zu überwinden. Und in manchem Roman dieser Zeit hat das Bürgertum allein die führende Rolle! Neue Gegenstände gewinnt so die Dichtung: bürgerliches Familienleben, Schule und Beamtenlaufbahn, des Kaufmannsstandes Leiden und Freuden. Eine neue Betrachtungsweise beherrscht sie: diejenige der gutbürgerlichen Moral, deren höchste Kleinodien eine glückliche Ehe, sorgsame Kindererziehung und gute Nachbarschaft sind. Auch diese Art hat mannigfache Spielarten: neben Jörg Wickram steht der Straßburger Johann Fischart mit seiner humoristisch-satirischen Kraft, seinem deutsch-patriotischen Sinn und seiner urwüchsig originalen Art, fremdländische, namentlich französische Stoffe selbständig zu verarbeiten. Von seinen Schöpfungen sei wenigstens das humoristische Prosawerk genannt, welches Rabelais' Gargantua und Pantagruel zum Vorbild hat.

Das leidvolle 17. Jahrhundert weist wohl auch eine Romandichtung auf, die ernst und klar in die schweren Zeiten hineinschaut: der Simplizissimus von Grimmelshausen ist zugleich ein Kind und ein Bild jener Zeit. Aber sonst gewinnt es den Anschein, als wolle die Dichtkunst die lastentragenden Zeitgenossen vor allem aus ihrer eigenen harten Zeit herausführen. Die ungeheuerlichen Fabelgeschichten, welche das Gerippe der erzählenden Prosaschöpfungen bilden, das sich breitmachende und im Roman an den Mann gebrachte ethnographische Wissen, die gelehrte Umständlichkeit, mit der französische Galanterie sich merkwürdig paart, — das alles zeigt dem forschenden Leser freilich doch das Wesen der Zeit, in der jene Romanschreiber lebten.

Und wie prägt sich erst die ganz besondere Art des Jahrhunderts der Aufklärung in der weitverästeten Romanliteratur desselben aus! Der Blick weitet sich; neue soziale und kulturelle Probleme tun sich auf. Robinson Krusoe kommt diesem Ausbreitungstrieb entgegen; der Reiseroman fängt an, das Feld zu beherrschen. Aber mit wieviel moralischer Lehrhaftigkeit und kleinkrämerischem Wissensdünkel verbindet sich in dem philosophischen Jahrhundert das Ahnen der neuen Zeit! Wie sehr verdrängt die Künstelei die einfache, klare Nüchternheit, die Reflexion die Natur, die Empfindelei das schlichte Gefühl! Es war ein Jahrhundert, das in Empfindungen und Gefühlen, in Gedanken und Philosophemen, in Theorien und Plänen schwelgte. Der Roman bildet ein Ragout aus allen diesen Zutaten; und die Moral ist die keineswegs immer schmackhafte Sauce, mit der er angerührt ist. Wir sind kaum imstande, von diesem Roman aus eine gerade Verbindungslinie nach dem modernen Roman des 19. Jahrhunderts zu ziehen. Zum mindesten gilt das vom Durchschnittsroman der Aufklärungszeit. Aber es gilt doch zu einem großen Teile auch noch von den Romanen des gefeierten Wieland. Den Pulsschlag der neuen Zeit spüren wir frisch und lebenskräftig erst bei Goethe.

Allerdings, ein Literaturhistoriker wie Max Koch läßt den neueren deutschen Roman von Wieland ausgehen. Ein solches Urteil respektieren wir, zumal wenn es sich mit Lessing verbündet, der Wielands Roman »Agathon« als »den ersten und einzigen deutschen Roman für den denkenden Kopf von klassischem Geschmacke« bezeichnet hat. In einer Hinsicht fällt es auch dem Modernen nicht schwer, dies Urteil zu unterschreiben. Der »Agathon« ist wirklich ein Roman für den denkenden Kopf. Das dritte Buch gibt ja eine vollkommene »Darstellung der Philosophie des Hippias.« Es ist die Philosophie des »echten Materialisten«, die Lehre vom skrupellosen Genuß, die hier in nicht weniger als fünf Kapiteln ausführlich dargelegt wird. Und diese Theorie des Materialismus bildet nicht etwa einen Fremdkörper in dem Roman; im Gegenteil, sie dient als notwendiges Glied dem einen Zweck, der Erziehung des Agathon durch alle Lebenslagen hindurch, bis er zu der gefestigten Erkenntnis kommt, daß »wahre Aufklärung zu moralischer Besserung das einzige ist, woraus sich die Hoffnung besserer Zeiten, das ist, besserer Menschen, gründet.« Zu denken also ist hier genug; es fragt sich nur, ob die Philosophie nicht in zu reichlicher Dosis gegeben ist, — reichlicher, als es sich für den Romancharakter schicken will. In der Tat liegt in der ziemlich äußerlichen Verbindung von Handlung und Lehre der Hauptfehler des »Agathon«. Er ist eine lange und breite moralische Erzählung, aber kein Roman. Eine Anhäufung einzelner moralischer Geschichten und Lebensläufe (des Agathon, der Danae) bringt noch keine in sich geschlossene Handlung heraus. Und schließlich leidet Handlung wie Moral unter der Einkleidung ins Gewand des griechischen Altertums. Da mögen sich sehr feine Parallelen ergeben, und mancher Vergleich reizt den geistreichen Schriftsteller. Aber durch die Vermischung moderner Abzweckung und antiker Einkleidung fällt doch auch die Möglichkeit dahin, mit der Wirklichkeit Ernst zu machen. Es kommt nicht zu tiefgreifender psychologischer Erfassung; die Erzählung bleibt im oberflächlichen moralischen Schema, das ein paar unmoralische Zwischenstadien übrigens nicht ausschließt. Das Ganze wird schemenhaft, aber nicht lebensvoll. Wieland verstand es nicht, volles Menschenleben zu greifen; er blieb in philosophischen Kategorien stecken. Und darum geht der neuere deutsche Roman trotz allem nicht von Wieland aus. Sein Schöpfer ist Goethe.

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